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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Catrin Misselhorn

Künstliche Systeme sollten die Selbstbestimmung von Menschen fördern und nicht beeinträchtigen. · Künstliche Systeme sollten nicht über Leben und Tod von …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Akademischer Werdegang
  3. 3. Maschinenethik und Künstliche Intelligenz
  4. 4. Philosophischer Ansatz
  5. 5. Emotionen, Empathie und Veröffentlichungen

Einordnung und Bedeutung

Catrin Misselhorn (* 1. November 1970 in Stuttgart) ist eine deutsche Philosophin. Seit April 2019 ist sie Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie gilt in Deutschland als Vordenkerin der Maschinen- und Roboterethik.

Wichtig ist sie vor allem, weil sie philosophische Fragen zur Künstlichen Intelligenz, zu Robotern und zu technischen Assistenzsystemen untersucht. Dabei fragt sie nicht nur, was Maschinen technisch können, sondern auch, was sie moralisch dürfen oder sollen. Ein Schwerpunkt ist die Maschinenethik: Das ist eine Disziplin an der Schnittstelle von Philosophie, Robotik und Informatik. Sie beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie Maschinen zu moralischem Entscheiden und Handeln befähigt werden können und ob man das überhaupt tun sollte.

Akademischer Werdegang

Misselhorn lehrt seit April 2019 Philosophie an der Georg-August-Universität Göttingen. Von 2012 bis 2019 hatte sie den Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an der Universität Stuttgart inne. Davor forschte und lehrte sie an der Universität Zürich, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Tübingen. In Tübingen wurde sie 2003 promoviert und habilitierte sich 2010 als Assistentin am Lehrstuhl von Manfred Frank.

Von 2007 bis 2008 war sie Feodor-Lynen-Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt Stiftung. In dieser Zeit arbeitete sie am Center of Affective Sciences in Genf sowie am Collège de France und am Institut Jean Nicod für Kognitionswissenschaften in Paris. Dort entdeckte sie die Philosophie der Künstlichen Intelligenz und die Roboterethik als Forschungsfelder. Sie verband diese Themen mit ihren Arbeiten zur Ästhetik, also zur philosophischen Untersuchung von Kunst und Wahrnehmung.

Ein frühes Thema war ihre Analyse des „Uncanny Valley“. Damit ist das Phänomen gemeint, dass menschenähnliche Roboter oder künstliche Figuren unheimlich wirken können, wenn sie Menschen zwar stark ähneln, aber nicht ganz menschlich erscheinen. Misselhorn stellte eine Analogie zwischen affektiven Reaktionen auf humanoide Roboter, besonders Empathie, und Reaktionen auf fiktive Personen im Film her. Seit 2024 ist sie ordentliches Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Maschinenethik und Künstliche Intelligenz

Misselhorn forscht zu Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Technikphilosophie sowie zur Philosophie des Geistes, der Sprache und der Kultur. Erkenntnistheorie fragt danach, was Wissen ist und wie Erkenntnis möglich ist. Wissenschaftstheorie untersucht Grundlagen, Methoden und Geltungsansprüche der Wissenschaften. Technikphilosophie behandelt die Bedeutung und Folgen von Technik für Menschen und Gesellschaft.

Ein zentraler Bereich ihrer Arbeit ist die Philosophie der KI, Roboter- und Maschinenethik. Sie leitet mehrere Drittmittelprojekte zur ethischen Bewertung von Assistenzsystemen, zum Beispiel in der Pflege, in der Arbeitswelt und in der Bildung. Ihr Buch „Grundfragen der Maschinenethik“ wurde auf den dritten Platz der Sachbuchbestenliste von Deutschlandfunk Kultur, ZDF und ZEIT gewählt.

In diesem Buch entwickelt sie Grundlagen der Maschinenethik. Wichtige Anwendungsbereiche sind Pflegesysteme, Kriegsroboter und autonomes Fahren. Für Maschinenethik und allgemein für die Entwicklung von KI formuliert sie drei Grundsätze: Künstliche Systeme sollten die Selbstbestimmung von Menschen fördern und nicht beeinträchtigen. Künstliche Systeme sollten nicht über Leben und Tod von Menschen entscheiden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass Menschen stets in einem substantiellen Sinn die Verantwortung übernehmen.

In „Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co“ behandelt Misselhorn technische und ethische Fragen emotionaler KI und sozialer Robotik. Emotionale KI bezeichnet Systeme, die mit Gefühlen umgehen, etwa Emotionen erkennen oder auf sie reagieren sollen. Soziale Robotik befasst sich mit Robotern, die mit Menschen in sozialen Situationen interagieren. Misselhorn diskutiert Beispiele aus Pflege und Therapie und fragt, ob Menschen mit Robotern Freundschaft pflegen, Sex haben oder sie lieben können und ob sie es tun sollten. Dabei betrachtet sie auch die gesellschaftlichen Veränderungen, die solche Technologien mit sich bringen.

