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Geknechtet unterm Kreuz: Leben in einer katholischen Sekte | DokThema | Doku | BR

Bayerischer Rundfunk44:26 900.961 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 323 Zeilen
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  1. . Untertitelung: BR 2021
  2. Dies ist die Geschichte von Menschen, die sich ganz einer Glaubensgemeinschaft ausgeliefert haben.
  3. Es war immer dieses Gefühl da, ausspioniert zu werden. Die Integrierte Gemeinde wollte in der katholischen Kirche
  4. eine Avantgarde-Bewegung sein. Doch Mitglieder erlebten Willkür und Machtmissbrauch.
  5. Das basiert alles auf dieser Hybris: Wir sind von Gott auserwählt, um im 20.Jh. den Glauben zu erneuern.
  6. Wichtigster Schutzpatron war Joseph Ratzinger, der spätere Papst. Ohne Kardinal Ratzinger gäbe es die Gemeinde nicht.
  7. Wie viel wusste Joseph Ratzinger und warum schritt die Kirche nicht ein? Ute Schwidden ist unterwegs an den Walchensee.
  8. 20 Jahre lebte sie in der Integrierten Gemeinde, ging dort auch zur Schule.
  9. Eine Reise zurück in die Vergangenheit. Wenn ich mich erinnere, wie das damals war,
  10. krieg ich gleich Bauchweh. Wir waren alle so ausgeliefert, einfach weg sein von den Eltern.
  11. Erzogen werden, falsch sein, brav sein müssen, fromm sein.
  12. Eingesperrt sein. Ute Schwidden kommt als Kind in die religiöse Gruppierung.
  13. Mit ihren Eltern und der Schwester. Wie viele andere Mitglieder muss sie oft umziehen,
  14. wird immer wieder herausgerissen aus ihrer Umgebung. Sie erlebt die integrierte Gemeinde als einen Ort,
  15. wo der Einzelne nichts gilt und die Gemeinde alles. Ich habe es einfach gehasst.
  16. Also nix, da war nix. Nichts Schönes, nichts,
  17. weil an sich ist es ja auch alles superidyllisch. Ausruhen, die Seele baumeln lassen und für uns war es irgendwie dunkel.
  18. Und hier sein müssen. In Kochel macht sie eine Hauswirtschaftslehre.
  19. Dafür muss sie das Gymnasium unterbrechen. Ich weiß, dass ich immer nur weg wollte und mir eingeredet habe:
  20. "Ja, das ist schon gut so, weil sonst überlebst du das nicht." Musste ja irgendeine Geschichte erzählen.
  21. Aber eigentlich, ich hatte keine Ahnung, ich hätte die alle hier ... Die Integrierte Gemeinde, kurz IG,
  22. wird nach dem Zweiten Weltkrieg in München von Laien gegründet. Die Gemeinschaft sieht sich als Aufbruch-Bewegung
  23. in der katholischen Kirche. Traudl Wallbrecher ist über Jahrzehnte hinweg
  24. die charismatische Führungsfigur. In den 60er- und 70er-Jahren zieht die IG viele, oft junge Menschen an,
  25. die auf der Suche nach einer authentisch christlichen Lebensform sind.
  26. Eine Art christlicher Kommune, die sich als die "neue Familie" versteht, losgelöst von der Herkunftsfamilie.
  27. Integration, das meinte: Das gesamte Leben solle durch den christlichen Glauben geprägt sein.
  28. Mehrere Familien, Studenten und Alleinstehende leben zusammen in sog. Integrationshäusern.
  29. Je nach Einsatzort und Bedarf ziehen die Mitglieder häufig um. Denn auch das Berufsleben spielt sich oft in Betrieben ab,
  30. die an die Gemeinde gebunden sind, etwa ein Verlagshaus, eigene Schulen, eine Krankenstation.
  31. Thomas Schaffert war einer von ihnen. Weil ich aus einer sehr stark kirchlichen
  32. und auch ökumenisch geprägten Familie kam. Auch meine Eltern hatten immer schon nach Lebensformen gesucht,
  33. bei der christliches Leben nicht nur am Sonntag stattfindet, sondern auch im Beruf und Alltag, die ganze Woche über,
  34. und eben nicht in der Vereinzelung, sondern in der Gemeinschaft. Diesen Wunsch sah ich sehr, sehr stark realisiert.
  35. Auch Thomas Schaffert kehrt mit gemischten Gefühlen an den Walchensee zurück.
  36. 1979 kommt er zur Integrierten Gemeinde. Da ist er 23 und verpflichtet sich, zunächst enthaltsam zu leben.
  37. Erst sind es zwei Jahre, dann fünf, am Ende bleibt er 20 Jahre ohne Frau. Bis 1999. Da gab es für ihn neue Pläne. Eigentlich.
