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Rainer Maria Rilke — Die einsame Wahrheit hinter den berühmtesten Versen | Dokumentarfilm

Alexander Weiss1:29:17 18.826 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 677 Zeilen
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  1. Ein Mann steht im Januar des Jahres 1912 allein auf einer Klippe über der Adria. Der Wind reißt an seinem Mantel, das
  2. Meer tobt unter ihm und plötzlich hört er eine Stimme aus dem Sturm. Was er in dieser Stunde aufschreibt, wird zum
  3. Beginn eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Lyrik. Hundert Jahre später wird eine südkoreanische Popgröße
  4. sich seine Ferse auf den Körper malen lassen und eine amerikanische Sängerin trägt seine Worte als Tätowierung.
  5. Wie konnte ein zerbrechlicher Dichter aus Prag eine solche Wirkung über Jahrzehnte hinweg entfalten? Und welcher
  6. innere Sturm trieb ihn zu Fersen, die noch heute Millionen Menschen berühren? Mein Name ist Alexander Weiß und ich
  7. begrüße Sie herzlich zu einer neuen Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute widmen wir uns dem Leben
  8. und Werk von reiner Maria Rilke. Um diesen Mann zu verstehen, müssen wir an den Anfang zurückkehren. Zu einem Kind,
  9. das in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel stand und zu einer Stimme, die Jahrzehnte später aus dem Wind sprach.
  10. Es ist der 21. Januar. des Jahres 1912. Über dem Schloss Duino, das wie ein steinerner Wächter auf einem Felsen über
  11. der Adria tront, jagt Wintersturm die Wolken vor sich her. Die fürstliche Familie ist längst abgereist. Im
  12. weitläufigen Schloss befindet sich nur noch einziger Gast, ein hagerer, 36-jähriger Mann mit melancholischen
  13. blauen Augen und einem schmalen Schnorrbart. An diesem Morgen erreicht ihn ein Brief seines Anwalts aus Paris.
  14. Die Scheidungssache mit seiner Frau Kara erweist sich als schwierig, fast undurchführbar. Auch das Sorgerecht für
  15. die kleine Tochter Ru ist ungeklärt. Der Mann legt den Brief beiseite, zieht seinen Mantel an und steigt die schmalen
  16. Fade hinunter zum Meer. Sein Name ist Reiner Maria Rilke und in diesem Augenblick ist er bereits ein in ganz
  17. Europa gefeierter Dichter. Bände wie das Stundenbuch und die Aufzeichnungen des Malte Lauritz Brigge haben ihm Ruhm
  18. eingebracht. Doch der Mann, der nun gegen den Wind über die Klippen geht, ist von einer tiefen Krise gezeichnet.
  19. Seit Monaten verstundt seine Feder. Er ringt nach einer neuen Stimme, einer neuen Form, einem neuen Werk, das alles
  20. bisher geschriebene überragen soll. Der Druck, den er sich selbst auferlegt hat, ist gewaltig und niemand vermag
  21. genau zu sagen, woher dieser unbedingte Drang zur eigenen Vollendung kommt. Als er an der Brüstung über dem Meer steht,
  22. geschieht etwas, das später zur Legende werden wird. Der Wind reißt ihm beinah Atem. Möwen schreien über dem grauen
  23. Wasser und in diesem Tosen, so wird Rilke es selbst beschreiben, hört er eine Stimme. Es ist als trüge der Sturm
  24. Ferse zu ihm heran, fertige, vollständige Ferse. Er greift nach seinem Notizbuch, lehnt sich an die
  25. Mauer und schreibt: "Die Zeilen, die er dort niederlegt, werden seit über 100 Jahren auswendig gelernt, in dutzende
  26. Sprachen übersetzt von Schriftstellern und Liebenden, von Sterbenden und Suchenden zitiert.
  27. Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engelordnungen?" So beginnt die erste der Dineser
  28. Illegien, jenes Werks, das Röke in den folgenden Zehn Jahren beinahe zerreißen wird und das schließlich als sein
  29. lyrisches Vermächtnis in die Weltliteratur eingehen soll. Es bleibt zu fragen, was diesen
  30. Augenblick möglich machte und was den Dichter dorthinführt hatte, an diese Klippe in diesen Winter, in diese
  31. Einsamkeit. Um das zu verstehen, muß man weit zurückgehen in eine grauflimmernde Stadt
  32. im Herzenmittel Europas, in eine Familie, in der eine Mutter um den Verlust ihrer kleinen Tochter trauerte.
  33. Kleiner Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke kam am 4. Dezember des Jahres 1875 in Prag zur Welt. Die Stadt war damals
  34. Teil der österreichisch-arischen Doppelmonarchie, eine Stadt der Türme, der gepflasterten Gassen, der gemischten
  35. Sprachen, Deutsch, Tschechisch, Jedisch und einer leicht melancholischen Schönheit. Sein Vater Josef Rilke hatte
  36. einst von einer Offizierslaufbahn geträumt, doch eine Halschwäche hatte diesen Traum zerschlagen. So fand er
  37. sich als kleiner Eisenbahnbeamter wieder in einer Stellung, die seinen Ehrgeiz nie befriedigte.
  38. Seine Mutter Sophie, von allen Fia genannt, stammte aus einer wohlhabenden Prager Familie und trug die unerfüllten
  39. Sehnsüchte einer Frau in sich, die mehr vom Leben erwartet hatte, als die kleinbürgerliche Enge ihrer Ehe. Bevor
  40. Reiner geboren wurde, hatten Fia und Josef eine Tochter verloren, ein Mädchen, das nur wenige Tage gelebt
  41. hatte. Diese Wunde sollte das Schicksal des Jungen tief prägen, denn die Mutter konnte den Verlust nicht
  42. überwinden. Sie kleidete ihren kleinen Sohn in den ersten Lebensjahren wie ein Mädchen in lange Röcke und
  43. Spitzenhemden, ließ ihm das Haar in Locken wachsen und nannte ihn manchmal Sophie, manchmal Ismene. Wenn Besuch
  44. kam, präsentierte sie das Kind in seinen weichen Kleidern und sprach von ihm in der weiblichen Form. Der kleine Reiner,
  45. der eigentlich René gerufen wurde, lernte früh, was es heißt, in zwei Welten zugleich zu leben. Der Äußeren,
  46. die ihm seine Rolle vorschrieb und der Inneren, in der er sich selbst zu erfinden begann. Diese frühe Erfahrung
  47. der Doppelheit, der zarten Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung sollte zur Grundmelodie seines späteren
  48. Werks werden. Wer als kleines Kind gezwungen ist, eine andere zu sein, lernt früh zu beobachten, zu lauschen,
  49. sich zurückzuziehen in einen unsichtbaren Raum, in dem allein Mann ganz Mann selbst sein kann. Manche
  50. Biographen sehen in dieser Kindheit die Wurzel einer ungewöhnlichen Sensibilität, die Rökesdichtung später
  51. kennzeichnen wird. Andere weisen daraufhin, dass die Mutter ihn zugleich mit großer Frömigkeit erzog, ihn in
  52. katholische Kirchen führte, ihm vom Leiden der Heiligen erzählte und in ihm eine religiöse Empfänglichkeit weckte,
  53. die ein ganzes Leben lang nachklingen sollte. Als der Junge Jahre alt war, trennten
  54. sich die Eltern. Die Ehe war an den unterschiedlichen Erwartungen und der finanziellen Enge zerbrochen. Der Vater,
  55. enttäuscht von seiner eigenen Karriere, fasste einen Entschluss, der für viele Jungen seiner Zeit gewöhnlich war, für
  56. den feinfühligen Ren jedoch verheerend werden sollte. Er schickte den Sohn in die kaiserlich und königlich
  57. Militärunteralschule in St. Pölten. Aus dem Kind in den Spitzenkleidern wurde ein Zökling in der
  58. Uniform der österreichischen Armee. Aus der schützenden Mutterhand wurde der harte Drill von Offizieren, die wenig
  59. Verständnis für träumerische kränkliche Knaben hatten. Rilke wird später diese Jahre als Fiebel des Entsetzens
  60. bezeichnen, als das Buch, in dem er zum ersten Mal das Alphabet des menschlichen Leids erlernte.
  61. In St. Pölten später in der Oberrealschule in Meerisch-Weißkirchen, lebte der schmächtige Junge in einer
  62. Welt aus Befehlen, kaltem Wasser und brutaler Männlichkeit. Er war körperlich nicht den Aufgaben gewachsen, die ihm
  63. gestellt wurden, und seine Sensibilität machte ihn zur Zielscheibe seiner Mitschüler. Doch in diesen einsamsten
  64. Stunden begann etwas zu keimen, das später zum Wesen seines Lebens werden sollte. Heimlich unter der Decke beim
  65. Schein einer Kerze begann der Junge zu schreiben: Verse, kleine Gedichte, fromme Sehnsuchtsbilder.
  66. Die Dichtung wurde zur Festung, die niemand stürmen konnte. Sie wurde zum Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst
  67. angezogen hatte, nur dass er es nun selbst aus seinem Inneren webte. Als der junge Mann mit fast 17 Jahren
  68. aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärausbildung entlassen wurde, war er ein anderer geworden, zerbrechlich,
  69. in sich gekehrt, von der Welt zugleich verletzt und ihr unausweichlich verbunden.
  70. Er wusste in jenem Augenblick noch nicht, dass er ein Dichter werden würde, der eine ganze Epoche prägt. Er wusste
  71. nur, dass er nicht so leben konnte wie andere. Und er trug bereits in sich, was Jahrzehnte später als Stimme aus dem
  72. Sturm über der Adria zu ihm zurückkehren würde, die Fähigkeit, das Unhörbare zu hören und es in Worte zu fassen, vor
  73. denen ein ganzes Jahrhundert verstummen sollte. In der kleinen Wohnung in der Prager
  74. Heinrichgasse brennt eine Petroleumlampe. Es ist ein Abend im Frühjahr 1880.
  75. Eine junge Mutter sitzt vor einem Spiegel und kämt sorgfältig die langen blonden Locken ihres Kindes. Sie nennt
  76. es Sophie, manchmal Ismene, manchmal auch Klein René. Doch in dieser Stunde, in dieser sanften Beleuchtung ist es das
  77. kleine Mädchen, dass sie sich gewünscht hat. Das Kind ist viereinhalb Jahre alt. Es trägt ein helles Spitzenkleid, dazu
  78. hellblaue Bänder im Haar. Es schaut sich selbst im Spiegel an und versteht nicht, warum die Mutter weint, während sie
  79. lächelt. Die Mutter hat vor diesem Kind eine Tochter geboren, ein Mädchen, das nach
  80. nur einer Woche gestorben ist. Diese Tochter sollte Sophie heißen, und so trägt der kleine Ren nun nicht nur das
  81. Kleid der toten Schwester, sondern auch ihren Namen, ihren Schatten, ihre stille Anwesenheit in einer trauernden Familie.
  82. Sophie Rilke von allen FIA gerufen, stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Sie hatte sich von
  83. ihrer Ehe mit Josef Rilke mehr erhofft, als die kleinbürgerliche Enge eines untergeordneten Eisenbahnbeamten ihr
  84. bieten konnte. In Prag waren die sozialen Unterschiede der Jahrhundertwende streng geregelt.
