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Die Landshut-Entführung: Das Geiseldrama von Mogadischu (1/2) | Die Story | Kontrovers | BR24

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Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 233 Zeilen
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  1. . Untertitelung: BR 2023
  2. (Funk) "This is Mogadishu." Das ist die unglaubliche Geschichte von Diana Müll,
  3. die als 19-Jährige in einem Flugzeug nach Mogadischu entführt wurde.
  4. (Archiv) "Die von den Terroristen gesetzten Fristen sind abgelaufen, ohne dass Bonn deren Forderungen erfüllt hat."
  5. Die ihren Kopf hinhalten musste, weil die Bundesregierung sich nicht von Terroristen erpressen lassen wollte,
  6. in der wohl dramatischsten Flugzeug-Entführung der deutschen Geschichte.
  7. Fünf Tage lang wurden 91 Menschen als Geiseln genommen. Man kann das nicht mehr aushalten.
  8. Man denkt: "Wenn der mich doch jetzt erschießen würde, damit endlich Schluss ist."
  9. Während der Entführung fällt der Strom aus und damit auch die Klima-Anlage und die Toiletten.
  10. Man kann den Geruch der Toiletten nicht vermitteln. Das letzte Ultimatum:
  11. (Archiv) "Dass das Flugzeug keine Sekunde nach dem Ultimatum in die Luft gejagt werde."
  12. Und man kann die Todesangst nicht vermitteln. In Mogadischu stürmt die GSG9 das Flugzeug.
  13. Für uns stand fest, dass wir es mit Leuten zu tun haben, die bis in den Tod gehen würden.
  14. Alle Geiseln werden gerettet. Doch die Entführung hat sie traumatisiert.
  15. Ich wusste: Das war es ja nicht. Das hat ja irgendwas mit mir gemacht.
  16. Ich dachte: "Was kommt jetzt, was erwartet mich zu Hause?" Zu Hause werden die Menschen vom Staat alleingelassen.
  17. Das ist ihre Geschichte. Flughafen Friedrichshafen.
  18. Diana Müll ist auf dem Weg an den Ort, an dem sie die schlimmsten Stunden ihres Lebens verbracht hat:
  19. Die ehemalige Lufthansa-Maschine "Landshut". Seit knapp 6 Jahren steht sie hier in diesem Hangar.
  20. Ein Lern- und Erinnerungs-Ort soll daraus entstehen. Diana Müll leidet bis heute unter den Folgen der Entführung.
  21. 106 Stunden in der Gewalt von Terroristen. Das war keine Angst, das war Todesangst. Immer Todesangst.
  22. Sie erinnert sich noch, wo sie damals saß. Ungefähr hier.
  23. Wenn man sich die Sitze vorstellt: Ungefähr hier habe ich gesessen.
  24. Es ist Donnerstag, der 13. Oktober 1977. An Bord der Maschine befinden sich 90 Passagiere.
  25. Unter ihnen ist Diana Müll. Sie ist eine von acht Schönheitsköniginnen
  26. in der Lufthansa-Maschine. Sie alle hatten zuvor
  27. in einer Diskothek auf Mallorca einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Eine Gratis-Woche auf der Insel:
  28. Sekt trinken, Boot fahren, Party machen. Am 13. Oktober 1977 um 13 Uhr startet ihr Rückflug.
  29. mit der Lufthansa-Maschine "Landshut" von Palma de Mallorca nach Frankfurt. Kapitän an Bord ist der 37-jährige Jürgen Schumann.
  30. Nach einer Woche Party freut sich Diana Müll auf zu Hause. Was sie nicht ahnt:
  31. Unter den Passagieren befinden sich vier palästinensische Terroristen. Kurz vor der Entführung haben sie auf Mallorca Fotos von sich gemacht.
  32. Sie sehen aus wie Urlaubs-Fotos. In einem Kosmetik-Koffer und einem Transistor-Radio
  33. schmuggeln sie Waffen und Plastik-Sprengstoff in das Flugzeug.