  38. Die Zeit war nicht besonders glücklich für mich. Und es war auch die Phase dieser gelenkten Eheanbahnung.
  39. Also meine Verlobte war auch hier in einer Wohnung untergebracht. Das war sozusagen unter Beobachtung.
  40. Wir konnten uns aber sehr wenig sehen, weil das auch nicht gewünscht oder geplant war.
  41. Wie bei vielen Mitgliedern mischte sich die Gemeindeführung auch bei Schaffert in die intimsten Lebensbereiche ein.
  42. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon eng mit der Gemeinde verbunden. Kontakte nach außen hat er fast komplett abgebrochen,
  43. trotz aller Warnungen. V.a. meine Mutter hat in der Anfangszeit ganz stark die Warnung:
  44. "Pass auf, dass du dich nicht einer Sekte auslieferst." Das habe ich in den Wind geschlagen und gesagt:
  45. "Okay, ich pass schon auf mich selber auf, da brauche ich von dir keinen guten Rat und ich bin stark genug,
  46. dass ich das unterscheiden kann oder dass ich da auf meine... Ich habe genug Standfestigkeit, mein Leben selber zu gestalten."
  47. "So ist es in der Frist, in der der Menschensohn sich offenbart. Wer seine eigenen Lebenspläne zu erhalten sucht,
  48. dessen Leben ist verloren." Die Theologie der Integrierten Gemeinde
  49. stellt die Gemeinschaft in den Mittelpunkt, nicht das Individuum. Hochrangige, aber auch junge Theologen
  50. finden zur Gruppierung, etwa Ludwig Weimer. Durch die integrierte Gemeinde
  51. soll der Wille Gottes in der Welt sichtbar werden. Die gemeinsame Sache ist eigentlich die Gemeinde,
  52. die es nach Ostern gegeben hat. D.h., eine Gemeinschaft, die so leben soll,
  53. dass die Umwelt daran sieht, dass Jesus aus Nazareth nicht tot ist, sondern lebendig ist.
  54. Dass das, was er gesagt hat, verwirklichbar ist. Erwartet wird die sog. Ganzhingabe.
  55. Der Anspruch ist kein geringerer, als die Welt und die Kirche nachhaltig zu erneuern.
  56. Wir haben dieses ungeheure Wagnis auf uns genommen, innerhalb dieser Kirche, ohne eine Sekte zu sein,
  57. die Auseinandersetzung mit dieser Kirche zu beginnen, aber nicht in einem Kampf,
  58. Wir stehen zwischen drei Fronten, der sog. Welt, der fortschrittlichen Kirche und der traditionellen Kirche.
  59. Und wenn Sie in diesen drei Schnittpunkt, da finden Sie uns. Es ist nicht so, dass wir von der Kirche Unterstützung erfahren,
  60. aber die Kirche erfährt sie von uns. Ein ganz wichtiger Pfeiler in der Theologie der Bewegung
  61. wird der christlich-jüdische Dialog. Nach dem Massenmord an den Juden fragen sich viele:
  62. Warum beteiligten sich getaufte Christen an der Schoah? Wie konnte man danach wieder Kirche sein?
  63. All das fasziniert auch einen Theologie-Professor aus Regensburg: Joseph Ratzinger.
  64. Der spätere Kardinal und Papst wird zum wichtigsten Förderer der Gemeinde.
  65. Dabei ist deren Theologie nicht unproblematisch. Eine zentrale Rolle spielt darin das Bibelwort aus dem Lukas-Evangelium:
  66. "Wer euch, die Gemeinde hört, der hört mich, Jesus." Und das war die theologische Grundüberzeugung dieser Gruppe,
  67. dass in der Gemeindeversammlung der Geist Gottes selber spricht. Und dass das, was aus dem Mund von Traudl Wallbrecher kommt,
  68. die Stimme des Heiligen Geistes ist. Dann ist das eine Autorität,
  69. die höher nicht eingeschätzt werden kann. Dann wendet man sich, wenn man aus der Gemeinde rausgeht,
  70. gegen den erklärten Willen Gottes. (Traudl Wallbrecher) Alle, die hier ein Stück Heimat haben,
  71. die haben hier bereits eine Vorwegnahme erfahren, wo Himmel und Erde sich berühren.
  72. Gott lässt nicht nach, sich die neue Familie, d.h. die erlöste Familie, zu schaffen.
  73. Mitten in dieser Welt. Bei den Gemeindeversammlungen sollen Mitglieder Fehlverhalten eingestehen
  74. und den "Rat" der Gemeinde empfangen, wie es heißt. Dieser "Rat" ist öffentlich und ersetzt die persönliche Beichte.
  75. In der KIG gab es diese "Gemeindeversammlung". Das könnte man vergleichen mit einer Art Tribunal.
  76. Da wurden Leute tatsächlich, die ein bisschen in Ungnade fielen oder irgendwas falsch machten,
  77. in Form eines heißen Stuhls wie in den 70er-Jahren in der Mitte der Versammlung,
  78. ich sage mal ganz böse, zur Sau gemacht. Die Leute wurden tatsächlich so fertiggemacht.
