Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Über Staat und Religion
... Religion, die „zur eigentlichen Menschenwürde“ führe. Die Religion ist ihrem Wesen nach grundverschieden vom Staate. Ihre Grundlage ist das Gefühl der …
Inhalt5 Abschnitte
Einordnung
Über Staat und Religion ist eine Schrift Richard Wagners. Wagner schrieb sie im Auftrag des jungen bayerischen Königs Ludwig II., kurz nachdem dieser ihn im Frühjahr 1864 nach München berufen hatte. Später veröffentlichte Wagner den Text im achten Band seiner Gesammelten Schriften und Dichtungen.
Die Schrift ist wichtig, weil Wagner darin seine Vorstellungen über Staat, Königtum, Kunst und Religion zusammenfasst und auf die politische Situation am Hof Ludwigs II. bezieht. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Aufgaben Staat, Monarchie, Kunst und Religion für das menschliche Leben haben sollen.
Entstehung und Umfeld
Wagner befand sich nach seiner Berufung nach München unerwartet in der Rolle eines Beraters und Erziehers eines Königs. Ludwig II. kannte Wagners kulturpolitische Schriften, darunter Die Kunst und die Revolution und Das Kunstwerk der Zukunft. Er kannte auch Wagners Idee einer idealen Gesellschaft.
Ludwig II. wird als junger Idealist aus dem Haus Wittelsbach beschrieben, das traditionell Kunst förderte. Wie Wagner träumte er von einer heilen Welt, einem „Königreich der Musen“, in dem Kunst und Kultur im Vordergrund stehen. Krieg, Gewalt und politische Intrigen lehnte er ab. Sein Ziel war es, München als Kulturzentrum und als Zentrum der deutschen Musik zu etablieren. Wagner sollte ihn dabei unterstützen. In diesem Sinn war Wagner für Ludwig auch ein „Mittel zum Zweck“, damit der König als größter Kunst-Mäzen in Deutschland gelten konnte.
Kunst und Weltbild
Wagner aktualisiert in der Schrift seine Vorstellungen über Staat, Königtum und Kunst. Er schreibt über den Ernst der Kunst, den „Wahn des Patriotismus“, die öffentliche Meinung, ein ideales Königtum und die stabilisierende Aufgabe der Religion im Staat.
Kunst erscheint bei Wagner zunächst als Teil des öffentlichen Lebens. Sie soll zur „Zerstreuung des Lebens“ beitragen, wobei das Leben im Grunde als heitere Beschäftigung und nicht als reine Arbeitsmühe gedacht werden soll. Wagner stellt sich eine Organisation des gemeinsamen öffentlichen und häuslichen Lebens vor, die von selbst zu einer schönen Gestaltung des menschlichen Geschlechts führen müsste.
Gleichzeitig sieht Wagner die Welt tragisch. Er bezieht sich dabei auch auf die Dichtung seines Ringes des Nibelungen. In dieser Konzeption habe er sich unbewusst eine Wahrheit über die menschlichen Dinge eingestanden: Alles sei „durch und durch tragisch“. Ein Wille, der eine Welt nach seinem Wunsch formen möchte, könne letztlich nur dadurch zu etwas Befriedigendem gelangen, dass er „durch einen würdigen Untergang sich selbst“ breche.
Der Künstler steht für Wagner in einem besonderen Verhältnis zur Welt. Er könne sagen: „mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Damit meint Wagner, dass die ernste Kunst ein außerweltliches Reich besitzt, aber dennoch mitten in einer sorgenvollen Welt steht. Diese Welt suche meist nur flüchtige Zerstreuung, während ihr das Bedürfnis nach ernster Erhebung fremd geworden sei.
Staat und Königtum
Wagner beschreibt das Wesen der Welt als Blindheit. Sie werde durch einen dunklen Drang und einen blinden Trieb von Macht und Gewalt bewegt. Erkenntnis und Licht entstünden nur so weit, wie sie zur Stillung unmittelbarer Bedürfnisse nötig seien.
