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Spracherfahrungsansatz

Der Spracherfahrungsansatz (englisch language experience approach) ist ein didaktisches Konzept für den Anfangsunterricht im Lesen und Schreiben.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Didaktische Grundsätze
  3. 3. Unterrichtliche Umsetzung
  4. 4. Unterschiede zum Fibelunterricht
  5. 5. Entstehung und Wirksamkeit

Grundidee und Bedeutung

Der Spracherfahrungsansatz ist ein didaktisches Konzept für den Anfangsunterricht im Lesen und Schreiben. Kinder sollen Schriftsprache von Beginn an selbstständig verwenden und sich aktiv mit ihrem Aufbau auseinandersetzen. Im deutschen Sprachraum wurde der Ansatz vor allem durch Hans Brügelmanns Projekt und Buch „Kinder auf dem Weg zur Schrift“ (1983) bekannt.

Schrift gilt dabei als Medium mit eigener Logik, das zugleich eng mit der Lautsprache, also der gesprochenen Sprache, verbunden ist. Der Unterricht soll deshalb zunächst an den sprachlichen Erfahrungen der Kinder anknüpfen. Lesen und Schreiben werden nicht nur als technische Fertigkeiten verstanden, sondern als soziale Handlungen mit einem für das Kind erkennbaren Zweck. Persönlich bedeutsame Schreib- und Leseanlässe sollen die Motivation fördern, die nötigen geistigen und motorischen Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Das Erlernen der Schriftsprache wird als eigenständige Rekonstruktion des Schriftsystems verstanden: Kinder erschließen dessen Regeln schrittweise und auf unterschiedlichen Wegen. Ihre zunächst unvollständigen Schreibweisen gelten als Vor- oder Zwischenformen auf dem Weg zur normgerechten Erwachsenenschrift, nicht lediglich als zu vermeidende Fehler.

Didaktische Grundsätze

Der Unterricht knüpft an die individuellen Erfahrungen der Kinder mit Sprache und Schrift an und lässt unterschiedliche Zugänge und Entwicklungsgeschwindigkeiten zu. Fortschritte sollen durch mehrere Formen der Auseinandersetzung entstehen:

  • Kinder vergleichen ihre eigenen Schreibweisen mit den Normen der Erwachsenenschrift.
  • Sie arbeiten mit anderen Kindern zusammen und lernen von deren unterschiedlichen Lese- und Schreibaktivitäten.
  • Individuelle und gemeinsame Tätigkeiten werden inhaltlich und organisatorisch immer wieder miteinander verbunden.
  • Die Normschreibung wird nicht von Anfang an vollständig verlangt, sondern als Ziel eines längeren Lernprozesses betrachtet.

Die schrittweise Annäherung an die Orthographie, also an die Regeln der richtigen Schreibung, kann etwa durch das Überarbeiten von Texten für eine Veröffentlichung, durch Forscheraufgaben zu Rechtschreibbesonderheiten und durch den Aufbau eines Grundwortschatzes unterstützt werden. Dieser umfasst besonders häufige oder persönlich wichtige Wörter.

Der Ansatz verlangt zudem eine besondere pädagogische Haltung: Lehrkräfte sollen sich für die persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen der Kinder interessieren und ihre individuellen Ziele und Lernwege respektieren. Bevorzugt soll das Konzept in offenem Unterricht verwirklicht werden, der den Kindern Spielraum bei Themen, Tätigkeiten und Lernwegen gibt.

Unterrichtliche Umsetzung

Brinkmann und Brügelmann schlugen 1993 und 1998 vier miteinander zu verbindende Tätigkeitsbereiche vor:

  • Beim freien Schreiben verfassen Kinder Texte zu persönlich wichtigen Themen in ihrer eigenen Sprache. Die Texte erhalten einen wirklichen Mitteilungszweck, indem sie beispielsweise in Klassenbüchern oder auf Plakaten veröffentlicht oder in der Gruppe vorgetragen werden.
  • Gemeinsames Vorlesen wird mit individuellem Lesen oder Betrachten selbst gewählter Bücher verbunden. Anschließend können die Kinder ihre Bücher den anderen vorstellen.
  • Grundlegende Umgangsweisen mit Schrift werden erklärt und vorgemacht. Dieses Modellieren soll den technischen Aufbau der Schrift verständlich machen und die jeweils verfügbaren Lese- und Schreibstrategien weiterentwickeln.
  • Die Kinder arbeiten gezielt an häufigen und persönlich wichtigen Wörtern. Dadurch sollen sie einen Grundwortschatz automatisieren sowie grundlegende orthographische Muster erkennen und verwenden lernen.

