Inklusion in der Krise? Schulbegleiter und die Misere des Bildungssystems in Deutschland |Panorama 3 NDR Info https://www.youtube.com/watch?v=ipuUhwLJRb8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Moin! Moin. 8 Uhr, Schulbeginn. 0:04 Die Schulbegleiterin Sina Zerrenner-Tasche ist schon da. Ibrahim kommt wieder zu spät. 0:11 Für ihn ist sie hier und hilft ihm durch den Schultag. Heute soll die Klasse an verschiedenen Projekten arbeiten. 0:20 Ibrahims Gruppe hat einen Süßigkeiten-Automaten entwickelt. Wer da 10 Cent oder 20 Cent reintut, bekommt Süßigkeiten. 0:32 Gemeinsam lernen, ob mit oder ohne Einschränkung, das soll für alle Kinder in Deutschland möglich sein. 0:39 Doch bislang funktioniert das oft nur mit Schulbegleitern. Die kümmern sich in den Klassen dann jeweils um ein Kind, 0:46 das Hilfe braucht. Ibrahim hat, 0:49 was man emotional-sozialen Förderbedarf nennt – er hat ADHS. Wenn er laut angesprochen wird, reagiert er manchmal aggressiv. 0:59 Kritik könne er schlecht annehmen, sagt seine Schulbegleiterin. Ich bin ganz froh, 1:06 dass er jetzt ganz ruhig hier sitzt und die Überschrift malt. Sina hilft ihm, 1:12 konzentriert zu arbeiten und bei der Sache zu bleiben. Sie begleitet Ibrahim seit etwa einem Jahr. 1:20 Damit ich mich ein bisschen besser benehme. Und mehr mitarbeite. 1:25 Das habe ich damals nicht so gut hinbekommen. Deswegen habe ich eine Einzelfallhelferin bekommen. 1:32 Schulbegleiter sind immens gefordert, manchmal überfordert. Eine besondere Ausbildung hat Sina nicht – 1:39 denn die gibt es nicht. Sie ist eigentlich hauswirtschaftliche Betriebsleiterin. 1:44 Richtig vorbereitet war sie auf die Arbeit in der Schule nicht. So ein bisschen ins kalte Wasser. 1:49 Wir hatten vorher Gespräche mit meiner Arbeitgeberin, was ich mir so vorstelle unter diesem Job. 1:55 Was mich erwarten könnte und was ich mir von ihr wünschen würde. Das war so der Einstieg in diesen Beruf. 2:02 Sie hatten keine Art Weiterbildung oder Fortbildung? Nein, leider nicht. 2:07 Dabei fangen Schulbegleiter das auf, was Lehrer nicht leisten können. Ohne ihren Einsatz wäre Inklusion an vielen Schulen nicht möglich. 2:16 Zum Schulpersonal gehören sie jedoch nicht. Sie sind bei externen Trägern angestellt. 2:23 Von dort werden sie zu Schülern geschickt, wenn nichts mehr geht. 2:28 Wir haben mit vielen Schulbegleitern und -begleiterinnen gesprochen. Ihr Druck im Alltag ist enorm. 2:39 Die schlimmste Situation, die ich erlebt habe mit einem Kind, war, dass ein Kind von der Polizei aus der Schule abgeholt wurde. 2:46 Weil es andere Kinder mit einer Schere angegriffen hat. Kennenlern-Situationen, wo gesagt wird: 2:52 "Hau ab, du Penner, ich brauch dich nicht." Das ist schon krass. 2:57 Er ist auf die Idee gekommen, den größten Stein, den er aufheben konnte, hochzuheben. 3:02 Er wollte den als Spaß über seinen besten Kumpel halten, dabei ist er ihm runtergefallen. 3:08 Das war sehr knapp. Es ging dann so weit, 3:10 dass man mit einem Messer vor mir gestanden hat. Ich hab dann gesagt: 3:15 "Dann stichst du mich jetzt ab, dann gehe ich ins Krankenhaus. Das wäre jetzt so der Ablauf." 3:21 Extrem-Situationen, die zu Überforderung führen können. Und Schulbegleiter kümmern sich nicht nur um auffällige Schüler, 3:35 sondern auch um körperlich stark eingeschränkte Kinder. Marlene Starke ist acht Jahre alt 3:41 und besucht die dritte Klasse einer Hamburger Grundschule. Marlene kann nicht gehen und braucht zum Sprechen ihren "Talker". 