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Die Landshut-Entführung: Das Geiseldrama von Mogadischu (1/2) | Die Story | Kontrovers | BR24
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 233 Zeilen
- . Untertitelung: BR 2023
- (Funk) "This is Mogadishu." Das ist die unglaubliche Geschichte von Diana Müll,
- die als 19-Jährige in einem Flugzeug nach Mogadischu entführt wurde.
- (Archiv) "Die von den Terroristen gesetzten Fristen sind abgelaufen, ohne dass Bonn deren Forderungen erfüllt hat."
- Die ihren Kopf hinhalten musste, weil die Bundesregierung sich nicht von Terroristen erpressen lassen wollte,
- in der wohl dramatischsten Flugzeug-Entführung der deutschen Geschichte.
- Fünf Tage lang wurden 91 Menschen als Geiseln genommen. Man kann das nicht mehr aushalten.
- Man denkt: "Wenn der mich doch jetzt erschießen würde, damit endlich Schluss ist."
- Während der Entführung fällt der Strom aus und damit auch die Klima-Anlage und die Toiletten.
- Man kann den Geruch der Toiletten nicht vermitteln. Das letzte Ultimatum:
- (Archiv) "Dass das Flugzeug keine Sekunde nach dem Ultimatum in die Luft gejagt werde."
- Und man kann die Todesangst nicht vermitteln. In Mogadischu stürmt die GSG9 das Flugzeug.
- Für uns stand fest, dass wir es mit Leuten zu tun haben, die bis in den Tod gehen würden.
- Alle Geiseln werden gerettet. Doch die Entführung hat sie traumatisiert.
- Ich wusste: Das war es ja nicht. Das hat ja irgendwas mit mir gemacht.
- Ich dachte: "Was kommt jetzt, was erwartet mich zu Hause?" Zu Hause werden die Menschen vom Staat alleingelassen.
- Das ist ihre Geschichte. Flughafen Friedrichshafen.
- Diana Müll ist auf dem Weg an den Ort, an dem sie die schlimmsten Stunden ihres Lebens verbracht hat:
- Die ehemalige Lufthansa-Maschine "Landshut". Seit knapp 6 Jahren steht sie hier in diesem Hangar.
- Ein Lern- und Erinnerungs-Ort soll daraus entstehen. Diana Müll leidet bis heute unter den Folgen der Entführung.
- 106 Stunden in der Gewalt von Terroristen. Das war keine Angst, das war Todesangst. Immer Todesangst.
- Sie erinnert sich noch, wo sie damals saß. Ungefähr hier.
- Wenn man sich die Sitze vorstellt: Ungefähr hier habe ich gesessen.
- Es ist Donnerstag, der 13. Oktober 1977. An Bord der Maschine befinden sich 90 Passagiere.
- Unter ihnen ist Diana Müll. Sie ist eine von acht Schönheitsköniginnen
- in der Lufthansa-Maschine. Sie alle hatten zuvor
- in einer Diskothek auf Mallorca einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Eine Gratis-Woche auf der Insel:
- Sekt trinken, Boot fahren, Party machen. Am 13. Oktober 1977 um 13 Uhr startet ihr Rückflug.
- mit der Lufthansa-Maschine "Landshut" von Palma de Mallorca nach Frankfurt. Kapitän an Bord ist der 37-jährige Jürgen Schumann.
- Nach einer Woche Party freut sich Diana Müll auf zu Hause. Was sie nicht ahnt:
- Unter den Passagieren befinden sich vier palästinensische Terroristen. Kurz vor der Entführung haben sie auf Mallorca Fotos von sich gemacht.
- Sie sehen aus wie Urlaubs-Fotos. In einem Kosmetik-Koffer und einem Transistor-Radio
- schmuggeln sie Waffen und Plastik-Sprengstoff in das Flugzeug.
- Ihr Anführer nennt sich Kapitän Märtyrer Mahmud. Jürgen Vietor war der Co-Pilot der Maschine.
- Er besitzt noch ein Original-Instrument aus dem Cockpit der "Landshut":
- Ihren künstlichen Horizont. Der wurde von einer Pistolen-Kugel getroffen.
- Das erinnert ihn bis heute daran, wie knapp es damals war. Mahmud stürmte rein,
- hat die Pistole an Jürgen Schumanns Kopf gehalten, mich in die Rippen getreten und geschrien: "Out, out, out."
