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Inklusion in der Krise? Schulbegleiter und die Misere des Bildungssystems in Deutschland |Panorama 3

NDR Info11:32 390.018 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 107 Zeilen
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  1. Moin! Moin. 8 Uhr, Schulbeginn.
  2. Die Schulbegleiterin Sina Zerrenner-Tasche ist schon da. Ibrahim kommt wieder zu spät.
  3. Für ihn ist sie hier und hilft ihm durch den Schultag. Heute soll die Klasse an verschiedenen Projekten arbeiten.
  4. Ibrahims Gruppe hat einen Süßigkeiten-Automaten entwickelt. Wer da 10 Cent oder 20 Cent reintut, bekommt Süßigkeiten.
  5. Gemeinsam lernen, ob mit oder ohne Einschränkung, das soll für alle Kinder in Deutschland möglich sein.
  6. Doch bislang funktioniert das oft nur mit Schulbegleitern. Die kümmern sich in den Klassen dann jeweils um ein Kind,
  7. das Hilfe braucht. Ibrahim hat,
  8. was man emotional-sozialen Förderbedarf nennt – er hat ADHS. Wenn er laut angesprochen wird, reagiert er manchmal aggressiv.
  9. Kritik könne er schlecht annehmen, sagt seine Schulbegleiterin. Ich bin ganz froh,
  10. dass er jetzt ganz ruhig hier sitzt und die Überschrift malt. Sina hilft ihm,
  11. konzentriert zu arbeiten und bei der Sache zu bleiben. Sie begleitet Ibrahim seit etwa einem Jahr.
  12. Damit ich mich ein bisschen besser benehme. Und mehr mitarbeite.
  13. Das habe ich damals nicht so gut hinbekommen. Deswegen habe ich eine Einzelfallhelferin bekommen.
  14. Schulbegleiter sind immens gefordert, manchmal überfordert. Eine besondere Ausbildung hat Sina nicht –
  15. denn die gibt es nicht. Sie ist eigentlich hauswirtschaftliche Betriebsleiterin.
  16. Richtig vorbereitet war sie auf die Arbeit in der Schule nicht. So ein bisschen ins kalte Wasser.
  17. Wir hatten vorher Gespräche mit meiner Arbeitgeberin, was ich mir so vorstelle unter diesem Job.
  18. Was mich erwarten könnte und was ich mir von ihr wünschen würde. Das war so der Einstieg in diesen Beruf.
  19. Sie hatten keine Art Weiterbildung oder Fortbildung? Nein, leider nicht.
  20. Dabei fangen Schulbegleiter das auf, was Lehrer nicht leisten können. Ohne ihren Einsatz wäre Inklusion an vielen Schulen nicht möglich.
  21. Zum Schulpersonal gehören sie jedoch nicht. Sie sind bei externen Trägern angestellt.
  22. Von dort werden sie zu Schülern geschickt, wenn nichts mehr geht.
  23. Wir haben mit vielen Schulbegleitern und -begleiterinnen gesprochen. Ihr Druck im Alltag ist enorm.
  24. Die schlimmste Situation, die ich erlebt habe mit einem Kind, war, dass ein Kind von der Polizei aus der Schule abgeholt wurde.
  25. Weil es andere Kinder mit einer Schere angegriffen hat. Kennenlern-Situationen, wo gesagt wird:
  26. "Hau ab, du Penner, ich brauch dich nicht." Das ist schon krass.
  27. Er ist auf die Idee gekommen, den größten Stein, den er aufheben konnte, hochzuheben.
  28. Er wollte den als Spaß über seinen besten Kumpel halten, dabei ist er ihm runtergefallen.
  29. Das war sehr knapp. Es ging dann so weit,
  30. dass man mit einem Messer vor mir gestanden hat. Ich hab dann gesagt:
  31. "Dann stichst du mich jetzt ab, dann gehe ich ins Krankenhaus. Das wäre jetzt so der Ablauf."
  32. Extrem-Situationen, die zu Überforderung führen können. Und Schulbegleiter kümmern sich nicht nur um auffällige Schüler,
  33. sondern auch um körperlich stark eingeschränkte Kinder. Marlene Starke ist acht Jahre alt
  34. und besucht die dritte Klasse einer Hamburger Grundschule. Marlene kann nicht gehen und braucht zum Sprechen ihren "Talker".
