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Die Geschichte von Alexander von Humboldt – Zwischen Naturforschung und Staatsdienst

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  1. Willkommen zu einer neuen Folge. Heute widmen wir uns Alexander von Humboldt, einem der größten Naturforscher seiner Zeit. Wir begleiten ihn von seinen
  2. abenteuerlichen Reisen bis hin zu seinem umfassenden Weltbild, das Natur und Kultur in einem großen Ganzen zu verbinden suchte. Wenn euch unsere
  3. historischen Hörbücher gefallen, vergesst nicht zu liken, zu teilen und unseren Kanal zu abonnieren, damit ihr keine neuen Folgen verpasst.
  4. Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humbold wurde am 14. September 1769 in Berlin geboren. Sein Vater, Alexander Georg von Humbold stammte aus Pommern,
  5. diente als preußischer Offizier und wurde nach seinen Verdiensten im siebenjährigen Krieg zum Kammerherrn der Prinzessin von Preußen ernannt. Im Jahr
  6. 1766 heiratete er Marie Elisabeth von Holvede, geborene Columb, die aus einer wohlhabenden, teils hugenotisch
  7. geprägten Familie stammte. Sie brachte aus ihrer ersten Ehe beträchtliches Vermögen mit, darunter das Schloss Tegel sowie ein Stadthaus in Berlin. Aus der
  8. zweiten Ehe gingen die beiden Söhne Wilhelm und Alexander hervor. Schon zu Lebzeiten wurde Alexander mitunter als Freiherr oder Baron bezeichnet. Er
  9. selbst widersprach diese Anrede nicht und verwendete den Titel gelegentlich sogar selbst. Rechtmäßig wurde er jedoch erst im Jahr
  10. den Nachkommen seines Bruders Wilhelm zugesprochen. Alexander selbst unterschrieb meist schlicht mit Alexander Humbold, oft
  11. sogar ohne den Namensbestandteil von Die Verbindung des Vaters zum preußischen Königshaus prägte das Leben der Brüder von Beginn an. Einer der Taufparten
  12. Alexanders war der Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm II. Nach der Scheidung des Thronfolgers im Jahr69
  13. zog sich Alexander Georg von Humbold aus dem Hofdienst zurück und widmete sich auf Gut und Schloss Tegel der Erziehung seiner Kinder. Zunächst übernahm der von
  14. den Ideen Jean-Jacques Rousseau, inspirierte Pädagoge Joachim Heinrich Kampe zwischen den Jahren 1769 und 1773
  15. sowie noch einmal im Jahr 1775 die Ausbildung der Knaben. Ab 1777 trat Gottlob Johann Christian Kund als Hauslehrer hinzu, der nach dem Tod des
  16. Vaters im Jahr 1779 zu einem engen Vertrauten der Familie wurde und der Mutter beraten zur Seite stand. Alexander galt seinen Erziehern
  17. lange als schwerfälliger, ja, lernunwilliger Schüler, während sein zwei Jahre älterer Bruder Wilhelm den Stoff mühelos erfasste. Doch zeigte
  18. Alexander früh eine Leidenschaft für Naturgegenstände. Er sammelte Steine, Pflanzen und Insekten, ordnete und beschriftete sie
  19. sorgfältig, sodass er bald den Beinamen der kleine Apotheker erhielt. Mit 10 Jahren entwarf er Karten des Planetensystems und sogar des fernen
  20. Amerika. Seine Neigung zur Naturbeobachtung verband er mit einem Talent für Zeichnung und Malerei. Unter Anleitung des Kupferstechers
  21. Daniel Nikolaus Chodovjetki erlernte er Radierung und Kupferstich. Bereits im Jahr 1786 stellte er seine Arbeiten in der ersten
  22. Kunstausstellung der Berliner Akademie aus. Eine Fähigkeit, die später in die eindrucksvollen Illustrationen seiner Reiseberichte einfließen sollte. Die
  23. Mutter, nun zweifach verwittwichtete alle Anstrengungen auf die Ausbildung ihrer Söhne mit dem Ziel, sie für den Staatsdienst vorzubereiten.
  24. Unter der Leitung von Gottlob Johann Christian Kund erhielten Wilhelm und Alexander Unterricht auf nahezu universitärem Niveau. Zu ihren Lehrern
  25. gehörten der Kammeralwissenschaftler Christian Konrad Wilhelm von Dom, der sich für die Emanzipation der Juden einsetzte, der Kammergerichtsrat Ernst
  26. Ferdinand Klein für Naturrecht und der Philosoph Jakob Engel. Darüber hinaus hörten die Brüder die naturwissenschaftlich philosophischen
  27. Vorlesungen des Arztes Markus Herz, eines Schülers Emmanuel Kanz und bewegten sich bald im Salon von Henriette Herz, wo sie mit der Berliner
  28. Aufklärung in Berührung kamen. Im Jahr 1787 schrieb die Mutter ihre Söhne an der brandenburgischen Universität Frankfurt
  29. an der Oder ein. Wilhelm studierte dort Rechtswissenschaften, Alexander die weniger angesehene Kameralwissenschaft. Beide fühlten sich akademisch
  30. unterfordert und verließen die Hochschule bereits nach einem Semester. Alexander kehrte nach Berlin zurück und bildete sich bei dem Botaniker Karl
  31. Ludwig Wildenhof fort. Am 25. April 1789 immatrikulierte er sich an der Georg August Universität Göttingen. Hier prägten ihn der Physiker Georg Christoph
  32. Lichtenberg und vor allem der Anatom Johann Friedrich Blumenbach. der Humbold in seinen Kreis junger Gelehrter aufnahm und ihm die Bedeutung empirischer
  33. Forschung für Anthropologie und Biologie vermittelte. Im Herbst desselben Jahres unternahm Alexander zusammen mit dem niederländischen Mediziner Steven Jan
  34. von Goin eine Reise an den Reihen. In Mainz lernte er den Naturforscher Georg Forster kennen, der bereits die Welt umrundet hatte und für Humbold den
  35. Idealtyp des wissenschaftlichen Reisenden verkörperte. Ende März bis Juli begleitete er Forster auf einer
  36. Forschungsreise von Mainz über den Niederreihen nach England und zurück über Paris, das sich im ersten Jahr nach dem Sturm auf die Bastie befand. Während
  37. Forster sich immer stärker den Idealen der Revolution verschrieb und als glühender Anhänger nach Paris zog, blieb Humbold in seiner Haltung ambivalent,
  38. wenngleich er sich klar für die Menschenrechte aussprach. Seine Ausbildung setzte er an der Hamburger Büschakademie fort, wo er
  39. Handelswissenschaften, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft studierte. Dadurch ergaben sich für ihn vielfältige Gelegenheiten, Geographie und
  40. Reiseberichte intensiver zu studieren. Im Mai 1791 bewarb er sich bei dem Oberg Hauptmann Friedrich Anton von Heinitz um eine Tätigkeit in der Preußischen
  41. Bergverwaltung. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, begann er ein Studium an der Bergakademie Freiberg, das er in nur Monaten statt der üblichen 3 Jahre
  42. abschloss. Unter dem Geologen Abraham Gottlob Werner verband er praktische Arbeit im Bergwerk. Er fuhr täglich um 6 Uhr morgens mit den Arbeitern ein, mit
  43. einem überaus intensiven Studium, bei dem er bis zu sechs Vorlesungen pro Tag besuchte. Diese Disziplin und der Drang Theorie und Praxis miteinander zu
  44. verbinden, sollten sein weiteres Leben prägen. In einem Teil der Forschungsliteratur wird die Ansicht vertreten, dass Alexander von Humbold
  45. homosexuell gewesen sei. Diese Vermutung war für manche seiner frühen Biographen negativ konnotiert und wurde lange Zeit verdrängt oder gar als unangemessen
  46. betrachtet. Die Frage nach seiner sexuellen Orientierung ist bis heute kaum erforscht. Der Historiker Andreas Daum wies 2019 darauf hin, daß Humbolts
  47. private Korrespondenzen aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts den Eindruck eines durchaus sinnlichen Menschen vermitteln, der ein starkes Bedürfnis
  48. nach körperlicher Nähe zu Männern verspürte. In welchem Umfang dies sein Leben bestimmte, bleibt allerdings unklar, da
  49. Humbold bewusst einen Schleier der Privatheit über diese Seite seines Daseins legte. Daum äußerte die Vermutung, daß künftige
  50. Forschungen hier noch zu überraschenden Erkenntnissen gelangen könnten. Belegt ist, dass Humbold enge, zum Teil innige Beziehungen zu Männern pflegte. Bereits
  51. im Februar 178 schloss er mit dem Theologiestudenten Wilhelm Gabriel Wegener einen ewigen Freundschaftsbund.
  52. Der Historiker Bernt Ulrich Hergemöller nannte in seinem 2001 erschienenen Lexikon Indizien für homoerotische Bindungen nicht nur zu Wegener, sondern
  53. auch zu Johann Karl Freies Leben, zum Offizier Reinhard Samuel Christian von Halften, zum Maler Karl von Stäuben und zum Chemiker Josef Louis Gay Lak mit dem
  54. Humbold mehrere Jahre in Paris eine Wohnung teilte. Gerade die Beziehung zu Reinhard von Hälften, die weniger von intellektuellen Gemeinsamkeiten als viel
  55. mehr von emotionaler Nähe geprägt war, wurde von Biographen und Angehörigen lange verschwiegen oder mit fragwürdigen Deutungen überdeckt.
  56. Am 6. März 1792 erhielt Alexander von Humboldt seine Anstellungsurkunde als Bergassessor Kumvoto, also mit dem Recht, amtliche
  57. Gutachten zu verfassen. Kurz darauf wurde er mit der Untersuchung des Loterheiler Schiefers im neu zu preußen gekommenen Fürstentum Beirut betraut.
  58. Auf dem Weg dorthin inspizierte er auch den Kampfsdorf Könizer Bergbau und führte im Schmiedefelder wie Triolwerk tiefgreifende Veränderungen durch.