- Die Entführer übernehmen das Kommando und ändern den Kurs.
- Schnell verbreitet sich die Nachricht in Deutschland. (Archiv) "Eine Linien-Maschine der deutschen Lufthansa
- ist seit dem Nachmittag in der Gewalt von Entführern." (Archiv) "Gegen 16 Uhr erhielt die Maschine in Rom Landeerlaubnis.
- Sie wurde dann sofort von Polizei und Panzerwagen umstellt" Es ist der 13. Oktober 1977. 16.30 Uhr.
- Entführt. Diana Müll gehen tausend Gedanken durch den Kopf:
- "Was geschieht jetzt mit ihr? Wie kommt sie hier raus." Die Situation scheint aussichtslos.
- Es stand immer einer hinten am Ende der Maschine und hier vorne vor der 1. Klasse mit einer Waffe
- und meistens mit Handgranaten. Die Entführer durchsuchen die männlichen Fluggäste
- und setzen sie ans Fenster. Sie sammeln das Handgepäck ein, dazu Ausweis-Papiere und Schmuck.
- Alles kommt in einen Sack. Kaltblütig brechen die Entführer jeden Widerstand.
- Diana Müll und die anderen Passagiere müssen mit erhobenen Händen auf ihren Plätzen sitzen,
- stundenlang. Das kann man sich nicht vorstellen, was das für Schmerzen sind,
- die Arme hoch zu halten über so einen langen Zeitraum. Die haben gebrannt wie Feuer.
- Ihre Freundin Jutta Knauff sitzt ein paar Reihen hinter ihr. Auch sie war eine der Schönheitsköniginnen
- aus der Diskothek auf Mallorca. Als der Schmuck eingesammelt wird, versteckt sie heimlich ihre Kette.
- Es ist ein Herz-Amulett gewesen. Da waren meine Kinder drin. Ich konnte die nicht einfach in den Sack werfen.
- Dann habe ich das zwischen die Sitze geklemmt. Fünf Tage lang hält sie sich daran fest.
- Ob ihre Familie zu Hause ahnt, was mit ihr geschieht? Die Maschine steht in Rom.
- Die Passagiere erfahren von ihren Entführern, dass sie Geiseln sind.
- Ihr Leben gegen das von elf inhaftierten RAF-Terroristen in Deutschland.
- Die Entführung der "Landshut" ist der Höhepunkt des deutschen Herbstes, 1977.
- Die RAF, die Rote-Armee-Fraktion, hat der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Sie ermordet Repräsentanten des Staates.
- Anfang September entführt sie Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer,
- und erschießt dabei seine vier Begleiter. Die RAF fordert die Freilassung ihrer Führungs-Riege
- um Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Doch die Bundesregierung bleibt hart.
- Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die schuldigen Täter zu.
- Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Bundeskanzler Helmut Schmidt fürchtet,
- dass freigelassene Terroristen wieder Straftaten begehen und morden. Daraufhin erhöht die RAF den Druck.
- Sie beauftragt eine befreundete Palästinenser-Organisation, ein Flugzeug zu entführen.
- Ihre Wahl fällt auf den Flug LH181 von Mallorca nach Frankfurt, eine Maschine voller deutscher Urlauber.
- Bei der Lufthansa gehen am Nachmittag des 13. Oktober 1977 ungezählte Anrufe ein.
- Besorgte Menschen wollen wissen, ob ihre Angehörigen in dem Flugzeug sitzen.
- Einen kleinen Moment, bitte. Ihr Mann ist nicht an Bord der Maschine.
- Nein? Okay, gut, ich danke Ihnen. - Bitte schön. Als Diana Mülls Bruder Markus an dem Tag nach Hause kommt,
- weiß seine Mutter schon Bescheid. Bis heute fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen.
- Da habe ich bei der Lufthansa angerufen. Da hat die zu mir gesagt: "Wie heißt denn Ihre Tochter?"
- Da habe ich gesagt: "Diana Müll". Da sagt die zu mir:
- "Eine Diana Müll befindet sich in der entführten Maschine." 45 Jahre danach ist bei den Angehörigen alles noch da,
- die Panik, die Ohnmacht, die Bilder aus Rom. (Archiv) "Zwei Stunden nach der Landung
- hebt die entführte Lufthansa-Maschine in Richtung Zypern wieder ab." Sie fliegt immer weiter von Deutschland weg.