  85. Die deutschsprachige Familie Rilke gehörte einer Minderheit innerhalb der Stadt an.
  86. einer Minderheit, die mit dem Habsburgischen Beamtenapparat verbunden war, aber von Ausstieg und Glanz nur
  87. träumen konnte. Fia hatte Glanz gewollt. Sie liebte feine Stoffe, gute Manieren. Sie
  88. verehrte das Adelige und das Katholische und sie litt unter der Mittelmäßigkeit ihres Daseins.
  89. Ihr Sohn wurde zum Gefäß ihrer unerfüllten Sehnsichtte. Sie führte ihn in Kirchen, ließ ihn vor Marienaltären
  90. knien, lehrte ihn Gebete und legte ihm zugleich eine Zärtlichkeit auf, die zu schwer war für ein einzelnes Kind.
  91. Josef Rilke hingegen war ein Mann, der das Leben einmal anders geplant hatte. Eine schwache Stimme und gesundheitliche
  92. Probleme hatten seinen Traum von der Offizierslaufbahn beendet. So saß er nun am Schreibtisch eines
  93. kleinen Bahnhofsbür und schaute in das Gesicht eines Kindes, das ihm fremd erschien. Der Junge weinte zu leicht. Er
  94. erschrag vor lauten Stimmen. Er hatte keine Freude an robusten Spielen. Josef verstand seinen Sohn nicht und er
  95. glaubte fest, dass nur Disziplin diesen Jungen retten könnte. So entstand schon früh in der Wohnung
  96. eine stumme Spannung zwischen Vater und Mutter, zwischen Härte und Zärtlichkeit, zwischen soldatischem und mütterlichem.
  97. Mitten in dieser Spannung wuchs der kleine Ren heran. Die ersten Jahre verliefen in einem seltsamen Doppelraum.
  98. Tagsüber spielte der Junge mit Puppen, abends durfte er manchmal kleine Soldaten aufstellen. Er trug Kleider,
  99. manchmal aber auch Rosen. Er hörte Gebete und Märchen. Doch zugleich erzählte ihm der Vater Geschichten aus
  100. der Armee. So wurde das Kind eine kleine in sich verschlossene Insel, auf der zwei Welten
  101. zugleich existierten. Spätere Biografen werden in dieser Verdoppelung den Ursprung jener
  102. seelischen Feinhörigkeit sehen, die Rilkes Dichtung später kennzeichnen wird. Andere widersprechen und betonen,
  103. daß die Mutter den Jungen nicht gegen seinen Willen verkleidet habe, sondern dass es zu jener Zeit nicht unüblich
  104. war, kleine Knaben bis zu einem gewissen Alter in Mädchenkleider zu stecken. Die Wahrheit liegt vermutlich in beiden
  105. Erklärungen. Sicher ist, dass Ren früh ein Gefühl entwickelte, in keiner Welt ganz dazu zu gehören.
  106. Im Jahr 1884 zerbrach die Ehe der Eltern. Fia zog mit dem Sohn fort, kehrte später zurück,
  107. lebte getrennt. Alles geschah leise, ohne öffentlichen Skandal, denn die bürgerlichen Konventionen Prags duldeten
  108. kein Aufsehen. Aber der Vater fasste nun einen Entschluss, der das Leben des Kindes für immer verändern sollte.
  109. Er meldete den neunjährigen Ren in der Militärunterrealschule im niederösterreichischen St. Pölten an.
  110. Dort sollte aus dem zarten Jungen ein tüchtiger Offizier werden. Was als väterliche Wohltat gedacht war, geriet
  111. zur Katastrophe. St. Pölten lag weit weg von Prag in einer fremden Landschaft in einem kalten
  112. strengen Gebäude mit hohen Mauern. Der junge Ren trug nun eine Uniform aus grobem Wollstoff, die ihn drückte. Er
  113. stand früh auf, marschierte über Höfe, lernte Befehle anzunehmen, schlief im Schlafsaal mit vielen anderen Knaben,
  114. die kräftiger, lauter und gröber waren als er. Wer aus den weichen Kleidern einer
  115. Mutter in die rauen Reihen einer kaiserlich und königlich Erziehungsanstalt versetzt wird,
  116. durchlebt mehr als nur einen Wechsel der Garderobe. Er erfährt einen vollständigen
  117. Zusammenbruch seines bisherigen Selbstbildes. In diesen langen Schuljahren entstand
  118. jene Verletzung, die Rilke noch im hohen Alter beschäftigen sollte. Die Mitschüler bemerkten seine Schwäche,
  119. seine Bildung, seine fromme Sprache und sie verspotteten ihn. Die Lehrer behandelten ihn streng, denn
  120. militärische Erziehung kannte keine milde gegenüber empfindlichen Naturen. Der Junge weinte heimlich, schrieb
  121. Briefe an die Mutter, las in einer kleinen Bibel, die er versteckt hielt und versuchte sich durch fromme Vorsätze
  122. und kleine Gebete in einem inneren Raum zu retten, der niemandem zugänglich war. Später wird er diese Zeit eine Fiebel
  123. des Entsetzens nennen. Das erste Buch, in dem er das Alphabet des menschlichen Leids buschabieren lernte. Doch in genau
  124. dieser Erstickungswelt geschah etwas, das niemand wahrnahm und das alles entscheiden sollte. Der Junge begann
  125. Verse zu schreiben, heimlich bei Kerzenlicht unter der Decke. Reime über das Vaterland, über die Sehnsucht nach
  126. der Mutter, über Frömigkeit und Tod. Es waren keine großen Gedichte, es waren tastende, unbeholfene Versuche eines
  127. Kindes, das nicht anders konnte, als die Welt in Sprache zu verwandeln, weil die Welt selbst ihm nichts Tröstendes mehr
  128. bot. Das Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst übergezogen hatte, wob der Junge
  129. nun aus seinem Inneren weiter als unsichtbares Gewebe, das ihn schützte. Mit 16 Jahren im Sommer 1892
  130. wurde der junge Röke aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärakademie in mehrere
  131. Schweißkirchen entlassen. Sein Körper hatte nicht mehr mitgemacht, seine Lungen waren schwach, seine Nerven
  132. zerrüttet. Doch in Wahrheit war er nicht nur kränker als andere, sondern auch reicher als andere. Reicher an innerem
  133. Leben, an stillen Beobachtungen, an einer Empfindsamkeit, die ihm in den folgenden Jahren noch oft im Weg stehen
  134. würde und ihn zugleich seine einzigartigen Werke ermöglichtee. Er kehrte nach Prag zurück, in eine
  135. Stadt, die ihn nicht mehr kannte und in eine Familie, die ihn nie ganz verstanden hatte.
  136. Eine kurze Zeit lang versuchte er es noch mit anderen Wegen einer Handelsakademie in Linz, später dem
  137. privaten Vorbereitungsstudium für das Abitur, schließlich einem kurzen Studium der Literaturwissenschaft, der
  138. Kunstgeschichte und der Philosophie an der Karl Ferdinand Universität in Prag und später in München. Doch in allem,
  139. was er versuchte, klang bereits eine andere Stimme an. Aus dem Kind im Spitzenkleid, aus dem Schüler in der
  140. Uniform, aus dem Studenten in der Universitätsbank trat allmählich der Dichter hervor, der die Sprache zu
  141. seiner einzig wahren Heimat machen sollte. Was diese Verwandlung möglich machte,
  142. das war kein Lehrer und keine Schule, sondern eine Begegnung, die alles in seinem Leben umstürzen würde.
  143. Im Mai des Jahres 1897 öffnet sich in München eine Tür. Ein dünner, blasser, junger Mann von 21
  144. Jahren mit hängendem Schnurrbart und melancholisch ernsten Augen betritt das Wohnzimmer eines befreundeten
  145. Schriftstellers. Er heißt René Maria Rilke und hat in der Tasche bereits zwei kleine Lyrikbände,
  146. die kaum jemand kennt. In der Sofaecke sitzt eine 36-jährige Frau. Sie hat dunkles, schweres Haar, eine breite
  147. Stirn, einen ruhigen, durchdringenden Blick. Sie raucht eine Zigarette, lacht laut, spricht über Nietzsche, über
  148. Russland, über Gott. Sie ist die berühmte Schriftstellerin Lou Andreas Salome, in Halbeuropa bekannt als die
  149. Frau, die Friedrich Nietsche einen Heiratsantrag ausgeschlagen hat. Als sich ihre Augen begegnen, weiß keiner
  150. von beiden, dass dieser Augenblick das Leben des jungen Dichters für immer wandeln wird. Lou Andreas Salome war in
  151. St. Petersburg geboren in einer deutsch-baltischen Familie hohen Ranges. Sie hatte in Zürich studiert, war eine
  152. der ersten Frauen ihrer Zeit, die eigenständig dachten, lebten und schrieben. Sie hatte mit Paul Re und
  153. Friedrich Nietsche eine vielbesprochene Dreierfreundschaft geführt, hatte Bücher über Religion, Sexualität und
  154. Psychologie veröffentlicht. Sie war verheiratet mit dem Orientalisten Friedrich Karl Andreas.
  155. Doch diese Ehe war eine ungewöhnliche Vereinbarung, geschlossen unter der Bedingung, dass sie keine körperliche
  156. Verbindung enthalte. Lou war 14 Jahre älter als der junge Mann, der nun mit ihr sprach.
  157. Und doch entstand zwischen ihnen sofort eine Anziehung, die weit über das Gewöhnliche hinausging.
  158. Was Lou in René sah, war ein Talent, das eingesperrt war. Er sprach zu hochtrabend, schrieb noch zu sehr in den
  159. Manieren des späten 19. Jahrhunderts, neigte zu pathetischen Wendungen und zu einer fast krankhaften Empfindsamkeit.
  160. Doch unter allem spürte sie etwas ungewöhnliches, eine Stimme, die noch nicht zu sich
  161. gefunden hatte. Lou wurde innerhalb weniger Wochen seine Geliebte. Sie wurde aber auch seine Lehrerin, seine Mutter,
  162. seine Schwester und seine strengste Kritikerin. Sie las jede seiner Zeilen. Sie
  163. korrigierte sein Französisch, sie empfahl ihm Bücher, sie führte ihn in Kreise ein, in denen Schriftsteller,
  164. Philosophen und Künstler verkehrten. Und sie sagte ihm eines Tages, mit jenem ruhigen, unwiderlegbaren Ton, der nur
  165. ihr eigen war, dass er seinen Namen ändern müsse. Ren klinge zu zart, zu weich, zu mädchenhaft.
  166. Ein deutscher Dichter müsse einen männlichen Namen tragen. So wurde aus Ren Reiner. Mit diesem
  167. neuen Namen begann ein neuer Mensch. In den Sommermonaten zogen sie gemeinsam in ein einfaches Haus in Wolfratshausen in
  168. Oberbayern. Sie lasen tolsto übten russisch, badeten im Fluss, lebten asketisch und doch in einer Atmosphäre
  169. intellektueller Glut. L Friedrich Karl Andreas war in dieses ungewöhnliche Arrangement einbezogen.