  79. Und diese Gemeindeversammlungen waren noch immer angstbesetzt. Die Leute hatten immer Angst.
  80. Oje, Gemeindeversammlung, wer kommt diesmal dran? Wer wird zerlegt von der Leitung?
  81. Der Status der geschätzt bis zu 1000 Anhänger der Integrierten Gemeinde folgt keinen nachvollziehbaren Regeln.
  82. Auf- oder Abstieg in der Hierarche, das entscheidet sich jedes Jahr am Walchensee,
  83. am "höchsten Fest der Christenheit". Da saßen die Führungsgremien hinter der verschlossenen Tür zusammen
  84. und haben Listen geschrieben. Diese Listen wurden dann bei der Tauferneuerung
  85. in der Osternacht vorgelesen. Da hat man klopfenden Herzens drauf gewartet.
  86. Wann wird mein Name genannt und was darf ich sein als Nächstes? Bin ich jetzt aufgestiegen vom Gast zum Katechumenen
  87. oder vom Katechumenen zum Gemeindeangehörigen oder vom Gemeindeangehörigen zum Gemeindemitglied?
  88. Oder werde ich zurückgestuft? Auch das konnte natürlich sein. Als willkürlich empfinden Mitglieder die Entscheidung,
  89. wo sie arbeiten sollen. Denn auch darüber bestimmt die Führung.
  90. So kommt es vor, dass ein Lehrer plötzlich ein Versicherungsbüro leiten soll
  91. oder Handelsvertreter für Industriepumpen wird. "Du ziehst nächste Woche um, nach da und da.
  92. Du gehst ab jetzt in die Gemeinde. Du wechselst die Stelle nach da." Das waren alles fertige Ergebnisse.
  93. Wenn man denen widersprochen hat, hat man auf jeden Fall damit zu erkennen gegeben,
  94. dass man nicht zum inneren Kreis gehören kann, weil der Glaube zu schwach ist.
  95. Man hat seinen Status als Mitglied damit eigentlich verloren. Thomas Schaffert fügt sich den Anweisungen.
  96. Er soll helfen, eine am Walchensee geplante Grundschule aufzubauen. Daneben arbeitet er unentgeltlich im "Fischer am See" mit,
  97. im Service des Gästehauses. Auch Ute Schwidden hat hier gelebt.
  98. Einsam sein, verloren sein, diese Gefühle kennt sie aus ihrer Grundschulzeit.
  99. Ihre Eltern sah sie nur am Wochenende. Die Mama hat in München unterrichtet
  100. und wir haben hier gewohnt bei für uns fremden Leuten, die uns erzogen haben.
  101. Jeden Sonntagabend haben wir geweint, weil unsere Mutter wieder weg musste.
  102. Und später haben wir erfahren, sie hat auch geweint, aber hat das nicht vor uns gemacht.
  103. Viel Angst. Ich galt immer als frech.
  104. Ich wurde dann am Abendessen vor zwölf anderen Leuten ausgeschimpft, weil ich wieder irgendwas Freches gemacht oder gesagt habe.
  105. Der See gleich gegenüber der Wohnung, aber Schwimmen gegangen ist Ute Schwidden hier nie.
  106. Das wäre aus Sicht der Gemeinde zu selbstbezogen gewesen, sagt sie. Auch der Blick auf die Mitschüler von außerhalb der Gemeinde ist speziell.
  107. Wir wurden schon zu Arroganz erzogen. Wir haben das sofort komisch gefunden
  108. und haben dann auch oft wie so kleine Erwachsene dahergeredet. "Ja, die wissen halt einfach nicht, was Glaube oder ein Miteinander ist,
  109. sondern die sind halt einfach so egoistisch bei denen. Die schauen halt auch viel Fernsehen oder essen Chips."
  110. Ich habe mir oft gedacht, ich würde auch mal gern vor dem Fernseher sitzen oder Chips essen
  111. oder Nudeln mit Ketchup. Aber das war einfach so bezeichnend dafür,
  112. dass alles kontrolliert und überwacht und reglementiert war. Da hast du alles vom anderen gewusst.
  113. Das alles geht nicht spurlos an ihr vorüber: Ute Schwidden wird krank, denkt daran, sich das Leben zu nehmen.
  114. Sie ist nicht die Einzige. Psychische Probleme haben viele, die später ausgestiegen sind.
  115. Ich hatte ja im Lauf der Zeit sechs, wie ich mittlerweile nachgeschaut habe,
  116. Aussteiger aus dieser Bewegung, Aussteigerinnen. Vier davon sind darin aufgewachsen.
  117. Dieter Rohmann berät seit vielen Jahren Menschen, die nach dem Ausstieg aus einer Sekte oder geistlichen Gemeinschaft
  118. ihre Zeit dort verarbeiten wollen. Betroffene von spirituellem Missbrauch.