  34. Ihr Anführer nennt sich Kapitän Märtyrer Mahmud. Jürgen Vietor war der Co-Pilot der Maschine.
  35. Er besitzt noch ein Original-Instrument aus dem Cockpit der "Landshut":
  36. Ihren künstlichen Horizont. Der wurde von einer Pistolen-Kugel getroffen.
  37. Das erinnert ihn bis heute daran, wie knapp es damals war. Mahmud stürmte rein,
  38. hat die Pistole an Jürgen Schumanns Kopf gehalten, mich in die Rippen getreten und geschrien: "Out, out, out."
  39. Die Entführer übernehmen das Kommando und ändern den Kurs.
  40. Schnell verbreitet sich die Nachricht in Deutschland. (Archiv) "Eine Linien-Maschine der deutschen Lufthansa
  41. ist seit dem Nachmittag in der Gewalt von Entführern." (Archiv) "Gegen 16 Uhr erhielt die Maschine in Rom Landeerlaubnis.
  42. Sie wurde dann sofort von Polizei und Panzerwagen umstellt" Es ist der 13. Oktober 1977. 16.30 Uhr.
  43. Entführt. Diana Müll gehen tausend Gedanken durch den Kopf:
  44. "Was geschieht jetzt mit ihr? Wie kommt sie hier raus." Die Situation scheint aussichtslos.
  45. Es stand immer einer hinten am Ende der Maschine und hier vorne vor der 1. Klasse mit einer Waffe
  46. und meistens mit Handgranaten. Die Entführer durchsuchen die männlichen Fluggäste
  47. und setzen sie ans Fenster. Sie sammeln das Handgepäck ein, dazu Ausweis-Papiere und Schmuck.
  48. Alles kommt in einen Sack. Kaltblütig brechen die Entführer jeden Widerstand.
  49. Diana Müll und die anderen Passagiere müssen mit erhobenen Händen auf ihren Plätzen sitzen,
  50. stundenlang. Das kann man sich nicht vorstellen, was das für Schmerzen sind,
  51. die Arme hoch zu halten über so einen langen Zeitraum. Die haben gebrannt wie Feuer.
  52. Ihre Freundin Jutta Knauff sitzt ein paar Reihen hinter ihr. Auch sie war eine der Schönheitsköniginnen
  53. aus der Diskothek auf Mallorca. Als der Schmuck eingesammelt wird, versteckt sie heimlich ihre Kette.
  54. Es ist ein Herz-Amulett gewesen. Da waren meine Kinder drin. Ich konnte die nicht einfach in den Sack werfen.
  55. Dann habe ich das zwischen die Sitze geklemmt. Fünf Tage lang hält sie sich daran fest.
  56. Ob ihre Familie zu Hause ahnt, was mit ihr geschieht? Die Maschine steht in Rom.
  57. Die Passagiere erfahren von ihren Entführern, dass sie Geiseln sind.
  58. Ihr Leben gegen das von elf inhaftierten RAF-Terroristen in Deutschland.
  59. Die Entführung der "Landshut" ist der Höhepunkt des deutschen Herbstes, 1977.
  60. Die RAF, die Rote-Armee-Fraktion, hat der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Sie ermordet Repräsentanten des Staates.
  61. Anfang September entführt sie Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer,
  62. und erschießt dabei seine vier Begleiter. Die RAF fordert die Freilassung ihrer Führungs-Riege
  63. um Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Doch die Bundesregierung bleibt hart.
  64. Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die schuldigen Täter zu.
  65. Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Bundeskanzler Helmut Schmidt fürchtet,
  66. dass freigelassene Terroristen wieder Straftaten begehen und morden. Daraufhin erhöht die RAF den Druck.
