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Artikel 37 im Fokus: Prof. Rupert Scholz über Bundeszwang, Föderalismus und Rechtsstaat

tvberlin17:40 16.821 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. เฮ [musik] [musik]
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  4. Guten Abend, meine Damen und Herren. Der Rechtsstaat ist das Fundament unserer Demokratie. Er soll Macht begrenzen, Minderheiten schützen und dafür sorgen,
  5. dass staatliches Handeln sich an Recht und Gesetz orientiert. Doch wie belastbar ist dieses Fundament tatsächlich? Es geht um die Grenzen
  6. staatlicher Macht. Es geht um Grundrechte und es geht um politische Verantwortung. Darüber spreche ich mit Professor Dr. Rupert Scholz, einem der
  7. profiliertesten Staats- und Verfassungsrechtler unseres Landes. Und damit herzlich willkommen Ihnen, Herr Professor Scholz und ihnen, meine Damen
  8. und Herren, zu unserer Gesprächsreihe Rechtsstaat im Gespräch. Professor Scholz, Deutschland diskutiert ganz aktuell nach der Wahl in Sachsenanhalt
  9. das Thema Bundeszwang. Was bedeutet Bundeszwang eigentlich und warum gibt es ihn? Der Bundezwan geregelt im Artikel 37
  10. Grundgesetz. Den hat's noch nie gegeben. Ein Fall, das vorausgeschickt und da auch vorausgeschickt, ich halte
  11. es für Unfug zur Zeit ernsthaft dieses Thema zu diskutieren. Aber worum geht es? Es geht darum, dass ein Land
  12. grundlegende Bestimmung des Grundgesetzes, grundlegende Bestimmung aus der Bundesgesetzgebung nicht beachtet, sich nicht daran hält und es
  13. keine andere Abhilfe geben kann, dann kann der Bund an über Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung kann dann über den
  14. Bundeszwang eingreifen und bestimmt bestimmte Maßnahmen ergreifen, aber wie gesagt, das hat's noch nicht gegeben und ich sehe auch momentan
  15. keine ernsthafte, wie soll man sagen, kein ernsthaften Anlass für derartiges. Lassen Sie uns mal ein bisschen ähm ja in die in die demokratische Glaskugel
  16. schauen, will ich sagen. Wann genau würden Sie sagen, eine Schwelle erreicht an, der aus einem politischen Konflikt zwischen Bund und Land ein Fall für den
  17. Bundeszwang eigentlich werden kann? Also zunächst mal muss es ein Fall sein, in dem in der Tat ein Land, wie ich eben schon gesagt
  18. habe, grundlegende Bestimmung des Grundgesetzes, Verfassungsnormen nicht beachtet oder grundlegende Bestimmung aus der Bundesgesetzgebung
  19. nicht beachtet. Das zweite ist, dass es keine andere Abhilfe gibt. Wir haben ja z.B. im Artikel 93 Grundgesetz die
  20. Zuständigkeiten des Bundesverfassungsgerichts. Da gibt es den Bund Länderstreit. ganz wichtiges auf vielfach bewährtes
  21. Verfahren. Mit anderen Worten, wenn ein Land bestimmte Normen, Regeln des Bundes nicht einhält, kann der Bund beim Bundesverfassungsgericht
  22. klagen und mit einer solchen Klage durchsetzen, dass das Gericht äh dass das Land sich an die Normen hält, das normales Verfahren. Und aus all den
  23. Gründen, weil das funktioniert hat und auch weiter funktionieren wird, ist der Bundeszwang nie ein, wie soll ich sagen,
  24. relevantes Thema geworden. Und wer heute, wer heute plötzlich von Bundeszwang redet, der will im Grunde nur ablenken von ja, ich sag's mal so,
  25. von der Befürchtung, dass die AfD stärker wird, ne? Das geht immer gegen die AfD, wobei die AfD, muss man auch deutlich sagen,
  26. noch nirgends zu erkennen gegeben hat. Sie regiert ja auch noch nirgends zu erkennen gegeben hat, dass sie sich an bestimmte Verfassungsnormen, an
  27. bestimmte Bundesregeln nicht halten will. Ist alles alles Homebook. Ja, eben. Wie erklären Sie sich das, dass in einer Phase der sozusagen
  28. Nachwahl, wo noch gar nichts passiert ist, wo es weder Sondierungsgespräche noch Koalitionsgespräche geschweige denn eine sich konstituierende Regierung
  29. gebildet hat. Wieso kommen jetzt solche Themen auf dem Tisch? Das ist doch eine ganz typische Reaktion, kann man fast sagen, wenn man
  30. fürchtet, Wahin zu verlieren oder schon verloren hat. Gucken wir uns no mal die politische Landschaft an. Die letzten Umfragen,
  31. da liegt die AfD bei 29 bis 30% bundesweit mit Abstand die stärkste Partei. Selbst die CDU liegt nur noch bei 18 19% von der SPD ganz zu schweigen
  32. irgendwo bei 12 13. Die klassischen beiden großen Volksparteien, CDU CSU und SPD sind nicht mehr führende Kräfte in dem
