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Otlohs Gebet
Otlohs Gebet ist ein althochdeutscher Text, der im 11. Jahrhundert im Kloster St. Emmeram in Regensburg entstanden ist und als direktes Autograph
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Gegenstand und Bedeutung
Otlohs Gebet ist ein althochdeutscher Text, der im 11. Jahrhundert im Kloster St. Emmeram in Regensburg entstand. Es gilt als direktes Autograph, also als eigenhändig geschriebener Text, von Otloh von St. Emmeram. Die Sprache ist Altbairisch, eine regionale Variante des Althochdeutschen, die im Frühmittelalter im baierischen Stammesherzogtum verwendet wurde.
Das Gebet ist das umfangreichste bekannte Gebet der althochdeutschen Sprachstufe. Es ist deshalb besonders wichtig für die Sprachgeschichte und für die Kenntnis religiöser Texte des späten Althochdeutschen. Gemeinsam mit dem altalemannischen Physiologus und dem Sankt Galler Notkerglossator gehört es zu den spätesten Manuskripten, die wegen ihres Lautstands noch der althochdeutschen Epoche zugerechnet werden.
Sprachliche und schriftliche Merkmale
Viele sprachliche Merkmale des Gebets zeigen bereits den Übergang zu mittelhochdeutschen Sprachformen, genauer zu bairisch-mittelhochdeutschen Formen. Dadurch steht der Text dem modernen Deutsch teilweise näher als ältere althochdeutsche Texte.
Typische altbairische Kennzeichen sind:
- „trohtin“ als Bezeichnung für Gott den Herrn;
- Fortis-Konsonanten, also stärker gesprochene Konsonanten, im Anlaut, wo andere althochdeutsche Sprachformen einen Lenis-Konsonanten haben, etwa in „tu der pist …“;
- einige nur im Bairischen vorkommende Diphthonge;
- besondere Konjugationsformen der Verben;
- die teilweise Auslassung der Vorsilben „gi-“ oder „ga-“ bei Partizipialkonstruktionen, etwa „burt“ statt „Geburt“;
- die Entrundung von Umlauten zu <e>, etwa „megi“ für „möge“;
- bairische Sondervokabeln.
Auffällig ist außerdem, dass manche anlautenden <k> nicht als <c>, sondern als aspiriertes <ch> geschrieben werden. Beispiele sind „chlagen“ für „klagen“, „chanst“ für „kannst“, „bidenchest“ für „bedenkest“, „cheina“ für „keine“ und „chindline“ für „Kinder“. Dieses <ch> ist als aspiriertes „kch“ zu lesen. Eine entsprechende Aussprache gibt es heute nur noch in südbairischen Dialekten, etwa in Tirol.
Die Handschrift steht grundsätzlich in karolingischer Minuskel. Erstmals treten jedoch auch Großschreibungen auf, beispielsweise bei Personennamen oder am Anfang eines Satzes.
Aufbau und religiöser Inhalt
Inhaltlich beruht das Gebet teilweise auf dem lateinischen Gebet „O spes unica, o salus eterna et refugium omnium in te sperantium, deus“. Otloh übersetzte es ins Altbairische und kürzte den Text teilweise. Der Schlusssatz blieb ebenso wie die Aufzählungen der Apostel, Heiligen und Kirchenväter auf Latein erhalten.
Das Gebet beginnt mit einer Anrufung Gottes als „einziger Trost“ und „ewiges Heil“ aller, die an ihn glauben und auf ihn vertrauen. Der Beter bittet darum, dass Gott sein Herz erleuchte, damit er sich an Gottes Güte und Gnade erinnert. Er bekennt seine Sünden und sein Übel und bittet darum, sie vor Gott beklagen zu können.
