Geknechtet unterm Kreuz: Leben in einer katholischen Sekte | DokThema | Doku | BR Bayerischer Rundfunk https://www.youtube.com/watch?v=egrrgp1haw4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 . Untertitelung: BR 2021 0:07 Dies ist die Geschichte von Menschen, die sich ganz einer Glaubensgemeinschaft ausgeliefert haben. 0:13 Es war immer dieses Gefühl da, ausspioniert zu werden. Die Integrierte Gemeinde wollte in der katholischen Kirche 0:22 eine Avantgarde-Bewegung sein. Doch Mitglieder erlebten Willkür und Machtmissbrauch. 0:29 Das basiert alles auf dieser Hybris: Wir sind von Gott auserwählt, um im 20.Jh. den Glauben zu erneuern. 0:39 Wichtigster Schutzpatron war Joseph Ratzinger, der spätere Papst. Ohne Kardinal Ratzinger gäbe es die Gemeinde nicht. 0:52 Wie viel wusste Joseph Ratzinger und warum schritt die Kirche nicht ein? Ute Schwidden ist unterwegs an den Walchensee. 1:27 20 Jahre lebte sie in der Integrierten Gemeinde, ging dort auch zur Schule. 1:32 Eine Reise zurück in die Vergangenheit. Wenn ich mich erinnere, wie das damals war, 1:39 krieg ich gleich Bauchweh. Wir waren alle so ausgeliefert, einfach weg sein von den Eltern. 1:51 Erzogen werden, falsch sein, brav sein müssen, fromm sein. 2:02 Eingesperrt sein. Ute Schwidden kommt als Kind in die religiöse Gruppierung. 2:12 Mit ihren Eltern und der Schwester. Wie viele andere Mitglieder muss sie oft umziehen, 2:17 wird immer wieder herausgerissen aus ihrer Umgebung. Sie erlebt die integrierte Gemeinde als einen Ort, 2:23 wo der Einzelne nichts gilt und die Gemeinde alles. Ich habe es einfach gehasst. 2:36 Also nix, da war nix. Nichts Schönes, nichts, 2:40 weil an sich ist es ja auch alles superidyllisch. Ausruhen, die Seele baumeln lassen und für uns war es irgendwie dunkel. 2:50 Und hier sein müssen. In Kochel macht sie eine Hauswirtschaftslehre. 2:59 Dafür muss sie das Gymnasium unterbrechen. Ich weiß, dass ich immer nur weg wollte und mir eingeredet habe: 3:11 "Ja, das ist schon gut so, weil sonst überlebst du das nicht." Musste ja irgendeine Geschichte erzählen. 3:20 Aber eigentlich, ich hatte keine Ahnung, ich hätte die alle hier ... Die Integrierte Gemeinde, kurz IG, 3:34 wird nach dem Zweiten Weltkrieg in München von Laien gegründet. Die Gemeinschaft sieht sich als Aufbruch-Bewegung 3:41 in der katholischen Kirche. Traudl Wallbrecher ist über Jahrzehnte hinweg 3:47 die charismatische Führungsfigur. In den 60er- und 70er-Jahren zieht die IG viele, oft junge Menschen an, 3:54 die auf der Suche nach einer authentisch christlichen Lebensform sind. 3:58 Eine Art christlicher Kommune, die sich als die "neue Familie" versteht, losgelöst von der Herkunftsfamilie. 4:05 Integration, das meinte: Das gesamte Leben solle durch den christlichen Glauben geprägt sein. 4:11 Mehrere Familien, Studenten und Alleinstehende leben zusammen in sog. Integrationshäusern. 4:17 Je nach Einsatzort und Bedarf ziehen die Mitglieder häufig um. Denn auch das Berufsleben spielt sich oft in Betrieben ab, 4:29 die an die Gemeinde gebunden sind, etwa ein Verlagshaus, eigene Schulen, eine Krankenstation. 4:42 Thomas Schaffert war einer von ihnen. Weil ich aus einer sehr stark kirchlichen 4:49 und auch ökumenisch geprägten Familie kam. Auch meine Eltern hatten immer schon nach Lebensformen gesucht, 4:57 bei der christliches Leben nicht nur am Sonntag stattfindet, sondern auch im Beruf und Alltag, die ganze Woche über, 5:05 und eben nicht in der Vereinzelung, sondern in der Gemeinschaft. Diesen Wunsch sah ich sehr, sehr stark realisiert. 5:17 Auch Thomas Schaffert kehrt mit gemischten Gefühlen an den Walchensee zurück. 5:22 1979 kommt er zur Integrierten Gemeinde. Da ist er 23 und verpflichtet sich, zunächst enthaltsam zu leben. 5:31 Erst sind es zwei Jahre, dann fünf, am Ende bleibt er 20 Jahre ohne Frau. Bis 1999. Da gab es für ihn neue Pläne. Eigentlich. 5:43 Die Zeit war nicht besonders glücklich für mich. Und es war auch die Phase dieser gelenkten Eheanbahnung. 5:57 Also meine Verlobte war auch hier in einer Wohnung untergebracht. Das war sozusagen unter Beobachtung. 