  33. Land. Und jetzt diese Parteien haben jetzt Angst bekommen vor der AfD und man sieht, wo s wo man hinguckt.
  34. Überlegen Sie, wie kann man gegen die AfD, die möglicherweise Wahlen gewinnt, in Sachsandard hat sie schon gewonnen, auch weitere Wahlen
  35. gewinnen wird und regieren wird. Was kann man dagegen tun? Äh, das ist im Grunde eine Frage der in der Demokratie der politischen Auseinandersetzung. des
  36. politischen Wettbewerbs, des Wettbewerbs der Argumente, aber nicht das, was hier geschieht. Und es geht ja nicht nur um den Bundeszwag, mit dem plötzlich da so
  37. in der rumspekuliert wird. Ich will das so ganz bewusst so ausdrücken. Da wird jetzt z.B. schon überlegt, ja, Ministerpräsident, Ministerkonferenzen,
  38. das sind äh legitime normale Verfahren. Wir haben ja 16 Bundesländer und dass die sich in bestimmten Dingen auch mal abstimmen, das wird läuft dann über die
  39. jeweiligen Regierung, die Ministerkonferenzen, das ist ein normaler Vorgang und der ist auch völlig in Ordnung. Da wird aber jetzt schon
  40. überlegt, ja, da könnten ja mal sicherheitsrelevante Dinge dabei sein und wenn jetzt da plötzlich ein AfD Minister dabei ist, ja, der darf das
  41. doch diese Informationen doch gar nicht bekommen. Unsinn. Soll wir erstmal nachweisen, dass dieser AfD Minister nicht
  42. verfassungstreu sich an die Vertraulichkeit von Informationen hält. Ist alles gar nicht greifbar, aber es ist offenkundig
  43. eine Angst. Ich kann auch sagen eigentlich eine wachsende Unsicherheit, dass man sich selbst nicht mehr CDU CS so wie SPD sich
  44. seiner selbst nicht mehr hinreichend bewusst ist auch eigenes, man könnte sagen, Selbstbewusstsein gar nicht mehr hat, sondern nur noch Angst hat, Furcht
  45. hat von dem Konkurrenten, sprich AfD, abgehängt überholt zu werden. Das ist ein normaler Vorgang in der Demokratie, dass sowas passiert. Aber
  46. wir hatten es auch schon anders. Ich erinnere ja an die Wahl von Bodamelo an dem Linken, der in Thüringen zum Ministerpräsident gewählt wurde. Da gab
  47. es diese Reflexe nicht. Stimmt. Das stimmt. Wobei man
  48. gesagt, diese AfD, da haben wir die Brandmauer, mit den grenzen wir uns ab. Ja, mit der Linkspartei auch was die Union. Stimmt aber genau, da wollte ich
  49. gar aus der Linkspartei, bei der übrigens wirklich verfassungsfeindliche Inhalte, gucken Sie an, das sind ja fast altkommunistische Thesen und Programme,
  50. die dort vertreten werden. Es ist im Grunde die Linke ist die alte SED und
  51. da gibt es auch Abgrenzungsbeschlüsse, aber die werden teilweise nicht eingehalten. Demim Erst hat ja mit den Stimmen von
  52. denen seiner Zeit diese wahnsinnige Verschuldung durchgesetzt. Aus meiner Sicht unbegreiflich. Mit der AfD will man will man nicht
  53. kooliieren, nicht kooperieren. Das ist demokratisch legitim. Muss man nicht. Man muss doch die AfD nicht mögen. Aber ich kann nicht anders handeln
  54. gegen die AfD. Vor allem, wenn der Verfassungsverstöße wie der Linken etwa ganz eindeutig nachgewiesen vorliegen. Mhm.
  55. S ja, damit zweierlei Maßmessen, das ist fragwürdig. Das ist auch politisch aus meiner Sicht unsinnig und schlichtenreifend und verantwortlich.
