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Rainer Maria Rilke — Die einsame Wahrheit hinter den berühmtesten Versen | Dokumentarfilm
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 677 Zeilen
- Ein Mann steht im Januar des Jahres 1912 allein auf einer Klippe über der Adria. Der Wind reißt an seinem Mantel, das
- Meer tobt unter ihm und plötzlich hört er eine Stimme aus dem Sturm. Was er in dieser Stunde aufschreibt, wird zum
- Beginn eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Lyrik. Hundert Jahre später wird eine südkoreanische Popgröße
- sich seine Ferse auf den Körper malen lassen und eine amerikanische Sängerin trägt seine Worte als Tätowierung.
- Wie konnte ein zerbrechlicher Dichter aus Prag eine solche Wirkung über Jahrzehnte hinweg entfalten? Und welcher
- innere Sturm trieb ihn zu Fersen, die noch heute Millionen Menschen berühren? Mein Name ist Alexander Weiß und ich
- begrüße Sie herzlich zu einer neuen Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute widmen wir uns dem Leben
- und Werk von reiner Maria Rilke. Um diesen Mann zu verstehen, müssen wir an den Anfang zurückkehren. Zu einem Kind,
- das in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel stand und zu einer Stimme, die Jahrzehnte später aus dem Wind sprach.
- Es ist der 21. Januar. des Jahres 1912. Über dem Schloss Duino, das wie ein steinerner Wächter auf einem Felsen über
- der Adria tront, jagt Wintersturm die Wolken vor sich her. Die fürstliche Familie ist längst abgereist. Im
- weitläufigen Schloss befindet sich nur noch einziger Gast, ein hagerer, 36-jähriger Mann mit melancholischen
- blauen Augen und einem schmalen Schnorrbart. An diesem Morgen erreicht ihn ein Brief seines Anwalts aus Paris.
- Die Scheidungssache mit seiner Frau Kara erweist sich als schwierig, fast undurchführbar. Auch das Sorgerecht für
- die kleine Tochter Ru ist ungeklärt. Der Mann legt den Brief beiseite, zieht seinen Mantel an und steigt die schmalen
- Fade hinunter zum Meer. Sein Name ist Reiner Maria Rilke und in diesem Augenblick ist er bereits ein in ganz
- Europa gefeierter Dichter. Bände wie das Stundenbuch und die Aufzeichnungen des Malte Lauritz Brigge haben ihm Ruhm
- eingebracht. Doch der Mann, der nun gegen den Wind über die Klippen geht, ist von einer tiefen Krise gezeichnet.
- Seit Monaten verstundt seine Feder. Er ringt nach einer neuen Stimme, einer neuen Form, einem neuen Werk, das alles
- bisher geschriebene überragen soll. Der Druck, den er sich selbst auferlegt hat, ist gewaltig und niemand vermag
- genau zu sagen, woher dieser unbedingte Drang zur eigenen Vollendung kommt. Als er an der Brüstung über dem Meer steht,
- geschieht etwas, das später zur Legende werden wird. Der Wind reißt ihm beinah Atem. Möwen schreien über dem grauen
- Wasser und in diesem Tosen, so wird Rilke es selbst beschreiben, hört er eine Stimme. Es ist als trüge der Sturm
- Ferse zu ihm heran, fertige, vollständige Ferse. Er greift nach seinem Notizbuch, lehnt sich an die
- Mauer und schreibt: "Die Zeilen, die er dort niederlegt, werden seit über 100 Jahren auswendig gelernt, in dutzende
- Sprachen übersetzt von Schriftstellern und Liebenden, von Sterbenden und Suchenden zitiert.
- Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engelordnungen?" So beginnt die erste der Dineser
- Illegien, jenes Werks, das Röke in den folgenden Zehn Jahren beinahe zerreißen wird und das schließlich als sein
- lyrisches Vermächtnis in die Weltliteratur eingehen soll. Es bleibt zu fragen, was diesen
- Augenblick möglich machte und was den Dichter dorthinführt hatte, an diese Klippe in diesen Winter, in diese
- Einsamkeit. Um das zu verstehen, muß man weit zurückgehen in eine grauflimmernde Stadt
- im Herzenmittel Europas, in eine Familie, in der eine Mutter um den Verlust ihrer kleinen Tochter trauerte.
- Kleiner Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke kam am 4. Dezember des Jahres 1875 in Prag zur Welt. Die Stadt war damals
- Teil der österreichisch-arischen Doppelmonarchie, eine Stadt der Türme, der gepflasterten Gassen, der gemischten
- Sprachen, Deutsch, Tschechisch, Jedisch und einer leicht melancholischen Schönheit. Sein Vater Josef Rilke hatte
- einst von einer Offizierslaufbahn geträumt, doch eine Halschwäche hatte diesen Traum zerschlagen. So fand er
- sich als kleiner Eisenbahnbeamter wieder in einer Stellung, die seinen Ehrgeiz nie befriedigte.
- Seine Mutter Sophie, von allen Fia genannt, stammte aus einer wohlhabenden Prager Familie und trug die unerfüllten
- Sehnsüchte einer Frau in sich, die mehr vom Leben erwartet hatte, als die kleinbürgerliche Enge ihrer Ehe. Bevor
- Reiner geboren wurde, hatten Fia und Josef eine Tochter verloren, ein Mädchen, das nur wenige Tage gelebt
- hatte. Diese Wunde sollte das Schicksal des Jungen tief prägen, denn die Mutter konnte den Verlust nicht
- überwinden. Sie kleidete ihren kleinen Sohn in den ersten Lebensjahren wie ein Mädchen in lange Röcke und
- Spitzenhemden, ließ ihm das Haar in Locken wachsen und nannte ihn manchmal Sophie, manchmal Ismene. Wenn Besuch
- kam, präsentierte sie das Kind in seinen weichen Kleidern und sprach von ihm in der weiblichen Form. Der kleine Reiner,
- der eigentlich René gerufen wurde, lernte früh, was es heißt, in zwei Welten zugleich zu leben. Der Äußeren,
- die ihm seine Rolle vorschrieb und der Inneren, in der er sich selbst zu erfinden begann. Diese frühe Erfahrung
- der Doppelheit, der zarten Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung sollte zur Grundmelodie seines späteren
- Werks werden. Wer als kleines Kind gezwungen ist, eine andere zu sein, lernt früh zu beobachten, zu lauschen,
- sich zurückzuziehen in einen unsichtbaren Raum, in dem allein Mann ganz Mann selbst sein kann. Manche
- Biographen sehen in dieser Kindheit die Wurzel einer ungewöhnlichen Sensibilität, die Rökesdichtung später
- kennzeichnen wird. Andere weisen daraufhin, dass die Mutter ihn zugleich mit großer Frömigkeit erzog, ihn in
- katholische Kirchen führte, ihm vom Leiden der Heiligen erzählte und in ihm eine religiöse Empfänglichkeit weckte,
- die ein ganzes Leben lang nachklingen sollte. Als der Junge Jahre alt war, trennten
- sich die Eltern. Die Ehe war an den unterschiedlichen Erwartungen und der finanziellen Enge zerbrochen. Der Vater,
- enttäuscht von seiner eigenen Karriere, fasste einen Entschluss, der für viele Jungen seiner Zeit gewöhnlich war, für
- den feinfühligen Ren jedoch verheerend werden sollte. Er schickte den Sohn in die kaiserlich und königlich
- Militärunteralschule in St. Pölten. Aus dem Kind in den Spitzenkleidern wurde ein Zökling in der
- Uniform der österreichischen Armee. Aus der schützenden Mutterhand wurde der harte Drill von Offizieren, die wenig
- Verständnis für träumerische kränkliche Knaben hatten. Rilke wird später diese Jahre als Fiebel des Entsetzens
- bezeichnen, als das Buch, in dem er zum ersten Mal das Alphabet des menschlichen Leids erlernte.
- In St. Pölten später in der Oberrealschule in Meerisch-Weißkirchen, lebte der schmächtige Junge in einer
- Welt aus Befehlen, kaltem Wasser und brutaler Männlichkeit. Er war körperlich nicht den Aufgaben gewachsen, die ihm
- gestellt wurden, und seine Sensibilität machte ihn zur Zielscheibe seiner Mitschüler. Doch in diesen einsamsten
- Stunden begann etwas zu keimen, das später zum Wesen seines Lebens werden sollte. Heimlich unter der Decke beim
- Schein einer Kerze begann der Junge zu schreiben: Verse, kleine Gedichte, fromme Sehnsuchtsbilder.
- Die Dichtung wurde zur Festung, die niemand stürmen konnte. Sie wurde zum Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst
- angezogen hatte, nur dass er es nun selbst aus seinem Inneren webte. Als der junge Mann mit fast 17 Jahren
- aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärausbildung entlassen wurde, war er ein anderer geworden, zerbrechlich,
- in sich gekehrt, von der Welt zugleich verletzt und ihr unausweichlich verbunden.
- Er wusste in jenem Augenblick noch nicht, dass er ein Dichter werden würde, der eine ganze Epoche prägt. Er wusste
- nur, dass er nicht so leben konnte wie andere. Und er trug bereits in sich, was Jahrzehnte später als Stimme aus dem
- Sturm über der Adria zu ihm zurückkehren würde, die Fähigkeit, das Unhörbare zu hören und es in Worte zu fassen, vor
- denen ein ganzes Jahrhundert verstummen sollte. In der kleinen Wohnung in der Prager
- Heinrichgasse brennt eine Petroleumlampe. Es ist ein Abend im Frühjahr 1880.
- Eine junge Mutter sitzt vor einem Spiegel und kämt sorgfältig die langen blonden Locken ihres Kindes. Sie nennt
- es Sophie, manchmal Ismene, manchmal auch Klein René. Doch in dieser Stunde, in dieser sanften Beleuchtung ist es das
- kleine Mädchen, dass sie sich gewünscht hat. Das Kind ist viereinhalb Jahre alt. Es trägt ein helles Spitzenkleid, dazu
- hellblaue Bänder im Haar. Es schaut sich selbst im Spiegel an und versteht nicht, warum die Mutter weint, während sie
- lächelt. Die Mutter hat vor diesem Kind eine Tochter geboren, ein Mädchen, das nach
- nur einer Woche gestorben ist. Diese Tochter sollte Sophie heißen, und so trägt der kleine Ren nun nicht nur das
- Kleid der toten Schwester, sondern auch ihren Namen, ihren Schatten, ihre stille Anwesenheit in einer trauernden Familie.
- Sophie Rilke von allen FIA gerufen, stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Sie hatte sich von
- ihrer Ehe mit Josef Rilke mehr erhofft, als die kleinbürgerliche Enge eines untergeordneten Eisenbahnbeamten ihr
- bieten konnte. In Prag waren die sozialen Unterschiede der Jahrhundertwende streng geregelt.
- Die deutschsprachige Familie Rilke gehörte einer Minderheit innerhalb der Stadt an.
