Rainer Maria Rilke — Die einsame Wahrheit hinter den berühmtesten Versen | Dokumentarfilm Alexander Weiss https://www.youtube.com/watch?v=NjGGs5kH82A Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Ein Mann steht im Januar des Jahres 1912 allein auf einer Klippe über der Adria. Der Wind reißt an seinem Mantel, das 0:08 Meer tobt unter ihm und plötzlich hört er eine Stimme aus dem Sturm. Was er in dieser Stunde aufschreibt, wird zum 0:16 Beginn eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Lyrik. Hundert Jahre später wird eine südkoreanische Popgröße 0:24 sich seine Ferse auf den Körper malen lassen und eine amerikanische Sängerin trägt seine Worte als Tätowierung. 0:31 Wie konnte ein zerbrechlicher Dichter aus Prag eine solche Wirkung über Jahrzehnte hinweg entfalten? Und welcher 0:39 innere Sturm trieb ihn zu Fersen, die noch heute Millionen Menschen berühren? Mein Name ist Alexander Weiß und ich 0:47 begrüße Sie herzlich zu einer neuen Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute widmen wir uns dem Leben 0:55 und Werk von reiner Maria Rilke. Um diesen Mann zu verstehen, müssen wir an den Anfang zurückkehren. Zu einem Kind, 1:04 das in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel stand und zu einer Stimme, die Jahrzehnte später aus dem Wind sprach. 1:12 Es ist der 21. Januar. des Jahres 1912. Über dem Schloss Duino, das wie ein steinerner Wächter auf einem Felsen über 1:21 der Adria tront, jagt Wintersturm die Wolken vor sich her. Die fürstliche Familie ist längst abgereist. Im 1:30 weitläufigen Schloss befindet sich nur noch einziger Gast, ein hagerer, 36-jähriger Mann mit melancholischen 1:38 blauen Augen und einem schmalen Schnorrbart. An diesem Morgen erreicht ihn ein Brief seines Anwalts aus Paris. 1:47 Die Scheidungssache mit seiner Frau Kara erweist sich als schwierig, fast undurchführbar. Auch das Sorgerecht für 1:54 die kleine Tochter Ru ist ungeklärt. Der Mann legt den Brief beiseite, zieht seinen Mantel an und steigt die schmalen 2:02 Fade hinunter zum Meer. Sein Name ist Reiner Maria Rilke und in diesem Augenblick ist er bereits ein in ganz 2:11 Europa gefeierter Dichter. Bände wie das Stundenbuch und die Aufzeichnungen des Malte Lauritz Brigge haben ihm Ruhm 2:20 eingebracht. Doch der Mann, der nun gegen den Wind über die Klippen geht, ist von einer tiefen Krise gezeichnet. 2:28 Seit Monaten verstundt seine Feder. Er ringt nach einer neuen Stimme, einer neuen Form, einem neuen Werk, das alles 2:36 bisher geschriebene überragen soll. Der Druck, den er sich selbst auferlegt hat, ist gewaltig und niemand vermag 2:44 genau zu sagen, woher dieser unbedingte Drang zur eigenen Vollendung kommt. Als er an der Brüstung über dem Meer steht, 2:53 geschieht etwas, das später zur Legende werden wird. Der Wind reißt ihm beinah Atem. Möwen schreien über dem grauen 3:02 Wasser und in diesem Tosen, so wird Rilke es selbst beschreiben, hört er eine Stimme. Es ist als trüge der Sturm 3:11 Ferse zu ihm heran, fertige, vollständige Ferse. Er greift nach seinem Notizbuch, lehnt sich an die 3:19 Mauer und schreibt: "Die Zeilen, die er dort niederlegt, werden seit über 100 Jahren auswendig gelernt, in dutzende 3:28 Sprachen übersetzt von Schriftstellern und Liebenden, von Sterbenden und Suchenden zitiert. 3:35 Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engelordnungen?" So beginnt die erste der Dineser 3:43 Illegien, jenes Werks, das Röke in den folgenden Zehn Jahren beinahe zerreißen wird und das schließlich als sein 3:50 lyrisches Vermächtnis in die Weltliteratur eingehen soll. Es bleibt zu fragen, was diesen 3:57 Augenblick möglich machte und was den Dichter dorthinführt hatte, an diese Klippe in diesen Winter, in diese 4:05 Einsamkeit. Um das zu verstehen, muß man weit zurückgehen in eine grauflimmernde Stadt 4:11 im Herzenmittel Europas, in eine Familie, in der eine Mutter um den Verlust ihrer kleinen Tochter trauerte. 4:19 Kleiner Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke kam am 4. Dezember des Jahres 1875 in Prag zur Welt. Die Stadt war damals 4:29 Teil der österreichisch-arischen Doppelmonarchie, eine Stadt der Türme, der gepflasterten Gassen, der gemischten 4:36 Sprachen, Deutsch, Tschechisch, Jedisch und einer leicht melancholischen Schönheit. Sein Vater Josef Rilke hatte 4:45 einst von einer Offizierslaufbahn geträumt, doch eine Halschwäche hatte diesen Traum zerschlagen. So fand er 4:53 sich als kleiner Eisenbahnbeamter wieder in einer Stellung, die seinen Ehrgeiz nie befriedigte. 4:59 Seine Mutter Sophie, von allen Fia genannt, stammte aus einer wohlhabenden Prager Familie und trug die unerfüllten 5:08 Sehnsüchte einer Frau in sich, die mehr vom Leben erwartet hatte, als die kleinbürgerliche Enge ihrer Ehe. Bevor 5:16 Reiner geboren wurde, hatten Fia und Josef eine Tochter verloren, ein Mädchen, das nur wenige Tage gelebt 5:23 hatte. Diese Wunde sollte das Schicksal des Jungen tief prägen, denn die Mutter konnte den Verlust nicht 5:31 überwinden. Sie kleidete ihren kleinen Sohn in den ersten Lebensjahren wie ein Mädchen in lange Röcke und 5:39 Spitzenhemden, ließ ihm das Haar in Locken wachsen und nannte ihn manchmal Sophie, manchmal Ismene. Wenn Besuch 5:47 kam, präsentierte sie das Kind in seinen weichen Kleidern und sprach von ihm in der weiblichen Form. Der kleine Reiner, 5:55 der eigentlich René gerufen wurde, lernte früh, was es heißt, in zwei Welten zugleich zu leben. Der Äußeren, 6:03 die ihm seine Rolle vorschrieb und der Inneren, in der er sich selbst zu erfinden begann. Diese frühe Erfahrung 6:10 der Doppelheit, der zarten Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung sollte zur Grundmelodie seines späteren 6:18 Werks werden. Wer als kleines Kind gezwungen ist, eine andere zu sein, lernt früh zu beobachten, zu lauschen, 6:26 sich zurückzuziehen in einen unsichtbaren Raum, in dem allein Mann ganz Mann selbst sein kann. Manche 6:34 Biographen sehen in dieser Kindheit die Wurzel einer ungewöhnlichen Sensibilität, die Rökesdichtung später 6:41 kennzeichnen wird. Andere weisen daraufhin, dass die Mutter ihn zugleich mit großer Frömigkeit erzog, ihn in 6:48 katholische Kirchen führte, ihm vom Leiden der Heiligen erzählte und in ihm eine religiöse Empfänglichkeit weckte, 6:56 die ein ganzes Leben lang nachklingen sollte. Als der Junge Jahre alt war, trennten 7:02 sich die Eltern. Die Ehe war an den unterschiedlichen Erwartungen und der finanziellen Enge zerbrochen. Der Vater, 7:10 enttäuscht von seiner eigenen Karriere, fasste einen Entschluss, der für viele Jungen seiner Zeit gewöhnlich war, für 7:17 den feinfühligen Ren jedoch verheerend werden sollte. Er schickte den Sohn in die kaiserlich und königlich 7:25 Militärunteralschule in St. Pölten. Aus dem Kind in den Spitzenkleidern wurde ein Zökling in der 7:32 Uniform der österreichischen Armee. Aus der schützenden Mutterhand wurde der harte Drill von Offizieren, die wenig 7:40 Verständnis für träumerische kränkliche Knaben hatten. Rilke wird später diese Jahre als Fiebel des Entsetzens 7:48 bezeichnen, als das Buch, in dem er zum ersten Mal das Alphabet des menschlichen Leids erlernte. 7:56 In St. Pölten später in der Oberrealschule in Meerisch-Weißkirchen, lebte der schmächtige Junge in einer 8:02 Welt aus Befehlen, kaltem Wasser und brutaler Männlichkeit. Er war körperlich nicht den Aufgaben gewachsen, die ihm 8:10 gestellt wurden, und seine Sensibilität machte ihn zur Zielscheibe seiner Mitschüler. Doch in diesen einsamsten 8:18 Stunden begann etwas zu keimen, das später zum Wesen seines Lebens werden sollte. Heimlich unter der Decke beim 8:27 Schein einer Kerze begann der Junge zu schreiben: Verse, kleine Gedichte, fromme Sehnsuchtsbilder. 8:35 Die Dichtung wurde zur Festung, die niemand stürmen konnte. Sie wurde zum Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst 8:43 angezogen hatte, nur dass er es nun selbst aus seinem Inneren webte. Als der junge Mann mit fast 17 Jahren 8:52 aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärausbildung entlassen wurde, war er ein anderer geworden, zerbrechlich, 9:00 in sich gekehrt, von der Welt zugleich verletzt und ihr unausweichlich verbunden. 9:06 Er wusste in jenem Augenblick noch nicht, dass er ein Dichter werden würde, der eine ganze Epoche prägt. Er wusste 9:13 nur, dass er nicht so leben konnte wie andere. Und er trug bereits in sich, was Jahrzehnte später als Stimme aus dem 9:23 Sturm über der Adria zu ihm zurückkehren würde, die Fähigkeit, das Unhörbare zu hören und es in Worte zu fassen, vor 9:33 denen ein ganzes Jahrhundert verstummen sollte. In der kleinen Wohnung in der Prager 9:39 Heinrichgasse brennt eine Petroleumlampe. Es ist ein Abend im Frühjahr 1880. 9:46 Eine junge Mutter sitzt vor einem Spiegel und kämt sorgfältig die langen blonden Locken ihres Kindes. Sie nennt 9:53 es Sophie, manchmal Ismene, manchmal auch Klein René. Doch in dieser Stunde, in dieser sanften Beleuchtung ist es das 10:03 kleine Mädchen, dass sie sich gewünscht hat. Das Kind ist viereinhalb Jahre alt. Es trägt ein helles Spitzenkleid, dazu 10:11 hellblaue Bänder im Haar. Es schaut sich selbst im Spiegel an und versteht nicht, warum die Mutter weint, während sie 10:18 lächelt. Die Mutter hat vor diesem Kind eine Tochter geboren, ein Mädchen, das nach 10:24 nur einer Woche gestorben ist. Diese Tochter sollte Sophie heißen, und so trägt der kleine Ren nun nicht nur das 10:32 Kleid der toten Schwester, sondern auch ihren Namen, ihren Schatten, ihre stille Anwesenheit in einer trauernden Familie. 