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Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet

Eine Schaubühne ist eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit. · Eine Schaubühne ist eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Leitfrage
  2. 2. Moralische und gesellschaftspolitische Wirkung
  3. 3. Ästhetische Funktion
  4. 4. Entstehungsumstände und persönliche Absicht
  5. 5. Kritische Beurteilung und Ergebnis

Gegenstand und Leitfrage

„Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ ist eine Rede Friedrich Schillers, die er am 26. Juni 1784 vor der kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft hielt. Ihre Leitfrage lautet: „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken?“ Schiller beschreibt das Theater nicht bloß als Unterhaltung, sondern als Einrichtung, die Menschen intellektuell, moralisch, emotional, gesellschaftspolitisch und ästhetisch beeinflussen kann.

Moralische und gesellschaftspolitische Wirkung

Schiller bezeichnet die Schaubühne als „eine moralische Anstalt“ und als „Schule praktischer Weisheit“. Indem sie menschliche Tugenden, Torheiten, Leiden und Laster zeigt, soll sie die Zuschauer erziehen und belehren. Sie „schützt sein Herz gegen Schwächen“ und vermittelt einen „herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung“, „Menschlichkeit und Duldung“. Darüber hinaus hält sie gleichsam „Gericht“, dient als „Wegweiser durch das bürgerliche Leben“ und erschließt als „unfehlbarer Schlüssel“ die verborgenen Bereiche der menschlichen Seele.

Zugleich versteht Schiller das Theater als gesellschaftspolitische Einrichtung und Instrument der Aufklärung. Es sei der „gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden Teil des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt“. Von der Bühne aus könnten auch „die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten zurechtweisen“ werden. Weil das Theater alle Lebenssituationen behandelt, in die menschliche Seele blickt und unterschiedliche Stände und Klassen zusammenführt, könne es die Länder des Reiches zu einer gemeinsamen Kulturnation verbinden.

Ästhetische Funktion

Die Schaubühne ist für Schiller außerdem eine ästhetische Anstalt. Der Mensch kann weder ununterbrochen mit Geschäften belastet sein noch dauerhaft nur geistige Arbeit leisten oder im „Zustande des Tieres“ bleiben. Er braucht deshalb einen mittleren Zustand, der seine körperlich-sinnliche und seine geistige Natur verbindet und den Übergang zwischen beiden erleichtert. Diesen Ausgleich ermöglicht der ästhetische Sinn für das Schöne, besonders durch das Theater.

Die Bühne gibt nach Schiller „jeder Seelenkraft Nahrung“, ohne eine einzelne Kraft zu überfordern. Sie verbindet die Bildung von Verstand und Herz mit „der edelsten Unterhaltung“. Durch eine „allwebende Sympathie“ soll sie die Menschen miteinander verbrüdern und sie fühlen lassen, wie es ist, „ein Mensch zu sein“.

Entstehungsumstände und persönliche Absicht

Schiller war im Januar 1784 in die kurpfälzische Deutsche Gesellschaft aufgenommen worden. Diese Sprachgesellschaft wollte die Sitten verbessern und die deutsche Sprache reinigen. Gleichzeitig wurde Schillers Stellung am Mannheimer Theater im Sommer 1784 zunehmend unsicher. Mit seiner Rede hoffte er, sich für die frei gewordene Sekretärsstelle der Gesellschaft zu empfehlen. Das damit verbundene Gehalt hätte ihm geholfen, seine Tätigkeit als freier Theaterautor finanziell abzusichern.

Die Mitglieder der Gesellschaft sahen das Theater damals hauptsächlich als Ort der Unterhaltung und „Kurzweil“. Schiller wollte ihnen zeigen, dass die Bühne darüber hinaus die sittlichen Einstellungen ihrer Besucher beeinflussen und zugleich Verstand, Moral und Gefühle ansprechen kann.

Kritische Beurteilung und Ergebnis

Die Rede ist von Vergrößerung, Übertreibung und der Hinwendung zu einem fernen Ideal geprägt. Darin zeigt sich, wie wichtig es dem jungen Dramatiker war, die Mitglieder der Gesellschaft für das Theater zu gewinnen. Rüdiger Safranski deutet Schillers Empfehlung der Kunst als eine „ultimative Lockerungsübung“ für die seriösen Herren: Sie sollten die Zwänge von Künstlichkeit, Mode und Alltag abwerfen und im gemeinsamen Spiel eine verbindende Sympathie erfahren.

Die Rede erreichte ihr praktisches Ziel jedoch nicht. Schillers Zuhörer ließen sich von seinem enthusiastischen Vortrag kaum beeindrucken. Es entstand keine Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Gesellschaft und dem Mannheimer Theater, und Schiller erhielt auch die erhoffte Sekretärsstelle nicht.

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