  35. Ich gehe gerne in die Schule. Ich hatte schon verschiedene Schulbegleiter.
  36. Die meisten mag ich gerne. Die Schulbegleitung muss Marlene
  37. beim Essen und beim Toilettengang helfen. Sie muss wissen, wie ihr Talker funktioniert.
  38. Nicht alle Schulbegleiter waren auf den Umgang mit einem körperlich behinderten Kind gut vorbereitet, sagen die Eltern.
  39. Wir hatten schon Schulbegleiter, die haben Marlene aus dem Stuhl rausgenommen, aber nicht wieder reingekriegt.
  40. Da bin ich dann in die Schule gefahren und habe sie wieder in den Stuhl gesetzt.
  41. Natürlich braucht man da Fachkräfte. Oft werden allerdings
  42. Menschen ohne Vorkenntnisse als Schulbegleiter eingesetzt. Das System ist fragil.
  43. Wenn etwas schief geht, müssen die Eltern zur Stelle sein. Es gibt viele Wechsel.
  44. Marlenes Eltern erinnern sich an acht Schulbegleiter bis zur dritten Klasse.
  45. Aber nur mit zuverlässiger Schulbegleitung kann Marlene überhaupt in eine Regelschule gehen.
  46. Schon echt stressig. Auf der anderen Seite hat Marlene 'ne Schulpflicht
  47. und auch ein Recht auf Schule. Sie soll immer hingehen können.
  48. Es war auch schon mal so, dass Freunde fragen: Wo ist denn Marlene? Ist die krank?
  49. Die hatte keinen Schulbegleiter. Manchmal kommen die Absagen auch kurzfristig.
  50. Ganz schwierig ist die Situation, wenn am späten Abend die WhatsApp eintrudelt:
  51. "Ich fühle mich leider nicht wohl, und ich kann morgen nicht kommen." Am Anfang war auch keine Einarbeitung vorgesehen,
  52. sagen die Eltern. Sie hätten die Schulbegleiter dann auf eigene Kosten
  53. zu sich eingeladen und ihnen gezeigt, welche Hilfe Marlene braucht. Für viele Eltern hängt ihre ganze Alltagsorganisation
  54. an den Schulbegleitern. Es gibt Leute, die dafür ihren Job aufgeben mussten,
  55. weil die schulische Betreuung nicht gewährleistet ist. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit angefangen zu arbeiten.
  56. Ich habe das auf der Arbeit noch nicht gesagt, wie unsere Situation ist, weil ich da Sorge hab.
  57. Familie Starke wünscht sich ein zuverlässiges System mit qualifizierten Schulbegleitern.
  58. Auch viele Schulbegleiter sprechen sich für bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten aus.
  59. Ich habe es mehrfach erlebt bei Leuten, die keine Qualifikation hatten und in solche Situationen geraten sind.
  60. Dann ist das nur noch weiter eskaliert, weil die Panik gekriegt haben.
  61. Ich fände es sinnvoll, wenn Schulbegleiter eine Standardqualifikation
  62. in Form einer Ausbildung, Weiterbildung erhalten. Weil es einfach Sicherheit gibt.
  63. Was es bräuchte, wäre ein Curriculum der Inhalte, die eine Schulbegleitung wissen muss.
  64. Bettina Lindmeier ist Professorin am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover.
  65. Sie unterstützt die Forderung nach besserer Qualifikation. Außerdem sollten Schulbegleiter
  66. besser direkt bei der Schule angestellt sein. Leute, die in der Schule arbeiten,
  67. sollten sich da als Team verstehen können. Sie sollten das gemeinsame Lehrerzimmer nutzen,
  68. bei den Konferenzen gemeinsam teilnehmen usw. Das ist nicht der Fall,
  69. weil der Arbeitgeber jemand anders ist. Der Arbeitgeber ist ein externer Träger,
  70. der Arbeitsort die Schule. Das führt zu vielen Unsicherheiten bei den Schulbegleitern.