10:42 Sophie Rilke von allen FIA gerufen, stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Sie hatte sich von 10:49 ihrer Ehe mit Josef Rilke mehr erhofft, als die kleinbürgerliche Enge eines untergeordneten Eisenbahnbeamten ihr 10:57 bieten konnte. In Prag waren die sozialen Unterschiede der Jahrhundertwende streng geregelt. 11:05 Die deutschsprachige Familie Rilke gehörte einer Minderheit innerhalb der Stadt an. 11:11 einer Minderheit, die mit dem Habsburgischen Beamtenapparat verbunden war, aber von Ausstieg und Glanz nur 11:18 träumen konnte. Fia hatte Glanz gewollt. Sie liebte feine Stoffe, gute Manieren. Sie 11:26 verehrte das Adelige und das Katholische und sie litt unter der Mittelmäßigkeit ihres Daseins. 11:34 Ihr Sohn wurde zum Gefäß ihrer unerfüllten Sehnsichtte. Sie führte ihn in Kirchen, ließ ihn vor Marienaltären 11:42 knien, lehrte ihn Gebete und legte ihm zugleich eine Zärtlichkeit auf, die zu schwer war für ein einzelnes Kind. 11:52 Josef Rilke hingegen war ein Mann, der das Leben einmal anders geplant hatte. Eine schwache Stimme und gesundheitliche 12:00 Probleme hatten seinen Traum von der Offizierslaufbahn beendet. So saß er nun am Schreibtisch eines 12:07 kleinen Bahnhofsbür und schaute in das Gesicht eines Kindes, das ihm fremd erschien. Der Junge weinte zu leicht. Er 12:16 erschrag vor lauten Stimmen. Er hatte keine Freude an robusten Spielen. Josef verstand seinen Sohn nicht und er 12:23 glaubte fest, dass nur Disziplin diesen Jungen retten könnte. So entstand schon früh in der Wohnung 12:30 eine stumme Spannung zwischen Vater und Mutter, zwischen Härte und Zärtlichkeit, zwischen soldatischem und mütterlichem. 12:39 Mitten in dieser Spannung wuchs der kleine Ren heran. Die ersten Jahre verliefen in einem seltsamen Doppelraum. 12:46 Tagsüber spielte der Junge mit Puppen, abends durfte er manchmal kleine Soldaten aufstellen. Er trug Kleider, 12:53 manchmal aber auch Rosen. Er hörte Gebete und Märchen. Doch zugleich erzählte ihm der Vater Geschichten aus 13:00 der Armee. So wurde das Kind eine kleine in sich verschlossene Insel, auf der zwei Welten 13:07 zugleich existierten. Spätere Biografen werden in dieser Verdoppelung den Ursprung jener 13:13 seelischen Feinhörigkeit sehen, die Rilkes Dichtung später kennzeichnen wird. Andere widersprechen und betonen, 13:21 daß die Mutter den Jungen nicht gegen seinen Willen verkleidet habe, sondern dass es zu jener Zeit nicht unüblich 13:28 war, kleine Knaben bis zu einem gewissen Alter in Mädchenkleider zu stecken. Die Wahrheit liegt vermutlich in beiden 13:36 Erklärungen. Sicher ist, dass Ren früh ein Gefühl entwickelte, in keiner Welt ganz dazu zu gehören. 13:45 Im Jahr 1884 zerbrach die Ehe der Eltern. Fia zog mit dem Sohn fort, kehrte später zurück, 13:53 lebte getrennt. Alles geschah leise, ohne öffentlichen Skandal, denn die bürgerlichen Konventionen Prags duldeten 14:01 kein Aufsehen. Aber der Vater fasste nun einen Entschluss, der das Leben des Kindes für immer verändern sollte. 14:10 Er meldete den neunjährigen Ren in der Militärunterrealschule im niederösterreichischen St. Pölten an. 14:17 Dort sollte aus dem zarten Jungen ein tüchtiger Offizier werden. Was als väterliche Wohltat gedacht war, geriet 14:25 zur Katastrophe. St. Pölten lag weit weg von Prag in einer fremden Landschaft in einem kalten 14:33 strengen Gebäude mit hohen Mauern. Der junge Ren trug nun eine Uniform aus grobem Wollstoff, die ihn drückte. Er 14:41 stand früh auf, marschierte über Höfe, lernte Befehle anzunehmen, schlief im Schlafsaal mit vielen anderen Knaben, 14:49 die kräftiger, lauter und gröber waren als er. Wer aus den weichen Kleidern einer 14:55 Mutter in die rauen Reihen einer kaiserlich und königlich Erziehungsanstalt versetzt wird, 15:01 durchlebt mehr als nur einen Wechsel der Garderobe. Er erfährt einen vollständigen 15:07 Zusammenbruch seines bisherigen Selbstbildes. In diesen langen Schuljahren entstand 15:14 jene Verletzung, die Rilke noch im hohen Alter beschäftigen sollte. Die Mitschüler bemerkten seine Schwäche, 15:21 seine Bildung, seine fromme Sprache und sie verspotteten ihn. Die Lehrer behandelten ihn streng, denn 15:29 militärische Erziehung kannte keine milde gegenüber empfindlichen Naturen. Der Junge weinte heimlich, schrieb 15:36 Briefe an die Mutter, las in einer kleinen Bibel, die er versteckt hielt und versuchte sich durch fromme Vorsätze 15:43 und kleine Gebete in einem inneren Raum zu retten, der niemandem zugänglich war. Später wird er diese Zeit eine Fiebel 15:52 des Entsetzens nennen. Das erste Buch, in dem er das Alphabet des menschlichen Leids buschabieren lernte. Doch in genau 16:00 dieser Erstickungswelt geschah etwas, das niemand wahrnahm und das alles entscheiden sollte. Der Junge begann 16:08 Verse zu schreiben, heimlich bei Kerzenlicht unter der Decke. Reime über das Vaterland, über die Sehnsucht nach 16:17 der Mutter, über Frömigkeit und Tod. Es waren keine großen Gedichte, es waren tastende, unbeholfene Versuche eines 16:26 Kindes, das nicht anders konnte, als die Welt in Sprache zu verwandeln, weil die Welt selbst ihm nichts Tröstendes mehr 16:33 bot. Das Spitzenkleid, das die Mutter ihm einst übergezogen hatte, wob der Junge 16:40 nun aus seinem Inneren weiter als unsichtbares Gewebe, das ihn schützte. Mit 16 Jahren im Sommer 1892 16:50 wurde der junge Röke aus gesundheitlichen Gründen aus der Militärakademie in mehrere 16:55 Schweißkirchen entlassen. Sein Körper hatte nicht mehr mitgemacht, seine Lungen waren schwach, seine Nerven 17:02 zerrüttet. Doch in Wahrheit war er nicht nur kränker als andere, sondern auch reicher als andere. Reicher an innerem 17:11 Leben, an stillen Beobachtungen, an einer Empfindsamkeit, die ihm in den folgenden Jahren noch oft im Weg stehen 17:18 würde und ihn zugleich seine einzigartigen Werke ermöglichtee. Er kehrte nach Prag zurück, in eine 17:26 Stadt, die ihn nicht mehr kannte und in eine Familie, die ihn nie ganz verstanden hatte. 17:32 Eine kurze Zeit lang versuchte er es noch mit anderen Wegen einer Handelsakademie in Linz, später dem 17:39 privaten Vorbereitungsstudium für das Abitur, schließlich einem kurzen Studium der Literaturwissenschaft, der 17:46 Kunstgeschichte und der Philosophie an der Karl Ferdinand Universität in Prag und später in München. Doch in allem, 17:54 was er versuchte, klang bereits eine andere Stimme an. Aus dem Kind im Spitzenkleid, aus dem Schüler in der 18:01 Uniform, aus dem Studenten in der Universitätsbank trat allmählich der Dichter hervor, der die Sprache zu 18:09 seiner einzig wahren Heimat machen sollte. Was diese Verwandlung möglich machte, 18:15 das war kein Lehrer und keine Schule, sondern eine Begegnung, die alles in seinem Leben umstürzen würde. 18:23 Im Mai des Jahres 1897 öffnet sich in München eine Tür. Ein dünner, blasser, junger Mann von 21 18:32 Jahren mit hängendem Schnurrbart und melancholisch ernsten Augen betritt das Wohnzimmer eines befreundeten 18:39 Schriftstellers. Er heißt René Maria Rilke und hat in der Tasche bereits zwei kleine Lyrikbände, 18:47 die kaum jemand kennt. In der Sofaecke sitzt eine 36-jährige Frau. Sie hat dunkles, schweres Haar, eine breite 18:55 Stirn, einen ruhigen, durchdringenden Blick. Sie raucht eine Zigarette, lacht laut, spricht über Nietzsche, über 19:03 Russland, über Gott. Sie ist die berühmte Schriftstellerin Lou Andreas Salome, in Halbeuropa bekannt als die 19:12 Frau, die Friedrich Nietsche einen Heiratsantrag ausgeschlagen hat. Als sich ihre Augen begegnen, weiß keiner 19:19 von beiden, dass dieser Augenblick das Leben des jungen Dichters für immer wandeln wird. Lou Andreas Salome war in 19:27 St. Petersburg geboren in einer deutsch-baltischen Familie hohen Ranges. Sie hatte in Zürich studiert, war eine 19:35 der ersten Frauen ihrer Zeit, die eigenständig dachten, lebten und schrieben. Sie hatte mit Paul Re und 19:43 Friedrich Nietsche eine vielbesprochene Dreierfreundschaft geführt, hatte Bücher über Religion, Sexualität und 19:50 Psychologie veröffentlicht. Sie war verheiratet mit dem Orientalisten Friedrich Karl Andreas. 19:58 Doch diese Ehe war eine ungewöhnliche Vereinbarung, geschlossen unter der Bedingung, dass sie keine körperliche 20:06 Verbindung enthalte. Lou war 14 Jahre älter als der junge Mann, der nun mit ihr sprach. 20:13 Und doch entstand zwischen ihnen sofort eine Anziehung, die weit über das Gewöhnliche hinausging. 20:20 Was Lou in René sah, war ein Talent, das eingesperrt war. Er sprach zu hochtrabend, schrieb noch zu sehr in den 20:29 Manieren des späten 19. Jahrhunderts, neigte zu pathetischen Wendungen und zu einer fast krankhaften Empfindsamkeit. 20:38 Doch unter allem spürte sie etwas ungewöhnliches, eine Stimme, die noch nicht zu sich 20:44 gefunden hatte. Lou wurde innerhalb weniger Wochen seine Geliebte. Sie wurde aber auch seine Lehrerin, seine Mutter, 20:54 seine Schwester und seine strengste Kritikerin. Sie las jede seiner Zeilen. Sie 21:00 korrigierte sein Französisch, sie empfahl ihm Bücher, sie führte ihn in Kreise ein, in denen Schriftsteller, 21:08 Philosophen und Künstler verkehrten. Und sie sagte ihm eines Tages, mit jenem ruhigen, unwiderlegbaren Ton, der nur 21:17 ihr eigen war, dass er seinen Namen ändern müsse. Ren klinge zu zart, zu weich, zu mädchenhaft. 21:26 Ein deutscher Dichter müsse einen männlichen Namen tragen. So wurde aus Ren Reiner. Mit diesem 21:35 neuen Namen begann ein neuer Mensch. In den Sommermonaten zogen sie gemeinsam in ein einfaches Haus in Wolfratshausen in 21:43 Oberbayern. Sie lasen tolsto übten russisch, badeten im Fluss, lebten asketisch und doch in einer Atmosphäre 21:53 intellektueller Glut. L Friedrich Karl Andreas war in dieses ungewöhnliche Arrangement einbezogen. 