Unsere Wälder (1/3): Die Sprache der Bäume | Ganze Folge Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=wXgvxooJaPE Transkript (automatisch erstellt) 0:27 1948. Eine amerikanische Douglas C-47 auf dem Weg nach West-Berlin. 0:35 Die US-Piloten haben eine ungewöhnliche Ladung an Bord. Der Flieger bringt Baum-Schösslinge für den Berliner Tiergarten. 1:14 Dort sind nach dem Krieg von 200.000 Bäumen gerade mal 700 stehengeblieben. 1:20 Die Sowjetunion, die den Ostteil der Stadt besetzt, will ganz Berlin und hat alle Wege in den Westteil der Stadt abgeriegelt. 1:28 Die Amerikaner und Briten in den Westsektoren aber richten eine Luftbrücke ein. 1:33 Alles, was die Stadt braucht, wird per Flugzeug eingeflogen. Lebensmittel, Kohle, Rohstoffe und sogar Bäume. 1:48 Alle drei Minuten donnert eine dieser Propeller-Maschinen am Flughafen Tempelhof herunter. 1:54 Sie bringen täglich 3000 Tonnen Fracht. Bürgermeister Ernst Reuter greift persönlich zum Spaten. 2:03 Wiederaufforstung per Flugzeug? In Zeiten größter Not, wo selbst Lebensmittel rationiert sind? 2:10 Gibt es ein Volk, das verrückter nach seinem Wald ist, als die Deutschen? Kein Dichter, kein Psychologe wird erklären können, 2:23 was das ist mit den Deutschen und ihrem Wald. Unsere Kindheit verbringen wir mit wohligem Grusel unter Bäumen. 2:32 Mit Geschichten von bösen Wölfen und krummen Hexen. Hier errichteten die Gebrüder Grimm unsere Märchenschlösser. 2:42 Und wenig später wurde auch Burg Hohenzollern dort erbaut, wo die Dichter und Denker der Romantik 2:49 das Herzstück deutscher Identität entdeckt hatten. Auch König Ludwigs Märchenschloss liegt natürlich im Wald. 3:01 Oder die Wartburg, wo Luther einst die Bibel übersetzte. Im Wald schlugen unsere Vorfahren die mächtigen Römer. 3:39 Und 2000 Jahre später thront Hermann der Cherusker noch immer über dem Teutoburger Wald. 3:49 An den Kreidefelsen von Rügen stand Caspar David Friedrich und malte uns Deutschen die Romantik ins Bewusstsein. 3:57 Im Schatten der Buchen des Jasmund-Waldes. Doch bei aller Liebe wissen wir noch immer erstaunlich wenig 4:13 über das deutscheste aller Landschaftskleider: Über das unsichtbare Netzwerk der Pilze etwa. 4:22 Oder die flüchtigen Moleküle, mit denen Bäume miteinander reden. Über Baumkinder, die im Grünschatten des Waldes 4:30 von ihren Eltern durchgefüttert werden. Über die Chefetage des Kronendachs oder die Winzlinge der Müllabfuhr. 4:39 In einer Handvoll Walderde finden sich mehr Lebewesen als es Menschen auf der Erde gibt. 4:55 Auch ganz ohne romantische Überhöhung: Der Wald steckt voller Wunder. 5:03 Er ist ein eigenes Universum, in dem vieles für uns unsichtbar ist. Tag und Nacht werden Botschaften ausgetauscht. 5:16 Doch die Wesen des Waldes benutzen eine Sprache, die selbst Wissenschaftler erst nach und nach entschlüsseln. 5:25 Bäume etwa ändern nachts ihren Durchmesser und ihr bioelektrisches Potenzial. 5:31 Fast wie unsere Meere scheinen sie auf den Zyklus des Mondes zu reagieren. 5:45 Das Holz jedes Baumes hat seinen ganz eigenen Duft, den andere Lebewesen im Wald wahrnehmen können. 