Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Semantische Sättigung

Semantische Sättigung (auch verbale Sättigung) ist ein psychologisches Phänomen, bei dem die mehrfache Wiederholung eines Wortes zu einem temporären …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Erklärung
  2. 2. Erforschung
  3. 3. Weitere Befunde und Beispiel
  4. 4. Mögliche Anwendung

Grundidee und Erklärung

Semantische Sättigung, auch verbale Sättigung genannt, ist ein psychologisches Phänomen. Es tritt auf, wenn ein Wort sehr oft wiederholt wird und dadurch vorübergehend seine Bedeutung verändert oder verliert. Bei vollständiger Sättigung wirkt das Wort nicht mehr wie ein verständliches Wort, sondern nur noch wie eine bedeutungslose Folge von Lauten, ähnlich wie ein unbekanntes Wort aus einer Fremdsprache.

Erklärt wird das Phänomen damit, dass die Wiederholung eines Wortes ein bestimmtes neurales Muster in der Großhirnrinde aktiviert. Dieses Muster steht für die Bedeutung des Wortes. Durch die wiederholte Erregung der Nervenzellen kommt es zur neuronalen Inhibition, also zu einer Hemmung der Nervenzellen. Dadurch wird jede erneute Aktivierung schwächer, und die Bedeutung des Wortes tritt vorübergehend in den Hintergrund.

Erforschung

Leon Jakobovits James prägte den Ausdruck „semantische Sättigung“ in seiner Doktorarbeit 1962 an der McGill University. Vorher wurde der Ausdruck „verbale Sättigung“ verwendet, um geistige Erschöpfung zu beschreiben.

Jakobovits stellte mehrere Experimente vor, die den Effekt bei verschiedenen kognitiven Aufgaben zeigten. Kognitive Aufgaben sind geistige Tätigkeiten wie Bewerten, Ordnen, Rechnen oder Übersetzen. In seinen Versuchen wiederholten Probanden ein Wort oder eine Zahl für einige Sekunden und bearbeiteten danach eine Aufgabe mit genau diesem Wort oder dieser Zahl. Untersucht wurden zum Beispiel das Bewerten von Wörtern und Zahlen, das Wiederholen von Wörtern mit anschließendem Gruppieren in Konzepte, das Addieren von Zahlen nach lautem Wiederholen und zweisprachige Übersetzungen von Wörtern, die in einer der beiden Sprachen wiederholt wurden.

Das Ergebnis war: Wenn ein Wort vor seiner Verwendung in einer Aufgabe wiederholt wurde, wurde die Aufgabe für die Probanden schwieriger.

Weitere Befunde und Beispiel

Auch die Psychologen Lee Smith und Raymond Klein belegten den Effekt. Sie ließen Probanden Kategoriebegriffe wie „Möbelstück“ entweder drei- oder 30-mal wiederholen. Danach sollten die Probanden diesen Kategoriebegriffen bestimmte Wörter zuordnen, zum Beispiel „Tisch“.

Dabei zeigte sich: Wenn der Kategoriebegriff seltener wiederholt wurde, erfolgte die Zuordnung schneller. Häufiges Wiederholen verlangsamte also die Verarbeitung der Bedeutung.

Als Beispiel für semantische Sättigung nennt der Artikel die Verwendung der Wörter „Plan“ und „Asse“ in der Folge „Zwei Asse“ aus Ted Lasso, Staffel 1, Folge 6.

Mögliche Anwendung

Jakobovits nannte mehrere Möglichkeiten, semantische Sättigung praktisch zu nutzen. Ein Beispiel ist die Behandlung von Phobien durch systematische Desensibilisierung. Eine Phobie ist eine starke Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen. Systematische Desensibilisierung ist ein Verfahren, bei dem die Angstreaktion schrittweise abgeschwächt werden soll.

Jakobovits argumentierte, dass semantische Sättigung grundsätzlich als angewandtes Werkzeug überall dort funktionieren sollte, „wo eine spezifizierbare kognitive Aktivität ein Verhalten vermittelt, das man ändern möchte.“ Das bedeutet: Wenn ein bestimmter Gedanke oder eine bestimmte Bedeutung an einem Verhalten beteiligt ist, könnte das wiederholte Bearbeiten oder Wiederholen dieser Bedeutung helfen, die Wirkung auf das Verhalten zu verändern.

Weiterlesen