- einer Minderheit, die mit dem Habsburgischen Beamtenapparat verbunden war, aber von Ausstieg und Glanz nur
- träumen konnte. Fia hatte Glanz gewollt. Sie liebte feine Stoffe, gute Manieren. Sie
- verehrte das Adelige und das Katholische und sie litt unter der Mittelmäßigkeit ihres Daseins.
- Ihr Sohn wurde zum Gefäß ihrer unerfüllten Sehnsichtte. Sie führte ihn in Kirchen, ließ ihn vor Marienaltären
- knien, lehrte ihn Gebete und legte ihm zugleich eine Zärtlichkeit auf, die zu schwer war für ein einzelnes Kind.
- Josef Rilke hingegen war ein Mann, der das Leben einmal anders geplant hatte. Eine schwache Stimme und gesundheitliche
- Probleme hatten seinen Traum von der Offizierslaufbahn beendet. So saß er nun am Schreibtisch eines
- kleinen Bahnhofsbür und schaute in das Gesicht eines Kindes, das ihm fremd erschien. Der Junge weinte zu leicht. Er
- erschrag vor lauten Stimmen. Er hatte keine Freude an robusten Spielen. Josef verstand seinen Sohn nicht und er
- glaubte fest, dass nur Disziplin diesen Jungen retten könnte. So entstand schon früh in der Wohnung
- eine stumme Spannung zwischen Vater und Mutter, zwischen Härte und Zärtlichkeit, zwischen soldatischem und mütterlichem.
- Mitten in dieser Spannung wuchs der kleine Ren heran. Die ersten Jahre verliefen in einem seltsamen Doppelraum.
- Tagsüber spielte der Junge mit Puppen, abends durfte er manchmal kleine Soldaten aufstellen. Er trug Kleider,
- manchmal aber auch Rosen. Er hörte Gebete und Märchen. Doch zugleich erzählte ihm der Vater Geschichten aus
- der Armee. So wurde das Kind eine kleine in sich verschlossene Insel, auf der zwei Welten
- zugleich existierten. Spätere Biografen werden in dieser Verdoppelung den Ursprung jener
- seelischen Feinhörigkeit sehen, die Rilkes Dichtung später kennzeichnen wird. Andere widersprechen und betonen,
- daß die Mutter den Jungen nicht gegen seinen Willen verkleidet habe, sondern dass es zu jener Zeit nicht unüblich
- war, kleine Knaben bis zu einem gewissen Alter in Mädchenkleider zu stecken. Die Wahrheit liegt vermutlich in beiden
- Erklärungen. Sicher ist, dass Ren früh ein Gefühl entwickelte, in keiner Welt ganz dazu zu gehören.
- Im Jahr 1884 zerbrach die Ehe der Eltern. Fia zog mit dem Sohn fort, kehrte später zurück,
- lebte getrennt. Alles geschah leise, ohne öffentlichen Skandal, denn die bürgerlichen Konventionen Prags duldeten
- kein Aufsehen. Aber der Vater fasste nun einen Entschluss, der das Leben des Kindes für immer verändern sollte.
- Er meldete den neunjährigen Ren in der Militärunterrealschule im niederösterreichischen St. Pölten an.
- Dort sollte aus dem zarten Jungen ein tüchtiger Offizier werden. Was als väterliche Wohltat gedacht war, geriet
- zur Katastrophe. St. Pölten lag weit weg von Prag in einer fremden Landschaft in einem kalten
- strengen Gebäude mit hohen Mauern. Der junge Ren trug nun eine Uniform aus grobem Wollstoff, die ihn drückte. Er
- stand früh auf, marschierte über Höfe, lernte Befehle anzunehmen, schlief im Schlafsaal mit vielen anderen Knaben,
- die kräftiger, lauter und gröber waren als er. Wer aus den weichen Kleidern einer
- Mutter in die rauen Reihen einer kaiserlich und königlich Erziehungsanstalt versetzt wird,
- durchlebt mehr als nur einen Wechsel der Garderobe. Er erfährt einen vollständigen
- Zusammenbruch seines bisherigen Selbstbildes. In diesen langen Schuljahren entstand
- jene Verletzung, die Rilke noch im hohen Alter beschäftigen sollte. Die Mitschüler bemerkten seine Schwäche,
- seine Bildung, seine fromme Sprache und sie verspotteten ihn. Die Lehrer behandelten ihn streng, denn
- militärische Erziehung kannte keine milde gegenüber empfindlichen Naturen. Der Junge weinte heimlich, schrieb
- Briefe an die Mutter, las in einer kleinen Bibel, die er versteckt hielt und versuchte sich durch fromme Vorsätze
- und kleine Gebete in einem inneren Raum zu retten, der niemandem zugänglich war. Später wird er diese Zeit eine Fiebel
- des Entsetzens nennen. Das erste Buch, in dem er das Alphabet des menschlichen Leids buschabieren lernte. Doch in genau
- dieser Erstickungswelt geschah etwas, das niemand wahrnahm und das alles entscheiden sollte. Der Junge begann
- Verse zu schreiben, heimlich bei Kerzenlicht unter der Decke. Reime über das Vaterland, über die Sehnsucht nach
- der Mutter, über Frömigkeit und Tod. Es waren keine großen Gedichte, es waren tastende, unbeholfene Versuche eines
- Kindes, das nicht anders konnte, als die Welt in Sprache zu verwandeln, weil die Welt selbst ihm nichts Tröstendes mehr
- bot. Das Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst übergezogen hatte, wob der Junge
- nun aus seinem Inneren weiter als unsichtbares Gewebe, das ihn schützte. Mit 16 Jahren im Sommer 1892
- wurde der junge Röke aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärakademie in mehrere
- Schweißkirchen entlassen. Sein Körper hatte nicht mehr mitgemacht, seine Lungen waren schwach, seine Nerven
- zerrüttet. Doch in Wahrheit war er nicht nur kränker als andere, sondern auch reicher als andere. Reicher an innerem
- Leben, an stillen Beobachtungen, an einer Empfindsamkeit, die ihm in den folgenden Jahren noch oft im Weg stehen
- würde und ihn zugleich seine einzigartigen Werke ermöglichtee. Er kehrte nach Prag zurück, in eine
- Stadt, die ihn nicht mehr kannte und in eine Familie, die ihn nie ganz verstanden hatte.
- Eine kurze Zeit lang versuchte er es noch mit anderen Wegen einer Handelsakademie in Linz, später dem
- privaten Vorbereitungsstudium für das Abitur, schließlich einem kurzen Studium der Literaturwissenschaft, der
- Kunstgeschichte und der Philosophie an der Karl Ferdinand Universität in Prag und später in München. Doch in allem,
- was er versuchte, klang bereits eine andere Stimme an. Aus dem Kind im Spitzenkleid, aus dem Schüler in der
- Uniform, aus dem Studenten in der Universitätsbank trat allmählich der Dichter hervor, der die Sprache zu
- seiner einzig wahren Heimat machen sollte. Was diese Verwandlung möglich machte,
- das war kein Lehrer und keine Schule, sondern eine Begegnung, die alles in seinem Leben umstürzen würde.
- Im Mai des Jahres 1897 öffnet sich in München eine Tür. Ein dünner, blasser, junger Mann von 21
- Jahren mit hängendem Schnurrbart und melancholisch ernsten Augen betritt das Wohnzimmer eines befreundeten
- Schriftstellers. Er heißt René Maria Rilke und hat in der Tasche bereits zwei kleine Lyrikbände,
- die kaum jemand kennt. In der Sofaecke sitzt eine 36-jährige Frau. Sie hat dunkles, schweres Haar, eine breite
- Stirn, einen ruhigen, durchdringenden Blick. Sie raucht eine Zigarette, lacht laut, spricht über Nietzsche, über
- Russland, über Gott. Sie ist die berühmte Schriftstellerin Lou Andreas Salome, in Halbeuropa bekannt als die
- Frau, die Friedrich Nietsche einen Heiratsantrag ausgeschlagen hat. Als sich ihre Augen begegnen, weiß keiner
- von beiden, dass dieser Augenblick das Leben des jungen Dichters für immer wandeln wird. Lou Andreas Salome war in
- St. Petersburg geboren in einer deutsch-baltischen Familie hohen Ranges. Sie hatte in Zürich studiert, war eine
- der ersten Frauen ihrer Zeit, die eigenständig dachten, lebten und schrieben. Sie hatte mit Paul Re und
- Friedrich Nietsche eine vielbesprochene Dreierfreundschaft geführt, hatte Bücher über Religion, Sexualität und
- Psychologie veröffentlicht. Sie war verheiratet mit dem Orientalisten Friedrich Karl Andreas.
- Doch diese Ehe war eine ungewöhnliche Vereinbarung, geschlossen unter der Bedingung, dass sie keine körperliche
- Verbindung enthalte. Lou war 14 Jahre älter als der junge Mann, der nun mit ihr sprach.
- Und doch entstand zwischen ihnen sofort eine Anziehung, die weit über das Gewöhnliche hinausging.
- Was Lou in René sah, war ein Talent, das eingesperrt war. Er sprach zu hochtrabend, schrieb noch zu sehr in den
- Manieren des späten 19. Jahrhunderts, neigte zu pathetischen Wendungen und zu einer fast krankhaften Empfindsamkeit.
- Doch unter allem spürte sie etwas ungewöhnliches, eine Stimme, die noch nicht zu sich
- gefunden hatte. Lou wurde innerhalb weniger Wochen seine Geliebte. Sie wurde aber auch seine Lehrerin, seine Mutter,
- seine Schwester und seine strengste Kritikerin. Sie las jede seiner Zeilen. Sie
- korrigierte sein Französisch, sie empfahl ihm Bücher, sie führte ihn in Kreise ein, in denen Schriftsteller,
- Philosophen und Künstler verkehrten. Und sie sagte ihm eines Tages, mit jenem ruhigen, unwiderlegbaren Ton, der nur
- ihr eigen war, dass er seinen Namen ändern müsse. Ren klinge zu zart, zu weich, zu mädchenhaft.
- Ein deutscher Dichter müsse einen männlichen Namen tragen. So wurde aus Ren Reiner. Mit diesem
- neuen Namen begann ein neuer Mensch. In den Sommermonaten zogen sie gemeinsam in ein einfaches Haus in Wolfratshausen in
- Oberbayern. Sie lasen tolsto übten russisch, badeten im Fluss, lebten asketisch und doch in einer Atmosphäre
- intellektueller Glut. L Friedrich Karl Andreas war in dieses ungewöhnliche Arrangement einbezogen.