6:01 Die Blätter der Bäume produzieren nicht nur Nahrung und Sauerstoff, sondern auch Nachrichten. 6:08 Genau wie das Moos am Waldboden. Moose reagieren außerdem massiv auf Schadstoffe und Schwermetalle. 6:15 Lange bevor andere Waldbewohner darunter leiden. Die Laute von Tieren scheinen auch auf Pflanzen zu wirken. 6:27 Sie wachsen schneller, wenn das Konzert der Vögel und Insekten anschwillt. 6:50 Heute faszinieren uns die Geheimnisse des Waldes. Doch bis ins 18. Jahrhundert machte die dunkle Magie der Wälder 6:59 unseren Vorfahren vor allem Angst. Der Wald war über Jahrhunderte ein Platz, 7:06 den fast niemand gerne betreten wollte. Man fürchtete ihn. Niemand mochte gerne im Wald leben. 7:14 Wenn, dann lebte man am Waldrand, besuchte ihn nachts ohnehin nicht. Man glaubte wirklich an Hexen. 7:21 Und dann gab es noch etwas: Der Wald galt wegen seiner schlechten, dicken Luft 7:26 als ungesund. Nicht nur wenn im Frühling der Bärlauch sprießt: 7:32 Kaum etwas gilt heute so vorbehaltlos als gesund wie der Wald. Doch das hielt man für völlig abwegig, 7:40 als es noch dichte Urwälder in Deutschland gab. Der Wald wurde erst zum romantischen Idyll, als immer mehr Großstädter 7:59 im 19. Jahrhundert durch einen lichten Wald wie diesen wandelten. Sie erkoren die schwindenden Wälder zum friedlichen Rückzugsort 8:11 vor dem Gestank und der Hektik der wachsenden Städte. * Musik * 8:39 Erst mit der Verklärung der Romantiker begannen wir Deutschen, den Wald mit großer Ernsthaftigkeit zu lieben und zu schützen. 8:47 Verstanden haben wir das System Wald aber noch immer nicht. Um seinen geheimen Netzwerken auf die Spur zu kommen, 8:55 brauchen wir etwas Hilfe. Diese Hunde suchen nach schwarzen Knollen, 9:07 die im Waldboden verborgen sind: Trüffel. Um ihre Pilzsporen zu verbreiten, nutzen Trüffel einen Lockstoff 9:15 auf Basis des Sexualhormons Testosteron. Das bringt vor allem Wildschwein-Damen dazu, 9:21 sie aus dem Boden zu buddeln und zu futtern. Und nach der Verdauung im ganzen Wald zu verteilen. 9:27 Doch auch Hunde und Menschen stehen auf diesen Duft. Um Trüffel zu züchten, impfen Ludger Sproll und Ulrich Stobbe 9:37 die Wurzeln von Baum-Schösslingen mit Trüffel-Sporen. Bevor sie sie in Plantagen auspflanzen. 9:43 Im Wald erforschen sie das Wachsen der Trüffel in freier Wildbahn. Die Hälfte aller Trüffel weltweit kommt bereits aus Zuchtanlagen, 9:52 die den Wald mehr oder weniger gut kopieren. Man kann die Bäume im Wald nicht alle einzeln betrachten. 10:06 Es ist eher wie ein großer Gesamtorganismus. Gerade über die Pilze, auch über die Trüffel, 10:13 aber auch viele andere Mykorrhiza-Pilze, also Pilze, die mit den Bäumen in Symbiose leben. 10:19 Das ist alles unterirdisch hier im Boden miteinander vernetzt. Da gehören Pilze dazu, Bakterien, andere Mikroorganismen. 10:27 Die Pflanzen, nicht nur die Bäume, die Sträucher, die Kräuter im Boden. Es hängt alles zusammen. 10:35 Der Wald brummt geradezu vor Nachrichtenaustausch. Und zu den wichtigsten Knotenpunkten gehören die Pilze. 10:47 Sie teilen sich ihr Reich mit den Wurzeln der Bäume. Und können so Kontakt aufnehmen. 