  56. Professor Scholz, zurück zu unserem Thema Bundeszwang. Wer entscheidet letztlich, dass ein Bundesland seine Pflichten so verletzt hat und der
  57. Bundeszwang notwendig ist? Das macht die Bundesregierung, der Bundestag, auch der Bundesrat kann das machen. Es kommt drauf an, wie die
  58. Situation ist, also eines der Verfassungsorgane. Wir haben ja gerade darüber spekuliert, warum wird auf der einen Seite mit der
  59. Elle gemessen und auf der anderen Seite mit der anderen Elle? Was verhindert, dass aus einem verfassungsrechtlichem Instrument eigentlich ein politisches
  60. Druckmittel wird? Tja, das ist die Frage, aber ich [schnauben] glaube, wenn nehmen wir es mal so rum, nehmen
  61. wir mal an, die wir haben eine AfD Regierung beispielsweise Sachsenanhalt und äh die diese Regierung hält sich an bestimmte
  62. bundesrechtliche Vorgaben nicht, dann ist der normale Weg, wie ich vorhin schon gesagt habe, dann geht die Bundesregierung zum
  63. Bundesverfassungsgericht und klagt das ein. Aber unterstellen wir mal, das funktioniert nicht. Also die
  64. Bundeszwanüberlegung kommt ins Spiel. Dann gibt es da Möglichkeiten natürlich über den Bundeszwang durchweisungen
  65. durchzusetzen, dass das Recht eingehalten wird, im äußersten Fall sogar ein Staatskommissar einzusetzen, das heißt, der an Stelle der Regierung
  66. die Macht ausübt. Aber das sind alles extreme extreme Lösungen, die ich würde ein mal sagen in unserer insgesamt ja doch stabilen rechtsstaatlichen
  67. Demokratie niemals ein ernstes Thema gewesen sind. Und deshalb halte ich nur, um es noch mal zu sagen, diese jetzige Debatte, die ist jetzt hier operieren
  68. mit dem Instrument Bundeszwang für schlicht undtergreifend, unverantwortlich, um nicht zu sagen dumm.
  69. Könnte dieser von ihnen beschriebene Staatskommissar, könnte der sozusagen Landesbehörden rechtstheoretisch zum Vollzug bestimmter
  70. Maßnahmen zwingen? Ja, wenn er als Staatskommissar eingesetzt ist, natürlich, er ist ja dann wie eine Regierung. Er tritt ja an
  71. die Stelle der Regierung und der kann natürlich da Weisung geben. Der kann ja, der regiert eben buchstäblich nicht. Aber
  72. stellen wir uns mal Professor Schulz einen Extremfall vor. Stellen wir uns mal vor, eine Landesregierung besitzt eine demokratische Mehrheit, weigert
  73. sich aber eine verbindlich bundesrechtliche Verpflichtungen. Was wiegt dann schwerer aus ihrer Sicht, der Wählerwille dieses Landes oder die
  74. Bindung an die bundessstaatliche Ordnung? Äh, beides ist gleich gleich gleich wichtig,
  75. aber die bundessstaatliche Ordnung, die ist verfassungsrechtlich vorgegeben, die ist unantastbar. Unser Föderalismus steht unter
  76. Unabänderlichkeitsvorbehalt mit Recht. Artikel 793 Grundgesetz mit Recht. Und wenn bestimmte bundessstaatliche Regelungen nicht
  77. eingehalten werden, nicht beachtet werden von einer Landesregierung, da können da können noch so dicke Mehrheiten dahinter stehen. Geht das
  78. nicht? Die die Regeln müssen eingehalten werden. Würden Sie der Aussage zustimmen, dass der Bundeszwang ein notwendiges
  79. Korrektiv demokratischer Mehrheiten ist? Ein Korrektiv. Er ist ein [räuspern] korrektiver Situation, in dem unsere föder
  80. Demokratie nicht mehr funktioniert und davon kann nicht die Rede sein. Also, es besteht nicht die Gefahr, dass eine demokratisch gewählte, legitimierte
  81. Landesregierung äh von der Bundesebene politisch entmt wird. Ja, ich sehe keine kein Anlass überhaupt gar kein nicht die Spur eines Anlasses. Und
  82. noch mal ja, man wird man wird ein Stück weit äh ich sag mal skeptisch, wenn man diese Diskussion sag noch einmal vor dem
  83. Hintergrund einer jetzigen Situation, also was wir haben, sind Wahlergebnisse ähm und die sind für die AfD hoch und für
  84. die anderen Parteien eben nicht so hoch. ist Demokratie und das ist Demokratie und bislang war das kein Thema und jetzt war dieser
  85. Begriff durch die politische Landschaft. Es gab bestimmt sehr viele Wählerinnen und Wähler, die das Wort Bundeszwang als Begriff noch nie gehört haben, genau wie
  86. Bundestreue. Und jetzt wird darüber diskutiert in den Vereinen, am Arbeitsplatz, am Stammtisch, in der Familie, überall wird darüber diskutiert
  87. und deshalb machen wir es ja auch äh zum zum Thema. Professor Sch, wer kontrolliert eigentlich die Bundesregierung, wenn sie behauptet, ein
  88. Land habe seine Pflichten sozusagen verletzt? Wie das Bundesverfassungsgericht, der Bund Ländernstreit, den ich vorhin
  89. angezitiert habe, mit dem der Bund ein Land verklagen kann. Ein Land kann genauso den Bund
  90. verklagen. Mhm. Wenn der sich nicht an die Regeln hält. Das ist der Bundländerstreit und das ist ein Verfahren beim
  91. Bundesverfassungsgericht, der über all die Jahre gut funktioniert hat und mit Sicherheit auch künftig funktionieren wird.