  59. Aufgrund eines besonders klaren und wegweisenden Berichtes wurde er schon nach einem halben Jahr zum Obergmeister befördert mit dem Auftrag, den Bergbau
  60. im Fichtelgebirge und im Frankenwald neu zu ordnen. Humbold reorganisierte die Förderung von Silber, Nickel, Zin, Eisen und Aller und Schiefer Gestein. Kümmerte
  61. sich um die bedrohten Goldgruben von Goldkronach und verbesserte die dortige Verhüttung. Er studierte alte Aufzeichnungen, fand neue abbauwürdige
  62. Gänge und griff auch in die Arbeitssicherheit sowie die Ausbildung der Bergleute ein. Seine Maßnahmen führten dazu, dass die Gruben in
  63. Goldkronach wieder Gewinne erzielten und bis zum Jahr 1861 betrieben wurden. Ein ähnlicher Erfolg gelang ihm mit dem Friedrich Wilhelm Stollen im Stebener
  64. Kupferbergbau. Zudem reformierte er die Bergbauasse, indem er ihr die Überschüsse der Bergämter zuführte. um so die soziale
  65. Lage der Arbeiter zu verbessern. Seine chemischen Analysen der Luft in den Gruben führten zur Entwicklung einer Lampe, die auch in sauerstoffarmer
  66. Umgebung zuverlässig brannte. Bei einem Selbstversuch in einem Schacht wurde Humbold durch giftige Gase ohnmächtig, doch gerade die eigene Lampe trug zu
  67. seiner Rettung bei. Er konstruierte außerdem eine Respirationsmaschine, einen frühen Vorläufer der Atemschutzmaske, die jedoch in der
  68. Praxis nicht übernommen wurde. Mit eigenen Mitteln gründete Humboldt die erste Arbeiterbergschule Deutschlands, zunächst in Stäben. Dort konnten junge
  69. Männer zwischen 12 und 30 Jahren nach Schicht Ende bis 11 Uhr nachts Fächer wie Mineralienkunde, bergmännisches Rechnen, Bergrecht, Maschinen und
  70. Kompasskunde erlernen. Da es an geeignetem Lehrmaterial mangelte, verfasste Humbold die Lehrbücher selbst. In einem Brief an seinen Freund Johann
  71. Karl Freies Leben äußerte er über seine Tätigkeit in Goldkronach überschwängliche Freude und betonte, er sei glücklicher, als er es je gewagt
  72. habe zu hoffen. Während seiner Jahre im Staatsdienst begegnete Humbold einflussreichen Persönlichkeiten, darunter Karl Freiherr vom Stein und
  73. Karl August von Hardenberg, die später bei den preußischen Reformen eine bedeutende Rolle spielen sollten. von seinem Ressortminister Friedrich Anton
  74. von Heinitz wurde er im Jahr 1794 zum Bergrad und im Jahr 175 zum Obergrad ernannt. Trotz dieser schnellen Karriere bat Humbold am 26. März desselben Jahres
  75. um seine Entlassung aus dem Staatsdienst, um endlich seinen Jugendtraum von großen Forschungsreisen verwirklichen zu können. Neben seiner
  76. Verwaltungstätigkeit arbeitete Humbold auch wissenschaftlich. Er veröffentlichte die Flora Fribergensis Speziman, in der er Pilze und Flechten
  77. beschrieb, darunter mehrere Erstnachweise neuer Arten. Dabei stellte er Verwandtschaftstafeln auf, die jedoch noch nicht auf stammes geschichtlichen
  78. Beziehungen, sondern auf äußerer Ähnlichkeit beruhten. Er erkannte zudem die Bedeutung der Spaltöffnungen für den Wasserhaushalt der Pflanzen und
  79. untersuchte den Einfluss der Luftbestandteile auf das Wachstum. Darüber hinaus wandte er sich der damals aktuellen Erforschung der tierischen
  80. Elektrizität zu. In unzähligen Versuchen, oft gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm und nicht selten am eigenen Körper, untersuchte er die
  81. Wirkung elektrischer Ströme auf Muskeln und Nerven. Mit galvanischen Zellen aus Zink und Silber reizte er künstlich erzeugte Wunden auf seinem Rücken, um
  82. die Muskelbewegungen zu studieren. Im Gegensatz zu Alessandro Wolter blieb Humbold überzeugt von der Existenz einer eigenen tierischen Elektrizität.
  83. Seine Versuche veröffentlichte er im Jahr97 unter dem Titel Versuche über die gereizte Muskel und Nervenpfaser.
  84. Diese Schriften wurden in der zeitgenössischen Fachliteratur häufig zitiert und hatten großen Einfluss auf die Physiologie.
  85. Auch während seiner späteren Südamerika Expedition setzte er diese Experimente fort, etwa in seinen Studien zum Zitterahl. In seinen letzten
  86. Lebensjahrzehnten unterstützte er die elektrophysiologischen Forschungen von Emil Heinrich Dubo Remont, dessen Ergebnisse er als Fortführung seiner
  87. eigenen Arbeiten betrachtete. Parallel zu seinen Erfahrungen im Bergbau begann Alexander von Humbold sich intensiv mit Fragen der Chemie zu beschäftigen. Dabei
  88. standen stets praktische Probleme im Vordergrund. Er untersuchte die Entstehung und Zusammensetzung von Grubengasen, führte Messungen zum
  89. Sauerstoffverbrauch durch und erforschte die Bildung von Kohlendioxid. Er erkannte die Jahreszeitlichen Schwankungen im Anteil dieses Gases an
  90. der Luft und stellte fest, dass ein erhöht Kohlendioxidgehalt bis zu einer gewissen Grenze das Wachstum von Pflanzen beschleunigt.
  91. Besonders fesselte ihn die Chemie der Luft und ihrer Bestandteile. Er stellte die Konstanz der Luftzusammensetzung in unterschiedlichen Höhenlagen fest.
  92. Gemeinsam mit seinem engen Freund, dem französischen Chemiker Josef Lis Gusak, wies er im Jahr 1805 durchiometrische Versuche nach, dass im Wasser das
  93. Verhältnis von Sauerstoff zu Wasserstoff ein:2 beträgt. Daneben unternahm er Experimente zu den Nitrosengasen. Als Bergbeamter verfasste Humbold auch
  94. Gutachten zur Produktion von Glas, Porzellan und Steingut. Durch seine chemischen Publikationen wurde er schon früh wissenschaftlich anerkannt. Am 4.
  95. August des Jahres 1800 wurde er von der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin als außerordentliches Mitglied aufgenommen
  96. und als Schimiste Celebre, als berühmter Chemiker bezeichnet. Bereits seit dem Jahr93 hatte sich Alexander von Humbold neben
  97. seiner Tätigkeit als Bergbeamter zielstrebig auf eine große Forschungsreise nach Übersee vorbereitet.
  98. Im November des Jahres96 erbte er nach dem Tod seiner Mutter ein beträchtliches Vermögen. Damit schied er aus dem Staatsdienst aus, um sich als
  99. unabhängiger Naturforscher zu etablieren. Sein großes Ziel war eine Physik du, eine umfassende Darstellung des
  100. physischgeographischen Wissens seiner Zeit, zu der er durch eigene Beobachtungen entscheidend beitragen wollte. Ende des Jahres6
  101. formulierte er seine Pläne brieflich. Er wolle sich einige Jahre vorbereiten, Instrumente sammeln, ein bis anderthalb Jahre in Italien verbringen, um die
  102. Vulkane gründlich zu studieren, dann über Paris nach England gehen und schließlich mit englischen Schiffen nach Westindien aufbrechen. In den Jahren der
  103. Vorbereitung nutzte Humboldt jede Möglichkeit, seine Kenntnisse systematisch zu vertiefen. Er las die neuesten Reiseberichte, pflegte
  104. persönlichen Kontakt zu führenden Zen, Botanikern und Astronomen und erprobte ständig wissenschaftliche Messinstrumente in verschiedenen
  105. Landschaften, etwa in den Alpen. Außerdem entwickelte er ein eigenes Verfahren, die sogenannte Pasigraphie, eine Zeichensprache, mit der er
  106. geographische Erscheinungen durch Buchstaben, Pfeile, Symbole und Abkürzungen systematisch festhielt. Im Mai des Jahres
  107. begab er sich nach Paris, wo er in Vorträgen und Diskussionen sein wissenschaftliches Renaom festigte und seine Ausrüstung vervollständigte.
  108. Hier begegnete er dem französischen Botaniker Em Jacques Alexandre Bompl, der sein treuer Gefährter auf den kommenden Reisen werden sollte. Seine
  109. Pläne waren jedoch durch die politischen Umwälzungen der Zeit immer wieder gefährdet worden. So mußte er im Dezember des Jahres 1798
  110. den Versuch abbrechen, sich der ägyptischen Expedition Napoleons anzuschließen. Stattdessen begaben sie sich mit ihren zahlreichen Instrumenten
  111. zu Fuß nach Madrid, um die Unterstützung der spanischen Krone zu gewinnen. Unterwegs führten sie unzählige Messungen durch und gaben erstmals
  112. genauen geographischen Aufschluss über die Gestalt der spanischen Hochebene. In Madrid überzeugte Humbold mit seiner Fachkenntnis im Bergbau, mit
  113. diplomatischem Geschick und dank seiner ausgezeichneten Sprachkenntnisse. Er erhielt von der spanischen Krone einen Forscherpass, wie ihn nach seiner
  114. eigenen Einschätzung noch nie ein Ausländer bekommen hatte. Dieser sicherte ihm Handlungsfreiheit und die Unterstützung aller Gouverneure und
  115. Beamten in den spanischen Kolonien. Spanien hoffte, dass eine solche private Expedition auch ökonomische Vorteile bringen könnte. Tatsächlich führten
  116. Humbolz später veröffentlichte Beschreibungen der mexikanischen Silberminen zu umfangreichen Investitionen ausländischer Unternehmer.
  117. Die portugiesische Regierung reagierte hingegen misstrauisch. Im Jahr 1800 erließ sie einen Haftbefehl für den Fall, daß Humboldt die
  118. portugiesische Kolonie Brasilien betreten sollte. aus Furcht, er könnte revolutionäre Ideen verbreiten oder als Spion tätig sein. Am 5. Juni des Jahres
  119. 1799 stachen Alexander von Humbold und Emy Jacques Alexandre Bomplan von La Corunia aus mit der spanischen Fregatte Pizaro
  120. in See. Noch am Tag der Abreise schrieb Humbold in einem Brief. Er wolle Pflanzen und Fossilien sammeln, astronomische Beobachtungen mit seinen
  121. modernen Instrumenten anstellen und die Luft chemisch zerlegen. Doch das sei nicht das Hauptziel seiner Reise. Vielmehr wolle er das Zusammenwirken der
  122. Kräfte, den Einfluss der unbelebten Natur auf die belebte Tier und Pflanzenwelt erkennen und die Harmonie des Ganzen erfassen.
  123. Nach einem Zwischenaufenthalt auf der Kanareninsel Teneriffa bestiegen die beiden den Pico dele. registrierten die Vegetationszonen und übernachteten in
  124. einer Höhle am Berg, bevor sie den Krater untersuchten. Am 16. Juli des Jahres 1799, 20 Tage nach der Abfahrt von Teneriffa
  125. ankerte die Pizaro an der Küste von Neugranada im heutigen Venezuela. In der Stadt Kumana gingen sie an Land. Dort erlebten sie einen Sklavenmarkt,
  126. dessen Grausamkeit Humbold tief erschütterte. Von da an wurde er ein überzeugter Fürsprecher der Abschaffung der Sklaverei. Von Kumana aus setzten
  127. die beiden ihre Reise nach Karas fort. Humbolds große Amerika Expedition lässt sich in drei zeitlich etwa gleich lange Phasen gliern. Eine erste Phase mit der
  128. Erkundung des Orinoko. Eine zweite, die von Cuba über das heutige Kolumbien und Ecuador nach Peru führte und eine Dritte, die vorwiegend dem
  129. Vizekönigreich Neuppanien, also Mexiko, gewidmet war. Die erste Unternehmung begann im Februar 1800 in Caracas und führte zunächst zum Fluss Apure. Von
  130. dort ging es indessen Unterlauf in das Strombett des Orinokco, das Strom aufwärts so weit wie möglich nach Süden befahren wurde. Danach verließen sie den
  131. Hauptstrom, um über den Rio Atabo, weiter südlich den Rio Negro zu erreichen, einen Zufluss des Amazonas. Befahren wurde das weit verzweigte
  132. Gewässernetz in einer Piroge, einem mit Axt und Feuer ausgehühlten Baumstamm von etwa 13 m Länge und knapp 1 m Breite, gesteuert von einem Steuermann und vier
  133. indigenen Ruderan. Am Heck war ein niedriges Blätterdach angebracht, an dessen tragfähigen Teilen Käfige mit eingefangenen Vögeln und Affen hingen.
