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Alles im Zentrum⎥Holismus (Martin Gorke)

Ethik-Abi by BOE18:39 9.528 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 107 Zeilen
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  1. Beim Holismus handelt es sich um eine Lehre, die das Ganze betrachtet bzw. eine Sache ganzheitlich zu begreifen versucht. Innerhalb der Umweltethik vertritt der Holismus
  2. die Position, dass das gesamte System der organischen und anorganischen Natur sowie alle Einzelwesen in der Natur direkt moralisch berücksichtigt werden müssen.
  3. Ökosysteme und Arten stehen damit ebenso im Fokus dieser Ethik wie Einzellebewesen und unbelebte natürliche Seinsarten. Wie die holistische Umweltethik begründet
  4. wird und was genau sie fordert, erfährst du in diesem Video. Der Begriff „Holismus“ (Adjektiv: holistisch) leitet sich ab von dem griechischen Wort „holos“
  5. = ganz, vollständig. Die Grundidee des Holismus wurde bereits von Aristoteles vertreten und seither immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen aufgegriffen.
  6. Während die Begriffe Pathozentrismus bzw. Sentientismus, Biozentrismus und Ökozentrismus einen eindeutigen Bezug zur Umweltethik haben, ist der Begriff Holismus nicht auf umweltethische
  7. Fragestellungen begrenzt. In diesem Video soll es nur um den umweltethischen Holismus gehen. Die umweltethische Position des Holismus besagt,
  8. dass das gesamte System der organischen und anorganischen Natur sowie alle Einzelwesen in der Natur Rücksicht um ihrer selbst willen verdienen. Der Holismus schreibt also sowohl
  9. Individuen als auch Gesamtsystemen einen moralischen Status zu. Man könnte diese umweltethische Position auch als „Ethik der uneingeschränkten moralischen Berücksichtigung“ bezeichnen.
  10. Naturschutz ist damit Schutz überorganischer Ganzheiten (Ökosysteme/ Arten) sowie aller Teile der Natur. Im Unterschied zum Biozentrismus werden nicht
  11. nur Lebewesen, sondern auch unbelebte Materie und Ganzheiten wie Arten, Ökosysteme und die Biosphäre als Ganzes direkt moralisch berücksichtigt.
  12. Und im Unterschied zum Ökozentrismus berücksichtigt der Holismus neben Ganzheiten wie Arten und Ökosystemen auch alle einzelnen natürlichen Entitäten direkt moralisch. Individuelle
  13. Lebewesen und unbelebte natürliche Entitäten wie Berge oder Wasserfälle werden also ebenfalls direkt moralisch berücksichtigt. Nichts Natürliches existiert nämlich nur
  14. als Mittel für etwas anderes, sondern immer auch um seiner selbst willen und ist damit zumindest potenziell moralisches Objekt. Wichtige Vertreter eines umweltethischen Holismus
  15. sind Klaus-Michael Meyer-Abich (1936-1918), Ludwig Siep (1942) und Martin Gorke (*1958). Der deutsche Biologe und Umweltethiker Martin Gorke (*1958) argumentiert für die Aufhebung
  16. des vermeintlichen Gegensatzpaares Mensch – Umwelt. Seiner Ansicht nach müssen sämtliche Naturwesen zur Moralgemeinschaft gezählt werden. Nur dann werde man dem Anspruch einer
  17. universalistischen Ethik gerecht. Anthropozentristen, Pathozentristen und Biozentristen führen bestimmte Kriterien wie Sprachfähigkeit/ Rationalität, Empfindungsfähigkeit oder
  18. Zielgerichtetheit/ Leben ein und schließen damit bestimmte Wesen aus der moralischen Gemeinschaft aus. Es gibt ihrer Ansicht nach Wesen, die innerhalb der moralischen Gemeinschaft
  19. stehen und denen gegenüber direkte Pflichten bestehen, und es gibt Wesen außerhalb der moralischen Gemeinschaft, gegenüber denen wir keine direkten Pflichten haben. Laut Gorke
  20. ist eine solche Festlegung von Kriterien nicht legitim. Alles Existierende ist zunächst einmal moralisch direkt zu berücksichtigen, allen Entitäten sollte ein moralischer Selbstwert
  21. zugeschrieben werden. Doch wie kommt er zu dieser Auffassung? Gorke nimmt den Begriff der Moral als Ausgangspunkt. Man soll sich als Mensch zunächst ganz grundsätzlich
  22. die Frage stellen, ob man den Weg des Egoismus oder den Weg des Altruismus beschreiten will. Will man ein Machtmensch sein, der egoistisch handelt und andere Wesen nur benutzt? Oder
  23. will man ein moralischer Mensch sein, der altruistisch handelt und freiwillig, an Hand von verallgemeinerbaren, ethischen Prinzipien, Rücksicht auf andere nimmt?