22:02 Manchmal kam er zu Besuch, manchmal verharrte er in Berlin. Es war eine Konstellation, die nach den 22:10 bürgerlichen Maßstäben der Zeit unerhört war. Und doch trug sie für Rilke Früchte, die ein ganzes Werk 22:17 hindurchreifen sollten. Lou lehrte ihn nicht nur anders zu schreiben, sie lehrte ihn anders zu sein. Sie zeigte 22:25 ihm, dass der wahre Dichter nicht aus der literarischen Mode lebt, sondern aus der Tiefe seines eigenen Inneren. Sie 22:33 sagte ihm, dass er einmal etwas Großes hervorbringen werde, wenn er gelerne, geduldig zu sein. Und doch blieb in 22:42 diesem Verhältnis etwas Ungelöstes. Rilke liebte Lou mit der ganzen Heftigkeit eines jungen Mannes, der zum 22:49 ersten Mal die Macht einer reifen Frau erfährt. Lou liebte ihn anders. Sie liebte das 22:56 Talent in ihm, das Werden, das Mögliche. Sie liebte den künstlerischen Funken, doch sie ließ sich nie ganz binden. Dies 23:05 wird zum schmerzhaften Muster werden, dass ich in Rilkes Leben immer wieder wiederholen sollte. Er suchte in Frauen 23:13 die schöpferische Ergänzung, die Muse, die Lehrerin, die mütterliche Beschützerin und er fand stets Frauen, 23:21 die ihn nur zum Teil aufnehmen konnten. Eines wird man später als seine besondere Gabe und seinen besonderen 23:29 Schmerz erkennen, daß er die Frauen, mit denen er Beziehungen einging, beinah ausschließlich durch seine Verse, durch 23:36 seine Briefe, durch seine schöpferische Persönlichkeit für sich gewann. im Alltag aber für sie schwer zu leben war. 23:46 Im April 1900 reisten Rilke und Lou nach Russland. Es war ihre zweite Reise dorthin. Die erste hatte sie ein Jahr 23:55 zuvor durch Moskau und Petersburg geführt. Diese zweite Reise sollte die entscheidende werden. Sie fuhren mit der 24:03 Eisenbahn von Berlin nach Moskau, dann weiter nach Tula, wo sie Leo Tolstoy auf seinem Landgut Jasnaya Polana besuchten. 24:13 Der Greises Schriftsteller empfing gemischten Gefühlen. Er war nicht besonders interessiert an dem jungen 24:20 österreichischen Dichter, der ihm Ergeben gegenüber trat, und seine moralische Stränge widersprach Rökes 24:27 religiöser Schwärmerei. Tolstoy predigte eine Religion der praktischen Sittlichkeit, der einfachen 24:34 Bauernfrömigkeit, einer Wahrheit, die sich im Leben zu bewehren habe. Röke hingegen suchte 24:41 nicht Moral, sondern Mystik. Er suchte das geheimnisvolle Atmen Gottes hinter den Dingen, nicht Vorschriften und 24:49 Verbote. In Moskau begegnete er auch dem Maler Leonid Pasternack, der ein Portraät 24:56 Tolstous schuf. Im Hof des kleinen Hauses sprang ein Junge mit dunklen, lockigen Haaren umher. Er hieß Boris. 25:05 Niemand ahnte, daß dieser zehnjährige Knabe einmal selbst einer der größten Dichter Russlands werden und rökes Namen 25:13 mit der Innbrunst eines Lebenden, der einen Heiligen anruft, durch sein Werk tragen sollte. Auf einer russischen 25:20 Eisenbahnstation später im Sommer sah der Junge den Jungendichter Röke noch einmal, schwarz gekleidet mit einer 25:29 hohen schmalen Gestalt neben Lou. Dieser flüchtige Augenblick wird Boris Pastanack ein Leben lang nicht 25:36 loslassen. Was Russland für Rilke bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. Er sah hier das, 25:44 was er in Prag und in München vermisst hatte, eine selbstverständliche Fremmigkeit, einen tiefen Glauben des 25:52 Volkes, eine geheimnisvolle Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Gott. 25:58 Er sah die Ikonen in den Klöstern, hörte die orthodoxe Liturgie, beobachtete die Bauern auf den weiten Feldern. Er 26:07 glaubte hier, den unverdorbenen Quell des Lebens gefunden zu haben. Es war eine idealisierte Sicht, gewiss, eine 26:15 Sicht, die mehr mit den Sehnsüchten des Dichters als mit der harten russischen Wirklichkeit zu tun hatte. Doch sie 26:22 führte ihn zu seinem ersten großen Werk. Aus den russischen Eindrücken erwuchs das Stundenbuch, jener Gedichtszyklus, 26:31 in dem Rilke nicht über Gott schreibt, sondern mit Gott spricht. Du Nachbar Gott, wenn ich dich manches 26:39 Mal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, so wird er es formulieren in einer Sprache, die Gott nicht als ferne 26:48 Höhe, sondern als atmende Anwesenheit im Zimmer nebenan begreift. Er suchte nicht den fertigen Gott der 26:56 Kirchen. Er suchte einen Gott, der erst entstand, der noch wuchs, der seine Heimat im Inneren des Menschen hatte. 27:05 Das war der Schlüssel zu allem, was später in Duino aus dem Sturm zu ihn zurückkehren sollte. Die Überzeugung, 27:13 dass das Unsichtbare im Menschen wohnt und durch ihn in die Welt tritt. Im Künstlerkolonie Warbswede in der 27:21 weiten norddeutschen Moorlandschaft nördlich von Bremen brennt ein Spätsommerabend im Jahr 1900 über den 27:29 Birken. Junge Maler und Bildhauer haben sich hier zusammengefunden, weit weg von den 27:36 Akademien der Großstädte, weit weg von den festgefügten Konventionen der bürgerlichen Salons. Sie wollen anders 27:44 leben, anders sehen, anders schaffen. Unter ihnen befindet sich an diesem Abend ein neuer Gast, Reiner Maria 27:53 Rilke. Er ist gerade aus Russland zurückgekehrt. Sein Herz ist voller Eindrücke. Seine Verse fließen leichter 28:01 denn je. Beim gemeinsamen Vorlesen am Kamin trifft sein Blick auf eine junge Frau. Sie ist groß, ernst. Ihre Hände 28:11 sind kräftig wie die einer Handwerkerin. Sie heißt Klara Westhoff und ist Bildhauerin. Sie hat in Paris bei August 28:20 Rod selbst gearbeitet. Während Rilke spricht, sieht sie ihn an mit einem Blick, der weder schwärmt noch 28:28 zurückweicht, sondern prüfend wartet. Im April 1901 heirateten die beiden. Es war eine schnelle Entscheidung, getragen 28:38 von einer Mischung aus Liebe, Bewunderung und dem damals modischen Traum eines Lebens als zwei Künstler 28:45 unter einem Dach. Rilke, der eben noch von Lou Andreas Sanome getrennt worden war, glaubte in Kara Frau gefunden zu 28:54 haben, mit der er sein Werk und sein Dasein zugleich entfalten könnte. Schon im Dezember desselben Jahres wurde 29:02 ihre Tochter Rut geboren. Doch was als Utopie begann, geriet rasch unter den Druck der Wirklichkeit. Geld war keines 29:10 da. Die Atelierräume mussten geheizt, das Kind ernährt, die alltäglichen Pflichten erfüllt werden. Kara wollte 29:19 arbeiten, Rilke wollte arbeiten, niemand wollte den Haushalt führen. Die kleine Familie geriet binnen weniger Monate in 29:27 eine wirtschaftliche und seelische Eng, die dem feinfühligen Dichter unerträglich wurde. In dieser Bedrängnis 29:35 kam ein Angebot, das wie ein Rettungsanker wirkte. Ein Berliner Verlag wollte eine Monografie über den 29:42 großen Pariser Bildhauer August Rodin in Auftrag geben. Röke nahm an. Im August 1902 reiste er allein nach Paris in eine 29:53 fremde, riesige Stadt, in eine Sprache, die er nicht beherrschte, in ein Werk, dessen Tiefe er erst nach und nach 30:01 begreifen sollte. Klara blieb mit der kleinen Tochter zurück. Röke wollte sich ihr nach sobald er Fuß gefaßt hätte. 30:10 Doch so einfach würde es nicht werden. Was als Auftragsarbeit für eine kleine Monografie begann, sollte zur 30:18 wichtigsten künstlerischen Lehrzeit seines Lebens werden. August Rod war zur Zeit ihrer ersten 30:25 Begegnung 61 Jahre alt. Ein berühmter, oft umstrittener Künstler, dessen Skulpturen wie zerklüftete Berge in den 30:34 Pariser Ateliers standen. Rilke kam in das Atelier in der Rüdelität 30:41 als demütiger Schüler, fast als Pilger. Roder empfing ihn freundlich, aber zurückhaltend. Er verstand nicht ganz, 30:50 was dieser zarte junge Dichter von ihm wollte. Erst nach und nach wurde aus der höflichen Begegnung eine echte 30:58 Beziehung. Rodan nahm Rke zeitweilig sogar als Sekretär in seine Dienste, gab ihm eine Wohnung im Garten seines Hauses 31:06 in Mödon, ließ ihn teilhaben am täglichen Werden der Skulpturen. Was Rilke in diesen Pariser Monaten 31:13 lernte, lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Arbeit. 31:19 Rödder hatte für die romantischen Vorstellungen vom inspirierten Künstler, der auf den Blitz der Eingebung wartet, 31:26 nur ein gleichgültiges Achselzucken übrig. Man arbeite, sagte er, man arbeitet täglich mit den Händen, mit den 31:35 Augen, ohne Unterbrechung. Inspiration sei eine Erfindung der Faulen. Wer wahrhaft schaffen wolle, 31:43 müsseß sehen lernen. Immer wieder, immer genauer, immer geduldiger. Dieser Satz traf Rilke wie ein 31:50 Hammerschlag. Er hatte sein Leben lang auf das Geheimnis der Eingebung gewartet, auf die mystische Stunde, in 31:58 der die Verse von selbst kä. Nun lernte er, dass das Sehen selbst zu einem Handwerk werden müsse. In den 32:06 Pariser Tagen begann Rilke jeden Morgen in den botanischen Garten zu gehen, den Jordin Plant und Tiere zu betrachten. Er 32:16 stand stundenlang vor den Käfigen, sah zu, wie eine schwarze Pantherin auf und abschritt. Er beobachtete die Eleganz 32:24 und die Verzweiflung dieses Tieres, das im engen Käfig kreisenstäben, die für sie zur einzigen Wirklichkeit 32:32 geworden waren. Eines Tages in einem Zimmer in der Rü Toulier schrieb er die Verse nieder, die zu seinem berühmtesten 32:41 Gedicht werden sollten. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müh geworden, dass er nichts 32:49 mehr hält. ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. 32:59 Es ist nicht nur ein Gedicht über eine Pantherin in einem Käfig, es ist ein Gedicht über jede Seele, die hinter 33:06 unsichtbaren Stäben kreist, über die menschliche Verfangenheit in den eigenen Mustern und Verzweiflungen. 