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Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld
Der Abituriententag. Geschichte einer Jugendschuld sind Titel und Untertitel eines 1928 erschienenen Romans von Franz Werfel. In seiner differenzierten …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Aufbau
Der 1928 erschienene Roman Der Abituriententag. Geschichte einer Jugendschuld von Franz Werfel ist eine psychologische Studie über Schuld, Verantwortung und die Folgen jugendlicher Grausamkeit. Im Mittelpunkt steht der Untersuchungsrichter Dr. Ernst Sebastian von Portorosso. Bei einem Verhör glaubt er, im Mordverdächtigen Franz Adler seinen früheren Schulkameraden zu erkennen. Weil Sebastian sich für dessen späteres Schicksal verantwortlich fühlt, rekonstruiert er in einer nächtlichen Selbstbefragung die gemeinsame Schulzeit und seine eigene „Jugendschuld“.
Der Roman verbindet eine Rahmenhandlung aus dem Jahr 1927 in einer nicht näher benannten österreichischen Provinzstadt mit einer Binnenhandlung, die in Sebastians Kindheit und Gymnasialzeit zurückführt. Die Rahmenhandlung beginnt mit dem Mordfall, dem Abiturjubiläum und dem ersten Verhör. Die Binnenhandlung schildert Sebastians Rivalität mit Adler, die Demütigungen und Streiche der Schüler sowie Adlers anschließenden Niedergang. Im abschließenden zweiten Verhör wird aufgeklärt, dass der Angeklagte und Sebastians ehemaliger Mitschüler zwei verschiedene Personen gleichen Namens sind.
Mordfall und Abituriententreffen
Zu Beginn verhört der 43-jährige Landesgerichtsrat Sebastian den Angeklagten Franz Adler, der verdächtigt wird, die Prostituierte Klementine Feichtinger erschossen zu haben. Belastend sind sein Besuch bei der Frau am Mordabend und der Besitz einer 7-mm-Browningpistole, die der Tatwaffe entspricht. In der Akte liest Sebastian, der Angeklagte sei am 17. April 1884 in Gablonz in Böhmen geboren worden – in Sebastians eigenem Jahrgang. Der eingeschüchterte Angeklagte beteuert seine Unschuld.
Am selben Abend nimmt Sebastian am fünfundzwanzigjährigen Abiturjubiläum seines Jahrgangs teil. Von den 27 Schülern, die 1902 am Nikolausgymnasium ihr Abitur machten, erscheint nur etwas mehr als die Hälfte im Adriakeller; andere sind gestorben, im Krieg gefallen, verschollen oder reagieren nicht auf die Einladung. Sebastian erlebt das Treffen als „traurige Lemurenversammlung“. Trotz der vergangenen 25 Jahre bestehen die alten gesellschaftlichen Gruppen, Rangordnungen und persönlichen Beziehungen fort.
Sebastian berichtet von seiner Begegnung mit dem Angeklagten. Faltin wendet ein, Adler lebe in New York. Dennoch sprechen die ehemaligen Klassenkameraden über den begabten, unglücklichen Mitschüler, den sie früher verspottet und dessen weiteres Leben sie aus den Augen verloren haben. Sebastian ist überzeugt, für Adlers Abstieg mitverantwortlich zu sein. In der folgenden Nacht beginnt er, seine Erinnerungen stenografisch aufzuschreiben. Er will sich nicht entlasten oder anklagen, sondern sich selbst wie in einem Verhör mit „Tatsachenmaterial“ untersuchen. Aus diesem Versuch wird eine Lebensbeichte.
