Die Landshut-Entführung: Das Geiseldrama von Mogadischu (1/2) | Die Story | Kontrovers | BR24 BR24 https://www.youtube.com/watch?v=ZgpJ9WAakjg Transkript (automatisch erstellt) 0:00 . Untertitelung: BR 2023 0:02 (Funk) "This is Mogadishu." Das ist die unglaubliche Geschichte von Diana Müll, 0:15 die als 19-Jährige in einem Flugzeug nach Mogadischu entführt wurde. 0:21 (Archiv) "Die von den Terroristen gesetzten Fristen sind abgelaufen, ohne dass Bonn deren Forderungen erfüllt hat." 0:28 Die ihren Kopf hinhalten musste, weil die Bundesregierung sich nicht von Terroristen erpressen lassen wollte, 0:34 in der wohl dramatischsten Flugzeug-Entführung der deutschen Geschichte. 0:39 Fünf Tage lang wurden 91 Menschen als Geiseln genommen. Man kann das nicht mehr aushalten. 0:46 Man denkt: "Wenn der mich doch jetzt erschießen würde, damit endlich Schluss ist." 0:52 Während der Entführung fällt der Strom aus und damit auch die Klima-Anlage und die Toiletten. 0:58 Man kann den Geruch der Toiletten nicht vermitteln. Das letzte Ultimatum: 1:05 (Archiv) "Dass das Flugzeug keine Sekunde nach dem Ultimatum in die Luft gejagt werde." 1:12 Und man kann die Todesangst nicht vermitteln. In Mogadischu stürmt die GSG9 das Flugzeug. 1:18 Für uns stand fest, dass wir es mit Leuten zu tun haben, die bis in den Tod gehen würden. 1:24 Alle Geiseln werden gerettet. Doch die Entführung hat sie traumatisiert. 1:33 Ich wusste: Das war es ja nicht. Das hat ja irgendwas mit mir gemacht. 1:38 Ich dachte: "Was kommt jetzt, was erwartet mich zu Hause?" Zu Hause werden die Menschen vom Staat alleingelassen. 1:45 Das ist ihre Geschichte. Flughafen Friedrichshafen. 1:58 Diana Müll ist auf dem Weg an den Ort, an dem sie die schlimmsten Stunden ihres Lebens verbracht hat: 2:07 Die ehemalige Lufthansa-Maschine "Landshut". Seit knapp 6 Jahren steht sie hier in diesem Hangar. 2:15 Ein Lern- und Erinnerungs-Ort soll daraus entstehen. Diana Müll leidet bis heute unter den Folgen der Entführung. 2:28 106 Stunden in der Gewalt von Terroristen. Das war keine Angst, das war Todesangst. Immer Todesangst. 2:38 Sie erinnert sich noch, wo sie damals saß. Ungefähr hier. 2:43 Wenn man sich die Sitze vorstellt: Ungefähr hier habe ich gesessen. 2:49 Es ist Donnerstag, der 13. Oktober 1977. An Bord der Maschine befinden sich 90 Passagiere. 3:04 Unter ihnen ist Diana Müll. Sie ist eine von acht Schönheitsköniginnen 3:10 in der Lufthansa-Maschine. Sie alle hatten zuvor 3:14 in einer Diskothek auf Mallorca einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Eine Gratis-Woche auf der Insel: 3:20 Sekt trinken, Boot fahren, Party machen. Am 13. Oktober 1977 um 13 Uhr startet ihr Rückflug. 3:35 mit der Lufthansa-Maschine "Landshut" von Palma de Mallorca nach Frankfurt. Kapitän an Bord ist der 37-jährige Jürgen Schumann. 3:48 Nach einer Woche Party freut sich Diana Müll auf zu Hause. Was sie nicht ahnt: 3:54 Unter den Passagieren befinden sich vier palästinensische Terroristen. Kurz vor der Entführung haben sie auf Mallorca Fotos von sich gemacht. 