- Manchmal kam er zu Besuch, manchmal verharrte er in Berlin. Es war eine Konstellation, die nach den
- bürgerlichen Maßstäben der Zeit unerhört war. Und doch trug sie für Rilke Früchte, die ein ganzes Werk
- hindurchreifen sollten. Lou lehrte ihn nicht nur anders zu schreiben, sie lehrte ihn anders zu sein. Sie zeigte
- ihm, dass der wahre Dichter nicht aus der literarischen Mode lebt, sondern aus der Tiefe seines eigenen Inneren. Sie
- sagte ihm, dass er einmal etwas Großes hervorbringen werde, wenn er gelerne, geduldig zu sein. Und doch blieb in
- diesem Verhältnis etwas Ungelöstes. Rilke liebte Lou mit der ganzen Heftigkeit eines jungen Mannes, der zum
- ersten Mal die Macht einer reifen Frau erfährt. Lou liebte ihn anders. Sie liebte das
- Talent in ihm, das Werden, das Mögliche. Sie liebte den künstlerischen Funken, doch sie ließ sich nie ganz binden. Dies
- wird zum schmerzhaften Muster werden, dass ich in Rilkes Leben immer wieder wiederholen sollte. Er suchte in Frauen
- die schöpferische Ergänzung, die Muse, die Lehrerin, die mütterliche Beschützerin und er fand stets Frauen,
- die ihn nur zum Teil aufnehmen konnten. Eines wird man später als seine besondere Gabe und seinen besonderen
- Schmerz erkennen, daß er die Frauen, mit denen er Beziehungen einging, beinah ausschließlich durch seine Verse, durch
- seine Briefe, durch seine schöpferische Persönlichkeit für sich gewann. im Alltag aber für sie schwer zu leben war.
- Im April 1900 reisten Rilke und Lou nach Russland. Es war ihre zweite Reise dorthin. Die erste hatte sie ein Jahr
- zuvor durch Moskau und Petersburg geführt. Diese zweite Reise sollte die entscheidende werden. Sie fuhren mit der
- Eisenbahn von Berlin nach Moskau, dann weiter nach Tula, wo sie Leo Tolstoy auf seinem Landgut Jasnaya Polana besuchten.
- Der Greises Schriftsteller empfing gemischten Gefühlen. Er war nicht besonders interessiert an dem jungen
- österreichischen Dichter, der ihm Ergeben gegenüber trat, und seine moralische Stränge widersprach Rökes
- religiöser Schwärmerei. Tolstoy predigte eine Religion der praktischen Sittlichkeit, der einfachen
- Bauernfrömigkeit, einer Wahrheit, die sich im Leben zu bewehren habe. Röke hingegen suchte
- nicht Moral, sondern Mystik. Er suchte das geheimnisvolle Atmen Gottes hinter den Dingen, nicht Vorschriften und
- Verbote. In Moskau begegnete er auch dem Maler Leonid Pasternack, der ein Portraät
- Tolstous schuf. Im Hof des kleinen Hauses sprang ein Junge mit dunklen, lockigen Haaren umher. Er hieß Boris.
- Niemand ahnte, daß dieser zehnjährige Knabe einmal selbst einer der größten Dichter Russlands werden und rökes Namen
- mit der Innbrunst eines Lebenden, der einen Heiligen anruft, durch sein Werk tragen sollte. Auf einer russischen
- Eisenbahnstation später im Sommer sah der Junge den Jungendichter Röke noch einmal, schwarz gekleidet mit einer
- hohen schmalen Gestalt neben Lou. Dieser flüchtige Augenblick wird Boris Pastanack ein Leben lang nicht
- loslassen. Was Russland für Rilke bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. Er sah hier das,
- was er in Prag und in München vermisst hatte, eine selbstverständliche Fremmigkeit, einen tiefen Glauben des
- Volkes, eine geheimnisvolle Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Gott.
- Er sah die Ikonen in den Klöstern, hörte die orthodoxe Liturgie, beobachtete die Bauern auf den weiten Feldern. Er
- glaubte hier, den unverdorbenen Quell des Lebens gefunden zu haben. Es war eine idealisierte Sicht, gewiss, eine
- Sicht, die mehr mit den Sehnsüchten des Dichters als mit der harten russischen Wirklichkeit zu tun hatte. Doch sie
- führte ihn zu seinem ersten großen Werk. Aus den russischen Eindrücken erwuchs das Stundenbuch, jener Gedichtszyklus,
- in dem Rilke nicht über Gott schreibt, sondern mit Gott spricht. Du Nachbar Gott, wenn ich dich manches
- Mal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, so wird er es formulieren in einer Sprache, die Gott nicht als ferne
- Höhe, sondern als atmende Anwesenheit im Zimmer nebenan begreift. Er suchte nicht den fertigen Gott der
- Kirchen. Er suchte einen Gott, der erst entstand, der noch wuchs, der seine Heimat im Inneren des Menschen hatte.
- Das war der Schlüssel zu allem, was später in Duino aus dem Sturm zu ihn zurückkehren sollte. Die Überzeugung,
- dass das Unsichtbare im Menschen wohnt und durch ihn in die Welt tritt. Im Künstlerkolonie Warbswede in der
- weiten norddeutschen Moorlandschaft nördlich von Bremen brennt ein Spätsommerabend im Jahr 1900 über den
- Birken. Junge Maler und Bildhauer haben sich hier zusammengefunden, weit weg von den
- Akademien der Großstädte, weit weg von den festgefügten Konventionen der bürgerlichen Salons. Sie wollen anders
- leben, anders sehen, anders schaffen. Unter ihnen befindet sich an diesem Abend ein neuer Gast, Reiner Maria
- Rilke. Er ist gerade aus Russland zurückgekehrt. Sein Herz ist voller Eindrücke. Seine Verse fließen leichter
- denn je. Beim gemeinsamen Vorlesen am Kamin trifft sein Blick auf eine junge Frau. Sie ist groß, ernst. Ihre Hände
- sind kräftig wie die einer Handwerkerin. Sie heißt Klara Westhoff und ist Bildhauerin. Sie hat in Paris bei August
- Rod selbst gearbeitet. Während Rilke spricht, sieht sie ihn an mit einem Blick, der weder schwärmt noch
- zurückweicht, sondern prüfend wartet. Im April 1901 heirateten die beiden. Es war eine schnelle Entscheidung, getragen
- von einer Mischung aus Liebe, Bewunderung und dem damals modischen Traum eines Lebens als zwei Künstler
- unter einem Dach. Rilke, der eben noch von Lou Andreas Sanome getrennt worden war, glaubte in Kara Frau gefunden zu
- haben, mit der er sein Werk und sein Dasein zugleich entfalten könnte. Schon im Dezember desselben Jahres wurde
- ihre Tochter Rut geboren. Doch was als Utopie begann, geriet rasch unter den Druck der Wirklichkeit. Geld war keines
- da. Die Atelierräume mussten geheizt, das Kind ernährt, die alltäglichen Pflichten erfüllt werden. Kara wollte
- arbeiten, Rilke wollte arbeiten, niemand wollte den Haushalt führen. Die kleine Familie geriet binnen weniger Monate in
- eine wirtschaftliche und seelische Eng, die dem feinfühligen Dichter unerträglich wurde. In dieser Bedrängnis
- kam ein Angebot, das wie ein Rettungsanker wirkte. Ein Berliner Verlag wollte eine Monografie über den
- großen Pariser Bildhauer August Rodin in Auftrag geben. Röke nahm an. Im August 1902 reiste er allein nach Paris in eine
- fremde, riesige Stadt, in eine Sprache, die er nicht beherrschte, in ein Werk, dessen Tiefe er erst nach und nach
- begreifen sollte. Klara blieb mit der kleinen Tochter zurück. Röke wollte sich ihr nach sobald er Fuß gefaßt hätte.
- Doch so einfach würde es nicht werden. Was als Auftragsarbeit für eine kleine Monografie begann, sollte zur
- wichtigsten künstlerischen Lehrzeit seines Lebens werden. August Rod war zur Zeit ihrer ersten
- Begegnung 61 Jahre alt. Ein berühmter, oft umstrittener Künstler, dessen Skulpturen wie zerklüftete Berge in den
- Pariser Ateliers standen. Rilke kam in das Atelier in der Rüdelität
- als demütiger Schüler, fast als Pilger. Roder empfing ihn freundlich, aber zurückhaltend. Er verstand nicht ganz,
- was dieser zarte junge Dichter von ihm wollte. Erst nach und nach wurde aus der höflichen Begegnung eine echte
- Beziehung. Rodan nahm Rke zeitweilig sogar als Sekretär in seine Dienste, gab ihm eine Wohnung im Garten seines Hauses
- in Mödon, ließ ihn teilhaben am täglichen Werden der Skulpturen. Was Rilke in diesen Pariser Monaten
- lernte, lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Arbeit.
- Rödder hatte für die romantischen Vorstellungen vom inspirierten Künstler, der auf den Blitz der Eingebung wartet,
- nur ein gleichgültiges Achselzucken übrig. Man arbeite, sagte er, man arbeitet täglich mit den Händen, mit den
- Augen, ohne Unterbrechung. Inspiration sei eine Erfindung der Faulen. Wer wahrhaft schaffen wolle,
- müsseß sehen lernen. Immer wieder, immer genauer, immer geduldiger. Dieser Satz traf Rilke wie ein
- Hammerschlag. Er hatte sein Leben lang auf das Geheimnis der Eingebung gewartet, auf die mystische Stunde, in
- der die Verse von selbst kä. Nun lernte er, dass das Sehen selbst zu einem Handwerk werden müsse. In den
- Pariser Tagen begann Rilke jeden Morgen in den botanischen Garten zu gehen, den Jordin Plant und Tiere zu betrachten. Er
- stand stundenlang vor den Käfigen, sah zu, wie eine schwarze Pantherin auf und abschritt. Er beobachtete die Eleganz
- und die Verzweiflung dieses Tieres, das im engen Käfig kreisenstäben, die für sie zur einzigen Wirklichkeit
- geworden waren. Eines Tages in einem Zimmer in der Rü Toulier schrieb er die Verse nieder, die zu seinem berühmtesten
- Gedicht werden sollten. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müh geworden, dass er nichts
- mehr hält. ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
- Es ist nicht nur ein Gedicht über eine Pantherin in einem Käfig, es ist ein Gedicht über jede Seele, die hinter
- unsichtbaren Stäben kreist, über die menschliche Verfangenheit in den eigenen Mustern und Verzweiflungen.