  170. Manchmal kam er zu Besuch, manchmal verharrte er in Berlin. Es war eine Konstellation, die nach den
  171. bürgerlichen Maßstäben der Zeit unerhört war. Und doch trug sie für Rilke Früchte, die ein ganzes Werk
  172. hindurchreifen sollten. Lou lehrte ihn nicht nur anders zu schreiben, sie lehrte ihn anders zu sein. Sie zeigte
  173. ihm, dass der wahre Dichter nicht aus der literarischen Mode lebt, sondern aus der Tiefe seines eigenen Inneren. Sie
  174. sagte ihm, dass er einmal etwas Großes hervorbringen werde, wenn er gelerne, geduldig zu sein. Und doch blieb in
  175. diesem Verhältnis etwas Ungelöstes. Rilke liebte Lou mit der ganzen Heftigkeit eines jungen Mannes, der zum
  176. ersten Mal die Macht einer reifen Frau erfährt. Lou liebte ihn anders. Sie liebte das
  177. Talent in ihm, das Werden, das Mögliche. Sie liebte den künstlerischen Funken, doch sie ließ sich nie ganz binden. Dies
  178. wird zum schmerzhaften Muster werden, dass ich in Rilkes Leben immer wieder wiederholen sollte. Er suchte in Frauen
  179. die schöpferische Ergänzung, die Muse, die Lehrerin, die mütterliche Beschützerin und er fand stets Frauen,
  180. die ihn nur zum Teil aufnehmen konnten. Eines wird man später als seine besondere Gabe und seinen besonderen
  181. Schmerz erkennen, daß er die Frauen, mit denen er Beziehungen einging, beinah ausschließlich durch seine Verse, durch
  182. seine Briefe, durch seine schöpferische Persönlichkeit für sich gewann. im Alltag aber für sie schwer zu leben war.
  183. Im April 1900 reisten Rilke und Lou nach Russland. Es war ihre zweite Reise dorthin. Die erste hatte sie ein Jahr
  184. zuvor durch Moskau und Petersburg geführt. Diese zweite Reise sollte die entscheidende werden. Sie fuhren mit der
  185. Eisenbahn von Berlin nach Moskau, dann weiter nach Tula, wo sie Leo Tolstoy auf seinem Landgut Jasnaya Polana besuchten.
  186. Der Greises Schriftsteller empfing gemischten Gefühlen. Er war nicht besonders interessiert an dem jungen
  187. österreichischen Dichter, der ihm Ergeben gegenüber trat, und seine moralische Stränge widersprach Rökes
  188. religiöser Schwärmerei. Tolstoy predigte eine Religion der praktischen Sittlichkeit, der einfachen
  189. Bauernfrömigkeit, einer Wahrheit, die sich im Leben zu bewehren habe. Röke hingegen suchte
  190. nicht Moral, sondern Mystik. Er suchte das geheimnisvolle Atmen Gottes hinter den Dingen, nicht Vorschriften und
  191. Verbote. In Moskau begegnete er auch dem Maler Leonid Pasternack, der ein Portraät
  192. Tolstous schuf. Im Hof des kleinen Hauses sprang ein Junge mit dunklen, lockigen Haaren umher. Er hieß Boris.
  193. Niemand ahnte, daß dieser zehnjährige Knabe einmal selbst einer der größten Dichter Russlands werden und rökes Namen
  194. mit der Innbrunst eines Lebenden, der einen Heiligen anruft, durch sein Werk tragen sollte. Auf einer russischen
  195. Eisenbahnstation später im Sommer sah der Junge den Jungendichter Röke noch einmal, schwarz gekleidet mit einer
  196. hohen schmalen Gestalt neben Lou. Dieser flüchtige Augenblick wird Boris Pastanack ein Leben lang nicht
  197. loslassen. Was Russland für Rilke bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. Er sah hier das,
  198. was er in Prag und in München vermisst hatte, eine selbstverständliche Fremmigkeit, einen tiefen Glauben des
  199. Volkes, eine geheimnisvolle Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Gott.
  200. Er sah die Ikonen in den Klöstern, hörte die orthodoxe Liturgie, beobachtete die Bauern auf den weiten Feldern. Er
  201. glaubte hier, den unverdorbenen Quell des Lebens gefunden zu haben. Es war eine idealisierte Sicht, gewiss, eine
  202. Sicht, die mehr mit den Sehnsüchten des Dichters als mit der harten russischen Wirklichkeit zu tun hatte. Doch sie
  203. führte ihn zu seinem ersten großen Werk. Aus den russischen Eindrücken erwuchs das Stundenbuch, jener Gedichtszyklus,
  204. in dem Rilke nicht über Gott schreibt, sondern mit Gott spricht. Du Nachbar Gott, wenn ich dich manches
  205. Mal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, so wird er es formulieren in einer Sprache, die Gott nicht als ferne
  206. Höhe, sondern als atmende Anwesenheit im Zimmer nebenan begreift. Er suchte nicht den fertigen Gott der
  207. Kirchen. Er suchte einen Gott, der erst entstand, der noch wuchs, der seine Heimat im Inneren des Menschen hatte.
  208. Das war der Schlüssel zu allem, was später in Duino aus dem Sturm zu ihn zurückkehren sollte. Die Überzeugung,
  209. dass das Unsichtbare im Menschen wohnt und durch ihn in die Welt tritt. Im Künstlerkolonie Warbswede in der
  210. weiten norddeutschen Moorlandschaft nördlich von Bremen brennt ein Spätsommerabend im Jahr 1900 über den
  211. Birken. Junge Maler und Bildhauer haben sich hier zusammengefunden, weit weg von den
  212. Akademien der Großstädte, weit weg von den festgefügten Konventionen der bürgerlichen Salons. Sie wollen anders
  213. leben, anders sehen, anders schaffen. Unter ihnen befindet sich an diesem Abend ein neuer Gast, Reiner Maria
  214. Rilke. Er ist gerade aus Russland zurückgekehrt. Sein Herz ist voller Eindrücke. Seine Verse fließen leichter
  215. denn je. Beim gemeinsamen Vorlesen am Kamin trifft sein Blick auf eine junge Frau. Sie ist groß, ernst. Ihre Hände
  216. sind kräftig wie die einer Handwerkerin. Sie heißt Klara Westhoff und ist Bildhauerin. Sie hat in Paris bei August
  217. Rod selbst gearbeitet. Während Rilke spricht, sieht sie ihn an mit einem Blick, der weder schwärmt noch
  218. zurückweicht, sondern prüfend wartet. Im April 1901 heirateten die beiden. Es war eine schnelle Entscheidung, getragen
  219. von einer Mischung aus Liebe, Bewunderung und dem damals modischen Traum eines Lebens als zwei Künstler
  220. unter einem Dach. Rilke, der eben noch von Lou Andreas Sanome getrennt worden war, glaubte in Kara Frau gefunden zu
  221. haben, mit der er sein Werk und sein Dasein zugleich entfalten könnte. Schon im Dezember desselben Jahres wurde
  222. ihre Tochter Rut geboren. Doch was als Utopie begann, geriet rasch unter den Druck der Wirklichkeit. Geld war keines
  223. da. Die Atelierräume mussten geheizt, das Kind ernährt, die alltäglichen Pflichten erfüllt werden. Kara wollte
  224. arbeiten, Rilke wollte arbeiten, niemand wollte den Haushalt führen. Die kleine Familie geriet binnen weniger Monate in
  225. eine wirtschaftliche und seelische Eng, die dem feinfühligen Dichter unerträglich wurde. In dieser Bedrängnis
  226. kam ein Angebot, das wie ein Rettungsanker wirkte. Ein Berliner Verlag wollte eine Monografie über den
  227. großen Pariser Bildhauer August Rodin in Auftrag geben. Röke nahm an. Im August 1902 reiste er allein nach Paris in eine
  228. fremde, riesige Stadt, in eine Sprache, die er nicht beherrschte, in ein Werk, dessen Tiefe er erst nach und nach
  229. begreifen sollte. Klara blieb mit der kleinen Tochter zurück. Röke wollte sich ihr nach sobald er Fuß gefaßt hätte.
  230. Doch so einfach würde es nicht werden. Was als Auftragsarbeit für eine kleine Monografie begann, sollte zur
  231. wichtigsten künstlerischen Lehrzeit seines Lebens werden. August Rod war zur Zeit ihrer ersten
  232. Begegnung 61 Jahre alt. Ein berühmter, oft umstrittener Künstler, dessen Skulpturen wie zerklüftete Berge in den
  233. Pariser Ateliers standen. Rilke kam in das Atelier in der Rüdelität
  234. als demütiger Schüler, fast als Pilger. Roder empfing ihn freundlich, aber zurückhaltend. Er verstand nicht ganz,
  235. was dieser zarte junge Dichter von ihm wollte. Erst nach und nach wurde aus der höflichen Begegnung eine echte
  236. Beziehung. Rodan nahm Rke zeitweilig sogar als Sekretär in seine Dienste, gab ihm eine Wohnung im Garten seines Hauses
  237. in Mödon, ließ ihn teilhaben am täglichen Werden der Skulpturen. Was Rilke in diesen Pariser Monaten
  238. lernte, lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Arbeit.
  239. Rödder hatte für die romantischen Vorstellungen vom inspirierten Künstler, der auf den Blitz der Eingebung wartet,
  240. nur ein gleichgültiges Achselzucken übrig. Man arbeite, sagte er, man arbeitet täglich mit den Händen, mit den
  241. Augen, ohne Unterbrechung. Inspiration sei eine Erfindung der Faulen. Wer wahrhaft schaffen wolle,
  242. müsseß sehen lernen. Immer wieder, immer genauer, immer geduldiger. Dieser Satz traf Rilke wie ein
  243. Hammerschlag. Er hatte sein Leben lang auf das Geheimnis der Eingebung gewartet, auf die mystische Stunde, in
  244. der die Verse von selbst kä. Nun lernte er, dass das Sehen selbst zu einem Handwerk werden müsse. In den
  245. Pariser Tagen begann Rilke jeden Morgen in den botanischen Garten zu gehen, den Jordin Plant und Tiere zu betrachten. Er
  246. stand stundenlang vor den Käfigen, sah zu, wie eine schwarze Pantherin auf und abschritt. Er beobachtete die Eleganz
  247. und die Verzweiflung dieses Tieres, das im engen Käfig kreisenstäben, die für sie zur einzigen Wirklichkeit
  248. geworden waren. Eines Tages in einem Zimmer in der Rü Toulier schrieb er die Verse nieder, die zu seinem berühmtesten
  249. Gedicht werden sollten. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müh geworden, dass er nichts
  250. mehr hält. ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
  251. Es ist nicht nur ein Gedicht über eine Pantherin in einem Käfig, es ist ein Gedicht über jede Seele, die hinter
  252. unsichtbaren Stäben kreist, über die menschliche Verfangenheit in den eigenen Mustern und Verzweiflungen.