4:03 Sie sehen aus wie Urlaubs-Fotos. In einem Kosmetik-Koffer und einem Transistor-Radio 4:09 schmuggeln sie Waffen und Plastik-Sprengstoff in das Flugzeug. 4:17 Ihr Anführer nennt sich Kapitän Märtyrer Mahmud. Jürgen Vietor war der Co-Pilot der Maschine. 4:26 Er besitzt noch ein Original-Instrument aus dem Cockpit der "Landshut": 4:30 Ihren künstlichen Horizont. Der wurde von einer Pistolen-Kugel getroffen. 4:36 Das erinnert ihn bis heute daran, wie knapp es damals war. Mahmud stürmte rein, 4:43 hat die Pistole an Jürgen Schumanns Kopf gehalten, mich in die Rippen getreten und geschrien: "Out, out, out." 4:50 Die Entführer übernehmen das Kommando und ändern den Kurs. 4:55 Schnell verbreitet sich die Nachricht in Deutschland. (Archiv) "Eine Linien-Maschine der deutschen Lufthansa 5:01 ist seit dem Nachmittag in der Gewalt von Entführern." (Archiv) "Gegen 16 Uhr erhielt die Maschine in Rom Landeerlaubnis. 5:08 Sie wurde dann sofort von Polizei und Panzerwagen umstellt" Es ist der 13. Oktober 1977. 16.30 Uhr. 5:19 Entführt. Diana Müll gehen tausend Gedanken durch den Kopf: 5:24 "Was geschieht jetzt mit ihr? Wie kommt sie hier raus." Die Situation scheint aussichtslos. 5:33 Es stand immer einer hinten am Ende der Maschine und hier vorne vor der 1. Klasse mit einer Waffe 5:40 und meistens mit Handgranaten. Die Entführer durchsuchen die männlichen Fluggäste 5:46 und setzen sie ans Fenster. Sie sammeln das Handgepäck ein, dazu Ausweis-Papiere und Schmuck. 5:53 Alles kommt in einen Sack. Kaltblütig brechen die Entführer jeden Widerstand. 6:02 Diana Müll und die anderen Passagiere müssen mit erhobenen Händen auf ihren Plätzen sitzen, 6:07 stundenlang. Das kann man sich nicht vorstellen, was das für Schmerzen sind, 6:14 die Arme hoch zu halten über so einen langen Zeitraum. Die haben gebrannt wie Feuer. 6:25 Ihre Freundin Jutta Knauff sitzt ein paar Reihen hinter ihr. Auch sie war eine der Schönheitsköniginnen 6:31 aus der Diskothek auf Mallorca. Als der Schmuck eingesammelt wird, versteckt sie heimlich ihre Kette. 6:44 Es ist ein Herz-Amulett gewesen. Da waren meine Kinder drin. Ich konnte die nicht einfach in den Sack werfen. 6:52 Dann habe ich das zwischen die Sitze geklemmt. Fünf Tage lang hält sie sich daran fest. 7:02 Ob ihre Familie zu Hause ahnt, was mit ihr geschieht? Die Maschine steht in Rom. 7:11 Die Passagiere erfahren von ihren Entführern, dass sie Geiseln sind. 7:16 Ihr Leben gegen das von elf inhaftierten RAF-Terroristen in Deutschland. 7:23 Die Entführung der "Landshut" ist der Höhepunkt des deutschen Herbstes, 1977. 7:28 Die RAF, die Rote-Armee-Fraktion, hat der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Sie ermordet Repräsentanten des Staates. 7:40 Anfang September entführt sie Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, 7:45 und erschießt dabei seine vier Begleiter. Die RAF fordert die Freilassung ihrer Führungs-Riege 7:54 um Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Doch die Bundesregierung bleibt hart. 8:03 Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die schuldigen Täter zu. 8:09 Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Bundeskanzler Helmut Schmidt fürchtet, 8:15 dass freigelassene Terroristen wieder Straftaten begehen und morden. Daraufhin erhöht die RAF den Druck. 