  119. Oftmals Kinder. Kinder, die da aufwuchsen, waren immer im schutzlosen Raum.
  120. Sie waren immer schutzlos ausgeliefert. Die leiblichen Eltern waren nicht da,
  121. sondern irgendwelche Ersatzeltern. Es hat sich nie jemand vor sie gestellt,
  122. wenn irgendwelche Dinge schief liefen. Diese Kinder, die jetzt 30-40, vielleicht sogar älter sind,
  123. die sind heute in unserer Gesellschaft und haben diese Erfahrung von Urvertrauen,
  124. von Sich-fallen-lassen-Können, von Schutz, haben die nie erlebt. Übergriffigkeit kennt auch Thomas Schaffert.
  125. Er ist auf dem Weg zu einem Ort, den er die "Kommandozentrale" oder den "Vatikan der Integrierten Gemeinde" nennt.
  126. An einem Wochenende im Jahr 1999 wird er von der Leitung hierher nach Bad Tölz einbestellt,
  127. zusammen mit seiner inzwischen von der Gemeinde ausgesuchten Verlobten. Es kribbelt mich zwischen den Haarspitzen und der kleinen Zehe.
  128. Ich war seit diesem Ereignis nicht mehr hier. Die markanteste Erinnerung an dieses Haus ist für mich,
  129. als ich herbestellt wurde, zusammen mit meiner damaligen Verlobten. Ich bin mit ihr zusammen hierhergekommen, in der Annahme,
  130. dass die Details für unsere Hochzeit besprochen werden, die angedacht war in naher Zukunft, wenige Wochen später.
  131. Ich war erst mal überrascht über die Runde, die sich dort vorgefunden hat bei Frau Wallbrecher im Wohnzimmer.
  132. Sie hat mir in zwei Sätzen mitgeteilt, worum es geht: Dass der Eindruck gewonnen wurde,
  133. dass unsere Beziehung als Paar die Gemeinde zu viel Kraft koste und dass die Gemeinde deswegen nicht wünsche,
  134. dass die Hochzeit vollzogen würde. Wir dürften sehr wohl natürlich bürgerlich heiraten
  135. und das Ganze privat für uns, aber dann nur in dem Status, dass wir ab dann nur noch Freunde der Gemeinde sind
  136. und keine Mitglieder mehr. Seine Verlobte entscheidet sich für die Gemeinde und gegen Schaffert.
  137. Der hadert mit dem Beschluss. Zweifel aber darf es nicht geben. Deshalb verliert er auch seine Stelle an der gemeindeeigenen Schule
  138. und sein Zimmer im Integrationshaus. Doch Thomas Schaffert bleibt trotzdem erst einmal.
  139. Aus Glaubensgehorsam. Monika und Hajo Kindler stoßen 1976 als Paar zur Integrierten Gemeinde.
  140. Nach mehr als einem Jahr Verlobungszeit, die angeordnet wird, dürfen sie Hochzeit feiern.
  141. Die Gemeinde entscheidet auch, wo Hajo Kindler arbeitet. Und sie übt noch mehr Druck aus.
  142. Ich hab gefragt, weil ich mir von klein auf zwei Kinder gewünscht hab, ob wir auch Kinder bekommen dürfen.
  143. "Nein." Dann, 2-3 Jahre später, hab ich noch mal gefragt: "Nein".
  144. Ich dachte, vielleicht bin ich noch zu unreif. Und wieder: "Nein."
  145. Das war schrecklich für mich. Das war ein Riesentrauma. Und dann wurde ich natürlich noch depressiver.
  146. Sich dieser Entscheidung zu widersetzen, das kommt Monika Kindler noch nicht in den Sinn.
  147. Zu sehr sind sie schon verwoben mit der Gemeinde, ideell und finanziell. Alle bauen Familie auf, aber wer baut Gemeinde auf?
  148. Wenn man das ewig hört, andauernd, dann fragt man sich: "Darf man das noch?"
  149. 18 Ehepaare unserer Generation in der Gemeinde haben keine Kinder. Unsere Bedürfnisse durften nicht sein.
  150. Alles hatte dem untergeordnet zu werden, dem Aufbau des Reiches Gottes.
  151. "Wenn jeder alles gibt, was er hat, hat die Gemeinde alles, was sie braucht."
  152. Diesen Satz habe sie ständig gehört, sagt Monika Kindler. Sie und ihr Mann müssen regelmäßig
  153. in einem Landwirtschaftsbetrieb in Wolfesing mithelfen, unentgeltlich. Hier waren die Erdbeerfelder bis zur Häuserreihe ganz lang.
  154. Da haben wir jedes Wochenende und jede freie Minute gepflückt. Kein Stundenlohn, umsonst, auch kein Benzingeld.
  155. Wir sind eine halbe Stunde rausgefahren, eine halbe Stunde zurück, und das in der Früh um 6.
  156. Dann auch hier pflücken und dann um halb acht in der Arbeit loslegen. Und das war während der Saison.
  157. Also während der Hochsaison war das jeden Morgen. Doch warum akzeptieren Erwachsene eine solche Fremdbestimmung,
  158. ohne jeden Widerstand? Eine Sekten- oder Kultmitgliedschaft ist wirklich heftig.
