David Steindl-Rast: Was ist der Sinn des Lebens? | Sternstunde Religion | SRF Kultur SRF Kultur Sternstunden https://www.youtube.com/watch?v=3rLNALMh_yk Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Er gilt als einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart. Er ist Benediktiner-Mönch, Zen-Meister 0:06 und nennt die Dankbarkeit sein Lebensthema: Bruder David Steindl-Rast. 0:11 Wir besuchten ihn im Kloster nahe Salzburg. Willkommen zur "Sternstunde Religion". 0:19 Mit Untertiteln von SWISS TXT Danke, dass du uns hier empfängst, im Kloster. 0:25 Hier ist man per Du, deswegen spreche ich dich als Du an. Du wirst in diesem Jahr 98 Jahre alt. 0:33 Wie schaust du selber zurück auf fast 100 Jahre Erdgeschichte? Wenn ich auf die Entwicklung der Welt 0:44 während meines Lebens zurückschaue, dann sehe ich: 0:49 Das Wesentlichste, das sich verändert hat, ist, dass die Ehrfurcht verloren vergangen ist. 1:01 In meiner Kindheit konnte man das einfach voraussetzen. Man hat gar nicht darüber nachgedacht. 1:10 Das war vorausgesetzt. Das war das Wasser, in dem wir als Fische geschwommen sind, 1:18 dass man vor dem Leben Achtung hat. Und man hat von Gott gesprochen. 1:25 Ich bin nicht dafür, von Gott zu sprechen. Das führt nur zu Missverständnissen. 1:30 Aber ich erzähle das. In meiner Jugend hat praktisch jeder hier und da von Gott gesprochen. 1:42 Und wenn Gott erwähnt wurde, hat man das gemeint, was uns als Menschen verbindet und wovor man Ehrfurcht hat. 1:52 Das ist ja spannend, was du sagst. Du bist 1926 in Wien geboren. 1:58 Dann wurdest du später eingezogen im Zweiten Weltkrieg, hast acht Monate dort gedient und bist dann untergetaucht. 2:06 Du sagst aber trotzdem, in deiner Zeit gab es mehr Ehrfurcht vor dem Leben, 2:11 ausgerechnet in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das ist, wie ich sage, im Laufe meines Lebens zusammengebrochen. 2:23 Und zusammengebrochen ist es erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn man Hitler hört, spielt er ja immer darauf an. 2:36 In jeder seiner Reden erwähnt er Gott. Und das ist damals nicht so irgendwie aufgefallen. 2:48 Uns, die gegen ihn waren, ist aufgefallen, dass er das eben als Mittel verwendet. 2:58 Wir haben uns darüber geärgert. Aber für die Massen war das völlig angepasst. 3:07 Wenn heute jemand Gott erwähnt in einer politischen Rede, wundert man sich: "Wovon redet denn der?" 3:19 Wenn du das so skizzierst, dann klingt das nicht, als würdest du optimistisch auf unsere Welt schauen. 3:25 Weshalb konntest du denn so alt werden? Ich glaube, mit Optimismus oder Pessimismus hat das nichts zu tun. 3:34 Sondern? - Ich möchte kein Pessimist sein. Aber ich möchte auch kein Optimist sein. 3:39 Denn die Pessimisten sagen, wie es heisst, dass sie ja selber Optimisten sind, nur mit besserer Information. 3:48 Also ich möchte Realist sein. - Mhm. Und Realist mit Hoffnung. 3:58 Und Hoffnung im spirituellen Sinn ist etwas ganz anderes als Hoffnungen, die man hegt. 4:08 Die Hoffnungen beziehen sich immer auf etwas, das man sich vorstellen kann. 4:16 Aber Hoffnung ist Offenheit für Überraschung. Das ist meine Definition von Hoffnung: 4:24 Offenheit für Überraschung. Das Überraschende ist immer etwas, das man sich nicht vorstellen kann. 4:31 Also ich kann mir nicht vorstellen, wie es in dieser verfahrenen Welt, in der wir heute leben, 4:42 überhaupt weitergehen kann. Ich kann es mir nicht vorstellen. - Aber ... 4:48 Aber ich bin voll Hoffnung, dass es weitergehen wird, weil immer wieder Überraschungen kommen. 4:56 Und das ist auch in meinem eigenen Leben so, dass immer wieder Überraschungen gekommen sind. 5:02 D.h., Bruder David ist voll unkonkreter Hoffnung. Das trägt ihn weiter. - Ja. 5:08 Konkrete Hoffnung ist ja gar keine Hoffnung. Das sind ja nur Hoffnungen, und die werden immer zerschlagen. 5:16 Mhm. - Das wissen wir aus Erfahrung. Wenn ein langes Leben wie meines etwas zeigt, 5:22 dann, dass Hoffnungen früher oder später zerschlagen werden. Aber wenn Hoffnungen zerschlagen werden, 5:30 schenkt uns das Leben etwas Besseres. Und das habe ich auch gelernt: Lebensvertrauen. 5:39 Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk. Man wundert sich, dass man noch einmal aufwacht. 5:46 Aber jeder Tag vermehrt das Vertrauen ins Leben. Denn es zeigt immer wieder, dass, wenn etwas schiefgeht, 6:02 das Leben damit plant und noch etwas Besseres zu geben hat und noch etwas Besseres. 6:10 Ich habe davor auch gefragt, ob du eine Ahnung hast, weshalb du so alt wurdest. 