  92. In welcher Reihenfolge passiert denn das? Also, wir haben ja auch schon in dieser Sendung gesprochen über äh Kandidaturen, die dann nicht zugelassen
  93. wurden und dann gab es Rechtssprechungen und dann hieß es ja äh das ist so, sie können dagegen vorgehen, aber erst nach der Wahl. Ich frag deshalb, weil ich
  94. sag, darf die Bundesregierung handeln und anschließend vor Gericht erklären, warum sie handeln musste oder müsste es sozusagen die verfassungsrechtliche
  95. Zulässigkeit nicht vorher erklären? Na, das ist die entscheidende Frage. Eine ein Gericht entscheidet immer erster Antrag und also das wenn das
  96. Bundesverfassungsgericht einen solchen Verfahren, sei es für ein Land, sei es für ein Bund entscheiden soll, dann kommt's drauf an, wer zunächst den
  97. Antrag auf entsprechend stellt, sei es der Bund, sei es das Land. Das kann man nicht das Bundesverfassungsgericht anders gesagt
  98. handelt nicht von Amtswegen, nicht die gucken nicht da die Richtung da ist ja das müssen wir mal entscheiden. Das Grundprinzip unseres Prozessrechts
  99. vom Amtsgericht bis zum Bundesverfassungsgericht ist, es wird nur auf Antrag entschieden. Also kann man das nicht spekulieren, wann und wie
  100. hier ein Verfahren läuft. Problematisch sind natürlich die Fälle, die die wir hier eben ja schon mal angesprochen haben. Wir hatten ja jetzt
  101. die Kommunalwahlen in Niedersachsen, bei dem übrigens die AfD ja ihr Wahlergebnis verdreifacht hat. Mhm. Ähm, da sind ja AfD Kandidaten
  102. ausgeschlossen worden wegen angeblicher Verfassungsreuer in einem ganz ganz fragwürdigen aus meiner Sicht nicht verfassungskonformen
  103. Verfahren. Ich kann nicht jemanden vorab ausschließend von einer Wahl, wenn gar nicht nachgewiesen ist, dass es ein Verfassungsfeind ist.
  104. Professor Scholz, letzte Frage auch mit Blick auf die Uhr. Wenn Sie heute einen einzigen Satz an die Bundesregierung und Landesregierung richten müssen, was darf
  105. in unserem förderalem Staat niemals passieren, damit aus einem politischen Konflikt, sage ich mal, keine Verfassungskrise wird? Was darf nicht
  106. passieren, dass die von Ihnen eben angesprochene Bundestreue nicht eingehalten wird? Das heißt, Bund
  107. und Länder sind selbständig in Rahmen ihrer Zuständigkeiten. Und diese Zuständigkeiten und auch deren Grenzen muss jeder, der Bund wie die
  108. Länder wahren, dann funktioniert unser Bundesstaat und so soll auch künftig funktionieren, dann haben wir keine Probleme.
  109. Meine Damen und Herren, Sie haben es gehört. Unser Gespräch hat gezeigt, Bundeszwang ist kein gewöhnliches Instrument bzw. Druckmittel. Sein
  110. Einsatz wäre an hohe rechtliche Voraussetzungen gebunden. Entscheiden bleibt, dass staatliche Macht stets an Recht, Verfassung und
  111. Verhältnismäßigkeit gebunden ist. Ich danke Ihnen, Professor Scholz für das Gespräch auch wiederum für Ihre interessanten Einschätzung. Das war
  112. rechtsstatt im Gespräch. Ich danke herzlich fürs Zuschauen fürleibe. Bis zum nächsten Mal wünsche einen guten Abend. Tschüss ihr Frank Henkel.
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