6:08 Wir konnten uns aber sehr wenig sehen, weil das auch nicht gewünscht oder geplant war. 6:17 Wie bei vielen Mitgliedern mischte sich die Gemeindeführung auch bei Schaffert in die intimsten Lebensbereiche ein. 6:24 Zu diesem Zeitpunkt ist er schon eng mit der Gemeinde verbunden. Kontakte nach außen hat er fast komplett abgebrochen, 6:30 trotz aller Warnungen. V.a. meine Mutter hat in der Anfangszeit ganz stark die Warnung: 6:40 "Pass auf, dass du dich nicht einer Sekte auslieferst." Das habe ich in den Wind geschlagen und gesagt: 6:47 "Okay, ich pass schon auf mich selber auf, da brauche ich von dir keinen guten Rat und ich bin stark genug, 6:55 dass ich das unterscheiden kann oder dass ich da auf meine... Ich habe genug Standfestigkeit, mein Leben selber zu gestalten." 7:06 "So ist es in der Frist, in der der Menschensohn sich offenbart. Wer seine eigenen Lebenspläne zu erhalten sucht, 7:17 dessen Leben ist verloren." Die Theologie der Integrierten Gemeinde 7:26 stellt die Gemeinschaft in den Mittelpunkt, nicht das Individuum. Hochrangige, aber auch junge Theologen 7:33 finden zur Gruppierung, etwa Ludwig Weimer. Durch die integrierte Gemeinde 7:37 soll der Wille Gottes in der Welt sichtbar werden. Die gemeinsame Sache ist eigentlich die Gemeinde, 7:47 die es nach Ostern gegeben hat. D.h., eine Gemeinschaft, die so leben soll, 7:52 dass die Umwelt daran sieht, dass Jesus aus Nazareth nicht tot ist, sondern lebendig ist. 7:58 Dass das, was er gesagt hat, verwirklichbar ist. Erwartet wird die sog. Ganzhingabe. 8:07 Der Anspruch ist kein geringerer, als die Welt und die Kirche nachhaltig zu erneuern. 8:14 Wir haben dieses ungeheure Wagnis auf uns genommen, innerhalb dieser Kirche, ohne eine Sekte zu sein, 8:22 die Auseinandersetzung mit dieser Kirche zu beginnen, aber nicht in einem Kampf, 8:31 Wir stehen zwischen drei Fronten, der sog. Welt, der fortschrittlichen Kirche und der traditionellen Kirche. 8:38 Und wenn Sie in diesen drei Schnittpunkt, da finden Sie uns. Es ist nicht so, dass wir von der Kirche Unterstützung erfahren, 8:45 aber die Kirche erfährt sie von uns. Ein ganz wichtiger Pfeiler in der Theologie der Bewegung 8:53 wird der christlich-jüdische Dialog. Nach dem Massenmord an den Juden fragen sich viele: 8:59 Warum beteiligten sich getaufte Christen an der Schoah? Wie konnte man danach wieder Kirche sein? 9:07 All das fasziniert auch einen Theologie-Professor aus Regensburg: Joseph Ratzinger. 9:12 Der spätere Kardinal und Papst wird zum wichtigsten Förderer der Gemeinde. 9:17 Dabei ist deren Theologie nicht unproblematisch. Eine zentrale Rolle spielt darin das Bibelwort aus dem Lukas-Evangelium: 9:26 "Wer euch, die Gemeinde hört, der hört mich, Jesus." Und das war die theologische Grundüberzeugung dieser Gruppe, 9:35 dass in der Gemeindeversammlung der Geist Gottes selber spricht. Und dass das, was aus dem Mund von Traudl Wallbrecher kommt, 9:43 die Stimme des Heiligen Geistes ist. Dann ist das eine Autorität, 9:49 die höher nicht eingeschätzt werden kann. Dann wendet man sich, wenn man aus der Gemeinde rausgeht, 9:56 gegen den erklärten Willen Gottes. (Traudl Wallbrecher) Alle, die hier ein Stück Heimat haben, 10:02 die haben hier bereits eine Vorwegnahme erfahren, wo Himmel und Erde sich berühren. 10:13 Gott lässt nicht nach, sich die neue Familie, d.h. die erlöste Familie, zu schaffen. 10:20 Mitten in dieser Welt. Bei den Gemeindeversammlungen sollen Mitglieder Fehlverhalten eingestehen 10:28 und den "Rat" der Gemeinde empfangen, wie es heißt. Dieser "Rat" ist öffentlich und ersetzt die persönliche Beichte. 10:38 In der KIG gab es diese "Gemeindeversammlung". Das könnte man vergleichen mit einer Art Tribunal. 10:49 Da wurden Leute tatsächlich, die ein bisschen in Ungnade fielen oder irgendwas falsch machten, 10:54 in Form eines heißen Stuhls wie in den 70er-Jahren in der Mitte der Versammlung, 11:01 ich sage mal ganz böse, zur Sau gemacht. Die Leute wurden tatsächlich so fertiggemacht. 11:07 Und diese Gemeindeversammlungen waren noch immer angstbesetzt. Die Leute hatten immer Angst. 