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Positives Recht vs. Naturrecht | EINFACH ERKLÄRT

StudioEinfach - Wissen, das Klick macht! 7:51 1.704 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 54 Zeilen
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  1. Dürfen Gesetze ungerecht sein? Klingt erstmal wie eine komische Frage, oder? Aber glaub mir, das ist eine der größten und wichtigsten Fragen in der ganzen
  2. Rechtsphilosophie. Und am Ende dieser kurzen Erklärung hier wirst du verstehen, warum diese Frage uns alle, wirklich alle etwas angeht. Okay, lass
  3. uns direkt mal ins kalte Wasser springen. Stell dir mal dieses krasses Szenario vor. Ein Staat beschließt ein Gesetz, das Folter offiziell erlaubt.
  4. Ein Richter bekommt einen Fall auf den Tisch und muss nach diesem Gesetz urteilen. Was soll der jetzt tun? Sich an das Gesetz halten, weil es nun mal
  5. Gesetz ist, oder sagen auf keinen Fall, weil es gegen jede Moral verstößt? Genau das ist der Konflikt, um den es heute geht. Bei dieser Frage kann man sich das
  6. Ganze wie einen Kampf zwischen zwei Teams vorstellen. In der einen Ecke steht Team Gesetz ist Gesetz und in der anderen Ecke Team Gerechtigkeit über
  7. alles. Um zu verstehen, worum es da wirklich geht, schauen wir uns jetzt mal beide Kontrahenten genauer an. Fangen wir mal mit Team 1 an. Deren Philosophie
  8. nennt man positives Recht. Und ganz wichtig, positiv hat hier nichts mit gut oder toll zu tun. Nee, nee, das kommt vom lateinischen Wort Positum und das
  9. bedeutet so viel wie gesetzt oder festgelegt. Positives Recht ist also ganz einfach ausgedrückt all das Recht, das von Menschen gemacht und
  10. aufgeschrieben wurde. Alles was im Strafgesetzbuch, im bürgerlichen Gesetzbuch und so weiter steht. Es ist das Recht, das hier und jetzt gilt, weil
  11. der Staat gesagt hat, so machen wir das. Die Merkmale sind eigentlich total logisch. Erstens, das haben sich Menschen ausgedacht. Es ist nicht vom
  12. Himmel gefallen. Zweitens, es gilt nur an einem bestimmten Ort, also deutsche Gesetze halt in Deutschland. Drittens, es ist erzwingbar, notfalls mit Polizei
  13. und Gerichten. Und ganz entscheidend, man kann es ändern. Gesetze sind also nicht in Stein gemeißelt. Die Quelle ist immer der Staat. Der Philosoph Thomas
  14. Hops hat das mal perfekt zusammengefasst. Für die Anhänger vom positiven Recht ist es völlig egal, ob ein Gesetz moralisch wahr oder richtig
  15. ist. Die einzige Frage ist, hat die zuständige Autorität, also der Staat, das so beschlossen? Ja, okay, dann gilt's. Punkt. Ende der Debatte. Aber
  16. warum diese super strenge Haltung? Na ja, der riesige Vorteil ist die Rechtssicherheit. Du und ich, wir können uns darauf verlassen, dass die Regeln
  17. für alle gelten. So verhindert man, dass ein Richter heute so und morgen so entscheidet, je nachdem, wie er gerade drauf ist. Es schafft also klare,
  18. verlässliche Spielregeln. So und damit kommen wir zum gegnerischen Team, dass die Sache, na ja, komplett anders sieht. Team Naturrecht. Die sagen nämlich:
  19. "Moment mal, es kann doch nicht sein, dass jedes noch so verrückte Gesetz gelten soll, nur weil es mal jemand aufgeschrieben hat." Die Idee hinter dem
  20. Naturrecht ist, dass es so etwas wie universelle Prinzipien von Gerechtigkeit gibt. Ein höheres Recht, das über allen staatlichen Gesetzen steht. Ein Recht,
  21. das für jeden von uns gilt, einfach weil wir Menschen sind. ganz egal, was irgendein Parlament gerade beschließt. Die Merkmale sind also quasi das genaue
  22. Gegenteil vom positiven Recht. Das Naturrecht soll immer und überall gelten. Es ist ewig und unveränderlich. Der Haken, es ist nicht wirklich
  23. einklagbar, sondern eher moralisch verbindlich. Und wo kommt es her? Tja, da gibt's je nach Denkschule verschiedene Antworten von Gott, aus der
  24. Natur des Menschen oder einfach aus der reinen Vernunft. Hier sehen wir den Unterschied noch mal auf einen Blick. Auf der einen Seite das konkrete
  25. staatliche Recht, das man durchsetzen kann, auf der anderen Seite diese große universelle Idee von Gerechtigkeit, die eher wie ein moralischer Kompass
  26. funktioniert. Solange die Gesetze in einem Land halbwegs in Ordnung sind, ist dieser ganze Streit ziemlich theoretisch. Aber jetzt wird's ernst.