10:55 Was wir sehen sind nur die Fruchtkörper eines gigantischen Lebewesens, das ansonsten im Untergrund lebt. 11:02 Und über das Netzwerk der Pilze haben Forscher entdeckt, dass im Wald ununterbrochen Nachrichten kursieren. 11:13 Jeder Baum hat ein internes Kommunikationssystem. Die Baumkrone spricht mit der Wurzel, der Leitzentrale im Untergrund. 11:25 Die feinen Wurzelspitzen prüfen ständig den Boden auf Feuchtigkeit und Nährstoffgehalt. 11:33 Bei Trockenheit schicken sie über die Wasserleitungen des Baumes hydraulische Signale nach oben. 11:39 Die veranlassen die Blätter, weniger Wasser zu verdunsten. Umgekehrt empfängt die Wurzel Nachrichten von oben 11:49 zu Nährstoff-Bedarf oder Schädlingsbefall. Wie die Äste der Krone wachsen auch die Wurzeln im Boden. 12:00 Doch an Botenstoffen erkennen die Wurzelspitzen, dass Verwandte in der Nähe sind. 12:05 Und stellen das Wachstum in diese Richtung ein, um Artgenossen nicht in die Quere zu kommen. 12:13 Um über größere Distanzen miteinander zu "reden" brauchen Bäume allerdings Verbündete: die Pilze. 12:25 Pilze spinnen ein unterirdisches Netz aus dünnen Fäden, die Kilometer lang sein können. 12:32 Sie umhüllen die Wurzeln der Bäume wie ein feines Vlies. Denn hier läuft das geniale Tauschgeschäft: 12:38 Der Pilz liefert dem Baum Stickstoff und Phosphor. Und bekommt dafür Zucker aus der Photosynthese. 12:48 Das Geflecht der Pilze kann ganze Wälder vernetzen. Forscher sprechen deshalb vom Wood Wide Web, 12:55 dem Internet des Waldes. Bäume erfahren darüber, ob es den anderen gut geht. 13:01 Oder sie Hilfe brauchen. * Musik * 13:15 Und so versorgen Bäume auch den eigenen Nachwuchs. Über das Pilznetzwerk, das beide verbindet, 13:22 "säugt" diese Buche regelrecht ihr Baum-Baby mit Zuckerlösung. Auch dieses Ahorn-Kind hätte sonst keine Chance. 13:40 * Musik * Ohne die Kooperation zwischen Pilzen und Bäumen 14:03 hätten Wälder wohl nie diese Ausmaße erreichen können. Ständige Lücken im Kronendach 14:11 hätten das feuchte Binnenklima des Waldes gestört. Vielleicht hätte der deutsche Wald 14:22 so manchen Klimawandel gar nicht überlebt. Deutschland heute und vor 18.000 Jahren. 14:34 Während der letzten Kaltzeit liegen zwei Eispanzer über dem Land. Wo heute Berlin liegt, sind im Eis Relikte aus grauer Vorzeit erstarrt: 14:43 Bäume. Wenn wir den Gletscher dagegen verlassen: 14:53 Kein einziger Baum weit und breit. Sie sind vor Jahrtausenden erfroren. Vor 11.000 Jahren wird es wieder wärmer und das Eis weicht zurück. 15:07 Ins Rhein-Tal wandern die ersten Bäume ein. Und so breitet sich mit einem Durchschnittstempo 15:16 von 250 Metern pro Jahr ein Urwald aus, in dem die Eiche dominiert. Nach 3000 Jahren bedeckt er ganz Deutschland. 15:38 Schon in der Jungsteinzeit schlagen die ersten Ackerbauern Rodungsinseln in den Urwald. 15:44 Für Ackerflächen, aber auch, weil Holz zu allem benutzt wird: Heizen, Kochen, Häuserbauen. 15:51 Der Weg zum Holz wird schnell zu weit. Oft schon nach zehn Jahren werden die Dörfer wieder aufgegeben. 15:58 Und entstehen ein paar Kilometer weiter neu. Auf den verlassenen Flächen sprießen bald junge Eichen und Buchen. 16:06 Doch weil Buchen doppelt so schnell und höher wachsen, sind sie bald die Nummer eins in Deutschlands Wäldern. 