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Inklusion in der Krise? Schulbegleiter und die Misere des Bildungssystems in Deutschland |Panorama 3
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 107 Zeilen
- Moin! Moin. 8 Uhr, Schulbeginn.
- Die Schulbegleiterin Sina Zerrenner-Tasche ist schon da. Ibrahim kommt wieder zu spät.
- Für ihn ist sie hier und hilft ihm durch den Schultag. Heute soll die Klasse an verschiedenen Projekten arbeiten.
- Ibrahims Gruppe hat einen Süßigkeiten-Automaten entwickelt. Wer da 10 Cent oder 20 Cent reintut, bekommt Süßigkeiten.
- Gemeinsam lernen, ob mit oder ohne Einschränkung, das soll für alle Kinder in Deutschland möglich sein.
- Doch bislang funktioniert das oft nur mit Schulbegleitern. Die kümmern sich in den Klassen dann jeweils um ein Kind,
- das Hilfe braucht. Ibrahim hat,
- was man emotional-sozialen Förderbedarf nennt – er hat ADHS. Wenn er laut angesprochen wird, reagiert er manchmal aggressiv.
- Kritik könne er schlecht annehmen, sagt seine Schulbegleiterin. Ich bin ganz froh,
- dass er jetzt ganz ruhig hier sitzt und die Überschrift malt. Sina hilft ihm,
- konzentriert zu arbeiten und bei der Sache zu bleiben. Sie begleitet Ibrahim seit etwa einem Jahr.
- Damit ich mich ein bisschen besser benehme. Und mehr mitarbeite.
- Das habe ich damals nicht so gut hinbekommen. Deswegen habe ich eine Einzelfallhelferin bekommen.
- Schulbegleiter sind immens gefordert, manchmal überfordert. Eine besondere Ausbildung hat Sina nicht –
- denn die gibt es nicht. Sie ist eigentlich hauswirtschaftliche Betriebsleiterin.
- Richtig vorbereitet war sie auf die Arbeit in der Schule nicht. So ein bisschen ins kalte Wasser.
- Wir hatten vorher Gespräche mit meiner Arbeitgeberin, was ich mir so vorstelle unter diesem Job.
- Was mich erwarten könnte und was ich mir von ihr wünschen würde. Das war so der Einstieg in diesen Beruf.
- Sie hatten keine Art Weiterbildung oder Fortbildung? Nein, leider nicht.
- Dabei fangen Schulbegleiter das auf, was Lehrer nicht leisten können. Ohne ihren Einsatz wäre Inklusion an vielen Schulen nicht möglich.
- Zum Schulpersonal gehören sie jedoch nicht. Sie sind bei externen Trägern angestellt.
- Von dort werden sie zu Schülern geschickt, wenn nichts mehr geht.
- Wir haben mit vielen Schulbegleitern und -begleiterinnen gesprochen. Ihr Druck im Alltag ist enorm.
- Die schlimmste Situation, die ich erlebt habe mit einem Kind, war, dass ein Kind von der Polizei aus der Schule abgeholt wurde.
- Weil es andere Kinder mit einer Schere angegriffen hat. Kennenlern-Situationen, wo gesagt wird:
- "Hau ab, du Penner, ich brauch dich nicht." Das ist schon krass.
- Er ist auf die Idee gekommen, den größten Stein, den er aufheben konnte, hochzuheben.
- Er wollte den als Spaß über seinen besten Kumpel halten, dabei ist er ihm runtergefallen.
- Das war sehr knapp. Es ging dann so weit,
- dass man mit einem Messer vor mir gestanden hat. Ich hab dann gesagt:
- "Dann stichst du mich jetzt ab, dann gehe ich ins Krankenhaus. Das wäre jetzt so der Ablauf."
- Extrem-Situationen, die zu Überforderung führen können. Und Schulbegleiter kümmern sich nicht nur um auffällige Schüler,
- sondern auch um körperlich stark eingeschränkte Kinder. Marlene Starke ist acht Jahre alt
- und besucht die dritte Klasse einer Hamburger Grundschule. Marlene kann nicht gehen und braucht zum Sprechen ihren "Talker".