33:14 Das, was Rilke nun schreiben wird, hat einen neuen Klang. Es ist nicht mehr die schwärmerische, 33:21 fließende Innerlichkeit des Stundenbuches. Es ist eine Sprache, die einen 33:27 Gegenstand fasst, ihn dreht, ihn von allen Seiten betrachtet, bis er aus eigener Kraft zu sprechen beginnt. Rilke 33:36 nannte diese neue Art zu schreiben das Ding, das Gedicht der Dinge. Der schrieb über einen Brunnen, über eine römische 33:46 Fontäne, über einen flämischen Marktplatz, über alte Statuen, über Karussells, über Schwäne. Er schrieb 33:55 das, was er sah, mit einer Schärfe, die in der deutschen Lyrik bis dahin selten war. Die zwei Bände der neuen Gedichte 34:04 erschienen 1907 und 1908 sind das Hauptergebnis dieser Lehrzeit. In ihnen findet sich auch jenes so nett, daß 34:13 viele für Rilkes größtes Gedicht halten, der archaische Tauso Apollos. Es schildert die Begegnung mit einer 34:21 antiken Marmorstatue, deren Kopf und Glieder verloren gegangen sind. Was bleibt, ist nur der Rumpf. Und doch 34:30 glüht dieser Rumpf, sagt Röke, von innen heraus wie eine Lampe. Aus jeder Stelle der versteinerten Haut spricht etwas, 34:39 das den Betrachter durchdringt. Das Gedicht endet mit einem Satz, der seither in unzählige Sprachen übersetzt 34:47 und zu den am häufigsten zitierten Schlusszeilen der Weltliteratur geworden ist. Du musst dein Leben ändern. 34:55 In Paris lernte Röke nicht nur Rodar kennen, er trat auch ein in die Welt der modernen Malerei. Die Bilder Paul Sesan, 35:03 die er erstmals in den Pariser Galerien sah, erschütterten ihn. Sesans geduldige, fast religiöse Hingabe an 35:11 Apfelschale, an Landschaft, an einen Berg, traf seine eigene neue Sehensweise. 35:18 In Briefen an Kara, die zu den schönsten Zeugnissen der modernen Kunstbetrachtung gehören, beschrieb Röke, was er in den 35:25 Bildern dieses verstorbenen Provinzialen erkannte. Ein Sehen ohne Sentimentalität, 35:31 ein Schaffen ohne Eitelkeit, ein Hinwenden zur Sache selbst. Ich lerne sehen", schrieb er Kara. "Ich weiß 35:40 nicht, woran es liegt. Es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es 35:47 sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wuste. Alles geht jetzt dorthin. Aus dieser tiefen 35:56 Wandlung erwuchsen also nicht nur die neuen Gedichte, sondern auch die Vorbereitung jenes inneren Bodens, auf 36:03 dem viele Jahre später die Duineserlegien wachsen sollten. Und doch hatte all dieses Lernen einen 36:11 hohen Preis. Die Beziehung zu Kara entfernte sich. Die kleine Tochter Rut wuchs ohne den Vater auf. meist bei den 36:19 Großeltern auf dem Land. Rilke konnte und wollte kein Familienmensch sein. Er war zerrissen zwischen dem Wunsch, ein 36:28 guter Vater und Ehemann zu sein und der Gewissheit, dass nur die Einsamkeit ihn zum Dichter machte. Die Ehe wurde nicht 36:36 offiziell geschieden, aber sie wurde stillschweigend gelöst. Kara und Reiner blieben einander durch 36:43 Briefe verbunden, durch eine zarte Achtung, durch die gemeinsame Erinnerung an die Tochter. Im übrigen führten sie 36:51 getrennte Leben und Rilke, der in Rodin den Lehrer des Sehens gefunden hatte, blieb in mancher Hinsicht doch jener 36:59 verletzliche Junge, der einmal in einem Spitzenkleid vor dem Spiegel gestanden hatte, nur dass er nun statt im Spiegel 37:07 in den Dingen der Welt sich selbst entdeckte. Der Satz, mit dem der Torso Apollo 37:13 endet, galt von nun an auch für ihn selbst. Er hatte sein Leben geändert und er würde es noch viele Male ändern 37:21 müssen. Es ist ein nasskalter Herbsttag des Jahres 1910. 37:27 In einer engen Pariser Gasse stockt ein Mensch im Vorübergehen. Er ist hochgewachsen in einen dunklen Mantel 37:34 gehüllt und auf seinem schmalen Gesicht steht ein Ausdruck, der zwischen Entsetzen und Faszination schwankt. 37:42 Vor ihm, auf dem schmutzigen Pflaster ist ein Mann zusammengebrochen. Passanten rotten sich zusammen, ein Hund 37:50 bellt, ein Pferd und aus den umliegenden Häusern dringt der Geruch einer Stadt, die nie schläft. Es riecht, so wird er 37:58 es später aufschreiben, nach Jodoform, nach dem Fett gebratener Kartoffeln und nach Angst. 38:07 Reiner Maria Rilke wendet sich ab, doch der Anblick hat sich bereits in ihn eingebrannt. Er geht in seine winzige 38:13 Mietkammer in der Rüde Waren zurück, setzt sich an den Tisch, nimmt ein neues Heft und beginnt zu schreiben. 38:21 So entstehen die ersten Aufzeichnungen jenes Buches, das später unter dem Titel die Aufzeichnungen des Malte Lauritz 38:29 Brigge erscheinen soll. Paris hatte ihn beim ersten Mal im Jahr 192 mit der Wucht eines Schocks 38:37 getroffen. Nun, bei seinem mehrfachen Wiederkommen war die Stadt selbst eine andere geworden. Die große Belepock 38:45 stand auf ihrem Höhepunkt. Die ersten Metrolinien durchzogen den Untergrund. Neue Boulevards rissen alte Viertel auf. 38:54 Fast 3 Millionen Menschen drängten sich auf engstem Raum. Lichter brannten in den Cafés bis zum Morgen. 39:02 Doch unter dieser glänzenden Oberfläche herrschte ein Elend, von dem die feinen Bürgerwohnungen kaum etwas wussten. In 39:10 den armen Vierteln starben Menschen an Tuberkulose, an Hunger, an dem Eintönigen einer Welt, die sie übersehen 39:18 hatte. Krankenhäuser waren überfüllt, in den Hospizen lagen sterbende in langen Reihen und auf den Straßen begegnete dem 39:26 aufmerksamen Auge das volle Spektrum menschlicher Not. Rilke, der überempfindliche Mann aus 39:34 Prag, dessen Nerven schon auf das Klappern eines Fensterladens zitterten, war wie eine offene Wunde, durch die 39:41 diese Stadt in ihn einzog. Er fühlte ihre Geräusche körperlich. Er fühlte ihre Krankheiten beinahe wie eigene 39:49 Symptome. Wenn er an einem Kinderwagen vorüberging, in dem blasses, geschwollenes Kind lag, schien ihm die 39:57 ganze Welt zu kippen. Wenn er einen alten Mann auf einer Parkbank entdeckte, dessen Augen schon nicht mehr in dieser 40:04 Welt zu sein schienen, blieb er stehen und betrachtete ihn, bis er selbst das Gefühl hatte, mit jenem zugleich zu 40:12 sterben. Die Großstadt wurde für ihn zur Prüfung, zu einem Spiegel, indem er nicht nur das 40:18 Elend der anderen, sondern auch seine eigenen tiefsten Ängste erkennen musste. Es waren die Ängste eines Mannes, der 40:26 die Kindheit ohne Sicherheit, ohne Schutz, ohne väterlichen Halt durchlebt hatte und nun in der Anonymität der 40:34 Großstadt erneut jenes Gefühl der Heimatlosigkeit empfand. In dieser Bedrängnis griff Rilke zu dem 40:42 Mittel, das ihm immer geholfen hatte. Er schrieb, aber was er nun schrieb, war nicht mehr lyrisch geordnete Empfindung. 40:50 Es war prosa, brüchig, tastend, manchmal halbtraumhaft, manchmal von einer kalten Schärfe, die an klinische Berichte 40:59 erinnerte. Er schrieb in der Maske eines fiktiven jungen Dänen mit dem Namen Malte Lauritz Brigge, eines verarmten 41:07 Adeligen, der allein in Paris lebt und dem Verfall, dem Sterben der Erinnerung ausgeliefert ist. In diesem Buch verband 41:16 Rilke alles, was er bis dahin durchlitten hatte. Das Gefühl der Verlassenheit aus den Tagen der 41:21 Militärschule, das Sehen, das er bei Rodin gelernt hatte, die Frömmigkeit aus dem russischen Stundenbuch, die Schärfe 41:29 der Beobachtung aus den Dingedichten. Es entstand ein Werk, das man heute zu den frühesten großen Romanen der 41:36 literarischen Moderne in deutscher Sprache zählt. Ein Buch ohne klare Handlung, ohne abgeschlossene Erzählung, 41:45 getragen von einzelnen Szenen, Erinnerungen, Reflektionen, die wie Splitter einer zerbrochenen Welt 41:52 nebeneinander liegen. Im Inneren des Dichters ging etwas vor, dass er selbst kaum benennen konnte. Es war, als hätte 42:00 ihn die Stadt entkleidet, als hätte sie ihm Schicht um Schicht jene Verkleidungen abgenommen, in denen er 42:07 sich bislang gegen die Welt geschützt hatte. Er hatte einst geglaubt, durch fromme 42:13 Verse einen Schutzraum bauen zu können. Er hatte einst geglaubt, durch das genaue sehen ein neues Heim in den 42:20 Dingen zu finden. Nun aber zeigte sich, dass dieses neue Heim brüchig war, dass es ihn nicht vor dem Anblick einer 42:28 sterbenden Stadt bewahren konnte. Er fühlte sich, wie er später an einen Freund schrieb, als sei er innerlich 42:36 ausgenommen, als sei er ein Gefäß, in das die Wirklichkeit ungebremst hineinströme. 42:43 Manche Biographen sehen in diesen Pariser Jahren den Beginn jener seelischen Erschöpfung, die ihn ein 42:49 ganzes Jahrzehnt lang begleiten sollte. Andere betonen, daß gerade diese radikale Öffnung gegenüber dem Leiden 42:57 der Welt eine notwendige Vorbereitung war für das, was Rilke später als das Wesentliche seines Werks bezeichnete. 43:06 Im Mai des Jahres 1910 erschien der Malte Lauritz Brigge in Leipzig im Inselverlag. Die Aufnahme war 43:14 zwiespältig. Manche Kritiker erkannten sofort die ungewöhnliche Tiefe und Modernität des Buches. Andere fanden es 43:22 düster, formlos, beinahe krank. Rilke selbst empfandung dieses Werks eine Lehre, die ihn beinah zerbrach. 43:32 Es war, als hätte er alles, was er zu sagen hatte, gesagt. Er konnte nichts mehr schreiben. Wochenlang lag er stumm 43:40 in seinem Zimmer, die Feder unberührt. Er reiste nach Italien, nach Nordafrika, nach Ägypten. Doch wohin er auch ging, 43:49 der innere Stillstand blieb. Es begann jene große Krise, die ihn die nächsten Jahre nicht mehr loslassen sollte. 43:57 Die Pariser Erfahrung hatte ihn gelehrt, was es heißt, die Welt mit den Augen eines wahren Künstlers zu betrachten. 