  134. Die mitgeführten größeren Messinstrumente schränkten die Bewegungsfreiheit zusätzlich ein. Auf dem Rio Negro erreichten sie die
  135. Einmündung des nordöstlich direkt zum Orinoko zurückführenden Rio Kasikiade und belegten, indem sie ihn in ganzer Länge Fluss aufwärts befuhren, den
  136. tatsächlichen Zusammenhang der beiden großen Stromsysteme entgegen der verbreiteten Lehrmeinung, es gäbe zwischen den großen Flusseinzugsgebieten
  137. der Erde keine natürlichen Verbindungen. Am 20. Mai 1800 gelangten sie wie erwartet zur Bifurkation des Orinoko, wo der Strom sich in zwei Arme gabelt. Das
  138. wichtigste Ziel dieser Etappe war damit erreicht. Für den Rückweg konnten sie nun Fluss abwärts auf dem Orinoko fahren, folgten ihm bis Angostura, dem
  139. heutigen Chiodat Bolivar und schlugen sich anschließend in der quälenden Hitze der Lanus nordwärts bis zur Küstenstadt Nueva Barcelona durch, die sie am 23.
  140. Juli 1800 erreichten. Sie überstanden diese rund 2250 km lange Flussfahrt, trotz extremer Strapazen und obwohl Emy Jacqu Alexandre
  141. Bplan zuletzt in Angostura, dem Tod nahe war, neben glücklichen Wendungen in Gefahr trugen vor allem Entschlossenheit und eine erstaunliche physische
  142. Belastbarkeit zum Gelingen bei. Der als Jugendlicher oft kränkelnde Alexander schrieb nach Hause: "Die Tropenwelt ist mein Element. und ich bin nie so
  143. ununterbrochen gesund gewesen als in den letzten zwei Jahren. Am Atabo, wo die Wilden stets am Faulfieber leiden, widerstand meine
  144. Gesundheit unbegreiflich gut. Zum Gesamterfolg trug auch ein unermüdlicher Arbeitsrhythmus bei. Humbold fertigte unablässig Ortsbestimmungen, Messreihen
  145. und die Orinoko Karte. Em Jacqu Alexandre Bplan Botanisierte, beide zeichneten und notierten, selbst unter widrigsten Umständen. Vier Monate
  146. hindurch schliefen wir in Wäldern, umgeben von Krokodilen, Boas und Jaguaren. Nichts genießend als Reis, Ameisen, Maniok, Pisang, Orenokovassa
  147. und bisweilen Affen. In Guayana, wo man wegen der Moskiten, die Luft verfinstern, Kopf und Hände stets verdeckt haben muss, ist es fast
  148. unmöglich am Tageslicht zu schreiben. Man kann die Feder nicht ruhig halten, so wütend schmerzt das Gift der Insekten. Alle unsere Arbeit musste
  149. daher beim Feuer in einer indianischen Hütte vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt und in welcher man auf dem Bauche kriechen muss. Hier
  150. aber erstickt man wieder von Rauch, wenn man auch weniger von den Moskiten leidet. Die zweite Südamerika Etappe begann nach
  151. einem Zwischenaufenthalt in Havana, wo Humboldt das Material für seinen Essay Politik Sir Lil de Küber erarbeitete am 30. März 1801 in Katagena an der
  152. karibischen Küste des heutigen Kolumbien. Humbold hatte vernommen, er könne sich an der peruanischen Küste der französischen Weltumschiffung unter
  153. Kapitän Nikola Baudin anschließen. Auf dem Weg dorthin drängte sich sein seit langem geplantes Andenforschungsprogramm auf. Von Barankas Nuevas fuhren sie den
  154. Rio Magdalena Fluss aufwärts. Er schrieb dazu: "Uns Magdalena Reise bildete schreckliche Tragödie. Von den 20 dunklen Ruderknechten ließen wir acht
  155. auf dem Wege zurück. Ebenso viel lanktenleich und mit stinkenden Geschwüren in Honda an. Nach einem viertägigen steilen Aufstieg erreichten
  156. sie die Andenhochfläche und hielten sich in Bogotá auf, wo sie der Leiter der königlichen botanischen Expedition José Celestino Mutis mit großem Aufwand
  157. empfingen. Humboldt erstattete dem Vizekönig zu dem Gutachten zu Silbergruben und Goldproduktion. Die Weiterreise über die Anden erwies
  158. sich als äußerst beschwerlich. Dicke Wälder liegen zwischen Moresten. Die Maultiere sinken bis auf den halben Leib ein und man muß durch so tiefe und
  159. enge Schlüchte, dass man in Stollen eines Bergwerks zu kommen glaubt. Auch sind die Wege mit den Knochen der Maultiere bepflastert, die hier vor
  160. Kälte oder Mattigkeit umfielen. Nach einem langen Marsch, der am 19. September 1801 begann und über Pupayan führte, erreichten sie am 6. Januar des
  161. folgenden Jahres, die Stadt Kito. Dort fanden sie Unterkunft im Haus des Herzogs Juan Pio Montufa Ilarea, dessen Sohn Carlos sich der Expedition
  162. anschloss und die Forscher von nun an begleitete. Wie schon zuvor richtete Humbold seine Aufmerksamkeit auf die Vulkane der Region. Den Picincha bestieg
  163. er nach einem ersten vergeblichen Versuch schließlich zweimal. Während der zweiten Besteigung wurde er von einem schweren Erdbeben überrascht. dessen
  164. heftige Stöße er mit größter Sorgfalt protokollierte. Am 23. Juni des Jahres 180 wagten die drei den Aufstieg auf den Chimborazo, dessen Gipfel mit mehr als
  165. 6200 m Höhe zu den höchsten Erhebungen der Erde zählt. Bis wenige 100 Meter unter den Kraterrand drangen sie vor, ehe eine tiefe Felsspalte den Weg
  166. versperrte und sie zur Umkehr zwang. Gleichwohl galt die erreichte Höhe über drei Jahrzehnte hinweg als Weltrekord. Der Preis für diese Leistung war hoch.
  167. Alle drei litten unter den quälenden Symptomen der Höhenkrankheit, Schwindel, Übelkeit sowie Blutungen aus Lippen und Zahnfleisch. Nach raschem Abstieg nach
  168. erforschte die Expedition den Oberlauf des Maragon im Quellgebiet des Amazonas, überquerte wieder die Anden und untersuchte Inkaüberreste bei Kahamaka.
  169. Nach ihren Messungen passierten sie den magnetischen Äquator. Humboldt beobachtete vieler Orts die tagesperiodische Schwankung der
  170. Schallintensität, den später sogenannten Humboldeffekt und lieferte dafür im Jahr 1820 eine Erklärung. Als sie nach vierfacher Antenquerung am 23. Oktober
  171. 180 in Lima eintrafen, war die zweite große Etappe erfolgreich abgeschlossen. Zwischen etwa 10° nördlicher und 10° südlicher Breite hatten sie Klima und
  172. Vegetationsstufen des tropischen Hochgebirges in großer Vielfalt durchmessen. Mit der Beobachtung des Merkurtransits am 9. November 180 im
  173. Hafen von Kalao gelang Humbold zudem eine präzisere Längengradbestimmung Limas, die lange als Richtwert für den gesamten südwestlichen Teil des
  174. Kontinents diente. Dort studierte er auch die Düngewirkung von Guano, dessen Einsatz in Europa daraufhin Schule machte. Der ursprünglich geplante
  175. Anschluß an die französische Weltumschiffung zerschlug sich, sodass die Expedition ihre Pläne ändern musste. Nach einem Aufenthalt in Guayakel, wo
  176. Humboldt durch Temperaturmessungen die später nach ihm benannte kalte Meeresströmung nachwies, begann am 23. März 180 in Akapulko die dritte und
  177. einjährige Mexikoetappe. Mit Hilfe barometrischer Höhenmessungen entlang der Route von Akapulko über Mexiko Stadt bis nach Verrau entwarf
  178. Humbold ein detailliertes Höhenprofil Zentralmexikos. In Mexico Stadt sammelte er das Material für sein landeskundliches Hauptwerk über
  179. das Vizekönigreich Neuspanien. eine umfassende Darstellung politischer, sozialer und ökonomischer Verhältnisse samt weitreichenden
  180. Bevölkerungsstatistiken. Ein Grundstein der modernen wissenschaftlichen Geographie, vergleichbar seinem Kuba Werk, zu dem er
  181. im März und April 1804 in Havana Vorstudien anstellte. Außerdem trug er Beobachtungen zu epidemischen Infektionskrankheiten,
  182. insbesondere zum Gelbfieber zusammen und beschrieb sie später als Herausforderung für Medizin und Gesellschaft. Den Abschluss bildete Besuch in den
  183. Vereinigten Staaten, wo Humboldt nicht zuletzt aufgrund seiner intensiven Reisekorrespondenz bereits höchstes Ansehen genoss und
  184. unter anderem drei Wochen als Gast des Präsidenten Thomas Jefferson in Washington und in Philadelphia verbrachte. Am II. Dr. August des
  185. Jahres4 betraten Alexander von Humboldt und Emme Jacques Alexandre Bonplan in Bordeaux wieder europäischen Boden. Dass ein
  186. Privatmann eine solch gewaltige Unternehmung vollständig aus eigenen Mitteln finanzierte, war bis dahin beispiellos. Humboldsvermögen war um
  187. etwa ein Drittel geschmolzen und sollte sich in den drei folgenden Jahrzehnten vollend aufbrauchen, in jener Zeit, in der er sein monumentales Reisewerk in 30
  188. Bänden verfasste und drucken ließ, das umfangreichste private Forschungsunternehmen seiner Epoche. Obgleich er unter dem Schutz der
  189. spanischen Krone reiste und für viele Untersuchungen auf die Kooperation der Kolonialverwaltungen angewiesen war, lässt sich aus seinen Tagebüchern und
  190. späteren Schriften klar ablesen, dass Humbold die bestehenden Verhältnisse für unhaltbar hielt. Gegen die von Monokulturen und Sklavenarbeit geprägte
  191. gegenwärtige Zwangslage setzte er die Verbindung von natürlicher Ordnung und menschlicher Freiheit. Er schrieb: "Die Abschaffung dieser Zwangslage würde
  192. Produktion in selbständiger freier Existenz ermöglichen, die Handelsabhängigkeit verringern und eine natürliche Ordnung herstellen. Sklaven
  193. Hassenders setzten unnatürliche Verhältnisse voraus und begründeten neue noch unnatürlichere. Was aber gegen die Natur ist, ist
  194. ungerecht, schlecht und ohne Bestand." In seinem politischen Essay über die Insel Kuba formulierte er unmißverständlich:
  195. "Ohne Zweifel ist die Sklaverei das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt haben. Sei es, dass man den Sklaven betrachtet, wie er seiner
  196. Familie in der Heimat entrissen und in die Schiffsräume eines für den Negerhandel zugerichteten Fahrzeugs geworfen wird, oder dassß man ihn als
  197. einen Teil der Herde schwarzer Menschen, die auf dem Boden der Antillen zusammengefercht wird, betrachtet. Eine Besserung könne nur von
  198. europäischen Regierungen ausgehen, welche ein Gefühl für Menschenwert haben und wissen, dass jede Ungerechtigkeit einen Keim der Zerstörung in sich trägt.
  199. Doch werde es dazu nicht kommen, solange nicht die Gesamtheit der Eigentümer und die Kolonialversammlungen oder Legislaturen die nämliche Ansicht teilen
  200. und nach einem wohlberechneten Plan zusammenarbeiten, um die völlige Aufhebung der Sklaverei in den Antillen zu erzielen. In einer zu Lebzeiten
  201. unveröffentlichten Schrift zeigte er sich skeptisch. Die europäischen Regierungen haben so viel Erfolg in der Verbreitung des Hasses und der
  202. Uneinigkeit in den Kolonien erzielt, daß man in diesen die Freuden des geselligen Lebens kaum kennt. Aus dieser Lage entsteht eine Verwirrung von Ideen und
  203. unbegreiflichen Meinungen, eine allgemeine revolutionäre Tendenz, aber dieser Wunsch beschränkt sich darauf, die Europäer zu vertreiben und sich
  204. danach gegenseitig zu bekriegen. Besonders scharf kritisierte er in seinem Reisetagebuch die Willkürherrschaft mancher Mönche in den
  205. Missionen, vor allem in Venezuela. Durch Intrigen, bei denen indigene Gemeinden durch einseitige Belohnungen gegeneinander ausgespielt worden sein,
  206. habe sich ein Unterdrückungsregime etabliert. Es gibt keine unbegrenztere Despotie als die der Mönche. Welche schreckliche Vorstellung, daß derselbe
  207. Mensch, der von den Sünden freispricht, der nach seinem Belieben den mildesten Trost eines zukünftigen glücklicheren Lebens entziehen kann, auch Herr und
  208. Gebieter über euer Eigentum, die Früchte eures Ackerbaus, eure geringfügigsten Handlungen ist. Der Missionar versucht, sein Dorf wie ein Kloster zu behandeln.