- Ich gehe gerne in die Schule. Ich hatte schon verschiedene Schulbegleiter.
- Die meisten mag ich gerne. Die Schulbegleitung muss Marlene
- beim Essen und beim Toilettengang helfen. Sie muss wissen, wie ihr Talker funktioniert.
- Nicht alle Schulbegleiter waren auf den Umgang mit einem körperlich behinderten Kind gut vorbereitet, sagen die Eltern.
- Wir hatten schon Schulbegleiter, die haben Marlene aus dem Stuhl rausgenommen, aber nicht wieder reingekriegt.
- Da bin ich dann in die Schule gefahren und habe sie wieder in den Stuhl gesetzt.
- Natürlich braucht man da Fachkräfte. Oft werden allerdings
- Menschen ohne Vorkenntnisse als Schulbegleiter eingesetzt. Das System ist fragil.
- Wenn etwas schief geht, müssen die Eltern zur Stelle sein. Es gibt viele Wechsel.
- Marlenes Eltern erinnern sich an acht Schulbegleiter bis zur dritten Klasse.
- Aber nur mit zuverlässiger Schulbegleitung kann Marlene überhaupt in eine Regelschule gehen.
- Schon echt stressig. Auf der anderen Seite hat Marlene 'ne Schulpflicht
- und auch ein Recht auf Schule. Sie soll immer hingehen können.
- Es war auch schon mal so, dass Freunde fragen: Wo ist denn Marlene? Ist die krank?
- Die hatte keinen Schulbegleiter. Manchmal kommen die Absagen auch kurzfristig.
- Ganz schwierig ist die Situation, wenn am späten Abend die WhatsApp eintrudelt:
- "Ich fühle mich leider nicht wohl, und ich kann morgen nicht kommen." Am Anfang war auch keine Einarbeitung vorgesehen,
- sagen die Eltern. Sie hätten die Schulbegleiter dann auf eigene Kosten
- zu sich eingeladen und ihnen gezeigt, welche Hilfe Marlene braucht. Für viele Eltern hängt ihre ganze Alltagsorganisation
- an den Schulbegleitern. Es gibt Leute, die dafür ihren Job aufgeben mussten,
- weil die schulische Betreuung nicht gewährleistet ist. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit angefangen zu arbeiten.
- Ich habe das auf der Arbeit noch nicht gesagt, wie unsere Situation ist, weil ich da Sorge hab.
- Familie Starke wünscht sich ein zuverlässiges System mit qualifizierten Schulbegleitern.
- Auch viele Schulbegleiter sprechen sich für bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten aus.
- Ich habe es mehrfach erlebt bei Leuten, die keine Qualifikation hatten und in solche Situationen geraten sind.
- Dann ist das nur noch weiter eskaliert, weil die Panik gekriegt haben.
- Ich fände es sinnvoll, wenn Schulbegleiter eine Standardqualifikation
- in Form einer Ausbildung, Weiterbildung erhalten. Weil es einfach Sicherheit gibt.
- Was es bräuchte, wäre ein Curriculum der Inhalte, die eine Schulbegleitung wissen muss.
- Bettina Lindmeier ist Professorin am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover.
- Sie unterstützt die Forderung nach besserer Qualifikation. Außerdem sollten Schulbegleiter
- besser direkt bei der Schule angestellt sein. Leute, die in der Schule arbeiten,
- sollten sich da als Team verstehen können. Sie sollten das gemeinsame Lehrerzimmer nutzen,
- bei den Konferenzen gemeinsam teilnehmen usw. Das ist nicht der Fall,
- weil der Arbeitgeber jemand anders ist. Der Arbeitgeber ist ein externer Träger,
- der Arbeitsort die Schule. Das führt zu vielen Unsicherheiten bei den Schulbegleitern.
- Im Moment sind die Befristungen an die Aufträge gekoppelt, weil das wirtschaftlich nicht anders machbar ist.
- Die sozial erfahrene Kraft, da ist man beim Mindestlohn. Der Arbeitsvertrag ist befristet bis zu den Sommerferien.
