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Diese Songs haben die Geschichte verändert | Terra X
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Transkriptautomatisch erstellt · 56 Zeilen
- Die unsichtbare Macht der Musik. Sie kündigt den Auftakt von Schlachten an, hat politische Wirkkraft und stärkt Identität. Herrscher benutzen sie, um zu beeindrucken, Diktatoren, um zu manipulieren.
- Wie hat Musik den Lauf der Geschichte beeinflusst? Und warum eignet sie sich so gut als Machtinstrument? Italien im Zweiten Weltkrieg. Partisanen kämpfen gegen den Faschismus im eigenen Land und gegen die deutschen Besatzungstruppen.
- Ein brutaler Guerillakrieg - begleitet von einem heute sehr populären Lied: Oh partigiano, portami via, Oh Bella, ciao! Bella, ciao! Bella, ciao, ciao, ciao! Oh partigiano, portami via, Ché mi sento di morir...
- Bella Ciao ist als antifaschistisches Kampflied zum Mythos geworden – unabhängig davon, wie häufig es wirklich gesungen wurde. Die Idee, für die Freiheit sein Leben zu opfern, wie es der Text sagt, macht die Widerstandskämpfer bis heute unsterblich.
- È questo il fiore del partigiano. Morto per la libertà! Musik kann eine unglaubliche Wucht entfalten, weil sie nicht nur über das Rationale funktioniert, sondern über das Emotionale.
- Und das ist eine ungeheure Macht, die sie eben auch so zerbrechlich werden lässt. Die Herkunft von Bella Ciao ist unklar. Vielleicht war der Song ursprünglich ein Liebeslied.
- Anfang des 20. Jahrhunderts ist er jedenfalls das Lied italienischer Reispflückerinnen in der Nähe von Bologna. Die Frauen müssen von früh bis spät schuften. Sie singen, dass die Stechmücken sie plagen und die harte Arbeit sie müde macht.
- E fra gli insetti e le zanzare. Duro lavoro mi tocca far. Mit der Musik protestieren die Reispflückerinnen gegen die Arbeitsbedingungen und treten in den Streik.
- Sie verlangen einen Achtstundentag und höhere Löhne. Auch wenn nicht alle Forderungen erfüllt werden, stärken sie und ihr Lied die Arbeiterbewegung in Italien. Bella Ciao gilt auch heute noch als Symbol des Widerstands - weltweit – ganz gleich, gegen was oder wen demonstriert wird.
- Oh bella, ciao! Bella, ciao! Bella, ciao, ciao, ciao! Oh partigiano, portami via, Ché mi sento di morir. Musik ist die mächtigste Art des kreativen Ausdrucks, die ich je erlebt habe. Sie bringt Menschen zum Weinen, zum Tanzen und Hundertausende zum Mitsingen. Das ist ihr Zauber!
- Wie sich die Unterdrückung von Menschen auf ihre Musik auswirkt, zeigt die Geschichte. Die Songs der afroamerikanischen Sklaven, die im 19. Jahrhundert auf den Baumwollfeldern der Südstaaten schuften, schweißen sie zusammen.
- Jump down, turn around to pick a bale of cotton, Jump down, turn around to pick a bale a day. Die immer gleichen Bewegungen geben dabei den Rhythmus vor, der wiederum die Koordination ihrer Bewegungsabläufe erleichtert.
- Sich wiederholende Tätigkeiten werden im Gehirn unter anderem von Nervenzellen im Hirnstamm geleistet, die ich auch Marionetten-Neurone nenne. Diese Marionetten-Neuronen kommen aber nicht nur bei sich wiederholende Tätigkeiten ins Spiel, sondern sind auch Rhythmusgeneratoren, die wiederum beim Musikmachen eine Rolle spielen.
- Die Baumwollpflücker improvisieren die Verse, singen sie jedes Mal anders. Planted this cotton in April, on the full of moon. We had a hot dry summer, that’s why it opened so soon.
- Die Texte erzählen vom Leid auf den Plantagen oder dem Traum, endlich in Freiheit zu leben. Manchmal verstecken sich verschlüsselte Botschaften zwischen den Zeilen – wie Hinweise auf Fluchtwege, zu Helfern oder dass sich der Aufseher nähert.
- Hurry up, hurry up children, we ought to have been gone. The weather looks so cloudy, I think it's goin' to storm. Die Work Songs der Sklaven gelten als die ersten Dokumente afro-amerikanischer Musik.