  71. Im Moment sind die Befristungen an die Aufträge gekoppelt, weil das wirtschaftlich nicht anders machbar ist.
  72. Die sozial erfahrene Kraft, da ist man beim Mindestlohn. Der Arbeitsvertrag ist befristet bis zu den Sommerferien.
  73. Nach den Sommerferien kann's weitergehen oder nicht. Ich lebe jeden Tag und jede Minute mit der Angst,
  74. dass mein Telefon klingelt und mein Schüler wegfällt. Das ist mir dreimal passiert.
  75. Beim ersten Mal saß ich mit Tränen zu Hause. Im Landkreis Gifhorn versuchen sie, Schulbegleitung anders zu denken.
  76. Schon seit ein paar Jahren gibt es an der Grundschule in Wesendorf als Modellprojekt "Klassenassistenzen":
  77. Sie arbeiten nicht nur mit einem Kind mit Förderbedarf. Sie sind für eine ganze Klasse da.
  78. Klassenassistentin Verena Krendel kennt die 2c gut. Sie unterstützt die Lehrerin.
  79. Ich habe angefangen mit Schulbegleitung, und bin dann in die Klassenassistenz gegangen.
  80. Weil ich einfach pädagogisch viel effektiver arbeiten kann. Die Eltern der Kinder mit Förderbedarf
  81. haben hier auf ihren Anspruch auf Schulbegleitung verzichtet – zugunsten einer Klassenassistenz.
  82. Die ist zwar weiterhin extern angestellt, aber gehört zum Schulteam dazu.
  83. Als Schulbegleitung ist es ja auch so: Man kommt mit in die Klasse und ist nur für ein Kind zuständig
  84. und versucht dann auch möglichst unauffällig zu sein. Dann sitzt man hinter diesem Kind
  85. und will das Bestmögliche für das Kind tun. Also fragt man den Lehrer, aber auch mit schlechtem Gewissen.
  86. Als Klassenassistenz arbeiten wir im Team. Schulleiter Jörg Bratz hat das Pilotprojekt ins Leben gerufen,
  87. weil es Probleme mit den Schulbegleitungen gab. Finanziert wird sein Projekt vom Landkreis Gifhorn.
  88. Die Fortbildungen für die Schulassistenten zahlt Bratz aus dem Schul-Etat.
  89. Wir haben weniger Verhaltensprobleme und weniger Lernprobleme. Das heißt,
  90. Klassenassistenz ist sehr effektiv für eine effiziente Klassenführung. Unterrichtsstörungen können vermieden werden.
  91. Kinder können niedrigschwellig abgeholt werden. Ähnliche Modellversuche gibt es auch in Bremen,
  92. Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Auch Prof. Lindmeier hält das für den richtigen Weg,
  93. weg von den Einzelfallhilfen. Ich meine, das ist ein Schritt in die richtige Richtung,
  94. weil es eben weniger Erwachsene in den Klassen gibt. Was ich für günstig halte.
  95. Dass man sich längerfristig abstimmt. Dass es 'ne Arbeitsteilung gibt, und dadurch auch nicht
  96. so festgelegt ist, wer hilfebedürftig ist. Trotz der positiven Erfahrungen
  97. will der Landkreis Gifhorn das Modellprojekt nicht weiterführen. Auf Nachfrage heißt es,
  98. das Projekt sei nur auf begrenzte Zeit angelegt gewesen. Damit muss die Schule wieder zurück zur individuellen Schulbegleitung.
  99. Förderung im Klassenteam, als eigener Beruf, angestellt bei der Schule - das scheint eine Utopie.
  100. Wir haben nachgefragt in den zuständigen Behörden. Die Antworten: disparat.
  101. Niedersachsen schreibt, Schulbegleiter könnten "aufgrund der Rechtsgrundlage" nicht bei der Schule angestellt sein.
  102. Aus Schleswig-Holstein heißt es, man unterstütze die Versuche von Klassenassistenzen.
  103. Mecklenburg-Vorpommern weist darauf hin, dass Schulbegleitung "kein klar definierter Beruf" sein könne.
  104. Weil die Leistungen vom Bedarf der Schüler abhingen. Hamburg hat nicht geantwortet.
  105. Verena Krendel wird in Zukunft bei ihrem Träger wohl einen anderen Job bekommen.
  106. Dass ein so erfolgreiches Projekt wie die Klassenassistenz hier nicht weitergeführt wird, zeigt, wie weit der Weg
  107. zu einem guten System Schulbegleitung noch ist.