  253. Das, was Rilke nun schreiben wird, hat einen neuen Klang. Es ist nicht mehr die schwärmerische,
  254. fließende Innerlichkeit des Stundenbuches. Es ist eine Sprache, die einen
  255. Gegenstand fasst, ihn dreht, ihn von allen Seiten betrachtet, bis er aus eigener Kraft zu sprechen beginnt. Rilke
  256. nannte diese neue Art zu schreiben das Ding, das Gedicht der Dinge. Der schrieb über einen Brunnen, über eine römische
  257. Fontäne, über einen flämischen Marktplatz, über alte Statuen, über Karussells, über Schwäne. Er schrieb
  258. das, was er sah, mit einer Schärfe, die in der deutschen Lyrik bis dahin selten war. Die zwei Bände der neuen Gedichte
  259. erschienen 1907 und 1908 sind das Hauptergebnis dieser Lehrzeit. In ihnen findet sich auch jenes so nett, daß
  260. viele für Rilkes größtes Gedicht halten, der archaische Tauso Apollos. Es schildert die Begegnung mit einer
  261. antiken Marmorstatue, deren Kopf und Glieder verloren gegangen sind. Was bleibt, ist nur der Rumpf. Und doch
  262. glüht dieser Rumpf, sagt Röke, von innen heraus wie eine Lampe. Aus jeder Stelle der versteinerten Haut spricht etwas,
  263. das den Betrachter durchdringt. Das Gedicht endet mit einem Satz, der seither in unzählige Sprachen übersetzt
  264. und zu den am häufigsten zitierten Schlusszeilen der Weltliteratur geworden ist. Du musst dein Leben ändern.
  265. In Paris lernte Röke nicht nur Rodar kennen, er trat auch ein in die Welt der modernen Malerei. Die Bilder Paul Sesan,
  266. die er erstmals in den Pariser Galerien sah, erschütterten ihn. Sesans geduldige, fast religiöse Hingabe an
  267. Apfelschale, an Landschaft, an einen Berg, traf seine eigene neue Sehensweise.
  268. In Briefen an Kara, die zu den schönsten Zeugnissen der modernen Kunstbetrachtung gehören, beschrieb Röke, was er in den
  269. Bildern dieses verstorbenen Provinzialen erkannte. Ein Sehen ohne Sentimentalität,
  270. ein Schaffen ohne Eitelkeit, ein Hinwenden zur Sache selbst. Ich lerne sehen", schrieb er Kara. "Ich weiß
  271. nicht, woran es liegt. Es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es
  272. sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wuste. Alles geht jetzt dorthin. Aus dieser tiefen
  273. Wandlung erwuchsen also nicht nur die neuen Gedichte, sondern auch die Vorbereitung jenes inneren Bodens, auf
  274. dem viele Jahre später die Duineserlegien wachsen sollten. Und doch hatte all dieses Lernen einen
  275. hohen Preis. Die Beziehung zu Kara entfernte sich. Die kleine Tochter Rut wuchs ohne den Vater auf. meist bei den
  276. Großeltern auf dem Land. Rilke konnte und wollte kein Familienmensch sein. Er war zerrissen zwischen dem Wunsch, ein
  277. guter Vater und Ehemann zu sein und der Gewissheit, dass nur die Einsamkeit ihn zum Dichter machte. Die Ehe wurde nicht
  278. offiziell geschieden, aber sie wurde stillschweigend gelöst. Kara und Reiner blieben einander durch
  279. Briefe verbunden, durch eine zarte Achtung, durch die gemeinsame Erinnerung an die Tochter. Im übrigen führten sie
  280. getrennte Leben und Rilke, der in Rodin den Lehrer des Sehens gefunden hatte, blieb in mancher Hinsicht doch jener
  281. verletzliche Junge, der einmal in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel gestanden hatte, nur dass er nun statt im Spiegel
  282. in den Dingen der Welt sich selbst entdeckte. Der Satz, mit dem der Torso Apollo
  283. endet, galt von nun an auch für ihn selbst. Er hatte sein Leben geändert und er würde es noch viele Male ändern
  284. müssen. Es ist ein nasskalter Herbsttag des Jahres 1910.
  285. In einer engen Pariser Gasse stockt ein Mensch im Vorübergehen. Er ist hochgewachsen in einen dunklen Mantel
  286. gehüllt und auf seinem schmalen Gesicht steht ein Ausdruck, der zwischen Entsetzen und Faszination schwankt.
  287. Vor ihm, auf dem schmutzigen Pflaster ist ein Mann zusammengebrochen. Passanten rotten sich zusammen, ein Hund
  288. bellt, ein Pferd und aus den umliegenden Häusern dringt der Geruch einer Stadt, die nie schläft. Es riecht, so wird er
  289. es später aufschreiben, nach Jodoform, nach dem Fett gebratener Kartoffeln und nach Angst.
  290. Reiner Maria Rilke wendet sich ab, doch der Anblick hat sich bereits in ihn eingebrannt. Er geht in seine winzige
  291. Mietkammer in der Rüde Waren zurück, setzt sich an den Tisch, nimmt ein neues Heft und beginnt zu schreiben.
  292. So entstehen die ersten Aufzeichnungen jenes Buches, das später unter dem Titel die Aufzeichnungen des Malte Lauritz
  293. Brigge erscheinen soll. Paris hatte ihn beim ersten Mal im Jahr 192 mit der Wucht eines Schocks
  294. getroffen. Nun, bei seinem mehrfachen Wiederkommen war die Stadt selbst eine andere geworden. Die große Belepock
  295. stand auf ihrem Höhepunkt. Die ersten Metrolinien durchzogen den Untergrund. Neue Boulevards rissen alte Viertel auf.
  296. Fast 3 Millionen Menschen drängten sich auf engstem Raum. Lichter brannten in den Cafés bis zum Morgen.
  297. Doch unter dieser glänzenden Oberfläche herrschte ein Elend, von dem die feinen Bürgerwohnungen kaum etwas wussten. In
  298. den armen Vierteln starben Menschen an Tuberkulose, an Hunger, an dem Eintönigen einer Welt, die sie übersehen
  299. hatte. Krankenhäuser waren überfüllt, in den Hospizen lagen sterbende in langen Reihen und auf den Straßen begegnete dem
  300. aufmerksamen Auge das volle Spektrum menschlicher Not. Rilke, der überempfindliche Mann aus
  301. Prag, dessen Nerven schon auf das Klappern eines Fensterladens zitterten, war wie eine offene Wunde, durch die
  302. diese Stadt in ihn einzog. Er fühlte ihre Geräusche körperlich. Er fühlte ihre Krankheiten beinahe wie eigene
  303. Symptome. Wenn er an einem Kinderwagen vorüberging, in dem blasses, geschwollenes Kind lag, schien ihm die
  304. ganze Welt zu kippen. Wenn er einen alten Mann auf einer Parkbank entdeckte, dessen Augen schon nicht mehr in dieser
  305. Welt zu sein schienen, blieb er stehen und betrachtete ihn, bis er selbst das Gefühl hatte, mit jenem zugleich zu
  306. sterben. Die Großstadt wurde für ihn zur Prüfung, zu einem Spiegel, indem er nicht nur das
  307. Elend der anderen, sondern auch seine eigenen tiefsten Ängste erkennen musste. Es waren die Ängste eines Mannes, der
  308. die Kindheit ohne Sicherheit, ohne Schutz, ohne väterlichen Halt durchlebt hatte und nun in der Anonymität der
  309. Großstadt erneut jenes Gefühl der Heimatlosigkeit empfand. In dieser Bedrängnis griff Rilke zu dem
  310. Mittel, das ihm immer geholfen hatte. Er schrieb, aber was er nun schrieb, war nicht mehr lyrisch geordnete Empfindung.
  311. Es war prosa, brüchig, tastend, manchmal halbtraumhaft, manchmal von einer kalten Schärfe, die an klinische Berichte
  312. erinnerte. Er schrieb in der Maske eines fiktiven jungen Dänen mit dem Namen Malte Lauritz Brigge, eines verarmten
  313. Adeligen, der allein in Paris lebt und dem Verfall, dem Sterben der Erinnerung ausgeliefert ist. In diesem Buch verband
  314. Rilke alles, was er bis dahin durchlitten hatte. Das Gefühl der Verlassenheit aus den Tagen der
  315. Militärschule, das Sehen, das er bei Rodin gelernt hatte, die Frömmigkeit aus dem russischen Stundenbuch, die Schärfe
  316. der Beobachtung aus den Dingedichten. Es entstand ein Werk, das man heute zu den frühesten großen Romanen der
  317. literarischen Moderne in deutscher Sprache zählt. Ein Buch ohne klare Handlung, ohne abgeschlossene Erzählung,
  318. getragen von einzelnen Szenen, Erinnerungen, Reflektionen, die wie Splitter einer zerbrochenen Welt
  319. nebeneinander liegen. Im Inneren des Dichters ging etwas vor, dass er selbst kaum benennen konnte. Es war, als hätte
  320. ihn die Stadt entkleidet, als hätte sie ihm Schicht um Schicht jene Verkleidungen abgenommen, in denen er
  321. sich bislang gegen die Welt geschützt hatte. Er hatte einst geglaubt, durch fromme
  322. Verse einen Schutzraum bauen zu können. Er hatte einst geglaubt, durch das genaue sehen ein neues Heim in den
  323. Dingen zu finden. Nun aber zeigte sich, dass dieses neue Heim brüchig war, dass es ihn nicht vor dem Anblick einer
  324. sterbenden Stadt bewahren konnte. Er fühlte sich, wie er später an einen Freund schrieb, als sei er innerlich
  325. ausgenommen, als sei er ein Gefäß, in das die Wirklichkeit ungebremst hineinströme.
  326. Manche Biographen sehen in diesen Pariser Jahren den Beginn jener seelischen Erschöpfung, die ihn ein
  327. ganzes Jahrzehnt lang begleiten sollte. Andere betonen, daß gerade diese radikale Öffnung gegenüber dem Leiden
  328. der Welt eine notwendige Vorbereitung war für das, was Rilke später als das Wesentliche seines Werks bezeichnete.
  329. Im Mai des Jahres 1910 erschien der Malte Lauritz Brigge in Leipzig im Inselverlag. Die Aufnahme war
  330. zwiespältig. Manche Kritiker erkannten sofort die ungewöhnliche Tiefe und Modernität des Buches. Andere fanden es
  331. düster, formlos, beinahe krank. Rilke selbst empfandung dieses Werks eine Lehre, die ihn beinah zerbrach.
  332. Es war, als hätte er alles, was er zu sagen hatte, gesagt. Er konnte nichts mehr schreiben. Wochenlang lag er stumm
  333. in seinem Zimmer, die Feder unberührt. Er reiste nach Italien, nach Nordafrika, nach Ägypten. Doch wohin er auch ging,
  334. der innere Stillstand blieb. Es begann jene große Krise, die ihn die nächsten Jahre nicht mehr loslassen sollte.