44:05 Sie hatte ihn aber auch gelehrt, dass der Preis dieses Sehens hoch ist. Wer den Malte Lauritz Brigge gelesen 44:12 hat, der versteht, dass dieses Buch nicht nur die Geschichte eines fiktiven jungen Dänen ist. Es ist die geheime 44:19 Autobiographie eines Mannes, der in der modernen Großstadt nach einem neuen Begriff vom Leben suchte und dabei 44:26 beinah den Halt unter den Füßen verlor. Das letzte Wort des Buches, das Wort vom verlorenen Sohn, der nicht zurückkehren 44:35 will, weil er nicht geliebt werden möchte, sondern lieben. Dieses Wort enthält bereits die Saat dessen, was 44:42 Rilke später als das Hauptthema seiner reifendichtung ausarbeiten sollte. Doch in diesem Augenblick in der grauen 44:50 Pariser Wirklichkeit fühlte sich der Dichter wie ein Mensch, der von einer langen Krankheit aufsteht und nicht 44:57 weiß, ob er wieder gehen lernen wird. Was als nächstes geschah, hätte niemand ahnen können. Es bedurfte einer Frau von 45:05 außerordentlichem Vermögen, eines alten Schlosses am Meer und eines Wintersturms, um den verstummten Dichter 45:13 wieder zu entfesseln. Im April des Jahres 1911, an einem milden Frühlingsabend, hält eine elegante 45:21 Kutsche vor dem Tor eines weitläufigen alten Schlosses an der Adriaküste, nicht weit von Triest entfernt. Aus der 45:30 Kutsche steigt eine kleine lebhafte Frau in einem geschmackvollen Reisekleid. Sie wendet sich zurück und reicht einem 45:37 dünnen, blassen Mann die Hand, der ihr folgt. Es ist Reiner Maria Rilke, 36 Jahre alt, geschwächt von den Pariser 45:47 Monaten, mit dunklen Schatten unter den Augen. Die Frau heißt Marie von Turn und Taxis hohen Lohe und gehört zu den 45:56 reichsten Aristokratinnen Österreichs. Sie ist 55 Jahre alt, hochgebildet, sprachbegabt, mit einem feinen Sinn für 46:05 Literatur und einer großzügigen Liebe zu den Dichtern ihrer Zeit. Sie hat Riles Verse seit Jahren gelesen und ihn nun 46:14 eingeladen, in ihrem Schloss Duino so lange zu bleiben, wie er wolle. Sie hat von ihm gehört, daß er in einer 46:22 schweren Schaffenskrise stecke. Sie hofft, dass die Stille und die Schönheit dieses Ortes ihn entfesseln werden. 46:31 Schloss Duino liegt auf einem schroffen Felsen, der unmittelbar in die Adria hineinragt. Unter den Mauern brechen die 46:38 Wellen an einer steilen Küste. Manche Türme sind alt, andere bereits aus dem 17. Jahrhundert. 46:46 Im Inneren des Schlosses herrscht eine Atmosphäre, in der sich Eleganz und Geheimnis mischen. Es gibt Salons mit 46:53 alten Gemälden, eine Bibliothek mit tausenden von Bänden, Korridore, in denen das Meer fast hörbar gegen die 47:01 Steine schlägt. Rilke ist überwältigt. Er erhält ein eigenes Zimmer mit Blick auf die See. Marie von Ton und Taxis, 47:10 die er bald in seinen Briefen schlicht, die Fürstin nennen wird, gibt ihm vollkommene Freiheit. Er kann arbeiten, 47:17 wann er will, schweigen, wann er will, an den Mahlzeiten teilnehmen oder ihn ferniben. 47:23 Es ist genau jene Form großzügiger Beschützung, von der ein Dichter wie Rilke nur träumen konnte. Doch das Glück 47:31 eines äußerlich vollkommenen Ortes übersetzt sich nicht von selbst in Inspiration. 47:38 Wochen vergehen, dann Monate. Rilke wandert die Klippen entlang, beobachtet die Möwen, sammelt Steine, schreibt 47:46 Briefe, doch die großen Verse, auf die er wartet, kommen nicht. Im Herbst 1911 verlassen die Fürstin und 47:54 ihre Familie das Schloss, um den Winter in Wien zu verbringen. Sie bietet Rilke an, in Duino zu bleiben, ganz allein mit 48:02 dem alten Verwalter und einer kleinen Dienerschaft. Brilke nimmt das Angebot an. Er hofft, 48:09 dass die völlige Einsamkeit ihn das geben wird, was die Anwesenheit der Gastgeber ihm nicht zu geben vermochte. 48:16 Der Winter zieht ein, die See wird grau, die Felsen werden glatt vom Regen und in den langen Galerien des Schlosses 48:24 brennen nur wenige Lampen. Es ist der 21. Januar 1912. Am Morgen erreicht Rilke jener Brief 48:32 seines Pariser Anwalts, der die Scheidungssache mit Kara behandelt. Die juristischen Schwierigkeiten sind groß. 48:40 Es ist nicht klar, wie die Tochter Rut in dieser Lage versorgt werden soll. Rilke fühlt sich gleichzeitig schuldig 48:48 und gefangen. Er steht auf, zieht den Mantel an, nimmt einen Spazierstock und geht hinaus. Der Wind ist stark, die See 48:57 tobt unter ihm. Er klettert über die schmalen Wege an den Klippen entlang, lehnt sich an einen Felsen und schaut 49:04 hinunter ins Wasser. Da geschieht es. Aus dem Tosen des Windes scheint sich eine Stimme zu 49:12 lösen. Rilke wird später beschreiben, er habe deutlich Worte gehört, ganze Verse, fast wie ein Diktat aus einer anderen 49:21 Welt. Er zieht ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt die erste Zeile auf. Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn 49:31 aus der Engelordnungen. Im Schloss zurück arbeitet er die ganze Nacht. Bis zum Morgen ist die erste 49:40 Duineser Elgie niedergeschrieben. In den folgenden Tagen entstehen Teile der zweiten Elgie. 49:47 Was hier geschah, läßt sich auf mehr als nur eine Weise deuten. Die Fürstin, die seit Jahren 49:55 spiritistische Sitzungen organisierte und mit ihrem Dichter zu Weilen den Versuch unternahm, mit der jenseitigen 50:02 Welt in Kontakt zu treten, glaubte fest an die mystische Eingebung dieser Stunden. Rilke selbst hat das Ereignis 50:10 stets mit einer gewissen Scheu beschrieben, als sei es ihm eher wiederfahren als von ihm geleistet 50:17 worden. Manche Biographen sehen darin ein echtes mystisches Erlebnis. Andere weisen darauf hin, daß die Verse 50:25 Resultat einer jahrelangen inneren Vorbereitung gewesen sein und in einem Augenblick der Erschütterung lediglich 50:33 zutage getreten sein. Wie auch immer man es nennt, der Beginn der Duineser Elgien ist eine der eigenartigsten und 50:42 folgenreichsten Stunden der modernen deutschen Dichtung. Doch das Schloss am Meer war nicht das 50:48 vollständige Ende der Krise. Nach jenen ersten beiden Elien versagte die Eingebung wieder. Rüke konnte nicht 50:56 weiter. Die Hoffnung in Duino, ein großes zusammenhängendes Werk vollenden zu 51:03 können, zerbrach an der inneren Erschöpfung. Im Frühjahr 1912 reiste er nach Venedig, dann nach Spanien. Er 51:12 besuchte Toledo, die alte Bischofsstadt, sah die Gemälde des Elgreco, jene langen, schmalen heiligen Figuren, die 51:21 wie von einem überirdischen Wind gezogen erscheinen. Er reiste weiter nach Ronda in Andalusien, lebte dort in einem Hotel 51:30 hoch über einer Schlucht, schrieb wieder einige Verse, vorwiegend die sechste Elie und Teile der Zehnten. Doch immer 51:39 dasselbe Muster wiederholte sich. Eine kurze Hochstimmung, ein paar gelungene Zeilen, dann das Schweigen. Innerlich 51:47 lebte Rilke in diesen Jahren zwischen großer Hoffnung und tiefer Mutlosigkeit. Er wusste, dass die Elien sein 51:56 eigentliches Werk werden sollten, das alle früheren Bücher überragen würde. Er wusste auch, dass er nicht das Recht 52:03 hatte, dieses Werk aufzugeben. Doch er wusste nicht, wie und wo er es vollenden sollte. Er reiste, er suchte, er klagte 52:13 in Briefen an die Fürstin, an Lou Andreas Salome, an seinen Verleger Anton Kippenberg. 52:20 Manchmal glaubte er, ein anderer Ort würde die Lösung bringen. Manchmal versuchte er es mit asketischer Stränge, 52:28 mit Vegetarismus, mit Verzicht auf alles Bequeme. Manchmal stürzte er sich wieder in Liebesbeziehungen mit Frauen, die er 52:37 kurz bewunderte und dann ebenso schnell wieder verließ. Was ihn in dieser Zeit innerlich 52:43 rettete, war ein Gedanke, der sich aus der ersten Elie selbst herausgeschält hatte. 52:50 Das Leben, sagte Rilke, sei nicht so sehr ein Geschehen, das man ergreifen müsß, als ein Reifen, das man geschehen 52:58 lassen müsse. Wie eine Frucht braucht ein Werk seine Zeit, um zu reifen. Wer ihm Gewalt antut, verdirbt es. Diese 53:08 Einsicht, so einfach sie klingen mag, war für einen Mann, der seit Jahren unter der Pflicht zur Vollendung l, eine 53:16 Art Befreiung. Sie sollte ihm helfen, das nun folgende Jahrzehnt zu überstehen. Ein Jahrzehnt, in dem die 53:23 Geschichte selbst alles erschüttern würde, was er für gegeben gehalten hatte. Denn während der Dichter noch 53:30 immer auf den nächsten Schub der Inspiration wartete, zogen über Europa Wolken zusammen, vor denen er 53:37 nirgendwohin würde fliehen können. Es ist der Sommer des Jahres 1914. Reiner Maria Rilke befindet sich in 53:45 München im Hause eines befreundeten Verlegers. Es ist heiß. In den Cafés diskutieren die Männer mit erhobenen 53:53 Stimmen. An den Litferssäulen kleben neue Plakate. Am Ende des Juli sitzt Röke am 54:00 Frühstückstisch und hält eine Zeitung in den Händen, deren Schlagzeilen er kaum zu glauben vermag. Das Kaiserreich 54:08 Österreich-Ungarn hat dem Königreich Serbien den Krieg erklärt. Wenige Tage später wird Deutschland an der Seite 54:16 Österreichs in den Krieg eintreten. Russland mobilisiert, Frankreich folgt, England schließt sich an. Innerhalb 54:24 weniger Tage verwandelt sich der Kontinent in ein riesiges Schlachtfeld. Rilke, der gewohnt war, Europa als 54:31 einziges großes Haus zu betrachten, in dem ein Dichter zwischen Paris, Wien, Petersburg und Florenz frei wandern 54:39 konnte, sieht binnen Stunden alle Türen dieses Hauses zuschlagen. Anfangs, wie viele Schriftsteller seiner 54:48 Generation, wird auch Rilke von einer kurzen, beinah rauschaften Begeisterung erfasst. Er glaubt für einen Moment, daß 54:56 der Krieg die alte, müde, dekadente Welt reinigen könnte, dass aus dem Sturm eine neue gemeinschaftliche Wirklichkeit 55:05 hervorgehen würde. In wenigen Tagen schreibt er die sogenannten fünf Gesänge, eine kleine Folge feierlich 55:12 gestimmter Verse, in denen er ein Aufstehendes Kriegs Gottes besingt. sind keine marzialischen beutehungrigen 55:21 Zeilen, doch sie sprechen vom Krieg in einer pathetischen Hoheit, von der er sich später deutlich distanzieren wird. 55:29 Schon wenige Wochen später, als die ersten verwundeten Transporte zurückkehren, als die Listen der 55:36 Gefallenen anschwellen, schweigt er. Er widerruft seine ersten Gesänge nicht öffentlich, aber er weigert sich von nun 55:44 an einziges Wort zum Lobe des Krieges zu schreiben. Er ist erschüttert und seine Erschütterung wächst mit jedem Monat des 55:54 Schlachtens. Die Lage des Dichters in diesen Kriegsjahren ist eigenartig zerrissen. 