  209. Alles geschieht nach dem Ton der Glocken. Der Indio ist nicht einen einzigen Augenblick in seinen Handlungen frei. Der Indio will nichts anbauen,
  210. weil alles, was er hervorbringt, dem Pater gehört. In Paris suchte Alexander von Humboldt den Anschluss an die wissenschaftlichen Entwicklungen der
  211. vergangenen fünf Jahre und fand ihn rasch. Die Gelehrtenwelt bereitete ihm einen glanzvollen Empfang. Forscherinnen und Forscher sagten ihm umfassende
  212. Unterstützung bei der Klärung fachlicher Fragen zu. Dieses Netzwerk war unverzichtbar, denn Humboldt plante weit mehr als eine bloße Schilderung seiner
  213. Erlebnisse, Eindrücke und Messergebnisse. Wenn er etwa über den Getreideanbau oder die Kakao und Kaffeeernte im Orinoko Gebiet schrieb,
  214. ordnete er diese Beobachtungen stets in die geographischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der gesamten damals bekannten Welt ein. Verbindungen, die
  215. sich nur durch das Wissen anderer Experten herstellen ließ. Für diese enge Zusammenarbeit und die bestmögliche verlegerische Qualität seines Reisewerks
  216. war Paris der ideale Ort. Rückblickend schrieb Humboldt: "Ich wählte Paris zum Aufenthalte, in dem kein Ort des Kontinents damals einen
  217. gleichzugänglichen Schatz von wissenschaftlichen Hilfsmitteln darbotht, keiner ebenso viel große und tätige Forscher einschloss als jene
  218. Hauptstadt. Weniger Neigung verspürte er, die Türme Berlins wiederzusehen. Im Sommer des Jahres 180 unternahm er deshalb eine mehrmonatige Italienreise,
  219. um gemeinsam mit Joseph Louis Gay Lüsaac den Vulkanismus zu studieren und besuchte dabei in Rom seinen Bruder Wilhelm von Humbold, dessen
  220. eindringlichen Mahnungen und dem werbenden Druck des preußischen Königshauses folgend, reiste Alexander anschließend doch nach Berlin.
  221. Unmittelbar nach seiner Rückkehr bedachte ihn König Friedrich Wilhelm II. mit einer Pension von 2500 Talern und ernannte ihn bald darauf zum königlichen
  222. Kammerherrn, beides ohne konkrete Dienstpflichten. Von November des Jahres 1805 an setzte Humboldt seine wissenschaftliche Arbeit
  223. in Berlin fort. Seine Mitgliedschaft in der preußischen Akademie der Wissenschaften wurde im Jahr 1806 von einer außerordentlichen in eine
  224. ordentliche umgewandelt und er beteiligte sich in den folgenden Jahren intensiv an ihrer Arbeit. Nach dem militärischen Zusammenbruch Preußens
  225. infolge der Schlachten bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 erlebte er die Besetzung Berlins durch französische Truppen und die Plünderung von Schloss
  226. Tegel, das seinem Bruder Wilhelm im Zuge der Erbteilung zugefallen war. Alexanders Berliner Wohnung lag damals in der Friedrichstraße 189.
  227. Seine guten Kontakte zur französischen Seite nutzte er, um Schäden an den eigenen Familiengütern zu begrenzen und manche Härte der Besatzungspolitik im
  228. öffentlichen Raum abzumildern. Mehrfach lehnte er Angebote ab, preußischer Kultusminister zu werden. Die Gunst des Königs bewahrte er sich
  229. trotzdem. Als weltläufiger Gesprächspartner und kundiger Begleiter stand er dem Monarchen gelegentlich zur Verfügung, etwa im Jahr 1814
  230. bei einem Parisbesuch nach dem Sieg der Koalition über Napoleon oder im Jahr 1822 anlässlich des Kongresses in Verona mit
  231. anschließenden Besichtigungen in Venedig und Rom. Humbolds weltmännisches verbindliches Auftreten, seine Sprachgewandtheit und fesselnde
  232. Erzählkunst machten ihn rasch zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft. Johann Wolfgang Göte hatte bereits im Jahr 1797
  233. über ihn gesagt: "Die Gegenwart des Herrn Bergrad von Humbold macht mir, ich darf wohl sagen, eine ganz besondere Epoche, indem er alles in Bewegung
  234. setzt, was mich von vielen Seiten interessieren kann. Ich darf ihn wohl in seiner Art einzig nennen, denn ich habe niemanden gekannt, der mit einer so
  235. bestimmt gerichteten Tätigkeit eine solche Vielseitigkeit des Geistes verbende. Es ist inkalkulabel, was er noch für die Wissenschaft tun kann. Als
  236. die französischen Forderungen nach Kriegschädigung Preußen an den Rand des Ruins brachten, entsandte Freiherr vom Stein, der als Reformer berufen war, im
  237. November des Jahres 1807 eine Gesandschaft nach Paris. Ihr stand Prinz Wilhelm, der Bruder des Königs, vor Alexander von Humbold
  238. begleitete sie als Berater. Für ihn bedeutete dies zugleich eine willkommene Gelegenheit, die Arbeit an seinem großen Reisewerk am bestmöglichen Ort
  239. fortzusetzen. Zwar scheiterte die diplomatische Mission, doch erhielt Humbold ausdrücklich die Erlaubnis in Paris zu
  240. bleiben. Ein Recht, dass er mit Konsequenz und Geschick fast zwei Jahrzehntelang behauptete. An der Pariser Wissenschaftsszene wirkte er
  241. gestaltend mit. Bereits im Jahr 1807 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Societ Dary. Dieser Forschungsgemeinschaft schloss sich im
  242. Jahr 1809 der katalanische Physiker François Aragot an, mit dem Humbold fortan in enger Freundschaft verbunden blieb. Mit Simon Boliva, den er dort
  243. ebenfalls traf, entwickelte sich zudem eine lebhafte Korrespondenz. In den Jahren bis 1827
  244. nahm Humboldt bei Jean-Marie Constant Duhamel privaten Mathematikunterricht und besuchte später in Berlin wiederum mathematische Vorlesungen an der
  245. Universität. Ein weiteres Beispiel für seinen Anspruch, sich methodisch stets auf der Höhe der Zeit zu halten. Beständig äußerte er den Plan, seine
  246. naturkundlichen Forschungen auf die östliche Hemisphäre auszuweiten, um durch Vergleich und Differenzierung ein umfassendes Bild aus der
  247. Vielgestaltigkeit der Erde und ihrer Bewohner zu gewinnen. Besonders lockten ihn Indien, der Himalaya und Tibet. Als er im Jahr 1811 bereits zum zweiten Mal
  248. das Angebot erhielt, an einer russischen Expedition teilzunehmen, schrieb er: "Es kostet mir viel, die Hoffnung aufzugeben, die Ufer des Ganges mit
  249. ihren Bananenbäumen und Palmen zu sehen. Ich bin jetzt 42 Jahre alt und wünsche eine Expedition zu unternehmen, welche 7 bis 8 Jahre dauert. Aber um die
  250. Equinoalgegenden Asiens zu opfern, ist es nötig, daß der Plan, den man mir vorzeichnen wird, ausgedehnt und breit sei. Der Kaukasus zieht mich weniger an
  251. als der Beikalsee und die Vulkane der Halbinsel Kamchatka. Kann man nach Kabul, Samarkant und Kaschmir eindringen? Napoleons
  252. Russlandfeldzug im Jahr 1812 machte diese Pläne zu nichte. Eine neue vielversprechende Option ergab in den Jahren 1817 und 1818,
  253. als sein Bruder Wilhelm Preußischer Gesandter in London war. Alexander erwarb die Unterstützung des Prinzregenten und von George Kenning,
  254. dem Präsidenten des Board of Control der britischen Ost-Indienkpanie, sowie eine Finanzierungszusage von König Friedrich Wilhelm dem II. Nach über
  255. zweijährigen intensiven Vorbereitungen scheiterte das Projekt vermutlich an Widerständen innerhalb der Ost-Indienkpanie. Humbolds kritischer
  256. Blick auf koloniale Verhältnisse war dort nicht überall willkommen. Die Aufarbeitung der Amerikareise trieb Humbold unterdessen systematisch voran.
  257. Schon während der Expedition hatte er durch dichte Korrespondenz und durch das Versenden von Belegstücken aus der mit Emy Jacques Alexandre Bonplan angelegten
  258. Pflanzensammlung dafür gesorgt, dass die Reise in den europäischen Wissenschaften stetige Beachtung fand. In Berlin nahm Karl Ludwig Wildenau,
  259. Direktor des Botanischen Gartens, und früher Förderer Humbolds, die Sendungen entgegen und begann zu publizieren. Andere große Sammlungsanteile gab
  260. Humbold an das Museum National Distoire naturell in Paris, eine damals weltweit einzigartige, von Anfang an global ausgerichtete Institution. Erst ab dem
  261. Jahr 1813, als Karl Sigismund Kund in Paris die systematische Bearbeitung übernahm, nahm die Dokumentation der botanischen Erträge konkrete Formen an.
  262. In den sieben Bänden der Nova Genera Plantarum veröffentlichte Kund zwischen den Jahren 1815 und 1825
  263. den botanischen Ertrag der amerikanischen Forschungsreise. Zugleich wuchs das amerikanische Reisewerk Voyage au Equinoxial du
  264. Nouveau Continent weit über die ursprüngliche Konzeption hinaus. Die 30 Bände erschienen zwischen den Jahren und 1834.
  265. Zehn Bände im Folio, 20 im Quartformat. Neben zahlreichen Fachgelehrten aus unterschiedlichen Disziplinen, die inhaltlich zuarbeiteten, waren annähernd
  266. 50 Spezialistinnen und Spezialisten für die bildlichen Darstellungen tätig. Allein die Kupferstiche summierten sich auf 1452.
  267. Was seinen Qualitätsmaßstäben nicht genügte, ließ Humbold auf eigene Kosten neu fertigen, bis hin zu bereits gestochenen Platten, fertigen Drucklagen
  268. und im Extremfall sogar einem ganzen Band. Im Jahr 1827 schließlich, als die Vorarbeiten für die Gesamtpublikation im Wesentlichen
  269. abgeschlossen waren, entfiel aus Berliner Sicht der Grund für den Daueraufenthalt in Paris. Der König beorderte seinen Kammerherrn zurück.
