Religion und Identität: Was glaubst du denn? | Ich und die Anderen | planet schule | ARD planet schule https://www.youtube.com/watch?v=ViGHcuLxQa8 Transkript (automatisch erstellt) 0:01 Ich hab den Eindruck, es sind manchmal sehr wenige, existenzielle und grundlegende Fragen, die damit verbunden sind. 0:07 Ist das Glauben oder nicht Glauben? Gibt's Gott oder nicht? Das ist für mich so eine große Frage, 0:12 und deswegen gibt es auch so viele Zweifel. (Ruhige Musik) 0:18 Die Aufgabe für mich ist schon immer hinzuhören: "Ist das noch mein Weg?" Die Frage stell ich nicht nur mir selber, 0:25 sondern die stell ich ja auch Gott. Ganz simpel: "Gott willst du, dass ich das mache?" 0:31 (Energievolle Musik) Am ersten Tag der elften Klasse 0:38 war ich zum ersten Mal mit dem Kopftuch in der Schule. Das wird für immer ein besonderer Moment sein. 0:43 Meine Freundin hat mir angesehen, dass ich sehr nervös bin. Sie meinte: "Warum bist du nervös?" 0:49 "Das war deine Entscheidung, sei stark jetzt." Meine Eltern haben gemeint: "Laila, mach dir keine Sorgen." 0:58 Jetzt werd ich auch emotional. Dann hab ich einfach das getan, was mein Herz mir gesagt hat. 1:08 (Ruhige Musik) Es ist mir wirklich sehr wichtig, 1:15 dass ich eine jüdische Frau finde und jüdische Kinder habe. Mein Uropa war, glaub ich, Rabbiner, alle waren sehr religiös. 1:22 Ich fand das etwas schade, weil meine Tante und mein Onkel, alle, die in Russland leben, sind überhaupt nicht religiös. 1:29 Ich finde es schade, dass es verloren geht, weil ... Um es ganz dumm zu sagen: Es gibt nicht mehr viele Juden. 1:36 Dann gibt's noch mal weniger, wenn ich dann keine jüdische Frau finde. Ich finde, das ist eine Sache, die man weitergeben sollte. 1:43 Es ist Teil meiner Identität. (Ruhige Musik) 2:02 Ich hab heute ... die haben mir die Kaplansaufgabe gegeben. Bischof, Mitra, an und aus. Muss ich vorher noch was besprechen? 2:10 Nee, ist alles ganz normal? - Ganz normal. (Entfernte Stimmen, er summt leise.) 2:15 Heute ist der große Jugendtag im Rahmen der Heilig-Haupttage. Es gibt einen Jungendgottesdienst im Dom. 2:21 Ich helf ein bisschen mit hier, kümmer mich um die Ministranten, die als Gäste sozusagen aus dem ganzen Bistum gekommen sind. 2:28 Und ähm, jetzt gibt's was zu regeln, genau. Wir kommen an, dann gibt er den Stab ab und die Mitra 2:36 und macht dann die Verbeugung? Nee, er verbeugt sich ... - Genau. 2:40 Ah! - Richtig, genau. Wir sitzen ja nebeneinander, das kriegen wir hin, genau. 2:46 (Entferntes Kirchenläuten) Ich bin nach der Erstkommunion ganz selbstverständlich 2:51 Messdiener geworden und hab in der Jugendarbeit Erfahrungen gemacht, die waren sehr gut. 2:56 Die Leute, die ich persönlich erleben konnte, haben immer ausgestrahlt, dass ihnen das große Freude macht. 3:01 Die waren ganz sie selbst, deswegen hat das auf mich so ein bisschen abgefärbt. 3:07 (Langsame Orgelmusik) Vielleicht hat eine Rolle gespielt, 3:20 dass ich ziemlich früh meinen Vater verloren hab. Damit sind große Fragen verbunden: 3:25 "Warum passiert ausgerechnet mir das?", "Warum wird mir der Vater genommen?", 3:30 "Gibt es jemanden, der dafür verantwortlich ist?", "Kann ich auf jemanden sauer sein?". 