  159. Ich muss 24 Stunden am Tag das Richtige denken, die richtigen Handlungen tun, das Richtige fühlen und träumen.
  160. Ich muss alles richtig machen. 24 Stunden am Tag. Auch Monika und Hajo Kindler bleiben in der Gemeinde, wie viele andere.
  161. Denn da sind auch die schönen Seiten rund um den Versammlungsraum der Gemeinde in Wolfesing,
  162. vor den Toren Münchens. Viel Wert wird auf Ästhetik, Musik und Kultur gelegt,
  163. ob in Gottesdiensten oder bei Festen. Geburtstage wie den 40. von Monika Kindler richtet die Gemeinde aus.
  164. Das und die hochrangigen Gäste in Wolfesing verfehlen ihre Wirkung nicht.
  165. Es kamen auch Bischöfe und Kardinal Ratzinger, damals noch Theologe, gab uns jedem Einzelnen die Hand.
  166. Das war sehr bewegend und sehr beeindruckend. Joseph Ratzinger war ein gern gesehener Gast.
  167. Der einflussreiche Kirchenmann wurde bei seinen Besuchen von der Gemeindeleitung regelrecht umgarnt.
  168. Wurde er auch eingespannt für die Ziele der Integrierten Gemeinde? Kardinal Ratzinger war mit seinem Bruder ...
  169. Zweimal hat er seinen Urlaub hier verbracht. Kardinal Ratzinger hat ja Katzen sehr lieb gehabt.
  170. Er mochte schwarze Katzen am liebsten. Plötzlich war auch eine schwarze Katze da.
  171. Das hat man schon geguckt, ob jetzt eine passende Katze da ist und man hat sie eben beschafft.
  172. Das schon. Joseph Ratzinger wird von der Gemeinde hofiert
  173. und wird eine zentrale Figur in der Geschichte der Gemeinschaft. Mehr als vier Dutzend Treffen zwischen ihm und der Gemeinde
  174. sind dokumentiert von einem ehemaligen Mitglied, das nur anonym sprechen will.
  175. Seit Jahren sammelt und archiviert diese Person Unterlagen zur Gemeinde, sie ist so etwas wie das Gedächtnis.
  176. Ihre eigene Mitgliedschaft dauerte etwa 25 Jahre, auch wegen der Faszination kirchlicher Würdenträger
  177. wie Joseph Ratzinger. Zu sagen, wann mir die ersten Zweifel kamen, ist schwierig.
  178. Ich habe mich dann, das hat sich wahrscheinlich über viele Jahre hingezogen,
  179. orientiert und auch selbst beruhigt, an den vielen Theologen und Bischöfen.
  180. Es konnte ja nicht völlig falsch sein. Also, ich kann ja nicht als einzelner kleiner Katholik
  181. irgendwas in Zweifel ziehen, was Kardinal Ratzinger gut findet. Erste Kontakte zu Joseph Ratzinger gibt es bereits,
  182. als er noch Theologie-Professor in Regensburg ist. Zu dieser Zeit
  183. hat die Kirche die Gemeinde noch nicht offiziell anerkannt. Doch das ist das Ziel:
  184. Mithilfe Ratzingers will die Integrierte Gemeinde an Prestige und Einfluss gewinnen.
  185. Das Jahr 1977, ein Wendepunkt: Ratzinger wird Erzbischof von München und Freising.
  186. Jetzt wächst die Hoffnung, ein Verein unter dem Dach der Kirche zu werden. Doch dafür braucht es eine Satzung, die sogenannten Statuten.
  187. Im Mai wurde Ratzinger zum Erzbischof ernannt. Im Juli gab es das erste Treffen mit ihm als Erzbischof.
  188. Ein Jahr später waren die Statuten formuliert, geprüft. 2-3 Monate später, im November '78, waren sie unterschrieben.
  189. So schnell und plötzlich war alles weg, was hier an Kritik da war. Kritik an der Integrierten Gemeinde war schon damals aktenkundig.
  190. Im April 1973 spricht der damalige Generalvikar Gerhard Gruber, also der zweite Mann im Münchner Erzbistum,
  191. von einer Beeinträchtigung der Freiheit, Familientrennung, beruflicher und finanzieller Abhängigkeit der Mitglieder.
  192. Das Schreiben liegt dem BR vor. Die Kritik reißt nicht ab:
  193. Es gibt immer neue Aktenvermerke, Rechtsgutachten, Zeitungsartikel. Doch niemand schreitet ein.
  194. In vier weiteren deutschen Diözesen wird die Integrierte Gemeinde anerkannt.
  195. Und sie kommt mit Joseph Ratzinger nach Rom, ins Herz der Weltkirche. Dort soll der jüngste Sohn der Gründerin, Tobias Wallbrecher,
  196. die IG etablieren. Mit seiner Frau Friederike,
  197. der Tochter des Gemeinde-Theologen Rudolf Pesch. Joseph Ratzinger traut die beiden 1996.