Sebastian, Adler und die Eskalation
Sebastian stammt als Sohn des obersten Richters der alten Monarchie aus der privilegierten Gesellschaftsschicht. Sein Vater weist ihn nach schlechten Leistungen in der Quinta des Schottengymnasiums zurück und übergibt ihn der Fürsorge seiner Schwestern Aurelie und Elisabeth in einer anderen Stadt. Sebastian besucht dort das Nikolausgymnasium, arbeitet später beim Gericht und lebt als wohlhabender Junggeselle in einer schönen Wohnung. Seine Beziehungen zu Frauen scheitern; er weiß nicht einmal, ob er Kinder hat. Obwohl sein Vater eine Karriere erwartet, vermeidet Sebastian die Beförderung zum Prozessrichter. Er bleibt Untersuchungsrichter, bezeichnet sich als „Gewohnheitsmensch“ und erkennt später, dass ihm nach eigener Einschätzung die moralische Integrität für richterliche Urteile fehlt.
Franz Adler lebt dagegen in Armut. Sein Vater ist durch Suizid gestorben, seine mittellose Mutter krank. Der begabte und bildungsinteressierte Franz möchte studieren, soll aber nach dem Willen seines Onkels und Vormunds in dessen Tuchladen arbeiten. In der Schule ist Adler trotz seiner äußeren Unbeholfenheit einer der besten Schüler und gilt als Dichter und Denker. Er gehört zum Kreis der „Geistiggerichteten“, der sich über Sportler, die „Bewegungspartei“, und das von Komarek vertretene „Lumpenproletariat“ erhebt.
Sebastian versucht, sich mit erfundenen literarischen Erfolgen Anerkennung zu verschaffen. Für eine Lesung verwendet er heimlich Gedichte des verschollenen Revolutionspoeten Justus Frey. Als Adler die Echtheit und Originalität von Sebastians Leistung bezweifelt, gründet Sebastian einen Lesezirkel und steigert damit die Rivalität. Beim Rezitieren von Schillers Die Räuber beansprucht er die Rolle des Franz Mohr gegen Adlers Einwand.
Aus der verletzten Eitelkeit entsteht ein Rachefeldzug. Sebastian verspottet Adler beim Turnen; Mitschüler und Lehrer lachen mit. Adler verliert dadurch Selbstachtung und versagt zunehmend auch im Deutsch- und Lateinunterricht. Er wehrt sich nicht, sondern übernimmt schließlich den Spott über sich selbst. Sebastian ist zugleich von Adlers geistiger Tiefe, Naivität und Ehrlichkeit fasziniert und nutzt mit seiner Clique dessen Wehrlosigkeit für weitere Grausamkeiten. Rückblickend erkennt er in diesem Verhalten das „fluktuierend Böse“, die gewöhnliche menschliche Hässlichkeit, die in Verbrechen münden kann.
Streiche, Flucht und Auflösung
Als 17-Jährige bewegen sich Sebastian und seine Freunde zwischen Gymnasium, Tennisplätzen, Partys der besseren Gesellschaft und Kneipen am Stadtrand. Sebastian erfindet einen „Schwänzturnus“, bei dem höchstens drei Schüler fehlen und gefälschte Entschuldigungen verwendet werden. Die Gruppe bringt den Antialkoholiker Adler zum Trinken, macht ihn betrunken und nutzt seine Naschsucht aus. Bei okkulten Experimenten in der Wohnung von Ressls Bruder Ewald wird Adler als Medium eingesetzt. In einem Nachtlokal bezahlt Fritz Ressl die Prostituierte Marfa, Adler zu verführen. Adler wehrt sich und erleidet einen Anfall, während die Mitschüler ihn beobachten. Komarek, der die Vorgänge zufällig bemerkt, ohrfeigt Sebastian aus Protest gegen die Lebensweise der Oberschichtsschüler.
Sieben Wochen vor Schuljahresende droht Lehrer Kio mehreren Schülern, darunter Adler, die Nichtversetzung an. Sebastian plant deshalb, die Notenlisten zu fälschen. Er verändert im Konferenzzimmer bei Mathematik Adlers „Ungenügend“ in „Genügend“, während Adler Wache steht. Kio entdeckt die Manipulation. Sebastian versucht, die Verantwortung abzuschieben, und lässt Adler als Fälscher erscheinen.