  270. ernannte er ihn zum wirklichen geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz. Humboldt nahm es mit der Heimkehr indess nicht eilig und reiste zunächst nach London,
  271. um Kontakte zu pflegen und das Gesellschaftsleben zu genießen. Dort wagte er im Alter von 57 Jahren anlässlich des ersten Tunnelbaus unter
  272. der Temse spektakuläre Tauchfahrt. In einer an einem Schiffskran befestigten rund 2 Tonnen schweren Taucherglocke mit dicken Glasscheiben, die den Blick in
  273. das trübe Flusswasser erlaubten, ließ sich Humbold gemeinsam mit dem Konstrukteur und dem betagten Philosophen Jeremy Benthem auf eine
  274. Tiefe von 11 m absenken. Die Atemluft wurde über einen Lederschlauch von der Oberfläche zugeführt. Nur wenige Tage später brach die Baustelle ein. Zurück
  275. in Berlin wurde Humbold sofort zum Motor und Kristallisationspunkt einer aufstrebenden Wissenschaftsszene. Seine am 3. November 1827
  276. an der Universität begonnen Vorlesungen mit sehr weitem Themenspektrum waren so überlaufen, dass er sie ab dem 6. Dezember desselben Jahres in der rund
  277. 1000 Zuhörer fassenden Singakademie als verdichtete öffentlich zugängliche Reihe fortsetzte. An der Universität hielt er schließlich etwa einstündige Vorträge.
  278. In der Singakademie kamen sechse hinzu, für jeweils zwei Stunden angesetzt. Später wurden beide Zyklen als Kosmosvorlesungen bezeichnet. Das
  279. Publikum war gesellschaftlich breit gemischt, Frauen eingeschlossen. Obwohl ursprünglich geplant, erschien keine von Humbold autorisierte
  280. Druckfassung. Inhalte sind ausschließlich durch mehrere Nachschriften aus dem Hörerkreis überliefert. Aus der Universitätsreihe
  281. existieren mehrere Hefte, während die einzige bislang bekannte Mitschrift der Singakademie Reihe von Henriette Kohlrausch stammt. Der Vortragszyklus
  282. schrieb Rüdiger Scharper schafft eine neue Form von Öffentlichkeit. Humbold ist Stadtgespräch. Wie schon in den zwei Jahrzehnte zuvor
  283. erschienenen Ansichten der Natur, vermochte er sein deutsches Publikum in allgemeinverständlicher bildreicher Sprache zu fesseln und das Interesse an
  284. erdkundlichen und naturwissenschaftlichen Fragen neu zu entfachen. Vergleichbare Ausstrahlung entfaltete er als Organisator und
  285. Präsident des hochkarätig besetzten Naturforscherkongresses des Jahres 1828 in Berlin, dessen Tagungsmodus mit
  286. Fachabteilungen Maßstäbe für künftige Veranstaltungen setzte. Nicht lange nach seiner Rückkehr aus Paris, für das ihm künftig pro Jahr ein
  287. viermonatiger Aufenthalt bewillig wurde und auf dem Höhepunkt seiner glänzenden Berliner Vortrags- und Vermittlungserfolge ergriff Alexander
  288. von Humbold die Chance doch noch zu seiner lange ersehnten östlichen Forschungsreise aufzubrechen und zwar 37 Jahre nach den ersten Überlegungen.
  289. Ausgangspunkt war eine Bitte des russischen Finanzministers Georg von Kankrien: Humboldt möge zur geplanten Einführung einer Platinwährung in
  290. Russland Stellung nehmen. Diese wurde im Jahr 1828 trotz Humbolswarnung verwirklicht und scheiterte im Jahr 1845.
  291. Kanin interessierte sich jedoch ebenso für den Geognbauexperten Humbold und stellte ihm eine Forschungsreise in den Ural und darüber
  292. hinaus in Aussicht, um Aufschluss über ausbeutbare Lagerstätten zu gewinnen. Humbold zögerte nicht, obwohl er dabei Rücksicht auf Regierungsinteressen
  293. nehmen musste und sich die Unternehmung deutlich von seiner amerikanischen Expedition unterschied, bei der er völlig frei hatte entscheiden können.
  294. Die Beziehungen zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm dem II und dem russischen Zaren Nikolaus dem I waren damals ausgezeichnet und Humbols eigene
  295. Mittel hätten eine derartige Unternehmung nicht mehr getragen. In diese Reise fiel sein 60. Geburtstag. Er war also etwa doppelt so alt wie zu
  296. Beginn seiner Amerikafahrt. Als wissenschaftliche Begleiter wählte er den Mediziner, Theologen und Botaniker Christian Gottfried Ehrenberg
  297. sowie den Chemiker und Mineralogen Gustav Rose. Beide sollten die Expeditionsergebnisse in ihren Fächern auswerten. Humboldt selbst widmete sich
  298. vor allem geomnetischen und astronomischen Beobachtungen und betrachtete die physische Geografie im Überblick. Am Anfang stand ein
  299. dreiwöchiger Aufenthalt am Hof in St. Petersburg, wo Humbold die Zarin unter anderem mit der Vorhersage zu erwartender Diamantfunde im Ural
  300. fesselte. Funde, die noch während der Reise tatsächlich eintrafen. Ab dem 20. Mai 1829 reiste die Gruppe in drei gefederten
  301. Wagen gezogen von 16 Pferden. Mit dabei waren im deutlichen Kontrast zu den amerikanischen Reisen ein Koch und Humbolsdiener Johann Seifert. Seifert
  302. stand seit dem Jahr 1826 aufgrund königlicher Verfügung in Humboldsdiensten. Die vereinbarte Route führte über
  303. Moskau, Kasan und Perm zunächst nach Jekaterinburg am Ural. Eine nördliche Schleife diente dort detaillierten Untersuchungen und brachte eine reiche
  304. geologische Sammlung ein. Tobolsk an der Einmündung des Tobol in den Irtisch hätte eigentlich den östlichen Umkehrpunkt bilden sollen. Humboldt aber
  305. drängte weiter bis zum Alteigebirge und an die chinesische Grenze. Er ließ Kannen wissen, die Expedition sei dem Zeitplan weit voraus und stellte ihn mit
  306. dieser Ausdehnung der Strecke vor vollendete Tatsachen ebenso später beim Vorstoß an der Wolger entlang bis zum Kaspischen Meer. Über die lästige
  307. Überwachungspraxis notierte Humbold trocken: "Kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird. Das zarristische Regime
  308. ließ seine Eigenmächtigkeiten gewähren. Tatsächlicher Umkehrpunkt wurde nach der Inspektion der Silbergruben im Al und nach Kontakt zu chinesischen Grenzposten
  309. der Ort BTI. Der Rückweg führte von Semipalatinsk über Omsk und Miask nach Ohrenburg am südlichen Ausgang des Urals und nach dem zweiten programmwidrigen
  310. Abstecher von Astrahann über Woronisch und Moskau zurück nach St. Petersburg, das am 13. November 1829 erreicht wurde. Binnen eines knappen
  311. halben Jahres legte die Expedition mehr als 18 000 km zurück, gezogen von über 12000 Pferden. Das hohe Reisetempo erschwerte die sorgfältige Aufnahme und
  312. sofortige Verschriftlichung von Beobachtungen und Messungen. Während Humbold und Jacques Alexandre Bonplan in Amerika innerhalb von 5 Jahren rund 8000
  313. km zurückgelegt hatten, bewältigte er nun in nur 8 Monaten mehr als die doppelte Strecke. Diese Verdichtung prägte den Charakter seiner Notizen und
  314. deren spätere Bearbeitung nachhaltig. Zar Nikolaus I. und sein Finanzminister hatten Humbold in diskret Kenntnis seiner angespannten Finanzen mit 20.000
  315. Rubeln großzügig ausgestattet ohne Rechenschaftspflicht. Humboldt gab das gute Drittel, das nicht verbraucht wurde, zurück und regte an,
  316. die Ersparnis für weitere Forschungsunternehmungen zu verwenden. In diese Richtung zielte auch sein zusammenfassender Vortrag am 28.
  317. November 1829 vor der russischen Wirtschaftselite in Gegenwart des Königs und anderer Honorationen, indem er appellierte: "Ein
  318. Land, das sich über mehr als 135 Längengrade erstreckt, von der fruchtbaren Zone der Olivenbäume bis zu den Landstrichen, wo der Boden nur noch
  319. mit flechtenartigen Pflanzen bedeckt ist, kann mehr als jedes andere das Studium der Atmosphäre, die Erkenntnisse über die durchschnittliche
  320. Jahrestemperatur und was noch wichtiger für den Zyklus der Vegetation ist das Studium der Verteilung der Jahreswärme auf die
  321. verschiedenen Jahreszeiten vorantreiben, wenn die variierenden Isothermen oder Linien gleicher Wärme aufgrund präziser Beobachtungen aufgezeichnet werden und
  322. dies mindestens 5 Jahre lang im europäischen Russland und in Sibirien fortgeführt wird, wenn sie verlängert werden bis zu den westlichen Küsten
  323. Amerikas, dann wird die Wissenschaft von der Verteilung der Wärme auf der Erdoberfläche und in den Schichten, die unserer Forschung zugänglich sind, auf
  324. soliden Grundlagen basieren. Tatsächlich ließ die russische Regierung anschließend ein Netz von Messstationen anlegen, das unter anderem Luftdruck,
  325. Temperatur, Windrichtung und Niederschlagsmengen erfasste. Die Daten bildeten später eine empirische Grundlage für Humboldsbetrachtungen in
  326. der Asentrale von 1843. Im Vergleich zur Amerikareise zeigte sich Humboldt von der Russland Expedition im Nachgang deutlich weniger
  327. inspiriert. Hier schwang die Enttäuschung mit, dass ihm verwehrt blieb, nach den amerikanischen Tropen auch die tropischen Regionen Asiens oder
  328. Afrikas zu erforschen. Flora und Fauna des Urals erschienen ihm wenig reizvoll, ja ermüdend monoton. Sibirien ist die Fortsetzung der Hasenheide. Gleichwohl
  329. diente diese zweite und letzte große Expedition, der die Publikation Asie zentral folgte, als Fundament, um per Analogie und Kontrast beide Hemisphären
  330. zu vergleichen. Sie legte damit die entscheidenden Voraussetzungen für sein Modell einer physischen Weltbeschreibung im Kosmos. Zum Jahreswechsel 1829 auf
  331. nach Berlin zurückgekehrt, sah sich Humboldt drei Hauptaufgaben gegenüber, seinen höfischen Verpflichtungen, seiner wissenschaftspolitischen Arbeit und der
  332. Fortführung bzw. Vollendung des Reisewerks. Das Angebot, Direktor des von Karl Friedrich Schinkel erbauten Museums zu werden, wiesärgert als
  333. unpassend zurück. Stattdessen kamen ihm die insgesamt acht diplomatischen Missionen nach Paris. zwischen den Jahren 1830 und 1848 entgegen, die er
  334. stets auch für wissenschaftliche Kontakte und Arbeiten nutzte. Politisch blieb der am Hof begünstigte als Republikaner und Freigeist
  335. verschriene Humbold zwar ein Grenzgänger mit begrenztem Einfluss, doch bei Kunstförderung, wissenschaftlichen Berufungen oder der Unterstützung
  336. technologischer und industrieller Innovationen vertrauten ihm seine Monarchen und der Hof glänzte mit dem internationalen Ruf des Gelehrten. Was
  337. Humboldt in dieser dritten Lebensphase für den wissenschaftlichen und kulturellen Aufstieg Berlins tat, kann kaum überschätzt werden. Seit seiner
  338. Rückkehr im Jahr 1827 war er regelmäßiger Gast an der königlichen Tafel, hielt abendsvorlesungen und Vorträge für die