11:12 Oje, Gemeindeversammlung, wer kommt diesmal dran? Wer wird zerlegt von der Leitung? 11:17 Der Status der geschätzt bis zu 1000 Anhänger der Integrierten Gemeinde folgt keinen nachvollziehbaren Regeln. 11:25 Auf- oder Abstieg in der Hierarche, das entscheidet sich jedes Jahr am Walchensee, 11:30 am "höchsten Fest der Christenheit". Da saßen die Führungsgremien hinter der verschlossenen Tür zusammen 11:38 und haben Listen geschrieben. Diese Listen wurden dann bei der Tauferneuerung 11:43 in der Osternacht vorgelesen. Da hat man klopfenden Herzens drauf gewartet. 11:49 Wann wird mein Name genannt und was darf ich sein als Nächstes? Bin ich jetzt aufgestiegen vom Gast zum Katechumenen 12:00 oder vom Katechumenen zum Gemeindeangehörigen oder vom Gemeindeangehörigen zum Gemeindemitglied? 12:09 Oder werde ich zurückgestuft? Auch das konnte natürlich sein. Als willkürlich empfinden Mitglieder die Entscheidung, 12:19 wo sie arbeiten sollen. Denn auch darüber bestimmt die Führung. 12:23 So kommt es vor, dass ein Lehrer plötzlich ein Versicherungsbüro leiten soll 12:28 oder Handelsvertreter für Industriepumpen wird. "Du ziehst nächste Woche um, nach da und da. 12:35 Du gehst ab jetzt in die Gemeinde. Du wechselst die Stelle nach da." Das waren alles fertige Ergebnisse. 12:42 Wenn man denen widersprochen hat, hat man auf jeden Fall damit zu erkennen gegeben, 12:50 dass man nicht zum inneren Kreis gehören kann, weil der Glaube zu schwach ist. 12:56 Man hat seinen Status als Mitglied damit eigentlich verloren. Thomas Schaffert fügt sich den Anweisungen. 13:03 Er soll helfen, eine am Walchensee geplante Grundschule aufzubauen. Daneben arbeitet er unentgeltlich im "Fischer am See" mit, 13:11 im Service des Gästehauses. Auch Ute Schwidden hat hier gelebt. 13:36 Einsam sein, verloren sein, diese Gefühle kennt sie aus ihrer Grundschulzeit. 13:42 Ihre Eltern sah sie nur am Wochenende. Die Mama hat in München unterrichtet 13:49 und wir haben hier gewohnt bei für uns fremden Leuten, die uns erzogen haben. 13:54 Jeden Sonntagabend haben wir geweint, weil unsere Mutter wieder weg musste. 14:01 Und später haben wir erfahren, sie hat auch geweint, aber hat das nicht vor uns gemacht. 14:08 Viel Angst. Ich galt immer als frech. 14:12 Ich wurde dann am Abendessen vor zwölf anderen Leuten ausgeschimpft, weil ich wieder irgendwas Freches gemacht oder gesagt habe. 14:25 Der See gleich gegenüber der Wohnung, aber Schwimmen gegangen ist Ute Schwidden hier nie. 14:31 Das wäre aus Sicht der Gemeinde zu selbstbezogen gewesen, sagt sie. Auch der Blick auf die Mitschüler von außerhalb der Gemeinde ist speziell. 14:40 Wir wurden schon zu Arroganz erzogen. Wir haben das sofort komisch gefunden 14:46 und haben dann auch oft wie so kleine Erwachsene dahergeredet. "Ja, die wissen halt einfach nicht, was Glaube oder ein Miteinander ist, 14:56 sondern die sind halt einfach so egoistisch bei denen. Die schauen halt auch viel Fernsehen oder essen Chips." 15:05 Ich habe mir oft gedacht, ich würde auch mal gern vor dem Fernseher sitzen oder Chips essen 15:11 oder Nudeln mit Ketchup. Aber das war einfach so bezeichnend dafür, 15:18 dass alles kontrolliert und überwacht und reglementiert war. Da hast du alles vom anderen gewusst. 15:39 Das alles geht nicht spurlos an ihr vorüber: Ute Schwidden wird krank, denkt daran, sich das Leben zu nehmen. 15:47 Sie ist nicht die Einzige. Psychische Probleme haben viele, die später ausgestiegen sind. 15:55 Ich hatte ja im Lauf der Zeit sechs, wie ich mittlerweile nachgeschaut habe, 16:01 Aussteiger aus dieser Bewegung, Aussteigerinnen. Vier davon sind darin aufgewachsen. 16:08 Dieter Rohmann berät seit vielen Jahren Menschen, die nach dem Ausstieg aus einer Sekte oder geistlichen Gemeinschaft 16:15 ihre Zeit dort verarbeiten wollen. Betroffene von spirituellem Missbrauch. 