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Netzkunst

Netzkunst ist ein Sammelbegriff für künstlerische Arbeit in Netzen oder Netzwerken. Darunter fallen als Kunstwerk definierte soziale Netze, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Begriffe und Definitionen
  3. 3. Kunst im Netz und mit Netzwerken
  4. 4. Analoge und digitale Formen
  5. 5. Gesellschaft, Recht und virtuelle Personen
  6. 6. Historische Entwicklung

Grundidee und Abgrenzung

Netzkunst ist ein Sammelbegriff für künstlerische Arbeit in Netzen oder Netzwerken. Dazu gehören soziale Netze, die selbst als Kunstwerk angelegt sind, die künstlerische Nutzung analoger Netze wie bei Mail Art, und künstlerische Arbeiten mit digitalen Netzdiensten wie dem World Wide Web, Mobilfunk oder anderen Kommunikationsnetzen.

Wichtig ist die Abgrenzung zu bloßer Kunstpräsentation im Internet: „Kunst auf dem Netz“ ist keine Netzkunst, wenn das Netz nur wie ein beliebiger Ausstellungsort benutzt wird. Abbildungen von Kunstwerken auf Webseiten, angewandte Webgestaltung oder die Verwendung von Begriffen wie „Netzkunst“ aus Statusgründen reichen nicht aus. Netzkunst liegt erst vor, wenn Netz oder Netzwerk für Aussage, Entstehung, Wahrnehmung oder Veränderung des Werkes wesentlich sind.

Im Deutschen wird häufig zwischen „Netz“ und „Netzwerk“ unterschieden. „Netz“ beschreibt eher technische Zusammenhänge wie Stromnetz, Telefonnetz oder Rechnernetz. „Netzwerk“ meint ein „netzartiges Gefüge“, also zum Beispiel soziale Beziehungen, Kommunikationszusammenhänge oder psychologische Zusammenhänge mit vielen Variablen. Für das Verständnis von Netzkunst ist daher die Unterscheidung zwischen Kunst im Netz und Kunst mit Netzwerken zentral.

Begriffe und Definitionen

Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist „Internet Art“ ein geläufiger Begriff. Seit ungefähr 1982 wird die globale Vernetzung von Rechnernetzen zunehmend als Internet bezeichnet. Die wörtliche Übersetzung „Internetkunst“ wird im Deutschen jedoch oft zu eng verstanden, nämlich als Kunst, die im World Wide Web zu sehen ist. Deshalb bevorzugt die deutschsprachige Fachliteratur häufig den Begriff „Netzkunst“.

„Netart“ meint im Deutschen meist Netzkunst als künstlerische Arbeit mit digitalen Netzen und Internetdiensten wie dem World Wide Web. Unter Künstlern gilt der Begriff als Kürzel für internationale Netzkunst. „net.art“ in genau dieser Schreibweise bezeichnet dagegen eine bestimmte Gruppe von Künstlern, die seit 1994 Webseiten und Internet als künstlerisches Material und Werkzeug verwenden. Genannt werden üblicherweise Vuk Ćosić, Joan Heemskerk und Dirk Paesmans von Jodi.org, Alexei Shulgin, Olia Lialina und Heath Bunting.

„Post Internet Art“ ist eine neuere Strömung der Netzkunst. Wie Internet Art hat sie Wurzeln in Dada, Fluxus und der Erforschung der Netzkultur. Anders als Internet Art ist sie weniger stark von Telematik beeinflusst und versucht nicht mehr vor allem, im Netz Kunst zu produzieren. Im Mai 2015 veröffentlichte eine Gruppe in Berlin lebender Künstler ein eigenes „Post Internet Art-Manifest“.

Kunst im Netz und mit Netzwerken

Kunst im Netz als mediale digitale Kunst braucht Rechnernetze oder Internetdienste wie Mailboxen oder Webseiten als unverzichtbare Mittel der Interaktion sowie der Bild-, Klang- und Texterzeugung. Entscheidend ist nicht, ob eine oder mehrere Personen beteiligt sind, sondern dass wesentliche Aspekte und Aussagen des Werkes nur in Verbindung mit einem Rechnernetz erfahrbar werden. Eine typische Anordnung ist Computer, Tastatur, Bildschirm oder Projektor, Internetanbindung und Peer oder Server; auch Mobilfunknetze können zum Beispiel für Handykunst genutzt werden.