  67. Sie beauftragt eine befreundete Palästinenser-Organisation, ein Flugzeug zu entführen.
  68. Ihre Wahl fällt auf den Flug LH181 von Mallorca nach Frankfurt, eine Maschine voller deutscher Urlauber.
  69. Bei der Lufthansa gehen am Nachmittag des 13. Oktober 1977 ungezählte Anrufe ein.
  70. Besorgte Menschen wollen wissen, ob ihre Angehörigen in dem Flugzeug sitzen.
  71. Einen kleinen Moment, bitte. Ihr Mann ist nicht an Bord der Maschine.
  72. Nein? Okay, gut, ich danke Ihnen. - Bitte schön. Als Diana Mülls Bruder Markus an dem Tag nach Hause kommt,
  73. weiß seine Mutter schon Bescheid. Bis heute fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen.
  74. Da habe ich bei der Lufthansa angerufen. Da hat die zu mir gesagt: "Wie heißt denn Ihre Tochter?"
  75. Da habe ich gesagt: "Diana Müll". Da sagt die zu mir:
  76. "Eine Diana Müll befindet sich in der entführten Maschine." 45 Jahre danach ist bei den Angehörigen alles noch da,
  77. die Panik, die Ohnmacht, die Bilder aus Rom. (Archiv) "Zwei Stunden nach der Landung
  78. hebt die entführte Lufthansa-Maschine in Richtung Zypern wieder ab." Sie fliegt immer weiter von Deutschland weg.
  79. "Seit heute früh steht der entführte Lufthansa-Jet in der glühenden Hitze am Rande des Flughafens von Dubai.
  80. Die Mittags-Temperatur lag bei 35 Grad." Es ist Freitag, der 14. Oktober 1977. 14 Uhr.
  81. Der Flughafen Dubai ist abgeriegelt worden. Die entführte Maschine wird von Soldaten bewacht.
  82. Sie hat kaum noch Treibstoff. In der "Landshut"
  83. sitzen die Passagiere wie gelähmt auf ihren Plätzen. Kaum einer hat geschlafen. Sie haben ihr Zeitgefühl verloren.
  84. Wir durften nicht sprechen. Die Jalousien vom Fenster waren heruntergelassen.
  85. Wir wussten nicht, wo wir waren. Captain Mahmud zeigt sich im roten Hemd
  86. an der Flugzeugtür. Er beginnt nach Juden unter den Passagieren zu suchen.
  87. Birgitt Röhll sitzt ganz hinten in der Maschine. Sie hat mit ihrem 10-jährigen Sohn Stephan
  88. die Herbstferien auf Mallorca verbracht. Jetzt soll sie plötzlich nach vorne kommen.
  89. Captain Mahmud hat einen Füller in ihrer Handtasche entdeckt. Er erkennt darauf einen Judenstern.
  90. Dann hat er gesagt: "It's a Jewish Star. You're Jewish." Dann hat er mir gegen die Knie getreten und gesagt:
  91. "Go back to your seat. Tomorrow morning at 7.30 ... ... sollte ich mich melden zum Erschießen.
  92. Ihr Sohn Stephan ist ihr einziger Trost. Als ich wieder zurück zum Sitz kam, sagte er:
  93. "Mama, die erschießen dich nicht." Die ganze Nacht verbringt Birgitt Röhll in Todesangst,
  94. bis Captain Mahmud sie am nächsten Morgen begnadigt. Währenddessen fällt an Bord die Klimaanlage aus,
  95. die Temperatur im Flugzeug steigt auf 40 Grad, dann auf 50. Captain Mahmud richtet seine Forderungen
  96. an den Tower in Dubai. (Archiv) "Beide Terroristen-Kommandos haben heute
  97. bis spätestens Sonntag-Vormittag eine Entscheidung über die Freilassung
  98. von elf Baader-Meinhof-Häftlingen verlangt, sonst müssten Schleyer und die Flugzeug-Insassen sterben.
