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Des Vetters Eckfenster
Des Vetters Eckfenster ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die vom 23. April bis 4. Mai 1822 in Symanskis Blatt „Der Zuschauer.
Inhalt5 Abschnitte
Kern und Entstehung
„Des Vetters Eckfenster“ ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann. Sie erschien vom 23. April bis 4. Mai 1822 in Symanskis Blatt „Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung“. Die Erzählung gehört zu Hoffmanns spätem Werk und verbindet eine einfache Rahmensituation mit Überlegungen darüber, wie literarisches Erzählen entsteht: aus Beobachtung, Phantasie und Deutung.
Am Anfang und am Ende steht ein Horaz-Spruch: „Es wird, wenn es auch jetzt schlecht steht, doch einmal nicht mehr so sein.“ Dieser Satz rahmt die Erzählung und verweist auf die Lage des kranken Vetters, aber auch auf eine allgemeinere Sicht auf das Leben.
Handlung
Ein Ich-Erzähler besucht seinen kranken Vetter, der Schriftsteller ist und am Gendarmenmarkt in Berlin wohnt. Der Vetter hat „durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich verloren“ und kann seine Wohnung nicht mehr verlassen. Von seinem Eckfenster aus sieht er jedoch auf den „Theaterplatz“ und beobachtet das Leben auf dem Markt unter seinem Fenster.
An einem Markttag fordert der Vetter seinen Besucher auf, sich an diesem Beobachtungsspiel zu beteiligen. Die beiden betrachten Marktfrauen sowie Kundinnen und Kunden. Aus Gesten, Kleidung und sichtbarem Verhalten stellen sie sich Gespräche vor und entwickeln daraus phantasievolle Geschichten über die Identität der Menschen.
Dabei zeigt der Schriftsteller seinem jungen Besucher, wie aus genauer Beobachtung und Phantasie Literatur entstehen kann. Er bringt ihm die „Kunst zu schauen“ nahe, also die Fähigkeit, Menschen und Situationen aufmerksam wahrzunehmen und erzählerisch weiterzudenken.
Eine wichtige Episode betrifft eine junge Marktfrau, die der Vetter beim Lesen eines seiner Bücher beobachtet hat. Als er sich ihr stolz als Autor des Buches vorstellt, reagiert sie ernüchternd: Sie interessiert sich nur für die Romanhandlung und die Figuren, nicht für die literarische Produktion und ihren Schöpfer.
Deutungen
Die Erzählung wurde mit Karl Friedrich Kretschmanns Werk „Scarron am Fenster“ in Verbindung gebracht. Dort sitzt der französische Autor Paul Scarron gelähmt am Fenster und porträtiert humorvoll Passanten. Diese Situation ähnelt der des Vetters bei Hoffmann.
Der Besuch beim kranken Schriftsteller kann als Unterricht verstanden werden: Der Besucher geht am Eckfenster „in die Schule des Lebens“. Das Fenster wird zu einem Ort, von dem aus die Welt betrachtet, gedeutet und erzählerisch verwandelt wird.
Der Wohnort des kranken Vetters entspricht der Lage von E. T. A. Hoffmanns eigener Wohnung im Eckhaus Taubenstraße 31/Charlottenstraße 56. Von dort blickt man auf den Gendarmenmarkt und das Schauspielhaus. Hoffmann diktierte die Erzählung, als er selbst gelähmt und todkrank war; sie wurde am 14. April 1822, zwei Monate vor seinem Tod, vollendet. Die Forschung hat deshalb oft auf autobiographische Details hingewiesen. Zugleich wird betont, dass diese Einzelheiten zu einer größeren Struktur gehören: Die Darstellung des Lebens in Todesnähe wird als Gleichnis für das Leben selbst verstanden.
Hannelore Schlaffer nennt den Text in ihrer Novellen-Theorie ein Beispiel für die sogenannte physiologische Novelle. Damit ist die Fähigkeit des Autors gemeint, aus einer Menschenmenge ein beschreibungswürdiges Individuum herauszugreifen.
Ausgaben und Forschung
Zu den genannten Ausgaben gehören Hoffmanns „Poetische Werke in sechs Bänden“, Band 6, erschienen 1958 im Aufbau-Verlag, „Gesammelte Werke in Einzelbänden“, Band 8, erschienen 1983 im Aufbau-Verlag Berlin/Weimar, sowie „Sämtliche Werke in sechs Bänden“, Band 6, erschienen 2004 im Deutschen Klassiker Verlag.
Die Forschung behandelt unter anderem Hoffmanns Imaginationslehre, ästhetische Wahrnehmung, panoramatische Strukturen, das Verhältnis von Blick und Dialog, Theatralität, Physiognomik, Poetologie, Lektüre und Überwachung. Genannt werden Arbeiten unter anderem von Peter von Matt, Günter Oesterle, Ulrich Stadler, Helmut Lethen, Hermann Korte, Thomas Eicher, Rolf Selbmann, Andreas Schirmer, Hannelore Schlaffer, Detlef Kremer, Gerhard Neumann, Carlos Spoerhase, Vance Byrd sowie Nicola Kaminski und Volker Mergenthaler.
Digitale Zugänge
Der Artikel nennt mehrere digitale Zugänge zur Erzählung. „Des Vetters Eckfenster“ ist bei Zeno.org verfügbar. Außerdem gibt es ein deutschsprachiges Digitalisat im Projekt Gutenberg.
Die Erstausgabe erschien in „Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung“. Ein vollständiges Digitalisat der betreffenden Jahrgänge mit den Nummern 49 vom 23. April 1822 bis 54 vom 4. Mai 1822 ist über das Göttinger Digitalisierungszentrum der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek abrufbar. Die Erzählung wurde dort in sechs Lieferungen als Fortsetzung gedruckt.