3:35 Irgendwie bin ich über die vielen Fragen, die so kamen, darauf gekommen, dass ich dem näher nachgehen will. 3:41 ♪ Es segne euch der allmächtige Gott, ♪ der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. 3:50 (alle:) ♪ Amen! Dann schien mir das irgendwann sinnvoll zu sein, 3:55 dass es mit dem Theologiestudium oder mit dem Priesterberuf vielleicht gut geht, auf die großen Fragen des Lebens Antwort zu finden. 4:04 Oder zumindest sich auf die Suche danach einzulassen, ja. (Atmosphärische Musik) 4:12 (Entfernte Gespräche) (Der Lehrer spricht Japanisch.) 4:20 " ... tabete wa ikimasen"? Ich studier Politikwissenschaft 4:27 und mache auch Japanisch- und Chinesisch-Sprachkurs. Ich glaube, dass es heute wichtig ist, wegen der Globalisierung, 4:34 dass man weltoffen ist, verschiedene Kulturen und Sprachen kennt. (Unverständliches Gespräch) 4:44 Meine Eltern haben mich nie gezwungen, irgendwas zu machen, also zu beten oder zu fasten oder irgendwas anderes Religiöses. 4:52 Sie haben mir davon erzählt, ich fand es schön und wollte es machen. Meine Mutter war immer ein Vorbild für mich, 5:00 von wegen "Sei gut zu deinen Mitmenschen" ... "Behandle andere so, wie du dich selbst behandeln würdest". 5:07 Ich wusste, dass sie das von unserer Religion hat. Ich wollte mehr von dieser Religion erfahren. 5:15 Da! Der ist immer am Anfang. (Popmusik) Der ist ... echt schlimm. 5:22 Über die Ferien hat sie schon so geschrieben, dass sie jetzt Schleier trägt, was für mich erst mal ... 5:28 ungewohnt war, also, ich war erst quasi sogar schockiert. "Ist das jetzt dauerhaft oder nur so phasenmäßig?" 5:35 Sie war dann so, ja, eigentlich hat sie vor, das für immer zu tragen. Als ich sie das erste Mal gesehen hab ... 5:42 war das schon ... echt ziemlich ungewohnt. (Atmosphärische Musik) 5:51 (leise:) Du machst Nudeln? Wo ich in der Schule dann angefangen hab, mein Kopftuch zu tragen, 5:57 das war echt ein schöner Moment. Ein ... etwas befreiender Moment. 6:03 (Sie lachen.) Ich hab mich auch, ehrlich gesagt, selbstbewusster gefühlt. 6:11 Weil ich vorher eher eine Person war, die nicht so selbstbewusst ist. Ähm, ja, das ist unser Kühlschrank. 6:24 Und wie man vielleicht sehen kann, wir trennen nach Milch und Fleisch. Es ist unkoscher, wenn man Milch und Fleisch zusammen isst. 6:32 Cheeseburger geht überhaupt nicht. Wir haben auch kein Schweinefleisch, wär auch unkoscher. 6:38 Keine Giraffen oder sonst irgendwas. Ich hab davon absolut gar nichts, glaub ich. 6:45 Ich mach das aus dem Gedanken heraus, vielleicht, wenn ich nicht mehr bin, geht es mir oben besser oder so. 6:51 Sonst ist es einfach eine Sache, die zu meiner Kultur gehört, zu meiner Herkunft gehört. 6:56 Ich find es schön, dass man sich damit immer erinnern kann, wer man selber eigentlich ist. 7:04 Es gibt insgesamt ja 613 Gebote und Verbote zusammengenommen. Es wirkt erst mal so krass, 613. 7:11 Aber da sind ganz banale Dinge dabei teilweise, von daher. Ich kann die nicht alle auswendig, ich glaub, das kann niemand. 