Sebastian fürchtet Untersuchung, Schulverweis, Universitätsverbot und eine Strafe wegen Urkundenfälschung. Er erwägt sogar einen Suizidversuch, bei dem Adler sterben könnte, verwirft den Gedanken aber wegen des öffentlichen Aufsehens. Stattdessen redet er Adler ein, nur die Flucht könne ihn retten: Er solle nach Hamburg fahren und als Schiffsjunge nach Amerika gehen. Zur Finanzierung stiehlt Sebastian ein Schmuckstück seiner Tante und lässt es durch Komarek beim Hehler Jolowicz für 800 Kronen versetzen. Adler fährt mit dem Frühzug fort; seine Flucht wird als Geständnis gedeutet.
Beim zweiten Verhör steht Sebastian noch unter dem Eindruck seiner Beichte. Er beschuldigt sich, Adlers Leben zerstört und zugleich das eigene verfehlt zu haben. Er erklärt, gerade Adler hätte er lieben müssen. Der Angeklagte weist jedoch darauf hin, dass Sebastian ihn verwechsle. Schließlich erkennt der Richter den Irrtum. Doktor Elsner teilt mit, dass dieser Angeklagte durch die polizeilichen Ermittlungen entlastet wurde und es einen weiteren Mordverdächtigen gibt. Sebastian empfindet die Aufklärung als eine Art „Substitut der Gerechtigkeit“. Nach Adlers Entlassung fühlt auch er sich befreit. Seine stenografischen Notizen kann er später kaum entziffern und schließt die „Geschichte einer Jugendschuld“ in eine Schublade seines Schreibtischs.
Deutung, Entstehung und Ausgaben
Die zentrale Frage des Romans ist nach Werfels eigener Aussage von 1937 die Frage der Schuld. Nicht Schule oder Jugend als solche bilden den eigentlichen Gegenstand, sondern die moralische Verantwortung für die Vernichtung eines anderen Menschen. Sebastian und Adler verkörpern Macht und Ohnmacht. Sebastian plant und vollzieht die Erniedrigung, verliert aber zugleich die Kontrolle über deren Folgen. Adler nimmt eine passive Opferrolle ein und wird vom Besten seines Jahrgangs zum Schlechtesten herabgewürdigt. Je stärker das Opfer vernichtet wird, desto weniger kann sich der Täter innerlich von ihm lösen. Sebastians missglücktes Leben erscheint als Folge seiner Schuld.
Der Roman deutet als Gegenmittel zur Vernichtung die Liebe an: „Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe“. Werfel erklärte, er habe sich Adler als Juden vorgestellt, weil diese Gruppe nach seiner Darstellung das Schicksal habe, andere an ihr schuldig werden zu lassen und das Grausame in ihnen hervorzulocken. Sebastian meidet außerdem den gesellschaftlichen Aufstieg und die Welt außerhalb seines begrenzten Lebens, weil er dort möglicherweise Adler begegnen könnte.
Das Manuskript entstand 1926 innerhalb eines Monats. Als mögliche Anregungen werden ein Treffen mit den früheren Klassenkameraden Willy Haas und Ernst Deutsch sowie – nach Kindlers Literaturlexikon – ein Treffen mit Hermann Sudermann in Italien genannt. Eine Parallele zu Werfels Biografie besteht darin, dass auch er von Wien nach Prag an ein deutsches Gymnasium wechselte und unter dem alten Schulsystem litt.
Eine Ausgabe erschien 2011 als Fischer-Taschenbuch in Frankfurt am Main, ISBN 978-3-596-29455-8. Verfilmt wurde der Stoff als tschechischer Fernsehfilm Sjezd abiturientu von Viktor Polesný aus dem Jahr 2000 sowie als deutscher Fernsehfilm von Gerd Angermann, inszeniert von Eberhard Itzenplitz und erstmals am 13. Mai 1974 im ZDF ausgestrahlt.