Deutsch · Klasse 11–13 · aktualisiert
Postmoderne und Gegenwartsliteratur erklärt
Gegenwartsliteratur ordnet nach der Zeit, Postmoderne nach der Gestaltung: Du lernst, beide Begriffe zu unterscheiden und neue Texte begründet einzuordnen.
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Kurz gesagt
Gegenwartsliteratur ist ein offener Sammelbegriff für vorwiegend deutschsprachige Literatur seit 1989/1990. Postmoderne bezeichnet eine umstrittene Strömung, die ältere Texte, Stile und Erzählweisen bewusst neu kombiniert. Ein Werk kann zur Gegenwartsliteratur gehören, ohne postmodern zu sein.
Postmoderne und Gegenwartsliteratur überschneiden sich, bedeuten aber nicht dasselbe: Gegenwartsliteratur ist ein offener Sammelbegriff für vorwiegend deutschsprachige Literatur seit 1989/1990. Postmoderne bezeichnet eine umstrittene Strömung, die häufig innerhalb dieses Zeitraums verortet wird und ältere Texte, Stile und Erzählweisen bewusst neu kombiniert. Auf dieser Seite lernst du, beide Begriffe zu unterscheiden, typische Verfahren zu erkennen und eine begründete Einordnung zu formulieren.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir vor, ein Roman ist 2005 erschienen, erzählt von Migration und wechselt ständig zwischen verschiedenen Stimmen. Ist er postmodern, Gegenwartsliteratur oder beides? Für die Antwort musst du zwei Arten der Einordnung unterscheiden. Der entscheidende Unterschied lautet: Gegenwartsliteratur ordnet einen Text zunächst nach seiner Entstehungszeit ein. Postmoderne beschreibt vor allem eine bestimmte Haltung zum Erzählen und typische literarische Verfahren. Ein Werk kann daher zur Gegenwartsliteratur gehören und zugleich postmoderne Merkmale zeigen. Es kann aber auch Gegenwartsliteratur sein, ohne postmodern gestaltet zu sein.
Definition
Gegenwartsliteratur
Gegenwartsliteratur ist ein zeitlicher Sammelbegriff. Gemeint ist hier vorwiegend deutschsprachige Literatur, die seit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 entstanden ist. Weil dieser Zeitraum noch nicht abgeschlossen ist, handelt es sich nicht um eine endgültig abgegrenzte Literaturepoche.
Definition
Postmoderne
Postmoderne bezeichnet eine literarische Strömung nach der Moderne. Ihre genaue Datierung und ihr Status als eigene Epoche sind umstritten. Häufig wird sie ungefähr zwischen 1990 und 2010 beziehungsweise 2011 angesetzt; andere Einordnungen lassen sie früher beginnen.
Merke: Frage zuerst: Wann und in welchem Sprachraum entstand der Text? Frage danach: Wie ist er gestaltet und welche Themen bearbeitet er?
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Postmoderne Texte gehen häufig davon aus, dass Literatur nicht völlig neu beginnen muss. Sie greifen vorhandene Texte, Formen und Stile auf und setzen sie in neue Zusammenhänge. Zwei Formen solltest du unterscheiden: Ein Pastiche ahmt den Stil eines anderen Autors oder Werkes möglichst genau nach. Eine Parodie übernimmt erkennbare Merkmale, verändert den Inhalt aber so, dass das Vorbild komisch, kritisch oder lächerlich wirkt. Weitere häufig genannte Verfahren sind Zeitsprünge und nicht chronologische Handlungen, mehrere Perspektiven oder Erzählstränge, Auslassungen, die du selbst ergänzen musst, Sprachspiele und auffällige Textgestaltung, die Mischung älterer und neuer Formen sowie Figuren, die eher Außenseiter als klassische Helden sind.
Definition
Intertextualität
Intertextualität bedeutet, dass ein Text auf andere Texte verweist, etwa durch ein Zitat, eine Anspielung, eine Collage oder eine Nachahmung des Stils. Der neue Text verändert dadurch oft die Bedeutung des übernommenen Elements.