16:20 Oftmals Kinder. Kinder, die da aufwuchsen, waren immer im schutzlosen Raum. 16:26 Sie waren immer schutzlos ausgeliefert. Die leiblichen Eltern waren nicht da, 16:30 sondern irgendwelche Ersatzeltern. Es hat sich nie jemand vor sie gestellt, 16:35 wenn irgendwelche Dinge schief liefen. Diese Kinder, die jetzt 30-40, vielleicht sogar älter sind, 16:41 die sind heute in unserer Gesellschaft und haben diese Erfahrung von Urvertrauen, 16:47 von Sich-fallen-lassen-Können, von Schutz, haben die nie erlebt. Übergriffigkeit kennt auch Thomas Schaffert. 16:58 Er ist auf dem Weg zu einem Ort, den er die "Kommandozentrale" oder den "Vatikan der Integrierten Gemeinde" nennt. 17:07 An einem Wochenende im Jahr 1999 wird er von der Leitung hierher nach Bad Tölz einbestellt, 17:14 zusammen mit seiner inzwischen von der Gemeinde ausgesuchten Verlobten. Es kribbelt mich zwischen den Haarspitzen und der kleinen Zehe. 17:28 Ich war seit diesem Ereignis nicht mehr hier. Die markanteste Erinnerung an dieses Haus ist für mich, 17:37 als ich herbestellt wurde, zusammen mit meiner damaligen Verlobten. Ich bin mit ihr zusammen hierhergekommen, in der Annahme, 17:48 dass die Details für unsere Hochzeit besprochen werden, die angedacht war in naher Zukunft, wenige Wochen später. 18:00 Ich war erst mal überrascht über die Runde, die sich dort vorgefunden hat bei Frau Wallbrecher im Wohnzimmer. 18:07 Sie hat mir in zwei Sätzen mitgeteilt, worum es geht: Dass der Eindruck gewonnen wurde, 18:17 dass unsere Beziehung als Paar die Gemeinde zu viel Kraft koste und dass die Gemeinde deswegen nicht wünsche, 18:28 dass die Hochzeit vollzogen würde. Wir dürften sehr wohl natürlich bürgerlich heiraten 18:38 und das Ganze privat für uns, aber dann nur in dem Status, dass wir ab dann nur noch Freunde der Gemeinde sind 18:46 und keine Mitglieder mehr. Seine Verlobte entscheidet sich für die Gemeinde und gegen Schaffert. 18:54 Der hadert mit dem Beschluss. Zweifel aber darf es nicht geben. Deshalb verliert er auch seine Stelle an der gemeindeeigenen Schule 19:02 und sein Zimmer im Integrationshaus. Doch Thomas Schaffert bleibt trotzdem erst einmal. 19:07 Aus Glaubensgehorsam. Monika und Hajo Kindler stoßen 1976 als Paar zur Integrierten Gemeinde. 19:21 Nach mehr als einem Jahr Verlobungszeit, die angeordnet wird, dürfen sie Hochzeit feiern. 19:27 Die Gemeinde entscheidet auch, wo Hajo Kindler arbeitet. Und sie übt noch mehr Druck aus. 19:33 Ich hab gefragt, weil ich mir von klein auf zwei Kinder gewünscht hab, ob wir auch Kinder bekommen dürfen. 19:42 "Nein." Dann, 2-3 Jahre später, hab ich noch mal gefragt: "Nein". 19:48 Ich dachte, vielleicht bin ich noch zu unreif. Und wieder: "Nein." 19:53 Das war schrecklich für mich. Das war ein Riesentrauma. Und dann wurde ich natürlich noch depressiver. 20:02 Sich dieser Entscheidung zu widersetzen, das kommt Monika Kindler noch nicht in den Sinn. 20:08 Zu sehr sind sie schon verwoben mit der Gemeinde, ideell und finanziell. Alle bauen Familie auf, aber wer baut Gemeinde auf? 20:20 Wenn man das ewig hört, andauernd, dann fragt man sich: "Darf man das noch?" 20:28 18 Ehepaare unserer Generation in der Gemeinde haben keine Kinder. Unsere Bedürfnisse durften nicht sein. 20:39 Alles hatte dem untergeordnet zu werden, dem Aufbau des Reiches Gottes. 20:47 "Wenn jeder alles gibt, was er hat, hat die Gemeinde alles, was sie braucht." 20:53 Diesen Satz habe sie ständig gehört, sagt Monika Kindler. Sie und ihr Mann müssen regelmäßig 20:59 in einem Landwirtschaftsbetrieb in Wolfesing mithelfen, unentgeltlich. Hier waren die Erdbeerfelder bis zur Häuserreihe ganz lang. 21:11 Da haben wir jedes Wochenende und jede freie Minute gepflückt. Kein Stundenlohn, umsonst, auch kein Benzingeld. 21:22 Wir sind eine halbe Stunde rausgefahren, eine halbe Stunde zurück, und das in der Früh um 6. 21:29 Dann auch hier pflücken und dann um halb acht in der Arbeit loslegen. Und das war während der Saison. 21:39 Also während der Hochsaison war das jeden Morgen. Doch warum akzeptieren Erwachsene eine solche Fremdbestimmung, 21:50 ohne jeden Widerstand? Eine Sekten- oder Kultmitgliedschaft ist wirklich heftig. 21:59 Ich muss 24 Stunden am Tag das Richtige denken, die richtigen Handlungen tun, das Richtige fühlen und träumen. 