8:23 Sie beauftragt eine befreundete Palästinenser-Organisation, ein Flugzeug zu entführen. 8:32 Ihre Wahl fällt auf den Flug LH181 von Mallorca nach Frankfurt, eine Maschine voller deutscher Urlauber. 8:44 Bei der Lufthansa gehen am Nachmittag des 13. Oktober 1977 ungezählte Anrufe ein. 8:51 Besorgte Menschen wollen wissen, ob ihre Angehörigen in dem Flugzeug sitzen. 8:56 Einen kleinen Moment, bitte. Ihr Mann ist nicht an Bord der Maschine. 9:06 Nein? Okay, gut, ich danke Ihnen. - Bitte schön. Als Diana Mülls Bruder Markus an dem Tag nach Hause kommt, 9:14 weiß seine Mutter schon Bescheid. Bis heute fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen. 9:23 Da habe ich bei der Lufthansa angerufen. Da hat die zu mir gesagt: "Wie heißt denn Ihre Tochter?" 9:30 Da habe ich gesagt: "Diana Müll". Da sagt die zu mir: 9:35 "Eine Diana Müll befindet sich in der entführten Maschine." 45 Jahre danach ist bei den Angehörigen alles noch da, 9:46 die Panik, die Ohnmacht, die Bilder aus Rom. (Archiv) "Zwei Stunden nach der Landung 9:54 hebt die entführte Lufthansa-Maschine in Richtung Zypern wieder ab." Sie fliegt immer weiter von Deutschland weg. 10:04 "Seit heute früh steht der entführte Lufthansa-Jet in der glühenden Hitze am Rande des Flughafens von Dubai. 10:10 Die Mittags-Temperatur lag bei 35 Grad." Es ist Freitag, der 14. Oktober 1977. 14 Uhr. 10:17 Der Flughafen Dubai ist abgeriegelt worden. Die entführte Maschine wird von Soldaten bewacht. 10:24 Sie hat kaum noch Treibstoff. In der "Landshut" 10:30 sitzen die Passagiere wie gelähmt auf ihren Plätzen. Kaum einer hat geschlafen. Sie haben ihr Zeitgefühl verloren. 10:40 Wir durften nicht sprechen. Die Jalousien vom Fenster waren heruntergelassen. 10:44 Wir wussten nicht, wo wir waren. Captain Mahmud zeigt sich im roten Hemd 10:51 an der Flugzeugtür. Er beginnt nach Juden unter den Passagieren zu suchen. 10:57 Birgitt Röhll sitzt ganz hinten in der Maschine. Sie hat mit ihrem 10-jährigen Sohn Stephan 11:03 die Herbstferien auf Mallorca verbracht. Jetzt soll sie plötzlich nach vorne kommen. 11:08 Captain Mahmud hat einen Füller in ihrer Handtasche entdeckt. Er erkennt darauf einen Judenstern. 11:18 Dann hat er gesagt: "It's a Jewish Star. You're Jewish." Dann hat er mir gegen die Knie getreten und gesagt: 11:27 "Go back to your seat. Tomorrow morning at 7.30 ... ... sollte ich mich melden zum Erschießen. 11:37 Ihr Sohn Stephan ist ihr einziger Trost. Als ich wieder zurück zum Sitz kam, sagte er: 11:45 "Mama, die erschießen dich nicht." Die ganze Nacht verbringt Birgitt Röhll in Todesangst, 11:52 bis Captain Mahmud sie am nächsten Morgen begnadigt. Währenddessen fällt an Bord die Klimaanlage aus, 12:01 die Temperatur im Flugzeug steigt auf 40 Grad, dann auf 50. Captain Mahmud richtet seine Forderungen 12:10 an den Tower in Dubai. (Archiv) "Beide Terroristen-Kommandos haben heute 12:22 bis spätestens Sonntag-Vormittag eine Entscheidung über die Freilassung 12:26 von elf Baader-Meinhof-Häftlingen verlangt, sonst müssten Schleyer und die Flugzeug-Insassen sterben. 