  335. Die Pariser Erfahrung hatte ihn gelehrt, was es heißt, die Welt mit den Augen eines wahren Künstlers zu betrachten.
  336. Sie hatte ihn aber auch gelehrt, dass der Preis dieses Sehens hoch ist. Wer den Malte Lauritz Brigge gelesen
  337. hat, der versteht, dass dieses Buch nicht nur die Geschichte eines fiktiven jungen Dänen ist. Es ist die geheime
  338. Autobiographie eines Mannes, der in der modernen Großstadt nach einem neuen Begriff vom Leben suchte und dabei
  339. beinah den Halt unter den Füßen verlor. Das letzte Wort des Buches, das Wort vom verlorenen Sohn, der nicht zurückkehren
  340. will, weil er nicht geliebt werden möchte, sondern lieben. Dieses Wort enthält bereits die Saat dessen, was
  341. Rilke später als das Hauptthema seiner reifendichtung ausarbeiten sollte. Doch in diesem Augenblick in der grauen
  342. Pariser Wirklichkeit fühlte sich der Dichter wie ein Mensch, der von einer langen Krankheit aufsteht und nicht
  343. weiß, ob er wieder gehen lernen wird. Was als nächstes geschah, hätte niemand ahnen können. Es bedurfte einer Frau von
  344. außerordentlichem Vermögen, eines alten Schlosses am Meer und eines Wintersturms, um den verstummten Dichter
  345. wieder zu entfesseln. Im April des Jahres 1911, an einem milden Frühlingsabend, hält eine elegante
  346. Kutsche vor dem Tor eines weitläufigen alten Schlosses an der Adriaküste, nicht weit von Triest entfernt. Aus der
  347. Kutsche steigt eine kleine lebhafte Frau in einem geschmackvollen Reisekleid. Sie wendet sich zurück und reicht einem
  348. dünnen, blassen Mann die Hand, der ihr folgt. Es ist Reiner Maria Rilke, 36 Jahre alt, geschwächt von den Pariser
  349. Monaten, mit dunklen Schatten unter den Augen. Die Frau heißt Marie von Turn und Taxis hohen Lohe und gehört zu den
  350. reichsten Aristokratinnen Österreichs. Sie ist 55 Jahre alt, hochgebildet, sprachbegabt, mit einem feinen Sinn für
  351. Literatur und einer großzügigen Liebe zu den Dichtern ihrer Zeit. Sie hat Riles Verse seit Jahren gelesen und ihn nun
  352. eingeladen, in ihrem Schloss Duino so lange zu bleiben, wie er wolle. Sie hat von ihm gehört, daß er in einer
  353. schweren Schaffenskrise stecke. Sie hofft, dass die Stille und die Schönheit dieses Ortes ihn entfesseln werden.
  354. Schloss Duino liegt auf einem schroffen Felsen, der unmittelbar in die Adria hineinragt. Unter den Mauern brechen die
  355. Wellen an einer steilen Küste. Manche Türme sind alt, andere bereits aus dem 17. Jahrhundert.
  356. Im Inneren des Schlosses herrscht eine Atmosphäre, in der sich Eleganz und Geheimnis mischen. Es gibt Salons mit
  357. alten Gemälden, eine Bibliothek mit tausenden von Bänden, Korridore, in denen das Meer fast hörbar gegen die
  358. Steine schlägt. Rilke ist überwältigt. Er erhält ein eigenes Zimmer mit Blick auf die See. Marie von Ton und Taxis,
  359. die er bald in seinen Briefen schlicht, die Fürstin nennen wird, gibt ihm vollkommene Freiheit. Er kann arbeiten,
  360. wann er will, schweigen, wann er will, an den Mahlzeiten teilnehmen oder ihn ferniben.
  361. Es ist genau jene Form großzügiger Beschützung, von der ein Dichter wie Rilke nur träumen konnte. Doch das Glück
  362. eines äußerlich vollkommenen Ortes übersetzt sich nicht von selbst in Inspiration.
  363. Wochen vergehen, dann Monate. Rilke wandert die Klippen entlang, beobachtet die Möwen, sammelt Steine, schreibt
  364. Briefe, doch die großen Verse, auf die er wartet, kommen nicht. Im Herbst 1911 verlassen die Fürstin und
  365. ihre Familie das Schloss, um den Winter in Wien zu verbringen. Sie bietet Rilke an, in Duino zu bleiben, ganz allein mit
  366. dem alten Verwalter und einer kleinen Dienerschaft. Brilke nimmt das Angebot an. Er hofft,
  367. dass die völlige Einsamkeit ihn das geben wird, was die Anwesenheit der Gastgeber ihm nicht zu geben vermochte.
  368. Der Winter zieht ein, die See wird grau, die Felsen werden glatt vom Regen und in den langen Galerien des Schlosses
  369. brennen nur wenige Lampen. Es ist der 21. Januar 1912. Am Morgen erreicht Rilke jener Brief
  370. seines Pariser Anwalts, der die Scheidungssache mit Kara behandelt. Die juristischen Schwierigkeiten sind groß.
  371. Es ist nicht klar, wie die Tochter Rut in dieser Lage versorgt werden soll. Rilke fühlt sich gleichzeitig schuldig
  372. und gefangen. Er steht auf, zieht den Mantel an, nimmt einen Spazierstock und geht hinaus. Der Wind ist stark, die See
  373. tobt unter ihm. Er klettert über die schmalen Wege an den Klippen entlang, lehnt sich an einen Felsen und schaut
  374. hinunter ins Wasser. Da geschieht es. Aus dem Tosen des Windes scheint sich eine Stimme zu
  375. lösen. Rilke wird später beschreiben, er habe deutlich Worte gehört, ganze Verse, fast wie ein Diktat aus einer anderen
  376. Welt. Er zieht ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt die erste Zeile auf. Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn
  377. aus der Engelordnungen. Im Schloss zurück arbeitet er die ganze Nacht. Bis zum Morgen ist die erste
  378. Duineser Elgie niedergeschrieben. In den folgenden Tagen entstehen Teile der zweiten Elgie.
  379. Was hier geschah, läßt sich auf mehr als nur eine Weise deuten. Die Fürstin, die seit Jahren
  380. spiritistische Sitzungen organisierte und mit ihrem Dichter zu Weilen den Versuch unternahm, mit der jenseitigen
  381. Welt in Kontakt zu treten, glaubte fest an die mystische Eingebung dieser Stunden. Rilke selbst hat das Ereignis
  382. stets mit einer gewissen Scheu beschrieben, als sei es ihm eher wiederfahren als von ihm geleistet
  383. worden. Manche Biographen sehen darin ein echtes mystisches Erlebnis. Andere weisen darauf hin, daß die Verse
  384. Resultat einer jahrelangen inneren Vorbereitung gewesen sein und in einem Augenblick der Erschütterung lediglich
  385. zutage getreten sein. Wie auch immer man es nennt, der Beginn der Duineser Elgien ist eine der eigenartigsten und
  386. folgenreichsten Stunden der modernen deutschen Dichtung. Doch das Schloss am Meer war nicht das
  387. vollständige Ende der Krise. Nach jenen ersten beiden Elien versagte die Eingebung wieder. Rüke konnte nicht
  388. weiter. Die Hoffnung in Duino, ein großes zusammenhängendes Werk vollenden zu
  389. können, zerbrach an der inneren Erschöpfung. Im Frühjahr 1912 reiste er nach Venedig, dann nach Spanien. Er
  390. besuchte Toledo, die alte Bischofsstadt, sah die Gemälde des Elgreco, jene langen, schmalen heiligen Figuren, die
  391. wie von einem überirdischen Wind gezogen erscheinen. Er reiste weiter nach Ronda in Andalusien, lebte dort in einem Hotel
  392. hoch über einer Schlucht, schrieb wieder einige Verse, vorwiegend die sechste Elie und Teile der Zehnten. Doch immer
  393. dasselbe Muster wiederholte sich. Eine kurze Hochstimmung, ein paar gelungene Zeilen, dann das Schweigen. Innerlich
  394. lebte Rilke in diesen Jahren zwischen großer Hoffnung und tiefer Mutlosigkeit. Er wusste, dass die Elien sein
  395. eigentliches Werk werden sollten, das alle früheren Bücher überragen würde. Er wusste auch, dass er nicht das Recht
  396. hatte, dieses Werk aufzugeben. Doch er wusste nicht, wie und wo er es vollenden sollte. Er reiste, er suchte, er klagte
  397. in Briefen an die Fürstin, an Lou Andreas Salome, an seinen Verleger Anton Kippenberg.
  398. Manchmal glaubte er, ein anderer Ort würde die Lösung bringen. Manchmal versuchte er es mit asketischer Stränge,
  399. mit Vegetarismus, mit Verzicht auf alles Bequeme. Manchmal stürzte er sich wieder in Liebesbeziehungen mit Frauen, die er
  400. kurz bewunderte und dann ebenso schnell wieder verließ. Was ihn in dieser Zeit innerlich
  401. rettete, war ein Gedanke, der sich aus der ersten Elie selbst herausgeschält hatte.
  402. Das Leben, sagte Rilke, sei nicht so sehr ein Geschehen, das man ergreifen müsß, als ein Reifen, das man geschehen
  403. lassen müsse. Wie eine Frucht braucht ein Werk seine Zeit, um zu reifen. Wer ihm Gewalt antut, verdirbt es. Diese
  404. Einsicht, so einfach sie klingen mag, war für einen Mann, der seit Jahren unter der Pflicht zur Vollendung l, eine
  405. Art Befreiung. Sie sollte ihm helfen, das nun folgende Jahrzehnt zu überstehen. Ein Jahrzehnt, in dem die
  406. Geschichte selbst alles erschüttern würde, was er für gegeben gehalten hatte. Denn während der Dichter noch
  407. immer auf den nächsten Schub der Inspiration wartete, zogen über Europa Wolken zusammen, vor denen er
  408. nirgendwohin würde fliehen können. Es ist der Sommer des Jahres 1914. Reiner Maria Rilke befindet sich in
  409. München im Hause eines befreundeten Verlegers. Es ist heiß. In den Cafés diskutieren die Männer mit erhobenen
  410. Stimmen. An den Litferssäulen kleben neue Plakate. Am Ende des Juli sitzt Röke am
  411. Frühstückstisch und hält eine Zeitung in den Händen, deren Schlagzeilen er kaum zu glauben vermag. Das Kaiserreich
  412. Österreich-Ungarn hat dem Königreich Serbien den Krieg erklärt. Wenige Tage später wird Deutschland an der Seite
  413. Österreichs in den Krieg eintreten. Russland mobilisiert, Frankreich folgt, England schließt sich an. Innerhalb
  414. weniger Tage verwandelt sich der Kontinent in ein riesiges Schlachtfeld. Rilke, der gewohnt war, Europa als
  415. einziges großes Haus zu betrachten, in dem ein Dichter zwischen Paris, Wien, Petersburg und Florenz frei wandern
  416. konnte, sieht binnen Stunden alle Türen dieses Hauses zuschlagen. Anfangs, wie viele Schriftsteller seiner
  417. Generation, wird auch Rilke von einer kurzen, beinah rauschaften Begeisterung erfasst. Er glaubt für einen Moment, daß
  418. der Krieg die alte, müde, dekadente Welt reinigen könnte, dass aus dem Sturm eine neue gemeinschaftliche Wirklichkeit
  419. hervorgehen würde. In wenigen Tagen schreibt er die sogenannten fünf Gesänge, eine kleine Folge feierlich
  420. gestimmter Verse, in denen er ein Aufstehendes Kriegs Gottes besingt. sind keine marzialischen beutehungrigen
  421. Zeilen, doch sie sprechen vom Krieg in einer pathetischen Hoheit, von der er sich später deutlich distanzieren wird.