  198. Der Kontakt zu einem der mächtigsten Männer im Vatikan wird noch enger. Sie werden Teil der Inszenierung einer heilen Welt, nach außen hin,
  199. wie die beiden erstmals öffentlich erzählen. Das war so ein schönes Gebäude, von gutem Essen und Festen,
  200. schön eingerichtet, und alle zusammen, immer zusammen. Aber das war an der Oberfläche.
  201. Man hat eigentlich, auch in den Integrationshäusern, den anderen gar nicht richtig kennengelernt in seinen Nöten.
  202. Doch diese Erkenntnis kommt ihnen erst später. Zunächst helfen sie mit, die Gemeinde weiter aufzubauen.
  203. Noch überwiegen die positiven Seiten. Doch die schnell wachsenden Mitgliederzahlen
  204. bereiten Tobias Wallbrecher Sorgen. Er spricht von Überforderung und beobachtet auch zunehmend
  205. strukturelle Fehler in der Leitung der Gemeinde. Sich selbst sieht er auch in der Verantwortung.
  206. Dass dann meine Mutter in eine Position gekommen war, die so eine Machtfülle hatte, die einfach ungesund und gefährlich war.
  207. Und wir, die das irgendwie ... ... gespürt haben,
  208. haben da nicht ausreichend die Grenzen gesetzt, muss ich ganz ehrlich sagen.
  209. Auch zu meiner Schande vielleicht. Habe ich selbst zu lange mitgemacht und bin auch ich zum Täter geworden?
  210. Diese Frage stellen sich viele Ehemalige. Selbst der Name Wallbrecher schützt nicht davor, Opfer zu werden.
  211. Das Ehepaar wird räumlich getrennt, obwohl Friederike schwanger ist. Sie kann nicht frei über ihr Leben entscheiden und wird schwer krank.
  212. Ich habe schon Wunden auch davongetragen, obwohl ich die Ehefrau des Sohnes der Gründerin war.
  213. Dann 2009. Das war am Tag des Erdbebens von Aquila.
  214. Da wackelten hier in Rom die Wände. Und da wusste ich: Wenn ich in diesem Zusammenhang bleibe,
  215. werde ich erneut krank. In welchen Dimensionen die Gemeinde dachte,
  216. zeigt sich an der Villa Cavalletti vor den Toren Roms. 1995 erwirbt die Gemeinde von den Jesuiten das Tagungshaus,
  217. eine alte Villa mit Nebengebäuden und einem riesigen Park. Die Integrierte Gemeinde will hier
  218. ihre Akademie für die Theologie des Volkes Gottes errichten. Die Weltkirche soll hier von der Theologie der Gemeinde erfahren.
  219. Das Areal wird ein Ort der Begegnung und der Feste. Auch hier fehlt Joseph Ratzinger nicht.
  220. Im Jahr 1997 richtet die Gemeinde ihm in der Cavalletti seinen 70. Geburtstag aus.
  221. Oremus. Benedic, Domine,
  222. nos et haec tua dona quae de tua largitate sumus sumpturi. Per Christum Dominum nostrum. - Amen.
  223. Auch Ute Schwidden fuhr oft in die Villa Cavalletti. Gerade in der Anfangsphase musste sie dort kochen,
  224. um die Gemeindemitglieder zu versorgen, die bei der Renovierung der Gebäude, unentgeltlich wieder, mit anpackten.
  225. Auch wenn es für Ute Schwidden Arbeit war, die Wochen in dem Anwesen vor den Toren Roms
  226. sind ihr positiv in Erinnerung geblieben. Ich habe jetzt hier keine Beklemmungsempfindungen
  227. wie bei anderen Orten, wo man dann so gemeindlich zugerichtet wurde
  228. und mal wieder in die richtige Bahn eingespurt wurde. Das waren immer total schöne Erinnerungen,
  229. weil das hatte so was ein bisschen was "Flirtymäßiges". Ich habe mich da sehr frei gefühlt.
  230. Dann hat man auch gemerkt, dass die anderen sich im Grunde auch nach Normalität sehnen,
  231. weil da war man sich ja nie sicher. Das war wie in so einer Stasi.
  232. Man wusste auch, alle haben zwischendurch so heilig getan, auch die Gleichaltrigen und man selber natürlich auch.
  233. Aber hier hat man gemerkt: Eigentlich sind wir auch alle nur Menschen. Wow.
  234. Und das war ein schönes, verbindendes Gefühl. Heute beherbergt die inzwischen weiterverkaufte Villa Cavalletti
  235. u.a. ein Hotel. Auch wenn hier in den vergangenen Jahren umfassend renoviert wurde:
  236. Die Integrierte Gemeinde hinterlässt bei der Einrichtung des Hauses noch immer Spuren.
  237. Es haben sich Leute von der Gemeinde Möbel gekauft. Dann wurde eine Nummer unten hin geklebt und der Name.
  238. D.h., ich konnte einen kaufen, aber dann stand er trotzdem der Gemeinde zur Verfügung.
  239. Man könnte halt mal gucken, ob ... Wenn das jetzt noch alte Möbel von der Gemeinde sind ...
  240. Nee, da steht nix. Da müsste halt was drunter stehen.
  241. Ah, da ist was. Ach, krass.
  242. Also der Name, das sind zwei Schilder. Das eine ist eine Nummer,
  243. dass die nummeriert waren, und daneben stand der Name. Ach ja, den kannte ich.