7:23 Das ganze Judentum für mich selbst entdeckt hab ich mit zwölf, und irgendwann hab ich so gedacht: 7:28 "13 ist Bar-Mizwa-Alter, ich will das machen, bin aber nicht beschnitten." 7:35 Die Bar-Mizwa ist im Prinzip die Konfirmation unter den Juden. Ich hab meiner Mutter gesagt: "Ich will das machen." 7:42 "Ich find das wichtig, das ist ein Teil von mir." (Entfernte Folgetonhorn) 7:48 In der Stadt gibt's nicht so viele Juden. In meiner Schule bin ich, glaub ich, sogar der einzige, 7:53 trotz ungefähr 1.200, 1.300 Schüler. Da ist es irgendwie special dann immer. 7:59 Dass mein Herz bricht, mein Herz bricht? (lacht:) Ja, so ähnlich. 8:04 Äh, Skinny, ich mach noch einen one taker und schick dir die Audio. Okay, ich würd zur Bank gehen. 8:12 Ich mach sehr gern Musik, vor allem Rap, und hab dazu Musikvideos ins Internet gestellt und so weiter. 8:19 So richtig übertrieben, so: "Du Ficker!" Bist du bereit? Ich wär so weit. 8:24 (Langsame, unstete Musik) ♪ Als Nächstes battle ich so 'ne lyrische Kanone, 8:29 ♪ dessen Haare aussehn wie 'ne missratene Calzone. ♪ Du bist dangerous, du schießt mir in mein Brain, 8:35 ♪ aber wenn, du kannst meines nur verfehlen. Boris kenn ich jetzt seit anderthalb Jahren. 8:40 Ich hab mich gefreut, weil es der erste Jude ist. Weil ich einfach mal einen anderen Einblick in die Religion hab. 8:47 Aber an sich ändert sich ja nichts an der Person. ♪ Geh doch bitte in eine andere Rubrik, 8:54 ♪ mit Stahl kannst du gut über die Einsamkeit singen. ♪ Aber ich hab noch jemand, um dir 'n Vorschlag mehr zu bringen. 9:00 Jede Kultur und jede Religion hat ihre Tradition. Ich find diese Debatte um die Beschneidung, 9:06 die find ich eigentlich komplett überflüssig. Ich find es ein bisschen lächerlich einfach, 9:12 wenn Menschen behaupten, das wäre Körperverletzung, obwohl sie keinerlei Bezug zur Tradition haben. 9:17 Sie wissen nicht, was für einen Grund das hat. Das ist für mich, dass man wem verbietet, 9:22 den Bund mit Gott zu schließen, wenn er Jude ist, weil sie es falsch finden. 9:27 Also ich kenne keinen einzigen jüdischen Jugendlichen, der sagen würde: "Nö, ich find das komplett verwerflich." 9:33 (Bewegte Musik) (Leises Gespräch) 9:39 (Er lacht.) Ich bin jetzt auf dem Weg nach Wittlich, wo wir gemeinsam 9:47 mit ein paar Studienkollegen eine Kunstausstellung anschauen werden, die den Titel trägt: "Leidenschaft für das Leiden". 9:57 Die ist seitenverkehrt gegenüber dieser Werkstellung. (Glorreiche Chormusik) 10:02 Und das ist eine Originaldarstellung und das ist dann noch einmal ... In manchen Fragen fühl ich mich nah dran am Alltag der Menschen, 10:12 manchmal frag ich mich auch: Ist nicht die Tatsache, dass ich Priesteramtskandidat bin, schon ein Zeichen dafür, 10:18 dass ich an manchen Menschen nicht so dran bin? Aber ich sag mal so: Unabhängig von meinem Berufswunsch, 10:23 bin ich natürlich erst mal 23, ganz normal im Kopf und irgendwie mit den gleichen Fragen unterwegs 10:30 wie alle anderen auch. Ich mein, eine spätere Aufgabe wird definitiv sein, 10:35 in der Seelensorge tätig zu sein. Das ist irgendwie so mein Traumberuf, Seelsorger zu sein. 10:43 Und ähm, da glaub ich