6:15 Denn du hast dich ja viel mit dem Buddhismus beschäftigt und mit anderen Religionen. 6:20 Im Buddhismus gibt es diese Haltung des Anfängergeistes, dass man Dinge jedes Mal so tut, als würde man sie das erste Mal tun. 6:29 Ich führe auch dieses Gespräch, als hätte ich noch eines geführt. Wir haben auch noch nie ein Gespräch geführt. 6:35 Und das soll dazu führen, dass der Alltag nicht abnutzt in einer Gewohnheit 6:40 und dass man sich eine Ursprünglichkeit erhalten kann. Ich nehme das Altwerden einfach als ein Geschenk des Lebens hin, 6:53 das zugleich Gabe und Aufgabe ist. Aber einen Grund dafür zu finden, das liegt mir nicht sehr nahe. 7:06 Aber wenn du das schon so sagst, Olivia, ein kindliches Gemüt oder einen kindlichen Geist 7:14 habe ich immer gehabt. Ich kann jetzt noch wie ein Kind spielen und mich freuen. 7:22 Ich glaube ... Na, vielleicht ist es auch nicht so allgemein. 7:30 Vielleicht ist es schon besonders. Aber das ist eigentlich auch ein Geschenk des Lebens. 7:35 Dieses Bewusstmachen dieses Wunders Leben kann man gut machen, wenn man zurückgezogen in einem Kloster lebt. 7:42 Ich lebe in keinem Kloster. Ich führe einen regulären Alltag, 7:46 gehe in mein Büro, mache Sendungen. Die meisten Leute da draussen, die uns zuschauen, leben so wie ich. 7:54 Wie können sie diese Haltung in ihr Leben einbauen? Aufs Leben hinzuhorchen, Augenblick für Augenblick, 8:04 und dem Leben zu antworten, ist ein Grundsatz, der überhaupt nicht von den Lebensumständen abhängt. 8:14 Wenn du z.B. in der Früh aufwachst und deinen Tagesplan anschaust, kannst du das mit der Haltung tun: 8:28 "Aha, das und das schenkt mir heute das Leben." "Das und das verlangt das Leben von mir." 8:35 Du hast ein Gegenüber, das Leben ist dein Gegenüber. Es lebt dich. Du lebst ja nicht. 8:43 Wenn wir uns fragen, ob wir das Leben haben oder ob das Leben uns hat, 8:50 hat das Leben entschieden uns. Und trotzdem können wir uns dem Leben gegenüberstellen. 9:01 Es ist etwas sehr Geheimnisvolles eigentlich, sehr tief. Wir sind das Leben, das Leben lebt uns, 9:10 und wir sind im Dialog mit dem Leben. Und wir müssen immer hinhorchen. 9:18 Denn wir können ja auch unseren ganz eigenen Weg gehen, einfach taub und schlafwandlerisch. 9:26 Das ist auch möglich. Man leidet dann nur als Menschen. Aber das gesunde Menschenleben ist, dass wir hinhorchen: 9:37 "Was will das Leben jetzt von mir?", und es dann tun. Aber immer auch zugleich: "Was schenkt mir jetzt das Leben?" 9:47 Das Leben schenkt uns in jedem Augenblick so viel mehr, als wir erwarten oder erwarten dürften. 9:57 Du sprichst immer wieder vom Leben, als wäre es ein Subjekt. "Was will das Leben von mir?" - Ja, ja. 10:04 Was heisst das, was ist das Leben für dich? Dahinter steht mein Verständnis vom Leben. 10:20 Es i s t ein Subjekt. Es ist unser grosses Du. 10:27 Und es ist das Es, das geheimnisvolle Es, das alles gibt. 10:35 Es gibt das und das, es gibt sogar mich. Was ist dieses Es? - Mhm. 10:43 Es ist völlig geheimnisvoll. Es ist das Herzstück des Lebens, die Mitte des Lebens. 10:54 Und wir stehen auch ständig im Dialog. Wenn du dir das vergegenwärtigst, wenn du über dein Leben nachdenkst, 11:10 ist dein Leben ja nicht eine Reihe von zusammenhängenden Episoden. Du weisst, du hast eine Lebensgeschichte. 11:23 Und dass diese Geschichte eine Geschichte ist, setzt voraus, dass du sie jemandem erzählst. 11:32 Eine Geschichte wird erzählt. - Auch sich selber. Du erzählst sie dir selber 11:38 und erzählst sie aber auch jemand anderem. Denn du stehst diesem grossem Du gegenüber, 11:46 das ich das Leben nenne. Man kann es auch, sehr vorsichtig, 11:52 und ich würde es kaum erwähnen, Gott nennen. Wieso hast du grosse Zurückhaltung, es Gott zu nennen? 12:00 Weil das Wort Gott so missbraucht und so missverstanden wird, dass es nur zu weiteren Missverständnissen führt. 12:10 Ausser man weiss genau, mit wem man spricht. Und in einem Interview ist das nicht der Fall. 12:16 Weil man nicht weiss, wer zuhört. - Ja, ja. Aber man kann es das grosse Geheimnis des Lebens nennen, 12:25 das grosse Geheimnis im Herzen des Lebens. Wir können selber eigentlich nur "Ich" sagen, 12:41 weil es ein Du gibt. Und diesem Du wollen wir unsere Lebensgeschichte erzählen. 12:53 Und kein menschliches Du versteht es. Je mehr man jemanden liebhat, 13:00 umso mehr will man ihm seine Lebensgeschichte mitteilen. Und umso schmerzlicher ist es auch, 13:08 das können alle Menschen nachvollziehen, dass immer etwas übrigbleibt. 