  422. Schon wenige Wochen später, als die ersten verwundeten Transporte zurückkehren, als die Listen der
  423. Gefallenen anschwellen, schweigt er. Er widerruft seine ersten Gesänge nicht öffentlich, aber er weigert sich von nun
  424. an einziges Wort zum Lobe des Krieges zu schreiben. Er ist erschüttert und seine Erschütterung wächst mit jedem Monat des
  425. Schlachtens. Die Lage des Dichters in diesen Kriegsjahren ist eigenartig zerrissen.
  426. Geographisch sitzt er in München fest. Seine Wohnung und ein großer Teil seiner Bibliothek befinden sich in Paris. in
  427. jener Stadt, die nun Feindesland geworden ist. Eines Tages im Spätsommer 1914
  428. erfährt er, dass seine Pariser Harbseligkeiten beschlagnahmt und versteigert worden sind. Tausende von
  429. Büchern, Manuskripten, persönliche Briefe, sorgfältig zusammengetragene Notizen. All dies geht für immer
  430. verloren oder zerstreut sich in alle Winde. Es ist ein Verlust, der einen Mann wie Rilke ins Herz trifft. Seine
  431. inneren Räume waren stets aufs Ängste mit seinen Büchern, mit den vertrauten Gegenständen seiner Schreibtische
  432. verbunden. Der Krieg hat ihm nicht nur Europa entzogen, er hat ihm auch das eigene
  433. Atelier weggenommen. Im Januar 1916 erreicht ihn die Einberufung. Rilke ist
  434. nun 41 Jahre alt, körperlich schwach, mit angegriffenen Nerven, ohne jede militärische Ereignung. Trotzdem wird er
  435. nach Wien zur Stellung gerufen. Die Wochen der Grundausbildung in einer Kaserne der Reichshauptstadt werden zur
  436. Hölle für ihn. Er, der seine Kindheit in der kaiserlich und königlich Militärschule überlebt hatte, sieht sich
  437. nun erneut in eine Uniform gezwungen, sieht sich erneut den Kommandostimmen ausgeliefert, marschiert mit anderen
  438. Männern über staubige Plätze. Befreundete Schriftsteller und einflussreiche Gönner setzen sich für
  439. ihn ein mit Erfolg. Nach kurzer Zeit wird er in das Kriegsarchiv im Wiener Stiftgasse versetzt, wo Berichte von der
  440. Front gesammelt, geordnet und stilistisch geglättet werden. Rilkes Aufgabe besteht im Wesentlichen darin,
  441. militärische Texte zu redigieren und in eine vorzeigbare Form zu bringen. Er, der Dichter, der das genaue Wort suchte,
  442. wie ein Bildhauer den richtigen Hammerschlag, sitzt nun in einem Büroraum und korrigiert verlogene
  443. Kriegsmeldungen. Im Inneren dieses Mannes geht in diesen Monaten etwas Schwerwiegendes vor. Wer
  444. das Töten von Hunderttausenden täglich mit der Hand niederschreibt, der verliert das Vertrauen in die Sprache
  445. selbst. Rilke, der einst in der einen klaren Linie eines guten Verses ein moralisches
  446. Ereignis sah, beobachtet nun, wie die Sprache zum Werkzeug der Verdrehung wird. Er schreibt in einem Brief an
  447. einen Freund, er sei innerlich vollkommen unterdrückt. Kein Wort komme mehr in ihm auf. Sein eigenes Inneres
  448. sei ihm so unzugänglich, daß er nicht wüßse, ob schwere Bewegung darin sei oder überhaupt nur schwere.
  449. Im Juni 1916 wird er endgültig aus dem Dienst entlassen. Doch der Mensch, der die Wiener Kaserne verlässt, ist ein
  450. anderer als der, der sie betreten hat. Etwas ist in ihm zerbrochen, das nicht so schnell wieder zusammenwachsen würde.
  451. In den folgenden Kriegsjahren lebt Rilke wieder in München an wechselnden Adressen, abhängig von der Gunst einiger
  452. Freunde, die ihn beherbergen. Er ist ein Heimatloser. Er schreibt fast nichts. Manchmal
  453. Notizen, manchmal kurze Briefe, manchmal Anfänge, die in der Schublade liegen bleiben.
  454. Die Welt um ihn herum verändert sich mit jedem Monat. Im November 1918 brechen die Mittelmächte zusammen. Der
  455. Kaiser dankt ab. Österreich-Ungarn löst sich auf. Das alte Reich der Habsburger zerfällt in eine Reihe kleinerer
  456. Staaten. Prag, die Stadt seiner Kindheit, wird zur Hauptstadt der neugegründeten Tschechoslowakei.
  457. Rilke ist mit einemm nicht mehr Bürger eines existierenden Landes. Er ist zwar deutschsprachig, aber kein Deutscher. Er
  458. ist gebürtiger Prager, doch im neuen Staat ist seine Stellung unklar. Er hat keinen festen Wohnsitz, keinen Pass, der
  459. ihm überall die Tür öffnet, keine Bürgerrechte, auf die er sich verlassen könnte. Diese äußere Heimatlosigkeit
  460. entspricht seiner inneren Verfassung. Rilke hat in den Kriegsjahren erkannt, dass die alte Welt, in der er sich als
  461. europäischer Dichter verstanden hatte, unwiderruflich zerstört worden ist. Es gibt kein Zurück zu den großen Salons
  462. der Vorkriegszeit, zu den literarischen Cafés von Paris, zu den langen Reisen mit dem Schlafwagen quer durch den
  463. Kontinent. Das Bürgertum, dessen lautlose Geldsendungen ihm einst sein Leben als
  464. freier Schriftsteller ermöglicht hatten, ist verarmt. Inflation, politische Wirren, Hunger in den Städten. Europa
  465. gleicht einem geschlagenen Tier, das sich seine Wunden leckt. Röke versteht, dass jede Dichtung, die nach diesem
  466. Krieg geschrieben werden soll, eine andere sein muss, als die vor 1914. Im Sommer 1919 ergreift Röke die
  467. Gelegenheit in die neutrale Schweiz zu reisen. Eine Vortragseinladung dient als Vorwand. Was als kurzer Aufenthalt
  468. geplant ist, wird zur endgültigen Übersiedlung. Er kehrt nicht mehr nach Deutschland zurück, kehrt nicht mehr ins
  469. zerfallene Österreich zurück. Die Schweiz von der Kriegszerstörung unberührt mit ihren ruhigen Tälern,
  470. ihren stillen Sehen, ihrem gepflegten kulturellen Leben wird zur letzten Bühne seines Lebens. Er reist durch das Land,
  471. hält Lesungen, sucht ein Refugium. Was er eigentlich sucht, ist nicht nur ein Wohnsitz, sondern ein Ort, an dem die
  472. Welt wieder so still wird, dass das innere Werk wieder vernehmbar wird. Und tatsächlich beginnt in diesen Schweizer
  473. Jahren etwas zu reifen, dass niemand am wenigsten Röke selbst für möglich gehalten hätte. Das jahrelange
  474. Schweigen, die Erschütterungen des Krieges, der Verlust der alten Welt, all dies hatte nicht nur zerstört, sondern
  475. auch verdichtet. Tief unter der Oberfläche seiner Erschöpfung sammelte sich Material, das nur noch eines Ortes
  476. und einer Stunde bedürfte, um aufzubrechen. Dieser Ort wartete bereits ein einsamer
  477. Turm in einer abgelegenen Gegend des Wallis und die Stunde sollte näher sein, als der Dichter es selbst zu hoffen
  478. wagte. Es ist eine sternklare Nacht im Februar des Jahres 1922.
  479. In einem alten steinernen Turm im Walles, hoch über dem schmalen Tal des Rotten, brennt eine einzige Kerze. Über
  480. die schmale Wendeltreppe rennt ein Mann hinauf mit fliegenden Schritten, das Hemd halb offen, den Federhalter in der
  481. Hand. Er hat soeben einige Verse niedergeschrieben und einige weitere im
  482. Kopf, die er fürchtet zu verlieren, wenn er nicht augenblicklich an seinen Schreibtisch zurückkehrt.
  483. Reiner Maria Rilke ist 46 Jahre alt und in dieser Nacht arbeitet er an dem Werk, auf das ern Jahre seines Lebens gewartet
  484. hat. In wenigen Wochen wird er die Duineserlegien vollenden und obendrein zwei Bände von Sonetten an Orfeus
  485. niederschreiben. Doch in diesem Augenblick weiß er noch nicht, wie weit er kommen wird. Er weiß
  486. nur, dass sich nach langem Schweigen endlich etwas in ihm öffnet. Der Turm, in dem er lebt, heißt Chat de
  487. Müsau. Es ist kein eigentliches Schloss, sondern ein kleines mittelalterliches Wohngebäude aus dem 13. Jahrhundert mit
  488. dicken Mauern, kleinen Fenstern und einer engen Treppe. Es liegt bei Vera, oberhalb der Statier im Kanton Walles.
  489. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Heizung, außer einem großen Kachelofen. Wer hier wohnt, lebt
  490. einfach, fast asketisch. Genau darum ist dieser Ort für Röke ideal. Er hat im Sommer 1921
  491. den Turm während eines Spaziergangs entdeckt und sich sofort in ihn verliebt. Sein Mezen, der Schweizer
  492. industrielle und Mzen Werner Reinhard, ein Kaufmann aus Wintertour, der in Rilke einen der größten Dichter der Zeit
  493. erkannt hatte, kaufte Musot und stellte es dem Dichter zur freien Verfügung. Es war ein Geschenk, das alles veränderte.
  494. Rilke zog Ende Juli 192 in Musot ein. Die ersten Monate waren ein einziges Tasten. Er richtete den
  495. Turm ein, ordnete seine wenigen Bücher, fand eine treue Haushälterin, Frieda Baumgartner, die ihm das Nötigste
  496. besorgte. Er schrieb Briefe, machte lange Spaziergänge durch die Weinberge des Walles, schaute auf die fernen
  497. Gipfel, beobachtete den Wechsel des Lichtes über den steinigen Hügeln. Doch die großen Verse, auf die er hoffte,
  498. blieben aus. Den ganzen Winter überschwankte er zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Manchmal glaubte er, das
  499. Werk werde sich nie vollenden lassen. Manchmal spürte er, dass sich tief unter der Oberfläche etwas bewegte. Er
  500. praktizierte, wie er selbst sagte, eine Form innerer Stränge. Kein Wein, keine Süßigkeiten, keine Unterhaltung. Er
  501. nannte es mit einem leicht ironischen Wort sein Mysotisme, sein Mutsotmönchstum.
  502. Dann in den ersten Februargen des Jahres 1922 begann plötzlich wie ein Sturm.
  503. Er hat es selbst in einem Brief Andy Fürstin Marie von Ton und Taxis beschrieben, in einem Schreiben, das zu
  504. den ergreifendsten Zeugnissen schöpferischer Eingebung in der Weltliteratur gehört. Er sei, schrieb er
  505. im Innern wie unter einem Diktat. Stimmen sprächen zu ihm, Verse stürzten heran, ganze Strophen, vollendete
  506. Bilder. Er müße Tag und Nacht arbeiten, um mit ihm Schritt zu halten. In wenigen Wochen, in jenem Februar und in den
  507. ersten Wochen des März vollendete er nicht nur die letzten Illegien, sondern schrieb auch 55 Sonette an Orfeus, ein
  508. zweiter Zyklus, der ihm gleichsam als unverhofftes Nebenwerk in den Schoß fiel.
