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Religion und Identität: Was glaubst du denn? | Ich und die Anderen | planet schule | ARD

planet schule29:30 30.501 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 257 Zeilen
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  1. Ich hab den Eindruck, es sind manchmal sehr wenige, existenzielle und grundlegende Fragen, die damit verbunden sind.
  2. Ist das Glauben oder nicht Glauben? Gibt's Gott oder nicht? Das ist für mich so eine große Frage,
  3. und deswegen gibt es auch so viele Zweifel. (Ruhige Musik)
  4. Die Aufgabe für mich ist schon immer hinzuhören: "Ist das noch mein Weg?" Die Frage stell ich nicht nur mir selber,
  5. sondern die stell ich ja auch Gott. Ganz simpel: "Gott willst du, dass ich das mache?"
  6. (Energievolle Musik) Am ersten Tag der elften Klasse
  7. war ich zum ersten Mal mit dem Kopftuch in der Schule. Das wird für immer ein besonderer Moment sein.
  8. Meine Freundin hat mir angesehen, dass ich sehr nervös bin. Sie meinte: "Warum bist du nervös?"
  9. "Das war deine Entscheidung, sei stark jetzt." Meine Eltern haben gemeint: "Laila, mach dir keine Sorgen."
  10. Jetzt werd ich auch emotional. Dann hab ich einfach das getan, was mein Herz mir gesagt hat.
  11. (Ruhige Musik) Es ist mir wirklich sehr wichtig,
  12. dass ich eine jüdische Frau finde und jüdische Kinder habe. Mein Uropa war, glaub ich, Rabbiner, alle waren sehr religiös.
  13. Ich fand das etwas schade, weil meine Tante und mein Onkel, alle, die in Russland leben, sind überhaupt nicht religiös.
  14. Ich finde es schade, dass es verloren geht, weil ... Um es ganz dumm zu sagen: Es gibt nicht mehr viele Juden.
  15. Dann gibt's noch mal weniger, wenn ich dann keine jüdische Frau finde. Ich finde, das ist eine Sache, die man weitergeben sollte.
  16. Es ist Teil meiner Identität. (Ruhige Musik)
  17. Ich hab heute ... die haben mir die Kaplansaufgabe gegeben. Bischof, Mitra, an und aus. Muss ich vorher noch was besprechen?
  18. Nee, ist alles ganz normal? - Ganz normal. (Entfernte Stimmen, er summt leise.)
  19. Heute ist der große Jugendtag im Rahmen der Heilig-Haupttage. Es gibt einen Jungendgottesdienst im Dom.
  20. Ich helf ein bisschen mit hier, kümmer mich um die Ministranten, die als Gäste sozusagen aus dem ganzen Bistum gekommen sind.
  21. Und ähm, jetzt gibt's was zu regeln, genau. Wir kommen an, dann gibt er den Stab ab und die Mitra
  22. und macht dann die Verbeugung? Nee, er verbeugt sich ... - Genau.
  23. Ah! - Richtig, genau. Wir sitzen ja nebeneinander, das kriegen wir hin, genau.
  24. (Entferntes Kirchenläuten) Ich bin nach der Erstkommunion ganz selbstverständlich
  25. Messdiener geworden und hab in der Jugendarbeit Erfahrungen gemacht, die waren sehr gut.
  26. Die Leute, die ich persönlich erleben konnte, haben immer ausgestrahlt, dass ihnen das große Freude macht.
  27. Die waren ganz sie selbst, deswegen hat das auf mich so ein bisschen abgefärbt.
  28. (Langsame Orgelmusik) Vielleicht hat eine Rolle gespielt,
  29. dass ich ziemlich früh meinen Vater verloren hab. Damit sind große Fragen verbunden:
  30. "Warum passiert ausgerechnet mir das?", "Warum wird mir der Vater genommen?",
  31. "Gibt es jemanden, der dafür verantwortlich ist?", "Kann ich auf jemanden sauer sein?".
  32. Irgendwie bin ich über die vielen Fragen, die so kamen, darauf gekommen, dass ich dem näher nachgehen will.
  33. ♪ Es segne euch der allmächtige Gott, ♪ der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
  34. (alle:) ♪ Amen! Dann schien mir das irgendwann sinnvoll zu sein,
  35. dass es mit dem Theologiestudium oder mit dem Priesterberuf vielleicht gut geht, auf die großen Fragen des Lebens Antwort zu finden.