Kunst im Netz kann auch kollektiv-virtuelles Kunstschaffen sein. Dabei arbeiten telekommunikativ vernetzte Teilnehmer gemeinsam an visuellen oder auditiven Werken. Die verwendete Netztechnik kann analog oder digital sein. In digitalen Netzwerken können Beiträge bewusst eingebracht, aber auch freiwillig oder unfreiwillig durch Programme abgeschöpft werden. Interaktivität ist für viele Projekte eine Bedingung. Datenbanken und Logdateien können verschiedene Zustände eines ständig veränderbaren Gesamtergebnisses festhalten; offene Textbeiträge müssen oft gegen Spamming gesichert werden.

Kunst mit Netzwerken verändert oder erschafft Netzwerke. Dabei kann ein technisches Kommunikationsnetz eingesetzt werden, muss aber nicht im Mittelpunkt stehen. Joseph Beuys gründete Organisationen, die als konzeptuelle künstlerische Arbeiten verstanden werden können und zugleich langlebige soziale Netzwerke aus Ideen, Kommunikation und Arbeitszusammenhängen bildeten. Netzkunst kann also gleichzeitig an technische Netze und an soziale Netzwerke gebunden sein. Mail Art entstand etwa auf Grundlage von Post- und Telekommunikationsdiensten sowie gesellschaftlichen Netzwerken und entwickelte eigene Regeln.

Analoge und digitale Formen

Digitale Netzkunst im engeren Sinne entsteht, wenn die künstlerische Arbeit oder der künstlerische Prozess sich mit digitalen Netzen und einem entsprechenden Netzparadigma auseinandersetzt. Dafür benötigen Teilnehmer technische Mittel wie Geräte, Displays, Webseiten und andere digitale Werkzeuge. Dennoch sind viele Phänomene, die durch das World Wide Web bekannt wurden, bereits in analogen telematischen Netzen zu beobachten.

Mail Art oder Postkunst ist eine zentrale Form analoger Netzkunst. Sie nutzt verfügbare Netze für ein künstlerisches Netzwerk. Das seit den 1960er Jahren weltweit zugängliche Postsystem wurde dabei zugleich künstlerischer Gegenstand und Mittel künstlerischer Prozesse. Es entstanden unter anderem Mail-Art-Postboten und -Kuriere als eine Art Performer. Heute gibt es Mail Art auch als E-Mail Art. Eine verwandte oder besondere Form ist Correspondence Art, also Kunst der Korrespondenz.

Web Art ist digitale Netzkunst, die mit Webseiten arbeitet, aber über reine Gestaltung hinausgeht. Sie kann zum Beispiel Bedingungen von Wahrnehmung und Manipulation im Internet künstlerisch thematisieren. Web Art hat immer mit digitaler Netzkunst zu tun, aber nur von Fall zu Fall mit künstlerischen Netzwerken. Webcomics sind Comics, die vorrangig oder ausschließlich im Internet veröffentlicht werden; von gedruckten Comics, die nur zusätzlich online erscheinen, sind sie zu unterscheiden, auch wenn die Übergänge fließend sein können.

Marshall McLuhans Satz „The Medium is the Message“ ist für Netzkunst wichtig: Form und Inhalt einer Mitteilung werden durch die technischen Grundlagen des Mediums beeinflusst. Der Übergang von analoger zu digitaler Informationsverarbeitung gilt im Artikel als gesellschaftsverändernd, weil digitale Technik auf Verschlüsselung und Entschlüsselung beruht und ihre Beherrschung eine Wissensgesellschaft voraussetzt.

Gesellschaft, Recht und virtuelle Personen

Netzkunst war oft von Vorstellungen gesellschaftlicher Veränderung, sozialwissenschaftlichen Theorien, sozialen Utopien und literarischen Vorbildern inspiriert. In der Anfangszeit digitaler Netze konnten künstlerische Netzwerker deren Veränderbarkeit besonders direkt erfahren, weil sie zugleich Macher und Nutzer waren. Mit der Internetkultur nahmen Kritik am Bestehenden und Begeisterung für soziale und technische Möglichkeiten neue Formen an, etwa in Bereichen wie Cyberfeminismus, Kommunikationsguerilla, Medienguerilla oder der telematischen Gesellschaft nach Vilém Flusser.