schon, dass es schon Nähe gibt zum Leben, ja. (Glorreiche Chormusik) 10:53 Gerade wenn es um Trauer und Tod geht, kann ich natürlich durch den Tod meines eigenen Vaters 10:58 relativ gut nachvollziehen, was sich in Leuten vielleicht emotional tut. Auch wenn ich in niemanden reingucken kann, 11:05 aber ich kann zumindest sagen, das ist meine Erfahrung. Und ich glaube, also ein Ziel, was ich mir setzen möchte, ist: 11:11 Das klingt ein bisschen geschwollen, aber also jemand zu werden, der sich immer mehr darin einübt, ein weites Herz zu haben. 11:22 (Entfernte Folgetonhorn) (Leise Gespräche) 11:34 Man verrichtet die rituelle Gebetswaschung, weil man aus islamischer Hinsicht gereinigt beten soll 11:40 und Gott gegenüber stehen soll. Ich hab immer das Gefühl, dass es noch meine Seele reinigt. 11:45 Und das ist auch noch mal ein Kick, da ist man noch etwas wacher. Und dann ist man auch etwas konzentrierter. 11:56 (Sie sprechen in ihrer Sprache.) Der Gebetsbereich von Mann und Frau ist getrennt, 12:03 weil Mann sich nicht von Frau ablenken lassen soll während des Gebets und andersrum. 12:08 Also ich find das okay so. Es geht ja in erster Stelle darum, dass man konzentriert betet, 12:13 und man soll sich verbunden fühlen zu Gott. (Gebet in ihrer Sprache) 12:22 Wenn ich zum Beispiel fünfmal am Tag bete, dann ist mein Tag für mich viel organisierter und strukturierter. 12:29 Und durch das Gebet hab ich immer diese kleinen Pausen zwischendurch, in denen ich ganz abschalte von dem ganzen Stress 12:36 und mich nur auf mich selbst konzentriere oder auf die Beziehung zwischen mir und Gott. 12:41 (Bewegte Musik) Gott weiß ja, dass Menschen nicht perfekt sind, 12:45 und wenn man mal eine Regel bricht oder ähm ... Dann kommt man nicht direkt in die Hölle, so ist das nicht. 12:52 Das ist immer so am Ende, Gesamtpaket muss stimmen, deshalb bleib ich trotzdem optimistisch 12:58 und versuche, es das nächste Mal besser zu machen. Die Kippa zieh ich an, wenn ich in die Synagoge reingehe, 13:10 weil da muss man mit Kopfbedeckung rein. Die Kippa hat einfach den Sinn, dass, egal, wie erfolgreich man ist, 13:16 dass man sich immer dran erinnert, dadurch, dass man etwas auf dem Kopf hat: 13:20 Es ist jemand über dir, und zwar Gott. Lange nicht mehr gesehen, geht's dir gut? 13:27 Wie geht's dir, prima? - Ja, super. Als was bist du angezogen? 13:33 Unter Purim ist Tradition, dass man sich verkleidet, wie Fasching. Ich hab eine Wette verloren, dass ich jetzt ein Kleid anziehen muss. 13:44 (lacht:) Ein bisschen Contouring. Hanni! 13:49 Haman, der Berater des Königs, wollte alle Juden umbringen lassen. Die Juden haben sich verkleidet, um sich zu schützen. 13:57 Als Tradition ist entstanden, dass man sich verkleidet an Purim. Ich mach Jugendarbeit total gerne, 14:05 einfach weil du hilfst diesen Kindern einen Teil ihrer Identität zu verstehen, sie verstehen aber auch, 14:11 dass Religion nicht zwangsläufig bedeutet: Ich bete und dann darf ich das nicht. 