  36. Oder zumindest sich auf die Suche danach einzulassen, ja. (Atmosphärische Musik)
  37. (Entfernte Gespräche) (Der Lehrer spricht Japanisch.)
  38. " ... tabete wa ikimasen"? Ich studier Politikwissenschaft
  39. und mache auch Japanisch- und Chinesisch-Sprachkurs. Ich glaube, dass es heute wichtig ist, wegen der Globalisierung,
  40. dass man weltoffen ist, verschiedene Kulturen und Sprachen kennt. (Unverständliches Gespräch)
  41. Meine Eltern haben mich nie gezwungen, irgendwas zu machen, also zu beten oder zu fasten oder irgendwas anderes Religiöses.
  42. Sie haben mir davon erzählt, ich fand es schön und wollte es machen. Meine Mutter war immer ein Vorbild für mich,
  43. von wegen "Sei gut zu deinen Mitmenschen" ... "Behandle andere so, wie du dich selbst behandeln würdest".
  44. Ich wusste, dass sie das von unserer Religion hat. Ich wollte mehr von dieser Religion erfahren.
  45. Da! Der ist immer am Anfang. (Popmusik) Der ist ... echt schlimm.
  46. Über die Ferien hat sie schon so geschrieben, dass sie jetzt Schleier trägt, was für mich erst mal ...
  47. ungewohnt war, also, ich war erst quasi sogar schockiert. "Ist das jetzt dauerhaft oder nur so phasenmäßig?"
  48. Sie war dann so, ja, eigentlich hat sie vor, das für immer zu tragen. Als ich sie das erste Mal gesehen hab ...
  49. war das schon ... echt ziemlich ungewohnt. (Atmosphärische Musik)
  50. (leise:) Du machst Nudeln? Wo ich in der Schule dann angefangen hab, mein Kopftuch zu tragen,
  51. das war echt ein schöner Moment. Ein ... etwas befreiender Moment.
  52. (Sie lachen.) Ich hab mich auch, ehrlich gesagt, selbstbewusster gefühlt.
  53. Weil ich vorher eher eine Person war, die nicht so selbstbewusst ist. Ähm, ja, das ist unser Kühlschrank.
  54. Und wie man vielleicht sehen kann, wir trennen nach Milch und Fleisch. Es ist unkoscher, wenn man Milch und Fleisch zusammen isst.
  55. Cheeseburger geht überhaupt nicht. Wir haben auch kein Schweinefleisch, wär auch unkoscher.
  56. Keine Giraffen oder sonst irgendwas. Ich hab davon absolut gar nichts, glaub ich.
  57. Ich mach das aus dem Gedanken heraus, vielleicht, wenn ich nicht mehr bin, geht es mir oben besser oder so.
  58. Sonst ist es einfach eine Sache, die zu meiner Kultur gehört, zu meiner Herkunft gehört.
  59. Ich find es schön, dass man sich damit immer erinnern kann, wer man selber eigentlich ist.
  60. Es gibt insgesamt ja 613 Gebote und Verbote zusammengenommen. Es wirkt erst mal so krass, 613.
  61. Aber da sind ganz banale Dinge dabei teilweise, von daher. Ich kann die nicht alle auswendig, ich glaub, das kann niemand.
  62. Das ganze Judentum für mich selbst entdeckt hab ich mit zwölf, und irgendwann hab ich so gedacht:
  63. "13 ist Bar-Mizwa-Alter, ich will das machen, bin aber nicht beschnitten."
  64. Die Bar-Mizwa ist im Prinzip die Konfirmation unter den Juden. Ich hab meiner Mutter gesagt: "Ich will das machen."
  65. "Ich find das wichtig, das ist ein Teil von mir." (Entfernte Folgetonhorn)
  66. In der Stadt gibt's nicht so viele Juden. In meiner Schule bin ich, glaub ich, sogar der einzige,
  67. trotz ungefähr 1.200, 1.300 Schüler. Da ist es irgendwie special dann immer.
  68. Dass mein Herz bricht, mein Herz bricht? (lacht:) Ja, so ähnlich.
  69. Äh, Skinny, ich mach noch einen one taker und schick dir die Audio. Okay, ich würd zur Bank gehen.