  24. Letztere Haltung nennt man den „moralischen Standpunkt“. Entscheidet man sich für diese Haltung, ist die Frage nach der Reichweite der moralischen Berücksichtigung für Gorke
  25. im Grunde genommen schon entschieden. Dann nämlich muss man alle Wesen in die Moralgemeinschaft miteinschließen. „Der universale Charakter der Moral verbietet es, irgendwelche Naturwesen
  26. aus der Moralgemeinschaft auszuschließen.“ Denn streng genommen ist jedes gewählte Kriterium willkürlich und entspricht einer „Attitüde der Macht“. Eine Ethik, die moralisches
  27. Handeln nur gegenüber bestimmten, selbst definierten Gruppen von Wesen einfordert, ist auf Willkür begründet und widerspricht dem moralischen Standpunkt. Dieser erfordert
  28. die moralische Rücksicht auf alles Existierende. Laut Gorke folgt aus dem moralischen Standpunkt eine Umkehrung der Begründungslast. Nicht Holisten müssen begründen, warum welche
  29. Naturwesen auf Grund welcher Eigenschaften einen Eigenwert haben und direkt moralisch berücksichtigt werden müssen. Sondern Vertreter nicht-holistischer Ethikkonzepte müssen begründen,
  30. warum eine ganz spezielle Eigenschaft notwendig ist, um in die Moralgemeinschaft aufgenommen zu werden. Gorke zu Folge besitzen alle Entitäten zunächst
  31. einmal den gleichen Eigenwert. Er lehnt eine Hierarchisierung des Eigenwertes von Wesen ab. So wie wir heutzutage allen Menschen prinzipiell den gleichen Eigenwert zuerkennen – unabhängig
  32. davon, ob jemand schwarz oder weiß, gesund oder krank, groß oder klein, arm oder reich ist -, so sollten wir auch allen anderen Wesen den gleichen Eigenwert zuerkennen und zunächst
  33. einmal alle Wesen gleichermaßen moralisch berücksichtigen. Gorke vertritt damit eine grundlegend egalitaristische Sichtweise. Er geht - im Hinblick auf den moralischen Eigenwert
  34. - von der vollkommenen Gleichheit aller Wesen aus. Und welche moralischen Forderungen folgen aus einer solchen Sichtweise?
  35. Gorke vertritt zwar eine grundlegende, egalitaristische Sichtweise, ist sich jedoch durchaus bewusst, dass es zwischen den unterschiedlichen Wesen Differenzierungen oder Unterschiede geben
  36. muss, was die Stärke der Gebote und Verbote anbelangt: „Das Zermahlen eines Kieselsteines ist nicht von gleicher moralischer Signifikanz (= Bedeutung)
  37. wie die Tötung eines Fischotters. Beide sind zwar gleichermaßen Formen einer prinzipiell rechtfertigungspflichtigen Instrumentalisierung aber Ausmaß und Qualität der dabei verursachten
  38. Zerstörungen sind unterschiedlich. Während sich das Schadensausmaß beim Kieselstein auf seine mineralogische Struktur beschränkt und damit praktisch vernachlässigt werden
  39. kann bzw. muss, stehen beim Fischotter zusätzlich ein hochorganisiertes Leben, ein differenziertes Bewusstsein, eine komplexe Sozialstruktur und eine bedrohte Art auf dem Spiel.“
  40. In diesem Zusammenhang spielt der Gleichheitsgrundsatz eine wichtige Rolle: Gleiches ist gemäß seiner Gleichheit gleich zu behandeln, Verschiedenes je nach Art der Verschiedenheit verschieden.