  27. Was passiert, wenn das geschriebene positive Recht ungerecht wird, wenn Gesetze die Menschen nicht mehr schützen, sondern sie unterdrücken? Und
  28. damit kommen wir zum absoluten Härtetest für diese beiden Ideen. Denn die Geschichte hat uns leider auf die brutalste Weise gezeigt, dass aus Recht
  29. das Allerschlimmste Unrecht werden kann. Im Nationalsozialismus wurde dieser philosophische Streit zur tödlichen Realität. Es wurden Gesetze erlassen,
  30. die Menschen ganz offiziell und legal entrechtet, verfolgt und am Ende ermordet haben. Und das war der Moment, in dem die simple Regel Gesetz ist
  31. Gesetz an ihre grausamen Grenzen gestoßen ist. Und genau an diesem Punkt betritt ein deutscher Rechtsphilosophüne,
  32. dessen Ideen alles verändern sollten, Gustav Radbruch. Dieser Satz von ihm ist unglaublich wichtig. Er meint damit, daß sich ein
  33. Jurist immer bewußt sein muss, dass das Gesetz, dem er dient, zu einer Waffe werden kann. Man braucht quasi so eine eingebaute moralische Alarmanlage.
  34. Nach diesen schrecklichen Erfahrungen hat Radbruch versucht, eine Brücke zwischen den beiden Teams zu bauen, einen Kompromiss, der die
  35. Rechtssicherheit nicht über Bord wirft, aber verhindert, dass das Recht zu einem Monster wird. Das Ergebnis ist seine weltberühmte Formel und man muss
  36. verstehen, warum er das getan hat. Das war kein Gedankenspiel im Elfenbeinenturm. Er hat diese Formel direkt nach 1945 entwickelt als direkte
  37. Antwort auf die Frage, wie hätte man mit den Gesetzen der Nazis umgehen sollen und noch wichtiger, wie verhindern wir so etwas in Zukunft? Und so funktioniert
  38. die Formel in drei ganz einfachen Schritten. Schritt ein ist der Normalfall. Im Sinne der Rechtssicherheit gilt erstmal das
  39. geschriebene Gesetz, auch wenn wir es vielleicht ein bisschen unfair finden. Schritt 2 ist die erste Notbremse. Wenn der Widerspruch zwischen dem Gesetz und
  40. der Gerechtigkeit unerträglich groß wird, dann muss das Gesetz zurücktreten und die Gerechtigkeit hat Vorrang. Und Schritt 3 ist die absolute KO Regel.
  41. Wenn ein Gesetz ganz bewusst die Gleichheit aller Menschen leugnet, und das ist ja der Kern von Gerechtigkeit, dann ist es von Anfang an gar kein
  42. gültiges Recht, nur noch bedrucktes Papier. Machen wir es mal ganz konkret. Die Nürnberger Gesetze von 1935, die jüdischen Bürgern alle Rechte
  43. abgesprochen haben. Nach Ratbrüchsform, ganz klar Schritt 3, waren diese Gesetze von der ersten Sekunde an ungültig. Sie waren kein Recht, weil ihr einziger
  44. Zweck war, die Gleichheit von Menschen zu zerstören. Ein Richter hätte sich also niemals daran halten dürfen. Und das coole ist, das ist nicht nur graue
  45. Theorie geblieben. Wir springen jetzt mal ins Jahr 1949, ein super wichtiges Jahr für Deutschland. In diesem Jahr wurde
  46. nämlich unser Grundgesetz geschrieben und die Gedanken von Ratbruch, die stecken da ganz tief mit drin. Schon der allererste Artikel: Die Würde des
  47. Menschen ist unantastbar. Das ist pures Naturrecht. Das ist die Superregel über allem. Jedes andere Gesetz in Deutschland muss sich daran
  48. messen lassen. Das ist die zentrale Lehre, die wir aus der Geschichte gezogen haben. Also, was solltest du dir aus all dem merken? Hier ist die
  49. Zusammenfassung in drei Punkten. Erstens, positives Recht. Das ist das gemachte Gesetz vom Staat. Gut für die Sicherheit, kann aber auch richtig übel
  50. sein. Zweitens, Naturrecht. Das ist die Idee von einem höheren moralischen Gesetz. Immer gerecht, aber oft schwer zu fassen. Und drittens Ratbruchsformel,
  51. der geniale Kompromiss, der sagt, das Gesetz gilt, es sei denn, es wird unerzäglich ungerecht. Dann hat die Gerechtigkeit das letzte Wort. Und jetzt
  52. die Frage an dich: Was denkst du, Recht oder Moral? Was sollte im Zweifel gelten? Sollte ein Richter immer stur dem Gesetz folgen, egal was drin steht,
  53. um die Sicherheit zu garantieren? Oder sollte das eigene Gewissen, die Moral im entscheidenden Moment wichtiger sein als das geschriebene Wort? Eine einfache
  54. Antwort, die gibt's nicht, aber darüber nachzudenken, das ist verdammt wichtig.