Netzkünstler interessieren sich häufig für die Dekonstruktion ästhetischer, digitaler und gesellschaftlicher Codes. Der „kreative Netz-Hack“ gilt in der internationalen Szene als politischer und ästhetischer Widerstand. Kunst, Netzaktivismus und Hacktivism können sich überschneiden. Die Präsentation eines Computervirus auf der 49. Biennale Venedig wird im Artikel als typisches Beispiel genannt: nicht als kriminelle Tat, sondern als kalkuliertes Werk von Netzwerkkünstlern. Solche Aktivitäten können jedoch missinterpretiert und kriminalisiert werden.

Virtuelle Persönlichkeiten entstanden bereits in Mail-Art-Netzwerken. Dabei füllt sich eine künstliche Persönlichkeit durch die Beteiligung vieler Netzwerker mit virtuellem Leben und kann ein kommunikatives Eigenleben entwickeln, das von den ursprünglichen Machern nicht mehr kontrolliert wird. Das spätere Avatar-Konzept wurde durch solche Figuren in analogen künstlerischen Netzen vorweggenommen. Beispiele sind Karen Eliot, Monty Cantsin und Luther Blissett als kollektive Pseudonyme und multiple virtuelle Persönlichkeiten.

Rechtlich beschreibt der Artikel Netzkunst-Projekte wegen ihres ausdrücklich unkommerziellen Charakters als problematisch: Bei verwertbaren Ergebnissen, etwa literarischen, musikalischen oder grafischen Werken, habe niemand ein persönliches Anrecht am Produkt; alle Ergebnisse seien gemeinfrei. Außerdem ist die Vergänglichkeit virtueller Netzkunstobjekte ungelöst, weil ihre Nachweisbarkeit von der Verfügbarkeit im Internet und der Wartung durch die Künstler abhängt. Eine spätere Rekonstruktion ist in der Regel unmöglich.

Historische Entwicklung

Seit den 1960er Jahren entstanden, beeinflusst durch Konzeptkunst und Nouveau Réalisme, prozessual orientierte Netzwerke wie Mail Art und Correspondence Art. Diese analoge Kunst mit Netzwerken war kunsthistorisch schwer zu erfassen, weil nach dem kommunikativen Prozess zwar Nebenprodukte wie Briefe, Karten, Objekte oder Mail-Art-Kataloge blieben, aber wenig im Kunstbetrieb Vermarktbares. Deshalb erfolgte die kunsthistorische Aufarbeitung verspätet und zunächst oberflächlich; ab wann der Begriff „Netzkunst“ sinnvoll verwendet wird, bleibt diskussionswürdig.

Mail Art, Happening und Fluxus setzten vernetzt kommunizierende und handelnde Teilnehmer voraus. Zu frühen Initiatoren gehörten unter anderem Ray Johnson, Yves Klein, Ben Vautier und Ken Friedman. Robert Filliou prägte 1968 mit George Brecht den Begriff „Fete Permanente/Eternal Network“ („Die Ständige Feier/Das Ewige Netzwerk“), der für künstlerische Netzwerker einen Wendepunkt markierte.

Netzkunst bezog früh auch elektronische Netze wie Telefon und Fax ein. Am 12. Januar 1985 beteiligten sich Joseph Beuys, Andy Warhol und Kaii Higashiyama am von Ueli Fuchser initiierten „Global-Art-Fusion“-Projekt. Dabei wurde ein Fax mit Zeichnungen aller drei Künstler innerhalb von 32 Minuten um die Welt gesandt; es sollte während des Kalten Krieges ein Zeichen des Friedens setzen.

Vor dem verbreiteten World Wide Web entwickelte sich Netzkunst über vernetzte Rechner an Forschungseinrichtungen, später über das wachsende Internet und Mailbox-Systeme. In den 1980er Jahren entstanden komplexere digitale Netzwerke, darunter politisch bedeutsame wie das Zamir Netzwerk. Webseiten wurden danach als visuelles, akustisches, soziales und politisches Medium entdeckt. Im deutschsprachigen Raum gelten unter anderem der Postkartenaustausch der Künstler der Brücke bis 1913, Max Bense und die Stuttgarter Gruppe/Schule, Joseph Beuys sowie Robert Adrian X mit ARTEX als Vorläufer. Ein frühes bekanntes Beispiel deutschsprachiger digitaler Netzkunst war die Website „Handshake“ von 1993 bis 1994.

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