Danach folgen Bitten um Schutz und innere Erneuerung. Der Beter bittet Gott, alles Böse in ihm zu beseitigen, das der „leidiga viant“, der böse Feind, verursacht hat. Er möchte von Sünde, Unrecht und Unreinheit befreit werden und die Freuden des ewigen Lebens so lieben, dass er danach hungert und dürstet. Außerdem bittet er um Kraft und Fähigkeit, alle Mühen dieser Welt aus Ehre für Gott, um Gottes Namen oder wegen eigener beziehungsweise fremder Not zu ertragen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind die gewünschten Tugenden: Glaube, Vertrauen auf Gottes Güte, Liebe, Furcht beziehungsweise Ehrfurcht, Demut, Gehorsam und Geduld. Der Beter bittet auch um Reinheit seiner Gedanken und seines Körpers, im Schlaf wie im Wachzustand, damit er würdig und bereit ist, zum Altar und zu jedem Dienst Gottes zu gehen.
Er bittet anschließend um Anteil an allen Tugenden, die niemand außer Gott kennt, und beruft sich auf die heilige Geburt, das Martyrium, das Kreuz, die Auferstehung, die Himmelfahrt und die Gnade und den Trost des Heiligen Geistes. Dieser Trost soll ihn gegen jede Gefahr und gegen alle Versuchungen des bösen Feindes stärken. Danach ruft er die Fürsprache Marias, Michaels, Johannes’ des Täufers, der Apostel, der Märtyrer, der Kirchenväter und aller Heiligen an. Durch ihre Hilfe soll keine Sünde und keine Gefahr ihn so verwirren, dass er Gottes Gnade verliert.
Bitten für Gemeinschaft und Verstorbene
Ein großer Teil des Gebets richtet sich auf andere Menschen und auf die klösterliche Gemeinschaft. Otloh bittet um Gottes Gnade für sein Kloster, das wegen der Sünden der Menschen zerstört ist, damit es wieder aufgerichtet werde und Gottes Ehre und Lob dort sichtbar sein können. Auch die versammelte Gemeinschaft und alle Menschen, die im Namen Gottes zusammengekommen sind, sollen in ihren Nöten bedacht werden.
Der Beter bittet für alle, die ihn in ihr Gebet aufgenommen haben, ob durch Beichte oder durch andere Fürbitten. Sie sollen die Erfüllung ihrer Bitten erhalten. Zugleich bittet er darum, dass die Menschen einander nach Gottes Gebot helfen. Für Richter, Priester und Laien erbittet er Eigenschaften, die ihnen ermöglichen, sich selbst zu richten und allen Untergebenen und Bedürftigen gerecht zu werden. Auch seine Verwandten werden ausdrücklich genannt.
Weitere Bitten gelten Menschen, die ihm während seines ganzen Lebens Gnade erwiesen oder Arbeit für ihn geleistet haben. Gott soll ihnen das belohnen, was sie am meisten benötigen. Ebenso betet Otloh für Menschen, die von ihm Schaden erfahren haben oder von ihm ohne Trost zurückgelassen wurden; Gott soll sie zurechtbringen und mit seiner Güte trösten.
Das Gebet umfasst außerdem alles Unrecht, allen Unfrieden und jedes Unglück. Gott, der alles vermag, soll dies nach seiner Gnade bedenken. Für die verstorbenen Brüder, für die auf dem Friedhof Begrabenen, für verstorbene Mitglieder der Bruderschaft und für alle Toten, für die Almosen empfangen wurden, wird ebenfalls gebetet. Schließlich bittet Otloh für alle, deren Fürsprache Gottes Gnade erfordert, damit sie das Leben und alles, was ihnen als Hinterbliebenen auferlegt ist, ertragen können.
Am Ende übergibt Otloh sich selbst und alle seine Bemühungen, seinen Fleiß und seine Arbeit Gottes Gnade. Er bittet darum, dass Gott ihn auch dann bedenkt, wenn er dies aus Sorge um seinen Lebensunterhalt, wegen Unruhe oder aus Dummheit selbst nicht vermag. Der Text endet mit dem lateinischen Satz: „In manus tuas, domine, commendo spiritum et corpus meum.“ Übersetzt bedeutet dies: „In deine Hände, Herr, übergebe ich meinen Geist und meinen Körper.“