12:35 Bei Diana Mülls Familie steht währenddessen das Telefon nicht mehr still. 12:40 Ihr Bruder Markus verfolgt die Nachrichten. Da gab es keine Minute, wo man gesagt hat ... 12:47 Wir haben nicht geschlafen. Das gab's gar nicht. 12:50 Es ging nur darum: Wie sieht es aus? Alle 30 Minuten. 12:54 Wie sieht es aus? Gibt es Nachrichten? Der Fernseher lief. 12:57 Erika Müll braucht Beruhigungsmittel. Täglich kommt der Arzt vorbei. Sie kann nicht mehr schlafen. 13:03 Sie kann nur noch daran denken, dass ihr Kind in der entführten Maschine sitzt. 13:08 Wenn du außen stehst und du kannst nichts machen ... Wenn die mich ausgetauscht hätten, dann wäre ich beruhigt gewesen. 13:17 Aber du kannst nichts machen. Für mich war das die Hölle, die absolute Hölle. 13:26 15. Oktober, 3.35 Uhr in der Nacht. Der deutsche Unterhändler, 13:31 Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, erreicht Dubai. 13:35 Er soll vor Ort die Verhandlungen führen. Währenddessen werden die Zustände an Bord immer dramatischer. 13:43 Die Hitze, die Luft, der Gestank. Die Klospülung ist ausgefallen. Zeitweilig darf niemand auf die Toilette. 13:54 Meine Bekannte von damals saß mir gegenüber. Die musste dann auch groß. 14:00 Die bekam Krämpfe, weil das so eine Überwindung ist, dazusitzen und sich in die Hose zu machen. 14:09 Die Situation an Bord ist gespenstisch. Captain Mahmud droht mit Erschießungen. 14:15 Dann wiederum lässt er eine Torte kommen, weil jemand Geburtstag hat. 14:19 Er macht Schnappschüsse, darunter ein Foto von den Piloten. Es ist das letzte Foto von Flugkapitän Jürgen Schumann. 14:31 Inzwischen steigen die Temperaturen im Flugzeug weiter. Die ersten Passagiere kollabieren. 14:37 (Archiv) "Sie lassen keine Ärzte in die Maschine, obwohl zwei Personen im Flugzeug Herzattacken hatten." 14:46 Sonntag, 16. Oktober, 5 Uhr morgens. (Archiv) "Um 4.30 Uhr deutscher Zeit 14:51 stellten die Terroristen an Bord der Lufthansa-Maschine überraschend ein neues Ultimatum." 14:57 Die Entführer wollen sich nicht länger hinhalten lassen. Sie drohen damit, eine erste Geisel zu erschießen, 15:03 wenn die Maschine nicht aufgetankt wird. Ihre Wahl fällt auf Diana Müll. 15:14 Sie soll nach vorne kommen. Dann bin ich gelaufen. 15:21 Es ist der längste Weg ihres Lebens. Captain Mahmud stellt sie in die offene Flugzeugtür. 15:29 damit jeder sie sehen kann. Er kündigt an, bis 10 zu zählen. 15:35 Dann stand ich hier und da hat er mir, ich weiß es noch genau, 15:39 die Pistole an die Schläfe gehalten. Captain Mahmud fängt an zu zählen. 15:45 Dann habe ich ihm so ins Gesicht geguckt und habe seine eiskalten Augen, seinen Zorn, 15:52 und alles, was in ihm war, gesehen und mir gedacht: "Dieser Mann wird nie ein Problem damit haben, 15:58 dass er ein 19-jähriges unschuldiges Mädchen erschossen hat." Das ist dem scheißegal. 16:03 Er zählt weiter ... 4, ... 5, ... Dann habe ich in die Sonne geguckt 16:09 und mich von meiner Familie verabschiedet. Das war schlimm. 16:14 Dann habe ich mir die Bilder von meiner Mutter geholt und habe die alle einmal abfotografiert 16:20 in meinem Kopf. 8, ... 