16:24 Über Jahrtausende folgen die Buchen der Wanderung der Menschen. Doch der Wald wird schon jetzt, 500 Jahre vor Christus, 16:35 immer intensiver genutzt. In Manching etwa, einer Industriemetropole der Kelten 16:40 mit damals schon 10.000 Einwohnern. Unablässig rauchen die Feuer. 16:46 Denn die Kelten verhütten Eisenerz für Waffen und Werkzeuge, die in ganz Europa gefragt sind. 16:55 Ihr Holzhunger vernichtet die Wälder ringsum. 500 Jahre später ist Deutschland nur noch zu 70 % von Wald bedeckt. 17:09 Im Mittelalter wachsen die Siedlungen zu bedeutenden Städten. Wie hier Dortmund. 17:17 Das lässt den Wald im Rekordtempo schrumpfen. Um 1400 auf nur noch 26 %, deutlich weniger Waldfläche als heute. 17:29 Erst um 1800 zieht man die Notbremse. Und beginnt eine massive Wiederaufforstung 17:34 mit schnell wachsenden Fichten. Aus der Verlusterfahrung ist eine Liebe entstanden. 17:42 Das Entscheidende ist dabei, dass die Liebe zur Natur nicht bei der ländlichen Bevölkerung entstanden ist. 17:49 Die die Wälder genutzt haben zu allen möglichen Zwecken. Sondern es sind Städter gewesen, die in die Wälder gereist sind. 17:58 Und den Leuten gesagt haben, wie schön sie leben. Wälder reichen in Deutschland heute bis in unsere Städte hinein. 18:10 Wie hier in München. * Musik * 18:19 Das Bundeswaldgesetz garantiert jedem Bürger freien Zugang. Selbst zu Wäldern in Privatbesitz. 18:26 Dortmund ist stolz auf 50 % Grünfläche. Stadtwälder wie die Bolmke reichen hier bis an die City. 18:39 Frankfurts Wolkenkratzer blicken auf die grüne Lunge des Stadtwaldes hinab. 18:45 Schon 1715 ließ Markgraf Karl Wilhelm sein "Karlsruhe" mitten in den Wald bauen. 18:51 Im Norden liegt bis heute eine kühlende Frischluftschneise. Der Leipziger Auwald 19:03 gehört zu den größten Flussauen-Wäldern Mitteleuropas. Auch Stuttgart liegt zwischen Wald und Reben. 19:14 Die teuersten Wohnviertel schauen auch hier ins Grüne. Freiburgs Stadtwald muss für 5 Mio. Besucher im Jahr gepflegt werden. 19:30 Ein Forstamtsleiter hat berechnet: Einmal joggen unter Bäumen koste die Stadt rund 20 Cent. 19:52 Berlins Grunewald ist der größte Stadtwald Europas. Er wurde schon 1915 für alle Zeit unter Schutz gestellt. 20:02 Und im Tiergarten in Berlin Mitte stehen heute wieder 260.000 Bäume. Das ehemalige Jagdrevier der Kurfürsten von Brandenburg 20:13 ist wieder eine grüne Oase. Aus den Schösslingen, die in den Nachkriegsjahren 20:20 in die zerstörte Stadt gebracht wurden, sind inzwischen stattliche Bäume geworden. 20:26 Die Waldinsel mitten in der deutschen Hauptstadt erstaunt Besucher aus aller Welt. 20:32 Doch kaum jemand denkt noch an die amerikanischen Piloten, die Bäume nach Berlin eingeflogen haben. 21:04 Diese Eiche dagegen steht im Grunewald. Ihr Stammumfang von fünfeinhalb Metern lässt vermuten, 21:11 dass sie um die 500 Jahre alt ist. Ihre Krone hat etwa 600.000 Blätter. 21:28 Wie jeden Tag hat unsere Eiche einen langen Arbeitstag hinter sich: Sie hat heute zwölf Kilo Zucker produziert, 21:36 die sie nach und nach in ihr hölzernes Skelett einlagern wird. Sie hat den CO2-Ausstoß 21:41 von zwei bis drei Berliner Einfamilienhäusern aufgenommen. 