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Nationalsozialismus und DDR – Wie die AfD die deutsche Geschichte politisch nutzt | Doku
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 323 Zeilen
- *** Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss.
- Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!
- Es geht um die Verbrechen der Nazis. Um den industriellen Massenmord an Millionen Menschen.
- Der Geschichts-Revisionismus hat extrem zugenommen. Damit sind wir auch hier in den Gedenkstätten konfrontiert.
- (Menge) Wir sind das Volk! Und es geht um die DDR
- und die Friedliche Revolution von '89. Die einzige Oppositionspartei AfD
- ist sozusagen das aktuelle Neue Forum. Das ist eine Geschichtsverdrehung,
- die durch nichts zu rechtfertigen ist. Wie geht die AfD mit der deutschen Geschichte um?
- Wie will sie die Erinnerungskultur verändern? Und wie groß ist der Druck auf diejenigen,
- die das Gedenken bewahren? Torgau in Sachsen.
- Wir sind an einem Gedenkort für nationalsozialistische Verbrechen. Wir erinnern hier insbesondere
- an die Opfer der Militärjustiz der Nationalsozialisten. Der Ort, an dem wir hier stehen, das "Fort Zinna",
- war im 2. Weltkrieg das größte Militärgefängnis der Nationalsozialisten.
- Auf diesem Gelände haben Hunderte von Hinrichtungen stattgefunden. Daran erinnern wir im Kern hier an diesem Ort.
- Wir sind verabredet mit Gedenkstätten-Leiterin Elisabeth Kohlhaas und Peter Nowack.
- Er ist der Schulleiter des Torgauer Gymnasiums. Und sitzt nebenbei ehrenamtlich für die FDP im Stadtrat.
- Wir treffen sie wegen eines Vorfalls mit einem AfD-Politiker. Darum geht es:
- Wie jedes Jahr wird im Januar dieses Jahres in Torgau an die Opfer des Holocausts erinnert,
- zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Kurz zuvor ging ein Bericht
- der journalistischen Recherchegruppe Correctiv durch die Medien. Es ging um ein vertrauliches Treffen in einer Potsdamer Villa.
- Bei dem wurde laut Correctiv über die "Remigration" von Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen.
- Alle Redebeiträge haben auf dieses Potsdamer Treffen abgezielt. Das hat alle bewegt, die hier waren. Alle sind darauf eingegangen.
- Auch Schüler aus Peter Nowacks Gymnasium nehmen teil. Das hat seit vielen Jahren Tradition.
- 2 Elftklässler halten eine Rede, die sie selbst geschrieben haben. Die haben das Ereignis in Potsdam aufgegriffen und haben appelliert,
- dass der Begriff der "Remigration" aus ihrer Sicht ein unmöglicher ist. Und haben appelliert, dass es nie wieder
- zu solchen dunklen Zeiten kommen dürfte. Ich habe dann hinterher in den Gesprächen mit den vielen Gästen,
- die wir hier begrüßen durften, viel positive Bestätigung bekommen. Gerade in Bezug auf diese Rede.
- Wie gut, wie schön, dass es junge Menschen gibt, die so ausdrücklich und engagiert für unsere Demokratie einstehen.
- Und die auch hier stehen und das uns allen noch mal sagen. Die Reaktionen waren wirklich umwerfend positiv.
- Bei der Gedenkveranstaltung anwesend ist auch ein regionaler AfD-Politiker: Tobias Heller.
- Er war hier. Genau. Und was wissen Sie über ihn?
- Ehrlich gesagt gar nichts. Er ist mir bis dahin nicht aufgefallen.
- Das ändert sich wenige Tage nach dem Gedenken. Denn auf seiner Website
- veröffentlicht AfD-Politiker Heller einen Text über die Veranstaltung. Er schreibt dort:
- Und über die beteiligten Schüler schreibt er: Als ich das las, hatte ich zuerst die Furcht,
- dass man die Schüler unter Umständen damit einschüchtert. Dass man ihnen mitteilt,
- man wird die Veranstaltung nicht vergessen. Man wird auch die Redner nicht vergessen.
- Und es wird eine Zeit kommen, wo man es den Menschen, die dort teilnehmen, vielleicht heimzahlt, sag ich mal.
- Den drohenden Unterton, "wir werden das nicht vergessen", den kann man da ganz deutlich rauslesen.
- "Wir werden das nicht vergessen. Wenn wir mal mehr zu sagen haben, dann wird sich das ändern."