- Sie sind auch die Grundlage des Blues, dessen wehmütiger Klang die Verzweiflung und den Schmerz der schwarzen Bevölkerung widerspiegelt. Bis heute ist New Orleans einer der Hot Spots für den Blues. Ende des 19. Jahrhunderts entsteht hier noch eine weitere Musikrichtung. Und eine ganz besondere Tradition.
- Die Jazz-Funerals – Beerdigungen mit Musik. Dabei ziehen Brassbands durch die Straßen – Blaskapellen, deren Sound maßgeblich von Elementen der Work Songs und militärischer Blaskapellen aus Europa beeinflusst ist. Die einen feiern die Erlösung der Seele – der christliche Glaube ist in der Gemeinschaft tief verwurzelt. Die anderen wollen das Leben zelebrieren, nicht nur trauern.
- So oder so: Die Musik wirkt befreiend und hilft, Schmerz zu verarbeiten. Schon immer beeinflusst Musik unsere Stimmung. Ihr Einsatz – etwa als Startsignal vor einer Schlacht – ist schon bei den Kelten üblich.
- Um ihre Gegner maximal in Angst und Schrecken zu versetzen, haben sie die Carnyx – eine Kriegstrompete – geblasen. Ihr Sound ist durchdringend.
- Es gibt zwar keine keltischen Originalinstrumente mehr, aber anhand von Abbildungen und Teilfunden ist es dem Briten John Kenny und seinem Team gelungen, die Carnyx nachzubauen. Der Ton wird wie bei einer modernen Trompete, einer Posaune oder Tuba erzeugt. Durch das Vibrieren der Lippen.
- Der Ton ist im Bronzekopf gefangen, und der Bronzekopf ist wie unser Schädel. Unsere Töne werden durch unsere Nasengänge und die Form unseres Schädels verstärkt. Deshalb können wir mit geschlossenem Mund Töne erzeugen.
- Genau das passiert auch hier. Der Ton wird nicht nach vorne geworfen, er verbreitet sich kreisförmig. Das ist sehr ungewöhnlich für ein Musikinstrument. Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius berichtet vom Geheul der keltischen Carnyx, das die Römer bis ins Mark erschütterte. Die Trompete ist für sie kein Musikinstrument, sondern eine Kriegswaffe.
- Die Welt war viel leiser. Die lautesten Geräusche dürften Donner, auf Felsen schlagende Wellen oder menschliche Schreie gewesen sein. Diese Instrumente können jeden Schrei übertönen und können so laut sein wie Donner oder Meeresrauschen. Außerdem sind sie etwa drei Meter hoch und haben einen Kopf.
- Wenn man zwölf davon bei voller Lautstärke aus dem Morgennebel auftauchen sieht, kann man sich leicht vorstellen, von Riesen attackiert zu werden. Bis heute verwenden die Amerikaner Musik, um den Willen von Gefangenen zu brechen. Traurige Berühmtheit hat das Lager in Guantanamo auf Kuba erlangt.
- Über viele Jahre wurden dort Inhaftierte physisch und psychisch schwer misshandelt. Etliche von ihnen mit Rock, Pop, Heavy Metal und manchmal sogar mit Kinderliedern gefoltert. Die Lautstärke reichte von 84 bis zu 100 Dezibel. Das ist so laut wie ein Presslufthammer aus nächster Nähe.
- Die Gefangenen mussten zudem in einer Stressposition ausharren – bis zu achtzehn Stunden am Tag. Äußerlich sollte man keine schweren Verletzungen nachweisen können. Innerlich aber litten die Gefangenen Höllenqualen. Für das empfindliche Hör-Organ gab es kein Entrinnen.
- Wir haben ja keine Augenlider für unsere Ohren. Wenn wir etwas nicht sehen wollen, schließen wir einfach unsere Augen. Unsere Ohren können wir nicht verschließen. Es ist unmöglich, etwas nicht zu hören. Es durchdringt dich.
- Durch Musik-Folter kommt es zu Desorientierung und einem Gefühl totaler Hilflosigkeit. Das kann bei Gefangenen zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Das Gehirn nimmt Schaden. Wenn in einer Folter Musik zu einem intensiven, langandauernden Stressor wird, dann wird das sogenannte Glückssystem im Gehirn, wissenschaftlich der Hippocampus, kleiner.