13:14 Irgendwo bleibt die Grenze des Sagbaren. - Genau. Und das erkläre ich mir, das verstehe ich in dem Sinne, 13:22 dass unser eigentliches Du nicht n e b e n den anderen, sondern i n allen anderen ist. 13:31 Und diese alle anderen umfassende Du ist eben dieses grosse Geheimnis, mit dem wir in Beziehung stehen als Mensch. 13:41 Wenn du jetzt von der Lebensgeschichte sprichst, schauen wir doch ganz kurz zurück in deine eigene Lebensgeschichte. 13:50 Du hast in Wien Anthropologie und Psychologie studiert. Du hast auch in Psychologie promoviert. 13:56 Du bist dann deiner Familie in die USA nachgereist, 1952 ins Kloster Mount Saviour nahe New York eingetreten. 14:04 Ich habe in einem alten Interview von dir gehört, wie du gesagt hast: Damals hättest du entschieden, ins Kloster einzutreten, 14:13 weil du Zeit haben wolltest, dich den wichtigsten und letzten Fragen zu widmen. 14:19 Das stimmt. - Was waren denn diese Fragen? Oder: Sind sie dieselben Fragen geblieben? 14:26 Ich glaube schon. Die Fragen habe ich ja nicht formuliert, 14:33 sondern es ist eine fragende Haltung dem Leben gegenüber. Und da gibt es viele verschiedene fragende Haltungen. 14:46 Ein Wissenschaftler spezialisiert sich auf Fragen, die auch das Leben betreffen, aber sein bestimmtes Fach. 14:55 Und jeder Mensch hat seine bestimmten Fragen. Aber mein Interesse, wie ich gesagt habe, 15:04 war immer auf das Grosse gerichtet, auf das Letzte, immer noch mehr, noch tiefer und noch zusammenfassender. 15:14 Schon von Anfang an. Um dich damit zu beschäftigen, hast du dich teilweise zurückgezogen, 15:21 hast insgesamt zehn Jahre als Eremit, also Einsiedler, gelebt. Erzähl mal etwas darüber. 15:29 Ich kann mir vorstellen, für die Leute heutzutage, die ständig vor dem Bildschirm sind, sich ablenken usw., 15:36 wäre das eine krasse Konfrontation, plötzlich nichts mehr zu haben. Ja, ja. - Etwas, das sie nach aussen bringt. 15:46 Ja, ja. Ich war lange Zeit in einem Kamaldulenser-Kloster in Big Sur in Kalifornien. 15:54 Und das ist sehr schön gelegen und sehr abgelegen und eine wunderschöne Gegend. 16:01 Und dort sind immer wieder Leute da, die auf Einkehrtage kommen. Und wenn Leute zum ersten Mal gekommen sind, 16:13 haben wir ihnen immer gesagt: "Bleiben Sie nur ein, zwei Tage und schauen Sie sich's einmal an." 16:20 Manchmal haben Leute gesagt: "Nein, ich möchte für eine Woche kommen." Und nach dem dritten Tag 16:27 sind sie in Panik abgefahren und haben gesagt: "Diese Stille ertrage ich nicht." - Ja. 16:34 Also da hast du vollkommen recht. - Du lachst. Aber zur Balance, zur Ausgewogenheit 16:44 sollte jeder Mensch schauen, was er braucht. Und irgendwann am Tag sollte er eine kurze Zeit finden. 16:55 Es brauchen ja nur ein paar Minuten sein. Viele Leute finden eine halbe Stunde morgens oder abends. 17:03 Oder manche können sich das in der Mittagspause einteilen. Einfach still sein, einfach die Gedanken kommen und gehen lassen 17:16 und nicht anhängen, einfach frei sein. Es ist natürlich noch immer ein kleiner Prozentsatz, 17:26 aber viele Menschen entdecken auch, dass man in Klöster gehen kann in unserer Welt 17:33 und dort eine kurze Zeit verbringen kann. Eine Woche oder ein paar Tage oder auch länger. 17:41 Das ist schon hilfreich. Was, würdest du sagen, 17:46 hat diese Zeit in der Einsiedelei in dir bewirkt? Platon spricht davon. 18:01 Auch Plotinus, glaube ich. "Allein mit dem Alleinigen." - Mhm. 18:08 Wenn man es in Worte fassen könnte, wäre es schon nicht mehr das Richtige. 18:17 Einfach eine Konfrontation mit dem grossen Geheimnis des Lebens. Aber nicht irgendwo anders, sondern im Zähneputzen, 18:30 im Gehen, im Sitzen, im Vor-sich-hin-Träumen. Das ist spannend, weil gewisse Leute würden sagen, 18:41 so ein Rückzug ist eine Realitätsflucht. Und du würdest sagen, es ist gerade das Gegenteil. 18:48 Natürlich. - Es ist Konfrontation. Genau das Gegenteil. 18:52 Es ist eine Konfrontation mit der Wirklichkeit. Das andere ist eine Flucht vor der Realität. 19:00 Aber es ist ein enormer Luxus. Und wir wissen das ja auch, 19:05 wie dankbar wir sein müssen im Kloster. Der Gründer von meinem Kloster in Amerika hat immer gesagt: 19:14 "Glaubt nicht, dass ihr so besonders seid." "Im Gegenteil: Die anderen können das in der Welt tun." 19:22 "Ihr braucht ein Kloster." - Ja. Ich spreche das auch deswegen an: 19:27 Die meisten Leute, die uns zuhören und zuschauen, die Menschen insgesamt, streben nach Besitz. 19:34 Die wollen eine Wohnung, ein Auto. Sie wünschen sich eine Familie, Mann, Frau, was auch immer. 19:39 Und ich habe in deiner Biografie gelesen, dass du zeitweise, glaube ich, zwölf Kinder haben wolltest. 