- Das, was Rilke nun schreiben wird, hat einen neuen Klang. Es ist nicht mehr die schwärmerische,
- fließende Innerlichkeit des Stundenbuches. Es ist eine Sprache, die einen
- Gegenstand fasst, ihn dreht, ihn von allen Seiten betrachtet, bis er aus eigener Kraft zu sprechen beginnt. Rilke
- nannte diese neue Art zu schreiben das Ding, das Gedicht der Dinge. Der schrieb über einen Brunnen, über eine römische
- Fontäne, über einen flämischen Marktplatz, über alte Statuen, über Karussells, über Schwäne. Er schrieb
- das, was er sah, mit einer Schärfe, die in der deutschen Lyrik bis dahin selten war. Die zwei Bände der neuen Gedichte
- erschienen 1907 und 1908 sind das Hauptergebnis dieser Lehrzeit. In ihnen findet sich auch jenes so nett, daß
- viele für Rilkes größtes Gedicht halten, der archaische Tauso Apollos. Es schildert die Begegnung mit einer
- antiken Marmorstatue, deren Kopf und Glieder verloren gegangen sind. Was bleibt, ist nur der Rumpf. Und doch
- glüht dieser Rumpf, sagt Röke, von innen heraus wie eine Lampe. Aus jeder Stelle der versteinerten Haut spricht etwas,
- das den Betrachter durchdringt. Das Gedicht endet mit einem Satz, der seither in unzählige Sprachen übersetzt
- und zu den am häufigsten zitierten Schlusszeilen der Weltliteratur geworden ist. Du musst dein Leben ändern.
- In Paris lernte Röke nicht nur Rodar kennen, er trat auch ein in die Welt der modernen Malerei. Die Bilder Paul Sesan,
- die er erstmals in den Pariser Galerien sah, erschütterten ihn. Sesans geduldige, fast religiöse Hingabe an
- Apfelschale, an Landschaft, an einen Berg, traf seine eigene neue Sehensweise.
- In Briefen an Kara, die zu den schönsten Zeugnissen der modernen Kunstbetrachtung gehören, beschrieb Röke, was er in den
- Bildern dieses verstorbenen Provinzialen erkannte. Ein Sehen ohne Sentimentalität,
- ein Schaffen ohne Eitelkeit, ein Hinwenden zur Sache selbst. Ich lerne sehen", schrieb er Kara. "Ich weiß
- nicht, woran es liegt. Es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es
- sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wuste. Alles geht jetzt dorthin. Aus dieser tiefen
- Wandlung erwuchsen also nicht nur die neuen Gedichte, sondern auch die Vorbereitung jenes inneren Bodens, auf
- dem viele Jahre später die Duineserlegien wachsen sollten. Und doch hatte all dieses Lernen einen
- hohen Preis. Die Beziehung zu Kara entfernte sich. Die kleine Tochter Rut wuchs ohne den Vater auf. meist bei den
- Großeltern auf dem Land. Rilke konnte und wollte kein Familienmensch sein. Er war zerrissen zwischen dem Wunsch, ein
- guter Vater und Ehemann zu sein und der Gewissheit, dass nur die Einsamkeit ihn zum Dichter machte. Die Ehe wurde nicht
- offiziell geschieden, aber sie wurde stillschweigend gelöst. Kara und Reiner blieben einander durch
- Briefe verbunden, durch eine zarte Achtung, durch die gemeinsame Erinnerung an die Tochter. Im übrigen führten sie
- getrennte Leben und Rilke, der in Rodin den Lehrer des Sehens gefunden hatte, blieb in mancher Hinsicht doch jener
- verletzliche Junge, der einmal in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel gestanden hatte, nur dass er nun statt im Spiegel
- in den Dingen der Welt sich selbst entdeckte. Der Satz, mit dem der Torso Apollo
- endet, galt von nun an auch für ihn selbst. Er hatte sein Leben geändert und er würde es noch viele Male ändern
- müssen. Es ist ein nasskalter Herbsttag des Jahres 1910.
- In einer engen Pariser Gasse stockt ein Mensch im Vorübergehen. Er ist hochgewachsen in einen dunklen Mantel
- gehüllt und auf seinem schmalen Gesicht steht ein Ausdruck, der zwischen Entsetzen und Faszination schwankt.
- Vor ihm, auf dem schmutzigen Pflaster ist ein Mann zusammengebrochen. Passanten rotten sich zusammen, ein Hund
- bellt, ein Pferd und aus den umliegenden Häusern dringt der Geruch einer Stadt, die nie schläft. Es riecht, so wird er
- es später aufschreiben, nach Jodoform, nach dem Fett gebratener Kartoffeln und nach Angst.
- Reiner Maria Rilke wendet sich ab, doch der Anblick hat sich bereits in ihn eingebrannt. Er geht in seine winzige
- Mietkammer in der Rüde Waren zurück, setzt sich an den Tisch, nimmt ein neues Heft und beginnt zu schreiben.
- So entstehen die ersten Aufzeichnungen jenes Buches, das später unter dem Titel die Aufzeichnungen des Malte Lauritz
- Brigge erscheinen soll. Paris hatte ihn beim ersten Mal im Jahr 192 mit der Wucht eines Schocks
- getroffen. Nun, bei seinem mehrfachen Wiederkommen war die Stadt selbst eine andere geworden. Die große Belepock
- stand auf ihrem Höhepunkt. Die ersten Metrolinien durchzogen den Untergrund. Neue Boulevards rissen alte Viertel auf.
- Fast 3 Millionen Menschen drängten sich auf engstem Raum. Lichter brannten in den Cafés bis zum Morgen.
- Doch unter dieser glänzenden Oberfläche herrschte ein Elend, von dem die feinen Bürgerwohnungen kaum etwas wussten. In
- den armen Vierteln starben Menschen an Tuberkulose, an Hunger, an dem Eintönigen einer Welt, die sie übersehen
- hatte. Krankenhäuser waren überfüllt, in den Hospizen lagen sterbende in langen Reihen und auf den Straßen begegnete dem
- aufmerksamen Auge das volle Spektrum menschlicher Not. Rilke, der überempfindliche Mann aus
- Prag, dessen Nerven schon auf das Klappern eines Fensterladens zitterten, war wie eine offene Wunde, durch die
- diese Stadt in ihn einzog. Er fühlte ihre Geräusche körperlich. Er fühlte ihre Krankheiten beinahe wie eigene
- Symptome. Wenn er an einem Kinderwagen vorüberging, in dem blasses, geschwollenes Kind lag, schien ihm die
- ganze Welt zu kippen. Wenn er einen alten Mann auf einer Parkbank entdeckte, dessen Augen schon nicht mehr in dieser
- Welt zu sein schienen, blieb er stehen und betrachtete ihn, bis er selbst das Gefühl hatte, mit jenem zugleich zu
- sterben. Die Großstadt wurde für ihn zur Prüfung, zu einem Spiegel, indem er nicht nur das
- Elend der anderen, sondern auch seine eigenen tiefsten Ängste erkennen musste. Es waren die Ängste eines Mannes, der
- die Kindheit ohne Sicherheit, ohne Schutz, ohne väterlichen Halt durchlebt hatte und nun in der Anonymität der
- Großstadt erneut jenes Gefühl der Heimatlosigkeit empfand. In dieser Bedrängnis griff Rilke zu dem
- Mittel, das ihm immer geholfen hatte. Er schrieb, aber was er nun schrieb, war nicht mehr lyrisch geordnete Empfindung.
- Es war prosa, brüchig, tastend, manchmal halbtraumhaft, manchmal von einer kalten Schärfe, die an klinische Berichte
- erinnerte. Er schrieb in der Maske eines fiktiven jungen Dänen mit dem Namen Malte Lauritz Brigge, eines verarmten
- Adeligen, der allein in Paris lebt und dem Verfall, dem Sterben der Erinnerung ausgeliefert ist. In diesem Buch verband
- Rilke alles, was er bis dahin durchlitten hatte. Das Gefühl der Verlassenheit aus den Tagen der
- Militärschule, das Sehen, das er bei Rodin gelernt hatte, die Frömmigkeit aus dem russischen Stundenbuch, die Schärfe
- der Beobachtung aus den Dingedichten. Es entstand ein Werk, das man heute zu den frühesten großen Romanen der
- literarischen Moderne in deutscher Sprache zählt. Ein Buch ohne klare Handlung, ohne abgeschlossene Erzählung,
- getragen von einzelnen Szenen, Erinnerungen, Reflektionen, die wie Splitter einer zerbrochenen Welt
- nebeneinander liegen. Im Inneren des Dichters ging etwas vor, dass er selbst kaum benennen konnte. Es war, als hätte
- ihn die Stadt entkleidet, als hätte sie ihm Schicht um Schicht jene Verkleidungen abgenommen, in denen er
- sich bislang gegen die Welt geschützt hatte. Er hatte einst geglaubt, durch fromme
- Verse einen Schutzraum bauen zu können. Er hatte einst geglaubt, durch das genaue sehen ein neues Heim in den
- Dingen zu finden. Nun aber zeigte sich, dass dieses neue Heim brüchig war, dass es ihn nicht vor dem Anblick einer
- sterbenden Stadt bewahren konnte. Er fühlte sich, wie er später an einen Freund schrieb, als sei er innerlich
- ausgenommen, als sei er ein Gefäß, in das die Wirklichkeit ungebremst hineinströme.
- Manche Biographen sehen in diesen Pariser Jahren den Beginn jener seelischen Erschöpfung, die ihn ein
- ganzes Jahrzehnt lang begleiten sollte. Andere betonen, daß gerade diese radikale Öffnung gegenüber dem Leiden
- der Welt eine notwendige Vorbereitung war für das, was Rilke später als das Wesentliche seines Werks bezeichnete.
- Im Mai des Jahres 1910 erschien der Malte Lauritz Brigge in Leipzig im Inselverlag. Die Aufnahme war
- zwiespältig. Manche Kritiker erkannten sofort die ungewöhnliche Tiefe und Modernität des Buches. Andere fanden es
- düster, formlos, beinahe krank. Rilke selbst empfandung dieses Werks eine Lehre, die ihn beinah zerbrach.
- Es war, als hätte er alles, was er zu sagen hatte, gesagt. Er konnte nichts mehr schreiben. Wochenlang lag er stumm
- in seinem Zimmer, die Feder unberührt. Er reiste nach Italien, nach Nordafrika, nach Ägypten. Doch wohin er auch ging,
- der innere Stillstand blieb. Es begann jene große Krise, die ihn die nächsten Jahre nicht mehr loslassen sollte.
- Die Pariser Erfahrung hatte ihn gelehrt, was es heißt, die Welt mit den Augen eines wahren Künstlers zu betrachten.
