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Schweizerische Gesellschaft für Strahlenbiologie und Medizinische Physik
Die SGSMP wurde 1964 in Genf gegründet und ist somit im deutschsprachigen Raum die älteste medizin-physikalische Fachgesellschaft (DGMP: 1969, ÖGMP: 1980).
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Aufgabe, Aufbau und Bedeutung
Die Schweizerische Gesellschaft für Strahlenbiologie und Medizinische Physik (SGSMP; französisch SSRPM, italienisch SSRFM, englisch SSRMP) ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mit Sitz in Bern. Sie fördert Forschung und fachlichen Austausch in der medizinischen Physik, Strahlenbiologie und im Strahlenschutz. Zugleich vertritt sie die Aus- und Weiterbildung sowie die berufspolitischen Interessen der Medizin-Physiker in der Schweiz. Medizinische Physik und Strahlenbiologie sind angewandte Naturwissenschaften an der Schnittstelle zur Medizin; deshalb unterstützt die SGSMP besonders die translationale Forschung, also die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die medizinische Anwendung, und den Austausch zwischen verschiedenen Fachgebieten.
Ende 2019 umfasste die Gesellschaft 274 Einzel- und 14 Kollektivmitglieder. Ordentliche Mitglieder können Naturwissenschaftler und Ärzte werden, die in der Strahlenbiologie, medizinischen Physik oder zugehörigen klinischen Anwendungsgebieten tätig sind. Organisatorisch besitzt die SGSMP drei ständige Kommissionen für Ausbildung, Standespolitik und Wissenschaft sowie mehrere Arbeitsgruppen. Sie gehört der European Federation of Organisations for Medical Physics (EFOMP) und der International Organization for Medical Physics (IOMP) an.
Die Gesellschaft veröffentlicht Empfehlungen und Berichte zu wissenschaftlichen und praktischen Fragen. Genannt werden 16 Empfehlungen und 20 Berichte. Besonders im Strahlenschutz arbeitet sie eng mit eidgenössischen Institutionen und Behörden zusammen. Empfehlungen der SGSMP wurden wiederholt in rechtlich verbindliche Verordnungen übernommen.
Fachanerkennung und Weiterbildung
Eine zentrale Aufgabe ist die Fachanerkennung in Medizinischer Physik. Masterabsolventen können sie nach mindestens drei Jahren klinischer Weiterbildung und einer erfolgreichen Prüfung erhalten. Etwa 200 Medizin-Physiker besitzen diesen Fachausweis. Für bestimmte klinische Tätigkeiten mit ionisierender Strahlung ist er rechtlich vorgeschrieben. Strahlentherapeutische Betriebe benötigen beispielsweise für jeden Beschleuniger mindestens einen Medizin-Physiker mit Fachanerkennung der SGSMP.
Seit 2009 gibt es zwei Fachrichtungen: Die medizinische Strahlenphysik umfasst alle medizinischen Anwendungen ionisierender Strahlung. Die medizinische Bildgebung umfasst Nuklearmedizin und sämtliche Bildgebungsverfahren, jedoch nicht die Strahlentherapie. Die Anerkennung muss alle fünf Jahre durch den Nachweis ausreichender Fortbildung erneuert werden.
Als strukturierte Vorbereitung auf diesen Weiterbildungstitel bietet die ETH Zürich in Abstimmung mit der SGSMP einen zweijährigen, berufsbegleitenden Master of Advanced Studies (MAS) in Medical Physics an. Alle zwei Jahre schließen 15 bis 25 Studierende diesen postgradualen Kurs ab. Der von der SGSMP zusammengestellte Wissenskanon in Strahlenbiologie und medizinischer Physik dient außerdem als Richtschnur für verschiedene universitäre und berufsständische Prüfungen in Medizin-Physik, Medizin und angrenzenden Naturwissenschaften. Teilweise entsendet die Gesellschaft selbst die Prüfer.
Historische Entwicklung
Die Vorgeschichte begann am 28. März 1963 mit der Arbeitsgemeinschaft für Strahlenbiologie (SAS), deren Gründungspräsident Gerhart Wagner war. Ein früherer Versuch, eine eigenständige strahlenbiologische Gesellschaft zu schaffen, war am Widerstand von Radiologen gescheitert, die eine Eingliederung in die damalige Schweizerische Gesellschaft für Radiologie und Nuklearmedizin (SGRNM) bevorzugten. Bei der ersten Jahresversammlung der SAS am 24. April 1964 wurde in Genf die Schweizerische Gesellschaft für Strahlenbiologie (SGS) gegründet. Erste Präsidentin war Hedi Fritz-Niggli. Ziel war eine stärkere Anerkennung der Strahlenbiologie sowie eine bessere Ausbildung von Medizinern und Naturwissenschaftlern in Strahlenphysik, Strahlenbiologie und Strahlenschutz. Die SGSMP gilt als älteste medizin-physikalische Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum; die DGMP wurde 1969 und die ÖGMP 1980 gegründet.
1980 bezog die Gesellschaft die zunehmend wichtige medizinische Strahlenphysik ausdrücklich ein und nannte sich fortan Schweizerische Gesellschaft für Strahlenbiologie und Strahlenphysik (SGSP beziehungsweise SSRR). Ihre Tätigkeit erweiterte sich um Arbeitsgruppen, Fortbildungen, Seminare und Stellungnahmen zu Gesetzes- und Verordnungsentwürfen. Im selben Jahr war sie an der Gründung der EFOMP beteiligt; 1982 trat sie der IOMP bei. Weil Medizin-Physiker zunehmend auch außerhalb der Strahlentherapie, besonders in der Bildgebung, arbeiteten, wurde 1988 die gesamte medizinische Physik einbezogen und der heutige Name eingeführt.