  70. Ich mach sehr gern Musik, vor allem Rap, und hab dazu Musikvideos ins Internet gestellt und so weiter.
  71. So richtig übertrieben, so: "Du Ficker!" Bist du bereit? Ich wär so weit.
  72. (Langsame, unstete Musik) ♪ Als Nächstes battle ich so 'ne lyrische Kanone,
  73. ♪ dessen Haare aussehn wie 'ne missratene Calzone. ♪ Du bist dangerous, du schießt mir in mein Brain,
  74. ♪ aber wenn, du kannst meines nur verfehlen. Boris kenn ich jetzt seit anderthalb Jahren.
  75. Ich hab mich gefreut, weil es der erste Jude ist. Weil ich einfach mal einen anderen Einblick in die Religion hab.
  76. Aber an sich ändert sich ja nichts an der Person. ♪ Geh doch bitte in eine andere Rubrik,
  77. ♪ mit Stahl kannst du gut über die Einsamkeit singen. ♪ Aber ich hab noch jemand, um dir 'n Vorschlag mehr zu bringen.
  78. Jede Kultur und jede Religion hat ihre Tradition. Ich find diese Debatte um die Beschneidung,
  79. die find ich eigentlich komplett überflüssig. Ich find es ein bisschen lächerlich einfach,
  80. wenn Menschen behaupten, das wäre Körperverletzung, obwohl sie keinerlei Bezug zur Tradition haben.
  81. Sie wissen nicht, was für einen Grund das hat. Das ist für mich, dass man wem verbietet,
  82. den Bund mit Gott zu schließen, wenn er Jude ist, weil sie es falsch finden.
  83. Also ich kenne keinen einzigen jüdischen Jugendlichen, der sagen würde: "Nö, ich find das komplett verwerflich."
  84. (Bewegte Musik) (Leises Gespräch)
  85. (Er lacht.) Ich bin jetzt auf dem Weg nach Wittlich, wo wir gemeinsam
  86. mit ein paar Studienkollegen eine Kunstausstellung anschauen werden, die den Titel trägt: "Leidenschaft für das Leiden".
  87. Die ist seitenverkehrt gegenüber dieser Werkstellung. (Glorreiche Chormusik)
  88. Und das ist eine Originaldarstellung und das ist dann noch einmal ... In manchen Fragen fühl ich mich nah dran am Alltag der Menschen,
  89. manchmal frag ich mich auch: Ist nicht die Tatsache, dass ich Priesteramtskandidat bin, schon ein Zeichen dafür,
  90. dass ich an manchen Menschen nicht so dran bin? Aber ich sag mal so: Unabhängig von meinem Berufswunsch,
  91. bin ich natürlich erst mal 23, ganz normal im Kopf und irgendwie mit den gleichen Fragen unterwegs
  92. wie alle anderen auch. Ich mein, eine spätere Aufgabe wird definitiv sein,
  93. in der Seelensorge tätig zu sein. Das ist irgendwie so mein Traumberuf, Seelsorger zu sein.
  94. Und ähm, da glaub ich schon, dass es schon Nähe gibt zum Leben, ja. (Glorreiche Chormusik)
  95. Gerade wenn es um Trauer und Tod geht, kann ich natürlich durch den Tod meines eigenen Vaters
  96. relativ gut nachvollziehen, was sich in Leuten vielleicht emotional tut. Auch wenn ich in niemanden reingucken kann,
  97. aber ich kann zumindest sagen, das ist meine Erfahrung. Und ich glaube, also ein Ziel, was ich mir setzen möchte, ist:
  98. Das klingt ein bisschen geschwollen, aber also jemand zu werden, der sich immer mehr darin einübt, ein weites Herz zu haben.
  99. (Entfernte Folgetonhorn) (Leise Gespräche)
  100. Man verrichtet die rituelle Gebetswaschung, weil man aus islamischer Hinsicht gereinigt beten soll
  101. und Gott gegenüber stehen soll. Ich hab immer das Gefühl, dass es noch meine Seele reinigt.
  102. Und das ist auch noch mal ein Kick, da ist man noch etwas wacher. Und dann ist man auch etwas konzentrierter.
  103. (Sie sprechen in ihrer Sprache.) Der Gebetsbereich von Mann und Frau ist getrennt,
  104. weil Mann sich nicht von Frau ablenken lassen soll während des Gebets und andersrum.