  339. Hofgesellschaft und war als Kammerherr 1835 bis zur Thronbesteigung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm im Jahr 1840, dessen
  340. Vorleser. In Schloss Schalottenhof ließ der Kronprinz eigens das Zellzimmer für Humbold einrichten. Zugleich koordinierte Humboldt, gestützt auf sein
  341. weit verzweigtes Netzwerk und die Nähe zum König, in bemerkenswerter Weise wissenschaftliches Metzenatentum. Er förderte Nachwuchskräfte wie den
  342. Südamerika Forscher Hermann Burmeister, den Mathematiker Gotthold Eisenstein und den Ägyptologen Heinrich Brucksch. Friedrich Wilhelm II. ernannte ihn im
  343. Jahr 1827 zum Präsidenten einer Kommission zur Prüfung von Unterstützungsanträgen von Gelehrten und Künstlern. Als Friedrich
  344. Wilhelm im Jahr den Orden Purlemerit für Wissenschaften und Künste stiftete, machte er Humbold zu dessen Kanzler und folgte bei der
  345. Berufung der 30 deutschen und 25 ausländischen Mitglieder zu meist dessen Vorschlägen. Auf Einladung des Königs nahm Humbold an der Kölner Dombaufeier
  346. im September 1842 sowie am Dombaufest im August 1848 Teil. Im Januar kehrte Humboldt kurz vor Ausbruch der
  347. Februarrevolution aus Paris nach Berlin zurück und wurde Zeuge der Märzrevolution. Nachdem Friedrich Wilhelm II am 21. März
  348. mit schwarz-rot goldener Armbinde durch die Stadt geritten war und er und seine Minister gesprochen hatten, wünschte das Volk Alexander von Humbold auf dem
  349. Schlossbalkon zu sehen. Humboldt erschien, schwieg jedoch und verneigte sich. Am Folget reite sich der baldigjährige
  350. in den Zug ein, der die zivilen Opfer vom Gendarmenmarkt am Schloss vorbei zum Friedhof der Märzgefallenen geleitete. Ein klares
  351. öffentliches Bekenntnis zur Revolution vermiet er. Seine Haltung war von einem politisch liberalen Rechtsverständnis geprägt, zugleich aber ambivalent in den
  352. Äußerungen und kaum auf einen offenen Konflikt mit dem Monarchen ausgerichtet. In seinen letzten Jahren erlebte Humbold im März 1857
  353. die späte Genugtuung, dass der preußische Landtag ein Gesetz gegen die Sklaverei beschloss, für das er sich stark eingesetzt hatte. Sklaven werden
  354. von dem Augenblicke an, wo sie preußisches Gebiet betreten, frei. Das Eigentumsrecht des Herrn ist von diesem Zeitpunkt ab erloschen. Sein Vermögen
  355. hatte er bereits mit der kostspieligen Publikation des Reisewerks aufgebraucht. Als Kammerherr in Berlin musste er Kredite bei der preußischen
  356. Seehandlungsgesellschaft und beim Bankhaus Mendelzon und Kompanie aufnehmen. Bisweilen konnte er seinem langjährigen Diener Johann Seifert den
  357. Lohn nicht zahlen. Schließlich setzte er Seifer zu seinem Erben ein. Nach einem Schlaganfall im Februar 1857 bat er den König seine Verbindlichkeiten
  358. beim Bankhaus Mendelshn zu übernehmen, um Seifers Versorgung zu sichern, eine Zusage, die nach Humboldsst Tod eingelöst wurde. In den beiden letzten
  359. Lebensjahren war Humbold vom Hofdienst entbunden. König Friedrich Wilhelm war selbst schwer erkrankt und suchte Heilung in Italien, während Wilhelm der
  360. I. die Regentschaft übernahm. Humboldt konzentrierte sich auf die Arbeit am Kosmos. Am 6. Mai 1859 starb Alexander von Humbold in seiner
  361. Berliner Wohnung, umsorgt von seiner Nichte Gabriele von Bülo, nachdem er seit dem 21. April das Bett nicht mehr hatte verlassen können. Vier Tage später
  362. erlebte Berlin einen Tag tiefer Volkstrauer. Der Leichenzug von der Uranienburger Straße Nummer 67 bis zum Dom galt nach zeitgenössischen Berichten
  363. als ebenso eindrucksvoll wie jener der Märzgefallenen. In der folgenden Nacht brachte man den Sarg in den Park von Schloss Tegel, wo
  364. Humbold am 11. Mai im Familiengrab seine letzte Ruhe fand. Da die preußische Regierung Humboldsbibliothek nicht erwerben
  365. wollte, verkaufte Johann Seifert sie nach London, wo sie wenige Jahre später zum größten Teil einem Brand zum Opfer fiel. Der wissenschaftliche Nachlass
  366. gelangte überwiegend an die preußische Akademie der Wissenschaften und die Staatsbibliothek zu Berlin. Aufgrund kriegsbedingter Auslagerungen befindet
  367. sich ein Teil heute in der Bibliothek in Krakau. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wird der Nachlass editorisch erschlossen. Zunächst an der
  368. Alexander von Humbold Forschungsstelle der Akademie der Wissenschaften der DDR. Heute an der Berlin brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Besonders
  369. die Lebenssumme Kosmos begründete Humbolds anhaltende Popularität. Seit dem Jahr widmete er sich dieser Gesamtschau der
  370. wissenschaftlichen Welterforschung, die zwischen den Jahren 1845 und 1862 in fünf Bänden erschienen. Damit
  371. verwirklichte er die Vision, die ihn seit Beginn seiner naturforschenden Tätigkeit leitete. Im Jahr 1834 schrieb er an Karl August Warrenhagen
  372. von Ens: "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von
  373. den Nebelsternen bis zur Geographie der Mose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen und in einem Werke, das zugleich in lebendiger
  374. Sprache anregt und das Gemüt ergötzt." Und im Vorwort bekannte er, ich übergebe am späten Abend eines vielbewegten Lebens, dem deutschen Publikum, ein
  375. Werk, dessen Bild in unbestimmten Umrissen mir fast ein halbes Jahrhundert lang vor der Seele schwebte. In manchen Stimmungen habe ich dieses
  376. Werk für unausführbar gehalten und bin, wenn ich es aufgegeben, wieder vielleicht unvorsichtig zu demselben zurückgekehrt.
  377. Ich widme es meinen Zeitgenossen mit der Schüchternheit, die ein gerechtes Misstrauen in das Maß meiner Kräfte mir einflößen muss. Ich suche zu vergessen,
  378. dass lange erwartete Schriften gewöhnlich sich minder Nachsicht zu erfreuen haben. Ges frühe Ermutigung, da ihre Beobachtungen vom Element, die
  379. meinigen aber von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen, fand im Kosmos nachhaltige Resonanz. Humbold
  380. formulierte: "Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, inbegriff der
  381. Naturdinge und Naturkräfte als ein lebendiges Ganze." Auf diesem Wege reicht unser Bestreben über die enge Sinnenwelt hinaus und es kann uns
  382. gelingen, die Natur begreifend den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen. Zugleich warnte er, aus unvollständigen
  383. Beobachtungen und noch unvollständigeren Induktionen entstehen irrige Ansichten von dem Wesen der Naturkräfte, während die wissenschaftliche Naturkunde
  384. untersuchend und darum zweifelnd das Festgründete von dem bloß wahrscheinlichen Trend und sich täglich durch Erweiterung und Berichtigung ihrer
  385. Ansichten vervollkommnet und er betonte die gesellschaftliche Bedeutung von Wissen. Wissen und erkennen sind die Freude und die Berechtigung der
  386. Menschheit. Sie sind Teile des Nationalreichtums. Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Tätigkeit
  387. zurückstehen, werden unausleiblich von ihrem Wohlstande herabsinken. Der Kosmos wurde mit einer Gesamtauflage von 87 000 Exemplaren zu einem europaweiten
  388. Bestseller. Er begeisterte Studierende, Wissenschaftler, Künstler und Politiker. Gleichwohl war er kein leichtes Lesebuch. Lange oft fremdsprachige
  389. Zitate, Forschungsdiskussionen, Anmerkungen, etymologische Exkurse sowie eine Fülle von Daten und historischen Einschüben prägen den Text. Aus dem Werk
  390. gingen zahlreiche populärere naturhistorische Schriften hervor, die häufig Kosmos im Titel trugen. Zeitweilig erwog Humbold selbst auch aus
  391. finanziellen Gründen eine Kurzfassung als Mikrokosmos. Alexander von Humbolds Denken war im umfassenden Sinn auf die Welt als Ganzes
  392. gerichtet. Der Humboldforscher Otma unterscheidet dabei drei wesentliche Bedeutungsebenen. Eine auf das weltallbezogene kosmische
  393. Ebene, eine planetarische Ebene, die unter anderem den Welthandel einschließt, sowie eine philosophisch abstrakte Dimension, die etwa als
  394. Weltanschauung begegnet. Humbolds Forscherinteresse und seine Wissenschaftskonzeption zielten nicht nur auf einzelne
  395. Gegenstände, sondern wurden aufgrund ihrer ethischen Fundierung und einer an den Interessen der gesamten Menschheit ausgerichteten politischen
  396. Verantwortlichkeit zu einer kosmopolitischen Wissenschaft. Nach seinem eigenen Bekunden gingen bei ihm wissenschaftliche und literarische
  397. Interessen Hand in Hand. oder wie es bündelt, Ästhetik ist für Humbold keine bloße Zierde oder schöne Dreingabe, sondern ein eigenes spezifisches
  398. Verknüpfungswissen, das alles mit allem zu verbinden vermag. Als Forscher setzte Humbold auf weltweite Vernetzung und förderte sie mit unermüdlicher
  399. Korrespondenz sowie als Organisator von Begegnungen und Ergebnisaustausch. Seine vielfältigen Leistungen brachten ihm höchste internationale Anerkennung
  400. ein. In Frankreich, wo er jahrzehntelang an seinem Reisewerk arbeitete, erwarb er sich den Ruf, der größte Gelehrte des Jahrhunderts und der Aristoteles der
  401. Moderne zu sein. in Mexiko. Wo er durch seinen Essai Politik sur le Royaum de la Nouvelle Espagne stark auf das nationale Selbstverständnis und die Unabhängigkeit
  402. von Spanien einwirkte, wurde er als einziger Ausländer kurz nach seinem Tod im Juli 1859 von Staatspräsident Benito Juarez zum
  403. Benemerito de la Patria erklärt und in Deutschland, wo er schon bald nach seiner Rückkehr als zweiter Entdecker Amerikas gefeiert wurde, verehrte man in
  404. ihm die wissenschaftliche Autorität seiner Zeit. Zu den Feldern, zu denen Humbold grundlegendes Beitrug, zählt Anatomie, Altertumswissenschaft,
  405. Botanik, Geologie, Geschichtswissenschaft, Mathematik, Philogie, Astronomie und Zoie. Charakteristisch ist sein
  406. Disziplinenübergreifendes Querdenken und Zusammenden stets auf das Ganze gerichtet und weit über bloßes Messen und statistische Datenerhebung hinaus.
  407. Die Horizonte seines Denkens waren offen, so offen wie nur selten in der Geschichte des abendländischen Denkens. Wissenschaft und Bildung sollten keine
  408. Bildungsbrocken aufhäufen. Wirkliche Bildung zielte für Alexander von Humbold vielmehr auf eine Kernkompetenz, die Fähigkeit zum Zusammendenken.