14:15 Sondern ich kann das mit Spaß machen, kann es lustig gestalten. Religion heißt nicht immer, ich schließe mich irgendwo ein, 14:22 sondern es kann auch heißen, ich hab eine gewisse Gemeinschaft, die zu Freunden werden, eine zweite Familie, wenn man so will. 14:29 (Stimmengewirr) Purim hat auch seine Gebote, dass man zuhört, wenn vorgelesen wird. 14:37 (Singendes Gebet) Jedes Mal, wenn Haman gesagt wird ... 14:43 (Lauter Jubel) werden alle ganz laut und klopfen auf Tische und alles Mögliche. 14:50 Um ihn quasi wieder zu vertreiben und auszubuhen. (Singendes Gebet) 14:55 (Buhen, Rasseln) Es ist schon etwas lockerer, aber es ist immer noch irgendwo religiös. 15:05 Wie jedes Fest eigentlich: Sie haben versucht, uns zu töten, wir haben überlebt, lass uns essen. 15:10 (Laute Rapmusik) So läuft irgendwie fast jedes Fest ab. 15:15 (Singendes Gebet) Auch wenn ich bete, ich sag jetzt nicht: "Ich will das und das." 15:22 Die Gebete sind quasi vorgegeben, man spricht nicht selbst was dazu, was man will. 15:27 Es ist gut, dass es keine Extrawürste gibt. In Deutschland haben wir genug Essen, ein Dach überm Kopf. 15:33 Das sind die elementaren Sachen. Und bei den Gebeten betet man nicht für viel mehr. 15:38 Also für Gesundheit, für Frieden, einfach, dass es einem gut geht. Mehr braucht man nicht, den Rest kann man sich erarbeiten. 15:45 (Bewegte Musik) Heute ist ein Gottesdienst, bei dem ich gebeten wurde, 15:57 Zeugnis abzulegen darüber, wer ich bin, und was mich bewogen hat, den Weg einzuschlagen, Priester werden zu wollen. 16:04 (Nervöses Lachen) Bist du nervös? - Nee, es geht. 16:07 Hab das schon mal gemacht, von daher geht es. Aber ich hoff, ich kann meine Schrift noch lesen. 16:13 (Ruhige Orgelmusik) ALs Priester bereit ich mich natürlich auch darauf vor, 16:21 zölibatär zu leben. Das bedeutet in erster Linie ... keine eigene Familie zu haben. 16:29 Keine Frau, keine Kinder, aber mit dem Ziel, freier zu sein sozusagen für ... also auf eine andere Weise ... 16:37 die Liebe zu den Menschen zu leben. Ganz zum Schluss hab ich es meinen Eltern gesagt, die, 16:43 wie vielleicht manche von Ihnen sich vorstellen könnten, weniger begeistert waren. 16:48 Der Glaube ist für mich so was wie ein Weg. Ein Weg des Kennenlernens und vielleicht des Sehens, 16:55 wie wir es im Evangelium gehört haben. Gott kennenzulernen, die Menschen und mich. 17:01 Und irgendwie auf einem Weg zu sein, der auf jeden Fall in Richtung leben geht, es ist ein Weg des Lebens. 17:08 (off:) Ich kenn auch Momente, wo ich mich frag, ob das, was ich mache, nur Theater ist oder so. 17:14 Ich hab immer gesagt: "Für mich ist Gott einer, der da ist." Aber ich kann das nicht immer in gleicher Weise spüren. 17:20 Das ist ja nicht wie auf Knopfdruck. Und wenn dieser Eindruck, Gott ist da, länger ausbleibt, 17:27 hab ich den Eindruck: "Verdammt, Spielst du hier nur Theater, was ist das für eine Situation?". 17:33 (Lachen) Ich hab damit nicht gerechnet. (Hallendes Stimmengewirr) 17:38 Schöne Zeit noch, gell? -Ja, ebenso! Bis neulich mal. Es ist eine enorme Herausforderung, du lebst alleine 17:46 und kommst abends in dein Pfarrhausheim, beladen mit 10.000 Gedanken, Themen und Problemen, 17:51 die dich beschäftigen. Dann musst du schauen, was machst du damit? 