- "Seit heute früh steht der entführte Lufthansa-Jet in der glühenden Hitze am Rande des Flughafens von Dubai.
- Die Mittags-Temperatur lag bei 35 Grad." Es ist Freitag, der 14. Oktober 1977. 14 Uhr.
- Der Flughafen Dubai ist abgeriegelt worden. Die entführte Maschine wird von Soldaten bewacht.
- Sie hat kaum noch Treibstoff. In der "Landshut"
- sitzen die Passagiere wie gelähmt auf ihren Plätzen. Kaum einer hat geschlafen. Sie haben ihr Zeitgefühl verloren.
- Wir durften nicht sprechen. Die Jalousien vom Fenster waren heruntergelassen.
- Wir wussten nicht, wo wir waren. Captain Mahmud zeigt sich im roten Hemd
- an der Flugzeugtür. Er beginnt nach Juden unter den Passagieren zu suchen.
- Birgitt Röhll sitzt ganz hinten in der Maschine. Sie hat mit ihrem 10-jährigen Sohn Stephan
- die Herbstferien auf Mallorca verbracht. Jetzt soll sie plötzlich nach vorne kommen.
- Captain Mahmud hat einen Füller in ihrer Handtasche entdeckt. Er erkennt darauf einen Judenstern.
- Dann hat er gesagt: "It's a Jewish Star. You're Jewish." Dann hat er mir gegen die Knie getreten und gesagt:
- "Go back to your seat. Tomorrow morning at 7.30 ... ... sollte ich mich melden zum Erschießen.
- Ihr Sohn Stephan ist ihr einziger Trost. Als ich wieder zurück zum Sitz kam, sagte er:
- "Mama, die erschießen dich nicht." Die ganze Nacht verbringt Birgitt Röhll in Todesangst,
- bis Captain Mahmud sie am nächsten Morgen begnadigt. Währenddessen fällt an Bord die Klimaanlage aus,
- die Temperatur im Flugzeug steigt auf 40 Grad, dann auf 50. Captain Mahmud richtet seine Forderungen
- an den Tower in Dubai. (Archiv) "Beide Terroristen-Kommandos haben heute
- bis spätestens Sonntag-Vormittag eine Entscheidung über die Freilassung
- von elf Baader-Meinhof-Häftlingen verlangt, sonst müssten Schleyer und die Flugzeug-Insassen sterben.
- Bei Diana Mülls Familie steht währenddessen das Telefon nicht mehr still.
- Ihr Bruder Markus verfolgt die Nachrichten. Da gab es keine Minute, wo man gesagt hat ...
- Wir haben nicht geschlafen. Das gab's gar nicht.
- Es ging nur darum: Wie sieht es aus? Alle 30 Minuten.
- Wie sieht es aus? Gibt es Nachrichten? Der Fernseher lief.
- Erika Müll braucht Beruhigungsmittel. Täglich kommt der Arzt vorbei. Sie kann nicht mehr schlafen.
- Sie kann nur noch daran denken, dass ihr Kind in der entführten Maschine sitzt.
- Wenn du außen stehst und du kannst nichts machen ... Wenn die mich ausgetauscht hätten, dann wäre ich beruhigt gewesen.
- Aber du kannst nichts machen. Für mich war das die Hölle, die absolute Hölle.
- 15. Oktober, 3.35 Uhr in der Nacht. Der deutsche Unterhändler,
- Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, erreicht Dubai.
- Er soll vor Ort die Verhandlungen führen. Währenddessen werden die Zustände an Bord immer dramatischer.
- Die Hitze, die Luft, der Gestank. Die Klospülung ist ausgefallen. Zeitweilig darf niemand auf die Toilette.
- Meine Bekannte von damals saß mir gegenüber. Die musste dann auch groß.
- Die bekam Krämpfe, weil das so eine Überwindung ist, dazusitzen und sich in die Hose zu machen.
- Die Situation an Bord ist gespenstisch. Captain Mahmud droht mit Erschießungen.
- Dann wiederum lässt er eine Torte kommen, weil jemand Geburtstag hat.
- Er macht Schnappschüsse, darunter ein Foto von den Piloten. Es ist das letzte Foto von Flugkapitän Jürgen Schumann.