22:07 Ich muss alles richtig machen. 24 Stunden am Tag. Auch Monika und Hajo Kindler bleiben in der Gemeinde, wie viele andere. 22:18 Denn da sind auch die schönen Seiten rund um den Versammlungsraum der Gemeinde in Wolfesing, 22:24 vor den Toren Münchens. Viel Wert wird auf Ästhetik, Musik und Kultur gelegt, 22:41 ob in Gottesdiensten oder bei Festen. Geburtstage wie den 40. von Monika Kindler richtet die Gemeinde aus. 22:49 Das und die hochrangigen Gäste in Wolfesing verfehlen ihre Wirkung nicht. 22:56 Es kamen auch Bischöfe und Kardinal Ratzinger, damals noch Theologe, gab uns jedem Einzelnen die Hand. 23:05 Das war sehr bewegend und sehr beeindruckend. Joseph Ratzinger war ein gern gesehener Gast. 23:16 Der einflussreiche Kirchenmann wurde bei seinen Besuchen von der Gemeindeleitung regelrecht umgarnt. 23:22 Wurde er auch eingespannt für die Ziele der Integrierten Gemeinde? Kardinal Ratzinger war mit seinem Bruder ... 23:33 Zweimal hat er seinen Urlaub hier verbracht. Kardinal Ratzinger hat ja Katzen sehr lieb gehabt. 23:50 Er mochte schwarze Katzen am liebsten. Plötzlich war auch eine schwarze Katze da. 23:55 Das hat man schon geguckt, ob jetzt eine passende Katze da ist und man hat sie eben beschafft. 24:02 Das schon. Joseph Ratzinger wird von der Gemeinde hofiert 24:13 und wird eine zentrale Figur in der Geschichte der Gemeinschaft. Mehr als vier Dutzend Treffen zwischen ihm und der Gemeinde 24:20 sind dokumentiert von einem ehemaligen Mitglied, das nur anonym sprechen will. 24:25 Seit Jahren sammelt und archiviert diese Person Unterlagen zur Gemeinde, sie ist so etwas wie das Gedächtnis. 24:33 Ihre eigene Mitgliedschaft dauerte etwa 25 Jahre, auch wegen der Faszination kirchlicher Würdenträger 24:41 wie Joseph Ratzinger. Zu sagen, wann mir die ersten Zweifel kamen, ist schwierig. 24:49 Ich habe mich dann, das hat sich wahrscheinlich über viele Jahre hingezogen, 24:54 orientiert und auch selbst beruhigt, an den vielen Theologen und Bischöfen. 24:58 Es konnte ja nicht völlig falsch sein. Also, ich kann ja nicht als einzelner kleiner Katholik 25:05 irgendwas in Zweifel ziehen, was Kardinal Ratzinger gut findet. Erste Kontakte zu Joseph Ratzinger gibt es bereits, 25:15 als er noch Theologie-Professor in Regensburg ist. Zu dieser Zeit 25:20 hat die Kirche die Gemeinde noch nicht offiziell anerkannt. Doch das ist das Ziel: 25:25 Mithilfe Ratzingers will die Integrierte Gemeinde an Prestige und Einfluss gewinnen. 25:32 Das Jahr 1977, ein Wendepunkt: Ratzinger wird Erzbischof von München und Freising. 25:38 Jetzt wächst die Hoffnung, ein Verein unter dem Dach der Kirche zu werden. Doch dafür braucht es eine Satzung, die sogenannten Statuten. 25:52 Im Mai wurde Ratzinger zum Erzbischof ernannt. Im Juli gab es das erste Treffen mit ihm als Erzbischof. 26:00 Ein Jahr später waren die Statuten formuliert, geprüft. 2-3 Monate später, im November '78, waren sie unterschrieben. 26:10 So schnell und plötzlich war alles weg, was hier an Kritik da war. Kritik an der Integrierten Gemeinde war schon damals aktenkundig. 26:22 Im April 1973 spricht der damalige Generalvikar Gerhard Gruber, also der zweite Mann im Münchner Erzbistum, 26:30 von einer Beeinträchtigung der Freiheit, Familientrennung, beruflicher und finanzieller Abhängigkeit der Mitglieder. 26:38 Das Schreiben liegt dem BR vor. Die Kritik reißt nicht ab: 26:44 Es gibt immer neue Aktenvermerke, Rechtsgutachten, Zeitungsartikel. Doch niemand schreitet ein. 26:55 In vier weiteren deutschen Diözesen wird die Integrierte Gemeinde anerkannt. 27:01 Und sie kommt mit Joseph Ratzinger nach Rom, ins Herz der Weltkirche. Dort soll der jüngste Sohn der Gründerin, Tobias Wallbrecher, 27:10 die IG etablieren. Mit seiner Frau Friederike, 27:14 der Tochter des Gemeinde-Theologen Rudolf Pesch. Joseph Ratzinger traut die beiden 1996. 27:22 Der Kontakt zu einem der mächtigsten Männer im Vatikan wird noch enger. Sie werden Teil der Inszenierung einer heilen Welt, nach außen hin, 27:31 wie die beiden erstmals öffentlich erzählen. Das war so ein schönes Gebäude, von gutem Essen und Festen, 27:44 schön eingerichtet, und alle zusammen, immer zusammen. Aber das war an der Oberfläche. 