56:00 Geographisch sitzt er in München fest. Seine Wohnung und ein großer Teil seiner Bibliothek befinden sich in Paris. in 56:09 jener Stadt, die nun Feindesland geworden ist. Eines Tages im Spätsommer 1914 56:16 erfährt er, dass seine Pariser Harbseligkeiten beschlagnahmt und versteigert worden sind. Tausende von 56:23 Büchern, Manuskripten, persönliche Briefe, sorgfältig zusammengetragene Notizen. All dies geht für immer 56:31 verloren oder zerstreut sich in alle Winde. Es ist ein Verlust, der einen Mann wie Rilke ins Herz trifft. Seine 56:40 inneren Räume waren stets aufs Ängste mit seinen Büchern, mit den vertrauten Gegenständen seiner Schreibtische 56:47 verbunden. Der Krieg hat ihm nicht nur Europa entzogen, er hat ihm auch das eigene 56:53 Atelier weggenommen. Im Januar 1916 erreicht ihn die Einberufung. Rilke ist 57:01 nun 41 Jahre alt, körperlich schwach, mit angegriffenen Nerven, ohne jede militärische Ereignung. Trotzdem wird er 57:10 nach Wien zur Stellung gerufen. Die Wochen der Grundausbildung in einer Kaserne der Reichshauptstadt werden zur 57:17 Hölle für ihn. Er, der seine Kindheit in der kaiserlich und königlich Militärschule überlebt hatte, sieht sich 57:24 nun erneut in eine Uniform gezwungen, sieht sich erneut den Kommandostimmen ausgeliefert, marschiert mit anderen 57:32 Männern über staubige Plätze. Befreundete Schriftsteller und einflussreiche Gönner setzen sich für 57:39 ihn ein mit Erfolg. Nach kurzer Zeit wird er in das Kriegsarchiv im Wiener Stiftgasse versetzt, wo Berichte von der 57:48 Front gesammelt, geordnet und stilistisch geglättet werden. Rilkes Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, 57:56 militärische Texte zu redigieren und in eine vorzeigbare Form zu bringen. Er, der Dichter, der das genaue Wort suchte, 58:05 wie ein Bildhauer den richtigen Hammerschlag, sitzt nun in einem Büroraum und korrigiert verlogene 58:12 Kriegsmeldungen. Im Inneren dieses Mannes geht in diesen Monaten etwas Schwerwiegendes vor. Wer 58:20 das Töten von Hunderttausenden täglich mit der Hand niederschreibt, der verliert das Vertrauen in die Sprache 58:27 selbst. Rilke, der einst in der einen klaren Linie eines guten Verses ein moralisches 58:35 Ereignis sah, beobachtet nun, wie die Sprache zum Werkzeug der Verdrehung wird. Er schreibt in einem Brief an 58:43 einen Freund, er sei innerlich vollkommen unterdrückt. Kein Wort komme mehr in ihm auf. Sein eigenes Inneres 58:52 sei ihm so unzugänglich, daß er nicht wüßse, ob schwere Bewegung darin sei oder überhaupt nur schwere. 59:00 Im Juni 1916 wird er endgültig aus dem Dienst entlassen. Doch der Mensch, der die Wiener Kaserne verlässt, ist ein 59:09 anderer als der, der sie betreten hat. Etwas ist in ihm zerbrochen, das nicht so schnell wieder zusammenwachsen würde. 59:18 In den folgenden Kriegsjahren lebt Rilke wieder in München an wechselnden Adressen, abhängig von der Gunst einiger 59:26 Freunde, die ihn beherbergen. Er ist ein Heimatloser. Er schreibt fast nichts. Manchmal 59:33 Notizen, manchmal kurze Briefe, manchmal Anfänge, die in der Schublade liegen bleiben. 59:40 Die Welt um ihn herum verändert sich mit jedem Monat. Im November 1918 brechen die Mittelmächte zusammen. Der 59:49 Kaiser dankt ab. Österreich-Ungarn löst sich auf. Das alte Reich der Habsburger zerfällt in eine Reihe kleinerer 59:58 Staaten. Prag, die Stadt seiner Kindheit, wird zur Hauptstadt der neugegründeten Tschechoslowakei. 1:00:06 Rilke ist mit einemm nicht mehr Bürger eines existierenden Landes. Er ist zwar deutschsprachig, aber kein Deutscher. Er 1:00:14 ist gebürtiger Prager, doch im neuen Staat ist seine Stellung unklar. Er hat keinen festen Wohnsitz, keinen Pass, der 1:00:23 ihm überall die Tür öffnet, keine Bürgerrechte, auf die er sich verlassen könnte. Diese äußere Heimatlosigkeit 1:00:32 entspricht seiner inneren Verfassung. Rilke hat in den Kriegsjahren erkannt, dass die alte Welt, in der er sich als 1:00:39 europäischer Dichter verstanden hatte, unwiderruflich zerstört worden ist. Es gibt kein Zurück zu den großen Salons 1:00:47 der Vorkriegszeit, zu den literarischen Cafés von Paris, zu den langen Reisen mit dem Schlafwagen quer durch den 1:00:55 Kontinent. Das Bürgertum, dessen lautlose Geldsendungen ihm einst sein Leben als 1:01:01 freier Schriftsteller ermöglicht hatten, ist verarmt. Inflation, politische Wirren, Hunger in den Städten. Europa 1:01:10 gleicht einem geschlagenen Tier, das sich seine Wunden leckt. Röke versteht, dass jede Dichtung, die nach diesem 1:01:17 Krieg geschrieben werden soll, eine andere sein muss, als die vor 1914. Im Sommer 1919 ergreift Röke die 1:01:26 Gelegenheit in die neutrale Schweiz zu reisen. Eine Vortragseinladung dient als Vorwand. Was als kurzer Aufenthalt 1:01:34 geplant ist, wird zur endgültigen Übersiedlung. Er kehrt nicht mehr nach Deutschland zurück, kehrt nicht mehr ins 1:01:41 zerfallene Österreich zurück. Die Schweiz von der Kriegszerstörung unberührt mit ihren ruhigen Tälern, 1:01:49 ihren stillen Sehen, ihrem gepflegten kulturellen Leben wird zur letzten Bühne seines Lebens. Er reist durch das Land, 1:01:58 hält Lesungen, sucht ein Refugium. Was er eigentlich sucht, ist nicht nur ein Wohnsitz, sondern ein Ort, an dem die 1:02:06 Welt wieder so still wird, dass das innere Werk wieder vernehmbar wird. Und tatsächlich beginnt in diesen Schweizer 1:02:14 Jahren etwas zu reifen, dass niemand am wenigsten Röke selbst für möglich gehalten hätte. Das jahrelange 1:02:21 Schweigen, die Erschütterungen des Krieges, der Verlust der alten Welt, all dies hatte nicht nur zerstört, sondern 1:02:29 auch verdichtet. Tief unter der Oberfläche seiner Erschöpfung sammelte sich Material, das nur noch eines Ortes 1:02:38 und einer Stunde bedürfte, um aufzubrechen. Dieser Ort wartete bereits ein einsamer 1:02:45 Turm in einer abgelegenen Gegend des Wallis und die Stunde sollte näher sein, als der Dichter es selbst zu hoffen 1:02:52 wagte. Es ist eine sternklare Nacht im Februar des Jahres 1922. 1:03:00 In einem alten steinernen Turm im Walles, hoch über dem schmalen Tal des Rotten, brennt eine einzige Kerze. Über 1:03:08 die schmale Wendeltreppe rennt ein Mann hinauf mit fliegenden Schritten, das Hemd halb offen, den Federhalter in der 1:03:15 Hand. Er hat soeben einige Verse niedergeschrieben und einige weitere im 1:03:20 Kopf, die er fürchtet zu verlieren, wenn er nicht augenblicklich an seinen Schreibtisch zurückkehrt. 1:03:27 Reiner Maria Rilke ist 46 Jahre alt und in dieser Nacht arbeitet er an dem Werk, auf das ern Jahre seines Lebens gewartet 1:03:36 hat. In wenigen Wochen wird er die Duineserlegien vollenden und obendrein zwei Bände von Sonetten an Orfeus 1:03:45 niederschreiben. Doch in diesem Augenblick weiß er noch nicht, wie weit er kommen wird. Er weiß 1:03:51 nur, dass sich nach langem Schweigen endlich etwas in ihm öffnet. Der Turm, in dem er lebt, heißt Chat de 1:03:59 Müsau. Es ist kein eigentliches Schloss, sondern ein kleines mittelalterliches Wohngebäude aus dem 13. Jahrhundert mit 1:04:08 dicken Mauern, kleinen Fenstern und einer engen Treppe. Es liegt bei Vera, oberhalb der Statier im Kanton Walles. 1:04:17 Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Heizung, außer einem großen Kachelofen. Wer hier wohnt, lebt 1:04:25 einfach, fast asketisch. Genau darum ist dieser Ort für Röke ideal. Er hat im Sommer 1921 1:04:34 den Turm während eines Spaziergangs entdeckt und sich sofort in ihn verliebt. Sein Mezen, der Schweizer 1:04:42 industrielle und Mzen Werner Reinhard, ein Kaufmann aus Wintertour, der in Rilke einen der größten Dichter der Zeit 1:04:50 erkannt hatte, kaufte Musot und stellte es dem Dichter zur freien Verfügung. Es war ein Geschenk, das alles veränderte. 1:04:59 Rilke zog Ende Juli 192 in Musot ein. Die ersten Monate waren ein einziges Tasten. Er richtete den 1:05:08 Turm ein, ordnete seine wenigen Bücher, fand eine treue Haushälterin, Frieda Baumgartner, die ihm das Nötigste 1:05:16 besorgte. Er schrieb Briefe, machte lange Spaziergänge durch die Weinberge des Walles, schaute auf die fernen 1:05:23 Gipfel, beobachtete den Wechsel des Lichtes über den steinigen Hügeln. Doch die großen Verse, auf die er hoffte, 1:05:31 blieben aus. Den ganzen Winter überschwankte er zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Manchmal glaubte er, das 1:05:38 Werk werde sich nie vollenden lassen. Manchmal spürte er, dass sich tief unter der Oberfläche etwas bewegte. Er 1:05:46 praktizierte, wie er selbst sagte, eine Form innerer Stränge. Kein Wein, keine Süßigkeiten, keine Unterhaltung. Er 1:05:55 nannte es mit einem leicht ironischen Wort sein Mysotisme, sein Mutsotmönchstum. 1:06:02 Dann in den ersten Februargen des Jahres 1922 begann plötzlich wie ein Sturm. 1:06:12 Er hat es selbst in einem Brief Andy Fürstin Marie von Ton und Taxis beschrieben, in einem Schreiben, das zu 1:06:18 den ergreifendsten Zeugnissen schöpferischer Eingebung in der Weltliteratur gehört. Er sei, schrieb er 1:06:26 im Innern wie unter einem Diktat. Stimmen sprächen zu ihm, Verse stürzten heran, ganze Strophen, vollendete 1:06:34 Bilder. Er müße Tag und Nacht arbeiten, um mit ihm Schritt zu halten. In wenigen Wochen, in jenem Februar und in den 1:06:43 ersten Wochen des März vollendete er nicht nur die letzten Illegien, sondern schrieb auch 55 Sonette an Orfeus, ein 1:06:52 zweiter Zyklus, der ihm gleichsam als unverhofftes Nebenwerk in den Schoß fiel. 1:06:59 Dieser Ausbruch der Schöpferkraft nach zehn Jahren Schweigens ist eines der erstaunlichsten Ereignisse in der 1:07:06 Geschichte der Dichtung. Es gilt zu verstehen, wodurch aus der Stille so plötzlich ein Sturm wurde. 