9, ... 16:24 Dann war er bei 10. Dann habe ich die Augen zugemacht und gedacht: "Jetzt ist es vorbei". 16:35 In diesem Moment lenkt der Tower ein. Die Maschine wird aufgetankt 16:42 und fliegt kurz danach mit unbekanntem Ziel weiter. Es ist Sonntag, 16. Oktober, 11.15 Uhr. 16:52 (Archiv) "Nach letzten Meldungen nahm das Flugzeug Kurs auf die Hauptstadt Süd-Jemens, Aden." 16:57 Die "Landshut" hat vor Aden nur noch Sprit für 15 Minuten im Tank. Sie muss landen. 17:03 Doch die jemenitischen Behörden verweigern die Erlaubnis. Sie blockieren die Landebahn mit Panzern und Lkw. 17:11 Die beiden Piloten bereiten eine Notlandung vor. Mir war klar, wir werden jetzt wahrscheinlich crashen. 17:19 Kurz vor der Landung habe ich Jürgen Schumann die Hand gegeben, Ich habe gesagt: "Jürgen, mach's gut. 17:26 Es war ein schönes Leben, aber ein bisschen kurz." Sie beschließen, die Landshut im Sand neben der Landebahn 17:32 auf den Boden zu bringen. Es schlitterte halt so. 17:38 Ich habe nur gedacht: "Bleib stehen." Irgendwann stand sie. 17:45 Wie durch ein Wunder bleibt die Maschine heil. Sie steht bis zu den Achsen im Sand, von Soldaten umstellt. 17:56 Kapitän Jürgen Schumann verlässt das Flugzeug. Er prüft, ob es weiterfliegen kann. 18:04 Doch plötzlich ist er verschwunden. Mahmud hat getobt in der Maschine und es rührte sich einfach nichts. 18:11 Jürgen Vietor hat gezittert am ganzen Leib. Ich bin an alle vier Türen gegangen und habe gerufen: 18:16 "Jürgen, wo bist du? Komm zurück!" Die Minuten vergehen. 18:20 Dann kommt Jürgen Schumann in Begleitung von Soldaten zurück. Mahmud wartet mit der Pistole in der Hand. 18:27 Er ist außer sich und kündigt ein Tribunal an. Dann hat Mahmud, der ungefähr hier stand, 18:38 Jürgen Schumann befohlen, sich hinzuknien. Jürgen Schumann will erklären, was geschehen ist. 18:48 Alle müssen zuschauen. Als Schumann kniete, hat Mahmud gefragt: "Guilty or not guilty?" 18:56 Und Schumann hat wieder gesagt: "Mahmud, lass mich erklären." In dem Moment hat Mahmud ausgeholt und ihm gegen den Kopf gehauen. 19:06 Als sein Kopf weggeflogen ist, hat er ihm in den Kopf geschossen. Jürgen Schumann ist sofort tot. 19:15 Die Maschine wird aufgetankt und Co-Pilot Jürgen Vietor muss sie allein weiterfliegen. 19:21 (Archiv) "Die Lufthansa-Maschine vom Typ Boeing 737 war heute früh kurz nach 4.30 Uhr zur Landung in Mogadischu gezwungen worden." 19:29 Montag, 17. Oktober, 10 Uhr. Die Leiche von Kapitän Jürgen Schumann 19:39 wird über die Notrutsche aus dem Flugzeug gelassen. Die Entführer stellen ein letztes Ultimatum. 19:48 Deadline: 15 Uhr. Kurz vor Mittag landet Staatsminister Wischnewski in Mogadischu. 20:07 Er verhandelt mit der somalischen Regierung darüber, ob die deutsche Anti-Terror-Einheit, die GSG9, eingesetzt werden darf. 20:16 Die Zeit drängt. Das letzte Ultimatum der Entführer läuft aus. 20:20 Die Terroristen bringen Sprengstoff an den Wänden der Maschine an. Frauen mussten die Strumpfhosen ausziehen. 20:32 Die sind in Streifen geschnitten worden. Damit sind wir gefesselt worden. 20:36 Die Händen wurden auf dem Rücken gefesselt, der Gurt wurde festgezogen. 