  244. Nicht nur die hochwertigen Möbel für die Villa Cavalletti hatten ihren Preis, sondern auch das Anwesen selbst.
  245. Trotzdem besteht für die Leitung kein Zweifel, die Immobilie 1995 zu erwerben.
  246. Der Kauf wird teils durch die Mitglieder finanziert. Es wurde gesagt in den Versammlungen:
  247. "Wenn wir nicht Cavalletti realisieren, ist das das Ende der Gemeinde. Das ist die Zukunft."
  248. Der Preis, den ich in Erinnerung habe, der in der Gemeindeversammlung genannt wurde, war 17 Millionen.
  249. Es wurde gesagt, dass die Hälfte davon die Gemeindemitglieder aufbringen müssten, sonst ginge es nicht.
  250. Ich habe über die ganzen Jahre hinweg einen Kredit abbezahlt für die Villa Cavalletti, das Zentrum bei Rom,
  251. wo dann diese ganzen kirchlichen Begegnungen stattgefunden haben. Das Risiko für Investitionen tragen so die Mitglieder.
  252. Wer nicht genug Vermögen hat, dem "hilft" die Gemeinde. Es gab die eigene Bank und der Kreditvertrag war vorformuliert.
  253. Man brauchte nur noch unterschreiben. Als Sicherheit hat man das eigene Gehalt angegeben.
  254. Die Schulden bleiben, selbst wenn die Mitglieder die Gemeinde verlassen.
  255. Dabei lastet schon seit dem Eintritt eine Hypothek auf ihnen. Wir sind in Schuld der Gemeinde.
  256. Und zwar weil alles, was wir vorfinden, zu dem Zeitpunkt, wo wir kommen,
  257. nämlich das Festhaus hier am Walchensee z.B., die Gemeindezentrale, die Druckerei in Bad Tölz etc.,
  258. die ist ja von anderen finanziert worden und ich finde die fertig vor. Deswegen schulde ich der Gemeinde.
  259. Der Richtsatz war damals 100.000 DM. In dem Moment, wo ich ihr beitrete,
  260. habe ich bei ihr 100.000 DM Schulden. Es sind die sog. Vorhalteleistungen.
  261. Das Vermögen der Gemeinde lag offiziell nicht in den kirchlichen, sondern in zivilrechtlichen Vereinen.
  262. Schon lange tut sich das Erzbistum München und Freising schwer, die Finanzen der Gemeinschaft zu kontrollieren.
  263. Auf BR-Anfrage erklärt es: Im Jahr 2019 beginnt das Erzbistum
  264. mit einer kirchenrechtlichen Untersuchung. Die Erkenntnisse erschreckend.
  265. Kardinal Reinhard Marx löst daraufhin die Gemeinde in der Erzdiözese auf. Die Prüfer kommen zu dem Fazit:
  266. BR-Anfragen ergeben, dass auch in den vier anderen deutschen Bistümern die Gemeinde nicht mehr aktiv ist,
  267. zumindest nicht über die kirchlichen Vereine. Doch wo liegt das Vermögen heute,
  268. nach der Auflösung der Münchner Gemeinde und dem Verkauf vieler Immobilien, auch der Villa Cavalletti?
  269. Ehemalige sprechen von einem Geflecht aus Vereinen, Stiftungen und Firmen, die teils dieselben Adressen führen.
  270. Die handelnden Personen sind meist ehemalige Verantwortliche der Gemeinde, darunter auch Priester.
  271. Das legen Auszüge aus dem Vereins- und Handelsregister nahe. Was sich da abspielt, wissen wir nicht.
  272. Nur ohne uns Gemeindemitglieder, ohne das, was wir finanziell und auch durch Arbeit und Einsatz
  273. eingebracht haben, gäbe es das Vermögen nicht. Ein Vermögen, von dem wir nicht wissen, wie groß es ist,
  274. wo es ist und wer darüber entscheidet, was damit geschieht. Das ist ja der Punkt.
  275. Die Mehrheit der ehemaligen Mitglieder jedenfalls hat nach Austritt oder Ausschluss kein Geld mehr gesehen.
  276. Einige hatten nicht einmal mehr ein eigenes Bett oder Geschirr für den Neuanfang.
  277. Thomas Schaffert verlässt die Integrierte Gemeinde im Jahr 2002, drei Jahre nach seiner abgesagten Hochzeit.
  278. Ich hab mit 0 Cent begonnen. Ich musste mir Geld leihen, bis mein erstes Gehalt kam,
  279. damit ich überhaupt meine Miete bezahlen kann. Und ich hatte natürlich keine einzige persönliche Verbindung.