400 Liter Wasser verdunstet und so viel Sauerstoff produziert, 21:49 wie zehn Berliner am Tag zum Leben brauchen. Doch ihr Skelett hat auch viele Wunden. 22:06 Tiere und Pilze haben ihren Stamm über Jahrhunderte als Wohnraum genutzt. 22:11 Und überall Hohlräume hinterlassen. Unsere Eiche musste das ertragen. 22:16 Denn sie kann bei Angriffen nicht weglaufen. Ihr Leben lang steht sie bereits am selben Fleck. 22:23 Der Leuchtpunkt zeigt, wo genau. Als sie im Jahr 1543 ihre ersten Wurzeln in den sandigen Boden steckt, 22:32 ist Berlin ein beschauliches Landstädtchen. Und Kopernikus hat gerade erst entdeckt, 22:38 dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Ihr zuckersüßer Trieb hat Glück, denn die Hirsche übersehen ihn. 22:58 Um 1600 herum mit knapp 60 wird unsere Eiche geschlechtsreif. Ein rund zehn Meter großer Baum-Teenager, 23:06 der mit Dürren, Unwettern und Schädlingen zu kämpfen hat. 1618 beginnt der Dreißigjährige Krieg. 23:19 Berlin verliert die Hälfte seiner Einwohner. 1806, unsere Eiche hat gerade ihren 250. Geburtstag hinter sich, 23:30 zieht der Eroberer Napoleon in Berlin ein. Als die Eiche fast 300 Jahre alt ist, beginnt die Industrialisierung. 23:44 Die Stadt wächst. Bäume werden gefällt. 23:49 Doch nach Bürgerprotesten wird der Grunewald unter Schutz gestellt. 1916 tobt der Erste Weltkrieg. 23:59 Und in Berlin sterben Tausende an Unterernährung. Unsere Eiche ist jetzt 373. 24:08 15 Jahre später pulsiert wieder das Leben. Und immer mehr Menschen suchen Erholung im Grunewald. 24:19 1939 beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Unablässig ziehen von Westen her die alliierten Bomberverbände 24:27 über den Grunewald zur Stadtmitte. Im April 1945 kommt es hier noch zu Gefechten 24:36 zwischen russischen und deutschen Soldaten. Wenig später ist Deutschland besiegt und Berlin geteilt. 24:54 Als John F. Kennedy vor dem Rathaus der geteilten Stadt die berühmten Worte spricht: 24:59 "Ich bin ein Berliner", ist unsere Eiche 420 Jahre alt. Ein Vierteljahrhundert später feiert Deutschland Wiedervereinigung. 25:09 Und unsere Grunewald-Eiche hat 500 Jahre auf dem Buckel. Jedes Jahr wagen Millionen Baumkinder in unseren Wäldern 25:38 den Start ins Leben. Doch nur wenige werden es schaffen. 25:43 Jede Buche bildet im Laufe ihres Lebens 2 Millionen Bucheckern. Statistisch betrachtet wird nur eine davon zu einem ausgewachsenen Baum. 26:13 Wenn es im Wald einen Konkurrenzkampf gibt, dann unter dem Nachwuchs. Denn zum Schutz der Gemeinschaft gelingt nur den stärksten Bäumen 26:23 der Vorstoß in die Chefetage des Waldes: das Kronendach. Bei Wind schwingt hier oben jeder Baum etwas anders. 26:44 Und federt so das Schwanken des Nachbarbaumes ab. Das Innere des Waldes aber wird gegen Wind und Wetter abgeschirmt. 26:52 Und bleibt gleichmäßig feucht und kühl. * Musik * 27:07 Doch auch diese Riesen müssen irgendwann abtreten. Jeder Wald ist ein System im Übergang. 27:19 Gerade deswegen gehört auch der Tod zum Wald. Auf den ersten Blick ist es nur ein Spinnennetz. 27:32 Doch es ist Teil einer Welt, die das Leben im Wald im Innersten zusammenhält. 