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Chez Tortoni
Chez Tortoni oder Der Journalist (französisch Le Journaliste) ist ein Gemälde des Malers Édouard Manet. Das um 1878–1880 in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat …
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Werk und zentrale Aussage
„Chez Tortoni“, auch „Der Journalist“ (französisch „Le Journaliste“), ist ein Gemälde von Édouard Manet. Es entstand wahrscheinlich um 1878–1880, wurde mit Öl auf Leinwand gemalt und misst 26 × 34 cm. Dargestellt ist ein elegant gekleideter Mann mit Zylinder, der mit einem Bleistift vor einem Blatt Papier an einem Tisch sitzt und den Betrachter ansieht.
Das Werk gehört zu Manets Darstellungen des modernen Pariser Lebens, besonders zu seiner Folge von Caféhausszenen aus den Jahren 1877 bis 1881. Der Titel verweist auf das Pariser Café-Restaurant Tortoni, doch weder der genaue Ort noch die Identität und der Beruf des Mannes sind sicher bekannt. Bis 1990 befand sich das Bild im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston. Seit einem Kunstraub am 18. März 1990 ist sein Verbleib ungeklärt.
Darstellung und Malweise
Der als Halbfigur gezeigte Mann nimmt die rechte Bildhälfte ein. Sein Körper ist leicht nach links gedreht, während er mit dunklen Augen direkt aus dem Bild blickt. Der Kopf ist etwas gesenkt. Er trägt einen hohen schwarzen Zylinder, einen schwarzen Mantel oder ein Sakko, einen weißen Stehkragen und weiße Hemdmanschetten. Über seinen geschlossenen Lippen befindet sich ein nach außen gezwirbelter blonder Schnurrbart.
Manet arbeitete mit groben, teilweise skizzenhaften Pinselstrichen. Von links einfallendes Licht erzeugt weiße Glanzpunkte auf der rechten Gesichtshälfte; die verschattete linke Hälfte ist in dunklen Rotbrauntönen gehalten. Auch die Hände sind nur grob ausgeführt. Die linke scheint das Papier festzuhalten, während die rechte einen Bleistift umfasst, dessen Spitze das Papier berührt. Der Mann schreibt jedoch gerade nicht, sondern schaut für einen Moment auf. Ob vor ihm ein leeres Blatt, ein Heft oder eine Zeitung liegt, bleibt offen.
Zum Bild gehören außerdem ein dunkler runder Tisch, ein Glas am linken Rand und ein Teil einer Stuhllehne hinter dem Mann. Tisch und Glas sprechen für ein Pariser Café des späten 19. Jahrhunderts. Der undeutliche Hintergrund erlaubt aber keine sichere räumliche Einordnung: Ein schwarzer Streifen könnte einen dunklen Durchgang, eine Tür, einen Schrank oder einen Vorhang zeigen. Helle Flächen links könnten ein Fenster, eine Gardine oder einen Spiegel darstellen. Deshalb ist sogar unklar, ob der Mann innerhalb eines Cafés oder davor sitzt.
Unten links steht die Signatur „Manet“. Daneben befindet sich eine undeutliche Ziffernfolge, die das Museum als „75“ las. Mehrere Kunsthistoriker bezweifeln jedoch, dass damit das Entstehungsjahr 1875 gemeint ist.
Offene Fragen zu Ort und Person
Der Titel „Chez Tortoni“ bedeutet „Beim Tortoni“ und verweist auf das Café-Restaurant Tortoni am Boulevard des Italiens Nr. 22 in Paris. Im 19. Jahrhundert trafen sich dort unter anderem Journalisten, Börsenmakler, Schriftsteller und Künstler. Manet besuchte das Lokal regelmäßig und aß dort wiederholt mit Charles Baudelaire zu Mittag. Möglich ist daher, dass er den Mann im Tortoni beobachtete und später nach einer Erinnerung oder einer Skizze malte. Solche Skizzen sind allerdings nicht bekannt, und der Titel stammt nicht von Manet.
Zunächst hieß das Werk „Mann an einem Tisch sitzend“. Erst Manet-Biografen wie Étienne Moreau-Nélaton sowie Paul Jamot und Georges Wildenstein bezeichneten es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „Le Journaliste“. Der Bleistift und das Papier beweisen diesen Beruf jedoch nicht: Der Mann könnte ebenso ein Börsenmakler oder Schriftsteller sein, der Notizen macht, oder ein Maler, der zeichnet. Sein Name ist ebenfalls nicht überliefert.
Adolphe Tabarant behauptete ohne Begründung, die Szene beruhe auf Motiven des Café de la Nouvelle Athènes. Ebenfalls unbelegt ist die Vermutung von Jamot und Wildenstein, der Dargestellte sei der Maler Georges Chenard-Huché (1864–1937). Bei einer Entstehung im Jahr 1880 wäre Chenard-Huché erst 16 Jahre alt gewesen, während der dargestellte Mann deutlich älter wirkt.