  409. Sie bildet die entscheidende Grundlage eines Zusammenlebens in wechselseitiger Achtung der Differenz. Nicht nur in der Natur ist für Humbold alles
  410. Wechselwirkung. Gerade dieser Ansatz, der Natur und Geisteswissenschaften in ihren Methoden respektiert und zugleich gezielt
  411. miteinander verschaltet, verleih Forschung Lösungskraft und öffentliches Gehör. Reisen und forschen, resüiert Rüdiger Scharper, kommunizieren und
  412. schreiben, die Welt als globales Geschehen am jeweiligen Ort durchdringen und immer in Bewegung sein, den Informationsfluss beschleunigen. Das ist
  413. die Humboldformel. Humbolskosmos erwuchs aus dauerhaftem persönlichem Austausch über Disziplingrenzen hinweg. So konnte er
  414. spezialisierte Wissensbestände integrieren, auch wenn er sie nicht selbstvertieft betrieb. Zugleich blieb er sich der Lückenhaftigkeit und
  415. Vorläufigkeit eigener Ergebnisse bewusst. So heißt es im zweiten Band des Kosmos. Durch den Glanz neuer Entdeckungen angeregt, mit Hoffnungen
  416. genährt, deren Täuschung oft spät erst eintritt, wähnt sich jedes Zeitalter dem Kulminationspunkt im Erkennen und Verstehen der Natur nahe gelangt zu
  417. sein. Lebender und der großen Idee von der Bestimmung unseres Geschlechtes angemessener ist die Überzeugung, dass der eroberte Besitz nur ein sehr
  418. unbeträchtlicher Teil von dem ist, was bei fortschreitender Tätigkeit und gemeinsamer Ausbildung die freie Menschheit in den kommenden Jahren
  419. erringen wird. Jedes Erforschte ist nur eine Stufe zu etwas höherem in dem verhängnisvollen Laufe der Dinge. Kein Wunder, dass Et festhält, wenn unser
  420. Jetztzeitalter das Netzzeitalter ist, dann ist Alexander von Humboldt gewiss dessen wissenschaftlicher Vordenker. Sah sich der 20-jährige noch als Fremdling
  421. zwischen den Wissenschaften, wurde er nach seiner Amerika Reise zum unermüdlichen Kommunikator zwischen den Disziplinen. Mehr als 30.000 Briefe
  422. belegen seine weltweite Korrespondenz. Sie verschaffte ihm Zugang zu regionalen Wissensbeständen und half Spezialwissen für seine eigenen Fragehorizonte
  423. fruchtbar zu machen. Salons und gesellschaftliche Begegnungen dienten ihm als mobile Akademie. Oft begleitete er Gesprächspartner noch stundenlang
  424. nach Hause. Ohne das Gespräch und ohne die Salons ist Humbolds Existenz unvorstellbar. Seine Publikationen zeigen, wie dieser
  425. vielquellige Forschungsprozess Sichtweisen fortwährend prüft und korrigiert. Auf diese Weise entsteht ein offenes: "Neue Untersuchungsergebnisse
  426. und Einsichten möglichst rasch einbeziehendes Forschungs- und Diskussionsklima, in dem Wissen nicht als statischer
  427. Besitz eines einzelnen, sondern als dynamischer Prozess einer Gemeinschaft verstanden wird. Die Vielzahl unterschiedlicher Perspektivierungen und
  428. Ansichten der dargestellten Gegenstände wird ständig durch neue Einsichten angereichert, die durch eigene Untersuchungen oder durch die
  429. Forschungen anderer erzielt wurden. Gegen zeitgenössische Abwertungen amerikanischer Kulturen entwickelte Humbold ein nuanciertes Gegenbild. Bei
  430. aller neuhumanistischen Maßstabsetzung durch die Antike arbeitete er das Regionale präzise heraus und verband es mit Fragestellungen von allgemeiner
  431. menschitlicher Bedeutung, transareal vergleichend, interkulturell sensibel. Seine Lust am Kühnen Vergleich provozierte mit Absicht die Leserschaft
  432. zum Mitvergleichen. Der kühne Vergleich zielt auf die Aktivierung der Leserschaft und beabsichtigt, diese selbst zum ständig vergleichenden Denken
  433. zu provozieren. Das Fremde soll durch die Kategorien des Eigenen bewusst verfremdet. Das eigene durch jenes Fremde so verändert werden,
  434. dass ein Art Außenblick auf das Eigene entsteht. Eigenes und fremdes sind nicht klar voneinander geschieden. Alles ist viel mehr mit allem verbunden. Typisch
  435. ist auch, dass Humbols Großprojekte offen bleiben. Vom amerikanischen Reisebericht, der nur ungefähr ein Drittel der Route abdeckt, über
  436. Ansichten der Natur, Relation, Historik und Asie zentrale bis zum Kosmos, hat er kein Hauptwerk im strengen Sinn abgeschlossen. Aus gutem Grund. Der
  437. Kosmos war die angestrebte Summe und echte Wissenschaft bleibt prinzipiell unabgeschlossen. Über mehr als sieben Jahrzehnte des
  438. Büchermachens entstand ein ebenso dichtes wie mobiles Netzwerk an wechselseitigen intratextuellen Bezügen. Dieser Gesamttext bildet gewiss so etwas
  439. wie eine intellektuelle Biographie Humbolz, zugleich aber und vor allem eine in stetiger Bewegung befindliche Gesamtheit, die nicht durch eine
  440. homogene Struktur, sondern vielmehr durch eine fraktale Strukturierung zusammengehalten wird. In jedem Bruchstück leuchtet die Gesamtheit auf.
  441. Zu seinem Stil bekannte er selbst gegenüber Karl August Warnhagen von Ense. Die Hauptgebrechen meines Stils sind eine unglückliche Neigung zu allzu
  442. dichterischen Formen, eine lange Partizipialkonstruktion und ein zu großes Konzentrieren vielfacher Ansichten, Gefühle in einen
  443. Periodenbau. Ich glaube, dass diese meiner Individualität anhangenden Radikal übel durch eine daneben bestehende ernste Einfachheit und
  444. Verallgemeinerung ein Schweben über der Beobachtung, wenn ich Eitel so sagen dürfte, gemindert werden. Ein Buch von der Natur muss den Eindruck, wie die
  445. Natur selbst hervorbringen. Worauf ich aber besonders in meinen Ansichten der Natur geachtet, ich habe gesucht, immer wahr beschreibend, bezeichnend,
  446. selbstzientifisch wahr zu sein, ohne in die dürren Regionen des Wissens zu gelangen. Und er formulierte zwischen Genugttuung und Melancholie sein
  447. Forscher Fazit: "Dies ist das Schicksal des Menschen." Man erreicht das Ende des eigenen Lebens und vergleicht nicht ohne Traurigkeit
  448. das Wenige, das man hervorgebracht hat, mit all jenem, was man hätte unternehmen wollen, um das Reich der Wissenschaften zu erweitern. Als Vordenker einer
  449. globalisierten Wissenschaft besitzt Humbolsatz hohe Aktualität. Er überwindet sterile Gräben zwischen Spezial und Grundlagenforschung und
  450. verbindet Kontinente, Kulturen, Sprachen und Disziplinen. Andrea Wolf akzentuiert dazu Humbolds Programmsatz an Gothe. Die Natur muß gefühlt werden. Er trug
  451. andererseits Instrumente durch Lateinamerika und maß alles messbare, betonte andererseits aber, dass Gefühle im Umgang mit der
  452. Natur ebenso wichtig sein. Sein Werk verstand er bewusst als unabgeschlossenes Vorhaben. Humboldt selbst überspielt dabei die raschen
  453. Veränderungen seines veröffentlichten Wissenstands keineswegs, sondern unterstreicht viel mehr den Charakter seines Buches als eines fortlaufenden,
  454. nie abgeschlossenen Prozesses. Zentral war ihm, komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass sie in ihren Grundzügen überschaubar und
  455. nachvollziehbar werden. Also die Popularisierung als Form der Demokratisierung wissenschaftlicher Erkenntnisweisen.
  456. Charper sieht in ihm daher eine wandelbare Projektionsfigur für Zukunftsfragen von Klimawandel und weltweiter Verflechtung bis zu
  457. Menschenrechten und einer humanen Wissenschaft. Auch fachlich hinterließ er tiefe Spuren. Bereits um das Jahr
  458. unternahm er magnetische Beobachtungen, erkannte kurz darauf den Magnetismus eines fränkischen Basaltkegels und erhielt vor seiner Amerikareise präzise
  459. Instrumente zur Messung von Inklination, Deklination und Intensität. Er zeigte, dass die Stärke des Erdmagnetfelds vom Äquator zu den Polen
  460. zunimmt, prägte den Begriff Magnetsturm, initiierte ein weltweites Netz synchroner Messstationen und führte auf der Russlandreise an 27 Orten
  461. Magnetmessungen durch. In der Astronomie eignete er sich die astronomischgeätische Ortsbestimmung an, kartierte bislang
  462. unzureichend bekannte Räume, beobachtete in Kumana die Leoniden Sternschnuppenfälle und gehörte zu den ersten, die deren Periodizität
  463. erkannten. Den südlichen Sternhimmel erfasste er systematisch nach Helligkeit und Farbe. Im Kosmos bündelte er das damalige astronomische Wissen, gestützt
  464. auf engen Austausch mit führenden Astronomen und triebau der Berliner Sternwarte mit voran. Geologisch wandelte er sich, gestützt auf seine
  465. Anden und Mexikoerfahrungen, vom neptunistischen Schüler Abraham Gottlob Wernas zum Vulkangeologen, der die tiefgreifende, tektonisch
  466. gebundene Natur des Vulkanismus erkannte, lineare Vulkanetten beschrieb, den Zusammenhang von Vulkanen und Erdbeben betonte und den
  467. Paradigmenwechsel zur Plutonistik mit vollzog. Italien blieb dafür der obligatorische Ort empirischer Studien. Zusammen mit Joseph Louis Gay Lak und
  468. Leopold von Buch bestieg er mehrfach den Wesuv und wurde am z. August des Jahres 180 Augenzeuge eines Ausbruchs. Vollgerichtig ordnete er sich in der
  469. reformierten Berliner Akademie dem Fach Mineralogie und Geognosie zu. Alexander von Humbold prägte die Geographie in herausragender Weise. Seine monumentalen
  470. Reisewerke, der Kosmos und weitere große Gesamtdarstellungen machten seine Bedeutung ebenso sichtbar wie zahlreiche präzise Einzelstudien.
  471. Methodisch arbeitete er empirisch und physikalisch vergleichend und zielte stets auf theoretische Verallgemeinerung. Er gilt als Anreger
  472. der heutigen Klimatologie und Geophysik sowie als Begründer der Geomorphometrie, also der quantitativen Erfassung des Erdreliefs.
  473. Erste Arbeiten dazu veröffentlichte er im Jahr 1816 und im Jahr 1825. Sein Forschungsansatz wie auch seine
  474. Darstellungsweise folgten der dreidimensionalen Verbreitung der Geofaktoren. Bereits im Jahr 1817
  475. führte er Ishermen ein. um den globalen Temperaturverlauf anschaulich zu machen. Aus ihren Abweichungen von der Parallelität zu den breiten Kreisen
  476. entwickelte er einen weit gespannten Deutungsversuch. Humboldt beschrieb außerdem den weltweiten Verlauf biogeographischer Höhengrenzen und der
  477. Schneegrenze ermittelte die mittlere Abnahme der Wärme mit der Höhe und stellte in den Anden ein Minimum des vertikalen Temperaturgradienten
  478. in der Höhenstufe von 1000 bis 2500 m fest verursacht, wie er richtig erkannte, durch die Freisetzung von Kondensationsenthalpie
  479. in der Wolkenbildung dieser Höhenlage. Durch systematische Messungen belegte er den ävatorialen Tiefdruckgürtel zwischen den subtropischen Hochdruckgebieten
  480. beider Hemisphären. Die zeitliche Koinzidenz von Passatabschwächung und Beginn der tropischen Regenzeit führte er auf die Jahreszeitliche Verlagerung
  481. der Windgürtel zurück. Zugleich dachte er über die Zirkulation der Ozeane nach, erkannte die polare Herkunft der antropischen Ostseiten aufquellenden
  482. kalten Tiefenwässer und stellte den Zusammenhang zwischen niedriger Wasser und Lufttemperatur an der peruanischen Küste her. Als Ursachen der
  483. Meeresströmungen benannte er die Driftwirkung der Winde. Dichte Unterschiede infolge von Temperatur und Salzgehalt sowie die ablenkende Kraft
  484. der Erdrotation. Schon im Jahr 1831 formulierte Humbold einen Klimabegriff, der bis heute weith akzeptiert ist. Er
  485. forderte eine mathematische Betrachtung der Klimate, also die Auswertung systematisch gesammelter Messdaten und setzte sich für dichte Netze
  486. meteorologischer Stationen ein, etwa für die Gründung des preußischen Meteorologischen Instituts im Jahr 1847. Früh beschrieb er die elementaren
  487. Klimafunktionen des Waldes. Auf Reisen sah er schädliche menschliche Eingriffe in funktionierende Ökosysteme. Zuerst am Valenciaasee in Venezuela.