20:40 Dann wurden wir mit Alkohol und Spiritus übergossen, damit wir schön brennen. 20:45 Wir haben nur gedacht: "Wann zündet der uns an?" Das müssen Stunden gewesen sein. Es war schlimm. 20:54 Vor oder hinter mir betete eine das Vaterunser. Da lief mir ein Schauer über den Rücken. 21:02 In der Landshut bereiten sich die Geiseln darauf vor, zu sterben. Währenddessen machen sich in Deutschland ihre Angehörigen 21:11 auf den Weg ins Bundeskanzleramt in Bonn. Unter ihnen ist auch der Mann von Jutta Knauff und ihr Sohn Mike. 21:23 Ich möchte mir nachher nicht den Vorwurf machen, ich hätte nicht die letzte Chance genutzt, 21:28 um das Leben meiner Frau und der anderen Geiseln zu retten. Das Bild von Mike geht um die Welt. 21:36 Auch Dianas Mutter ist gekommen, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Lasst sie gehen. 21:57 Doch Helmut Schmidt gibt nicht nach. Es wird keinen Austausch geben. Der Journalist und Historiker Martin Rupps schreibt an einem Buch 22:06 über die Entführung der "Landshut". Darin zeigt er, 22:09 dass der Krisenstab um Helmut Schmidt aus Männern bestand, die fast alle den Krieg miterlebt hatten. 22:15 Das habe sie hart gemacht. Diese Härte zeigte sich auch 22:19 gegenüber den Geiseln in der "Landshut". Helmut Schmidt hat keine Sekunde daran gedacht, 22:25 mit denen mal Kontakt aufzunehmen. Während der Entführung verlieren die Geiseln alle Hoffnung. 22:32 Sie fühlen sich verloren. Die Geiseln waren verlassen von dieser Welt 22:39 fern ihrer Angehörigen in der Ungewissheit, ob sie diesen Flug überstehen, 22:45 und dann auch noch diesen immensen psychischen und körperlichen Strapazen ausgesetzt. 22:51 In Mogadischu bekommt Staatsminister Wischnewski am Nachmittag die Zusage, dass die deutsche Anti-Terror-Einheit GSG9 die Maschine stürmen darf. 23:01 Zum Schein geht die Bundesregierung auf die Forderungen der Terroristen ein, 23:06 die RAF-Häftlinge auszutauschen. Die Entführer verlängern das Ultimatum auf 1.30 Uhr in der Nacht. 23:27 Sie binden die Geiseln los und warten auf die Ankunft der RAF-Häftlinge. 18. Oktober, 0.00 Uhr. 23:38 Kurz vor Ablauf des Ultimatums schleichen sich die GSG9-Männer an die Maschine heran. 23:47 Dieter Fox ist einer von ihnen. Er hat den Overall aufgehoben, den er damals getragen hat. 23:54 Angst zu sterben hatte er nicht. Ich hatte Angst, dass der Einsatz missglückt. 24:02 Ich hatte Angst, dass das, was wir gelernt haben, nicht funktioniert. 24:06 Es ist der erste große Einsatz der GSG9. Auf dem Weg scheuchen die Männer einen Vogelschwarm auf. 24:13 Doch die Entführer bemerken es nicht. Langsam setzt die GSG9 ihren Weg zur "Landshut" fort. 24:21 Kurz davor ist eine riesige Sternschnuppe quer rübergeflogen in Richtung Meer bzw. Ozean. 24:29 Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe damals zum Vordermann gesagt: 24:33 "Diese Sternschnuppe bringt uns Glück. Das Ding packen wir. Das geht gar nicht anders." 24:40 Ihr Einsatzplan sieht vor: An allen sechs Türen gleichzeitig in die Maschine eindringen, 24:45 das Feuer eröffnen und die Entführer ausschalten. Wir haben unsere Positionen an den Leitern eingenommen, 24:52 Die Leitern haben wir vorsichtig angelegt. Plötzlich hörte ich so ein Geräusch. 