27:38 Die Schattenwelt der Spinnen und Krabbeltiere, von Pilzen und unsichtbaren Stoffwechseln. 28:08 Der Kreislauf des Lebens erzeugt stets Abfall. Doch nirgendwo entsteht mehr Abfall als im Wald. 28:15 Holz vermodert, Blätter fallen, Kräuter verfaulen. Ameisen etwa bauen ganze Städte aus Bio-Müll. 28:26 Doch nicht nur sie. Milliarden von Organismen zersetzen hier Berge von Abfall. 28:31 Und führen ihn zurück in den Kreislauf des Lebens: Als nährstoffreichen, feinsten Waldboden, den Humus. 28:47 * Musik * Zu den kleinsten Müllmännern gehören die Springschwänze. 29:16 Es gibt sie in zahllosen Variationen. Keiner ist aber so niedlich wie der Kugelspringer. 29:23 Nur ein Zehntel Millimeter klein. Bis zu 100.000 Springschwänze leben auf einem Quadratmeter Waldboden. 29:30 Und mit einer Sprungfeder katapultieren sie sich zum nächsten Abfallberg oder wandeln übers Wasser. 29:39 * Musik * Wie klein sie sind sieht man, wenn eine Spinne über sie hinwegkrabbelt. 30:07 180 Milliliter Humus produzieren Springschwänze jedes Jahr pro Quadratmeter Waldboden. 30:13 Und die Springschwänze sind ja nicht allein. In einer Handvoll Walderde stecken mehr Lebewesen 30:27 als es Menschen auf der Erde gibt. Sie alle wirken auf den Boden ein und arbeiten ihn für die Bäume auf. 30:36 In der Hoffnung auf neuen Müll. * Musik * 30:54 Im Zeitraffer ahnt man, wie schnell die Armee der Müllmänner organische Reste zersetzt. 31:09 Auch im Untergrund geht der Leichenschmaus weiter. Hier lebt eine fast farblose Variante der Springschwänze. 31:16 Auch sie verdauen organische Reste. Und erzeugen so neue Nährstoffe für die Waldgemeinschaft. 31:40 In einem Eichenwald bei Rhinow im brandenburgischen Havelland sind Eichenprozessionsspinner eingefallen. 31:47 Forscher der Universität Göttingen wollen herausfinden, wie die Bäume sich bei solchen Attacken warnen. 31:54 Und welche "Sprache" sie benutzen. In mühseliger Kleinarbeit sammeln die Forscher Gase. 32:02 Denn sie glauben, dass die Bäume flüchtige Kohlenstoff-Verbindungen erzeugen. 32:07 Duftbotschaften, die die Nachbarn im Wald warnen. Ihren Namen haben die Eichenprozessionsspinner, 32:20 weil sie wie bei einer Prozession immer in einer Reihe kriechen. Sie fressen das frische Grün der Eichen, 32:30 bevor sie sich im Juli in einen Nachtfalter verwandeln. Die feinen Haare der Plagegeister 32:37 können bei Menschen allergische Schocks und Asthmaanfälle auslösen. Daher die Schutzanzüge der Forscher. 32:49 Früher starben die empfindlichen Raupen meist im wechselhaften Aprilwetter. 32:54 Seit bei uns die Durchschnittstemperaturen steigen, überleben sie bis zum Blattaustrieb. 33:02 Auf den Dauerangriff reagieren die gestressten Bäume mit dem Aussenden von Duftstoffen. 33:07 Die versuchen die Forscher, einzufangen und zu analysieren. Schädlings-Attacken eignen sich für die Sprach-Forschung besonders gut. 33:20 Denn dabei haben Wissenschaftler überhaupt erst entdeckt, dass Bäume miteinander sprechen. 