Für diese Arbeitsformen wurden Materialien entwickelt, die das selbstständige Lesen- und Schreibenlernen unterstützen. Die einzelnen Tätigkeiten sollen nicht isoliert stattfinden, sondern sich gegenseitig ergänzen.

Unterschiede zum Fibelunterricht

Der lehrgangsorientierte Fibelunterricht führt Buchstaben nacheinander und kontrolliert ein. Im Spracherfahrungsansatz begegnen Kinder Buchstaben dagegen eher beiläufig; mithilfe einer Buchstabentabelle stehen ihnen grundsätzlich alle Buchstaben frei zur Verfügung.

Auch die Reihenfolge unterscheidet sich: Im Fibelunterricht steht zuerst das Lesen im Mittelpunkt, und geschrieben wird, was bereits gelesen werden kann. Der Spracherfahrungsansatz ermöglicht dagegen von Anfang an freies Lesen und Schreiben.

Der Fibelunterricht ist interpersonell gleichschrittig, die Kinder sollen also grundsätzlich denselben vorgegebenen Lernweg durchlaufen. Der Spracherfahrungsansatz differenziert nach den jeweiligen Voraussetzungen. Sprachniveau und Inhalte sind im Fibelunterricht für alle vorgegeben; beim spracherfahrungsorientierten Lernen werden sie individualisiert und situationsbezogen an persönliche Erfahrungen angeknüpft.

Besonders deutlich ist der Unterschied beim Umgang mit Fehlern: Im Fibelunterricht gelten sie als zu vermeidende Störung. Im Spracherfahrungsansatz werden abweichende Schreibungen als Vor- oder Zwischenformen auf dem Weg zur Norm betrachtet.

Entstehung und Wirksamkeit

Der Spracherfahrungsansatz entstand aus der Arbeit mit benachteiligten Gruppen und hat drei wichtige Vorläufer. In den 1950er Jahren arbeitete die neuseeländische Grundschullehrerin Sylvia Ashton-Warner mit Maori-Kindern. Sie suchte für jedes Kind Schlüsselwörter, die besondere emotionale Erfahrungen ausdrückten. Aus diesem individuellen „Grundwortschatz“ sollten die Kinder auch den technischen Aufbau der Schrift erschließen.

Paulo Freire organisierte in Brasilien in den 1960er und 1970er Jahren Alphabetisierungskampagnen für Erwachsene. In Gesprächen über gemeinsame Lebensprobleme wurden zentrale Erfahrungen in Schlüsselwörtern zusammengefasst. Durch das Zerlegen und neue Zusammensetzen dieser Wörter entstanden weitere Wörter. Freire verstand dieses Vorgehen zugleich als politische Aufklärung.

Eine dritte Quelle war die europäische Reformpädagogik der 1920er Jahre. Besonders einflussreich waren Célestin Freinets Erfahrungen mit der Handdruckerei: Kinder schrieben über persönlich wichtige Inhalte, um sich anderen mitzuteilen, beispielsweise in einer Klassenkorrespondenz.

Die Forschung ergibt kein eindeutiges Urteil über die allgemeine Überlegenheit des Ansatzes. Ein Forschungsüberblick von 2006 betonte, dass sich die Ergebnisse wegen unterschiedlicher Definitionen, Fragestellungen, Methoden und Stichproben nicht auf einen einfachen Nenner bringen lassen. Die Wirkungen verschiedener Ansätze überschneiden sich stark und hängen davon ab, wie das Konzept umgesetzt wird und unter welchen Bedingungen eine Lehrkraft arbeitet.

Empirisch belegt ist die didaktische Fruchtbarkeit des freien Schreibens im Anfangsunterricht für alle Leistungsgruppen, ausdrücklich auch für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass freies Schreiben als Methode insgesamt erfolgreicher ist als normorientierte Lehrgänge. Eine aktuelle Auswertung internationaler Studien zum lautorientierten Schreiben zeigt außerdem, dass die alphabetische Strategie in dieser Lernphase ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Rechtschreibkompetenz ist.

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