- Sie hatte ihn aber auch gelehrt, dass der Preis dieses Sehens hoch ist. Wer den Malte Lauritz Brigge gelesen
- hat, der versteht, dass dieses Buch nicht nur die Geschichte eines fiktiven jungen Dänen ist. Es ist die geheime
- Autobiographie eines Mannes, der in der modernen Großstadt nach einem neuen Begriff vom Leben suchte und dabei
- beinah den Halt unter den Füßen verlor. Das letzte Wort des Buches, das Wort vom verlorenen Sohn, der nicht zurückkehren
- will, weil er nicht geliebt werden möchte, sondern lieben. Dieses Wort enthält bereits die Saat dessen, was
- Rilke später als das Hauptthema seiner reifendichtung ausarbeiten sollte. Doch in diesem Augenblick in der grauen
- Pariser Wirklichkeit fühlte sich der Dichter wie ein Mensch, der von einer langen Krankheit aufsteht und nicht
- weiß, ob er wieder gehen lernen wird. Was als nächstes geschah, hätte niemand ahnen können. Es bedurfte einer Frau von
- außerordentlichem Vermögen, eines alten Schlosses am Meer und eines Wintersturms, um den verstummten Dichter
- wieder zu entfesseln. Im April des Jahres 1911, an einem milden Frühlingsabend, hält eine elegante
- Kutsche vor dem Tor eines weitläufigen alten Schlosses an der Adriaküste, nicht weit von Triest entfernt. Aus der
- Kutsche steigt eine kleine lebhafte Frau in einem geschmackvollen Reisekleid. Sie wendet sich zurück und reicht einem
- dünnen, blassen Mann die Hand, der ihr folgt. Es ist Reiner Maria Rilke, 36 Jahre alt, geschwächt von den Pariser
- Monaten, mit dunklen Schatten unter den Augen. Die Frau heißt Marie von Turn und Taxis hohen Lohe und gehört zu den
- reichsten Aristokratinnen Österreichs. Sie ist 55 Jahre alt, hochgebildet, sprachbegabt, mit einem feinen Sinn für
- Literatur und einer großzügigen Liebe zu den Dichtern ihrer Zeit. Sie hat Riles Verse seit Jahren gelesen und ihn nun
- eingeladen, in ihrem Schloss Duino so lange zu bleiben, wie er wolle. Sie hat von ihm gehört, daß er in einer
- schweren Schaffenskrise stecke. Sie hofft, dass die Stille und die Schönheit dieses Ortes ihn entfesseln werden.
- Schloss Duino liegt auf einem schroffen Felsen, der unmittelbar in die Adria hineinragt. Unter den Mauern brechen die
- Wellen an einer steilen Küste. Manche Türme sind alt, andere bereits aus dem 17. Jahrhundert.
- Im Inneren des Schlosses herrscht eine Atmosphäre, in der sich Eleganz und Geheimnis mischen. Es gibt Salons mit
- alten Gemälden, eine Bibliothek mit tausenden von Bänden, Korridore, in denen das Meer fast hörbar gegen die
- Steine schlägt. Rilke ist überwältigt. Er erhält ein eigenes Zimmer mit Blick auf die See. Marie von Ton und Taxis,
- die er bald in seinen Briefen schlicht, die Fürstin nennen wird, gibt ihm vollkommene Freiheit. Er kann arbeiten,
- wann er will, schweigen, wann er will, an den Mahlzeiten teilnehmen oder ihn ferniben.
- Es ist genau jene Form großzügiger Beschützung, von der ein Dichter wie Rilke nur träumen konnte. Doch das Glück
- eines äußerlich vollkommenen Ortes übersetzt sich nicht von selbst in Inspiration.
- Wochen vergehen, dann Monate. Rilke wandert die Klippen entlang, beobachtet die Möwen, sammelt Steine, schreibt
- Briefe, doch die großen Verse, auf die er wartet, kommen nicht. Im Herbst 1911 verlassen die Fürstin und
- ihre Familie das Schloss, um den Winter in Wien zu verbringen. Sie bietet Rilke an, in Duino zu bleiben, ganz allein mit
- dem alten Verwalter und einer kleinen Dienerschaft. Brilke nimmt das Angebot an. Er hofft,
- dass die völlige Einsamkeit ihn das geben wird, was die Anwesenheit der Gastgeber ihm nicht zu geben vermochte.
- Der Winter zieht ein, die See wird grau, die Felsen werden glatt vom Regen und in den langen Galerien des Schlosses
- brennen nur wenige Lampen. Es ist der 21. Januar 1912. Am Morgen erreicht Rilke jener Brief
- seines Pariser Anwalts, der die Scheidungssache mit Kara behandelt. Die juristischen Schwierigkeiten sind groß.
- Es ist nicht klar, wie die Tochter Rut in dieser Lage versorgt werden soll. Rilke fühlt sich gleichzeitig schuldig
- und gefangen. Er steht auf, zieht den Mantel an, nimmt einen Spazierstock und geht hinaus. Der Wind ist stark, die See
- tobt unter ihm. Er klettert über die schmalen Wege an den Klippen entlang, lehnt sich an einen Felsen und schaut
- hinunter ins Wasser. Da geschieht es. Aus dem Tosen des Windes scheint sich eine Stimme zu
- lösen. Rilke wird später beschreiben, er habe deutlich Worte gehört, ganze Verse, fast wie ein Diktat aus einer anderen
- Welt. Er zieht ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt die erste Zeile auf. Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn
- aus der Engelordnungen. Im Schloss zurück arbeitet er die ganze Nacht. Bis zum Morgen ist die erste
- Duineser Elgie niedergeschrieben. In den folgenden Tagen entstehen Teile der zweiten Elgie.
- Was hier geschah, läßt sich auf mehr als nur eine Weise deuten. Die Fürstin, die seit Jahren
- spiritistische Sitzungen organisierte und mit ihrem Dichter zu Weilen den Versuch unternahm, mit der jenseitigen
- Welt in Kontakt zu treten, glaubte fest an die mystische Eingebung dieser Stunden. Rilke selbst hat das Ereignis
- stets mit einer gewissen Scheu beschrieben, als sei es ihm eher wiederfahren als von ihm geleistet
- worden. Manche Biographen sehen darin ein echtes mystisches Erlebnis. Andere weisen darauf hin, daß die Verse
- Resultat einer jahrelangen inneren Vorbereitung gewesen sein und in einem Augenblick der Erschütterung lediglich
- zutage getreten sein. Wie auch immer man es nennt, der Beginn der Duineser Elgien ist eine der eigenartigsten und
- folgenreichsten Stunden der modernen deutschen Dichtung. Doch das Schloss am Meer war nicht das
- vollständige Ende der Krise. Nach jenen ersten beiden Elien versagte die Eingebung wieder. Rüke konnte nicht
- weiter. Die Hoffnung in Duino, ein großes zusammenhängendes Werk vollenden zu
- können, zerbrach an der inneren Erschöpfung. Im Frühjahr 1912 reiste er nach Venedig, dann nach Spanien. Er
- besuchte Toledo, die alte Bischofsstadt, sah die Gemälde des Elgreco, jene langen, schmalen heiligen Figuren, die
- wie von einem überirdischen Wind gezogen erscheinen. Er reiste weiter nach Ronda in Andalusien, lebte dort in einem Hotel
- hoch über einer Schlucht, schrieb wieder einige Verse, vorwiegend die sechste Elie und Teile der Zehnten. Doch immer
- dasselbe Muster wiederholte sich. Eine kurze Hochstimmung, ein paar gelungene Zeilen, dann das Schweigen. Innerlich
- lebte Rilke in diesen Jahren zwischen großer Hoffnung und tiefer Mutlosigkeit. Er wusste, dass die Elien sein
- eigentliches Werk werden sollten, das alle früheren Bücher überragen würde. Er wusste auch, dass er nicht das Recht
- hatte, dieses Werk aufzugeben. Doch er wusste nicht, wie und wo er es vollenden sollte. Er reiste, er suchte, er klagte
- in Briefen an die Fürstin, an Lou Andreas Salome, an seinen Verleger Anton Kippenberg.
- Manchmal glaubte er, ein anderer Ort würde die Lösung bringen. Manchmal versuchte er es mit asketischer Stränge,
- mit Vegetarismus, mit Verzicht auf alles Bequeme. Manchmal stürzte er sich wieder in Liebesbeziehungen mit Frauen, die er
- kurz bewunderte und dann ebenso schnell wieder verließ. Was ihn in dieser Zeit innerlich
- rettete, war ein Gedanke, der sich aus der ersten Elie selbst herausgeschält hatte.
- Das Leben, sagte Rilke, sei nicht so sehr ein Geschehen, das man ergreifen müsß, als ein Reifen, das man geschehen
- lassen müsse. Wie eine Frucht braucht ein Werk seine Zeit, um zu reifen. Wer ihm Gewalt antut, verdirbt es. Diese
- Einsicht, so einfach sie klingen mag, war für einen Mann, der seit Jahren unter der Pflicht zur Vollendung l, eine
- Art Befreiung. Sie sollte ihm helfen, das nun folgende Jahrzehnt zu überstehen. Ein Jahrzehnt, in dem die
- Geschichte selbst alles erschüttern würde, was er für gegeben gehalten hatte. Denn während der Dichter noch
- immer auf den nächsten Schub der Inspiration wartete, zogen über Europa Wolken zusammen, vor denen er
- nirgendwohin würde fliehen können. Es ist der Sommer des Jahres 1914. Reiner Maria Rilke befindet sich in
- München im Hause eines befreundeten Verlegers. Es ist heiß. In den Cafés diskutieren die Männer mit erhobenen
- Stimmen. An den Litferssäulen kleben neue Plakate. Am Ende des Juli sitzt Röke am
- Frühstückstisch und hält eine Zeitung in den Händen, deren Schlagzeilen er kaum zu glauben vermag. Das Kaiserreich
- Österreich-Ungarn hat dem Königreich Serbien den Krieg erklärt. Wenige Tage später wird Deutschland an der Seite
- Österreichs in den Krieg eintreten. Russland mobilisiert, Frankreich folgt, England schließt sich an. Innerhalb
- weniger Tage verwandelt sich der Kontinent in ein riesiges Schlachtfeld. Rilke, der gewohnt war, Europa als
- einziges großes Haus zu betrachten, in dem ein Dichter zwischen Paris, Wien, Petersburg und Florenz frei wandern
- konnte, sieht binnen Stunden alle Türen dieses Hauses zuschlagen. Anfangs, wie viele Schriftsteller seiner
- Generation, wird auch Rilke von einer kurzen, beinah rauschaften Begeisterung erfasst. Er glaubt für einen Moment, daß
- der Krieg die alte, müde, dekadente Welt reinigen könnte, dass aus dem Sturm eine neue gemeinschaftliche Wirklichkeit
- hervorgehen würde. In wenigen Tagen schreibt er die sogenannten fünf Gesänge, eine kleine Folge feierlich
- gestimmter Verse, in denen er ein Aufstehendes Kriegs Gottes besingt. sind keine marzialischen beutehungrigen
- Zeilen, doch sie sprechen vom Krieg in einer pathetischen Hoheit, von der er sich später deutlich distanzieren wird.
- Schon wenige Wochen später, als die ersten verwundeten Transporte zurückkehren, als die Listen der
- Gefallenen anschwellen, schweigt er. Er widerruft seine ersten Gesänge nicht öffentlich, aber er weigert sich von nun
- an einziges Wort zum Lobe des Krieges zu schreiben. Er ist erschüttert und seine Erschütterung wächst mit jedem Monat des
- Schlachtens. Die Lage des Dichters in diesen Kriegsjahren ist eigenartig zerrissen.