  99. Bei Diana Mülls Familie steht währenddessen das Telefon nicht mehr still.
  100. Ihr Bruder Markus verfolgt die Nachrichten. Da gab es keine Minute, wo man gesagt hat ...
  101. Wir haben nicht geschlafen. Das gab's gar nicht.
  102. Es ging nur darum: Wie sieht es aus? Alle 30 Minuten.
  103. Wie sieht es aus? Gibt es Nachrichten? Der Fernseher lief.
  104. Erika Müll braucht Beruhigungsmittel. Täglich kommt der Arzt vorbei. Sie kann nicht mehr schlafen.
  105. Sie kann nur noch daran denken, dass ihr Kind in der entführten Maschine sitzt.
  106. Wenn du außen stehst und du kannst nichts machen ... Wenn die mich ausgetauscht hätten, dann wäre ich beruhigt gewesen.
  107. Aber du kannst nichts machen. Für mich war das die Hölle, die absolute Hölle.
  108. 15. Oktober, 3.35 Uhr in der Nacht. Der deutsche Unterhändler,
  109. Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, erreicht Dubai.
  110. Er soll vor Ort die Verhandlungen führen. Währenddessen werden die Zustände an Bord immer dramatischer.
  111. Die Hitze, die Luft, der Gestank. Die Klospülung ist ausgefallen. Zeitweilig darf niemand auf die Toilette.
  112. Meine Bekannte von damals saß mir gegenüber. Die musste dann auch groß.
  113. Die bekam Krämpfe, weil das so eine Überwindung ist, dazusitzen und sich in die Hose zu machen.
  114. Die Situation an Bord ist gespenstisch. Captain Mahmud droht mit Erschießungen.
  115. Dann wiederum lässt er eine Torte kommen, weil jemand Geburtstag hat.
  116. Er macht Schnappschüsse, darunter ein Foto von den Piloten. Es ist das letzte Foto von Flugkapitän Jürgen Schumann.
  117. Inzwischen steigen die Temperaturen im Flugzeug weiter. Die ersten Passagiere kollabieren.
  118. (Archiv) "Sie lassen keine Ärzte in die Maschine, obwohl zwei Personen im Flugzeug Herzattacken hatten."
  119. Sonntag, 16. Oktober, 5 Uhr morgens. (Archiv) "Um 4.30 Uhr deutscher Zeit
  120. stellten die Terroristen an Bord der Lufthansa-Maschine überraschend ein neues Ultimatum."
  121. Die Entführer wollen sich nicht länger hinhalten lassen. Sie drohen damit, eine erste Geisel zu erschießen,
  122. wenn die Maschine nicht aufgetankt wird. Ihre Wahl fällt auf Diana Müll.
  123. Sie soll nach vorne kommen. Dann bin ich gelaufen.
  124. Es ist der längste Weg ihres Lebens. Captain Mahmud stellt sie in die offene Flugzeugtür.
  125. damit jeder sie sehen kann. Er kündigt an, bis 10 zu zählen.
  126. Dann stand ich hier und da hat er mir, ich weiß es noch genau,
  127. die Pistole an die Schläfe gehalten. Captain Mahmud fängt an zu zählen.
  128. Dann habe ich ihm so ins Gesicht geguckt und habe seine eiskalten Augen, seinen Zorn,
  129. und alles, was in ihm war, gesehen und mir gedacht: "Dieser Mann wird nie ein Problem damit haben,
  130. dass er ein 19-jähriges unschuldiges Mädchen erschossen hat." Das ist dem scheißegal.
  131. Er zählt weiter ... 4, ... 5, ... Dann habe ich in die Sonne geguckt
  132. und mich von meiner Familie verabschiedet. Das war schlimm.
  133. Dann habe ich mir die Bilder von meiner Mutter geholt und habe die alle einmal abfotografiert
  134. in meinem Kopf. 8, ... 9, ...