24:58 Ich habe gedacht: "Was ist das denn?" Dann kam das Kommando: "Eindringen!" 25:04 Die Türen wurden aufgemacht. Die ersten beiden Leute gehen rein. Plötzlich war da furchtbarer Lärm. Die Türen wurden aufgerissen, 25:11 Der Dieter Fox sagte: "Köpfe runter. Wo sind die Schweine?" 25:16 Das war ein deutscher Satz. Die GSG9-Männer dringen in das Flugzeug ein. 25:24 Dann wurde geschossen, geschossen, geschossen. Dann sind die Passagiere Stück für Stück rausgeholt worden 25:30 und über die Leitern bzw. die Tragflächen nach unten gebracht worden. 25:34 In wenigen Minuten ist alles vorbei. Drei der vier Entführer werden erschossen, 25:39 eine wird schwer verletzt. Diana Müll ist die Letzte, die aus der Maschine rauskommt. 25:46 Sie hat sich vor lauter Angst so unter ihrem Vordersitz verkrochen, dass sie es allein nicht schafft. 25:54 Ein GSG9-Mann trägt sie aus dem Flugzeug. Noch besteht die Gefahr, dass die Maschine explodiert. 26:02 Dann hat er gesagt: "Lauf um dein Leben." Dann bin ich um mein Leben gelaufen. 26:09 Dann kam eine ganz liebevolle Afrikanerin. Die ist einfach gekommen. 26:17 Das hat mich mein ganzes Leben berührt, diese Frau. Das war für mich, nach allem, was ich durchgemacht hatte, 26:25 war das der erste Mensch, der kam. Die ist einfach gekommen, 26:29 hat mich in die Arme genommen und gedrückt. Alle Geiseln werden befreit. 26:38 Auch ihre Bilder gehen um die Welt. Ihre Befreiung geht als Wunder von Mogadischu 26:46 in die Geschichte ein. Doch der Preis ist hoch. 26:54 Noch in derselben Nacht nehmen sich drei RAF-Terroristen in ihren Zellen das Leben, 26:59 darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Hanns Martin Schleyer 27:05 wird wenige Stunden darauf von der RAF ermordet. Seine Leiche wird im Kofferraum eines Autos abgelegt. 27:14 Der deutsche Herbst ist zu Ende. Die Bundesregierung hat sich nicht erpressen lassen. 27:22 Als die GSG9 am Nachmittag des 18. Oktober zurück nach Deutschland kommt, 27:27 wird der Sieg über den Terrorismus gefeiert wie ein epochales Ereignis. Auf der Fahrt waren die Autobahnen voll mit Menschen, rechts und links. 27:37 Ich habe das immer damit verglichen, wie damals Deutschland 1954 das erste Mal Weltmeister wurde. 27:43 So ungefähr muss das gewesen sein. Die Bundesrepublik hat ihre neuen Helden. 27:48 Damit endet die Geschichte der entführten "Landshut". Eigentlich. 27:53 Doch für die Geiseln von Mogadischu geht sie weiter. Ihr Leben bleibt für immer mit der "Landshut" verbunden. 28:02 Diana Müll ist traumatisiert. Sie braucht schnellstmöglich Hilfe. Ich wusste: "Das war es ja nicht." 28:13 Das hat ja irgendwas mit mir gemacht. Ich dachte: "Was kommt jetzt? Was erwartet mich zu Hause? 28:19 Was erwartet mich überhaupt?" Die meisten Geiseln fühlten sich nach ihrer Befreiung 28:26 ein zweites Mal entführt, weil im Stich gelassen, psychologisch ... 28:35 politisch ... und auch finanziell. 28:41 Auch Diana Müll wird vom Staat im Stich gelassen. Sie ahnt noch nicht, wie sehr. 28:48 Untertitelung: BR 2023