- Inzwischen steigen die Temperaturen im Flugzeug weiter. Die ersten Passagiere kollabieren.
- (Archiv) "Sie lassen keine Ärzte in die Maschine, obwohl zwei Personen im Flugzeug Herzattacken hatten."
- Sonntag, 16. Oktober, 5 Uhr morgens. (Archiv) "Um 4.30 Uhr deutscher Zeit
- stellten die Terroristen an Bord der Lufthansa-Maschine überraschend ein neues Ultimatum."
- Die Entführer wollen sich nicht länger hinhalten lassen. Sie drohen damit, eine erste Geisel zu erschießen,
- wenn die Maschine nicht aufgetankt wird. Ihre Wahl fällt auf Diana Müll.
- Sie soll nach vorne kommen. Dann bin ich gelaufen.
- Es ist der längste Weg ihres Lebens. Captain Mahmud stellt sie in die offene Flugzeugtür.
- damit jeder sie sehen kann. Er kündigt an, bis 10 zu zählen.
- Dann stand ich hier und da hat er mir, ich weiß es noch genau,
- die Pistole an die Schläfe gehalten. Captain Mahmud fängt an zu zählen.
- Dann habe ich ihm so ins Gesicht geguckt und habe seine eiskalten Augen, seinen Zorn,
- und alles, was in ihm war, gesehen und mir gedacht: "Dieser Mann wird nie ein Problem damit haben,
- dass er ein 19-jähriges unschuldiges Mädchen erschossen hat." Das ist dem scheißegal.
- Er zählt weiter ... 4, ... 5, ... Dann habe ich in die Sonne geguckt
- und mich von meiner Familie verabschiedet. Das war schlimm.
- Dann habe ich mir die Bilder von meiner Mutter geholt und habe die alle einmal abfotografiert
- in meinem Kopf. 8, ... 9, ...
- Dann war er bei 10. Dann habe ich die Augen zugemacht und gedacht: "Jetzt ist es vorbei".
- In diesem Moment lenkt der Tower ein. Die Maschine wird aufgetankt
- und fliegt kurz danach mit unbekanntem Ziel weiter. Es ist Sonntag, 16. Oktober, 11.15 Uhr.
- (Archiv) "Nach letzten Meldungen nahm das Flugzeug Kurs auf die Hauptstadt Süd-Jemens, Aden."
- Die "Landshut" hat vor Aden nur noch Sprit für 15 Minuten im Tank. Sie muss landen.
- Doch die jemenitischen Behörden verweigern die Erlaubnis. Sie blockieren die Landebahn mit Panzern und Lkw.
- Die beiden Piloten bereiten eine Notlandung vor. Mir war klar, wir werden jetzt wahrscheinlich crashen.
- Kurz vor der Landung habe ich Jürgen Schumann die Hand gegeben, Ich habe gesagt: "Jürgen, mach's gut.
- Es war ein schönes Leben, aber ein bisschen kurz." Sie beschließen, die Landshut im Sand neben der Landebahn
- auf den Boden zu bringen. Es schlitterte halt so.
- Ich habe nur gedacht: "Bleib stehen." Irgendwann stand sie.
- Wie durch ein Wunder bleibt die Maschine heil. Sie steht bis zu den Achsen im Sand, von Soldaten umstellt.
- Kapitän Jürgen Schumann verlässt das Flugzeug. Er prüft, ob es weiterfliegen kann.
- Doch plötzlich ist er verschwunden. Mahmud hat getobt in der Maschine und es rührte sich einfach nichts.
- Jürgen Vietor hat gezittert am ganzen Leib. Ich bin an alle vier Türen gegangen und habe gerufen:
- "Jürgen, wo bist du? Komm zurück!" Die Minuten vergehen.
- Dann kommt Jürgen Schumann in Begleitung von Soldaten zurück. Mahmud wartet mit der Pistole in der Hand.
- Er ist außer sich und kündigt ein Tribunal an. Dann hat Mahmud, der ungefähr hier stand,
- Jürgen Schumann befohlen, sich hinzuknien. Jürgen Schumann will erklären, was geschehen ist.
- Alle müssen zuschauen. Als Schumann kniete, hat Mahmud gefragt: "Guilty or not guilty?"
- Und Schumann hat wieder gesagt: "Mahmud, lass mich erklären." In dem Moment hat Mahmud ausgeholt und ihm gegen den Kopf gehauen.