1:07:14 Manche Forscher haben darauf hingewiesen, dass alle wichtigen Themen der Egien längst in Rilke vorbereitet 1:07:21 waren. Die Begegnung mit Rodin, die Pariser Krise, die Stunde an der Klippe von Duino, die Kriegsjahre, der Verlust 1:07:30 der alten Welt, das Lesen islamischer und ägyptischer Dichtung, die langen Briefwechsel mit Lou Andreas Salome und 1:07:38 mit der Fürstin Marie. All dies hatte sich im Inneren des Dichters wie Wasser hinter einer Staumauer angesammelt. Es 1:07:46 bedürfte nur eines kleinen Bruches, einer kleinen Öffnung und der Strom brach los. 1:07:53 Andere haben betont, dass Rilke selbst diesen Moment als ein Geschenk, fast als einen mystischen Akt verstand, der sich 1:08:01 nicht erklären, sondern nur dankbar empfangen ließ. Die Vollendung kam mit einer Erschütterung, die nicht weniger 1:08:09 heftig war als die zehnjährige Wartezeit. Am 11. Februar 1922 1:08:16 schrieb Rilke an die Fürstin den berühmten Brief, indem er ankündigte, dass die Illegien fertig sein. Er sei, 1:08:24 schrieb er, von einer langen Krankheit aufgestanden. Was als Klagegesang begonnen hatte, war 1:08:31 zu einem großen Lobgesang geworden. Wer dieien liest, erkennt diesen Umschlag bald. Die ersten sprechen von der 1:08:40 Schwere, von der Unfähigkeit der Menschen, das Schöne und das Schreckliche zugleich zu ertragen, von 1:08:47 der Hilflosigkeit der Liebenden, von der Einsamkeit der Junggestorbenen. Doch je weiter der Zyklus fortschreitet, 1:08:55 desto mehr verwandelt sich die Klage in eine Feier. Die neunte Elie endet mit Versen, die zum Vermächtnis Röhes 1:09:03 geworden sind. Erde, du Liebe, ich will. Sie spricht von einer fast religiösen Bejahrung des vergänglichen Lebens, von 1:09:13 der Aufgabe des Menschen, das Sichtbare in das Unsichtbare zu verwandeln. Während Rilke in Muzod Tag und Nacht 1:09:21 arbeitete, war die Welt um ihn fast vergessen. Frieder Baumgartner brachte ihm einfaches Essen vor die Tür. Er kam 1:09:30 herunter, aß rasch, kehrte zurück. Manchmal trat er ans Fenster, schaute hinaus auf die schweigenden Berge des 1:09:37 Wallis, atmete tief ein und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Sein Verleger Anton Kippenberg in Leipzig 1:09:45 hatte über Jahre hinweg geduldig gewartet, vorsichtig gemahnt, manchmal sanft gedrängt. Als das Manuskript 1:09:53 schließlich auf seinen Tisch kam, soll er gefragt haben, ob es noch einer Durchsicht bedürfe. Rilke antwortete 1:10:00 kurz: "Das sei nicht nötig. Es sei vollendet, wie es sei. Es war eine kühne, beinahe schroff eines Mannes, der 1:10:09 wusste, dass er nun zu der Stunde gelangt war, auf die alles in seinem Leben gewartet hatte. Im Inneren des 1:10:16 Dichters folgte auf die Wochen des Schreibens eine seltsame Lehre. Es war als sei mit den letzten Versen auch die 1:10:24 letzte Spannkraft seines Lebens verbraucht. Ein Freund schrieb später: "Rilke habe nach der Vollendung der 1:10:31 Illegien aussah wie ein Mensch, der eine lebenslange Aufgabe erfüllt hat und nun nicht mehr weiß, wozu er noch atmen 1:10:39 solle. Er blieb in Muzot, doch der Turm war nicht mehr derselbe. Er versuchte sich 1:10:46 zu erholen. L fiel, übersetzte einige Werke aus dem Französischen, schrieb auch selbst französische Gedichte, die 1:10:53 einen leichten, fast spielerischen Ton anschlugen. Doch zugleich begann sein Körper Zeichen einer Schwäche zu zeigen, 1:11:01 die zunächst keiner zu deuten wusste. Die Hände wurden müde, das Zahnfleisch blutete, eine seltsame Erschöpfung lag 1:11:09 in den Knochen. Was niemand ahnte, was Rilke selbst nicht ahnen wollte, war, dass eine schwere, unaufhaltsame 1:11:17 Krankheit sich bereits leise in ihn einzunisten begonnen hatte. Es ist der Frühling des Jahres 1926. 1:11:26 In einem kleinen Pariser Vorort in einer ärmlichen Wohnung mit feuchten Wänden sitzt eine 33-jährige Frau an einem 1:11:34 wacklig Tisch. Ihre Hände sind grob, die Finger schwer von silbernen Ringen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, ihre Augen 1:11:43 brennen mit einer fiebrigen Schärfe. Vor ihr liegt ein Brief, den sie immer wieder liest. 1:11:50 Er kommt aus dem Walles, aus einem alten Turm namens Musot. Der Absender ist ein Dichter, den sie seit ihrer Jugend 1:11:58 verehrt. Er heißt Reiner Maria Rilke. Marina Ivanovna Zweteva, eine der bedeutendsten russischen Lyrikerinnen 1:12:07 ihrer Generation, lebt seit Jahren im Exil. Sie ist arm. Ihre kleine Tochter Irina ist im Hunger der russischen 1:12:15 Bürgerkriegsjahre gestorben. Ihr Mann ist in fragwürdige politische Verstrickungen geraten. Doch in diesem 1:12:22 Augenblick zählt nichts davon. Sie hält einen Brief in der Hand, indem Rilke selbst sich an sie wendet. Sie 1:12:30 weint, sie lacht, sie schreibt sogleich zurück in einer Sprache, die zwischen Russisch und Deutsch hin und her zuckt 1:12:38 wie eine offene Flamme. Es lohnt nachzuvollziehen, wie es zu dieser Begegnung gekommen war. Die Verbindung 1:12:47 lief über einen dritten Dichter. Boris Leonidowits Pastanack, 36 Jahre alt, in Moskau lebend, hatte schon als Junge in 1:12:56 Russland Rilke gesehen jenes flüchtige Bild des jungen Dichters in Schwarz auf einem Bahnsteig, das er nie vergessen 1:13:04 sollte. Sein Vater Leonid, der Maler hatte Rilke in Moskau Bücher gewidmet. Boris selbst hatte später jahrelang 1:13:12 davon geträumt, an Rilke zu schreiben, doch sich nie getraut. Erst im Frühjahr 1926 1:13:20 erfuhr er durch seinen Vater, dass Rilke seine Boris Gedichte kenne und schätze. Diese Nachricht erschütterte den 1:13:29 russischen Dichter so sehr, dass er sich endlich entschloss, Rilke einen Brief zu schreiben. In demselben Brief bat er 1:13:37 Rilke, statt ihn zu antworten, lieber seine Bücher an Marina Zweteva nach Frankreich zu schicken, denn für 1:13:45 Pastanack war Zweteva zu dieser Zeit der erste Dichter Russlands. So nahm jene merkwürdige dreieckige 1:13:54 Korrespondenz ihren Anfang, die in der Literaturgeschichte einzigasteht. Drei Dichter in drei Ländern, drei 1:14:03 Sprachen, drei verschiedene Lebenslagen verbunden durch die Glut der Worte und durch eine fast religiöse Verehrung 1:14:11 füreinander. Rilke schrieb an Zwetjeva im Mai 1926 den ersten Brief und legte ihm einige seiner Werke bei. Sie 1:14:21 antwortete sofort in einer Sprache von ungeheurer Intensität, voll von Hingabe und Forderung zugleich. Sie nannte ihn 1:14:30 nicht den geliebten Dichter, sondern mit ihrer kühnen, beinah atemlosen Genauigkeit die fleisch gewordene 1:14:38 Dichtung selbst. Pastanack in Moskau las die Briefe seiner Freundin Marina an Röke mit einem fast schmerzhaften Gefühl 1:14:47 der Bewunderung. Er l darunter, dass er nicht dabei sein konnte, dass die Grenzen ihn von beiden trennten, dass er 1:14:54 nur in Briefen an dieser Liebe teilhaben durfte. Marina Zweteva lebte in jenem Frühling 1:15:01 und Sommer in einem Zustand, den man kaum anders nennen kann als ein lyrisches Fieber. Sie hatte gerade ihren 1:15:09 Sohn Georgi geboren, den sie zu Hause Mur nannte. Sie führte einen kümmerlichen Haushalt, 1:15:16 kochte über einer kleinen Flamme, wusch die Wäsche an einem kalten Bach. Doch in den Briefen an Rilke war sie 1:15:24 nicht die hungernde Immigrantin, sondern eine Königin der Sprache, die mit dem gleichgesinnten Geist auf der anderen 1:15:31 Seite des Kontinents Funken austauschte. Sie plante, ihn im Sommer in der Schweiz zu treffen. Sie sprach davon, ihn zu 1:15:39 schreiben ohne Pause bis ans Ende ihres Lebens. Sie übertrat in ihren Briefen jede 1:15:46 bürgerliche Grenze und schrieb eine Sprache der Seele, die in ihrer Heftigkeit etwas Verbrennendes hatte. 1:15:54 Rilke selbst war zu diesem Zeitpunkt körperlich bereits sehr geschwächt. Die Krankheit, die ihn in den nächsten 1:16:01 Monaten verzehren sollte, hatte ihre kalten Finger schon nach ihm ausgestreckt. 1:16:06 Trotzdem antwortete er Marina, sandte ihr im Sommer eine handgeschriebene Elie, die sogenannte Elie an Marina 1:16:15 Zwetajeva Ephron, einen der schönsten Beweise dafür, dass die Begegnung der Worte ihn tief bewegt hatte. 1:16:24 Er, der sonst stets von Frauen umkreist worden war, fand in dieser russischen Schriftstellerin etwas, das er bei 1:16:32 keiner anderen gefunden hatte. Eine Stimme von gleicher Höhe, gleicher Kühnheit, gleicher Unbedingtheit. 1:16:41 Innerlich aber wusste er, dass das, was Marina von ihm erhoffte, von ihm nicht mehr geleistet werden konnte. Er war 1:16:49 kein Liebhaber mehr, kein Reisender, kein junger Mann. der eine Frau treffen und mit ihr durch Europa wandern konnte. 1:16:58 Er war ein Sterbender, der in einem Valiserm die letzten Funken seiner Kraft hütete. 1:17:06 Im Hochsommer 1926 wurde die Korrespondenz dichter und drängender. Marina forderte eine 1:17:14 Begegnung. Sie wollte ihn sehen, sprechen. Eine Stunde, einen Tag, einen längeren Zeitraum. Rilke wich aus. 1:17:24 Er versprach Waage, er werde später schreiben. Er müsßse erst gesund werden. Manche Briefe blieben unbeantwortet. 1:17:34 Marina in ihrer feinen Empfindlichkeit spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie schrieb ihm in einem letzten Brief 1:17:42 am 7. November 1926 eine kurze Karte mit einer Ansicht des Pariser Vororts, in dem sie wohnte. 