- Geographisch sitzt er in München fest. Seine Wohnung und ein großer Teil seiner Bibliothek befinden sich in Paris. in
- jener Stadt, die nun Feindesland geworden ist. Eines Tages im Spätsommer 1914
- erfährt er, dass seine Pariser Harbseligkeiten beschlagnahmt und versteigert worden sind. Tausende von
- Büchern, Manuskripten, persönliche Briefe, sorgfältig zusammengetragene Notizen. All dies geht für immer
- verloren oder zerstreut sich in alle Winde. Es ist ein Verlust, der einen Mann wie Rilke ins Herz trifft. Seine
- inneren Räume waren stets aufs Ängste mit seinen Büchern, mit den vertrauten Gegenständen seiner Schreibtische
- verbunden. Der Krieg hat ihm nicht nur Europa entzogen, er hat ihm auch das eigene
- Atelier weggenommen. Im Januar 1916 erreicht ihn die Einberufung. Rilke ist
- nun 41 Jahre alt, körperlich schwach, mit angegriffenen Nerven, ohne jede militärische Ereignung. Trotzdem wird er
- nach Wien zur Stellung gerufen. Die Wochen der Grundausbildung in einer Kaserne der Reichshauptstadt werden zur
- Hölle für ihn. Er, der seine Kindheit in der kaiserlich und königlich Militärschule überlebt hatte, sieht sich
- nun erneut in eine Uniform gezwungen, sieht sich erneut den Kommandostimmen ausgeliefert, marschiert mit anderen
- Männern über staubige Plätze. Befreundete Schriftsteller und einflussreiche Gönner setzen sich für
- ihn ein mit Erfolg. Nach kurzer Zeit wird er in das Kriegsarchiv im Wiener Stiftgasse versetzt, wo Berichte von der
- Front gesammelt, geordnet und stilistisch geglättet werden. Rilkes Aufgabe besteht im Wesentlichen darin,
- militärische Texte zu redigieren und in eine vorzeigbare Form zu bringen. Er, der Dichter, der das genaue Wort suchte,
- wie ein Bildhauer den richtigen Hammerschlag, sitzt nun in einem Büroraum und korrigiert verlogene
- Kriegsmeldungen. Im Inneren dieses Mannes geht in diesen Monaten etwas Schwerwiegendes vor. Wer
- das Töten von Hunderttausenden täglich mit der Hand niederschreibt, der verliert das Vertrauen in die Sprache
- selbst. Rilke, der einst in der einen klaren Linie eines guten Verses ein moralisches
- Ereignis sah, beobachtet nun, wie die Sprache zum Werkzeug der Verdrehung wird. Er schreibt in einem Brief an
- einen Freund, er sei innerlich vollkommen unterdrückt. Kein Wort komme mehr in ihm auf. Sein eigenes Inneres
- sei ihm so unzugänglich, daß er nicht wüßse, ob schwere Bewegung darin sei oder überhaupt nur schwere.
- Im Juni 1916 wird er endgültig aus dem Dienst entlassen. Doch der Mensch, der die Wiener Kaserne verlässt, ist ein
- anderer als der, der sie betreten hat. Etwas ist in ihm zerbrochen, das nicht so schnell wieder zusammenwachsen würde.
- In den folgenden Kriegsjahren lebt Rilke wieder in München an wechselnden Adressen, abhängig von der Gunst einiger
- Freunde, die ihn beherbergen. Er ist ein Heimatloser. Er schreibt fast nichts. Manchmal
- Notizen, manchmal kurze Briefe, manchmal Anfänge, die in der Schublade liegen bleiben.
- Die Welt um ihn herum verändert sich mit jedem Monat. Im November 1918 brechen die Mittelmächte zusammen. Der
- Kaiser dankt ab. Österreich-Ungarn löst sich auf. Das alte Reich der Habsburger zerfällt in eine Reihe kleinerer
- Staaten. Prag, die Stadt seiner Kindheit, wird zur Hauptstadt der neugegründeten Tschechoslowakei.
- Rilke ist mit einemm nicht mehr Bürger eines existierenden Landes. Er ist zwar deutschsprachig, aber kein Deutscher. Er
- ist gebürtiger Prager, doch im neuen Staat ist seine Stellung unklar. Er hat keinen festen Wohnsitz, keinen Pass, der
- ihm überall die Tür öffnet, keine Bürgerrechte, auf die er sich verlassen könnte. Diese äußere Heimatlosigkeit
- entspricht seiner inneren Verfassung. Rilke hat in den Kriegsjahren erkannt, dass die alte Welt, in der er sich als
- europäischer Dichter verstanden hatte, unwiderruflich zerstört worden ist. Es gibt kein Zurück zu den großen Salons
- der Vorkriegszeit, zu den literarischen Cafés von Paris, zu den langen Reisen mit dem Schlafwagen quer durch den
- Kontinent. Das Bürgertum, dessen lautlose Geldsendungen ihm einst sein Leben als
- freier Schriftsteller ermöglicht hatten, ist verarmt. Inflation, politische Wirren, Hunger in den Städten. Europa
- gleicht einem geschlagenen Tier, das sich seine Wunden leckt. Röke versteht, dass jede Dichtung, die nach diesem
- Krieg geschrieben werden soll, eine andere sein muss, als die vor 1914. Im Sommer 1919 ergreift Röke die
- Gelegenheit in die neutrale Schweiz zu reisen. Eine Vortragseinladung dient als Vorwand. Was als kurzer Aufenthalt
- geplant ist, wird zur endgültigen Übersiedlung. Er kehrt nicht mehr nach Deutschland zurück, kehrt nicht mehr ins
- zerfallene Österreich zurück. Die Schweiz von der Kriegszerstörung unberührt mit ihren ruhigen Tälern,
- ihren stillen Sehen, ihrem gepflegten kulturellen Leben wird zur letzten Bühne seines Lebens. Er reist durch das Land,
- hält Lesungen, sucht ein Refugium. Was er eigentlich sucht, ist nicht nur ein Wohnsitz, sondern ein Ort, an dem die
- Welt wieder so still wird, dass das innere Werk wieder vernehmbar wird. Und tatsächlich beginnt in diesen Schweizer
- Jahren etwas zu reifen, dass niemand am wenigsten Röke selbst für möglich gehalten hätte. Das jahrelange
- Schweigen, die Erschütterungen des Krieges, der Verlust der alten Welt, all dies hatte nicht nur zerstört, sondern
- auch verdichtet. Tief unter der Oberfläche seiner Erschöpfung sammelte sich Material, das nur noch eines Ortes
- und einer Stunde bedürfte, um aufzubrechen. Dieser Ort wartete bereits ein einsamer
- Turm in einer abgelegenen Gegend des Wallis und die Stunde sollte näher sein, als der Dichter es selbst zu hoffen
- wagte. Es ist eine sternklare Nacht im Februar des Jahres 1922.
- In einem alten steinernen Turm im Walles, hoch über dem schmalen Tal des Rotten, brennt eine einzige Kerze. Über
- die schmale Wendeltreppe rennt ein Mann hinauf mit fliegenden Schritten, das Hemd halb offen, den Federhalter in der
- Hand. Er hat soeben einige Verse niedergeschrieben und einige weitere im
- Kopf, die er fürchtet zu verlieren, wenn er nicht augenblicklich an seinen Schreibtisch zurückkehrt.
- Reiner Maria Rilke ist 46 Jahre alt und in dieser Nacht arbeitet er an dem Werk, auf das ern Jahre seines Lebens gewartet
- hat. In wenigen Wochen wird er die Duineserlegien vollenden und obendrein zwei Bände von Sonetten an Orfeus
- niederschreiben. Doch in diesem Augenblick weiß er noch nicht, wie weit er kommen wird. Er weiß
- nur, dass sich nach langem Schweigen endlich etwas in ihm öffnet. Der Turm, in dem er lebt, heißt Chat de
- Müsau. Es ist kein eigentliches Schloss, sondern ein kleines mittelalterliches Wohngebäude aus dem 13. Jahrhundert mit
- dicken Mauern, kleinen Fenstern und einer engen Treppe. Es liegt bei Vera, oberhalb der Statier im Kanton Walles.
- Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Heizung, außer einem großen Kachelofen. Wer hier wohnt, lebt
- einfach, fast asketisch. Genau darum ist dieser Ort für Röke ideal. Er hat im Sommer 1921
- den Turm während eines Spaziergangs entdeckt und sich sofort in ihn verliebt. Sein Mezen, der Schweizer
- industrielle und Mzen Werner Reinhard, ein Kaufmann aus Wintertour, der in Rilke einen der größten Dichter der Zeit
- erkannt hatte, kaufte Musot und stellte es dem Dichter zur freien Verfügung. Es war ein Geschenk, das alles veränderte.
- Rilke zog Ende Juli 192 in Musot ein. Die ersten Monate waren ein einziges Tasten. Er richtete den
- Turm ein, ordnete seine wenigen Bücher, fand eine treue Haushälterin, Frieda Baumgartner, die ihm das Nötigste
- besorgte. Er schrieb Briefe, machte lange Spaziergänge durch die Weinberge des Walles, schaute auf die fernen
- Gipfel, beobachtete den Wechsel des Lichtes über den steinigen Hügeln. Doch die großen Verse, auf die er hoffte,
- blieben aus. Den ganzen Winter überschwankte er zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Manchmal glaubte er, das
- Werk werde sich nie vollenden lassen. Manchmal spürte er, dass sich tief unter der Oberfläche etwas bewegte. Er
- praktizierte, wie er selbst sagte, eine Form innerer Stränge. Kein Wein, keine Süßigkeiten, keine Unterhaltung. Er
- nannte es mit einem leicht ironischen Wort sein Mysotisme, sein Mutsotmönchstum.
- Dann in den ersten Februargen des Jahres 1922 begann plötzlich wie ein Sturm.
- Er hat es selbst in einem Brief Andy Fürstin Marie von Ton und Taxis beschrieben, in einem Schreiben, das zu
- den ergreifendsten Zeugnissen schöpferischer Eingebung in der Weltliteratur gehört. Er sei, schrieb er
- im Innern wie unter einem Diktat. Stimmen sprächen zu ihm, Verse stürzten heran, ganze Strophen, vollendete
- Bilder. Er müße Tag und Nacht arbeiten, um mit ihm Schritt zu halten. In wenigen Wochen, in jenem Februar und in den
- ersten Wochen des März vollendete er nicht nur die letzten Illegien, sondern schrieb auch 55 Sonette an Orfeus, ein
- zweiter Zyklus, der ihm gleichsam als unverhofftes Nebenwerk in den Schoß fiel.
- Dieser Ausbruch der Schöpferkraft nach zehn Jahren Schweigens ist eines der erstaunlichsten Ereignisse in der
- Geschichte der Dichtung. Es gilt zu verstehen, wodurch aus der Stille so plötzlich ein Sturm wurde.