- Das könnte man da rauslesen oder raushören. Wie es den betroffenen Schülern damit geht,
- hätten wir sie gern selbst gefragt. Aber sie möchten nicht vor unserer Kamera darüber sprechen.
- Schulleiter Peter Nowack erzählt uns, wie er die Schüler erlebte, als er sie auf den Text des AfD-Politikers angesprochen hat.
- Sie haben es registriert und haben sich mir gegenüber zumindest so positiv geäußert, dass sie gesagt haben ...
- Also positiv ironisch, aus meiner Sicht. ... das ist doch gut,
- wenn es so angekommen ist und es Reaktionen darauf gibt. Aus Sicht der Schüler.
- Und dann haben wir uns noch mal verständigt. Und auch Frau Kohlhaas hat angeboten,
- mit den Schülern noch mal drüber zu reden. Und seitdem sind wir zu dem Thema im Gespräch.
- Worum drehen sich diese Gespräche? - Na ja ... Ich will auf keinen Fall, dass die Schüler
- durch solche Äußerungen eingeschüchtert werden. Denn wir versuchen, die Schüler zu liberal denkenden
- und demokratisch handelnden jungen Menschen zu erziehen. Und Meinungsfreiheit liegt uns da schon am Herzen.
- Und ich bin sehr froh, dass Jugendliche den Mut finden, zu solchen Veranstaltungen zu sprechen.
- Und das auch auf diesem Niveau. Ja, das finde ich enorm wichtig,
- die Jugendlichen da nicht nur zu schützen, sondern sie auch zu stützen.
- Und ihnen deutlich zu machen, dass das ein wichtiger Beitrag war, ihre Meinung, die sie hier sagen konnten.
- Und dass Sie und wir da natürlich auch hinter ihnen stehen. Zumal in der Rede von beiden Schülern ...
- Es gab ja 2 Teile. ... nicht einmal die AfD als Partei erwähnt wurde.
- An keiner Stelle. Überraschend, dass die AfD sich das so angenommen hat.
- Wir fragen nach bei Tobias Heller. Er sitzt für die AfD im Stadtrat von Oschatz
- und tritt als Direktkandidat zur sächsischen Landtagswahl an. Was sagt er dazu, dass sein Posting als Drohung verstanden wird?
- Auf unsere schriftlichen Fragen geht Tobias Heller nicht ein. Stattdessen bezeichnet er die Recherchen
- der Journalisten von Correctiv als "verlogen" und "manipulativ". Heller schreibt weiter:
- Unsere Nachfrage, ob es seine Absicht war, dass sein Posting als bedrohlich verstanden wird,
- beantwortet AfD-Kandidat Heller nicht. Die AfD und die Verbrechen im Dritten Reich.
- Immer wieder fallen AfD-Politiker durch Aussagen auf, die den Nationalsozialismus relativieren
- durch "Geschichts-Revisionismus". Einige Beispiele:
- Maximilian Krah, der Spitzenkandidat der AfD zur Europawahl. Er sagte einer italienischen Zeitung:
- Die SS sicherte im Dritten Reich gewaltsam die Macht von Adolf Hitler. Und sie war zuständig für das System der Konzentrationslager,
- in denen Millionen Menschen ermordet wurden. Schon 2017 erklärte Björn Höcke,
- wie er sich das Erinnern an die Nazi-Verbrechen vorstellt. Diese dämliche Bewältigungspolitik
- lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß' Zeiten. Wir brauchen nichts anderes
- als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad! *Applaus*
- 2018 treffen wir den AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider. Er spricht über seine Vorstellung,
- wie die Deutschen mit dem Holocaust umgehen sollten. Stichwort Vergangenheits-Bewältigung.
- Sie möchten, dass die Erinnerungskultur ruht? Wie soll das aussehen, wenn es ruht?
- Sollen die KZ-Gedenkstätten zugemacht werden? Soll es nicht mehr thematisiert werden?
- War es das nicht aber doch? Heute ist Tillschneider
- stellvertretender Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt. Ein weiteres Beispiel: Ralf Stadler.
- Er sitzt seit 2018 für die AfD im bayerischen Landtag. Noch als Kandidat kritisierte er bei Facebook öffentlich
- eine Haftstrafe für Ursula Haverbeck, die mehrfach verurteilte Holocaust-Leugnerin.
- Es sei, Zitat: Später löscht Stadler den Post.
- Auf Nachfrage schreibt er uns aber, er stehe noch heute zu seiner Aussage über die wohl bekannteste Holocaust-Leugnerin Deutschlands.