- Nach den Sommerferien kann's weitergehen oder nicht. Ich lebe jeden Tag und jede Minute mit der Angst,
- dass mein Telefon klingelt und mein Schüler wegfällt. Das ist mir dreimal passiert.
- Beim ersten Mal saß ich mit Tränen zu Hause. Im Landkreis Gifhorn versuchen sie, Schulbegleitung anders zu denken.
- Schon seit ein paar Jahren gibt es an der Grundschule in Wesendorf als Modellprojekt "Klassenassistenzen":
- Sie arbeiten nicht nur mit einem Kind mit Förderbedarf. Sie sind für eine ganze Klasse da.
- Klassenassistentin Verena Krendel kennt die 2c gut. Sie unterstützt die Lehrerin.
- Ich habe angefangen mit Schulbegleitung, und bin dann in die Klassenassistenz gegangen.
- Weil ich einfach pädagogisch viel effektiver arbeiten kann. Die Eltern der Kinder mit Förderbedarf
- haben hier auf ihren Anspruch auf Schulbegleitung verzichtet – zugunsten einer Klassenassistenz.
- Die ist zwar weiterhin extern angestellt, aber gehört zum Schulteam dazu.
- Als Schulbegleitung ist es ja auch so: Man kommt mit in die Klasse und ist nur für ein Kind zuständig
- und versucht dann auch möglichst unauffällig zu sein. Dann sitzt man hinter diesem Kind
- und will das Bestmögliche für das Kind tun. Also fragt man den Lehrer, aber auch mit schlechtem Gewissen.
- Als Klassenassistenz arbeiten wir im Team. Schulleiter Jörg Bratz hat das Pilotprojekt ins Leben gerufen,
- weil es Probleme mit den Schulbegleitungen gab. Finanziert wird sein Projekt vom Landkreis Gifhorn.
- Die Fortbildungen für die Schulassistenten zahlt Bratz aus dem Schul-Etat.
- Wir haben weniger Verhaltensprobleme und weniger Lernprobleme. Das heißt,
- Klassenassistenz ist sehr effektiv für eine effiziente Klassenführung. Unterrichtsstörungen können vermieden werden.
- Kinder können niedrigschwellig abgeholt werden. Ähnliche Modellversuche gibt es auch in Bremen,
- Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Auch Prof. Lindmeier hält das für den richtigen Weg,
- weg von den Einzelfallhilfen. Ich meine, das ist ein Schritt in die richtige Richtung,
- weil es eben weniger Erwachsene in den Klassen gibt. Was ich für günstig halte.
- Dass man sich längerfristig abstimmt. Dass es 'ne Arbeitsteilung gibt, und dadurch auch nicht
- so festgelegt ist, wer hilfebedürftig ist. Trotz der positiven Erfahrungen
- will der Landkreis Gifhorn das Modellprojekt nicht weiterführen. Auf Nachfrage heißt es,
- das Projekt sei nur auf begrenzte Zeit angelegt gewesen. Damit muss die Schule wieder zurück zur individuellen Schulbegleitung.
- Förderung im Klassenteam, als eigener Beruf, angestellt bei der Schule - das scheint eine Utopie.
- Wir haben nachgefragt in den zuständigen Behörden. Die Antworten: disparat.
- Niedersachsen schreibt, Schulbegleiter könnten "aufgrund der Rechtsgrundlage" nicht bei der Schule angestellt sein.
- Aus Schleswig-Holstein heißt es, man unterstütze die Versuche von Klassenassistenzen.
- Mecklenburg-Vorpommern weist darauf hin, dass Schulbegleitung "kein klar definierter Beruf" sein könne.
- Weil die Leistungen vom Bedarf der Schüler abhingen. Hamburg hat nicht geantwortet.
- Verena Krendel wird in Zukunft bei ihrem Träger wohl einen anderen Job bekommen.
- Dass ein so erfolgreiches Projekt wie die Klassenassistenz hier nicht weitergeführt wird, zeigt, wie weit der Weg
- zu einem guten System Schulbegleitung noch ist.