3:50 Ich gehe gerne in die Schule. Ich hatte schon verschiedene Schulbegleiter. 3:55 Die meisten mag ich gerne. Die Schulbegleitung muss Marlene 4:01 beim Essen und beim Toilettengang helfen. Sie muss wissen, wie ihr Talker funktioniert. 4:06 Nicht alle Schulbegleiter waren auf den Umgang mit einem körperlich behinderten Kind gut vorbereitet, sagen die Eltern. 4:13 Wir hatten schon Schulbegleiter, die haben Marlene aus dem Stuhl rausgenommen, aber nicht wieder reingekriegt. 4:19 Da bin ich dann in die Schule gefahren und habe sie wieder in den Stuhl gesetzt. 4:27 Natürlich braucht man da Fachkräfte. Oft werden allerdings 4:31 Menschen ohne Vorkenntnisse als Schulbegleiter eingesetzt. Das System ist fragil. 4:36 Wenn etwas schief geht, müssen die Eltern zur Stelle sein. Es gibt viele Wechsel. 4:41 Marlenes Eltern erinnern sich an acht Schulbegleiter bis zur dritten Klasse. 4:45 Aber nur mit zuverlässiger Schulbegleitung kann Marlene überhaupt in eine Regelschule gehen. 4:52 Schon echt stressig. Auf der anderen Seite hat Marlene 'ne Schulpflicht 4:56 und auch ein Recht auf Schule. Sie soll immer hingehen können. 5:00 Es war auch schon mal so, dass Freunde fragen: Wo ist denn Marlene? Ist die krank? 5:10 Die hatte keinen Schulbegleiter. Manchmal kommen die Absagen auch kurzfristig. 5:15 Ganz schwierig ist die Situation, wenn am späten Abend die WhatsApp eintrudelt: 5:21 "Ich fühle mich leider nicht wohl, und ich kann morgen nicht kommen." Am Anfang war auch keine Einarbeitung vorgesehen, 5:28 sagen die Eltern. Sie hätten die Schulbegleiter dann auf eigene Kosten 5:33 zu sich eingeladen und ihnen gezeigt, welche Hilfe Marlene braucht. Für viele Eltern hängt ihre ganze Alltagsorganisation 5:40 an den Schulbegleitern. Es gibt Leute, die dafür ihren Job aufgeben mussten, 5:44 weil die schulische Betreuung nicht gewährleistet ist. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit angefangen zu arbeiten. 5:52 Ich habe das auf der Arbeit noch nicht gesagt, wie unsere Situation ist, weil ich da Sorge hab. 5:59 Familie Starke wünscht sich ein zuverlässiges System mit qualifizierten Schulbegleitern. 6:06 Auch viele Schulbegleiter sprechen sich für bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten aus. 6:17 Ich habe es mehrfach erlebt bei Leuten, die keine Qualifikation hatten und in solche Situationen geraten sind. 6:24 Dann ist das nur noch weiter eskaliert, weil die Panik gekriegt haben. 6:29 Ich fände es sinnvoll, wenn Schulbegleiter eine Standardqualifikation 6:33 in Form einer Ausbildung, Weiterbildung erhalten. Weil es einfach Sicherheit gibt. 6:41 Was es bräuchte, wäre ein Curriculum der Inhalte, die eine Schulbegleitung wissen muss. 6:54 Bettina Lindmeier ist Professorin am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover. 7:00 Sie unterstützt die Forderung nach besserer Qualifikation. Außerdem sollten Schulbegleiter 7:06 besser direkt bei der Schule angestellt sein. Leute, die in der Schule arbeiten, 7:12 sollten sich da als Team verstehen können. Sie sollten das gemeinsame Lehrerzimmer nutzen, 7:17 bei den Konferenzen gemeinsam teilnehmen usw. Das ist nicht der Fall, 7:22 weil der Arbeitgeber jemand anders ist. Der Arbeitgeber ist ein externer Träger, 7:26 der Arbeitsort die Schule. Das führt zu vielen Unsicherheiten bei den Schulbegleitern. 7:33 Im Moment sind die Befristungen an die Aufträge gekoppelt, weil das wirtschaftlich nicht anders machbar ist. 7:41 Die sozial erfahrene Kraft, da ist man beim Mindestlohn. Der Arbeitsvertrag ist befristet bis zu den Sommerferien. 