17:55 Für Jesu da sein zu wollen, für die Menschen da sein zu wollen, füllt dich das aus, gibt dir das Kraft und Halt, 18:02 und was ist, wenn es dir mal nicht so gut geht, ja? Ah ja. - Ja. 18:07 (Rege Gespräche) Ich glaub Einsamkeit ist ein großes Thema. 18:12 Gerade bei ... der Frage rund ums zölibatäre Leben. Mir selbst vorzustellen, dass ich auch irgendwann alt und einsam bin. 18:21 Das ist natürlich eine Vorstellung, die mir auch Angst machen kann. (Bewegte Musik) 18:30 Laila, was ist mit dem? Komm schon, das würde voll gut aussehen. 18:35 Nein, danke. Also ich schau nach längeren Kleidern. 18:40 Sollte nicht halbarm, sondern schon vollarm sein. Ja, da schränke ich mich schon selbst ein. 18:47 Ich würd einfach drunter noch ein langes Hemd anziehen, in schwarz. Schwarz? - Ja. 18:54 Man zwingt sozusagen die Leute, auf die inneren Werte einer Person zu achten. 18:58 Ob eine Frau einen Schleier trägt oder nicht macht sie nicht zu einer besseren Person. 19:04 Es ist sehr wichtig, dass ein Muslim einfach ein gutes Herz hat. (Leises Gespräch) 19:11 Ich weiß nicht, für manche Leute ist es komisch, wenn sie jemanden mit Kopftuch sehen und dann irgendwelche Blondinen. 19:17 Blonde Haare, kurze Haare ... Das ist für die, ich glaub, zu viel auf einmal. 19:25 Du hast sie mal richtig rum aufgedrückt. Der Islam nimmt mir nicht irgendwelche Rechte ab. 19:31 Mir wird sogar gesagt, dass ich mich positiv in die Gesellschaft einbringen soll. 19:36 Viele Leute haben die Vorurteile, dass Frauen unterdrückt werden, aber ich bin mir zu 100 Prozent sicher, 19:41 dass sie sich nie mit einer muslimischen Frau unterhalten und gefragt haben: "Wieso trägst du ein Kopftuch?" 19:48 Die haben das Vorurteil im Kopf, dass die Frau gezwungen wurde. Danke schön. 19:55 Manchmal kann es etwas schwierig sein, da hört man Kommentare wie: "Hm, was trägt sie unter dem Kopftuch, vielleicht eine Bombe?" 20:03 Oder da gab es ein Mädchen, dass dann meinte, dass Kopftuch in Deutschland nichts zu suchen hat, 20:09 und ich soll dann wieder zurück in mein Land. Dann denk ich mir immer: 20:13 Deutschland ist mein Land, ich bin hier geboren, meine besten Freunde sind Deutsche, deshalb kannst du mir nicht sagen, 20:21 dass ich zurück in mein Land soll. Da würd ich auch nach Deutschland zurückkommen, aber ... 20:27 (Bewegte Musik) Hier sind wieder zwei Stolpersteine, die an die deportierten Juden 20:41 und ermordeten Juden während dem Holocaust, Shoah, erinnern sollen. Es sieht aus wie ein ganz normales Haus, wie ich glaube, 20:49 dass es ganz normale Leute waren. Es ist immer noch verwunderlich, wie es dazu kommen konnte, weil ... 20:56 Ich kann es mir nicht erklären. Die Ausmaße werden dadurch auch noch mal deutlich, 21:02 weil an jeder zweiten Straße ist so ein Stolperstein oder so was. Das ist so: "Okay ... heftig." 21:11 Es kann sich wiederholen, aber ich glaube, dass sich das wiederholt, was vergessen wird. 21:17 Aber man soll trotzdem immer ein Auge aufhalten. Ich hatte zwei-, dreimal anti- semitische Äußerungen mir gegenüber, 21:26 wegen dem Nahostkonflikt. So wirklich "Ich mag dich nicht, weil du bist Jude" gab es nie. 21:32 Manche Leute haben halt Vorurteile, und die lassen sich auch nur durch Dialog entschärfen und entfernen. 