19:47 Ja, ja. Kannst du dir erklären, warum das für dich an Reiz verloren hat? 19:54 Eigentlich kann ich meine Entscheidung, wenn man das so nennen kann, ins Kloster zu gehen, 20:03 ganz genau auf ein Erlebnis zurückführen. Und davon habe ich auch schon mehrmals erzählt. 20:13 Gleich nach dem Krieg ... Es muss 1946 gewesen sein. - Mhm. 20:25 Da war ich gerade 20. - Mhm. Da war ich in den Sommerferien in Salzburg bei Freunden. 20:36 Ich habe wunderschön gelebt mitten in der Altstadt mit einer Girlfriend ... 20:42 Und das war das erste Mal, dass die Salzburger Festspiele wieder stattgefunden haben. 20:54 Und ich habe Zugang gehabt zu amerikanischen Zigaretten. Ich habe selber nicht geraucht und konnte dadurch überall hinein. 21:06 Man brauchte nur aus der Tasche dieses Kamel herausschauen lassen. Und ich bin mit meiner Girlfriend in die Felsenreitschule gegangen. 21:22 Das war dort, wo die Festspiele waren. Wir waren uns so sicher, 21:27 wir haben in der Garderobe unsere Kleider abgegeben. Dann sind wir zum Parterre gegangen, 21:33 und ich habe dieses Kamel herausschauen lassen. Und ich habe gesagt zum Usher ... 21:40 Ich weiss nicht, wie man auf Deutsch sagt. Der Platzanweiser. - Ah ja. 21:44 Zu dem sagte ich: "Haben Sie vielleicht einen leeren Platz?" "Ja, selbstverständlich." 21:50 Und schon sind wir vorne gesessen. Also es war eine herrliche Zeit. - Mhm. 21:58 Aber ich habe dann zurückgeblickt auf meine Jugend. Und wir waren sehr, sehr glücklich 22:11 trotz Krieg, trotz unserer gefallenen Freunde. Ich habe mehr Freunde gehabt, 22:18 die im Krieg umgekommen sind, als noch gelebt haben. Trotzdem war's wirklich eine freudige Jugend. 22:27 Und in dieser Zeit habe ich mich damals gefragt, warum. Und da ist mir die Antwort klargeworden: 22:36 Weil wir den Tod ständig vor Augen gehabt haben. Diesen Satz habe ich in der Regel des Heiligen Benedikt gelesen. 22:47 Wir haben alles gelesen, wovon wir gewusst haben, dass die Nazis nicht wollten, dass wir es lesen. 22:53 Und die Regel des Heiligen Benedikt war auch so was. Das war ja nur ein ganz kleines Büchlein. 22:59 Und darin ist ein Satz: "Den Tod allezeit vor Augen haben." 23:05 Und als ich das gelesen habe, damals schon, hat mich das bewegt. 23:11 Das war unsere Situation. Und jetzt habe ich darauf zurückgeblickt und mir gesagt: 23:18 "Darum waren wir so glücklich." Denn das hat uns im Augenblick leben lassen. 23:26 Und im Augenblick zu leben, ist die einzige Möglichkeit, glücklich zu sein. 23:32 Denn sonst strebt man ja immer nur den Glück nach oder bedauert, dass man das Glück nicht mehr hat. 23:39 Aber der einzige Augenblick, wo man glücklich sein kann, ist der gegenwärtige Augenblick. 23:46 Und so mussten wir leben. Drum waren wir wirklich glücklich inmitten aller Schwierigkeiten. 23:52 Das ist mir damals klargeworden. Und weil ich es mit dem Satz vom Heiligen Benedikt verbunden habe, 23:59 habe ich mir damals schon gedacht: "Eigentlich sollte ich Mönch werden, sonst geht's bergab." 24:06 Ich wollte aber nicht. Das hat mir sonst gar nicht so gepasst. 24:13 Du bist ja aufgewachsen in einem katholisch geprägten Umfeld mit deiner Mutter, deinen zwei Brüdern. 24:19 Die Eltern haben sich früh getrennt. Du hast früh Literatur gelesen. 24:24 Du hast früh Rilke gelesen. - Und auch eine katholische Schule. Ja. - Die hat mir sehr viel gegeben. 24:31 Die Neulandschule in Wien. - Mhm. Der bin ich ewig dankbar. - Mhm. 24:36 Und wie du sagst: Wir waren schon drauf eingestellt, das war eine Möglichkeit. 24:42 Aber ich bin dann doch sieben Jahre lang davongelaufen. Dann habe ich Kunst studiert. 24:49 Weil ich mich interessiert habe für Kinderkunst, habe ich dann Psychologie studiert und Völkerkunde. 24:58 Primitivkunst und Kinderkunst, das hat alles zusammengehängt. Immer wieder habe ich ein Alibi gefunden. 25:06 Und dann bin ich nach Amerika, wie du auch schon gesagt hast, weil meine Familie eben drüben war. 25:14 Ich war aber drüben sehr unglücklich. Der Kulturschock war entsetzlich für mich. 25:20 Ich wollte ja gar nicht hinüber. Ich bin ja nur wegen meiner Familie hinüber. 25:26 Mir hat's gar nicht gefallen. Und das hat sicher auch dazu beigetragen. 25:37 Das Kloster, das ich dann entdeckt habe, war noch weitaus näher an dem, was ich aus Europa gekannt habe. 25:49 Es wurde auch von einem Europäer gegründet. Ich habe einem Freund gesagt: 25:54 "Weisst du, wenn ich im Mittelalter gelebt hätte, wäre ich ein Benediktiner geworden." 26:03 "Aber die Benediktinerklöster, die ich in Österreich kenne, haben schon eine tausendjährige Tradition." 