33:26 Man hat Experimente gemacht, wo man diesen Fraß simuliert hat. Indem man einen Baum geschädigt hat, 33:33 ihm die Blätter abgeschnitten hat, und siehe da: Nicht nur dieser Baum reagierte mit der Produktion dieser Abwehrstoffe, 33:41 sondern auch die Nachbarn, die gar nicht geschädigt worden sind. Das heißt die Bäume müssen in der Lage sein, sich auszutauschen, 33:50 diese Informationen weiterzugeben. Allein im Rhinower Eichenwald 33:56 wurden 300 verschiedene "Vokabeln" eingefangen. Weltweit sogar 2000 "Baum-Worte". 34:08 So wie wir in Lauten sprechen, benutzen Bäume offenbar unterschiedliche Varianten 34:13 von Kohlenstoffverbindungen. Sie sind so klein, dass es fast unmöglich ist, 34:18 ihr reales Erscheinungsbild in einer Animation sichtbar zu machen. Auch unsere Berliner Eiche spricht mit ihren Nachbarn im Grunewald. 34:34 Je mehr Moleküle die Forscher einfangen, desto besser hoffen sie, den Wald zu verstehen. 34:47 In Nadelwäldern trudeln manchmal so viele antibiotisch wirkende Duftstoffe, 34:52 dass die Luft dort nahezu keimfrei ist. Und auch wenn wir sie bewusst nicht wahrnehmen: 35:01 Es könnte sein, dass wir Menschen auf die Botschaften der Bäume reagieren. Shaqui Schuricht, Fitness-Trainer aus Berlin, 35:23 trainiert mit seinen Kunden nicht im Studio. Er geht in den Grunewald. 35:30 "Nature Athletes" heißt sein Trainings-Camp. Und der Name ist Programm. 35:35 Shaqui trainiert seine Kunden an Holzstämmen oder lässt sie unter Bäumen laufen. 35:41 Hinterher seien alle "irgendwie weichgespült". Mit mobilen EKG-Geräten und Blutdruckmessern 35:49 untersucht Umweltmedizinerin Daniela Haluza genau diese Auswirkungen des Waldes auf Probanden. 35:57 Weltweit beschäftigen sich Wissenschaftler mit diesem Thema. In Japan gilt "Shinrin-yoku", "Waldbaden" offiziell als Therapie. 36:08 Wald auf Rezept sozusagen. Ein Immunologe wies sogar nach, dass "Waldbäder" Depressionen lindern. 36:18 Denn im Wald produzieren unsere Gehirne verstärkt Wohlfühl-Hormone, die unsere Stimmung aufhellen. 36:27 Die Stress-Hormone dagegen sinken. Selbst der Anblick von grünen Bäumen auf Fotos oder in diesem Film etwa 36:36 reicht schon aus, um ruhiger zu werden. Im Wald wird zudem unser Immunsystem angeregt. 36:54 Ein Effekt, der bis zu sieben Tage nach einem Wald-Aufenthalt anhält. Die Liebe des Menschen zur Natur und zum Wald ist erblich bedingt. 37:10 Wir fühlen uns im Wald deswegen so wohl, weil wir von der Evolution dazu angehalten worden sind, 37:17 Schutz zu suchen. Wenn wir Grün sehen, fühlen wir uns geborgen. 37:22 Der Blutdruck sinkt bei einem Waldaufenthalt. Und zeigt uns, dass eine Stressreduktion stattgefunden hat, 37:29 nachdem man im Wald war. Dafür reichen auch schon zehn Minuten 37:33 von einem gemütlichen Waldspaziergang. Man kann sagen, dass wir gesünder aus dem Wald herauskommen, 37:40 als wir in den Wald hineingehen. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit und die flüchtigen Substanzen 37:48 hat Waldluft zudem eine andere elektrische Ladung als Stadtluft. Sie enthält deutlich mehr Sauerstoff. 37:55 Beides ist ebenfalls gut für unsere Gesundheit. Der Sauerstoff entsteht durch das Wunder der Photosynthese. 38:08 Dass wir überhaupt Luft zum Atmen haben, verdanken wir Pflanzen wie unserer Eiche. 