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Informationseffekt (Politische Soziologie)
Unter kollektiven Präferenzen werden die Ergebnisse von Umfragen verstanden, die Aufschluss über die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Bürger geben sollen …
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Grundidee des Informationseffekts
Der Informationseffekt ist ein Begriff der politischen Soziologie. Er beschreibt, wie der allgemein niedrige und sozial ungleich verteilte politische Wissensstand die in Umfragen gemessenen kollektiven Präferenzen beeinflusst. Kollektive Präferenzen sind die Ergebnisse von Umfragen, die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Bürger sichtbar machen sollen.
Informationseffekte nach Scott L. Althaus bezeichnen die Verzerrung dieser Präferenzen gegenüber dem Ergebnis, das entstehen würde, wenn alle Personen gleich und gleich gut über Politik informiert wären. Das Thema ist für die Demokratie bedeutsam, weil Politiker Survey-Ergebnisse zur Formulierung von Politik und zur Erkennung politisch wichtiger Themen nutzen. Fehler oder Verzerrungen in Umfragen können daher unmittelbar auf politische Entscheidungen wirken.
Politisches Wissen und seine ungleiche Verteilung
Surveys zeigen wiederholt, dass große Teile der Bevölkerung nicht einmal grundlegendes Wissen über politische Personen, Themen oder Regeln besitzen. George Gallup stellte dazu fest: „Insgesamt scheint es, dass es über vier Jahrzehnte keine Verbesserung gegeben hat“.
Problematisch ist außerdem die sozial ungleiche Verteilung des Wissens. Unter den Best-Informierten ist der Anteil der College-Absolventen 2,25-mal so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Personen in Führungspositionen und Akademiker stellen 41 % der Best-Informierten, obwohl sie nur 21 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Frauen bilden 55 % der Befragten, aber nur 36 % der Best-Informierten.
Auswirkungen auf Umfragen
Auf der Individualebene entstehen zwei zentrale Probleme:
- Schlecht informierte Personen schließen sich häufig selbst aus, indem sie wegen fehlender politischer Fakten mit „weiß nicht“ antworten. Ihre Stimme verliert dadurch von vornherein die Chance auf politische Einflussnahme.
- Politische Präferenzen entsprechen den tatsächlichen Einstellungen, Wünschen und Bedürfnissen nur dann zuverlässig, wenn die Befragten über ausreichendes Hintergrundwissen verfügen.
Auf der kollektiven Ebene unterscheiden sich gut informierte Personen stärker in ihren Meinungen. Die am schlechtesten Informierten geben dagegen häufiger ähnliche Antworten und konzentrieren sich auf dieselben Antwortkategorien. Sie bilden ihre Urteile stärker anhand von Heuristiken, also vereinfachten Entscheidungshilfen, sowie anhand von Hinweisen in der Frage oder in der Reihenfolge der Fragen.
Die unterschiedlichen Antwortverteilungen können dazu führen, dass sich die gespaltenen Antworten der gut Informierten gegenseitig ausgleichen. Dadurch erhalten die einheitlicheren Antworten der wenig Informierten ein größeres Gewicht. Althaus nennt diesen Mechanismus Dispersionseffekt. Laut Simulation ist er der wichtigste Mechanismus. Ausgerechnet Personen, die ihre Interessen oft nicht angemessen ausdrücken können, beeinflussen dadurch die kollektive Präferenz besonders stark.
Althaus’ Modell zur Messung von Informationseffekten
Als informierte Präferenzen gelten die Präferenzen, die zu erwarten wären, wenn keine Informationseffekte existierten und alle Menschen gleich und gleich gut informiert wären. Althaus’ Methode beruht auf der Idee der „enlightened preferences“ von Mansbridge: Alle Mitglieder einer bestimmten demografischen Gruppe, also Personen mit exakt denselben demografischen Merkmalen, sollten zu denselben politischen Präferenzen gelangen wie das best-informierte Mitglied dieser Gruppe, wenn sie ebenso gut informiert wären.
Die Schätzung ist ein rein statistisches Verfahren und umfasst vier Schritte:
- Eine Regressionsanalyse berücksichtigt demografische Merkmale, politisches Wissen sowie Interaktionsvariablen zwischen politischem Wissen und jedem demografischen Merkmal. Sie liefert Regressionskoeffizienten.
- Für jede Person wird der Skalenwert des politischen Wissens auf das Niveau des best-informierten Befragten angehoben.
- Die Regressionskoeffizienten werden mit den tatsächlichen demografischen Merkmalen der Person verbunden. Die Werte der Wissensskala und die Interaktionsterme werden durch die neuen Werte ersetzt.
- Die simulierten informierten Präferenzen aller Personen werden aggregiert. Das Ergebnis sind kollektive Präferenzen, die um Informationseffekte bereinigt sind. Der Vergleich mit den im Survey gemessenen Präferenzen zeigt, wie stark politisches Wissen die Ergebnisse beeinflusst.
Althaus entwickelte diese Methode auf Grundlage früherer Arbeiten von Delli Carpini und Keeter sowie Bartels. Sie entstand als kritische Auseinandersetzung mit Ansätzen wie der Theorie der Kollektiven Rationalität von Lau und Redlawsk, nach denen der niedrige politische Wissensstand kein grundlegendes Problem für die Demokratie darstellen müsse.
Ergebnisse und Grenzen
Die Ergebnisse beziehen sich auf die USA, weil Daten der American National Election Studies verwendet wurden. Insgesamt sind die Informationseffekte eher klein, können aber bei einzelnen Themen großes Gewicht erhalten. Bei fast der Hälfte der Fragen führte die Korrektur nur zu einer geringen Veränderung. Bei den anderen 52 % traten Veränderungen bis zu 15 Prozentpunkten auf; der Durchschnitt dieser Veränderungen lag bei 9,3. Bei 28,1 % der Survey-Fragen kam es sogar zu einer Umkehr der Mehrheitsverhältnisse und damit zu einer völlig anderen kollektiven Präferenz als im ursprünglichen Survey.
Bei Bewertungsfragen zeigten informierte Präferenzen weniger Wertschätzung für den Kongress, den Präsidenten und dessen Umgang mit bestimmten Politikbereichen. In der Außenpolitik war die informierte Öffentlichkeit stärker an internationalen Angelegenheiten interessiert, zugleich aber zurückhaltender beim Einsatz militärischer Macht. Bei vielen sozialpolitischen Themen waren die informierten Präferenzen grundsätzlich progressiver, besonders bei rechtlichen Fragen. Gleichzeitig zeigte sich eine ideologisch konservativere Tendenz. Bei Gleichberechtigung und Bürgerrechten waren die informierten Präferenzen egalitärer, bei moralischen Fragen weniger progressiv.
Zu den möglichen Schwächen des Modells gehören Spezifikationsfehler, eine unzureichende Messung politischen Wissens und die Annahme, dass die informiertesten Mitglieder die Interessen ihrer Gruppen richtig darstellen. Pappi kritisiert außerdem, dass das Modell zu statisch sei, weil Mobilisierungsprozesse nicht berücksichtigt würden. Althaus’ These steht Ansätzen der Kollektiven Rationalität und dem sozialpsychologischen Konzept des On-Line-Processing entgegen. Vergleiche mit Deliberative Polling sprechen jedoch dafür, dass das Konstrukt grundsätzlich valide sein kann. Die simulierten Präferenzen müssen nicht mit den tatsächlichen informierten Präferenzen identisch sein; das Modell ist dennoch ein nützliches Hilfsmittel, um den Einfluss politischen Wissens in verschiedenen Bereichen zu untersuchen.