21:38 (Bewegte Musik) (Vogelzwitschern) 21:44 Jakob und ich kennen uns von der Uni, wir studieren zusammen Theologie, er will auch Priester werden. 21:49 Das ist super, ihn als Gesprächspartner zu haben, dass wir uns austauschen können über Dinge, die uns bewegen. 21:56 (Entfernte Stimmen) Da, wo die klettern, das sind so die Normalen, 22:00 aber es gibt so einen, der ist richtig hoch. Bist du da schon mal durch? - Ja. 22:06 Wow, das ist geil. (Er lacht.) Es ist nicht so, dass wir ständig in der Kirche abhängen. 22:12 Jeder muss eine gute Balance zwischen Freizeit und Studium haben. Ja. 22:17 Wenn die Frage ist, wie kann die Kirche Bindung zu Menschen haben, dann dadurch, dass man selbst in Beziehungen lebt, die guttun. 22:24 Hört man immer, ja. Also, der oben ist schon knallhart, mit diesen Reifen da. 22:33 Unbedingt braucht es Schultern, an die ich mich anlehnen kann, sonst funktioniert das gar nicht. 22:40 Leute, bei denen ich traurig sein kann, wenn es mir schlecht geht. Das geht nicht ohne, sonst wirst du ja verrückt. 22:47 (Bewegte Musik) Das ist schon hoch, gell? Wenn das eben passiert, dass mir jemand über den Weg läuft, 22:58 und ich merke, das wirft mich total aus der Bahn. Dann nützt es nichts, das wegzudrücken und zu sagen, 23:04 das darf nicht sein, weil es ja eh längst da ist. Und dann irgendwie die Größe vor mir selbst zu behalten und zu sagen: 23:11 "Okay, ich guck jetzt hin, was ist das?" Und dann wieder die Frage zu stellen: 23:15 "Wo geht die Spur jetzt weiter?" (Bewegte Musik) 23:22 (Sie begrüßen sich.) Am Anfang kannte ich keine Muslime hier. 23:26 Und erst durch die Hochschulgruppe hab ich erfahren, dass es doch hier sehr viele Muslime gibt. 23:31 Das ist mir wichtig, Nicht-Muslimen die Möglichkeit zu geben, uns Muslime und unsere Feierlichkeiten kennenzulernen. 23:39 Und vielleicht auch andere Dinge in unserer Religion. Wir wollte so eine Spendenaktion anbieten, dass wir Spenden sammeln, 23:47 um einen Brunnen in armen Ländern in Afrika bauen zu lassen. Und das in unserem Namen halt. 23:56 Es ist eine Aufgabe von uns, sich um unsere Mitbürger zu kümmern, denen es nicht so gut geht, die in schwereren Situationen sind. 24:03 Was im Islam wichtig ist, ist Solidarität, Mitgefühl, und anderen zu helfen. 24:07 Vielleicht kann ich dadurch, dass ich anderen Leuten erkläre, wieso ich mein Kopftuch trage, ihnen dann zeigen, 24:14 dass der Islam nicht das Bild ist, was von extremistischen Leuten dargestellt wird. 24:19 (Unverständliches Gespräch) Für mich ist Islam Frieden, Liebe, 24:24 das Gefühl der Geborgenheit, der Zufriedenheit. Und ich finde, das gehört einfach dazu, 24:30 wenn man ein glücklicher Mensch sein möchte, dass man diese Eigenschaften mit sich trägt. 24:35 (Bewegte Musik) (Lautes Getöse, Schreien) 24:42 Jewrovision, seid ihr da? - (alle:) Ja! Das ist die Jewrovision, und wir haben dieses Jahr das Thema 24:50 "United Cultures of Judaism", also vereinte Kulturen des Judentums. Es kommen jüdische Leute aus ganz Deutschland, 25:01 aus verschiedenen Jugendzentren. Es ist ganz nett, mal nicht der Einzige zu sein. 25:08 An jüdischen Veranstaltungen ist es eigentlich komplett normal, dass die Polizei vor der Tür steht. 