- Manche Forscher haben darauf hingewiesen, dass alle wichtigen Themen der Egien längst in Rilke vorbereitet
- waren. Die Begegnung mit Rodin, die Pariser Krise, die Stunde an der Klippe von Duino, die Kriegsjahre, der Verlust
- der alten Welt, das Lesen islamischer und ägyptischer Dichtung, die langen Briefwechsel mit Lou Andreas Salome und
- mit der Fürstin Marie. All dies hatte sich im Inneren des Dichters wie Wasser hinter einer Staumauer angesammelt. Es
- bedürfte nur eines kleinen Bruches, einer kleinen Öffnung und der Strom brach los.
- Andere haben betont, dass Rilke selbst diesen Moment als ein Geschenk, fast als einen mystischen Akt verstand, der sich
- nicht erklären, sondern nur dankbar empfangen ließ. Die Vollendung kam mit einer Erschütterung, die nicht weniger
- heftig war als die zehnjährige Wartezeit. Am 11. Februar 1922
- schrieb Rilke an die Fürstin den berühmten Brief, indem er ankündigte, dass die Illegien fertig sein. Er sei,
- schrieb er, von einer langen Krankheit aufgestanden. Was als Klagegesang begonnen hatte, war
- zu einem großen Lobgesang geworden. Wer dieien liest, erkennt diesen Umschlag bald. Die ersten sprechen von der
- Schwere, von der Unfähigkeit der Menschen, das Schöne und das Schreckliche zugleich zu ertragen, von
- der Hilflosigkeit der Liebenden, von der Einsamkeit der Junggestorbenen. Doch je weiter der Zyklus fortschreitet,
- desto mehr verwandelt sich die Klage in eine Feier. Die neunte Elie endet mit Versen, die zum Vermächtnis Röhes
- geworden sind. Erde, du Liebe, ich will. Sie spricht von einer fast religiösen Bejahrung des vergänglichen Lebens, von
- der Aufgabe des Menschen, das Sichtbare in das Unsichtbare zu verwandeln. Während Rilke in Muzod Tag und Nacht
- arbeitete, war die Welt um ihn fast vergessen. Frieder Baumgartner brachte ihm einfaches Essen vor die Tür. Er kam
- herunter, aß rasch, kehrte zurück. Manchmal trat er ans Fenster, schaute hinaus auf die schweigenden Berge des
- Wallis, atmete tief ein und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Sein Verleger Anton Kippenberg in Leipzig
- hatte über Jahre hinweg geduldig gewartet, vorsichtig gemahnt, manchmal sanft gedrängt. Als das Manuskript
- schließlich auf seinen Tisch kam, soll er gefragt haben, ob es noch einer Durchsicht bedürfe. Rilke antwortete
- kurz: "Das sei nicht nötig. Es sei vollendet, wie es sei. Es war eine kühne, beinahe schroff eines Mannes, der
- wusste, dass er nun zu der Stunde gelangt war, auf die alles in seinem Leben gewartet hatte. Im Inneren des
- Dichters folgte auf die Wochen des Schreibens eine seltsame Lehre. Es war als sei mit den letzten Versen auch die
- letzte Spannkraft seines Lebens verbraucht. Ein Freund schrieb später: "Rilke habe nach der Vollendung der
- Illegien aussah wie ein Mensch, der eine lebenslange Aufgabe erfüllt hat und nun nicht mehr weiß, wozu er noch atmen
- solle. Er blieb in Muzot, doch der Turm war nicht mehr derselbe. Er versuchte sich
- zu erholen. L fiel, übersetzte einige Werke aus dem Französischen, schrieb auch selbst französische Gedichte, die
- einen leichten, fast spielerischen Ton anschlugen. Doch zugleich begann sein Körper Zeichen einer Schwäche zu zeigen,
- die zunächst keiner zu deuten wusste. Die Hände wurden müde, das Zahnfleisch blutete, eine seltsame Erschöpfung lag
- in den Knochen. Was niemand ahnte, was Rilke selbst nicht ahnen wollte, war, dass eine schwere, unaufhaltsame
- Krankheit sich bereits leise in ihn einzunisten begonnen hatte. Es ist der Frühling des Jahres 1926.
- In einem kleinen Pariser Vorort in einer ärmlichen Wohnung mit feuchten Wänden sitzt eine 33-jährige Frau an einem
- wacklig Tisch. Ihre Hände sind grob, die Finger schwer von silbernen Ringen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, ihre Augen
- brennen mit einer fiebrigen Schärfe. Vor ihr liegt ein Brief, den sie immer wieder liest.
- Er kommt aus dem Walles, aus einem alten Turm namens Musot. Der Absender ist ein Dichter, den sie seit ihrer Jugend
- verehrt. Er heißt Reiner Maria Rilke. Marina Ivanovna Zweteva, eine der bedeutendsten russischen Lyrikerinnen
- ihrer Generation, lebt seit Jahren im Exil. Sie ist arm. Ihre kleine Tochter Irina ist im Hunger der russischen
- Bürgerkriegsjahre gestorben. Ihr Mann ist in fragwürdige politische Verstrickungen geraten. Doch in diesem
- Augenblick zählt nichts davon. Sie hält einen Brief in der Hand, indem Rilke selbst sich an sie wendet. Sie
- weint, sie lacht, sie schreibt sogleich zurück in einer Sprache, die zwischen Russisch und Deutsch hin und her zuckt
- wie eine offene Flamme. Es lohnt nachzuvollziehen, wie es zu dieser Begegnung gekommen war. Die Verbindung
- lief über einen dritten Dichter. Boris Leonidowits Pastanack, 36 Jahre alt, in Moskau lebend, hatte schon als Junge in
- Russland Rilke gesehen jenes flüchtige Bild des jungen Dichters in Schwarz auf einem Bahnsteig, das er nie vergessen
- sollte. Sein Vater Leonid, der Maler hatte Rilke in Moskau Bücher gewidmet. Boris selbst hatte später jahrelang
- davon geträumt, an Rilke zu schreiben, doch sich nie getraut. Erst im Frühjahr 1926
- erfuhr er durch seinen Vater, dass Rilke seine Boris Gedichte kenne und schätze. Diese Nachricht erschütterte den
- russischen Dichter so sehr, dass er sich endlich entschloss, Rilke einen Brief zu schreiben. In demselben Brief bat er
- Rilke, statt ihn zu antworten, lieber seine Bücher an Marina Zweteva nach Frankreich zu schicken, denn für
- Pastanack war Zweteva zu dieser Zeit der erste Dichter Russlands. So nahm jene merkwürdige dreieckige
- Korrespondenz ihren Anfang, die in der Literaturgeschichte einzigasteht. Drei Dichter in drei Ländern, drei
- Sprachen, drei verschiedene Lebenslagen verbunden durch die Glut der Worte und durch eine fast religiöse Verehrung
- füreinander. Rilke schrieb an Zwetjeva im Mai 1926 den ersten Brief und legte ihm einige seiner Werke bei. Sie
- antwortete sofort in einer Sprache von ungeheurer Intensität, voll von Hingabe und Forderung zugleich. Sie nannte ihn
- nicht den geliebten Dichter, sondern mit ihrer kühnen, beinah atemlosen Genauigkeit die fleisch gewordene
- Dichtung selbst. Pastanack in Moskau las die Briefe seiner Freundin Marina an Röke mit einem fast schmerzhaften Gefühl
- der Bewunderung. Er l darunter, dass er nicht dabei sein konnte, dass die Grenzen ihn von beiden trennten, dass er
- nur in Briefen an dieser Liebe teilhaben durfte. Marina Zweteva lebte in jenem Frühling
- und Sommer in einem Zustand, den man kaum anders nennen kann als ein lyrisches Fieber. Sie hatte gerade ihren
- Sohn Georgi geboren, den sie zu Hause Mur nannte. Sie führte einen kümmerlichen Haushalt,
- kochte über einer kleinen Flamme, wusch die Wäsche an einem kalten Bach. Doch in den Briefen an Rilke war sie
- nicht die hungernde Immigrantin, sondern eine Königin der Sprache, die mit dem gleichgesinnten Geist auf der anderen
- Seite des Kontinents Funken austauschte. Sie plante, ihn im Sommer in der Schweiz zu treffen. Sie sprach davon, ihn zu
- schreiben ohne Pause bis ans Ende ihres Lebens. Sie übertrat in ihren Briefen jede
- bürgerliche Grenze und schrieb eine Sprache der Seele, die in ihrer Heftigkeit etwas Verbrennendes hatte.
- Rilke selbst war zu diesem Zeitpunkt körperlich bereits sehr geschwächt. Die Krankheit, die ihn in den nächsten
- Monaten verzehren sollte, hatte ihre kalten Finger schon nach ihm ausgestreckt.
- Trotzdem antwortete er Marina, sandte ihr im Sommer eine handgeschriebene Elie, die sogenannte Elie an Marina
- Zwetajeva Ephron, einen der schönsten Beweise dafür, dass die Begegnung der Worte ihn tief bewegt hatte.
- Er, der sonst stets von Frauen umkreist worden war, fand in dieser russischen Schriftstellerin etwas, das er bei
- keiner anderen gefunden hatte. Eine Stimme von gleicher Höhe, gleicher Kühnheit, gleicher Unbedingtheit.
- Innerlich aber wusste er, dass das, was Marina von ihm erhoffte, von ihm nicht mehr geleistet werden konnte. Er war
- kein Liebhaber mehr, kein Reisender, kein junger Mann. der eine Frau treffen und mit ihr durch Europa wandern konnte.
- Er war ein Sterbender, der in einem Valiserm die letzten Funken seiner Kraft hütete.
- Im Hochsommer 1926 wurde die Korrespondenz dichter und drängender. Marina forderte eine
- Begegnung. Sie wollte ihn sehen, sprechen. Eine Stunde, einen Tag, einen längeren Zeitraum. Rilke wich aus.
- Er versprach Waage, er werde später schreiben. Er müsßse erst gesund werden. Manche Briefe blieben unbeantwortet.
- Marina in ihrer feinen Empfindlichkeit spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie schrieb ihm in einem letzten Brief
- am 7. November 1926 eine kurze Karte mit einer Ansicht des Pariser Vororts, in dem sie wohnte.
- Du lieber Reiner. Hier wohne ich. Liebst du mich noch? Rilke antwortete nicht mehr. Er konnte
- nicht mehr. Im Innersten dieser Geschichte liegt eine Wahrheit, die schwer zu fassen ist.