- Öffentlich thematisiert wird der Holocaust im bayerischen Landtag jedes Jahr zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.
- Im Januar 2019 hält Charlotte Knobloch eine Rede. Die Holocaust-Überlebende spricht über Lehren aus der NS-Zeit
- und warnt vor der AfD in den Parlamenten. Dort ist heute und hier überall eine Partei vertreten,
- die diese Werte verächtlich macht. Die die Verbrechen der NS-Zeit verharmlost
- und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält. Diese "Alternative für Deutschland"
- gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung. Und steht nicht nur für mich
- nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung. Noch während Knobloch spricht,
- verlassen AfD-Abgeordnete demonstrativ den Saal. Ein bis dato nicht denkbarer Eklat beim jährlichen Holocaust-Gedenken.
- Der Geschichts-Revisionismus in der AfD beschäftigt auch die Justiz.
- Beispiel Björn Höcke. Der Thüringer AfD-Chef, zuvor Geschichtslehrer,
- wurde inzwischen 2-mal zu Geldstrafen verurteilt, weil er eine verbotene Parole der SA wiederholt öffentlich verwendet hat.
- Die Urteile sind nicht rechtskräftig, Höcke ist in Revision gegangen.
- Schlagzeilen machten auch Aussagen von Alexander Gauland über die NS-Zeit.
- 2018 sagte der damalige Co-Chef der AfD: Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre.
- Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss
- in über 1.000 Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte! Es gibt noch viele weitere Beispiele, meint Steffen Kailitz.
- Der Politik-Wissenschaftler forscht seit Jahrzehnten zu Extremismus und stellt fest:
- Revisionistische Aussagen zum Dritten Reich seien in der AfD keine Einzelmeinungen.
- Hier würde ich sagen, dass wir von der Parteilinie sprechen können. Alexander Gauland ist in der Partei nicht irgendwer,
- der den Nationalsozialismus als Vogelschiss in der deutschen Geschichte bezeichnete.
- Hier wird versucht, auf eine sehr lange positiv besetzte deutsche Geschichte zu verweisen.
- In der es nur diese kleine Periode von 12 Jahren gegeben habe, die problematisch sei.
- Schon in ihrem Grundsatzprogramm von 2016 schreibt die AfD, dass sie den Umgang mit der deutschen Geschichte verändern will.
- Zitat: Dieses AfD-Grundsatzprogramm gilt bis heute.
- Die Partei wolle sich von der NS-Geschichte quasi entlasten, meint Politik-Wissenschaftler Kailitz.
- Das habe in der extrem rechten Szene seit Jahrzehnten Tradition. Für eine rechtsextreme Partei ist es immer in der Geschichte
- der Bundesrepublik schwer gewesen, Fuß zu fassen. Aufgrund der Erinnerung an den Nationalsozialismus.
- Das war eine rechtsextremistische Diktatur. Und hier spielt eine Rolle, dass man versucht,
- von dieser Vergangenheit abzulenken, sie zu relativieren. Um das nicht zu sehr
- in den Mittelpunkt der Diskussion geraten zu lassen. Doch was will die AfD
- in Sachen Erinnerungskultur konkret verändern? Das recherchieren wir am Beispiel des Geschichtsunterrichts in Schulen.
- AfD-Politiker kritisieren immer wieder, welche Inhalte im Fach Geschichte vermittelt werden.
- Z.B. Denny Jankowski. Wir treffen den bildungspolitischen Sprecher
- der Thüringer AfD-Fraktion im Landtag. Wenn ich Schüler frage, "Was ist Geschichte?",
- kommt oft als 1. Antwort Nationalsozialismus. Und ich glaube, wenn ich sage,
- "Nenn mir 5 Forscher oder Entwickler aus Thüringen", kommt oft ein Stocken.
- Und wir haben ein Problem, dass wir sagen, man fokussiert sich zu sehr auf eine bestimmte Epoche.
- Das war sicher die schlimmste Epoche von Deutschland. Gräueltaten ohne Ende.
- Aber was wir momentan haben: Man guckt wie ein Scheinwerfer-Licht auf diese 12 Jahre.
- Die restliche Geschichte ist auch breit gefächert. V.a. in Thüringen kommt das z.T. hinten runter.
- Das sieht Louisa Basner anders. Die Schülerin geht in die 12. Klasse in Niedersachsen.
- Sie ist die frisch gewählte Generalsekretärin der Bundes-Schülerkonferenz.
- Damit spricht sie für die Schülervertretungen aller Bundesländer.