- Als sein Kopf weggeflogen ist, hat er ihm in den Kopf geschossen. Jürgen Schumann ist sofort tot.
- Die Maschine wird aufgetankt und Co-Pilot Jürgen Vietor muss sie allein weiterfliegen.
- (Archiv) "Die Lufthansa-Maschine vom Typ Boeing 737 war heute früh kurz nach 4.30 Uhr zur Landung in Mogadischu gezwungen worden."
- Montag, 17. Oktober, 10 Uhr. Die Leiche von Kapitän Jürgen Schumann
- wird über die Notrutsche aus dem Flugzeug gelassen. Die Entführer stellen ein letztes Ultimatum.
- Deadline: 15 Uhr. Kurz vor Mittag landet Staatsminister Wischnewski in Mogadischu.
- Er verhandelt mit der somalischen Regierung darüber, ob die deutsche Anti-Terror-Einheit, die GSG9, eingesetzt werden darf.
- Die Zeit drängt. Das letzte Ultimatum der Entführer läuft aus.
- Die Terroristen bringen Sprengstoff an den Wänden der Maschine an. Frauen mussten die Strumpfhosen ausziehen.
- Die sind in Streifen geschnitten worden. Damit sind wir gefesselt worden.
- Die Händen wurden auf dem Rücken gefesselt, der Gurt wurde festgezogen.
- Dann wurden wir mit Alkohol und Spiritus übergossen, damit wir schön brennen.
- Wir haben nur gedacht: "Wann zündet der uns an?" Das müssen Stunden gewesen sein. Es war schlimm.
- Vor oder hinter mir betete eine das Vaterunser. Da lief mir ein Schauer über den Rücken.
- In der Landshut bereiten sich die Geiseln darauf vor, zu sterben. Währenddessen machen sich in Deutschland ihre Angehörigen
- auf den Weg ins Bundeskanzleramt in Bonn. Unter ihnen ist auch der Mann von Jutta Knauff und ihr Sohn Mike.
- Ich möchte mir nachher nicht den Vorwurf machen, ich hätte nicht die letzte Chance genutzt,
- um das Leben meiner Frau und der anderen Geiseln zu retten. Das Bild von Mike geht um die Welt.
- Auch Dianas Mutter ist gekommen, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Lasst sie gehen.
- Doch Helmut Schmidt gibt nicht nach. Es wird keinen Austausch geben. Der Journalist und Historiker Martin Rupps schreibt an einem Buch
- über die Entführung der "Landshut". Darin zeigt er,
- dass der Krisenstab um Helmut Schmidt aus Männern bestand, die fast alle den Krieg miterlebt hatten.
- Das habe sie hart gemacht. Diese Härte zeigte sich auch
- gegenüber den Geiseln in der "Landshut". Helmut Schmidt hat keine Sekunde daran gedacht,
- mit denen mal Kontakt aufzunehmen. Während der Entführung verlieren die Geiseln alle Hoffnung.
- Sie fühlen sich verloren. Die Geiseln waren verlassen von dieser Welt
- fern ihrer Angehörigen in der Ungewissheit, ob sie diesen Flug überstehen,
- und dann auch noch diesen immensen psychischen und körperlichen Strapazen ausgesetzt.
- In Mogadischu bekommt Staatsminister Wischnewski am Nachmittag die Zusage, dass die deutsche Anti-Terror-Einheit GSG9 die Maschine stürmen darf.
- Zum Schein geht die Bundesregierung auf die Forderungen der Terroristen ein,
- die RAF-Häftlinge auszutauschen. Die Entführer verlängern das Ultimatum auf 1.30 Uhr in der Nacht.
- Sie binden die Geiseln los und warten auf die Ankunft der RAF-Häftlinge. 18. Oktober, 0.00 Uhr.
- Kurz vor Ablauf des Ultimatums schleichen sich die GSG9-Männer an die Maschine heran.
- Dieter Fox ist einer von ihnen. Er hat den Overall aufgehoben, den er damals getragen hat.
- Angst zu sterben hatte er nicht. Ich hatte Angst, dass der Einsatz missglückt.
- Ich hatte Angst, dass das, was wir gelernt haben, nicht funktioniert.
- Es ist der erste große Einsatz der GSG9. Auf dem Weg scheuchen die Männer einen Vogelschwarm auf.