27:51 Man hat eigentlich, auch in den Integrationshäusern, den anderen gar nicht richtig kennengelernt in seinen Nöten. 28:00 Doch diese Erkenntnis kommt ihnen erst später. Zunächst helfen sie mit, die Gemeinde weiter aufzubauen. 28:07 Noch überwiegen die positiven Seiten. Doch die schnell wachsenden Mitgliederzahlen 28:12 bereiten Tobias Wallbrecher Sorgen. Er spricht von Überforderung und beobachtet auch zunehmend 28:18 strukturelle Fehler in der Leitung der Gemeinde. Sich selbst sieht er auch in der Verantwortung. 28:26 Dass dann meine Mutter in eine Position gekommen war, die so eine Machtfülle hatte, die einfach ungesund und gefährlich war. 28:36 Und wir, die das irgendwie ... ... gespürt haben, 28:44 haben da nicht ausreichend die Grenzen gesetzt, muss ich ganz ehrlich sagen. 28:48 Auch zu meiner Schande vielleicht. Habe ich selbst zu lange mitgemacht und bin auch ich zum Täter geworden? 28:56 Diese Frage stellen sich viele Ehemalige. Selbst der Name Wallbrecher schützt nicht davor, Opfer zu werden. 29:03 Das Ehepaar wird räumlich getrennt, obwohl Friederike schwanger ist. Sie kann nicht frei über ihr Leben entscheiden und wird schwer krank. 29:13 Ich habe schon Wunden auch davongetragen, obwohl ich die Ehefrau des Sohnes der Gründerin war. 29:19 Dann 2009. Das war am Tag des Erdbebens von Aquila. 29:23 Da wackelten hier in Rom die Wände. Und da wusste ich: Wenn ich in diesem Zusammenhang bleibe, 29:31 werde ich erneut krank. In welchen Dimensionen die Gemeinde dachte, 29:39 zeigt sich an der Villa Cavalletti vor den Toren Roms. 1995 erwirbt die Gemeinde von den Jesuiten das Tagungshaus, 29:48 eine alte Villa mit Nebengebäuden und einem riesigen Park. Die Integrierte Gemeinde will hier 29:54 ihre Akademie für die Theologie des Volkes Gottes errichten. Die Weltkirche soll hier von der Theologie der Gemeinde erfahren. 30:04 Das Areal wird ein Ort der Begegnung und der Feste. Auch hier fehlt Joseph Ratzinger nicht. 30:10 Im Jahr 1997 richtet die Gemeinde ihm in der Cavalletti seinen 70. Geburtstag aus. 30:20 Oremus. Benedic, Domine, 30:22 nos et haec tua dona quae de tua largitate sumus sumpturi. Per Christum Dominum nostrum. - Amen. 30:32 Auch Ute Schwidden fuhr oft in die Villa Cavalletti. Gerade in der Anfangsphase musste sie dort kochen, 30:39 um die Gemeindemitglieder zu versorgen, die bei der Renovierung der Gebäude, unentgeltlich wieder, mit anpackten. 30:49 Auch wenn es für Ute Schwidden Arbeit war, die Wochen in dem Anwesen vor den Toren Roms 30:55 sind ihr positiv in Erinnerung geblieben. Ich habe jetzt hier keine Beklemmungsempfindungen 31:01 wie bei anderen Orten, wo man dann so gemeindlich zugerichtet wurde 31:07 und mal wieder in die richtige Bahn eingespurt wurde. Das waren immer total schöne Erinnerungen, 31:19 weil das hatte so was ein bisschen was "Flirtymäßiges". Ich habe mich da sehr frei gefühlt. 31:38 Dann hat man auch gemerkt, dass die anderen sich im Grunde auch nach Normalität sehnen, 31:44 weil da war man sich ja nie sicher. Das war wie in so einer Stasi. 31:50 Man wusste auch, alle haben zwischendurch so heilig getan, auch die Gleichaltrigen und man selber natürlich auch. 31:58 Aber hier hat man gemerkt: Eigentlich sind wir auch alle nur Menschen. Wow. 32:07 Und das war ein schönes, verbindendes Gefühl. Heute beherbergt die inzwischen weiterverkaufte Villa Cavalletti 32:31 u.a. ein Hotel. Auch wenn hier in den vergangenen Jahren umfassend renoviert wurde: 32:37 Die Integrierte Gemeinde hinterlässt bei der Einrichtung des Hauses noch immer Spuren. 32:43 Es haben sich Leute von der Gemeinde Möbel gekauft. Dann wurde eine Nummer unten hin geklebt und der Name. 32:53 D.h., ich konnte einen kaufen, aber dann stand er trotzdem der Gemeinde zur Verfügung. 32:58 Man könnte halt mal gucken, ob ... Wenn das jetzt noch alte Möbel von der Gemeinde sind ... 33:07 Nee, da steht nix. Da müsste halt was drunter stehen. 33:16 Ah, da ist was. Ach, krass. 