26:12 "Und ich möchte die Regel des Heiligen Benedikt leben." "Ich möchte zurückkommen auf das Ursprüngliche." 26:18 Und da hat der gesagt: "Komisch, ich habe gerade irgendwo gelesen, 26:23 dass in Elmira, New York, ein Kloster gegründet wurde." "Die wollen zurückkommen auf die ursprüngliche Regel." 26:32 Ich habe es mir sofort am nächsten Tag angeschaut. Nach weniger als einem Tag dort habe ich entschieden: "Das ist es." 26:40 Genau. Aber du hast jetzt zuvor gesagt, dass du die Benediktregel gelesen hast. 26:47 Und von diesem Zeitpunkt an hast du diesen Satz, "den Tod vor Augen haben", 26:54 ein bisschen als Mantra, glaube ich, durch dein Leben mitgetragen. Und ich, als jetzt doch noch relativ junger Mensch, 27:03 habe das Gefühl, vor mir ist der Horizont noch relativ offen. Ich überlege mir, welche Pläne ich noch machen soll, 27:10 wie ich mein Leben auch nutzen soll. Wie geht es dir als bald 98-jähriger Mensch? 27:18 Welche Pläne machst du dir? Machst du dir grössere Pläne, Tag für Tag? 27:24 Wie gehst du damit um? - Manchmal muss man Pläne machen. Z.B.: Unser Interview 27:30 musste ich schon einen Monat früher in den Kalender eintragen. Aber meistens ist nichts drinnen, sondern es kommt Tag für Tag. 27:40 Aber für mich gilt eigentlich immer noch, was auch für mein jüngeres Ich und sicher auch für dich gilt: 27:51 Wenn wir uns fragen, was wir jetzt weitermachen sollen, kommt immer zuerst die Frage: "Was würde mich wirklich freuen?" 28:05 Mhm. - Das ist das Wichtigste. Und das mache ich immer noch. 28:09 "Was würde mich morgen wirklich freuen?" Aber es ist halt schon mehr Gewohnheit geworden. 28:17 Ich brauche das nicht ausdrücklich fragen. Das Zweite ist: "Kann ich es?" 28:24 Wir wünschen uns manchmal etwas, das wir gar nicht können. Fallschirmspringen oder so irgendwas. 28:32 Und die dritte Frage, und die ist die wichtigste, ist: "Wozu bietet mir jetzt das Leben Gelegenheit, 28:41 auf das hinzugehen, was mich am meisten freut?" Und dieses Hinhören, dieses Hinhorchen 28:54 ist was ganz Wichtiges. Ich habe einmal eine Geschichte gelesen. 28:58 Wenn sie nicht wahr ist, ist sie gut erfunden. Jemand hat das gehört und hat gesagt: 29:06 "Was ich mir am meisten wünschen würde, ist, am Meer zu sitzen, zu lesen und sonst wenig zu tun zu haben." 29:20 "Und wie frage ich also jetzt nach, was mir das Leben als Gelegenheit, dorthin zu kommen, bietet?" 29:32 Er hat also die Anzeigen für Berufe in den Zeitungen gelesen und ist Leuchtturmwächter geworden. 29:51 Die kleinen ... - Das ist ein kreativer Umgang. Es sind die kleinen Dinge, die man beachten muss, 29:59 so kleine Schritte auf das hin, was einen am meisten freut. Das erinnert mich an etwas. 30:07 Vor einigen Jahren war der berühmte amerikanische Psychiater Irvin Yalom in dieser Sendung. 30:13 Er hat viel mit sterbenden Patienten gesprochen. Und er hat sich Gedanken darüber gemacht oder das zusammengefasst, 30:21 was für diese Leute ein wertvolles Leben ausgemacht hat. Hören wir ihm kurz zu!^, 30:27 In meiner Therapie verwende ich eine Art Gleichung: Je mehr ungelebtes Leben in uns drinnen ist, 30:39 desto grösser ist der Horror vor dem Tod. Anders gesagt: 30:47 Je mehr wir bedauern, was wir nicht gelebt haben, desto mehr fürchten wir den Tod. 30:52 Wenn wir so ein Gespräch hätten und ich Sie fragen würde, was Sie an Ihrem Leben bereuen, 30:58 würden Sie wohl auf einige Dinge stossen. Und wenn Sie solche Dinge gefunden haben, 31:06 würde ich Ihnen eine weitere therapeutische Frage stellen: "Nehmen wir an, dass wir uns in ein, zwei Jahren wieder treffen." 31:13 "Können Sie mir sagen, was für weitere Dinge Sie in dieser Zeit anhäufen werden, die Sie bereuen?" 31:19 Je nach Ihrer Antwort frage ich Sie dann in diesem Therapiegespräch: "Was können Sie tun, 31:27 um in den nächsten zwei Jahren so zu leben, dass Sie nichts bereuen?" 31:31 Anders gesagt: "Leben Sie das Leben, das Sie leben möchten, und häufen Sie keine Dinge an, die Sie bereuen werden!" 31:38 Wir haben das jetzt gerade gehört. Wie viel unausgeschöpftes Leben gibt es denn in dir, 31:46 würdest du sagen? In dieser Hinsicht habe ich, ehrlich gesagt, nichts zu bereuen. 31:54 Was ich bereue, ist, Menschen beleidigt zu haben, enttäuscht zu haben, 32:06 immer völlig unabsichtlich. Das tut mir leid. 32:16 Denn je älter ich werde, umso klarer sehe ich: Das Einzige, worauf es ankommt, ist, 32:27 liebenswürdig zueinander zu sein und einander Freude zu machen. Jeden Tag, wenn ich die Augen aufschlage, bete ich, 32:39 dass ich die Gelegenheit habe, jemandem Freude zu machen. Das ist schon das Wichtigste. 