Das Grundwesen des menschlichen Dranges sieht Wagner in Habgier und Genusssucht. Menschen suchten schnelle Befriedigung individueller Leidenschaften, wenn nötig auch mit Gewalt. Aus der Furcht vor Gewalt entstehe der Staat. Der Staat ist bei Wagner ein Vertrag, durch den Einzelne versuchen, sich vor gegenseitiger Gewalt zu schützen.
Wagner vergleicht diesen Vertrag mit einem Opfer: Wie in der Naturreligion den Göttern ein Teil der Feldfrucht oder Jagdbeute geopfert wurde, opfert im Staat der Einzelne so viel von seinem Egoismus, wie nötig erscheint, um den großen Rest seines Egoismus gesichert befriedigen zu können. Dabei strebt der Einzelne danach, mit dem kleinstmöglichen Opfer die größtmögliche Sicherung zu erhalten.
Die eigentliche Tendenz des Staates ist für Wagner Stabilität. Diese Stabilität hält er für berechtigt, weil sie dem unbewussten Zweck höheren menschlichen Strebens entspricht: über die Grundbedürfnisse hinauszukommen und die geistigen Anlagen freier zu entwickeln. Die verkörperte Gewähr dieses Grundgesetzes ist für Wagner der Monarch. Mit der Person des Königs erreiche der Staat sein Ideal. Der König vertrete das rein menschliche Interesse und nehme daher in den Augen des Bürgers eine fast übermenschliche Stellung ein. Seine Aufgabe sei Gerechtigkeit; wo Gerechtigkeit nicht erreichbar sei, solle er Gnade üben.
Wagner behandelt außerdem das Verhältnis von König und Volk. Er kritisiert die „öffentliche Meinung“, die nach seiner Darstellung durch das Zeitungswesen manipuliert werde und einem Monarchen schade.
Religion und Kunst als Stützen
Religion ist für Wagner ihrem Wesen nach grundverschieden vom Staat. Während der Staat aus dem Bedürfnis entsteht, Gewalt einzudämmen und ein erträgliches Zusammenleben zu sichern, beruht Religion auf dem Gefühl der Unseligkeit des menschlichen Daseins. Damit meint Wagner die tiefe Unzufriedenheit damit, dass der Staat das rein menschliche Bedürfnis nicht vollständig erfüllen kann.
Der innerste Kern der Religion ist nach Wagner die Verneinung der Welt. Das bedeutet bei ihm: Die Welt wird als ein flüchtiger, traumartiger Zustand erkannt, der auf Täuschung beruht. Aus dieser Welt werde Erlösung erstrebt, vorbereitet durch Entsagung und erreicht durch Glauben. Die religiöse Vorstellung gehe davon aus, dass es eine andere Welt geben müsse, weil der menschliche Glückseligkeitstrieb in dieser Welt nicht zu stillen sei.
Religion ist für Wagner nicht nur als Moralgesetz und wegen ihrer praktischen Bedeutung für den Staat wichtig. Vor allem habe sie einen unermesslichen Wert für das Individuum. Die christliche Religion erhält ihre erhabene Bedeutung nach Wagner durch ihre Dogmen. Ein Dogma ist hier eine verbindliche Glaubenslehre. Das religiöse Dogma stellt für Wagner eine andere, bisher unerkannte Welt mit solcher Sicherheit dar, dass der religiöse Mensch dadurch zu tiefer Ruhe gelangt.
Am Ende der Schrift betont Wagner erneut die Bedeutung der Kunst. Jeder wahrhaft große Geist, wie ihn menschliche Generationen nur selten hervorbringen, müsse darüber erstaunt sein, wie es möglich sei, in dieser Welt längere Zeit auszuhalten. Das sei nur mit Hilfe der Kunst möglich. Damit unterstützt Wagner zugleich die Ambitionen Ludwigs II., neue Wege der Kunst zu fördern, auch Wagners eigene Kunst. Seine Gedanken über Staat, Kunst, Religion und Politik präzisierte Wagner später vor allem in den Schriften Deutsche Kunst und Deutsche Politik sowie Religion und Kunst.