Definition
Unzuverlässiges Erzählen
Ein unzuverlässiger Erzähler vermittelt Informationen so, dass du seiner Darstellung nicht vollständig vertrauen kannst. Er kann sich irren, etwas auslassen, widersprüchlich erzählen oder Ereignisse verzerren. Du musst Hinweise vergleichen und den Zusammenhang selbst rekonstruieren.
Beispiel: Ein Streit, zwei Versionen
- 1Befund: Ein Roman erzählt denselben Streit zuerst aus Miras, später aus Bens Sicht. Beide behaupten, die andere Person habe begonnen, und die entscheidende Szene fehlt.
- 2Prüfung: Der Perspektivwechsel allein beweist noch keine Postmoderne.
- 3Auswertung: Die widersprüchlichen Berichte und die Auslassung zeigen, dass keine eindeutige Erzählerwahrheit angeboten wird.
- 4Weiter prüfen: Zitiert der Roman außerdem ältere Texte oder mischt er Stile, wird eine postmoderne Einordnung stärker begründet.
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Gegenwartsliteratur besitzt kein einheitliches Thema. Sie verarbeitet Erfahrungen, die Autoren und Leserschaft aus derselben oder einer nahen Zeit kennen; häufige Themenfelder zeigt die Tabelle. Diese Liste ist keine Merkmalsprüfung, die jedes Werk erfüllen muss. Ein historischer Roman kann zur Gegenwartsliteratur gehören, obwohl seine Handlung früher spielt: Maßgeblich ist zunächst, wann der Text entstanden ist. Auch die Formen sind vielfältig. Neben Romanen, Gedichten und Theaterstücken treten etwa Graphic Novels und Netzliteratur. Digitale Medien verändern nicht nur Themen, sondern auch Zugang, Veröffentlichung und Verbreitung. Mehrere Bereiche begegnen besonders häufig: Erinnerungsliteratur verbindet Vergangenheit mit späteren Fragen nach Identität, Verantwortung oder Schuld. Popliteratur greift den Zeitgeist junger Menschen auf und verwendet oft Popkultur, Marken, Musik und Umgangssprache. Interkulturelle Literatur behandelt Erfahrungen von Migration, Fremdheit, Integration und Zugehörigkeit. Kinder- und Jugendliteratur verbindet häufig Unterhaltung mit Orientierung oder Bildung.
Beispiel: Ein 2002 veröffentlichter Roman untersucht, wie eine Familie mit verdrängten Kriegserfahrungen umgeht.
- 1Das historische Thema macht ihn nicht zu einem Werk der Nachkriegszeit.
- 2Sein Entstehungszeitpunkt ordnet ihn zunächst der Gegenwartsliteratur zu; die Verbindung von Vergangenheit und heutiger Identität spricht zusätzlich für Erinnerungsliteratur.