32:46 Ich habe das auch deswegen mitgebracht, weil ich daran Folgendes interessant finde: 32:51 Ich merke als junger Mensch, der noch sein Leben vor sich hat, dass es vielen Menschen so geht, dass sie Angst haben, 32:58 das Leben auszuschöpfen, zu bereuen, etwas nicht gemacht zu haben. Gerade du verzichtest ja auf viele Dinge, 33:06 auf die ich z.B. nicht verzichte. Hattest du nie diese Angst, 33:11 dass du etwas nicht erlebst in diesem Leben, dass dir etwas entgeht? 33:16 Na ja, wenn wir dankbar leben, dann sind wir so dankbar für das, was uns geschenkt ist. 33:25 Da haben wir keine Zeit und Energie, darüber nachzudenken, was wir sonst noch wollten. 33:32 Aber das ist eine Einstellungssache. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir das Leben ausschöpfen könnten, 33:46 ist das ja so, wie wir es uns vorstellen. Das Leben hat immer andere Pläne. 33:52 Wir sollten denken: "Was bietet mir das Leben?" Das ist das Entscheidende: "Was bietet mir das Leben jetzt?" 34:02 Und das muss man ausschöpfen. Das, was hier erwähnt wurde, 34:07 ist mir in meiner Kindheit schon aufgefallen. Ich habe es auch ausdrücklich ausgesprochen. 34:12 Wenn man sich z.B. auf die Ferien wirklich, wirklich freut nutzt man jeden Tag, auch wenn es regnet usw. 34:23 Wenn dann die Ferien zu Ende sind, ist es leichter, als wenn man sich immer was anderes gewünscht hätte, 34:34 wenn man es nicht ausgeschöpft hätte. Das ist mir damals schon aufgefallen. 34:40 Das gilt nicht nur für die Ferien, sondern eben für das ganze Leben. Sprechen wir jetzt auch ein bisschen über den Tod. 34:49 Du hast in einem der Bücher gesagt: "Wir Menschen sollten darauf hinwachsen, 34:56 am Schluss des Festmahls des Lebens nach vielen Leckerbissen einen Stein zu verschlingen, der den Tod symbolisiert." 35:07 Das hast du irgendwo geschrieben. - Ja, ja. Wie kommst du auf den Stein? Weshalb ist der Tod der Stein? 35:13 Das war im Zusammenhang mit einer Geschichte aus dem Evangelium, 35:21 der sog. Versuchung Jesu. Und die Geschichte erzählt, 35:26 dass Jesus in der Wüste war und 40 Tage gefastet hat. Und als er hungrig war, hat der Versucher ihm gesagt: 35:38 "Wenn du der Sohn Gottes bist, dann sag doch zu diesen Steinen, dass sie Brot werden." 35:47 Die Steine, die so herumliegen, schauen aus wie Brotlaibe, wenn man Hunger hat. 35:53 Und Jesus antwortet darauf: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 36:04 sondern von jedem Wort aus Gottes Mund." Und da habe ich dann gesagt: 36:11 "Offensichtlich sind die Steine in diesem Zusammenhang auch ein Wort aus Gottes Mund." 36:23 "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von jedem Wort aus Gottes Mund." 36:29 Und das zeigt, dass alles ein Wort aus Gottes Mund ist, auch die Steine, 36:35 also alles Angenehme und auch alles Unangenehme. Und wir sollten uns darauf vorbereiten, 36:47 dass sich hier und da in einem Rosinenbrot eine Rosine als Stein herausstellt, wenn wir darauf beissen. 36:58 Das kommt ja öfters im Leben vor. Und am Ende kommt dann der Tod, 37:05 das Sterben, das wir eigentlich nicht wollen. Unser ganzer Leib lehnt sich dagegen auf. 37:13 Und da sollten wir dann schon so in Übung sein, dass wir auch hier wissen: 37:21 Auch dieser grosse Stein ist ein Wort aus Gottes Mund. D.h., wie blickst du deinem eigenen Sterben entgegen? 37:32 Ich habe Angst vor dem Drum und Dran. Mhm. - Das Kranksein. 37:41 Und das Hilflossein. Und sich vielleicht nicht mehr verständlich machen können. 37:49 All die Dinge, die so damit zu tun haben. Vor dem Aufhören dieses physischen Lebens 37:59 habe ich keine Angst. Alles Wichtige in unserem Leben 38:09 gehört ja nicht dem physischen Bereich an. Wenn du ein Haus dein Heim nennst, ist "Heim" nicht etwas Physisches. 38:24 Wenn du übersiedelst, wird das andere dein Heim. Das ist nicht was Physisches. 38:30 Oder Treue, Verantwortungsbewusstsein, das sind nicht physische Dinge. 38:38 Und im Laufe des Lebens fühlt man sich mehr und mehr in diesem Bereich zu Hause. 38:45 Wenn dann das Haus weg ist, weil du stirbst, der Leib weg ist, dann übersiedelst du. 38:57 Wie das geht, habe ich keine Ahnung. Das wissen wir nicht, das gehört dazu. 39:04 Aber dass mit dem Tod nicht alles aus ist, das wissen wir eigentlich. 39:13 Denn vieles gehört uns zu, und wir gehören vielem zu, was eben nicht sterben kann. 39:26 Treue kann nicht sterben als solche. Sogar Liebe kann nicht sterben. 39:33 Was ist es denn an Bruder David, das nicht sterben wird? Das Selbst. 