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Under der linden

Under der linden (Lachmann 39,11) ist ein Lied von Walther von der Vogelweide. Es thematisiert das Liebeserlebnis eines Mädchens mit ihrem höfischen …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Einordnung
  2. 2. Inhalt und Aufbau
  3. 3. Sprache und zentrale Deutungsfrage
  4. 4. Ausgaben und ergänzende Materialien

Gegenstand und Einordnung

„Under der linden“ (Lachmann 39,11) ist ein Lied des mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide. Es erzählt von einem Liebeserlebnis eines Mädchens mit ihrem höfischen Geliebten in der freien Natur. Ein zentraler literarischer Topos ist der locus amoenus, also ein besonders schöner, idyllischer Ort.

Das Lied gehört zu Walthers sogenannten „Mädchenliedern“ und gilt als deren bekanntestes. Diese Lieder lösen zeitlich wahrscheinlich die Phase seiner Jugendlieder ab, die stark vom klassischen Minnesang geprägt war. Im Mittelpunkt des klassischen Ideals der „Hohen Minne“ steht die unerfüllte Liebe eines Ritters zu einer höhergestellten Dame. Walther stellte dieser Vorstellung die „Niedere Minne“ und schließlich die „ebene Minne“ gegenüber: eine erfüllte Liebe zwischen gleichberechtigten Partnern. „Under der linden“ gestaltet ein solches persönliches und erfülltes Liebeserlebnis aus der Perspektive des Mädchens.

Inhalt und Aufbau

In der ersten Strophe erinnert sich das Mädchen an den Ort des Treffens: Unter einer Linde auf einer Heide lag das gemeinsame „Bett“ aus Blumen und Gras. Der Platz befindet sich vor einem Wald in einem Tal. Der Gesang der Nachtigall wird durch das lautmalende Wort „tandaradei“ wiedergegeben. Der locus amoenus erscheint damit als natürlicher, geschützter und schöner Raum für die Begegnung.

In der zweiten Strophe berichtet das Mädchen, dass es zu einer Au, also zu einem wasserreichen Wiesenland oder einer Wiese in der Nähe eines Gewässers, kam. Ihr „friedel“, ihr Geliebter, war bereits dort. Er empfing sie, und sie erklärt, dadurch für immer glücklich zu sein. Auf die Frage, ob er sie geküsst habe, antwortet sie: „Wol tûsentstunt“ – wohl tausendmal. Als sichtbares Zeichen der Begegnung nennt sie ihren roten Mund.

Die dritte Strophe beschreibt, wie der Geliebte aus Blumen ein prächtiges Bett bereitet hatte. Noch immer wird herzlich darüber gelacht, wenn jemand denselben Weg entlangkommt. An den Rosen kann man erkennen, wo der Kopf des Mädchens lag. Die Blumen bewahren somit eine Spur des geheimen Treffens.

In der letzten Strophe betont das Mädchen die Heimlichkeit der Beziehung. Wenn jemand wüsste, dass der Geliebte bei ihr lag, würde sie sich schämen. Was zwischen ihnen geschah, soll niemand erfahren außer den beiden selbst und einem kleinen Vöglein. Dieses Vöglein, begleitet vom wiederkehrenden „tandaradei“, wird als verschwiegen und treu dargestellt. Der Text deutet die körperliche Nähe an, ohne sie ausdrücklich zu benennen.

Sprache und zentrale Deutungsfrage

Die Sprache des Liedes ist mittelhochdeutsch. Einige wichtige Wörter und Wendungen sind: „dâ“ = da, „mugen“ = können, „ouwe“ = Au, „friedel“ = Geliebter, „rîche“ = reich oder prächtig, „wan“ = außer und „getriuwe“ = treu. „Schône“ ist hier ein Adverb und bedeutet im Zusammenhang mit „gebrochen“ etwa „sorgfältig“. „Bî den rôsen“ bedeutet „bei den Rosen“ oder „an den Rosen“.

Besonders schwierig ist die Anrede „hêre frouwe“ in der zweiten Strophe. Sie kann wörtlich „edle Herrin“ bedeuten, eine Anrede an die Gottesmutter sein oder das Mädchen als höfische Dame beziehungsweise als ein Mädchen beschreiben, das wie eine höfische Dame behandelt wurde. Die Deutung als tatsächlich hochadlige Jungfrau passt jedoch nur schwer zur heimlichen Begegnung in der Au, weil eine solche Frau als zu gut behütet gelten würde. Die Deutung „wie eine höfische Dame“ ergänzt ein im Text nicht ausdrücklich stehendes „wie“.

Früher wurde „hêre frouwe“ deshalb meist als Ausruf „Heilige Maria!“ verstanden. Diese Erklärung vermeidet sowohl die inhaltliche Schwierigkeit der ersten als auch die grammatische Ergänzung der zweiten Deutung. Heute ist man skeptischer, weil Walther diesen Ausruf sonst nicht verwendet. Zugleich benutzt er „hêrre got!“ auch als ungläubigen Ausruf und nicht nur als Gebet. Daher ist es möglich, dass das Mädchen „Maria!“ ebenfalls als Ausdruck des Erstaunens verwendet. Wie geläufig solche Ausrufe in der mittelalterlichen Alltagssprache waren, lässt sich wegen der geringen Zahl entsprechender Belege nicht sicher feststellen.

Ausgaben und ergänzende Materialien

Als maßgebliche Textausgabe gilt: Walther von der Vogelweide: „Leich, Lieder, Sangsprüche“, herausgegeben von Christoph Cormeau, 14., völlig neu bearbeitete Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns, mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner, Berlin und andere Orte: de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-013608-2.

Zur Forschung und Einführung werden unter anderem Arbeiten von Thomas Bein, Ingrid Bennewitz, Andreas Kraß, Friedrich Neumann, Hermann Reichert, Manfred Günter Scholz, Meinolf Schumacher und Peter Wapnewski genannt. Eine frei zugängliche Quelle bietet Wikisource mit „Under der linden – Quellen und Volltexte“. Hörbeispiele sind auf YouTube verfügbar, darunter eine Interpretation des Salzburger Ensembles für Alte Musik Dulamans Vröudenton sowie eine weitere Fassung mit dem Titel „Under den Linden“.

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