38:13 Denn sie stellen aus Licht, Luft und Wasser Traubenzucker her. Und als Abfallprodukt Sauerstoff. 38:20 Das Wunder geschieht in diesen rundlichen Mini-Kraftwerken in den Zellen ihrer Blätter: den Chloroplasten. 38:28 In ihrem Inneren stapeln sich Scheibchen der Substanz, die den Blättern ihre Farbe gibt: Chlorophyll. 38:35 Wie Stapel grüner Pfannkuchen schwimmen sie in der Zellflüssigkeit. Und wie eine Solarzelle absorbieren diese Mini-Kraftwerke 38:45 die Energie des Lichts. Und laden damit Elektronen in ihrem Inneren auf. 38:50 Das wiederum löst ein Energiegewitter aus, das alles durcheinanderwirbelt. Die Wassermoleküle der Zellflüssigkeit 38:57 verbinden sich dadurch mit dem Kohlendioxid aus der Luft. Das ständig durch die Spaltöffnungen der Blätter hereinströmt. 39:05 Aus sechs Wasser-Molekülen und sechs Molekülen CO2 entsteht Traubenzucker. Das heißt: pure Energie. 39:18 In Flüssigkeit aufgelöst wird dieser Zucker aus den Blättern in alle Teile des Baums geleitet. 39:24 Besonders viel in die Wurzeln, wo er für Notzeiten gespeichert wird. Der Rest wird direkt verbraucht, zum Beispiel zum Wachsen. 39:36 Bei der Zuckerherstellung entsteht allerdings ein Abfallprodukt, das durch die Blattspalten entsorgt wird: Sauerstoff. 39:49 Bäume produzieren besonders viel davon, weil jeder Baum hunderttausende Blätter ins Licht reckt. 39:55 Und jedes grüne Blatt produziert das, was Menschen und Tiere zum Leben brauchen: 40:01 Luft zum Atmen und Nahrung. Pflanzen nutzen lediglich ein Prozent der Sonnenenergie, 40:14 die die Erde erreicht. Doch das reicht, um den Planeten am Leben zu erhalten. 40:19 Und es füllt jeden Wald mit Köstlichkeiten. Und uns verschafft es unsere Luft zum Atmen. 40:36 Vor 3,5 Milliarden Jahren war die Atmosphäre der Erde ein giftiges Gemisch aus Wasserstoff, CO2 und Schwefelgasen. 40:45 Dann entdeckten Algen die Photosynthese. Erste Pflanzen gingen an Land und erhoben sich zu Bäumen. 40:53 Sie wandelten CO2 in Sauerstoff um. So erst entstand die Luft, die wir atmen können. 41:01 Und die Ozonschicht, ohne die uns die UV-Strahlen der Sonne buchstäblich grillen würden. 41:10 Auch das Grün des Waldes ist übrigens ein Abfallprodukt. Nämlich genau der Anteil im Farbspektrum des Lichts, 41:17 den das Chlorophyll nicht verarbeiten kann. Und genau auf dieses Grün sprechen unsere Gehirne seit Jahrtausenden an. 41:31 Wälder bedeuten für uns Leben. Überall in Deutschland, wo Krieg und Not Wälder zerstört hatten, 41:45 wurden damals neue Bäume gepflanzt. Man war der Meinung, dass das Wiederaufforsten 41:52 eine positive Wirkung hat auf das Bewusstsein der Menschen. Wir pflanzen Bäume, das heißt ja: Wir denken an eine Zukunft. 42:05 Bei aller Vergänglichkeit: Viele Bäume leben mühelos fünf Mal so lang wie jeder von uns. 42:30 Heute wissen wir: Bäume sind soziale Wesen. Sie pflegen Beziehungen und gehen Partnerschaften ein. 42:39 Vielleicht wachsen sie in großen Gruppen, um Trost und Schutz zu suchen. 42:45 Vielleicht dient das alles aber auch nur dem Überleben der eigenen Art. Und vielleicht verstehen wir eines Tages sogar die Sprache der Bäume. 43:09 Untertitel im Auftrag des ZDF, 2017