39:42 Also ich verstehe das so: Wir alle, jeder und jede von uns, können "Ich" sagen, 39:51 und trotzdem sind wir ganz verschieden voneinander. Aber wenn wir betonen wollen, wer wir sind, 40:01 sagen wir: "Ich selbst". Mhm. - Und das ist mehr. 40:06 Und dieses Selbst ist unser eigentliches Sein. Und das Selbst ist nur eines. 40:15 Es hat nicht einmal eine Mehrzahl in der deutschen Sprache. Man kann nicht von "Selbsten" sprechen. 40:23 Wir sind also viele Ichs und ein Selbst. Und dieses Selbst ist nicht physisch. 40:33 Und das Selbst überlebt. Wie das ist, weiss ich nicht. 40:37 Aber ich kenne mich ja nicht nur als Ich, leiblich, sondern auch als Selbst, als Ganzes, als mit allen Menschen verbunden, 40:48 als mit allen Tieren verbunden, als mit der Schöpfung verbunden. Dort bin ich eigentlich zu Hause. 40:58 Das ist sicher nachvollziehbar, nicht? Es geht, weil diese Selbsterfahrung eben auch an der Leiblichkeit hängt 41:06 und an dieser Kombination von diesem Selbst und Ich. Aber du klingst sehr zuversichtlich, dass diese Veränderung ... 41:15 Na ja, dem Selbst tut es nichts an, aber das Ich ist weg. Und das ist in meiner gegenwärtigen Erfahrung sehr unangenehm. 41:29 Wir wissen eben nicht, wie's dann ausschaut. Aber das gehört dazu. 41:38 Das Wichtigste für uns ist ja das Selbst. Und dass das nicht verloren geht, 41:45 können wir auch gewissermassen wissen, weil das, was nicht physisch ist, eben nicht sterben kann. 41:55 Wir erleben es nur, wir können nur darüber nachdenken, weil wir eben ein Hirn haben usw. 42:01 Genau, man weiss da auch nie, ob es nicht nur existent ist, weil wir darüber nachdenken, oder? 42:07 Das ist die andere Frage. (Skeptisch) Mmh ... Na ja! 42:18 Dann hätten wir's ja erfunden, dass es nicht unser Leben ist, dass es nicht unser Leben ist. 42:29 Der Irrtum kommt daher, dass wir glauben, dass unser Hirn die Gedanken erzeugt. 42:36 Aber das wird auch selbst von der Wissenschaft ja mehr und mehr hinterfragt. 42:43 Genau. Ich möchte das nicht vertiefen, sondern auf einen anderen Punkt in den letzten 10 Min. kommen, 42:50 auf die Dankbarkeit, die du zuvor genannt hast. Ich habe zu Beginn gesagt, das ist ja ein Lebensthema für dich. 42:57 Du hast sozusagen eine "Bewegung" rund um die Dankbarkeit gegründet. Du warst bei der wohl bekanntesten Talkmasterin der Welt, 43:07 bei Oprah Winfrey, zu diesem Thema. Du hast einen TED-Talk zu diesem Thema gemacht, 43:12 der schon über 3,5 Mio. Aufrufe hat. Viel mehr! - (Lachend) Ja. 43:18 Tut mir leid, wenn ich da untertreibe. Kannst du mir erklären, 43:25 weshalb Dankbarkeit für dich so ein wichtiges Thema geworden ist? Wir kennen alle irgendjemanden, 43:32 der alles hat, was er braucht, und todunglücklich ist. Das sind immer die undankbaren Menschen. 43:39 Und wir kennen auch Menschen, die wirklich leiden und ein schwieriges Leben haben und vor Freude strahlen. 43:47 Das kennst du sicher. - Mhm. Und dann fragen wir uns, warum. 43:53 Sie sind dankbar. Also Glück und Freude im Leben hängt nicht in dem Sinn davon ab, 44:03 dass wir alles haben, sondern dass wir dankbar sind. Die Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Freude. 44:09 Dann lass uns noch ganz kurz, jetzt gegen Ende, Viktor Frankl zuhören. 44:14 Der war ein österreichischer Psychiater. Er ist bekannt geworden durch "... trotzdem Ja zum Leben sagen". 44:20 Er hat vier KZ-Aufenthalte überlebt, die Existenzanalyse begründet, die Logotherapie. 44:25 Ich habe einen kleinen Ausschnitt. - Ja. Ich war am 27. April 1945 44:32 aus meinem letzten KZ in Kaufering, etwa 40 km entfernt von München, befreit worden von texanischen Truppen. 44:42 Und ich habe dann hier in München ein paar Wochen warten müssen, bis ich auf halbwegs legalem Wege nach Wien zurückkehren konnte. 44:52 Und ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte: Jetzt ist ein grosses Ende qualvoller Jahre, 45:01 aber zugleich ein grosser Anfang von etwas, das kaum vorhersehbar war. 45:07 Und als ich daran gedacht habe, was mich in Wien erwartet, sobald ich zurückkommen kann, 45:14 hat mich natürlich eine gewisse Beklemmung erfasst. Ich wusste ja nicht, wer überhaupt noch auf mich warten wird. 45:22 Und es hat tatsächlich niemand auf mich gewartet. Und ich habe ein Gefühl gehabt: 45:28 Entweder nimmt angesichts der Umstände einen Strick und hängt sich auf. 45:35 Oder es gibt irgendwelche Ressourcen in einem, die einen davon abhalten. 