- Doch die Entführer bemerken es nicht. Langsam setzt die GSG9 ihren Weg zur "Landshut" fort.
- Kurz davor ist eine riesige Sternschnuppe quer rübergeflogen in Richtung Meer bzw. Ozean.
- Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe damals zum Vordermann gesagt:
- "Diese Sternschnuppe bringt uns Glück. Das Ding packen wir. Das geht gar nicht anders."
- Ihr Einsatzplan sieht vor: An allen sechs Türen gleichzeitig in die Maschine eindringen,
- das Feuer eröffnen und die Entführer ausschalten. Wir haben unsere Positionen an den Leitern eingenommen,
- Die Leitern haben wir vorsichtig angelegt. Plötzlich hörte ich so ein Geräusch.
- Ich habe gedacht: "Was ist das denn?" Dann kam das Kommando: "Eindringen!"
- Die Türen wurden aufgemacht. Die ersten beiden Leute gehen rein. Plötzlich war da furchtbarer Lärm. Die Türen wurden aufgerissen,
- Der Dieter Fox sagte: "Köpfe runter. Wo sind die Schweine?"
- Das war ein deutscher Satz. Die GSG9-Männer dringen in das Flugzeug ein.
- Dann wurde geschossen, geschossen, geschossen. Dann sind die Passagiere Stück für Stück rausgeholt worden
- und über die Leitern bzw. die Tragflächen nach unten gebracht worden.
- In wenigen Minuten ist alles vorbei. Drei der vier Entführer werden erschossen,
- eine wird schwer verletzt. Diana Müll ist die Letzte, die aus der Maschine rauskommt.
- Sie hat sich vor lauter Angst so unter ihrem Vordersitz verkrochen, dass sie es allein nicht schafft.
- Ein GSG9-Mann trägt sie aus dem Flugzeug. Noch besteht die Gefahr, dass die Maschine explodiert.
- Dann hat er gesagt: "Lauf um dein Leben." Dann bin ich um mein Leben gelaufen.
- Dann kam eine ganz liebevolle Afrikanerin. Die ist einfach gekommen.
- Das hat mich mein ganzes Leben berührt, diese Frau. Das war für mich, nach allem, was ich durchgemacht hatte,
- war das der erste Mensch, der kam. Die ist einfach gekommen,
- hat mich in die Arme genommen und gedrückt. Alle Geiseln werden befreit.
- Auch ihre Bilder gehen um die Welt. Ihre Befreiung geht als Wunder von Mogadischu
- in die Geschichte ein. Doch der Preis ist hoch.
- Noch in derselben Nacht nehmen sich drei RAF-Terroristen in ihren Zellen das Leben,
- darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Hanns Martin Schleyer
- wird wenige Stunden darauf von der RAF ermordet. Seine Leiche wird im Kofferraum eines Autos abgelegt.
- Der deutsche Herbst ist zu Ende. Die Bundesregierung hat sich nicht erpressen lassen.
- Als die GSG9 am Nachmittag des 18. Oktober zurück nach Deutschland kommt,
- wird der Sieg über den Terrorismus gefeiert wie ein epochales Ereignis. Auf der Fahrt waren die Autobahnen voll mit Menschen, rechts und links.
- Ich habe das immer damit verglichen, wie damals Deutschland 1954 das erste Mal Weltmeister wurde.
- So ungefähr muss das gewesen sein. Die Bundesrepublik hat ihre neuen Helden.
- Damit endet die Geschichte der entführten "Landshut". Eigentlich.
- Doch für die Geiseln von Mogadischu geht sie weiter. Ihr Leben bleibt für immer mit der "Landshut" verbunden.
- Diana Müll ist traumatisiert. Sie braucht schnellstmöglich Hilfe. Ich wusste: "Das war es ja nicht."
- Das hat ja irgendwas mit mir gemacht. Ich dachte: "Was kommt jetzt? Was erwartet mich zu Hause?
- Was erwartet mich überhaupt?" Die meisten Geiseln fühlten sich nach ihrer Befreiung
- ein zweites Mal entführt, weil im Stich gelassen, psychologisch ...
- politisch ... und auch finanziell.
- Auch Diana Müll wird vom Staat im Stich gelassen. Sie ahnt noch nicht, wie sehr.
- Untertitelung: BR 2023