25:14 Was halt ziemlich traurig ist, dass das immer noch notwendig ist. Leute können auch ohne Polizei in die Kirche gehen. 25:20 Andererseits ist es gut, man weiß nie, wer auf dumme Ideen kommt. Es sind gemischte Gefühle. 25:25 (Singendes Gebet) Die Jewrovision ist im Prinzip ... der kleine jüdische Bruder 25:39 der Eurovision für deutsche Gemeinden. Da versucht jede Stadt, die teil- nimmt, eine gute Show abzuliefern. 25:46 (Heitere Popmusik) Dementsprechend bereitet man sich auch darauf vor, 25:57 so monatelang oder wochenlang, und steckt wirklich sehr viel Energie da rein. 26:01 Obwohl es gar nicht um den Sieg geht, sondern darum, die Leute wiederzusehen, man kennt die meisten. 26:07 (alle:) United as one! (Schreie, Jubel) 26:16 (Laute Ansage) (Heitere Popmusik) 26:22 ♪ We are united as one, as one, as one. (Fröhlicher Rap) 26:34 (Lauter Jubel) (Fröhlicher Rap) 26:53 ♪ We are united as one, as one, as one. (Tosender Beifall) 27:09 Ich lebe den Glauben für mich, es geht nicht drum, andere zu überzeugen. 27:13 Ich glaube dran, das ist gut, das ist schön. Aber das heißt nicht, dass ich propagiere: 27:18 "Judentum ist das einzig Wahre." Ich sehe das Judentum als eine Religion, einen Weg zu Gott. 27:23 (Bewegte Musik) Und es muss ja nicht nur einen Weg geben, 27:27 genauso wie es zu jeder Straße mehrere Wege geben kann. Was hast du über mich gesagt? (Lachen) 27:34 (Kirchenglocken, Kinderschreie) Ich find es sehr beeindruckend, das ist eine Lebensentscheidung, 27:44 die Jungs sehr früh treffen müssen, finde ich. Und, ja, bewundere ihn, und finde, 27:50 dass er eine sehr gute Art hat, sich damit auseinanderzusetzen, mit diesem Weg, den er geht. 27:56 Nämlich nicht hinzugehen und schon fest davon auszugehen, dass er eines Tages geweiht wird, sondern er sagt ganz oft, 28:02 er hofft, eines Tages geweiht zu werden. Das ist eine ganz wichtige innere Einstellung, glaub ich, 28:08 da auch eine Entwicklung zu sehen. Ich glaube auch, 28:11 dass er ein unheimlicher Gewinn für das Priestertum ist. Deswegen bin ich froh, dass er sich das traut. 28:17 (Kirchenglocken) Oh, das ist eine gute Frage, warum zum Weg, Priester zu werden, 28:25 so oft auch Zweifel dazugehören. Ich weiß nicht, warum, aber es gehört dazu, den Weg loszugehen, 28:30 und es auf dem Weg immer wieder aus den Händen oder Augen zu verlieren. Und dann noch mal sich das irgendwie neu zu überlegen, 28:39 und noch mal neu in dem Sinne schenken zu lassen. Das klingt pastoral, aber es ist so. 28:44 (Gebet) (alle:) Amen! 28:54 Es gibt Momente, wo ich merke, das stimmt einfach. So, mein Platz in der Gemeinschaft ist richtig. 29:00 Wenn viele Leute zusammenkommen, dann ich als Einzelner da sein kann, und auch weiß, dass ich genau in diese Gemeinschaft reingehöre. 29:07 Dass jeder an seinem Platz richtig ist und nichts vermissen muss. (Langsame Orgelmusik) 29:13 (Ehrfürchtiger Gesang) (Ehrfürchtiger Gesang) 29:22 SWR 2020