  105. Also ich find das okay so. Es geht ja in erster Stelle darum, dass man konzentriert betet,
  106. und man soll sich verbunden fühlen zu Gott. (Gebet in ihrer Sprache)
  107. Wenn ich zum Beispiel fünfmal am Tag bete, dann ist mein Tag für mich viel organisierter und strukturierter.
  108. Und durch das Gebet hab ich immer diese kleinen Pausen zwischendurch, in denen ich ganz abschalte von dem ganzen Stress
  109. und mich nur auf mich selbst konzentriere oder auf die Beziehung zwischen mir und Gott.
  110. (Bewegte Musik) Gott weiß ja, dass Menschen nicht perfekt sind,
  111. und wenn man mal eine Regel bricht oder ähm ... Dann kommt man nicht direkt in die Hölle, so ist das nicht.
  112. Das ist immer so am Ende, Gesamtpaket muss stimmen, deshalb bleib ich trotzdem optimistisch
  113. und versuche, es das nächste Mal besser zu machen. Die Kippa zieh ich an, wenn ich in die Synagoge reingehe,
  114. weil da muss man mit Kopfbedeckung rein. Die Kippa hat einfach den Sinn, dass, egal, wie erfolgreich man ist,
  115. dass man sich immer dran erinnert, dadurch, dass man etwas auf dem Kopf hat:
  116. Es ist jemand über dir, und zwar Gott. Lange nicht mehr gesehen, geht's dir gut?
  117. Wie geht's dir, prima? - Ja, super. Als was bist du angezogen?
  118. Unter Purim ist Tradition, dass man sich verkleidet, wie Fasching. Ich hab eine Wette verloren, dass ich jetzt ein Kleid anziehen muss.
  119. (lacht:) Ein bisschen Contouring. Hanni!
  120. Haman, der Berater des Königs, wollte alle Juden umbringen lassen. Die Juden haben sich verkleidet, um sich zu schützen.
  121. Als Tradition ist entstanden, dass man sich verkleidet an Purim. Ich mach Jugendarbeit total gerne,
  122. einfach weil du hilfst diesen Kindern einen Teil ihrer Identität zu verstehen, sie verstehen aber auch,
  123. dass Religion nicht zwangsläufig bedeutet: Ich bete und dann darf ich das nicht.
  124. Sondern ich kann das mit Spaß machen, kann es lustig gestalten. Religion heißt nicht immer, ich schließe mich irgendwo ein,
  125. sondern es kann auch heißen, ich hab eine gewisse Gemeinschaft, die zu Freunden werden, eine zweite Familie, wenn man so will.
  126. (Stimmengewirr) Purim hat auch seine Gebote, dass man zuhört, wenn vorgelesen wird.
  127. (Singendes Gebet) Jedes Mal, wenn Haman gesagt wird ...
  128. (Lauter Jubel) werden alle ganz laut und klopfen auf Tische und alles Mögliche.
  129. Um ihn quasi wieder zu vertreiben und auszubuhen. (Singendes Gebet)
  130. (Buhen, Rasseln) Es ist schon etwas lockerer, aber es ist immer noch irgendwo religiös.
  131. Wie jedes Fest eigentlich: Sie haben versucht, uns zu töten, wir haben überlebt, lass uns essen.
  132. (Laute Rapmusik) So läuft irgendwie fast jedes Fest ab.
  133. (Singendes Gebet) Auch wenn ich bete, ich sag jetzt nicht: "Ich will das und das."
  134. Die Gebete sind quasi vorgegeben, man spricht nicht selbst was dazu, was man will.
  135. Es ist gut, dass es keine Extrawürste gibt. In Deutschland haben wir genug Essen, ein Dach überm Kopf.
  136. Das sind die elementaren Sachen. Und bei den Gebeten betet man nicht für viel mehr.
  137. Also für Gesundheit, für Frieden, einfach, dass es einem gut geht. Mehr braucht man nicht, den Rest kann man sich erarbeiten.
  138. (Bewegte Musik) Heute ist ein Gottesdienst, bei dem ich gebeten wurde,
  139. Zeugnis abzulegen darüber, wer ich bin, und was mich bewogen hat, den Weg einzuschlagen, Priester werden zu wollen.
  140. (Nervöses Lachen) Bist du nervös? - Nee, es geht.
  141. Hab das schon mal gemacht, von daher geht es. Aber ich hoff, ich kann meine Schrift noch lesen.
  142. (Ruhige Orgelmusik) ALs Priester bereit ich mich natürlich auch darauf vor,
  143. zölibatär zu leben. Das bedeutet in erster Linie ... keine eigene Familie zu haben.