Auch die Datierung ist unsicher. Die als „75“ gelesenen Ziffern könnten für 1875 stehen. Mehrere Kunsthistoriker halten dieses Datum jedoch für zu früh, weil Manet sich erst gegen Ende der 1870er Jahre intensiv mit Café- und Wirtshausszenen beschäftigte.
Einordnung in die Caféhausbilder
Zwischen 1877 und 1881 schuf Manet mehrere Gemälde und Pastelle mit Szenen aus Cafés und ähnlichen Lokalen. Damit griff er Baudelaires Forderung auf, Künstler sollten das moderne Leben, „La vie moderne“, darstellen. Als Flaneur – ein beobachtender Spaziergänger des Großstadtlebens – und Cafébesucher malte Manet vor allem Pariser Orte, die er selbst kannte, darunter das Café Guerbois, das Café de la Nouvelle Athènes, die Brasserie de Reichshoffen und das Père Lathuile. Anders als manche Impressionisten interessierte er sich weniger für Ausflugslokale außerhalb von Paris.
Ein frühes Beispiel ist „Die Pflaume“ von etwa 1877: Eine Frau sitzt allein vor einem Glas Pflaumenlikör. Die Szene wurde in Manets Atelier an einem länglichen Marmortisch nachgestellt. Das Pastell „Femme lisant“ von etwa 1880 ähnelt „Chez Tortoni“ besonders: Eine lesende Frau erscheint als Halbfigur rechts, während links ein Tisch mit einem alkoholischen Getränk steht. Der Innenraum ist dort allerdings eindeutig erkennbar. Bei „George Moore im Café“ von 1878–1879 ist die dargestellte Person im Gegensatz zum Mann in „Chez Tortoni“ sicher identifiziert; ein Glas verweist auf die Caféumgebung, ein Hinweis auf Moores Beruf als Schriftsteller fehlt jedoch.
Andere Werke zeigen, warum sich der Hintergrund von „Chez Tortoni“ so unterschiedlich deuten lässt. „Le Bouchon“ von 1878 ist durch einen Baumstamm eindeutig als Freilichtszene gekennzeichnet. In Bildern aus der Brasserie de Reichshoffen öffnet sich der Hintergrund entweder zu einer Bühne oder zeigt ein mit einer Gardine verhangenes Fenster. Das Pastell „Ein Café an der Place du Théâtre-Français“ von etwa 1881 enthält runde Tische und eine große Spiegelfläche. Den Abschluss der Reihe bildet „Bar in den Folies Bergère“ von 1881, das Manet 1882 beim Salon de Paris einreichte. Es zeigt ein Barmädchen vor einer Spiegelwand.
Manet kombinierte wiederkehrende Requisiten wie Tisch und Glas in unterschiedlichen Bildern. Er konnte Beobachtungen und vor Ort gefertigte Skizzen verwenden, Szenen aber auch im Atelier zusammenstellen. Deshalb lässt sich aus den Bildelementen von „Chez Tortoni“ nicht sicher bestimmen, ob ein Innen- oder Außenraum, ein Spiegel oder ein Fenster und tatsächlich das Café Tortoni dargestellt sind.
Besitzgeschichte und Diebstahl
Es ist unbekannt, wem Manet das Bild ursprünglich verkaufte oder schenkte. Die Annahme, Georges Chenard-Huché sei sowohl der Dargestellte als auch der erste Besitzer gewesen, ist nicht belegt. Der erste sicher bekannte Sammler war Alphonse Kann aus Saint-Germain-en-Laye. Er ließ das Werk im Dezember 1920 in Paris versteigern; der Kunsthändler Dikran Khan Kelekian kaufte es und verlieh es im März 1921 an eine Ausstellung im Brooklyn Institute in New York.
Bei einer Versteigerung der American Art Association im New Yorker Hotel Plaza wechselte das Bild am 30. November 1922 erneut den Besitzer. Der amerikanische Maler Louis Kronberg erwarb es im Auftrag von Isabella Stewart Gardner. Sie stellte es im Blue Room ihres Bostoner Museums unter Manets „Bildnis der Mutter des Künstlers“ aus.
Am 18. März 1990 drangen als Polizisten verkleidete Einbrecher in das Isabella Stewart Gardner Museum ein und stahlen mehrere Kunstwerke, darunter Arbeiten von Rembrandt van Rijn und Jan Vermeer sowie „Chez Tortoni“. Andere bedeutende Werke, etwa von Sandro Botticelli, Raffael und Tizian, ließen sie zurück. Trotz einer vom Museum ausgesetzten Belohnung von 5 Millionen US-Dollar wurde keines der gestohlenen Kunstwerke wiedergefunden.