  509. Dieser Ausbruch der Schöpferkraft nach zehn Jahren Schweigens ist eines der erstaunlichsten Ereignisse in der
  510. Geschichte der Dichtung. Es gilt zu verstehen, wodurch aus der Stille so plötzlich ein Sturm wurde.
  511. Manche Forscher haben darauf hingewiesen, dass alle wichtigen Themen der Egien längst in Rilke vorbereitet
  512. waren. Die Begegnung mit Rodin, die Pariser Krise, die Stunde an der Klippe von Duino, die Kriegsjahre, der Verlust
  513. der alten Welt, das Lesen islamischer und ägyptischer Dichtung, die langen Briefwechsel mit Lou Andreas Salome und
  514. mit der Fürstin Marie. All dies hatte sich im Inneren des Dichters wie Wasser hinter einer Staumauer angesammelt. Es
  515. bedürfte nur eines kleinen Bruches, einer kleinen Öffnung und der Strom brach los.
  516. Andere haben betont, dass Rilke selbst diesen Moment als ein Geschenk, fast als einen mystischen Akt verstand, der sich
  517. nicht erklären, sondern nur dankbar empfangen ließ. Die Vollendung kam mit einer Erschütterung, die nicht weniger
  518. heftig war als die zehnjährige Wartezeit. Am 11. Februar 1922
  519. schrieb Rilke an die Fürstin den berühmten Brief, indem er ankündigte, dass die Illegien fertig sein. Er sei,
  520. schrieb er, von einer langen Krankheit aufgestanden. Was als Klagegesang begonnen hatte, war
  521. zu einem großen Lobgesang geworden. Wer dieien liest, erkennt diesen Umschlag bald. Die ersten sprechen von der
  522. Schwere, von der Unfähigkeit der Menschen, das Schöne und das Schreckliche zugleich zu ertragen, von
  523. der Hilflosigkeit der Liebenden, von der Einsamkeit der Junggestorbenen. Doch je weiter der Zyklus fortschreitet,
  524. desto mehr verwandelt sich die Klage in eine Feier. Die neunte Elie endet mit Versen, die zum Vermächtnis Röhes
  525. geworden sind. Erde, du Liebe, ich will. Sie spricht von einer fast religiösen Bejahrung des vergänglichen Lebens, von
  526. der Aufgabe des Menschen, das Sichtbare in das Unsichtbare zu verwandeln. Während Rilke in Muzod Tag und Nacht
  527. arbeitete, war die Welt um ihn fast vergessen. Frieder Baumgartner brachte ihm einfaches Essen vor die Tür. Er kam
  528. herunter, aß rasch, kehrte zurück. Manchmal trat er ans Fenster, schaute hinaus auf die schweigenden Berge des
  529. Wallis, atmete tief ein und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Sein Verleger Anton Kippenberg in Leipzig
  530. hatte über Jahre hinweg geduldig gewartet, vorsichtig gemahnt, manchmal sanft gedrängt. Als das Manuskript
  531. schließlich auf seinen Tisch kam, soll er gefragt haben, ob es noch einer Durchsicht bedürfe. Rilke antwortete
  532. kurz: "Das sei nicht nötig. Es sei vollendet, wie es sei. Es war eine kühne, beinahe schroff eines Mannes, der
  533. wusste, dass er nun zu der Stunde gelangt war, auf die alles in seinem Leben gewartet hatte. Im Inneren des
  534. Dichters folgte auf die Wochen des Schreibens eine seltsame Lehre. Es war als sei mit den letzten Versen auch die
  535. letzte Spannkraft seines Lebens verbraucht. Ein Freund schrieb später: "Rilke habe nach der Vollendung der
  536. Illegien aussah wie ein Mensch, der eine lebenslange Aufgabe erfüllt hat und nun nicht mehr weiß, wozu er noch atmen
  537. solle. Er blieb in Muzot, doch der Turm war nicht mehr derselbe. Er versuchte sich
  538. zu erholen. L fiel, übersetzte einige Werke aus dem Französischen, schrieb auch selbst französische Gedichte, die
  539. einen leichten, fast spielerischen Ton anschlugen. Doch zugleich begann sein Körper Zeichen einer Schwäche zu zeigen,
  540. die zunächst keiner zu deuten wusste. Die Hände wurden müde, das Zahnfleisch blutete, eine seltsame Erschöpfung lag
  541. in den Knochen. Was niemand ahnte, was Rilke selbst nicht ahnen wollte, war, dass eine schwere, unaufhaltsame
  542. Krankheit sich bereits leise in ihn einzunisten begonnen hatte. Es ist der Frühling des Jahres 1926.
  543. In einem kleinen Pariser Vorort in einer ärmlichen Wohnung mit feuchten Wänden sitzt eine 33-jährige Frau an einem
  544. wacklig Tisch. Ihre Hände sind grob, die Finger schwer von silbernen Ringen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, ihre Augen
  545. brennen mit einer fiebrigen Schärfe. Vor ihr liegt ein Brief, den sie immer wieder liest.
  546. Er kommt aus dem Walles, aus einem alten Turm namens Musot. Der Absender ist ein Dichter, den sie seit ihrer Jugend
  547. verehrt. Er heißt Reiner Maria Rilke. Marina Ivanovna Zweteva, eine der bedeutendsten russischen Lyrikerinnen
  548. ihrer Generation, lebt seit Jahren im Exil. Sie ist arm. Ihre kleine Tochter Irina ist im Hunger der russischen
  549. Bürgerkriegsjahre gestorben. Ihr Mann ist in fragwürdige politische Verstrickungen geraten. Doch in diesem
  550. Augenblick zählt nichts davon. Sie hält einen Brief in der Hand, indem Rilke selbst sich an sie wendet. Sie
  551. weint, sie lacht, sie schreibt sogleich zurück in einer Sprache, die zwischen Russisch und Deutsch hin und her zuckt
  552. wie eine offene Flamme. Es lohnt nachzuvollziehen, wie es zu dieser Begegnung gekommen war. Die Verbindung
  553. lief über einen dritten Dichter. Boris Leonidowits Pastanack, 36 Jahre alt, in Moskau lebend, hatte schon als Junge in
  554. Russland Rilke gesehen jenes flüchtige Bild des jungen Dichters in Schwarz auf einem Bahnsteig, das er nie vergessen
  555. sollte. Sein Vater Leonid, der Maler hatte Rilke in Moskau Bücher gewidmet. Boris selbst hatte später jahrelang
  556. davon geträumt, an Rilke zu schreiben, doch sich nie getraut. Erst im Frühjahr 1926
  557. erfuhr er durch seinen Vater, dass Rilke seine Boris Gedichte kenne und schätze. Diese Nachricht erschütterte den
  558. russischen Dichter so sehr, dass er sich endlich entschloss, Rilke einen Brief zu schreiben. In demselben Brief bat er
  559. Rilke, statt ihn zu antworten, lieber seine Bücher an Marina Zweteva nach Frankreich zu schicken, denn für
  560. Pastanack war Zweteva zu dieser Zeit der erste Dichter Russlands. So nahm jene merkwürdige dreieckige
  561. Korrespondenz ihren Anfang, die in der Literaturgeschichte einzigasteht. Drei Dichter in drei Ländern, drei
  562. Sprachen, drei verschiedene Lebenslagen verbunden durch die Glut der Worte und durch eine fast religiöse Verehrung
  563. füreinander. Rilke schrieb an Zwetjeva im Mai 1926 den ersten Brief und legte ihm einige seiner Werke bei. Sie
  564. antwortete sofort in einer Sprache von ungeheurer Intensität, voll von Hingabe und Forderung zugleich. Sie nannte ihn
  565. nicht den geliebten Dichter, sondern mit ihrer kühnen, beinah atemlosen Genauigkeit die fleisch gewordene
  566. Dichtung selbst. Pastanack in Moskau las die Briefe seiner Freundin Marina an Röke mit einem fast schmerzhaften Gefühl
  567. der Bewunderung. Er l darunter, dass er nicht dabei sein konnte, dass die Grenzen ihn von beiden trennten, dass er
  568. nur in Briefen an dieser Liebe teilhaben durfte. Marina Zweteva lebte in jenem Frühling
  569. und Sommer in einem Zustand, den man kaum anders nennen kann als ein lyrisches Fieber. Sie hatte gerade ihren
  570. Sohn Georgi geboren, den sie zu Hause Mur nannte. Sie führte einen kümmerlichen Haushalt,
  571. kochte über einer kleinen Flamme, wusch die Wäsche an einem kalten Bach. Doch in den Briefen an Rilke war sie
  572. nicht die hungernde Immigrantin, sondern eine Königin der Sprache, die mit dem gleichgesinnten Geist auf der anderen
  573. Seite des Kontinents Funken austauschte. Sie plante, ihn im Sommer in der Schweiz zu treffen. Sie sprach davon, ihn zu
  574. schreiben ohne Pause bis ans Ende ihres Lebens. Sie übertrat in ihren Briefen jede
  575. bürgerliche Grenze und schrieb eine Sprache der Seele, die in ihrer Heftigkeit etwas Verbrennendes hatte.
  576. Rilke selbst war zu diesem Zeitpunkt körperlich bereits sehr geschwächt. Die Krankheit, die ihn in den nächsten
  577. Monaten verzehren sollte, hatte ihre kalten Finger schon nach ihm ausgestreckt.
  578. Trotzdem antwortete er Marina, sandte ihr im Sommer eine handgeschriebene Elie, die sogenannte Elie an Marina
  579. Zwetajeva Ephron, einen der schönsten Beweise dafür, dass die Begegnung der Worte ihn tief bewegt hatte.
  580. Er, der sonst stets von Frauen umkreist worden war, fand in dieser russischen Schriftstellerin etwas, das er bei
  581. keiner anderen gefunden hatte. Eine Stimme von gleicher Höhe, gleicher Kühnheit, gleicher Unbedingtheit.
  582. Innerlich aber wusste er, dass das, was Marina von ihm erhoffte, von ihm nicht mehr geleistet werden konnte. Er war
  583. kein Liebhaber mehr, kein Reisender, kein junger Mann. der eine Frau treffen und mit ihr durch Europa wandern konnte.
  584. Er war ein Sterbender, der in einem Valiserm die letzten Funken seiner Kraft hütete.
  585. Im Hochsommer 1926 wurde die Korrespondenz dichter und drängender. Marina forderte eine
  586. Begegnung. Sie wollte ihn sehen, sprechen. Eine Stunde, einen Tag, einen längeren Zeitraum. Rilke wich aus.
  587. Er versprach Waage, er werde später schreiben. Er müsßse erst gesund werden. Manche Briefe blieben unbeantwortet.
  588. Marina in ihrer feinen Empfindlichkeit spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie schrieb ihm in einem letzten Brief
  589. am 7. November 1926 eine kurze Karte mit einer Ansicht des Pariser Vororts, in dem sie wohnte.
  590. Du lieber Reiner. Hier wohne ich. Liebst du mich noch? Rilke antwortete nicht mehr. Er konnte
  591. nicht mehr. Im Innersten dieser Geschichte liegt eine Wahrheit, die schwer zu fassen ist.