33:26 Also der Name, das sind zwei Schilder. Das eine ist eine Nummer, 33:34 dass die nummeriert waren, und daneben stand der Name. Ach ja, den kannte ich. 33:46 Nicht nur die hochwertigen Möbel für die Villa Cavalletti hatten ihren Preis, sondern auch das Anwesen selbst. 33:52 Trotzdem besteht für die Leitung kein Zweifel, die Immobilie 1995 zu erwerben. 33:58 Der Kauf wird teils durch die Mitglieder finanziert. Es wurde gesagt in den Versammlungen: 34:09 "Wenn wir nicht Cavalletti realisieren, ist das das Ende der Gemeinde. Das ist die Zukunft." 34:15 Der Preis, den ich in Erinnerung habe, der in der Gemeindeversammlung genannt wurde, war 17 Millionen. 34:21 Es wurde gesagt, dass die Hälfte davon die Gemeindemitglieder aufbringen müssten, sonst ginge es nicht. 34:29 Ich habe über die ganzen Jahre hinweg einen Kredit abbezahlt für die Villa Cavalletti, das Zentrum bei Rom, 34:37 wo dann diese ganzen kirchlichen Begegnungen stattgefunden haben. Das Risiko für Investitionen tragen so die Mitglieder. 34:45 Wer nicht genug Vermögen hat, dem "hilft" die Gemeinde. Es gab die eigene Bank und der Kreditvertrag war vorformuliert. 34:54 Man brauchte nur noch unterschreiben. Als Sicherheit hat man das eigene Gehalt angegeben. 35:02 Die Schulden bleiben, selbst wenn die Mitglieder die Gemeinde verlassen. 35:06 Dabei lastet schon seit dem Eintritt eine Hypothek auf ihnen. Wir sind in Schuld der Gemeinde. 35:15 Und zwar weil alles, was wir vorfinden, zu dem Zeitpunkt, wo wir kommen, 35:21 nämlich das Festhaus hier am Walchensee z.B., die Gemeindezentrale, die Druckerei in Bad Tölz etc., 35:28 die ist ja von anderen finanziert worden und ich finde die fertig vor. Deswegen schulde ich der Gemeinde. 35:38 Der Richtsatz war damals 100.000 DM. In dem Moment, wo ich ihr beitrete, 35:44 habe ich bei ihr 100.000 DM Schulden. Es sind die sog. Vorhalteleistungen. 35:52 Das Vermögen der Gemeinde lag offiziell nicht in den kirchlichen, sondern in zivilrechtlichen Vereinen. 35:58 Schon lange tut sich das Erzbistum München und Freising schwer, die Finanzen der Gemeinschaft zu kontrollieren. 36:05 Auf BR-Anfrage erklärt es: Im Jahr 2019 beginnt das Erzbistum 36:24 mit einer kirchenrechtlichen Untersuchung. Die Erkenntnisse erschreckend. 36:29 Kardinal Reinhard Marx löst daraufhin die Gemeinde in der Erzdiözese auf. Die Prüfer kommen zu dem Fazit: 36:47 BR-Anfragen ergeben, dass auch in den vier anderen deutschen Bistümern die Gemeinde nicht mehr aktiv ist, 36:54 zumindest nicht über die kirchlichen Vereine. Doch wo liegt das Vermögen heute, 37:00 nach der Auflösung der Münchner Gemeinde und dem Verkauf vieler Immobilien, auch der Villa Cavalletti? 37:06 Ehemalige sprechen von einem Geflecht aus Vereinen, Stiftungen und Firmen, die teils dieselben Adressen führen. 37:15 Die handelnden Personen sind meist ehemalige Verantwortliche der Gemeinde, darunter auch Priester. 37:21 Das legen Auszüge aus dem Vereins- und Handelsregister nahe. Was sich da abspielt, wissen wir nicht. 37:27 Nur ohne uns Gemeindemitglieder, ohne das, was wir finanziell und auch durch Arbeit und Einsatz 37:33 eingebracht haben, gäbe es das Vermögen nicht. Ein Vermögen, von dem wir nicht wissen, wie groß es ist, 37:40 wo es ist und wer darüber entscheidet, was damit geschieht. Das ist ja der Punkt. 37:51 Die Mehrheit der ehemaligen Mitglieder jedenfalls hat nach Austritt oder Ausschluss kein Geld mehr gesehen. 37:57 Einige hatten nicht einmal mehr ein eigenes Bett oder Geschirr für den Neuanfang. 38:05 Thomas Schaffert verlässt die Integrierte Gemeinde im Jahr 2002, drei Jahre nach seiner abgesagten Hochzeit. 38:17 Ich hab mit 0 Cent begonnen. Ich musste mir Geld leihen, bis mein erstes Gehalt kam, 38:24 damit ich überhaupt meine Miete bezahlen kann. Und ich hatte natürlich keine einzige persönliche Verbindung. 38:32 Ich wurde natürlich auf der Roten Liste geführt von der Gemeinde. D.h. ich war Persona non grata. 38:38 Es gingen manche weg, aber die wurden dann als Feinde verschrien. Und wir wollten nicht im Bösen gehen. 38:46 Aber einen anderen Weg gab es nicht. Entweder mitmachen oder als Feind gehen. 