- Das liegt daran, dass unter starkem emotionalen Stress, Nervenzellen in dieser Hirnregion absterben. Seit jeher benutzen Herrscher die Musik, um ihre Macht zu legitimieren. Im Barock ist Versailles Mittelpunkt rauschender Feste und pompöser Inszenierungen.
- Der französische König Ludwig XIV. gibt Opern und Ballettspektakel in Auftrag, spielt sogar selbst mit. Etwa als strahlende Sonne, während die anderen Tänzer ihn wie Planeten umkreisen. Dafür beschäftigt der Sonnenkönig so viele Musiker wie kein anderer Monarch in Europa.
- Wer sich ein großes Orchester leisten kann, demonstriert damit, dass er reich ist. Und je größer mein Orchester ist, je lauter das tönt, desto mehr greife ich sozusagen akustisch Platz und signalisiere damit auch meine Macht.
- Es sind vor allem die Königs- und Adelshäuser, die einige der bedeutendsten Komponisten unterstützen, um ihr eigenes Ansehen zu erhöhen. Claudio Monteverdi schreibt 1607 das Bühnenwerk „L’Orfeo“ – beauftragt vom Herzog von Mantua. Im heutigen Sinn gilt sie als erste Oper der Geschichte.
- Georg Friedrich Händel komponiert für den englischen König George II. eine Festmusik zum königlichen Feuerwerk anlässlich des Aachener Friedens. 1749 spielt das Orchester das Werk open-Air im königlichen Garten von London.
- Wolfgang Amadeus Mozart findet im Habsburger Kaiser Joseph II. einen späten Gönner. Er ernennt ihn 1787 zum „Kammermusicus“. Im 20. Jahrhundert missbrauchen die Nationalsozialisten die Musik für ihre politische Ideologie. Und verbieten, was als „undeutsch“ gilt.
- Als Minister für Propaganda und Volksaufklärung ist Joseph Goebbels für die Kultur verantwortlich. Ihm untersteht die Reichsmusikkammer, die kontrolliert, was gespielt werden darf und was nicht. Der früher oft gegen uns eingebrachte Einwand, es gebe keine Möglichkeit, die Juden aus dem Kunst- und Kulturleben zu beseitigen,
- weil deren zu viele seien und wir die leeren Plätze nicht neu besetzen könnten, ist glänzend widerlegt worden. Auch die Swing- und Jazz-Musik brandmarkt Goebbels. Und verwendet sie für die vielleicht bizarrste Propaganda-Aktion der Nationalsozialisten:
- Goebbels lässt insgeheim eine Band zusammenstellen: „Charlie and his Orchestra“. Die Musiker sollen mit aggressiven Texten zu eingängigem Jazz die Moral der Alliierten zersetzen. Beliebtes Ziel: der damalige englische Premierminister Winston Churchill.
- Die Texte wurden zunächst auf Deutsch im Propagandaministerium verfasst, also von Spezialisten der NS-Propaganda, und dann übersetzt und eben in diese Jazz-Standards dann hineinmontiert. „Charlie and his Orchestra“ spielen bis Kriegsende mehr als 200 Titel ein.
- Der Kurzwellensender des NS-Regimes sendet seine Lieder ausschließlich ins Ausland. So bekommt die Propaganda eine nie dagewesene Reichweite. Diese Jazzmusiker, die dort mitgespielt haben, wussten, dass sie im Grunde sozusagen Propaganda für das NS-Regime betreiben.
- Gleichzeitig waren sie aber froh, zum einen, dass sie ein Auskommen hatten, zum anderen, dass sie völlig unbehelligt und sogar gefördert hier ihre Musik spielen konnten. Und das hat bei etlichen nach 1945 auch zu großen Gewissenskonflikten geführt.
- Heute zeigt der sogenannte K-Pop aus Südkorea, wie Musik politische Wirkkraft entfalten kann. Bands wie Blackpink, die Pop, Hip Hop und Elektro auf schrille Weise mischen, sind weltweit erfolgreich. Und: reizen die nordkoreanischen Machthaber.
- Die Regierung Südkoreas geht sogar noch weiter. Mit Lautsprechern beschallt sie das Grenzgebiet mit K-Pop so laut, dass er noch 20 Kilometer entfernt zu hören ist. Außerdem lassen südkoreanische Aktivisten regelmäßig Heliumballons über die Grenze fliegen, die neben Flugblättern auch USB-Sticks mit K-Pop enthalten. Eine Provokation!
- Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea ist 248 Kilometer lang und militärisch streng bewacht. Sie verläuft quer über die Halbinsel und schottet den Norden seit Ende des Koreakriegs im Jahr 1953 kategorisch vom Süden ab.
- Im kommunistischen Nordkorea gelten bis heute strenge Regeln, was gehört werden darf. Kim Jong-un fürchtet, durch die westlich orientierte K-Pop-Musik die Kontrolle über sein Volk zu verlieren. Das Versprechen der kapitalistischen Welt drückt sich eigentlich im K-Pop maximal glanzvoll aus und maximal verlockend.
- Und die Sorge des nordkoreanischen Regimes, dass gerade Jugendliche durch das Hören von K-Pop verführt werden, in Richtung Kapitalismus, in Richtung südkoreanische Lebensart, die ist groß und auch berechtigt. Wer beim Verbreiten der Musik erwischt wird, riskiert eine Gefängnis- oder sogar Todesstrafe. Und doch nutzt sie das Regime selbst:
- 2012 castet Kim Jong-un eine eigene Band: Moranbong. Die Sängerinnen preisen Nordkorea – dafür steigen sie zu ranghohen Soldatinnen auf. Musik per se ist nicht gut oder schlecht. Es ist das, was wir Menschen daraus machen. Wie wir Menschen damit umgehen und was wir hineinprojizieren.
- Dass Musik tatsächlich einen politischen Umsturz herbeiführen kann, zeigt die Geschichte des Baltikums. 1940 annektiert die Sowjetunion Estland, Lettland und Litauen. Die Besatzer verbieten Volkslieder und Nationalhymnen - ein folgenschwerer Schritt.
- Denn seit dem 19. Jahrhundert veranstalten Esten und Letten große Sänger- und Liederfeste. Musik ist Kern ihrer Kultur. Auch in Litauen ist die Tradition tief verwurzelt. Doch wer unter sowjetischer Besatzung die verbotenen Lieder singt, riskiert die Deportation.
- Unter sowjetischer Herrschaft sollte das Vaterland die Sowjetunion sein und eben nicht Estland, Lettland oder Litauen, das für die Menschen, die dort gelebt haben, aber natürlich sozusagen die gefühlte Heimat war. Und dieser gefühlten Heimat konnte man über das Singen entsprechender Lieder Ausdruck verleihen.
- Fast 50 Jahre dauern die Repressionen. Bis der Sommer 1988 alles verändert: Auf Konzerten und Festivals in Estland fordern Tausende die Unabhängigkeit ihrer Nation – frei von der Herrschaft Moskaus. Es ist der Beginn einer Revolution, die Gesang zur Waffe macht.
- Gesänge eignen sich deswegen besonders gut für Proteste, weil sie Musik und Sprache miteinander kombinieren. Sie drücken also über die gemeinsame Sprache zum Beispiel eine bestimmte Meinung aus und durch die Melodie beziehungsweise den Rhythmus ermöglichen sie, dass alle an der Demonstration Teilnehmenden sich mit einer Stimme äußern.
- Die „Singende Revolution“ ergreift die beiden anderen baltischen Länder. Als Protest gegen die Sowjetunion reichen sich im August 1989 zwei Millionen Litauer, Letten und Esten die Hände und singen. Die Menschenkette ist mehr als 650 Kilometer lang. Sie verbindet die Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn.
- Am 6. September 1991 hat die „Singende Revolution“ ihr Ziel erreicht: Moskau erkennt die staatliche Unabhängigkeit der drei Nationen an. Musik kann aktivieren, Musik kann vitalisieren. Musik kann ermutigen, Musik kann Furcht reduzieren. Wozu wir diese Wirkungen dann nutzen, ist eine Frage unserer inneren geistigen Orientierung.
- Ich glaube tatsächlich, dass es weniger Kriege auf der Welt gäbe, wenn die Politiker sich immer über Gesänge miteinander verständigen müssten. Einen Versuch wäre es sicher wert.
- Was denkt ihr? Welche Chancen bietet Musik? Schreibt es gerne in die Kommentare. Und wenn Euch das Video gefallen hat, abonniert unseren Kanal.
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