45:41 Das war mein bedingungsloser Glaube an einen letzten Sinn, der uns zwar verborgen sein mag, aber er ist da. 45:51 Dieser Sinn lässt sich nun auf dreifache Weise erfüllen. Entweder schöpferisch, 45:58 indem wir ein Werk schaffen, indem wir eine Tat setzen. Oder aber erlebend, 46:06 indem wir die Schönheit der Natur, die Güte eines Menschen erleben oder einen Menschen liebend, ihn in seinem innersten Wesen erleben. 46:18 Und drittens: Wo es notwendig ist, wo die Ursache eines Leidens sich nicht mehr beseitigen lässt, 46:28 kommt es auf Folgendes an: Mit welcher Haltung, mit welcher Einstellung 46:34 nehmen wir dieses Leiden auf uns? Mit Tapferkeit und in Würde. 46:43 Du hast genickt, als du jetzt diesen Einspieler angeschaut hast. Frankl spricht vom bedingungslosen Glauben an einen Sinn, 46:51 auch wenn er verborgen ist. Würdest du das bestätigen, 46:55 dass dann auch die Dankbarkeit und die Frage nach dem Sinn primär eine Frage der Haltung ist? 47:00 Braucht man dafür eine entsprechende Einstellung? Da hast du vollkommen recht, Olivia. 47:07 Das ist eine Haltungsfrage. Es steht noch etwas hinter dem, was Viktor Frankl hier sagt. 47:15 Hinter Dankbarkeit liegt ja noch etwas. Und das ist Lebensvertrauen. - Mhm. 47:22 Wenn wir dem Leben vertrauen, brauchen wir gar nicht ausdrücklich an Dankbarkeit denken 47:28 oder das Wort auch in den Mund nehmen. Lebensvertrauen ist das Entscheidende. 47:35 Und wenn wir dem Leben nicht vertrauen, ist alles schon sinnlos und zu Ende, nicht? 47:44 Das ist deshalb so beeindruckend bei jemandem wie Frankl mit so einer Biografie, 47:48 dass er diese Haltung in sich aufrechterhalten kann. Du hast zuvor gesagt, du verehrst ihn. Weshalb? 47:57 Eben, weil er durchgehalten hat und das Lebensvertrauen behalten hat trotz dieser Schicksalsschläge. 48:05 Das Ärgste war ja: Er hat es nur so kurz erwähnt, 48:09 aber er kommt nach Wien zurück und findet niemanden mehr vor. Genau. Es sind alle weg. 48:15 Trotz all dieser Schicksalsschläge hat er das Lebensvertrauen nicht verloren. 48:22 Und das würde ich jedem Menschen am meisten wünschen: Lebensvertrauen. 48:29 Wenn es gar keinen anderen Grund mehr gibt, ist es ja die Hölle auf Erden, nicht dem Leben zu vertrauen. 48:45 Aber sag mal, gab es für dich in deinem Leben Momente, wo das Lebensvertrauen verloren hast für einen Moment? 48:53 Es wird immer wieder herausgefordert, immer wieder, auch durch kleine Dinge wird es herausgefordert. 49:02 Zum Beispiel? Durch Schmerzen. 49:09 Auch natürlich überhaupt durch die Wege der Menschen, wie Menschen sich benehmen können, dass so etwas möglich ist. 49:20 Mhm. Das Lebensvertrauen wird schon immer wieder herausgefordert. 49:30 Aber wenn ich mir vorstelle, dem Leben nicht mehr zu vertrauen, worauf soll ich denn dann vertrauen? 49:40 Dann verliert ja alles den Sinn. - Mhm. Es geht einfach nur darum, dass man sieht: "So geht's nicht." 49:52 "Ohne Lebensvertrauen geht's nicht." Das wissen wir, das können wir erleben. 49:58 Also versuchen wir, Lebensvertrauen zu schüren, es aufzubauen, zu pflegen. 50:06 Also Lebensvertrauen für sich pflegen. Als letzte Frage vor dem Ende dieses Gesprächs: 50:13 Was würdest du denn Menschen empfehlen oder raten, wie sie es herausfinden, 50:18 was der richtige und wichtige Weg in ihrem Leben ist? Wie sie Lebensvertrauen lernen können? 50:26 Mhm. Durch Dankbarkeit, weil die ist ja ein Ausdruck des Lebensvertrauens. 50:33 Jeden Augenblick hinzuschauen: "Was schenkt mir jetzt das Leben?" Allein, dass ich atmen kann, dass ich lebe, 50:42 das habe ja nicht ich verursacht, gekauft, mir irgendwie ausgesucht. Das Leben lebt mich. 50:53 Wie soll ich ihm dann nicht vertrauen? Damit beenden wir nun das Gespräch. 50:59 Vielen Dank, Bruder David Steindl-Rast. Du hast über den Tod gesprochen. 51:04 Und da würde ich schon noch etwas dazufügen. Mhm. 51:09 Das ist ein Satz, den ich nicht weiter ausführen möchte, aber der von Otto Mauer stammt. 51:22 Das war ein sehr berühmter Prediger in Wien in meiner Jugend, der Künstlermessen gehalten hat. 51:31 Da konnte man alle berühmten Künstler sehen. Manche Leute sind nur dort in die Kirche gegangen, 51:37 weil sie die berühmten Künstler sehen wollten. Und der hat ein sehr tiefsinniges Wort geprägt: 51:45 "Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe." Mhm. 51:54 Und das ist schon etwas, was man nicht weiter breittreten sollte, aber sich überlegen. 52:02 Dann haben wir nun dem Leben und dem Gespräch noch etwas hinzugefügt. Vielen Dank. - Danke dir, Olivia. 52:09 Wofür seid ihr in eurem Leben dankbar? Schreibt es in die Kommentare. 52:13 Wenn ihr noch mehr solche Gespräche sehen wollt, abonniert die Glocke. Und hier drüben findet ihr noch mehr inspirierende Gedanken.