  41. Gorke ist sich außerdem der Tatsache bewusst, dass unser eigenes Leben ohne Schädigung oder Beeinträchtigung von anderen Wesen und ohne deren teilweise Instrumentalisierung
  42. unmöglich ist. Keine ernstzunehmende Ethik kann und will eine grundsätzliche Selbstaufopferung des eigenen Lebens zugunsten anderer Menschen oder um der Natur willen verlangen. Dies widerspräche
  43. auch der im Holismus ebenfalls geforderten moralischen Achtung gegenüber der eigenen Person. Der Holismus erklärt also nicht jegliche
  44. Nutzung der moralischen Umwelt für moralisch verwerflich. Die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach physischer Unversehrtheit können durchaus ein Eingreifen in die Natur
  45. und die Schädigung anderer Wesen legitimieren. Gorke erweitert Kants Kategorischen Imperativ und formuliert ihn um: „Handle so, dass du alles Seiende niemals nur als Mittel, sondern
  46. immer zugleich als Selbstzweck gebrauchest.” Oder präziser und ausführlicher ausgedrückt: „Du kannst als Handelnder um des eigenen Lebens und Überlebens willen zwar nicht umhin,
  47. andere Wesen und Gesamtsysteme immer wieder für deine Zwecke zu instrumentalisieren, aber tue dies wenigstens so wenig und schonend wie möglich!”
  48. Das oberste Moralprinzip der holistischen Ethik Gorkes besagt also: „Instrumentalisiere andere Wesen und Gesamtsysteme so wenig und schonend wie möglich!“ (Gorke 2010, 113)
  49. Doch wie genau kann dieses Moralprinzip umgesetzt werden? Gorke entwickelt ein zweistufiges holistisches Ethikkonzept, um in Entscheidungssituationen
  50. gut handeln zu können. Er stellt zunächst auf einer ersten Stufe, der Stufe der absoluten Ethik, vier Grundregeln auf, die einzuhalten sind: das Prinzip des
  51. Nicht-Schadens, das des Wohltuns, das des Nicht-Einmischens und das der wiederherstellenden Gerechtigkeit. Dennoch kommt es immer wieder zu Konfliktsituationen
  52. zwischen Mensch und Natur. Auch der rücksichtsvollste Mensch kann eine Beeinträchtigung oder gar Tötung nichtmenschlicher Lebewesen nicht vollständig vermeiden. In solchen Konfliktsituationen
  53. ist laut Gorke ein Handeln zu Lasten der Natur ethisch umso weniger rechtfertigbar, je weniger es sich auf grundlegende menschliche Bedürfnisse und existenzielle Notwendigkeiten berufen
  54. kann. Man darf im Holismus ein Cholerabazillus aus Notwehr bzw. zur Nothilfe abtöten, jedoch keinen Froschtümpel planieren, um dort einen
  55. Fußballplatz zu errichten. Luxusinteressen des Menschen dürfen gegenüber den existenziellen Interessen anderer Arten keinen Vorrang haben. Jede moralische Pflicht gilt zunächst nur
  56. prima facie, also auf den ersten Blick. Sie wird erst dann zu einer tatsächlichen Pflicht, wenn sie sich nach Abwägung mit konfligierenden Pflichten als vorrangig erwiesen hat.
  57. Da ein menschliches (Über-)Leben nicht ohne die Schädigung und die Nutzung unserer Umwelt möglich ist, schlägt Gorke im Falle von Pflichtenkollisionen und zu deren fairer Lösung
  58. auf der zweiten Ebene - der Ebene der relativen Ethik - vier Vorrangregeln vor: das Prinzip der Selbstverteidigung, das der Verhältnismäßigkeit, das des kleinsten moralischen Übels und das
  59. der Verteilungsgerechtigkeit. Es geht hier darum, die eigene „Schuld“ gegenüber der Natur möglichst gering zu halten. Jeder Eingriff in die Natur muss daraufhin überprüft
  60. werden, ob er nicht auch unterbleiben oder auf schonendere Art durchgeführt werden könnte. Nach dem Prinzip der Selbstverteidigung darf man beispielsweise einen gefährlichen Aggressor
  61. abwehren oder sogar vernichten, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, das eigene oder fremdes Leben zu retten. Nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit
  62. sollten Belange anderer Naturwesen und Gesamtsysteme nur dann verletzt werden, wenn existenzielle menschliche Interessen dies unumgänglich machen. Randständige Interessen oder „Luxusinteressen"
  63. sollten gegenüber existenziellen Belangen dagegen grundsätzlich zurückstehen. Nach dem Prinzip des kleinsten moralischen Übels muss vor jeder Durchsetzung grundlegender
  64. und erst recht nicht grundlegender, aber für das menschliche Selbstverständnis zentraler Interessen sichergestellt sein, dass das dabei in Kauf genommene moralische Übel so klein
  65. wie möglich gehalten wird. Und nach dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit muss bei einem Konflikt zwischen den grundlegenden Interessen des Menschen und den grundlegenden
  66. Interessen anderer Arten um Lebensraum und Ressourcen allen Parteien ein Anteil zugesprochen werden, der nach Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes als gerecht einzuschätzen ist.