  592. Marina Zwetajeva suchte in Rilke nicht nur den großen Dichter, sondern den Bruder ihrer Seele, jenen Menschen, der
  593. sie endlich ganz hätte verstehen können. Pastanaak suchte in dieser Verbindung eine Bestätigung, dass die Dichtung über
  594. alle politischen Grenzen hinweg eine einzige große Heimat sei. Rilke selbst aber suchte etwas anderes. Er suchte
  595. einen letzten Gesprächspartner auf seinem Niveau in dieser einsamen Stunde, in der ihm das eigene Leben aus den
  596. Händen glitt. Die drei Dichter haben sich nie persönlich getroffen. Pastanack sah Rilke nur als Kind. Marina sah ihn
  597. nie. Und doch entstand zwischen ihnen ein Briefwechsel, der heute zu den schönsten Zeugnissen brieflicher
  598. Dichtung des 20. Jahrhunderts gehört. Am 29. Dezember 1926 erfuhr Marina Zweteva aus der Zeitung,
  599. dass Reiner Maria Rilke gestorben war. Sie war zerschmettert. In jener Silvesternacht setzte sie sich
  600. an den Tisch und begann ein langes Gedicht an den Toten Freund zu schreiben, eines der ergreifendsten
  601. Gedichte ihres Werks. Sie schrieb es im Wechsel zwischen Anrede und Klage in jenem hohen Ton, der nur ihr eigen war.
  602. Pastanack fern in Moskau erfuhr die Nachricht aus einem Brief Marinas. Auch er reagierte mit einer Erschütterung,
  603. die für Jahre nachklang. Jahre später, an einem kalten Augusttag im Jahr 1941
  604. sollte Marina Zwetev sich in der russischen Provinzstadt Jelabuga das Leben nehmen. Pastanaak überlebte,
  605. schrieb seinen Roman Dr. Shivago, erhielt den Nobelpreis und musste ihn auf Druck der sowjetischen Behörden
  606. ablehnen. Die kurze Stunde, in der drei Dichter durch Briefe verbunden waren, hatte für
  607. jeden von ihnen einen besonderen unauslöschlichen Klang. Rilke selbst hatte sie eingeleitet und ernahm ihre
  608. letzten Schwingungen mit sich, als er in seinem Schweizer Sanatorium dem Ende entgegenging.
  609. Es ist ein nasser Dezembertag des Jahres 1926 In einem schmalen Krankenzimmer im
  610. Sanatorium WM hoch über dem Genfersee liegt ein Mann auf einem schmalen Bett. Sein Gesicht ist eingefallen. Seine
  611. Hände, die einst die schönsten Verse der deutschen Sprache niedergeschrieben haben, sind dünn und durchsichtig
  612. geworden. Auf dem kleinen Tisch neben ihm liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Auf der Seite stehen Zeilen, die er erst
  613. vor wenigen Tagen geschrieben hat. Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb.
  614. Reiner Maria Röke, 51 Jahre alt, weiß seit Wochen, dass er nicht mehr genesen wird. Die Ärzte haben es schließlich
  615. ausgesprochen, was er längst geahnt hatte. Es ist eine seltene, besonders aggressive Form der Leukemie. Es gibt
  616. keine Heilung. Die einzige Frage ist, wie lange er noch bleiben wird. Der Weg zu diesem Krankenbett war länger
  617. und stiller, als es nach außen schien. Schon im Sommer 1924 hatte Rilke immer wieder über Schwächen,
  618. Schwindelanfälle und Müdigkeit geklagt. Er hatte das Sanatorium Wmont zum ersten Mal aufgesucht, war eine Weile
  619. geblieben, fühlte sich gestärkt und kehrte nach Mouseau zurück. Doch die Krankheit ließ sich nicht abschütteln.
  620. Sie kam wieder, ging wieder, kam wieder. Im Sommer 1926 verschlechterte sich sein Zustand
  621. entscheidend. Das Zahnfleisch blutete, Beschwerden im Mund und im Hals quälten ihn. Die ganze Welt schien sich zu
  622. verengen. Im November dieses Jahres traf er die Entscheidung, endgültig ins Sanatorium zu gehen. Was er nicht ahnen
  623. konnte, war, dass ein Pariser Arzt erst nach seinem Tod genaue Diagnose ermitteln würde. Im Inneren des
  624. Sterbenden ging in diesen letzten Wochen etwas vor, das ihn selbst überraschte. Er, der jahrelang davon geschrieben
  625. hatte, daß der Tod eigener würdiger Bestandteil des Lebens sei, daß jeder Mensch einen eigenen Tod sterben solle
  626. und nicht den gleichmacherischen Tod der Massengesellschaft, sah sich nun selbst dem Sterben gegenüber. Er verlangte
  627. ausdrücklich, ihn nicht zu betäuben. Er wolle seinen Schmerz erleben, mit klarem Bewusstsein durch ihn hindurchgehen, ihn
  628. nicht abdunkeln lassen. Es war eine letzte, schwer zu ertragende Probe. Manchmal weinte er, manchmal lachte er
  629. beinah still vor sich hin, manchmal diktierte er kurze Briefe, die seine letzten Freunde nachher kaum entziffern
  630. konnten. Du Andreas Salomé, die einstige Gefährtin, schrieb er einen letzten
  631. Gruß, indem er bekannte, niemals hätte er erwartet, dass der Körper, der ihm einst froh locken bedeutet hatte, ihm am
  632. Ende eine solche Hölle bereiten würde. Am 29. Dezember 1926 in den frühen Morgenstunden hörte sein
  633. Herz aufzuschlagen. Es war der vierte Tag nach Weihnachten. Draußen lag Schnee auf den Hügeln über
  634. dem Genfersee. Ein Arzt schloss ihm die Augen. Die Nachricht ging am selben Tag über die
  635. Telegrafendrähte nach Wien, Berlin, Leipzig, Paris, München, Moskau. Eine Welt war ärmer geworden. Die
  636. feierlichen Nachrufe begannen schon am nächsten Morgen in den Zeitungen zu erscheinen. Hugo von Hoffmannstal
  637. schrieb von einem Verlust, der nicht zu ermessen sei. Stefan Zweig sprach von einem der reinsten Dichter, die
  638. Deutschland je hervorgebracht habe. In Paris notierte sich Paul Valerie, dass eine besondere Stimme erloschen sei, die
  639. durch keine andere ersetzt werden könne. Die Beisetzung fand am 2. Januar 1927 in dem kleinen Dorf Raron im Walles
  640. stadt. Röke hatte den Ort selbst ausgesucht an einem Tag, an dem er mit Freunden den Hügel über dem Dorf
  641. bestiegen hatte und auf die alte einfache Kirche oben am Felsen geblickt hatte. Er hatte gesagt, hier möchte er
  642. liegen. Auf seinem Grabstein steht eine kurze dreizeilige Inschrift, die er selbst für sich verfasst hatte.
  643. Rose, o reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein unter so viel Liedern.
  644. Die Worte sind seither tausendfach gedeutet worden. Die Rose, dieses Bild von gleichzeitiger Schönheit und
  645. Zerbrechlichkeit war Rökes Lieblingsblume gewesen. Eine Legende, die später entstand, wollte wissen, dass
  646. er sich an einem Dorn beim Pflücken einer Rose verletzt habe und dass von dieser Wunde der Todeskeim ausgegangen
  647. sei. Die medizinische Forschung hat diese Erzählung längst widerlegt, doch sie hat sich gehalten, weil sie zur
  648. Stimmung seines Lebens passte. Es bleibt die Frage, was dieser Dichter hinterließ, der in einem stillen
  649. Walliseradorf so unauffällig zur Erde gegangen war. Er hinterließ ein Werk, das in den
  650. folgenden Jahrzehnten nicht kleiner, sondern größer wurde. Die Dynien und die Sonette an Orfeus in der
  651. Endgestalt im Juni 1923 erschienen, gehören heute zum unbestrittenen Höhepunkt der deutschsprachigen Lyrik
  652. des 20. Jahrhunderts. Das schmale Bändchen Briefe an einen jungen Dichter, jene zehn Briefe an den
  653. jungen Franz Xava Kapus entstanden zwischen 1903 und 1908 ist zu einem der meist gelesenen Bücher der deutschen
  654. Literatur überhaupt geworden. Es ist in mehr als 50 Sprachen übersetzt worden. wird von jungem Menschen in Schulen
  655. gelesen, von Suchenden, von Künstlern, von Menschen, die in den großen Stadtbuchhandlungen New Yorks ebenso wie
  656. in den kleinen Antiquariaten Wiens nach einem Buch suchen, das ihnen Halt geben könnte.
  657. Rilkes Leben war ein einziger Versuch, das richtige Leben zu finden. Es war ein Leben in Bewegung, ohne festen Wohnsitz,
  658. ohne Familie, ohne politische Zugehörigkeit, ohne jenen bürgerlichen Halt, den die meisten Menschen für
  659. selbstverständlich halten. Es war ein Leben in tiefer innerer Stränge und zugleich in ebenso tiefer Hingabe an die
  660. Freundschaft, an die Frauen, an die Briefe, an die Sprache. Es war ein Leben, das von außen oft als
  661. zerbrechlich erschien und doch eine ungeheure innere Festigkeit besaß. Wer dieien liest, hört in jeder Zeile, daß
  662. dieser Mann nicht aus einem Salon herausgeschrieben hat, sondern aus einem Schloss am Meer, aus einem Wiener
  663. Kriegsarchiv, aus einer Pariser Mansarde, aus einem einsamen Turm im Walles.
  664. Wer die Briefe an einen jungen Dichter liest, erkennt, dass die Sätze dieses Mannes nicht Ratschläge eines
  665. Selbstgefälligen sind, sondern Auskünfte eines Menschen, der das selbst durchgemacht hatte, wovon er sprach.
  666. Das berühmte Bild, das von Rilke geblieben ist, ist das eines Mannes, der vor seinem Schreibtisch in Müsau sitzt,
  667. die Hand am Federhalter, das Gesicht halb dem Fenster zugewandt, hinter ihm die einfachen Möbel des Turms, das
  668. schmale Bett, die Bücher. Vor ihn das offene Land des Walles mit seinen Weinbergen und den fernen Gipfeln.
  669. Es ist ein Bild, in dem die ganze Geschichte seines Lebens beieinander liegt. die Einsamkeit, die Strenge, der
  670. lange Weg, der ihn hierher geführt hat, das Werk, das hier vollendet wurde. Wer dieses Bild ansieht und dann eine
  671. der Elgien aufschlägt, der versteht, was Röke immer gewusst hat, dass die Aufgabe des Menschen darin besteht, das
  672. Vergängliche in das Bleibende zu verwandeln, das Sichtbare in das Unsichtbare, das Schmerzhafte in den
  673. großen stillen Gesang des Daseins. Ich danke Ihnen, dass Sie mich auf diesem Weg durch das Leben reiner Maria
  674. Rilkes begleitet haben. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, würde es mich sehr freuen, wenn Sie sie mit einem Daumen
  675. nach oben unterstützen und unseren Kanal abonnieren. So erfahren Sie zuerst, welche große Persönlichkeit wir als
  676. nächstes vorstellen werden. Bis dahin wünsche ich Ihnen Ruhe, Tiefe und eine gute Stunde mit einem schönen Buch. Ihr
  677. Alexander Weiß. M.

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