38:53 Was ich als erschreckend erlebt habe, kurz nachdem wir ausgeschieden sind, war die Ablehnung, 38:59 wo wir doch in Freundschaft bleiben wollten. Die große Ablehnung, die uns erreichte, 39:05 dass man das Gespräch nicht mehr aufgegriffen hat und auch Briefe nicht beantwortet wurden. 39:11 Entschuldigung, aber es war mehr als Ablehnung. Wir wurden wie Tote behandelt. 39:17 Aber wir konnten dann nachempfinden, wie diejenigen sich fühlten, die schon früher ausgeschieden wurden, 39:24 in ähnlicher Weise von uns eigentlich auch so behandelt wurden. Doch was hat von all dem der große Förderer der Gemeinde, 39:33 Joseph Ratzinger mitbekommen, erst als Präfekt der Glaubenskongregation 39:38 und dann als Papst Benedikt XVI.? 2020 lässt er in der Herder-Korrespondenz, 39:46 einer Fachzeitschrift für Religion, erklären: Wir waren über 12 Jahre 1-2 Mal im Jahr bei ihm zu Besuch. 40:04 Friederike v.a. hat durchaus immer wieder den Stand der Dinge berichtet. 40:11 Wir haben auch schriftlich ihm einiges mitgeteilt. Leider hat er sich nicht gemeldet, dazu nicht Stellung genommen. 40:18 Wir glauben schon, dass er ... ... durchaus Dinge erfahren hat, die er vielleicht verdrängt hat, 40:30 aber es ist nicht so, dass er gar nicht informiert wurde. Vielleicht nicht ausreichend von uns. 40:37 Aber zu sagen, er hätte gar nichts gewusst, und dass er nur getäuscht worden sei, 40:43 ist, glaube ich, auch nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Hätte also Papst Benedikt XVI. schon früher wissen können, was los ist? 40:51 Hätte er durch ein Eingreifen manches verhindern können, gerade, weil er so wichtig war für die Integrierte Gemeinde? 40:58 Er hatte die Rolle des Schutzherren, das war so. Und es wurde sich auf ihn berufen und bezogen. 41:06 Aber das muss nicht falsch sein, das kann richtig sein. Warum soll einer das nicht auch schützen, 41:12 der das theologisch gut findet? Was ich persönlich glaube, ist, dass er jemand ist, 41:18 der eine reine Seele hat, der sich böse Sachen gar nicht richtig vorstellen kann. 41:25 Immer wieder wird Joseph Ratzinger über Vorgänge in der Gemeinde informiert. 41:30 Anfang 2003 wirft ein ehemaliges Mitglied einen vierseitigen Brief bei der Glaubenskongregation ein. 41:36 Darin schildert er etwa den Umgang mit einem Suizid in der Gemeinde, Unregelmäßigkeiten bei Wahlen 41:42 und den Umgang mit Kritik sowie seinen Rauswurf. Drei Monate später antwortet Ratzinger, 41:48 die Schilderungen seien betrüblich und beunruhigend und verweist auf das Erzbistum München und Freising. 41:56 Auf die Anfrage des BR, was der emeritierte Papst heute zu den Vorgängen rund um die Integrierte Gemeinde sagt, 42:03 lässt er antworten: Nichts mehr, mit der Bitte um Verständnis und Nachsicht. 42:09 Traudl Wallbrecher, die Gründerin, ist 2016 verstorben. Die Integrierte Gemeinde ist kein Einzelfall. 42:18 Im Vatikan werden derzeit viele geistliche Gemeinschaften unter die Lupe genommen. 42:23 Das Problembewusstsein für spirituellen Missbrauch wächst. Die Betroffenen fordern mehr. 42:31 Sie erwarten eine echte Aufarbeitung. Klarheit, Wahrheit und Gerechtigkeit. 42:41 Das erhoffe ich mir und erwarte ich von der Kirche. V.a. ist es mir auch wichtig, dass den Personen geholfen wird, 42:51 die viel stärker als ich unter dieser Geschichte bis heute eigentlich noch leiden. 42:57 Richtig wütend werde ich, wenn es Situationen gibt, wo ich in diese alte Angst zurückkippe und denke: 43:03 Das haben die geschafft. Wenn man sich Papst Franziskus auch zum Vorbild nimmt, 43:10 der sich den Einzelnen auch zuwenden möchte, glaube ich, ist es dringend nötig, 43:15 dass man sich den einzelnen Opfern zuwendet und nicht auf der Ebene bleibt "Wir beten für sie", 43:22 sondern dass man die Wunde anschaut. Friederike und Tobias Wallbrecher sind 2009 ausgetreten: 43:30 Sie suchen einen Weg der Versöhnung mit anderen Mitgliedern. Das Ehepaar Kindler kämpft weiter um Anerkennung seines Leids. 43:38 Was alle Ehemaligen eint: Abschließen können sie mit ihrer Vergangenheit noch nicht. 43:59 Untertitelung: BR 2021