  67. Gorke ist einer der wenigen Umweltethiker, der einen konkreten Kriterienkatalog mit 15 Abwägungskriterien erarbeitet hat, um sich in Konfliktsituationen für die am wenigsten
  68. schlechte Variante entscheiden zu können. Hierzu werden handlungsbezogene, objektbezogene und kontextbezogene Kriterien herangezogen, anhand derer sich die Verhältnismäßigkeit
  69. und das kleinste moralische Übel ermitteln lassen. Mit Hilfe dieser Kriterien kann sich die handelnde Person für jene Handlungsoption entscheiden, welche die geringste moralische
  70. Schuld bedeutet. Diese Abwägungskriterien ermöglichen moralisch richtige Entscheidungen bei Pflichtenkollisionen und ein verantwortliches Handeln im Alltag.
  71. Gorke versteht seine Ethik in Anlehnung an Albert Schweitzer als eine Art ‘Kompass’, der dem verantwortungsbewussten Menschen zwar die Richtung weist, ihm aber nicht die Pflicht
  72. abnimmt, im Alltag selbst immer wieder neue Einzelentscheidungen zu treffen und zu verantworten. Der Holismus steht im krassen Gegensatz zum Anthropozentrismus und versteht sich auch
  73. explizit als dessen Gegenposition. Die Natur hat im klassischen anthropozentrischen Weltbild einen rein instrumentellen Wert und dient dem Menschen nur als Lieferant von Ressourcen.
  74. Der Holismus möchte diese Weltsicht ändern und einen grundlegenden Einstellungswandel bewirken. Indem die holistische Umweltethik der gesamten
  75. Natur einen moralischen Eigenwert zubilligt, relativiert sie die klassische Ressourcenperspektive. Zwar muss der Mensch Naturwesen wie Tiere, Pflanzen, Mineralien, Wälder und Meere auch
  76. weiterhin als Ressource nutzen, aber sie sind nicht mehr ausschließlich Ressourcen, sondern gleichzeitig Subjekte mit einer eigenen Wirklichkeit, die aus sich heraus Rücksicht und Respekt
  77. verdienen. Durch diese veränderte Perspektive möchte der Holismus einen grundlegenden Bewusstseinswandel anregen, welcher seiner Ansicht nach angesichts
  78. der ökologischen Krise nötig ist. Eine anthropozentrische Argumentation für Naturschutz ist laut Gorke kontraproduktiv. Denn argumentiert man in Naturschutzfragen
  79. ständig mit dem Eigennutz für den Menschen, so verfestigt sich die Haltung, dass die Natur einen rein instrumentellen Wert für den Menschen hat.
  80. Ein ohnehin schon exzessives Nutzendenken wird damit in der Gesellschaft noch weiter verstärkt. Mit dem Appell an den individuellen Eigennutz
  81. lassen sich im Naturschutz langfristige Anliegen wie etwa die Schonung der tropischen Regenwälder nicht besonders überzeugend oder motivierend rechtfertigen.