- Marina Zwetajeva suchte in Rilke nicht nur den großen Dichter, sondern den Bruder ihrer Seele, jenen Menschen, der
- sie endlich ganz hätte verstehen können. Pastanaak suchte in dieser Verbindung eine Bestätigung, dass die Dichtung über
- alle politischen Grenzen hinweg eine einzige große Heimat sei. Rilke selbst aber suchte etwas anderes. Er suchte
- einen letzten Gesprächspartner auf seinem Niveau in dieser einsamen Stunde, in der ihm das eigene Leben aus den
- Händen glitt. Die drei Dichter haben sich nie persönlich getroffen. Pastanack sah Rilke nur als Kind. Marina sah ihn
- nie. Und doch entstand zwischen ihnen ein Briefwechsel, der heute zu den schönsten Zeugnissen brieflicher
- Dichtung des 20. Jahrhunderts gehört. Am 29. Dezember 1926 erfuhr Marina Zweteva aus der Zeitung,
- dass Reiner Maria Rilke gestorben war. Sie war zerschmettert. In jener Silvesternacht setzte sie sich
- an den Tisch und begann ein langes Gedicht an den Toten Freund zu schreiben, eines der ergreifendsten
- Gedichte ihres Werks. Sie schrieb es im Wechsel zwischen Anrede und Klage in jenem hohen Ton, der nur ihr eigen war.
- Pastanack fern in Moskau erfuhr die Nachricht aus einem Brief Marinas. Auch er reagierte mit einer Erschütterung,
- die für Jahre nachklang. Jahre später, an einem kalten Augusttag im Jahr 1941
- sollte Marina Zwetev sich in der russischen Provinzstadt Jelabuga das Leben nehmen. Pastanaak überlebte,
- schrieb seinen Roman Dr. Shivago, erhielt den Nobelpreis und musste ihn auf Druck der sowjetischen Behörden
- ablehnen. Die kurze Stunde, in der drei Dichter durch Briefe verbunden waren, hatte für
- jeden von ihnen einen besonderen unauslöschlichen Klang. Rilke selbst hatte sie eingeleitet und ernahm ihre
- letzten Schwingungen mit sich, als er in seinem Schweizer Sanatorium dem Ende entgegenging.
- Es ist ein nasser Dezembertag des Jahres 1926 In einem schmalen Krankenzimmer im
- Sanatorium WM hoch über dem Genfersee liegt ein Mann auf einem schmalen Bett. Sein Gesicht ist eingefallen. Seine
- Hände, die einst die schönsten Verse der deutschen Sprache niedergeschrieben haben, sind dünn und durchsichtig
- geworden. Auf dem kleinen Tisch neben ihm liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Auf der Seite stehen Zeilen, die er erst
- vor wenigen Tagen geschrieben hat. Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb.
- Reiner Maria Röke, 51 Jahre alt, weiß seit Wochen, dass er nicht mehr genesen wird. Die Ärzte haben es schließlich
- ausgesprochen, was er längst geahnt hatte. Es ist eine seltene, besonders aggressive Form der Leukemie. Es gibt
- keine Heilung. Die einzige Frage ist, wie lange er noch bleiben wird. Der Weg zu diesem Krankenbett war länger
- und stiller, als es nach außen schien. Schon im Sommer 1924 hatte Rilke immer wieder über Schwächen,
- Schwindelanfälle und Müdigkeit geklagt. Er hatte das Sanatorium Wmont zum ersten Mal aufgesucht, war eine Weile
- geblieben, fühlte sich gestärkt und kehrte nach Mouseau zurück. Doch die Krankheit ließ sich nicht abschütteln.
- Sie kam wieder, ging wieder, kam wieder. Im Sommer 1926 verschlechterte sich sein Zustand
- entscheidend. Das Zahnfleisch blutete, Beschwerden im Mund und im Hals quälten ihn. Die ganze Welt schien sich zu
- verengen. Im November dieses Jahres traf er die Entscheidung, endgültig ins Sanatorium zu gehen. Was er nicht ahnen
- konnte, war, dass ein Pariser Arzt erst nach seinem Tod genaue Diagnose ermitteln würde. Im Inneren des
- Sterbenden ging in diesen letzten Wochen etwas vor, das ihn selbst überraschte. Er, der jahrelang davon geschrieben
- hatte, daß der Tod eigener würdiger Bestandteil des Lebens sei, daß jeder Mensch einen eigenen Tod sterben solle
- und nicht den gleichmacherischen Tod der Massengesellschaft, sah sich nun selbst dem Sterben gegenüber. Er verlangte
- ausdrücklich, ihn nicht zu betäuben. Er wolle seinen Schmerz erleben, mit klarem Bewusstsein durch ihn hindurchgehen, ihn
- nicht abdunkeln lassen. Es war eine letzte, schwer zu ertragende Probe. Manchmal weinte er, manchmal lachte er
- beinah still vor sich hin, manchmal diktierte er kurze Briefe, die seine letzten Freunde nachher kaum entziffern
- konnten. Du Andreas Salomé, die einstige Gefährtin, schrieb er einen letzten
- Gruß, indem er bekannte, niemals hätte er erwartet, dass der Körper, der ihm einst froh locken bedeutet hatte, ihm am
- Ende eine solche Hölle bereiten würde. Am 29. Dezember 1926 in den frühen Morgenstunden hörte sein
- Herz aufzuschlagen. Es war der vierte Tag nach Weihnachten. Draußen lag Schnee auf den Hügeln über
- dem Genfersee. Ein Arzt schloss ihm die Augen. Die Nachricht ging am selben Tag über die
- Telegrafendrähte nach Wien, Berlin, Leipzig, Paris, München, Moskau. Eine Welt war ärmer geworden. Die
- feierlichen Nachrufe begannen schon am nächsten Morgen in den Zeitungen zu erscheinen. Hugo von Hoffmannstal
- schrieb von einem Verlust, der nicht zu ermessen sei. Stefan Zweig sprach von einem der reinsten Dichter, die
- Deutschland je hervorgebracht habe. In Paris notierte sich Paul Valerie, dass eine besondere Stimme erloschen sei, die
- durch keine andere ersetzt werden könne. Die Beisetzung fand am 2. Januar 1927 in dem kleinen Dorf Raron im Walles
- stadt. Röke hatte den Ort selbst ausgesucht an einem Tag, an dem er mit Freunden den Hügel über dem Dorf
- bestiegen hatte und auf die alte einfache Kirche oben am Felsen geblickt hatte. Er hatte gesagt, hier möchte er
- liegen. Auf seinem Grabstein steht eine kurze dreizeilige Inschrift, die er selbst für sich verfasst hatte.
- Rose, o reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein unter so viel Liedern.
- Die Worte sind seither tausendfach gedeutet worden. Die Rose, dieses Bild von gleichzeitiger Schönheit und
- Zerbrechlichkeit war Rökes Lieblingsblume gewesen. Eine Legende, die später entstand, wollte wissen, dass
- er sich an einem Dorn beim Pflücken einer Rose verletzt habe und dass von dieser Wunde der Todeskeim ausgegangen
- sei. Die medizinische Forschung hat diese Erzählung längst widerlegt, doch sie hat sich gehalten, weil sie zur
- Stimmung seines Lebens passte. Es bleibt die Frage, was dieser Dichter hinterließ, der in einem stillen
- Walliseradorf so unauffällig zur Erde gegangen war. Er hinterließ ein Werk, das in den
- folgenden Jahrzehnten nicht kleiner, sondern größer wurde. Die Dynien und die Sonette an Orfeus in der
- Endgestalt im Juni 1923 erschienen, gehören heute zum unbestrittenen Höhepunkt der deutschsprachigen Lyrik
- des 20. Jahrhunderts. Das schmale Bändchen Briefe an einen jungen Dichter, jene zehn Briefe an den
- jungen Franz Xava Kapus entstanden zwischen 1903 und 1908 ist zu einem der meist gelesenen Bücher der deutschen
- Literatur überhaupt geworden. Es ist in mehr als 50 Sprachen übersetzt worden. wird von jungem Menschen in Schulen
- gelesen, von Suchenden, von Künstlern, von Menschen, die in den großen Stadtbuchhandlungen New Yorks ebenso wie
- in den kleinen Antiquariaten Wiens nach einem Buch suchen, das ihnen Halt geben könnte.
- Rilkes Leben war ein einziger Versuch, das richtige Leben zu finden. Es war ein Leben in Bewegung, ohne festen Wohnsitz,
- ohne Familie, ohne politische Zugehörigkeit, ohne jenen bürgerlichen Halt, den die meisten Menschen für
- selbstverständlich halten. Es war ein Leben in tiefer innerer Stränge und zugleich in ebenso tiefer Hingabe an die
- Freundschaft, an die Frauen, an die Briefe, an die Sprache. Es war ein Leben, das von außen oft als
- zerbrechlich erschien und doch eine ungeheure innere Festigkeit besaß. Wer dieien liest, hört in jeder Zeile, daß
- dieser Mann nicht aus einem Salon herausgeschrieben hat, sondern aus einem Schloss am Meer, aus einem Wiener
- Kriegsarchiv, aus einer Pariser Mansarde, aus einem einsamen Turm im Walles.
- Wer die Briefe an einen jungen Dichter liest, erkennt, dass die Sätze dieses Mannes nicht Ratschläge eines
- Selbstgefälligen sind, sondern Auskünfte eines Menschen, der das selbst durchgemacht hatte, wovon er sprach.
- Das berühmte Bild, das von Rilke geblieben ist, ist das eines Mannes, der vor seinem Schreibtisch in Müsau sitzt,
- die Hand am Federhalter, das Gesicht halb dem Fenster zugewandt, hinter ihm die einfachen Möbel des Turms, das
- schmale Bett, die Bücher. Vor ihn das offene Land des Walles mit seinen Weinbergen und den fernen Gipfeln.
- Es ist ein Bild, in dem die ganze Geschichte seines Lebens beieinander liegt. die Einsamkeit, die Strenge, der
- lange Weg, der ihn hierher geführt hat, das Werk, das hier vollendet wurde. Wer dieses Bild ansieht und dann eine
- der Elgien aufschlägt, der versteht, was Röke immer gewusst hat, dass die Aufgabe des Menschen darin besteht, das
- Vergängliche in das Bleibende zu verwandeln, das Sichtbare in das Unsichtbare, das Schmerzhafte in den
- großen stillen Gesang des Daseins. Ich danke Ihnen, dass Sie mich auf diesem Weg durch das Leben reiner Maria
- Rilkes begleitet haben. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, würde es mich sehr freuen, wenn Sie sie mit einem Daumen
- nach oben unterstützen und unseren Kanal abonnieren. So erfahren Sie zuerst, welche große Persönlichkeit wir als
- nächstes vorstellen werden. Bis dahin wünsche ich Ihnen Ruhe, Tiefe und eine gute Stunde mit einem schönen Buch. Ihr
- Alexander Weiß. M.
Zum Nachlesen
Rainer Maria RilkeRainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm …
Briefe an einen jungen DichterBriefe an einen jungen Dichter ist eine Sammlung von Briefen Rainer Maria Rilkes, die 1929 im Insel Verlag als Nummer 406 der Insel-Bücherei erschien.