- Louisa Basner findet es richtig, dass der Nationalsozialismus im Unterricht viel Raum bekommt.
- Es geht ja darum, v.a. dafür zu sensibilisieren und darüber aufzuklären, was passiert ist.
- Und darzustellen, wie schlimm das war, diese NS-Zeit. Darum ist es total wichtig, intensiv darüber zu sprechen.
- Und ich glaube, die Schule spielt dort einen zentralen Kern. Denn dort kommen alle jungen Menschen zusammen.
- Und wenn wir dort diese Erinnerungskultur reinbringen, findet eine viel höhere Sensibilisierung statt.
- Und wir können dadurch einigen Problemen entgegenwirken, mit denen auch unsere Demokratie kämpft.
- Louisa Basner, die sich auch bei den Jusos engagiert, sieht keine Verengung auf den Nationalsozialismus
- im Geschichtsunterricht. Es gehe um viele verschiedene Themen, von der Steinzeit bis zur DDR.
- Das zeigt auch unsere Recherche. Wir haben uns die Lehrpläne von allen 16 Bundesländern angesehen.
- Geschichte wird ab der 5. Klasse unterrichtet. Der Nationalsozialismus ist meist in der 9. oder 10. Klasse dran.
- In der Oberstufe wird das Thema oft noch mal vertieft. Darüber hinaus geht es um Antike, Mittelalter,
- die Entwicklung des deutschen Nationalstaats im 19. Jh. usw. Die Bundesländer lassen in den Lehrplänen Spielraum,
- welche Themen wie stark gewichtet werden. Nachfrage bei Denny Jankowski.
- Wie viele Unterrichtsstunden Nationalsozialismus hält der AfD-Politiker für angemessen?
- Im Lehrplan 9. oder 10. Klasse geht fast ein ganzes Schuljahr in die Richtung Nationalsozialismus.
- Das sind 12 Jahre der Geschichte. - Das ist Ihnen zu viel? Es ist die Frage, ob das das wirklich widerspiegelt.
- Ich habe vorher 3 Jahre und behandle ein paar tausend Jahre. Und habe dann die 12 Jahre ein ganzes Schuljahr.
- Das Kapitel Nationalsozialismus nimmt sehr viel Platz ein, gerade in den höheren Klassenstufen.
- Die Frage muss man diskutieren, mit den Fachlehrer-Verbänden usw. Wenn man den Lehrplan anfassen wollte,
- wie weit man da evtl. Stunden reduzieren müsste. Auf eine konkrete Stundenzahl will er sich nicht festlegen.
- Er fordert stattdessen, im Unterricht müsse mehr positives Heimatgefühl vermittelt werden,
- mehr regionale Geschichte, mehr Nationalstolz. Was sagen Geschichtslehrer dazu, dass der Unterricht
- zu sehr auf den Nationalsozialismus verengt sei? Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands schreibt uns:
- Schülerin Louisa Basner und die Bundes-Schülerkonferenz finden, die Beschäftigung mit der NS-Zeit könnte noch intensiver sein.
- Sie fordern einen Pflichtbesuch in einer KZ-Gedenkstätte für alle Schülerinnen und Schüler in der weiterführenden Schule.
- Weil wir das als ganz wichtig ansehen, dass jeder Lernende da einmal gewesen ist.
- Und wirklich gesehen hat, was dort war, was dort passiert ist. Um noch ein anderes Gefühl
- und eine Sensibilisierung dafür zu erhalten. Selbstverständlich kann man das mit Büchern oder Videos behandeln.
- Aber es ist ein anderes Gefühl, wenn man auch dort war. Ein Pflichtbesuch in einer KZ-Gedenkstätte:
- Der AfD-Bildungspolitiker ist dagegen. Das sollte im Ermessen des Geschichtslehrers liegen.
- Wenn er sagt, das passt in seinen Lehrplan rein, dann soll er es tun.
- Wenn aber nicht passt ... Es ist nicht jeder Ort dicht dran an den KZ-Gedenkstätten.
- Bestimmte Ortschaften in Thüringen, da ist Buchenwald gut erreichbar. Aber in anderen Bundesländern
- muss ich fast eine 2-Tages-Reise draus machen. Da halte ich diese Form der Verpflichtung für ungünstig.
- Neben dem Geschichtsunterricht sind es v.a. KZ-Gedenkstätten, die an die NS-Verbrechen erinnern.
- In Thüringen z.B. die Gedenkstätte Buchenwald. Wie blickt man hier auf die AfD-Positionen
- zum Umgang mit dem Holocaust? Jens-Christian Wagner
- leitet die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Der Historiker zeigt uns das Gelände.