  280. Ich wurde natürlich auf der Roten Liste geführt von der Gemeinde. D.h. ich war Persona non grata.
  281. Es gingen manche weg, aber die wurden dann als Feinde verschrien. Und wir wollten nicht im Bösen gehen.
  282. Aber einen anderen Weg gab es nicht. Entweder mitmachen oder als Feind gehen.
  283. Was ich als erschreckend erlebt habe, kurz nachdem wir ausgeschieden sind, war die Ablehnung,
  284. wo wir doch in Freundschaft bleiben wollten. Die große Ablehnung, die uns erreichte,
  285. dass man das Gespräch nicht mehr aufgegriffen hat und auch Briefe nicht beantwortet wurden.
  286. Entschuldigung, aber es war mehr als Ablehnung. Wir wurden wie Tote behandelt.
  287. Aber wir konnten dann nachempfinden, wie diejenigen sich fühlten, die schon früher ausgeschieden wurden,
  288. in ähnlicher Weise von uns eigentlich auch so behandelt wurden. Doch was hat von all dem der große Förderer der Gemeinde,
  289. Joseph Ratzinger mitbekommen, erst als Präfekt der Glaubenskongregation
  290. und dann als Papst Benedikt XVI.? 2020 lässt er in der Herder-Korrespondenz,
  291. einer Fachzeitschrift für Religion, erklären: Wir waren über 12 Jahre 1-2 Mal im Jahr bei ihm zu Besuch.
  292. Friederike v.a. hat durchaus immer wieder den Stand der Dinge berichtet.
  293. Wir haben auch schriftlich ihm einiges mitgeteilt. Leider hat er sich nicht gemeldet, dazu nicht Stellung genommen.
  294. Wir glauben schon, dass er ... ... durchaus Dinge erfahren hat, die er vielleicht verdrängt hat,
  295. aber es ist nicht so, dass er gar nicht informiert wurde. Vielleicht nicht ausreichend von uns.
  296. Aber zu sagen, er hätte gar nichts gewusst, und dass er nur getäuscht worden sei,
  297. ist, glaube ich, auch nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Hätte also Papst Benedikt XVI. schon früher wissen können, was los ist?
  298. Hätte er durch ein Eingreifen manches verhindern können, gerade, weil er so wichtig war für die Integrierte Gemeinde?
  299. Er hatte die Rolle des Schutzherren, das war so. Und es wurde sich auf ihn berufen und bezogen.
  300. Aber das muss nicht falsch sein, das kann richtig sein. Warum soll einer das nicht auch schützen,
  301. der das theologisch gut findet? Was ich persönlich glaube, ist, dass er jemand ist,
  302. der eine reine Seele hat, der sich böse Sachen gar nicht richtig vorstellen kann.
  303. Immer wieder wird Joseph Ratzinger über Vorgänge in der Gemeinde informiert.
  304. Anfang 2003 wirft ein ehemaliges Mitglied einen vierseitigen Brief bei der Glaubenskongregation ein.
  305. Darin schildert er etwa den Umgang mit einem Suizid in der Gemeinde, Unregelmäßigkeiten bei Wahlen
  306. und den Umgang mit Kritik sowie seinen Rauswurf. Drei Monate später antwortet Ratzinger,
  307. die Schilderungen seien betrüblich und beunruhigend und verweist auf das Erzbistum München und Freising.
  308. Auf die Anfrage des BR, was der emeritierte Papst heute zu den Vorgängen rund um die Integrierte Gemeinde sagt,
  309. lässt er antworten: Nichts mehr, mit der Bitte um Verständnis und Nachsicht.
  310. Traudl Wallbrecher, die Gründerin, ist 2016 verstorben. Die Integrierte Gemeinde ist kein Einzelfall.
  311. Im Vatikan werden derzeit viele geistliche Gemeinschaften unter die Lupe genommen.
  312. Das Problembewusstsein für spirituellen Missbrauch wächst. Die Betroffenen fordern mehr.
  313. Sie erwarten eine echte Aufarbeitung. Klarheit, Wahrheit und Gerechtigkeit.
  314. Das erhoffe ich mir und erwarte ich von der Kirche. V.a. ist es mir auch wichtig, dass den Personen geholfen wird,
  315. die viel stärker als ich unter dieser Geschichte bis heute eigentlich noch leiden.
  316. Richtig wütend werde ich, wenn es Situationen gibt, wo ich in diese alte Angst zurückkippe und denke:
  317. Das haben die geschafft. Wenn man sich Papst Franziskus auch zum Vorbild nimmt,
  318. der sich den Einzelnen auch zuwenden möchte, glaube ich, ist es dringend nötig,
  319. dass man sich den einzelnen Opfern zuwendet und nicht auf der Ebene bleibt "Wir beten für sie",
  320. sondern dass man die Wunde anschaut. Friederike und Tobias Wallbrecher sind 2009 ausgetreten:
  321. Sie suchen einen Weg der Versöhnung mit anderen Mitgliedern. Das Ehepaar Kindler kämpft weiter um Anerkennung seines Leids.
  322. Was alle Ehemaligen eint: Abschließen können sie mit ihrer Vergangenheit noch nicht.
  323. Untertitelung: BR 2021