  135. Dann war er bei 10. Dann habe ich die Augen zugemacht und gedacht: "Jetzt ist es vorbei".
  136. In diesem Moment lenkt der Tower ein. Die Maschine wird aufgetankt
  137. und fliegt kurz danach mit unbekanntem Ziel weiter. Es ist Sonntag, 16. Oktober, 11.15 Uhr.
  138. (Archiv) "Nach letzten Meldungen nahm das Flugzeug Kurs auf die Hauptstadt Süd-Jemens, Aden."
  139. Die "Landshut" hat vor Aden nur noch Sprit für 15 Minuten im Tank. Sie muss landen.
  140. Doch die jemenitischen Behörden verweigern die Erlaubnis. Sie blockieren die Landebahn mit Panzern und Lkw.
  141. Die beiden Piloten bereiten eine Notlandung vor. Mir war klar, wir werden jetzt wahrscheinlich crashen.
  142. Kurz vor der Landung habe ich Jürgen Schumann die Hand gegeben, Ich habe gesagt: "Jürgen, mach's gut.
  143. Es war ein schönes Leben, aber ein bisschen kurz." Sie beschließen, die Landshut im Sand neben der Landebahn
  144. auf den Boden zu bringen. Es schlitterte halt so.
  145. Ich habe nur gedacht: "Bleib stehen." Irgendwann stand sie.
  146. Wie durch ein Wunder bleibt die Maschine heil. Sie steht bis zu den Achsen im Sand, von Soldaten umstellt.
  147. Kapitän Jürgen Schumann verlässt das Flugzeug. Er prüft, ob es weiterfliegen kann.
  148. Doch plötzlich ist er verschwunden. Mahmud hat getobt in der Maschine und es rührte sich einfach nichts.
  149. Jürgen Vietor hat gezittert am ganzen Leib. Ich bin an alle vier Türen gegangen und habe gerufen:
  150. "Jürgen, wo bist du? Komm zurück!" Die Minuten vergehen.
  151. Dann kommt Jürgen Schumann in Begleitung von Soldaten zurück. Mahmud wartet mit der Pistole in der Hand.
  152. Er ist außer sich und kündigt ein Tribunal an. Dann hat Mahmud, der ungefähr hier stand,
  153. Jürgen Schumann befohlen, sich hinzuknien. Jürgen Schumann will erklären, was geschehen ist.
  154. Alle müssen zuschauen. Als Schumann kniete, hat Mahmud gefragt: "Guilty or not guilty?"
  155. Und Schumann hat wieder gesagt: "Mahmud, lass mich erklären." In dem Moment hat Mahmud ausgeholt und ihm gegen den Kopf gehauen.
  156. Als sein Kopf weggeflogen ist, hat er ihm in den Kopf geschossen. Jürgen Schumann ist sofort tot.
  157. Die Maschine wird aufgetankt und Co-Pilot Jürgen Vietor muss sie allein weiterfliegen.
  158. (Archiv) "Die Lufthansa-Maschine vom Typ Boeing 737 war heute früh kurz nach 4.30 Uhr zur Landung in Mogadischu gezwungen worden."
  159. Montag, 17. Oktober, 10 Uhr. Die Leiche von Kapitän Jürgen Schumann
  160. wird über die Notrutsche aus dem Flugzeug gelassen. Die Entführer stellen ein letztes Ultimatum.
  161. Deadline: 15 Uhr. Kurz vor Mittag landet Staatsminister Wischnewski in Mogadischu.
  162. Er verhandelt mit der somalischen Regierung darüber, ob die deutsche Anti-Terror-Einheit, die GSG9, eingesetzt werden darf.