1:17:51 Du lieber Reiner. Hier wohne ich. Liebst du mich noch? Rilke antwortete nicht mehr. Er konnte 1:17:59 nicht mehr. Im Innersten dieser Geschichte liegt eine Wahrheit, die schwer zu fassen ist. 1:18:06 Marina Zwetajeva suchte in Rilke nicht nur den großen Dichter, sondern den Bruder ihrer Seele, jenen Menschen, der 1:18:15 sie endlich ganz hätte verstehen können. Pastanaak suchte in dieser Verbindung eine Bestätigung, dass die Dichtung über 1:18:23 alle politischen Grenzen hinweg eine einzige große Heimat sei. Rilke selbst aber suchte etwas anderes. Er suchte 1:18:33 einen letzten Gesprächspartner auf seinem Niveau in dieser einsamen Stunde, in der ihm das eigene Leben aus den 1:18:40 Händen glitt. Die drei Dichter haben sich nie persönlich getroffen. Pastanack sah Rilke nur als Kind. Marina sah ihn 1:18:49 nie. Und doch entstand zwischen ihnen ein Briefwechsel, der heute zu den schönsten Zeugnissen brieflicher 1:18:55 Dichtung des 20. Jahrhunderts gehört. Am 29. Dezember 1926 erfuhr Marina Zweteva aus der Zeitung, 1:19:05 dass Reiner Maria Rilke gestorben war. Sie war zerschmettert. In jener Silvesternacht setzte sie sich 1:19:12 an den Tisch und begann ein langes Gedicht an den Toten Freund zu schreiben, eines der ergreifendsten 1:19:19 Gedichte ihres Werks. Sie schrieb es im Wechsel zwischen Anrede und Klage in jenem hohen Ton, der nur ihr eigen war. 1:19:29 Pastanack fern in Moskau erfuhr die Nachricht aus einem Brief Marinas. Auch er reagierte mit einer Erschütterung, 1:19:36 die für Jahre nachklang. Jahre später, an einem kalten Augusttag im Jahr 1941 1:19:44 sollte Marina Zwetev sich in der russischen Provinzstadt Jelabuga das Leben nehmen. Pastanaak überlebte, 1:19:52 schrieb seinen Roman Dr. Shivago, erhielt den Nobelpreis und musste ihn auf Druck der sowjetischen Behörden 1:19:59 ablehnen. Die kurze Stunde, in der drei Dichter durch Briefe verbunden waren, hatte für 1:20:06 jeden von ihnen einen besonderen unauslöschlichen Klang. Rilke selbst hatte sie eingeleitet und ernahm ihre 1:20:13 letzten Schwingungen mit sich, als er in seinem Schweizer Sanatorium dem Ende entgegenging. 1:20:20 Es ist ein nasser Dezembertag des Jahres 1926 In einem schmalen Krankenzimmer im 1:20:26 Sanatorium WM hoch über dem Genfersee liegt ein Mann auf einem schmalen Bett. Sein Gesicht ist eingefallen. Seine 1:20:34 Hände, die einst die schönsten Verse der deutschen Sprache niedergeschrieben haben, sind dünn und durchsichtig 1:20:41 geworden. Auf dem kleinen Tisch neben ihm liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Auf der Seite stehen Zeilen, die er erst 1:20:50 vor wenigen Tagen geschrieben hat. Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb. 1:20:59 Reiner Maria Röke, 51 Jahre alt, weiß seit Wochen, dass er nicht mehr genesen wird. Die Ärzte haben es schließlich 1:21:07 ausgesprochen, was er längst geahnt hatte. Es ist eine seltene, besonders aggressive Form der Leukemie. Es gibt 1:21:15 keine Heilung. Die einzige Frage ist, wie lange er noch bleiben wird. Der Weg zu diesem Krankenbett war länger 1:21:23 und stiller, als es nach außen schien. Schon im Sommer 1924 hatte Rilke immer wieder über Schwächen, 1:21:31 Schwindelanfälle und Müdigkeit geklagt. Er hatte das Sanatorium Wmont zum ersten Mal aufgesucht, war eine Weile 1:21:40 geblieben, fühlte sich gestärkt und kehrte nach Mouseau zurück. Doch die Krankheit ließ sich nicht abschütteln. 1:21:47 Sie kam wieder, ging wieder, kam wieder. Im Sommer 1926 verschlechterte sich sein Zustand 1:21:55 entscheidend. Das Zahnfleisch blutete, Beschwerden im Mund und im Hals quälten ihn. Die ganze Welt schien sich zu 1:22:02 verengen. Im November dieses Jahres traf er die Entscheidung, endgültig ins Sanatorium zu gehen. Was er nicht ahnen 1:22:11 konnte, war, dass ein Pariser Arzt erst nach seinem Tod genaue Diagnose ermitteln würde. Im Inneren des 1:22:19 Sterbenden ging in diesen letzten Wochen etwas vor, das ihn selbst überraschte. Er, der jahrelang davon geschrieben 1:22:26 hatte, daß der Tod eigener würdiger Bestandteil des Lebens sei, daß jeder Mensch einen eigenen Tod sterben solle 1:22:34 und nicht den gleichmacherischen Tod der Massengesellschaft, sah sich nun selbst dem Sterben gegenüber. Er verlangte 1:22:42 ausdrücklich, ihn nicht zu betäuben. Er wolle seinen Schmerz erleben, mit klarem Bewusstsein durch ihn hindurchgehen, ihn 1:22:50 nicht abdunkeln lassen. Es war eine letzte, schwer zu ertragende Probe. Manchmal weinte er, manchmal lachte er 1:23:00 beinah still vor sich hin, manchmal diktierte er kurze Briefe, die seine letzten Freunde nachher kaum entziffern 1:23:07 konnten. Du Andreas Salomé, die einstige Gefährtin, schrieb er einen letzten 1:23:13 Gruß, indem er bekannte, niemals hätte er erwartet, dass der Körper, der ihm einst froh locken bedeutet hatte, ihm am 1:23:22 Ende eine solche Hölle bereiten würde. Am 29. Dezember 1926 in den frühen Morgenstunden hörte sein 1:23:32 Herz aufzuschlagen. Es war der vierte Tag nach Weihnachten. Draußen lag Schnee auf den Hügeln über 1:23:38 dem Genfersee. Ein Arzt schloss ihm die Augen. Die Nachricht ging am selben Tag über die 1:23:44 Telegrafendrähte nach Wien, Berlin, Leipzig, Paris, München, Moskau. Eine Welt war ärmer geworden. Die 1:23:54 feierlichen Nachrufe begannen schon am nächsten Morgen in den Zeitungen zu erscheinen. Hugo von Hoffmannstal 1:24:00 schrieb von einem Verlust, der nicht zu ermessen sei. Stefan Zweig sprach von einem der reinsten Dichter, die 1:24:07 Deutschland je hervorgebracht habe. In Paris notierte sich Paul Valerie, dass eine besondere Stimme erloschen sei, die 1:24:15 durch keine andere ersetzt werden könne. Die Beisetzung fand am 2. Januar 1927 in dem kleinen Dorf Raron im Walles 1:24:25 stadt. Röke hatte den Ort selbst ausgesucht an einem Tag, an dem er mit Freunden den Hügel über dem Dorf 1:24:32 bestiegen hatte und auf die alte einfache Kirche oben am Felsen geblickt hatte. Er hatte gesagt, hier möchte er 1:24:40 liegen. Auf seinem Grabstein steht eine kurze dreizeilige Inschrift, die er selbst für sich verfasst hatte. 1:24:48 Rose, o reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein unter so viel Liedern. 1:24:56 Die Worte sind seither tausendfach gedeutet worden. Die Rose, dieses Bild von gleichzeitiger Schönheit und 1:25:03 Zerbrechlichkeit war Rökes Lieblingsblume gewesen. Eine Legende, die später entstand, wollte wissen, dass 1:25:11 er sich an einem Dorn beim Pflücken einer Rose verletzt habe und dass von dieser Wunde der Todeskeim ausgegangen 1:25:18 sei. Die medizinische Forschung hat diese Erzählung längst widerlegt, doch sie hat sich gehalten, weil sie zur 1:25:26 Stimmung seines Lebens passte. Es bleibt die Frage, was dieser Dichter hinterließ, der in einem stillen 1:25:33 Walliseradorf so unauffällig zur Erde gegangen war. Er hinterließ ein Werk, das in den 1:25:40 folgenden Jahrzehnten nicht kleiner, sondern größer wurde. Die Dynien und die Sonette an Orfeus in der 1:25:48 Endgestalt im Juni 1923 erschienen, gehören heute zum unbestrittenen Höhepunkt der deutschsprachigen Lyrik 1:25:57 des 20. Jahrhunderts. Das schmale Bändchen Briefe an einen jungen Dichter, jene zehn Briefe an den 1:26:05 jungen Franz Xava Kapus entstanden zwischen 1903 und 1908 ist zu einem der meist gelesenen Bücher der deutschen 1:26:14 Literatur überhaupt geworden. Es ist in mehr als 50 Sprachen übersetzt worden. wird von jungem Menschen in Schulen 1:26:22 gelesen, von Suchenden, von Künstlern, von Menschen, die in den großen Stadtbuchhandlungen New Yorks ebenso wie 1:26:29 in den kleinen Antiquariaten Wiens nach einem Buch suchen, das ihnen Halt geben könnte. 1:26:36 Rilkes Leben war ein einziger Versuch, das richtige Leben zu finden. Es war ein Leben in Bewegung, ohne festen Wohnsitz, 1:26:44 ohne Familie, ohne politische Zugehörigkeit, ohne jenen bürgerlichen Halt, den die meisten Menschen für 1:26:51 selbstverständlich halten. Es war ein Leben in tiefer innerer Stränge und zugleich in ebenso tiefer Hingabe an die 1:27:00 Freundschaft, an die Frauen, an die Briefe, an die Sprache. Es war ein Leben, das von außen oft als 1:27:07 zerbrechlich erschien und doch eine ungeheure innere Festigkeit besaß. Wer dieien liest, hört in jeder Zeile, daß 1:27:17 dieser Mann nicht aus einem Salon herausgeschrieben hat, sondern aus einem Schloss am Meer, aus einem Wiener 1:27:23 Kriegsarchiv, aus einer Pariser Mansarde, aus einem einsamen Turm im Walles. 1:27:31 Wer die Briefe an einen jungen Dichter liest, erkennt, dass die Sätze dieses Mannes nicht Ratschläge eines 1:27:37 Selbstgefälligen sind, sondern Auskünfte eines Menschen, der das selbst durchgemacht hatte, wovon er sprach. 1:27:45 Das berühmte Bild, das von Rilke geblieben ist, ist das eines Mannes, der vor seinem Schreibtisch in Müsau sitzt, 1:27:52 die Hand am Federhalter, das Gesicht halb dem Fenster zugewandt, hinter ihm die einfachen Möbel des Turms, das 1:28:00 schmale Bett, die Bücher. Vor ihn das offene Land des Walles mit seinen Weinbergen und den fernen Gipfeln. 1:28:09 Es ist ein Bild, in dem die ganze Geschichte seines Lebens beieinander liegt. die Einsamkeit, die Strenge, der 1:28:17 lange Weg, der ihn hierher geführt hat, das Werk, das hier vollendet wurde. Wer dieses Bild ansieht und dann eine 1:28:26 der Elgien aufschlägt, der versteht, was Röke immer gewusst hat, dass die Aufgabe des Menschen darin besteht, das 1:28:34 Vergängliche in das Bleibende zu verwandeln, das Sichtbare in das Unsichtbare, das Schmerzhafte in den 1:28:42 großen stillen Gesang des Daseins. Ich danke Ihnen, dass Sie mich auf diesem Weg durch das Leben reiner Maria 1:28:49 Rilkes begleitet haben. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, würde es mich sehr freuen, wenn Sie sie mit einem Daumen 1:28:56 nach oben unterstützen und unseren Kanal abonnieren. So erfahren Sie zuerst, welche große Persönlichkeit wir als 1:29:04 nächstes vorstellen werden. Bis dahin wünsche ich Ihnen Ruhe, Tiefe und eine gute Stunde mit einem schönen Buch. Ihr 1:29:14 Alexander Weiß. M.