  144. Keine Frau, keine Kinder, aber mit dem Ziel, freier zu sein sozusagen für ... also auf eine andere Weise ...
  145. die Liebe zu den Menschen zu leben. Ganz zum Schluss hab ich es meinen Eltern gesagt, die,
  146. wie vielleicht manche von Ihnen sich vorstellen könnten, weniger begeistert waren.
  147. Der Glaube ist für mich so was wie ein Weg. Ein Weg des Kennenlernens und vielleicht des Sehens,
  148. wie wir es im Evangelium gehört haben. Gott kennenzulernen, die Menschen und mich.
  149. Und irgendwie auf einem Weg zu sein, der auf jeden Fall in Richtung leben geht, es ist ein Weg des Lebens.
  150. (off:) Ich kenn auch Momente, wo ich mich frag, ob das, was ich mache, nur Theater ist oder so.
  151. Ich hab immer gesagt: "Für mich ist Gott einer, der da ist." Aber ich kann das nicht immer in gleicher Weise spüren.
  152. Das ist ja nicht wie auf Knopfdruck. Und wenn dieser Eindruck, Gott ist da, länger ausbleibt,
  153. hab ich den Eindruck: "Verdammt, Spielst du hier nur Theater, was ist das für eine Situation?".
  154. (Lachen) Ich hab damit nicht gerechnet. (Hallendes Stimmengewirr)
  155. Schöne Zeit noch, gell? -Ja, ebenso! Bis neulich mal. Es ist eine enorme Herausforderung, du lebst alleine
  156. und kommst abends in dein Pfarrhausheim, beladen mit 10.000 Gedanken, Themen und Problemen,
  157. die dich beschäftigen. Dann musst du schauen, was machst du damit?
  158. Für Jesu da sein zu wollen, für die Menschen da sein zu wollen, füllt dich das aus, gibt dir das Kraft und Halt,
  159. und was ist, wenn es dir mal nicht so gut geht, ja? Ah ja. - Ja.
  160. (Rege Gespräche) Ich glaub Einsamkeit ist ein großes Thema.
  161. Gerade bei ... der Frage rund ums zölibatäre Leben. Mir selbst vorzustellen, dass ich auch irgendwann alt und einsam bin.
  162. Das ist natürlich eine Vorstellung, die mir auch Angst machen kann. (Bewegte Musik)
  163. Laila, was ist mit dem? Komm schon, das würde voll gut aussehen.
  164. Nein, danke. Also ich schau nach längeren Kleidern.
  165. Sollte nicht halbarm, sondern schon vollarm sein. Ja, da schränke ich mich schon selbst ein.
  166. Ich würd einfach drunter noch ein langes Hemd anziehen, in schwarz. Schwarz? - Ja.
  167. Man zwingt sozusagen die Leute, auf die inneren Werte einer Person zu achten.
  168. Ob eine Frau einen Schleier trägt oder nicht macht sie nicht zu einer besseren Person.
  169. Es ist sehr wichtig, dass ein Muslim einfach ein gutes Herz hat. (Leises Gespräch)
  170. Ich weiß nicht, für manche Leute ist es komisch, wenn sie jemanden mit Kopftuch sehen und dann irgendwelche Blondinen.
  171. Blonde Haare, kurze Haare ... Das ist für die, ich glaub, zu viel auf einmal.
  172. Du hast sie mal richtig rum aufgedrückt. Der Islam nimmt mir nicht irgendwelche Rechte ab.
  173. Mir wird sogar gesagt, dass ich mich positiv in die Gesellschaft einbringen soll.
  174. Viele Leute haben die Vorurteile, dass Frauen unterdrückt werden, aber ich bin mir zu 100 Prozent sicher,
  175. dass sie sich nie mit einer muslimischen Frau unterhalten und gefragt haben: "Wieso trägst du ein Kopftuch?"
  176. Die haben das Vorurteil im Kopf, dass die Frau gezwungen wurde. Danke schön.
  177. Manchmal kann es etwas schwierig sein, da hört man Kommentare wie: "Hm, was trägt sie unter dem Kopftuch, vielleicht eine Bombe?"
  178. Oder da gab es ein Mädchen, dass dann meinte, dass Kopftuch in Deutschland nichts zu suchen hat,
  179. und ich soll dann wieder zurück in mein Land. Dann denk ich mir immer:
  180. Deutschland ist mein Land, ich bin hier geboren, meine besten Freunde sind Deutsche, deshalb kannst du mir nicht sagen,
  181. dass ich zurück in mein Land soll. Da würd ich auch nach Deutschland zurückkommen, aber ...