Seit 1984 führt die Gesellschaft fast jährlich messtechnische Vergleiche der von Schweizer Bestrahlungssystemen abgegebenen Dosis durch. Beim ersten Vergleich reiste Jean-François Valley mit einer Messvorrichtung von Klinik zu Klinik; noch 1984 erschien dazu der erste Bericht der Gesellschaft.
Zur Sicherung einer einheitlichen klinischen Qualifikation entwickelte die SGSMP gemeinsam mit dem Bundesamt für Gesundheit die Fachanerkennung. Eine entsprechende Richtlinie wurde 1986 formuliert, 1988 erhielten erstmals 15 Kandidaten den Titel. Seit 2000 ist die Anerkennung vollständig von der EFOMP anerkannt. Die revidierte Strahlenschutzverordnung verlangte 1994 erstmals ausdrücklich, dass ein „Medizinphysiker mit Fachanerkennung der SGSMP“ sicherheitsrelevante und dosisbestimmende Bestandteile von Bestrahlungseinrichtungen regelmäßig überprüft. Ein 1994 an der ETH Zürich eingeführtes zweijähriges berufsbegleitendes Nachdiplomstudium wurde 2006 entsprechend dem Bologna-Prozess zum MAS in Medical Physics umgestaltet.
2002 entstand innerhalb der SGSMP der rechtlich unabhängige Schweizerische Berufsverband für Medizinphysikerinnen und Medizinphysiker (SBMP), um standespolitische und weiterbildungsbezogene Aufgaben wahrzunehmen. Zur Verringerung des Verwaltungsaufwands wurde er 2010 wieder aufgelöst; Standespolitik sowie Aus- und Weiterbildung wurden in die SGSMP zurückgeführt und den drei ständigen Kommissionen zugeordnet. Die Gesellschaft war von Beginn an dreisprachig. Seit den 1990er-Jahren setzte sich jedoch Englisch als Sitzungssprache durch und hatte bis zur Jahrestagung 2008 auch bei wissenschaftlichen Präsentationen die drei Landessprachen vollständig verdrängt.
Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen
Die Jahrestagung bildet den Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit und findet an wechselnden Orten statt. Sie wurde seit 1964 nur 1969, 1972, 1974 und 2020 ausgesetzt. Teilweise wird sie gemeinsam mit deutschsprachigen oder europäischen Schwestergesellschaften veranstaltet.
1985 fand in Bern die erste gemeinsame Tagung „Medizinische Physik“ der schweizerischen SGSP, der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik (DGMP) und der Österreichischen Gesellschaft für Medizinische Physik (ÖGMP) statt. Diese gemeinsame Veranstaltung wird weiterhin ungefähr alle drei Jahre ausgerichtet. Weitere gemeinsame Kongresse gab es unter anderem 1993 und 1999 mit der Schweizerischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik sowie 2003 und 2016 mit der Scientific Association of Swiss Radiation Oncology.
Für die berufliche Aus-, Weiter- und Fortbildung organisiert die SGSMP regelmäßig Workshops und Seminare zu aktuellen Themen. Die erste genannte Veranstaltung dieser Art war 1992 in Lausanne „3D Treatment Planning“. Seit 1988 richten DGMP, ÖGMP und SGSMP gemeinsam in Pichl in Österreich die „Winterschule“ aus. Sie findet ein- bis zweimal jährlich statt, dauert eine Woche und behandelt jeweils ein größeres zusammenhängendes Teilgebiet der Medizin-Physik.
Veröffentlichungen und Forschungsförderung
Das erste wissenschaftliche Publikationsorgan war von 1966 bis 1975 die gemeinsam mit der SGRNM herausgegebene Zeitschrift „Radiologica Clinica et Biologica“. Seit 1978 werden wissenschaftliche Beiträge der Jahrestagungen in Tagungsberichten veröffentlicht. Seit 1981 erscheint außerdem ein Bulletin für den Informationsaustausch unter den Mitgliedern, zunächst jährlich und später zwei- oder dreimal im Jahr. Seit 1982 publiziert die Gesellschaft von Arbeitsgruppen erstellte Empfehlungen für spezielle Tätigkeitsgebiete.
Seit 1995 ist die SGSMP gemeinsam mit DGMP und ÖGMP Herausgeberin der 1991 gegründeten, begutachteten Zeitschrift für Medizinische Physik (ZMP), die viermal jährlich erscheint. 2001 wurde die Zeitschrift in internationale Literaturdienste wie MEDLINE, Index Medicus und Scopus aufgenommen. Seit 2010 bewertet das Institute for Scientific Information sie unter bestimmten Auflagen mit einem Impact Factor; dieser lag 2019 bei 2.322.
Auf Antrag fördert die SGSMP Forschungsprojekte aus ihrem Vermögen mit höchstens CHF 7‘000,-. Diese Möglichkeit wurde 2007 geschaffen und 2008 erstmals für Hans Schiefers Projekt „Dosimetry Intercomparison 2008“ genutzt. Seit 1991 vergibt die Gesellschaft bei ihren Jahrestagungen jährlich bis zu drei von der Firma Varian gestiftete Preise für herausragende Arbeiten aus Strahlenbiologie oder medizinischer Physik. Das Preisgeld beträgt maximal CHF 3'000,-. Bis 2019 waren von 73 eingereichten Arbeiten 25 mit dem Hauptpreis und 24 mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet worden. Seit 2006 ehrt die SGSMP außerordentliche Verdienste um die Gesellschaft mit der Theophil-Christen-Medaille. Personen mit besonderen Verdiensten in Strahlenbiologie, medizinischer Physik oder verwandten Wissenschaften können außerdem zu Ehrenmitgliedern ernannt werden.