- Was glauben Sie, was das da drüben ist, diese Mauerreste? Eine gute Frage. Das ist ja außerhalb des Zauns.
- Ich habe keine Vorstellung. Das ist der Lagerzoo. - Der was?
- Der Zoo, den die SS für sich eingerichtet hat. Da hat am Wochenende Picknick der SS stattgefunden.
- Da haben die Kinder gespielt. Mit Blick aufs Lager.
- Mit Blick nicht nur aufs Lager, sondern das ist ja vis a vis des Krematoriums.
- Da rauchte der Schlot. Stank entsetzlich nach verbranntem Menschenfleisch.
- Und da hat sich die SS vergnügt mit den Kindern und den Frauen der SS-Angehörigen.
- Rund 500.000 Menschen besuchen die Gedenkstätte pro Jahr. Das Interesse ist groß.
- Trotzdem ist Wagner in Sorge und hat den Eindruck, etwas ist ins Rutschen geraten beim Umgang mit der NS-Geschichte.
- Mit dem Erstarken der AfD nicht nur in Thüringen bemerken wir einen erinnerungspolitischen Klimawandel.
- Der Geschichts-Revisionismus hat extrem zugenommen. Und damit sind wir auch hier in den Gedenkstätten konfrontiert.
- Durch Äußerungen von Besucherinnen und Besuchern. Durch Schmäh- und Hass-E-Mails, die wir bekommen.
- Durch Kommentare unter unseren Social-Media-Posts und dergleichen. Diese Anfeindungen haben zugenommen?
- Ja, die haben eindeutig zugenommen. Das muss man so konstatieren. 56.000 Menschen wurden in Buchenwald ermordet.
- Jens-Christian Wagner zeigt uns das Krematorium. Der Gedenkstätten-Chef erklärt, warum das Erinnern an den Holocaust
- zentral ist für das heutige demokratische Deutschland. Nicht umsonst haben diejenigen, die nach dem Krieg das Grundgesetz
- der Bundesrepublik Deutschland geschrieben haben, gleich in Artikel 1 geschrieben:
- "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die Würde des Menschen und nicht nur des Deutschen.
- Das ist gewissermaßen der oberste Grundsatz unserer Demokratie in Deutschland.
- Und das war eine unmittelbare Lehre aus den Verheerungen des 2. Weltkrieges
- und aus den Verbrechen des Nationalsozialismus. Und für diese Verbrechen steht ein solcher Ort.
- Hier sollte man lernen können, was es bedeutet, wenn Demokratie und Menschenrechte nicht geachtet werden.
- Jens-Christian Wagner blickt mit Sorge auf die hohen Zustimmungswerte der AfD, nicht nur in Thüringen.
- Er kritisiert die Partei immer wieder öffentlich, v.a. für Aussagen zur NS-Geschichte.
- Die AfD diskreditiert unsere Arbeit notorisch als "Schuldkult". Damit wird die Erinnerungskultur beschimpft.
- Ständig treten AfD-Funktionärinnen und -Funktionäre mit geschichts-revisionistischen Positionen in die Öffentlichkeit.
- Ich mache mir Sorgen um die Arbeit der Gedenkstätte im Besonderen und ganz allgemein um unsere Erinnerungskultur in Deutschland.
- Die wird frontal angegriffen von rechts außen, aus der AfD, aber auch aus anderen Bereichen des rechtsextremen Milieus.
- Und wenn diese Leute in Regierungsverantwortung kommen, muss man sich tatsächlich Sorgen machen,
- ob wir unsere Arbeit so wie bisher fortsetzen können. Das schlussfolgert Wagner
- nicht nur aus Reden und Aussagen von AfD-Politikern. Sondern auch aus Kleinen Anfragen,
- die die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag gestellt hat. Solche parlamentarischen Anfragen muss die Gedenkstätte beantworten.
- Ein Beispiel: Wir sollten auflisten,
- welche Politikerinnen und Politiker in den Gedenkstätten wann, wo, wie lange geredet haben, welcher Partei sie angehörten.
- Das Ergebnis war, dass unsere Verwaltung wochenlang damit beschäftigt war, diese Angaben zusammenzutragen.
- Es geht also zum einen darum, Sand ins Getriebe zu streuen, uns davon abzuhalten, unsere eigentliche Arbeit zu machen.
- Und das ist Bildungsarbeit. Und zum anderen geht es darum, Misstrauen gegen uns zu säen.
