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Erstes österreichisches Museum für Alltagsgeschichte
Der Themenschwerpunkt ist die Alltagsgeschichte und die soziale Veränderung der ländlichen Bevölkerung vom 17. bis in das 20. Jahrhundert. Das Museum für …
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Aufgabe und Bedeutung
Das Erste österreichische Museum für Alltagsgeschichte befindet sich in Neupölla, einem Ort der Marktgemeinde Pölla im Waldviertel in Niederösterreich. Es ist ein regionalgeschichtliches Museum: Es erklärt größere historische Entwicklungen anhand des Lebens in einer bestimmten Region. Im Mittelpunkt stehen die Alltagsgeschichte und der soziale Wandel der ländlichen Bevölkerung vom 17. bis in das 20. Jahrhundert. Als Beispiel dient das Gebiet zwischen Zwettl und Horn.
Das Museum zeigt, wie sich Religion, politische Herrschaft, Handwerk, Besitzverhältnisse, Wohnen, Ernährung und Erwerbsarbeit über etwa 300 Jahre veränderten. Dadurch verbindet es Gegenstände aus dem täglichen Leben mit den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer jeweiligen Zeit.
Entstehung und Organisation
Das Museum ist im ehemaligen Kulturhof von Neupölla im Haus Nr. 10 untergebracht. Es wurde 1997 anlässlich der 700-Jahr-Feier der ersten urkundlichen Nennung Neupöllas als Markt eröffnet. An der Eröffnung nahmen Landeshauptmann Erwin Pröll und Landtagspräsident Franz Romeder teil.
Träger sind die Marktgemeinde Pölla und der Dorferneuerungsverein Neupölla. Seit der Gründung leitet der Kunsthistoriker Friedrich Polleroß das Museum. Es umfasst sechs Räume mit insgesamt 140 m² Fläche und zeigt annähernd 1000 Objekte.
Dauerausstellung und Schwerpunkte
Die Präsentation ist in mehrere Themenbereiche gegliedert:
- „Pfarren und Gläubige“ behandelt die Zeit der Gotik und des Barock.
- „Herrscher und Untertanen“ beschreibt das Zeitalter des Absolutismus, also eine Herrschaftsform, in der die politische Macht stark beim Herrscher konzentriert war.
- „Märkte und Bürger“ zeigt das handwerkliche Leben vom 17. bis zum 19. Jahrhundert.
- Weitere Bereiche behandeln Wohn- und Besitzverhältnisse sowie Kochen und Essen.
Eigene Bereiche widmen sich der Hausweberei und dem Schusterhandwerk. Die Hausweberei war früher ein wichtiger Nebenerwerb der ländlichen Bevölkerung. Die Schusterwerkstätte stammt von Josef Krammer (1904–88) aus Neupölla und veranschaulicht die Arbeitswelt eines örtlichen Handwerkers.
Ein Haus und seine Bewohner
Die Sonderausstellung „Neupölla 10. Ein Haus und seine Bewohner“ erzählt die Geschichte der Familie Walter. Ihr gehörte das Gebäude des heutigen Museums von 1752 bis 1955. Die Familienmitglieder arbeiteten als Schuster und Landwirte und standen gesellschaftlich zwischen Bürgertum und Kleinbauerntum.
Diese Familiengeschichte dient als konkretes Beispiel für ländliche Alltagsgeschichte. Parallel zu den Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Familie zeigt die Ausstellung die politischen und allgemein gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit.
Ausstellungen und Veranstaltungen
Seit 1998 ergänzten zahlreiche Sonderausstellungen, Vorträge, Diskussionen und Veranstaltungen die Dauerausstellung. Inhaltlich reicht das Programm von regionaler Sozial-, Wirtschafts- und Familiengeschichte bis zu Krieg, Verfolgung, Landwirtschaft, Verkehr, Landschaft, Kunst und Alltagskultur.
1998 wurde die Museumserweiterung mit „Neupölla 10: Ein Haus und seine Bewohner“ eröffnet. Im selben Jahr behandelte ein Diavortrag von Friedrich Polleroß die jüdischen Mitbürger der Marktgemeinde Pölla und ihre Vertreibung. Weitere Beispiele sind „Von Schustern & Schneidern. Über die Veränderungen der Gewerbestruktur im 20. Jahrhundert“ und „Krammer & Krammer. Alltagsgeschichte einer Handwerkerfamilie“ aus dem Jahr 2000, „Vom Ochsengespann zu BSE. Zur Entwicklung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert“ sowie „Als die Räder laufen lernten. Motorräder und Bilder zur Motorisierung im ländlichen Raum“ aus dem Jahr 2001.
Auch politische und militärische Geschichte wurde aufgegriffen, etwa 1999 mit „60 Jahre Truppenübungsplatz – 60 Jahre Zweiter Weltkrieg“, 2010 mit „OFLAG – Kriegsgefangenenlager Edelbach“, 2017 mit „Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“ und 2019 mit „Jüdische Familien im Waldviertel und ihr Schicksal“. Regionale Veränderungen behandelten unter anderem „Wandel der Herzregion Waldviertel 1899-1999“ von 2002, „50 Jahre Kamp(stau)seen. Geschichte einer Landschaft“ von 2007 und „40 Jahre Marktgemeinde Pölla“ von 2008. Daneben gab es Kunst-, Foto- und kulturgeschichtliche Ausstellungen, beispielsweise über Kino im Waldviertel, Gemälde von Matthias Laurenz Gräff und die Geschichte der Tischlerei Zimmerl-Polleroß.
Publikationen zur Regionalgeschichte
Die Veröffentlichungen vertiefen Themen des Museums und der Geschichte des Waldviertels. Friedrich Polleroß veröffentlichte „Krammer & Krammer. Alltagsgeschichte einer Handwerkerfamilie aus Neupölla“ mit 42 Seiten und 37 Abbildungen sowie „Neupölla 10. Ein Haus und seine Bewohner“ mit 45 Seiten und 32 Abbildungen. Zur Museumseröffnung erschien 1997 sein 16-seitiger Beitrag „Erstes österreichisches Museum für Alltagsgeschichte in Neupölla eröffnet“ mit 18 Abbildungen.
Zu den umfangreicheren Werken gehören die von Polleroß herausgegebene „Geschichte der Pfarre Altpölla 1132-1982“ mit 596 Seiten und 220 Abbildungen, „1938. Davor – Danach. Beiträge zur Zeitgeschichte des Waldviertels“ von 1988, in zweiter Auflage 1989, mit 460 Seiten und 170 Abbildungen sowie „700 Jahre Markt Neupölla. Beiträge zur Geschichte der Marktgemeinde Pölla“ von 1997 mit 362 Seiten und 259 Abbildungen. Der Band „100 Jahre Tischlerei Zimmerl – Polleroß. Geschichte einer Waldviertler Familie“ umfasst 300 durchgehend farbige Seiten und Hunderte Abbildungen. Die Telestube Pölla veröffentlichte 2001 außerdem „Schmankerl aus der Region Kampstauseen – Gföhlerwald“, einen 90-seitigen Einblick in die regionale Kochkultur, der mithilfe von Wirten, Hausfrauen und Hobbyköchen entstand.