Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen
Plurilinguale und plurikulturelle Kompetenzen beziehen sich auf einzelne Sprachverwendende, z. B. Menschen mit Migrationserfahrung oder international …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Entstehung
Der Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) ist eine Aktualisierung und Ergänzung des GeR von 2001. Er wurde vom Programm für Sprachenpolitik der Direction générale de la démocratie et de la dignité humaine/Directorate General of Democracy and Human Dignity (DGII) des Europarats koordiniert und zwischen 2014 und 2020 entwickelt. Beteiligt waren rund 1500 Expertinnen und Experten sowie über 300 Institutionen; der Prozess wurde durch zahlreiche Validierungs-Workshops und mehr als 60 Pilotprojekte unterstützt.
Der GeR ist ein sprachenpolitisches Dokument des Europarats. Dieser fördert seit 1949 Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Demokratie in seinen 46 Mitgliedsstaaten. In der Sprachenpolitik geht es seit den 1960er Jahren besonders um europäische Sprachenvielfalt, auch um selten gesprochene europäische Sprachen. Der GeR sollte Curricula, Lehrwerke und Tests vergleichbarer machen. Besonders bekannt wurden die Referenzniveaus A1, A2, B1, B2, C1 und C2.
Der ursprüngliche GeR beschreibt sprachliche Kompetenz mit Skalen und Kann-Beschreibungen, sogenannten Deskriptoren. Dazu gehören linguistische Kompetenzen wie Wortschatz, Grammatik, Korrektheit und Angemessenheit; soziolinguistische Kompetenzen wie Höflichkeitskonventionen, Register, Dialekt und Akzent; pragmatische Kompetenzen wie Sprecherwechsel, Themenentwicklung, Kohärenz und Kohäsion; sowie funktionale Kompetenzen wie Flüssigkeit und Genauigkeit.
Was der Begleitband 2020 ändert
Die 2020 erschienene neue Fassung nennt der Europarat „Begleitband“ beziehungsweise „Companion Volume“. Sie zitiert zentrale Passagen des GeR von 2001, präzisiert und erläutert sie und ergänzt zugleich das Beschreibungsmodell. Das grundlegende Konstrukt wird deutlicher als „Sprache als soziales Handeln“ gefasst.
Der Begleitband reagiert auf Diskussionen seit 2001 sowie auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen. Neu oder stärker berücksichtigt werden unter anderem Online-Kommunikation, Gebärdensprache, literarische Rezeption und neue Skalen für die Vermittlung von Texten und Konzepten. Die Deskriptoren des Begleitbands ersetzen und ergänzen die Deskriptoren von 2001. Bestehende Skalen wurden besonders für A1 und die C-Stufen aktualisiert; viele Skalen enthalten nun auch Deskriptoren für die neue Stufe Vor-A1.
Eine wichtige Grundentscheidung ist die Einbettung in einen sozial-konstruktivistischen Ansatz. Das bedeutet: Sprache wird nicht nur als individuelles Können verstanden, sondern als gemeinsames Handeln von Menschen, die in konkreten Situationen Bedeutung miteinander herstellen.
Makro-Funktionen und Mediation
Der Begleitband ersetzt die ältere Orientierung an einzelnen „Fertigkeiten“ wie Lesen, Schreiben, Sprechen und Hörverstehen durch Makro-Funktionen. Diese heißen Rezeption, Produktion, Interaktion und Mediation. Rezeption meint das Aufnehmen von Sprache, Produktion das Hervorbringen von Sprache, Interaktion den sprachlichen Austausch und Mediation die Vermittlung oder Ermöglichung von Verstehen.
Besonders wichtig ist die neue Bedeutung von Mediation. Im GeR von 2001 meinte der Begriff noch vor allem Übersetzen, Dolmetschen, Zusammenfassen oder Berichten. In der deutschen Übersetzung wurde dafür „Sprachmittlung“ verwendet. Im Begleitband bezeichnet Mediation dagegen die Prozesse der „gemeinsamen Konstruktion von Bedeutung“, die grundsätzlich in jeder Kommunikation vorkommen. Verstehen verlangt dabei, die eigene Perspektive teilweise zu verlassen, eine andere Perspektive mitzudenken und manchmal Spannungen, heikle Situationen oder Meinungsverschiedenheiten zu bearbeiten.
Der Begleitband unterscheidet kognitive Mediation und beziehungsrelevante Mediation. Kognitive Mediation beschreibt, wie Zugang zu Wissen und Konzepten erleichtert wird, besonders wenn jemand diesen Zugang nicht allein herstellen kann, etwa wegen neuer Inhalte oder sprachlicher und kultureller Barrieren. Beziehungsrelevante Mediation betrifft das Herstellen und Pflegen zwischenmenschlicher Beziehungen, damit eine positive und kooperative Umgebung entsteht. Beispiele sind Kompetenzen beim Anleiten einer Gruppe, beim Fördern eines plurikulturellen Raums oder beim Umgang mit heiklen Situationen. Gleichzeitig betont der Begleitband, dass diese Unterscheidungen vor allem der Reflexion dienen; in der Praxis sei ein ganzheitliches Verständnis kommunikativer Kompetenz nötig.
Kontexte, Standards und Kompetenzen
Der Begleitband korrigiert ein verbreitetes Missverständnis in der Nutzung des GeR. Die Deskriptoren sind nicht selbst verbindliche Standards, sondern eine von mehreren Quellen für die Entwicklung kontextangemessener Standards. Sie sollen als Grundlage für Nachdenken, Diskussion und weiteres Handeln dienen. Die bekannte Darstellung des GeR als Treppe mit sechs Stufen kann deshalb zu einfach sein, wenn dadurch differenzierte Kompetenzprofile verloren gehen.