7:50 Nach den Sommerferien kann's weitergehen oder nicht. Ich lebe jeden Tag und jede Minute mit der Angst, 7:56 dass mein Telefon klingelt und mein Schüler wegfällt. Das ist mir dreimal passiert. 8:01 Beim ersten Mal saß ich mit Tränen zu Hause. Im Landkreis Gifhorn versuchen sie, Schulbegleitung anders zu denken. 8:09 Schon seit ein paar Jahren gibt es an der Grundschule in Wesendorf als Modellprojekt "Klassenassistenzen": 8:16 Sie arbeiten nicht nur mit einem Kind mit Förderbedarf. Sie sind für eine ganze Klasse da. 8:21 Klassenassistentin Verena Krendel kennt die 2c gut. Sie unterstützt die Lehrerin. 8:26 Ich habe angefangen mit Schulbegleitung, und bin dann in die Klassenassistenz gegangen. 8:32 Weil ich einfach pädagogisch viel effektiver arbeiten kann. Die Eltern der Kinder mit Förderbedarf 8:38 haben hier auf ihren Anspruch auf Schulbegleitung verzichtet – zugunsten einer Klassenassistenz. 8:45 Die ist zwar weiterhin extern angestellt, aber gehört zum Schulteam dazu. 8:50 Als Schulbegleitung ist es ja auch so: Man kommt mit in die Klasse und ist nur für ein Kind zuständig 8:57 und versucht dann auch möglichst unauffällig zu sein. Dann sitzt man hinter diesem Kind 9:02 und will das Bestmögliche für das Kind tun. Also fragt man den Lehrer, aber auch mit schlechtem Gewissen. 9:09 Als Klassenassistenz arbeiten wir im Team. Schulleiter Jörg Bratz hat das Pilotprojekt ins Leben gerufen, 9:17 weil es Probleme mit den Schulbegleitungen gab. Finanziert wird sein Projekt vom Landkreis Gifhorn. 9:23 Die Fortbildungen für die Schulassistenten zahlt Bratz aus dem Schul-Etat. 9:28 Wir haben weniger Verhaltensprobleme und weniger Lernprobleme. Das heißt, 9:33 Klassenassistenz ist sehr effektiv für eine effiziente Klassenführung. Unterrichtsstörungen können vermieden werden. 9:40 Kinder können niedrigschwellig abgeholt werden. Ähnliche Modellversuche gibt es auch in Bremen, 9:45 Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Auch Prof. Lindmeier hält das für den richtigen Weg, 9:52 weg von den Einzelfallhilfen. Ich meine, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, 9:59 weil es eben weniger Erwachsene in den Klassen gibt. Was ich für günstig halte. 10:04 Dass man sich längerfristig abstimmt. Dass es 'ne Arbeitsteilung gibt, und dadurch auch nicht 10:10 so festgelegt ist, wer hilfebedürftig ist. Trotz der positiven Erfahrungen 10:15 will der Landkreis Gifhorn das Modellprojekt nicht weiterführen. Auf Nachfrage heißt es, 10:21 das Projekt sei nur auf begrenzte Zeit angelegt gewesen. Damit muss die Schule wieder zurück zur individuellen Schulbegleitung. 10:29 Förderung im Klassenteam, als eigener Beruf, angestellt bei der Schule - das scheint eine Utopie. 10:37 Wir haben nachgefragt in den zuständigen Behörden. Die Antworten: disparat. 10:42 Niedersachsen schreibt, Schulbegleiter könnten "aufgrund der Rechtsgrundlage" nicht bei der Schule angestellt sein. 10:52 Aus Schleswig-Holstein heißt es, man unterstütze die Versuche von Klassenassistenzen. 10:57 Mecklenburg-Vorpommern weist darauf hin, dass Schulbegleitung "kein klar definierter Beruf" sein könne. 11:04 Weil die Leistungen vom Bedarf der Schüler abhingen. Hamburg hat nicht geantwortet. 11:12 Verena Krendel wird in Zukunft bei ihrem Träger wohl einen anderen Job bekommen. 11:17 Dass ein so erfolgreiches Projekt wie die Klassenassistenz hier nicht weitergeführt wird, zeigt, wie weit der Weg 11:24 zu einem guten System Schulbegleitung noch ist.