  163. Die Zeit drängt. Das letzte Ultimatum der Entführer läuft aus.
  164. Die Terroristen bringen Sprengstoff an den Wänden der Maschine an. Frauen mussten die Strumpfhosen ausziehen.
  165. Die sind in Streifen geschnitten worden. Damit sind wir gefesselt worden.
  166. Die Händen wurden auf dem Rücken gefesselt, der Gurt wurde festgezogen.
  167. Dann wurden wir mit Alkohol und Spiritus übergossen, damit wir schön brennen.
  168. Wir haben nur gedacht: "Wann zündet der uns an?" Das müssen Stunden gewesen sein. Es war schlimm.
  169. Vor oder hinter mir betete eine das Vaterunser. Da lief mir ein Schauer über den Rücken.
  170. In der Landshut bereiten sich die Geiseln darauf vor, zu sterben. Währenddessen machen sich in Deutschland ihre Angehörigen
  171. auf den Weg ins Bundeskanzleramt in Bonn. Unter ihnen ist auch der Mann von Jutta Knauff und ihr Sohn Mike.
  172. Ich möchte mir nachher nicht den Vorwurf machen, ich hätte nicht die letzte Chance genutzt,
  173. um das Leben meiner Frau und der anderen Geiseln zu retten. Das Bild von Mike geht um die Welt.
  174. Auch Dianas Mutter ist gekommen, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Lasst sie gehen.
  175. Doch Helmut Schmidt gibt nicht nach. Es wird keinen Austausch geben. Der Journalist und Historiker Martin Rupps schreibt an einem Buch
  176. über die Entführung der "Landshut". Darin zeigt er,
  177. dass der Krisenstab um Helmut Schmidt aus Männern bestand, die fast alle den Krieg miterlebt hatten.
  178. Das habe sie hart gemacht. Diese Härte zeigte sich auch
  179. gegenüber den Geiseln in der "Landshut". Helmut Schmidt hat keine Sekunde daran gedacht,
  180. mit denen mal Kontakt aufzunehmen. Während der Entführung verlieren die Geiseln alle Hoffnung.
  181. Sie fühlen sich verloren. Die Geiseln waren verlassen von dieser Welt
  182. fern ihrer Angehörigen in der Ungewissheit, ob sie diesen Flug überstehen,
  183. und dann auch noch diesen immensen psychischen und körperlichen Strapazen ausgesetzt.
  184. In Mogadischu bekommt Staatsminister Wischnewski am Nachmittag die Zusage, dass die deutsche Anti-Terror-Einheit GSG9 die Maschine stürmen darf.
  185. Zum Schein geht die Bundesregierung auf die Forderungen der Terroristen ein,
  186. die RAF-Häftlinge auszutauschen. Die Entführer verlängern das Ultimatum auf 1.30 Uhr in der Nacht.
  187. Sie binden die Geiseln los und warten auf die Ankunft der RAF-Häftlinge. 18. Oktober, 0.00 Uhr.
  188. Kurz vor Ablauf des Ultimatums schleichen sich die GSG9-Männer an die Maschine heran.
  189. Dieter Fox ist einer von ihnen. Er hat den Overall aufgehoben, den er damals getragen hat.
  190. Angst zu sterben hatte er nicht. Ich hatte Angst, dass der Einsatz missglückt.
  191. Ich hatte Angst, dass das, was wir gelernt haben, nicht funktioniert.
  192. Es ist der erste große Einsatz der GSG9. Auf dem Weg scheuchen die Männer einen Vogelschwarm auf.
  193. Doch die Entführer bemerken es nicht. Langsam setzt die GSG9 ihren Weg zur "Landshut" fort.
  194. Kurz davor ist eine riesige Sternschnuppe quer rübergeflogen in Richtung Meer bzw. Ozean.
  195. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe damals zum Vordermann gesagt:
  196. "Diese Sternschnuppe bringt uns Glück. Das Ding packen wir. Das geht gar nicht anders."