Philosophischer Ansatz

Misselhorn vertritt einen integrativen philosophischen Ansatz. Damit ist gemeint, dass sie Kunst, Wissenschaft und Technik nicht getrennt betrachtet, sondern philosophisch miteinander vermitteln will. Sie bezieht dabei auch Autoren wie Robert Musil ein, der meist als Schriftsteller gilt, aus ihrer Sicht aber philosophisch zu wenig beachtet wird. Zugleich beschäftigt sie sich mit klassischen Fragen wie der Objektivität der Sinneswahrnehmung und der Möglichkeit apriorischer Erkenntnis. Apriorische Erkenntnis meint Erkenntnis, die nicht aus Erfahrung stammt, sondern unabhängig von ihr begründet sein soll.

Ihren Grundansatz nennt sie gemäßigten Naturalismus. Naturalismus ist allgemein die Auffassung, dass philosophische Fragen eng mit Naturwissenschaften zusammenhängen. Misselhorns gemäßigte Form lehnt aber den Anspruch ab, dass nur die Naturwissenschaften Erkenntnis liefern können. Sie spricht der Philosophie eigene Erkenntnisbereiche und Verfahren zu. Gleichzeitig hält sie naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen für wichtig für philosophische Theorien. Dies zeigt sie unter anderem an ihrer Theorie der apriorischen Rechtfertigung als kontrafaktische Variation im Anschluss an Kant.

In der Wahrnehmungstheorie verteidigt sie, inspiriert von Gareth Evans, eine neo-kantische Position. Diese Position nimmt an, dass bestimmte begriffliche Fähigkeiten nötig sind, um die Welt als objektiv wahrzunehmen. Begriffliche Fähigkeiten sind Fähigkeiten, mit Begriffen zu denken und Schlüsse zu ziehen. Solche inferentiellen Fähigkeiten, also Fähigkeiten des Folgerns, beeinflussen auch, wie die Welt erlebt wird. Das ist nach Misselhorn damit vereinbar, dass es einfachere, nicht-begriffliche Formen der Wahrnehmung gibt.

Auch ästhetische Erfahrung, besonders die Erfahrung von Literatur, versteht Misselhorn als philosophisch wichtige Erkenntnisquelle. Sie kann nach ihrer Auffassung begrifflich strukturiert sein, ist aber nicht dasselbe wie klassische philosophische Begriffsanalyse. Stattdessen lotet sie begriffliche Möglichkeiten aus, die über unsere gewöhnliche Verwendung von Begriffen hinausgehen.

Emotionen, Empathie und Veröffentlichungen

Emotionen sind für Misselhorn ein wichtiger Teil unseres Verhältnisses zur Welt, sowohl in ethischen und ästhetischen als auch in technologischen Zusammenhängen. Mit Clive Bell argumentiert sie für die Annahme einer spezifisch ästhetischen Emotion, die durch Kunstwerke hervorgebracht wird.

Empathie versteht sie als wichtige Quelle der Moral. Empathie kann nach ihrer Auffassung auch durch Roboter ausgelöst werden. In Anlehnung an Kants Überlegungen zur Tierethik entwickelt sie ein indirektes Argument dafür, dass Empathie moralische Grenzen für unser Verhalten gegenüber menschenähnlichen Robotern erzeugt. Deshalb sieht sie die Entwicklung humanoider oder sogar androider Roboter skeptisch, weil die moralpsychologischen Folgen unseres Umgangs mit ihnen aus ihrer Sicht zu wenig reflektiert werden.

Zu ihren ausgewählten Veröffentlichungen gehören unter anderem „Empathy with Inanimate Objects and the Uncanny Valley“ (2009), „Gibt es eine ästhetische Emotion?“ (2013), „Wahrnehmungsrepräsentation und Objektivität. Zur Verteidigung von Evans‘ Neo-Kantianismus“ (2016), „Artificial Morality. Concepts, Issues and Challenges“ (2018), „Maschinenethik und Artificial Morality: Können und sollen Maschinen moralisch handeln?“ (2018), „Grundfragen der Maschinenethik“ (Reclam: Stuttgart 2019, 5. Auflage), „Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co“ (Reclam: Stuttgart 2021) und „Künstliche Intelligenz – das Ende der Kunst?“ (Reclam: Stuttgart 2023).

In Presseartikeln und Interviews behandelte sie ähnliche Fragen für eine breitere Öffentlichkeit, etwa moralisch lernfähige Assistenzsysteme in der Pflege, moralisches Handeln von Maschinen, Entscheidungen über Menschenleben, Roboter im Alltag und die Frage, wie intelligente Maschinen denken und ob man sich vor ihnen fürchten muss.

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