- Gestellt hat diese Anfrage Stefan Möller. In der Thüringer AfD-Fraktion
- eigentlich zuständig für Migration und Justiz. Was wollte er mit diesen Fragen bezwecken?
- Möller schreibt uns: Anfang des Jahres
- schreibt Möller auf der Plattform X über Jens-Christian Wagner: Nachfrage bei Möllers AfD-Fraktionskollege Denny Jankowski.
- Will die AfD den Leiter der Gedenkstätte entlassen? Die Gedenkstätte hat nicht die Aufgabe,
- politisch Einfluss zu nehmen. Sie muss offen stehen für alle politischen Strömungen.
- Und wenn sie sagt, dass die AfD bei bestimmten Gedenktagen ausgeschlossen wird ...
- Das ist nicht Aufgabe des Gedenkstätten-Leiters. Er soll sich um das kümmern, wofür er da ist.
- Noch mal die Frage: Würde die AfD den Leiter der Gedenkstätte entlassen?
- Der Gedenkstätten-Leiter muss neutral auch bleiben, was politisch geht.
- Das ist eine Frage, die man einfach mit Ja oder Nein beantworten könnte. Ich weiß gar nicht,
- wie weit der politische Zugriff auf dieses Amt ist. Wenn Sie den Zugriff hätten.
- Und wenn er weiterhin versucht, sein Amt zu nutzen, um in die Politik einzugreifen, ist er evtl. eine Fehlbesetzung.
- Jens-Christian Wagner weiß, dass die AfD ihn loswerden will. Dennoch bleibt er dabei:
- Es gilt kein generelles Hausverbot. Aber bei Gedenkveranstaltungen in Buchenwald
- sind AfD-Funktionäre nicht erwünscht. Ich glaube, es wäre ein Affront
- gegenüber KZ-Überlebenden und Angehörigen. Wenn sie bei einer Gedenkveranstaltung
- neben jemandem sitzen müssen, der ihr Leid verharmlost. Und auf noch etwas müssen wir achten:
- Dass geschichts-revisionistische, den Holocaust verharmlosende Narrative,
- nicht normalisiert werden. Und gewissermaßen auch legitimiert werden,
- indem sie in Gedenkstätten geduldet werden. So was dürfen wir in Gedenkstätten nicht dulden.
- So was dürfte auch außerhalb der Gedenkstätten nicht geduldet werden. Die Erinnerungskultur in Frage stellen,
- weniger Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht und die Ablösung eines kritischen Gedenkstätten-Chefs.
- So stellt sich die AfD offenbar den Umgang mit dem historischen Nationalsozialismus vor.
- Es gibt ein weiteres Kapitel der deutschen Geschichte, das die AfD immer wieder politisch besetzt:
- die DDR und die Friedliche Revolution. (Menge) Wir sind das Volk!
- Allerdings geht die AfD damit anders um. Experten sehen hier keine Abwehr der Erinnerung,
- wie beim Nationalsozialismus. Sondern eher eine Instrumentalisierung
- und Verdrehung der DDR-Geschichte. Immer wieder nutzen AfD-Funktionäre Vergleiche mit der DDR.
- Z.B. Björn Höcke, der in Nordrhein-Westfalen geboren wurde und in Hessen Geschichtslehrer war.
- Er schreibt im Januar 2024: Der AfD-Landesvorsitzende in Brandenburg, René Springer,
- behauptet Anfang des Jahres: Eine Gleichsetzung der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland,
- des demokratischen Rechtsstaats, mit der SED-Diktatur, ist nicht nur geschichts- wissenschaftlich unzulässig.
- Sondern es entbehrt jeglichen Fakten. Entweder zeugt das von unglaublicher Geschichts-Vergessenheit
- oder dem Versuch einer Instrumentalisierung von Geschichte für eine eigene politische Zielsetzung.
- Wir treffen den Historiker Sven Riesel von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
- Er zeigt uns die Gedenkstätte Bautzen, wo der Unterschied greifbar ist
- zwischen der heutigen Bundesrepublik und der DDR. Wir gehen mal hier weiter. Hier sind die Arrest-Zellen.
- Im ehemaligen Stasi-Hochsicherheits-Gefängnis klären Historiker und Zeitzeugen darüber auf,
- wie das SED-Regime und die Stasi Menschen unterdrückt haben. Viele Menschen waren hier inhaftiert,
- die beim Fluchtversuch aus der DDR erwischt wurden. Sie wurden festgenommen, verurteilt und landeten in Bautzen II.