  197. Ihr Einsatzplan sieht vor: An allen sechs Türen gleichzeitig in die Maschine eindringen,
  198. das Feuer eröffnen und die Entführer ausschalten. Wir haben unsere Positionen an den Leitern eingenommen,
  199. Die Leitern haben wir vorsichtig angelegt. Plötzlich hörte ich so ein Geräusch.
  200. Ich habe gedacht: "Was ist das denn?" Dann kam das Kommando: "Eindringen!"
  201. Die Türen wurden aufgemacht. Die ersten beiden Leute gehen rein. Plötzlich war da furchtbarer Lärm. Die Türen wurden aufgerissen,
  202. Der Dieter Fox sagte: "Köpfe runter. Wo sind die Schweine?"
  203. Das war ein deutscher Satz. Die GSG9-Männer dringen in das Flugzeug ein.
  204. Dann wurde geschossen, geschossen, geschossen. Dann sind die Passagiere Stück für Stück rausgeholt worden
  205. und über die Leitern bzw. die Tragflächen nach unten gebracht worden.
  206. In wenigen Minuten ist alles vorbei. Drei der vier Entführer werden erschossen,
  207. eine wird schwer verletzt. Diana Müll ist die Letzte, die aus der Maschine rauskommt.
  208. Sie hat sich vor lauter Angst so unter ihrem Vordersitz verkrochen, dass sie es allein nicht schafft.
  209. Ein GSG9-Mann trägt sie aus dem Flugzeug. Noch besteht die Gefahr, dass die Maschine explodiert.
  210. Dann hat er gesagt: "Lauf um dein Leben." Dann bin ich um mein Leben gelaufen.
  211. Dann kam eine ganz liebevolle Afrikanerin. Die ist einfach gekommen.
  212. Das hat mich mein ganzes Leben berührt, diese Frau. Das war für mich, nach allem, was ich durchgemacht hatte,
  213. war das der erste Mensch, der kam. Die ist einfach gekommen,
  214. hat mich in die Arme genommen und gedrückt. Alle Geiseln werden befreit.
  215. Auch ihre Bilder gehen um die Welt. Ihre Befreiung geht als Wunder von Mogadischu
  216. in die Geschichte ein. Doch der Preis ist hoch.
  217. Noch in derselben Nacht nehmen sich drei RAF-Terroristen in ihren Zellen das Leben,
  218. darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Hanns Martin Schleyer
  219. wird wenige Stunden darauf von der RAF ermordet. Seine Leiche wird im Kofferraum eines Autos abgelegt.
  220. Der deutsche Herbst ist zu Ende. Die Bundesregierung hat sich nicht erpressen lassen.
  221. Als die GSG9 am Nachmittag des 18. Oktober zurück nach Deutschland kommt,
  222. wird der Sieg über den Terrorismus gefeiert wie ein epochales Ereignis. Auf der Fahrt waren die Autobahnen voll mit Menschen, rechts und links.
  223. Ich habe das immer damit verglichen, wie damals Deutschland 1954 das erste Mal Weltmeister wurde.
  224. So ungefähr muss das gewesen sein. Die Bundesrepublik hat ihre neuen Helden.
  225. Damit endet die Geschichte der entführten "Landshut". Eigentlich.
  226. Doch für die Geiseln von Mogadischu geht sie weiter. Ihr Leben bleibt für immer mit der "Landshut" verbunden.
  227. Diana Müll ist traumatisiert. Sie braucht schnellstmöglich Hilfe. Ich wusste: "Das war es ja nicht."
  228. Das hat ja irgendwas mit mir gemacht. Ich dachte: "Was kommt jetzt? Was erwartet mich zu Hause?
  229. Was erwartet mich überhaupt?" Die meisten Geiseln fühlten sich nach ihrer Befreiung
  230. ein zweites Mal entführt, weil im Stich gelassen, psychologisch ...
  231. politisch ... und auch finanziell.
  232. Auch Diana Müll wird vom Staat im Stich gelassen. Sie ahnt noch nicht, wie sehr.
  233. Untertitelung: BR 2023