  182. (Bewegte Musik) Hier sind wieder zwei Stolpersteine, die an die deportierten Juden
  183. und ermordeten Juden während dem Holocaust, Shoah, erinnern sollen. Es sieht aus wie ein ganz normales Haus, wie ich glaube,
  184. dass es ganz normale Leute waren. Es ist immer noch verwunderlich, wie es dazu kommen konnte, weil ...
  185. Ich kann es mir nicht erklären. Die Ausmaße werden dadurch auch noch mal deutlich,
  186. weil an jeder zweiten Straße ist so ein Stolperstein oder so was. Das ist so: "Okay ... heftig."
  187. Es kann sich wiederholen, aber ich glaube, dass sich das wiederholt, was vergessen wird.
  188. Aber man soll trotzdem immer ein Auge aufhalten. Ich hatte zwei-, dreimal anti- semitische Äußerungen mir gegenüber,
  189. wegen dem Nahostkonflikt. So wirklich "Ich mag dich nicht, weil du bist Jude" gab es nie.
  190. Manche Leute haben halt Vorurteile, und die lassen sich auch nur durch Dialog entschärfen und entfernen.
  191. (Bewegte Musik) (Vogelzwitschern)
  192. Jakob und ich kennen uns von der Uni, wir studieren zusammen Theologie, er will auch Priester werden.
  193. Das ist super, ihn als Gesprächspartner zu haben, dass wir uns austauschen können über Dinge, die uns bewegen.
  194. (Entfernte Stimmen) Da, wo die klettern, das sind so die Normalen,
  195. aber es gibt so einen, der ist richtig hoch. Bist du da schon mal durch? - Ja.
  196. Wow, das ist geil. (Er lacht.) Es ist nicht so, dass wir ständig in der Kirche abhängen.
  197. Jeder muss eine gute Balance zwischen Freizeit und Studium haben. Ja.
  198. Wenn die Frage ist, wie kann die Kirche Bindung zu Menschen haben, dann dadurch, dass man selbst in Beziehungen lebt, die guttun.
  199. Hört man immer, ja. Also, der oben ist schon knallhart, mit diesen Reifen da.
  200. Unbedingt braucht es Schultern, an die ich mich anlehnen kann, sonst funktioniert das gar nicht.
  201. Leute, bei denen ich traurig sein kann, wenn es mir schlecht geht. Das geht nicht ohne, sonst wirst du ja verrückt.
  202. (Bewegte Musik) Das ist schon hoch, gell? Wenn das eben passiert, dass mir jemand über den Weg läuft,
  203. und ich merke, das wirft mich total aus der Bahn. Dann nützt es nichts, das wegzudrücken und zu sagen,
  204. das darf nicht sein, weil es ja eh längst da ist. Und dann irgendwie die Größe vor mir selbst zu behalten und zu sagen:
  205. "Okay, ich guck jetzt hin, was ist das?" Und dann wieder die Frage zu stellen:
  206. "Wo geht die Spur jetzt weiter?" (Bewegte Musik)
  207. (Sie begrüßen sich.) Am Anfang kannte ich keine Muslime hier.
  208. Und erst durch die Hochschulgruppe hab ich erfahren, dass es doch hier sehr viele Muslime gibt.
  209. Das ist mir wichtig, Nicht-Muslimen die Möglichkeit zu geben, uns Muslime und unsere Feierlichkeiten kennenzulernen.
  210. Und vielleicht auch andere Dinge in unserer Religion. Wir wollte so eine Spendenaktion anbieten, dass wir Spenden sammeln,
  211. um einen Brunnen in armen Ländern in Afrika bauen zu lassen. Und das in unserem Namen halt.
  212. Es ist eine Aufgabe von uns, sich um unsere Mitbürger zu kümmern, denen es nicht so gut geht, die in schwereren Situationen sind.
  213. Was im Islam wichtig ist, ist Solidarität, Mitgefühl, und anderen zu helfen.
  214. Vielleicht kann ich dadurch, dass ich anderen Leuten erkläre, wieso ich mein Kopftuch trage, ihnen dann zeigen,
  215. dass der Islam nicht das Bild ist, was von extremistischen Leuten dargestellt wird.