Kontexte sind für den Begleitband unverzichtbar. Bedeutung entsteht nicht allein durch Wörter, Sätze oder Aussprache, sondern wird in persönlichen, situativen, kulturellen und anderen Kontexten von mehreren Sprachverwendenden gemeinsam konstruiert. Anhang 5 bietet Beispiele für den Gebrauch der Deskriptoren für Online-Interaktion und Mediationsaktivitäten in verschiedenen Domänen. Diese Beispiele wurden in Online-Workshops während der Entwicklungsphase 3 erstellt und validiert und sollen Pädagoginnen und Pädagogen bei der Auswahl passender Aktivitäten unterstützen.
Der Begleitband verzichtet außerdem auf die „Muttersprache“ als Standard. Im GeR von 2001 hatte der Bezug auf „Muttersprachler/Muttersprachlerin“ zu Missverständnissen und Kontroversen geführt. Für C2 wird Aussprache nun so beschrieben, dass Verständlichkeit und wirksame Bedeutungsvermittlung nicht durch Merkmale eines Akzents beeinträchtigt werden, auch wenn dieser aus anderen Sprachen zurückgeblieben sein kann.
Zentrale Begriffe werden unterschieden: Plurilinguale und plurikulturelle Kompetenzen beziehen sich auf einzelne Sprachverwendende und ihre sprachlich-kulturellen Repertoires. Multilingual, vielsprachig und multikulturell können Gruppen, Teams oder Gesellschaften sein. Interkulturell sind Situationen, etwa persönliche oder berufliche Begegnungen. Plurikulturelle Kompetenz wird als Verbindung von Wissen, Persönlichkeitsmerkmalen und praktischen kommunikativen Fertigkeiten verstanden, immer bezogen auf benennbare Kontexte.
Neue Skalen und Gebärdensprache
Der Begleitband enthält weitere neue Skalen mit Deskriptoren für Bereiche, die in europäischen Bildungssystemen wichtig sind und deren Fehlen nach 2001 kritisiert wurde. Dazu gehören Skalen zu „Kreativen Texten (einschließlich Literatur)“, weil Literatur besonders in höheren Klassen der Sekundarschulen eine wichtige Rolle spielt. In der deutschsprachigen Rezeption dieser Skalen überwiegen laut Artikel kritische Stimmen, etwa weil ein klarer Text-Begriff und eine genauere Bestimmung kreativer Textproduktion und Textrezeption vermisst werden.
Auch die Digitalisierung wird aufgegriffen. Zugleich zeigt sich, dass technologische Entwicklungen sehr schnell verlaufen: Die Skala zu „Telekommunikationsmitteln“ veraltete so rasch, dass bereits in der deutschen Übersetzung Anmerkungen zu veränderten Verhältnissen nötig wurden.
Eine richtungsweisende Ergänzung ist das neue Referenzniveau „vor A1“. Es erscheint in vielen Skalen unterhalb von A1 und berücksichtigt frühe Phasen des Fremdsprachenlernens, etwa bei Migrantinnen und Migranten oder allgemein auf der Grundstufe. Dabei können spracherwerbliche Phänomene wie „Pidginisierung“ auftreten, die als sinnvolle Durchgangsphase verstanden werden.
Eine weitere zentrale Neuerung sind Skalen zu „Gebärdenkompetenzen“. Sie beruhen auf einem Projekt des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) und entsprechen dem Anliegen, Inklusion zu fördern, wie es auch von der UNESCO vorgeschlagen wird.
Rezeption und offene Fragen
Der GeR wurde nach seiner Veröffentlichung 2001 innerhalb weniger Jahre weltweit einflussreich. Heute liegen 40 Übersetzungen vor, darunter ins Arabische, Chinesische, Japanische und Koreanische. Zugleich gab es Kritik: Einige bemängelten, die Deskriptoren seien zu wenig systematisch und kontextlos, was GeR-basierte Testentwicklung erschwere. Andere warnten vor einem starren gesamteuropäischen Sprachtest-System oder vor Missbrauch des GeR im Umgang mit Migration und politischen Rechten. Wieder andere kritisierten ein zu funktionales Sprachverständnis, bei dem ästhetische, affektive, kreative, moralische und kulturelle Aspekte von Sprache zu kurz kämen. Positive Stimmen hoben hervor, dass der GeR eine grundlegende Diskussion über Fremdsprachenerwerb und sprachliche Kompetenzen in Europa angestoßen habe.
Der Begleitband knüpft an zentrale Anliegen des GeR 2001 an. Das Ziel des Sprachunterrichts wird nicht mehr darin gesehen, eine, zwei oder drei Sprachen isoliert zu beherrschen und den „idealen Muttersprachler“ als Vorbild zu nehmen. Vielmehr soll ein sprachliches Repertoire entwickelt werden, in dem alle sprachlichen Fähigkeiten ihren Platz haben.
2022 wurden erste Auswirkungen des Begleitbands auf fachliche und bildungspolitische Diskussionen in Europa und darüber hinaus diskutiert. Als wichtige nächste Schritte wurden Plurilingualität, Mediation und Lokalisierung genannt. Lokalisierte Versionen des GeR existierten zurzeit 2023 in Japan, Vietnam, Malaysia, Mexiko und Kanada. Diese weltweite Anwendung wirft Fragen auf, weil der GeR in unterschiedliche kulturelle, historische, institutionelle und pädagogische Kontexte übertragen wird. Strittig ist dabei, inwieweit die vom Europarat vertretenen „europäischen“ Werte in Gestalt des GeR einen universellen Anspruch erheben können.