- Und v.a. war dieses Gefängnis nicht nur ein Gefängnis für DDR-Bürger.
- Sondern auch für viele Menschen aus der BRD oder anderer westlicher Staaten.
- V.a. von Menschen, die sich als Fluchthelfer*innen betätigt hatten.
- Die Stasi hat hier auch Regimekritiker und Oppositionelle eingesperrt, die Reformen wollten.
- Oder Umweltaktivisten. Die Stasi war die Machtstütze der SED-Diktatur.
- Es war einer der mächtigsten Repressions-Apparate und Geheimdienste weltweit.
- Das muss man ganz klar hervorheben. Verglichen v.a. mit der geringen Größe der DDR,
- wie viele Menschen da arbeiteten und wie dieser Geheimdienst ausgestattet war.
- Die Staatssicherheit hatte viele Befugnisse. Die Staatssicherheit hat nicht nur Informationen gesammelt,
- sondern auch Menschen verfolgt, festgenommen, inhaftiert, verhört. Die Staatssicherheit hat Gerichtsverfahren gelenkt
- gegen Oppositionelle, gegen Regimekritiker. Sie hat die Urteile größtenteils vorgegeben.
- Deshalb findet er es geschichts-vergessen, wenn AfD-Politiker Stasi-Vergleiche benutzen.
- Immer wieder setzt die Partei z.B. journalistische Recherchen mit Stasi-Methoden gleich.
- Über die Recherche der Journalistengruppe Correctiv zu "Remigrations-Ideen" bei einem Treffen in Potsdam
- sagt Co-Parteichefin Weidel: Es ist skandalös, wenn linke Aktivisten
- mit stasi-ähnlichen Geheimdienst- und Zersetzungsmethoden eine private Zusammenkunft angreifen.
- Um unbescholtene Bürger abzuhören und auszuspähen. Co-Parteichef Tino Chrupalla äußerte sich ähnlich.
- Sie kommen aus dem Osten, Sie kennen die Stasi. Sind das Stasi-Methoden für Sie? - Ja, absolut.
- Das waren keine Journalisten, die das aufgedeckt haben. Das sind für mich ganz klar Aktivisten.
- Ich komme aus dem Osten, man kann das vergleichen. Das erinnert mich an düstere Zeiten.
- Schon 2019 schreibt Tino Chrupalla in einem Brief an die Mitglieder des AfD-Kreisverbands Görlitz über die Presse:
- "Zersetzung", das war eine Methode der Stasi, die Chrupalla hier Journalisten unterstellt.
- Ein Interview mit Tino Chrupalla kommt aus Termingründen nicht zustande.
- Auf unsere schriftlichen Fragen erhalten wir von ihm keine Antwort. Auch unsere Interviewanfrage an Alice Weidel
- beantwortet die AfD nicht. Auch der Verfassungsschutz wird von der AfD
- immer wieder in die Nähe der Stasi gerückt. Die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag
- schrieb 2020 in einer Pressemitteilung: 2021 wird bekannt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt
- vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Fraktionschef Oliver Kirchner reagiert mit einem Stasi-Vergleich.
- Das erinnert mich an Zeiten von einer Diktatur, die wir hiervor hatten.
- Da gab es eine Stasi, die genau das gemacht hat. Diese bemühten Vergleiche, die v.a. von rechtsextremistischen Parteien,
- Kräften, Gruppierungen immer wieder angestrebt werden, sollen darauf abzielen, eine Gleichsetzung herzustellen.
- Die ist aus historischer Sicht absolut unzulässig. Sie entbehrt jeglicher Fakten und sie ist auch unlauter.
- Anders als die Stasi in der DDR wird der Verfassungsschutz durch die Parlamente kontrolliert.
- Und sein Vorgehen kann von Gerichten überprüft werden. Das muss man noch einmal klarstellen.
- Es ist kein Geheimdienst, der Menschen verhaftet, verfolgt, verhört, repressiert.
- Sondern der zuvorderst Informationen sammelt. Mit dem Ziel, extremistische Kräfte in Deutschland zu identifizieren.
- Immer wieder inszeniert sich die AfD als verfolgte Opposition. Und stellt sich in die positive Tradition
- der Friedlichen Revolution von 1989. 2019 plakatiert die Partei Slogans wie: "Vollende die Wende",
- "Friedliche Revolution auf dem Stimmzettel", "Wir sind das Volk!" und "Wende 2.0".
- Alexander Gauland stellt die AfD in eine Reihe mit DDR-Bürgerrechtlern von '89.