  216. (Unverständliches Gespräch) Für mich ist Islam Frieden, Liebe,
  217. das Gefühl der Geborgenheit, der Zufriedenheit. Und ich finde, das gehört einfach dazu,
  218. wenn man ein glücklicher Mensch sein möchte, dass man diese Eigenschaften mit sich trägt.
  219. (Bewegte Musik) (Lautes Getöse, Schreien)
  220. Jewrovision, seid ihr da? - (alle:) Ja! Das ist die Jewrovision, und wir haben dieses Jahr das Thema
  221. "United Cultures of Judaism", also vereinte Kulturen des Judentums. Es kommen jüdische Leute aus ganz Deutschland,
  222. aus verschiedenen Jugendzentren. Es ist ganz nett, mal nicht der Einzige zu sein.
  223. An jüdischen Veranstaltungen ist es eigentlich komplett normal, dass die Polizei vor der Tür steht.
  224. Was halt ziemlich traurig ist, dass das immer noch notwendig ist. Leute können auch ohne Polizei in die Kirche gehen.
  225. Andererseits ist es gut, man weiß nie, wer auf dumme Ideen kommt. Es sind gemischte Gefühle.
  226. (Singendes Gebet) Die Jewrovision ist im Prinzip ... der kleine jüdische Bruder
  227. der Eurovision für deutsche Gemeinden. Da versucht jede Stadt, die teil- nimmt, eine gute Show abzuliefern.
  228. (Heitere Popmusik) Dementsprechend bereitet man sich auch darauf vor,
  229. so monatelang oder wochenlang, und steckt wirklich sehr viel Energie da rein.
  230. Obwohl es gar nicht um den Sieg geht, sondern darum, die Leute wiederzusehen, man kennt die meisten.
  231. (alle:) United as one! (Schreie, Jubel)
  232. (Laute Ansage) (Heitere Popmusik)
  233. ♪ We are united as one, as one, as one. (Fröhlicher Rap)
  234. (Lauter Jubel) (Fröhlicher Rap)
  235. ♪ We are united as one, as one, as one. (Tosender Beifall)
  236. Ich lebe den Glauben für mich, es geht nicht drum, andere zu überzeugen.
  237. Ich glaube dran, das ist gut, das ist schön. Aber das heißt nicht, dass ich propagiere:
  238. "Judentum ist das einzig Wahre." Ich sehe das Judentum als eine Religion, einen Weg zu Gott.
  239. (Bewegte Musik) Und es muss ja nicht nur einen Weg geben,
  240. genauso wie es zu jeder Straße mehrere Wege geben kann. Was hast du über mich gesagt? (Lachen)
  241. (Kirchenglocken, Kinderschreie) Ich find es sehr beeindruckend, das ist eine Lebensentscheidung,
  242. die Jungs sehr früh treffen müssen, finde ich. Und, ja, bewundere ihn, und finde,
  243. dass er eine sehr gute Art hat, sich damit auseinanderzusetzen, mit diesem Weg, den er geht.
  244. Nämlich nicht hinzugehen und schon fest davon auszugehen, dass er eines Tages geweiht wird, sondern er sagt ganz oft,
  245. er hofft, eines Tages geweiht zu werden. Das ist eine ganz wichtige innere Einstellung, glaub ich,
  246. da auch eine Entwicklung zu sehen. Ich glaube auch,
  247. dass er ein unheimlicher Gewinn für das Priestertum ist. Deswegen bin ich froh, dass er sich das traut.
  248. (Kirchenglocken) Oh, das ist eine gute Frage, warum zum Weg, Priester zu werden,
  249. so oft auch Zweifel dazugehören. Ich weiß nicht, warum, aber es gehört dazu, den Weg loszugehen,
  250. und es auf dem Weg immer wieder aus den Händen oder Augen zu verlieren. Und dann noch mal sich das irgendwie neu zu überlegen,
  251. und noch mal neu in dem Sinne schenken zu lassen. Das klingt pastoral, aber es ist so.
  252. (Gebet) (alle:) Amen!
  253. Es gibt Momente, wo ich merke, das stimmt einfach. So, mein Platz in der Gemeinschaft ist richtig.
  254. Wenn viele Leute zusammenkommen, dann ich als Einzelner da sein kann, und auch weiß, dass ich genau in diese Gemeinschaft reingehöre.
  255. Dass jeder an seinem Platz richtig ist und nichts vermissen muss. (Langsame Orgelmusik)
  256. (Ehrfürchtiger Gesang) (Ehrfürchtiger Gesang)
  257. SWR 2020