  82. Erkennt man jedoch der Natur selbst einen moralischen Status zu und rechtfertigt damit aus sich heraus ihren Schutz, so ist kein komplizierter, theoretischer Gedankengang
  83. nötig. Dass man die Natur schützen muss ist unmittelbar einsichtig. Gegen eine anthropozentrische Betrachtungsweise sprechen auch heutige wissenschaftliche Einsichten
  84. über die Stellung des Menschen im Kosmos. Die anthropozentrische Ethik entstand in einer Zeit, in der ein aus heutiger Sicht überholtes Weltbild herrschte: Der Mensch war das Zentrum
  85. der Welt und die Natur war für seine Zwecke konzipiert. Heute wissen wir durch die Astronomie, dass der Mensch nicht im Zentrum des Universums
  86. steht, sondern der Planet Erde im äußeren Bereich einer 100 Milliarden Sonnen umfassenden Spiralgalaxie kreist, die selbst nur eine von schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien
  87. ist. Die Evolutionsbiologie hat uns gezeigt, dass alle Lebewesen, einschließlich des Menschen, nicht in 6 Tagen getrennt voneinander erschaffen wurden, sondern durch Evolution über die
  88. Mechanismen der zufälligen Erbgutänderung (Mutation) und Auslese (Selektion) aus gemeinsamen Vorfahren hervorgegangen sind. Durch die Ökologie wissen wir, dass die Menschheit keine ‘geschlossene
  89. Gesellschaft’ darstellt, sondern mit Tieren, Pflanzen, Ökosystemen, Gewässern und Böden in enger Wechselwirkung steht. Die Welt ist also ganz offensichtlich nicht
  90. nur für den Menschen gemacht und die Natur ist nicht nur zum Nutzen und zur seelischen Erbauung des Menschen konzipiert. Der moralische Standpunkt verlangt von uns,
  91. der gesamten Natur in gleichem Maße gerecht zu werden. Der Holismus möchte die Egoperspektive verlassen, in der uns andere Naturwesen nur als „Umwelt“
  92. erscheinen und nicht als sie selbst. Betrachten wir die Welt mit Hilfe unserer Vernunft aus einer „absoluten“ Perspektive, so relativiert sich unsere Egozentrik und
  93. wir erkennen, dass andere Objekte – genauso wie wir selbst – eigenständige Subjekte und damit auch Gegenstände moralischer Verantwortung sind.
  94. Es ist nicht verwunderlich, dass eine solch umfassende Ethik wie der Holismus für viele Menschen eine Zumutung darstellt. Schließlich war unser abendländisches Denken mehr als
  95. 2500 Jahre lang vom Anthropozentrismus geprägt: Moralische Pflichten konnte es nur gegenüber Menschen (oder Gott) geben. Es erscheint zunächst kontraintuitiv, dass
  96. selbst Steine (oder Laub, Wasserfälle usw.) direkt moralisch berücksichtigt werden sollen. Die Idee, dass eine unbelebte individuelle natürliche Entität wie ein Stein oder ein
  97. Wasserfall moralischen Eigenwert haben könnte, erscheint vielen absurd. Lebewesen ohne Bewusstsein oder gar unbelebten Seinsarten wie Wanderdünen und Steinen oder Ganzheiten wie Ökosystemen
  98. und Arten kann man nach Meinung dieser Kritiker kein Unrecht tun. Eine Ethik, in welcher alle natürlichen Seinsarten in die Moralgemeinschaft aufgenommen werden und die auch Rücksicht
  99. gegenüber Naturobjekten einfordert, die keine Interessen im weitesten Sinne haben, ist ihrer Ansicht nach rational nicht zu rechtfertigen. Ein moralisches Kriterium, welches auf allem
  100. Existierendem basiert, ist derart umfassend, dass es praktisch nichts mehr aus der Moralgemeinschaft ausschließt. Eine solch allumfassende umweltethische Konzeption
  101. läuft damit auf eine Vielzahl von nahezu unauflösbar erscheinenden moralischen Konflikten hinaus. Dies erscheint vielen Menschen, zumindest auf den ersten Blick, fragwürdig und löst
  102. das Gefühl einer moralischen Ohnmacht aus. Eine weit verbreitete Kritik am Holismus besagt, dass eine solche umfassende umweltethische Position gar nicht notwendig ist. Nach der
  103. so genannten Konvergenzhypothese lässt sich nämlich jedes wichtige Naturschutzziel auch anthropozentrisch - über einen aufgeklärten Eigennutz - begründen. Eine wirklich relevante
  104. Schädigung der Natur bringt immer auch Nachteile für den Menschen mit sich und sollte daher ganz einfach aus Eigeninteresse unterlassen werden. Der Holismus ist nach dieser Auffassung
  105. überflüssig. Was hältst du persönlich vom Holismus? Ist tatsächlich ein grundlegender Einstellungswandel nötig? Und: Findest du Gorkes zweistufige
  106. holistische Ethik praktikabel? Scheibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset „Holismus“ kannst
  107. du dein Wissen jetzt überprüfen und vertiefen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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