- Wie damals gehen heute unbotmäßige Bürger auf die Straße, um ihre Rechte einzufordern.
- Wieder werden diese Bürgerrechtler von Schlägern verfolgt, von den Medien diffamiert und in ihren Betrieben denunziert.
- Die einzige Oppositionspartei AfD ist sozusagen das aktuelle Neue Forum.
- Das ist absurd. So absurd wie all diese Dinge, dass man die AfD gleichsetzt
- mit den revolutionären Kräften von '89. Das Neue Forum war stark christlich, also ev.-protestantisch geprägt.
- Und reformorientiert und diskursorientiert. Man wollte den Diskurs mit der herrschenden Macht haben,
- um die Verhältnisse zu liberalisieren und demokratisieren. Das hat nichts damit zu tun, dass die AfD heute
- unser demokratisches Staatssystem als Diktatur diffamiert. Und die herrschenden Parteien als Systemparteien und Altparteien.
- Das ist eine Geschichts-Verdrehung, die durch nichts zu rechtfertigen ist.
- Rainer Eckert war Bürgerrechtler und beteiligt an der Friedlichen Revolution.
- Er war '89 in mehreren Bürgerbewegungen aktiv und galt der Stasi als Staatsfeind.
- Rainer Eckert zeigt uns Bücher, die er als Student in der DDR nur heimlich lesen konnte.
- In meinen Beurteilungen der Universität steht der ungeheure Verdacht drin,
- dass ich jemand wäre, der bürgerliche Literatur liest. Das war ein Vergehen, das hatte man nicht zu lesen.
- Man hatte die Standardwerke des Marxismus zu lesen. Und Kommilitonen haben mich denunziert.
- "Der liest Nietzsche." War ein Vergehen. War nicht positiv für einen Geschichtsstudenten,
- sondern es war ein Vergehen gewesen. Man konnte damit rechnen,
- dass man wegen solcher Bücher belangt wird. Staatsfeindliche Hetze.
- Auch in den Akten spiegelt sich das auch wider. Die staatsfeindliche Hetze war v.a. dann gegeben,
- wenn man die Bücher weiter verborgte. Rainer Eckert wurde zwar nicht inhaftiert,
- aber ihm wurde v.a. beruflich das Leben schwergemacht. In den 70er-Jahren
- wurde er aus politischen Gründen der Uni verwiesen. Wie viele andere Bürgerrechtler
- empfindet er es als Missbrauch der Friedlichen Revolution, wenn die AfD Slogans nutzt wie "Vollende die Wende".
- Nee, ist ja Quatsch. "Vollende die Wende" heißt ja:
- Es ist uns nicht gelungen, diese Freiheit zu erreichen. Ist uns aber gelungen.
- Heute kann ich lesen, was ich will. Was sagen Sie dann zu diesem Slogan? - Das ist absurd, Unsinn.
- Erst mal war es eine Revolution, keine Wende. Und unsere Revolution ist vollendet.
- Dass AfD-Funktionäre sich heute in die Tradition der Montagsdemos und der Bürgerrechtsbewegung stellen, empört Rainer Eckert.
- Es ist historisch falsch. Die Bürgerbewegung der DDR hatte andere Ziele als die AfD.
- Wir wollten auch keine Menschen ausgrenzen. Unsere Ziele damals
- waren Menschenrechte, Freiheit, Reisefreiheit, Ende der Diktatur. Sie haben mit den Zielen der AfD nichts gemeinsam.
- Wir leben in einem Deutschland, das wir insgesamt bejahen. Und nicht, wie die AfD,
- grundsätzlich umstürzen und verändern wollen. Rainer Eckert hat den Eindruck, dass zu wenige Menschen sich heute
- mit dem Wesen der SED-Diktatur beschäftigen. Dass viele Menschen zu wenig darüber wissen.
- Und die AfD dürfte kein Interesse daran haben, dass sich das ändert.
- Weil dann Thesen wie "Heute ist alles genauso schlimm oder schlimmer als in der DDR" ...
- Und diese These, diese Propaganda-Lüge, könnte man nicht aufrechterhalten, wenn man sich dezidiert
- mit DDR-Verhältnissen auseinandersetzen würde. Da würden die Unterschiede ganz eklatant offenliegen.
- Daran kann man kein Interesse haben. Weil man diese andere These dann nicht mehr aufrechterhalten könnte.
- Das macht den Wert von Erinnerungsarbeit klar. Sie hilft, den Unterschied zu erkennen
- zwischen einer echten Diktatur und einer Demokratie, die zunehmend unter Druck steht.
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