| Themenfeld | Beispiele |
|---|---|
| Teilung und Einheit | Mauerfall, Wiedervereinigung, Leben in der DDR |
| Erinnerung | Nationalsozialismus, Holocaust, Krieg und Nachkriegszeit |
| Ich und Gemeinschaft | Identität, Individualität, Lebens-, Familien- und Beziehungskonzepte |
| Zugehörigkeit | Migration, Fremdheit, Rassismus und Diskriminierung |
| Gesellschaft | Globalisierung, soziale Ungleichheit und Kapitalismus |
| Krisen und Wandel | Terrorismus, Flucht, Klimawandel, Technik und Digitalisierung |
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Eine gute Einordnung besteht nicht nur aus einem Etikett. Sie verbindet überprüfbare Textbeobachtungen mit einer vorsichtigen Schlussfolgerung. Literaturepochen helfen dir, Gemeinsamkeiten zu ordnen, sind aber keine Schubladen mit festen Wänden. Bei Postmoderne und Gegenwartsliteratur ist besondere Vorsicht nötig: Der Beginn der Gegenwartsliteratur wird meist mit 1989/1990 verbunden, doch der Zeitraum ist noch nicht abgeschlossen. Für die Postmoderne werden unterschiedliche Anfänge und Endpunkte genannt; manche Darstellungen behandeln sie als eigene Epoche, andere als Strömung innerhalb der Gegenwartsliteratur. Einzelne Werke können außerhalb einer bevorzugten Datierung liegen und dennoch postmoderne Verfahren zeigen. Verfahren wie Perspektivwechsel oder Intertextualität kommen außerdem nicht nur in postmodernen Texten vor. Eine Periodisierung ist deshalb nützlich, wenn sie Beobachtungen verständlich ordnet, und problematisch, wenn das Etikett die genaue Textanalyse ersetzt. Formuliere Reichweite und Grenze zusammen: „Die Bezeichnung ist hilfreich, weil sie mehrere Verfahren bündelt. Sie bleibt begrenzt, weil Datierung und Merkmalsprofil nicht einheitlich sind.“
Beispiel: Gehe in fünf Schritten vor
- 1Entstehungsdaten klären: Notiere Sprache beziehungsweise Literaturraum und Erscheinungsjahr.
- 2Themen bestimmen: Frage, welche historischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Konflikte der Text behandelt.
- 3Form untersuchen: Achte auf Perspektiven, Zeitstruktur, Erzähler, Sprache und Gattung.
- 4Bezüge prüfen: Suche nach Anspielungen, Zitaten, Stilnachahmungen oder Mischungen verschiedener Formen.
- 5Urteil begrenzen: Erkläre, welche Einordnung gut passt und was offenbleibt.
Merke: Schreibe nicht nur: „Der Text ist postmodern.“ Schreibe: „Der Text zeigt postmoderne Merkmale, weil …“ und nenne konkrete Beobachtungen.
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Alles auf einen Blick
Postmoderne und Gegenwartsliteratur
Gegenwartsliteratur
offener Zeitraum seit 1989/1990
Postmoderne
umstrittene Strömung und Gestaltungsweise
Verfahren
Intertextualität, Perspektivwechsel, Zeitsprünge, Sprachspiel
Themen
Erinnerung, Identität, Migration, Digitalisierung, gesellschaftliche Krisen
Formen
Roman, Lyrik, Drama, Graphic Novel, Netzliteratur
Analyse
Entstehungszeit, Thema und Form mit Textbelegen verbinden und das Urteil begrenzen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Aufgabe: Ordne einen deutschsprachigen Roman von 2004 ein. Er erzählt nicht chronologisch, lässt eine Schlüsselszene aus, spielt mehrfach auf ein älteres Märchen an und handelt von einer Figur zwischen verschiedenen kulturellen Zugehörigkeiten.
- 1Entstehungsdaten: deutschsprachig, 2004 erschienen; das spricht für Gegenwartsliteratur.
- 2Thema: Die Identitätssuche zwischen Kulturen passt zu einem häufigen Gegenwartsthema.
- 3Form: Nicht chronologisches Erzählen und die ausgelassene Schlüsselszene sind Hinweise auf postmoderne Verfahren.
- 4Bezüge: Die Anspielungen auf ein älteres Märchen zeigen Intertextualität.
- 5Begrenztes Urteil: Der Roman lässt sich als Gegenwartsliteratur mit postmodernen Merkmalen einordnen. Die Merkmale beweisen aber keine allgemein verbindliche Epochengrenze.
Fehler finden
Ella ordnet einen Roman von 2015 ein. In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 4Das Erscheinungsjahr belegt keine postmodernen Verfahren, und die Form spricht sogar dagegen. Richtig: Urteil: Der Roman ist Gegenwartsliteratur; postmoderne Merkmale sind nach diesen Befunden nicht belegt.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Gegenwartsliteratur ordnet einen Text nach seiner ein. Postmoderne beschreibt vor allem typische des Erzählens. Ein erkennbarer Bezug auf einen anderen Text heißt allgemein .
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Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
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