  488. Übermäßige Entwaldung und Gewässerumleitungen beeinträchtigten Wasserhaushalt und Klima. Diesen anthropogenen Wirkungen maß er vor allem
  489. lokale bis regionale Bedeutung bei, ebenso wie dem Effekt der Entstehung großer Dampf und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie. Seine
  490. Beobachtungen zu Klima und Landschaftszerstörung wirkten in Frankreich über Jean-Baptist Buso, in Deutschland über Karl Fras und
  491. in den Vereinigten Staaten über George Perkins Mars und Henry David Throw nach. Dann flaute das wissenschaftliche Interesse ab und lebte erst in den 80er
  492. Jahren des 20. Jahrhunderts wieder auf, mit der in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sich verbreitenden Deutung geologische Erscheinungen wie Findlinge,
  493. Gletscherschrammen oder Moränen seien durch großräumige Eisbedeckungen Nordeuropas und der Alpen erklärbar tat sich Humbold schwer. Anders als Leopold
  494. von Buch bekämpfte er die Vertreter dieser Verbindung von Geologie und Klimawandel jedoch nicht. Die Weite seines Ansatzes wirkte in die
  495. Fachstruktur hinein. In Deutschland wurde die Geographie besonders im 20. Jahrhundert zu einem interdisziplinären Fach mit gleichberechtigtem Anteil
  496. historischer und sozialwissenschaftlicher Komponenten neben den naturwissenschaftlichen Teilen. Der Biograf Hannob urteilte
  497. prägnant. Humbold war erweisbar der größte Geograf der Neuzeit, der anregendste thematische Kartograf und der maßgebende Forschungsreisende seiner
  498. Zeit. Mit der zeitgenössischen Naturphilosophie stand Humbold in kritischem Kontakt. Seit 1805 korrespondierte er jahrzehntelang mit
  499. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Zunächst beeindruckte ihn Schellings Versuch, eine Naturphilosophie zu begründen, die sich ausdrücklich auf
  500. Erfahrungswissenschaften stützt. Humboldt hoffte auf Hilfe bei der theoretischen Durchdringung des empirischen Materials und beim Auffinden
  501. von Naturgesetzen. Einen Berührungspunkt bildete die damals verbreitete Idee einer Lebenskraft. In seinen physiologischen Experimenten
  502. teilte Humboldt zunächst diese Vorstellung, gelangte jedoch allmählich zu der Einsicht, dass Lebensäußerungen mit bekannten Naturgesetzen erklärbar
  503. sind. Diese Entwicklung spiegelt seine einzige literarische Erzählung, die Lebenskraft oder der rodische Genius, die er im Jahr 1795
  504. für Friedrich Schillers Zeitschrift die Horen verfasste. Später schrieb er der Naturphilosophie keine inspirierende Wirkung mehr zu. Im Kosmos wiederholte
  505. er Positionen, die er bereits in seinen Kosmosvorlesungen des Jahres 1827 vertreten hatte. Er rechnete die Naturphilosophie zu den Disziplinen, die
  506. sich in Dunkelheit hüllen, geißelte ihre abenteuerlich symbolische Sprache und einen Schematismus, der enger sei, als ihn jemals das Mittelalter der
  507. Menschheit aufgezwungen hat. Zudem kritisierte er Schellings Vermischung von Natur, Philosophie und Christentum und zitierte im Kosmos nur wenige
  508. Naturphilosophen. Teil seiner Netzwerke blieben dennoch einige ihrer Anhänger, etwa Karl Gustav Caros. Deutlicher als gegen Schelling
  509. richtete sich seine unausgesprochene Kritik gegen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Zeitgenossen erlebten Humboldt als
  510. außergewöhnlich tatkräftig und er sich selbst ebenso. Adelbert von Schamisso bekannte 1810. Solche Tätigkeit, Schnelligkeit und
  511. Festigkeit ist noch nie gesehen worden. In Salon etwa bei Rahel Warnhagen erzeugten sein plötzliches Auftauchen, die funkelnde Konversation und sein
  512. ebenso rasches Verschwinden, eine faszinierende Unruhe. Noch ein halbes Jahr vor seinem Tod beschrieb Bayer Taylor ihn als tätig bis zur
  513. Rastlosigkeit. Humboldt sprach leicht und schnell, wechselte mühelos zwischen Sprachen, saß nie länger als 10 Minuten, sprang auf,
  514. zeigte Bilder oder Bücher. Er selbst schrieb: "Voller Unruhe und Erregung freue ich mich nie über das Erreichte und bin nur glücklich, wenn ich etwas
  515. Neues unternehme und zwar drei Sachen mit einem Mal und noch nicht 30jährig. Ich weiß wohl, daß ich meinem großen Werke über die Natur nicht gewachsen
  516. bin. Aber dieses ewige Treiben in mir, als wären es zehntausend Säue, wird nur durch die stäte Richtung nach etwas Großem und bleibendem erhalten. Dem
  517. Astronomen Jean-Baptist Joseph de Lambre bekannte er am 29. Juli 1803: "Jeder Mann hat die Pflicht in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus
  518. er seiner Generation am besten dienen kann." Über Schlaf sagte er spöttisch: "Meine Gesundheit erlaubt die nächtliche
  519. Arbeitsamkeit. Die Notwendigkeit des periodischen Schlafs ist ein Vorurteil", sage ich oft scherzhaft.
  520. Und an Joseph Louis Gay Lüsack schrieb er 1842: "Ich habe mir niemals Illusionen gemacht über mein wissenschaftliches Verdienst.
  521. Ich bin weit unter dem geblieben, was ich hätte sein können, weil ich meine Kräfte nicht zu konzentrieren vermochte. Meine Lebensumstände, die Verbindung mit
  522. zwei Kontinenten mit berühmten Männern während mehr als eines halben Jahrhunderts, haben mich weit mehr geformt als meine Arbeiten, die sehr
  523. unvollständig geblieben sind. Sech Wochen vor seinem Tod ließ er eine Zeitungsanzeige veröffentlichen, in der er bat die vielen Zusendungen, Modelle,
  524. Maschinen und Naturalien, Anfragen über Luftschiffart und Anerbietungen, mich häuslich zu pflegen einzustellen, damit er ihn bei ohne dies abnehmenden
  525. physischen und geistigen Kräften noch Ruhe und Muße zur eigenen Arbeit fände. Auch die Außen und Binnenwahrnehmung war ambivalent.
  526. Wilhelm von Humbold beschrieb seinen Bruder gegenüber Caroline als nach außen gewandt und glänzend mit der Folge, dass sein Zeigen Wollen von manchen als
  527. Eitelkeit missverstanden werde. Friedrich Schiller urteilte zunächst schroff Alexandern habe ich noch kein rechtes Urteil. Ich fürchte aber, trotz
  528. aller seiner Talente und seiner rastlosen Tätigkeit, wird er in seiner Wissenschaft nie etwas Großes leisten. Es ist der nackte, schneidende Verstand,
  529. der die Natur, die immer unfasslich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will und mit einer Frechheit, die
  530. ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Formeln und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstab macht. Kurz, mir scheint er für seinen
  531. Gegenstand ein viel zu grobes Organ und dabei ein viel zu beschränkter Verstandesmensch zu sein. Mit Johann Wolfgang von Gote verband Humbold eine
  532. über dreieinhalb Jahrzehnte reichende respektvolle Arbeitsbeziehung. Gemeinsam entstand 1795 Götes, erster Entwurf einer allgemeinen
  533. Einleitung in die vergleichende Anatomie. Göte unterschied ihre Methoden so: Er selbstgehe von der Gestalt und vom ganzen aus. Humbold vom Element bzw.
  534. vom Teil. Trotz Differenzen, etwa über Vulkanismus oder Götes Farbenle, die Humbold ablehnte, lobte Göte ihn als Brunnen mit vielen Röhren, wo man
  535. überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Charles Darwin bereitete seine
  536. Biegelreise mit Humbolds Tropenbericht vor. Stil und Blickweise ähnelten einander so sehr, daß Zeitgenossen es bemerkten.
  537. Die persönliche Begegnung am 29. Januar 1842 in London enttäuschte Darwin wegen Humbolds monologischer Art. Doch nach
  538. der eigenen Reise gesteht er, er habe ihn immer bewundert. Nun aber bete ich ihn an. Später rühmte er ihn als größten
  539. wissenschaftlichen Reisenden überhaupt. Gleichwohl ist Humbold kein vordarwinischer Darwinianer. Spekulative Aussagen zur Entstehung und Wandlung von
  540. Arten lehnte er seinem Empirismus treu ab. Nach seinem Tod ehrte die Berliner Akademie am 1. Juli 1859 Humbold in einer Gedenkrede von August
  541. BG. Es ist ein glänzendes Gestirn im Reich des Geistes für diese Welt erloschen. Unbestritten bleibt er in allgemeiner
  542. Anerkennung die erste wissenschaftliche Größe seines Zeitalters. Indem wir nun sein Brustbild in der Nähe des Leibnitzchen aufstellen, ehren mehr uns
  543. als ihn, der nicht eine Büste in diesem düster überwölbten Saal, sondern ein Standbild unter freiem Himmelsgewölbe des göttlichen Kosmos neben den
  544. Wohltätern des Vaterlandes verdient. Christian Gottfried Ehrenberg sah mit seinen Schriften eine neue Epoche der Erd- und Weltanschauung beginnen. Später
  545. setzten sich Rudolf Wircho und andere für ein Nationaldenkmal ein. Kaiser Wilhelm. erlaubte schließlich die Denkmäler vor der Universität,
  546. allerdings niedriger als die Figuren der Generäle Bü und Scharnhorst. Eingeweiht wurden sie am 28. Mai 1883. International war die Wertschätzung
  547. nicht minder groß. Claude Louis Bertolet nannte ihn eine ganze Akademie in einer Person. Die Pariser Akademie prägte eine Gedenkmünze für den größten Gelehrten
  548. seines Jahrhunderts und den neuen Aristoteles. Simon Boliva sah in ihm den wahren Entdecker der neuen Welt. Mexikos
  549. Präsident Benito Juarez erklärte ihn am 28. Juni 1859 zum Wohltäter des Vaterlandes. Zum hundersten Geburtstag feierten Städte
  550. weltweit mit den größten Veranstaltungen in den Vereinigten Staaten. Von San Francisco bis Philadelphia und von Chicago bis Charleston gab es
  551. Straßenumzüge, Festessen und Konzerte. In New York folgten tausende den Musikkapellen und die New York Times schrieb: "Keine Nation könne seinen Ruhm
  552. für sich beanspruchen." In Berlin kamen trotz sindflutartiger Regengüsse 80.000 Menschen zusammen. Ämter und Behörden blieben geschlossen.
  553. Das Humbold im deutschsprachigen Raum phasenweise verengt oder verzerrt rezipiert wurde, hatte auch mit politischer Rivalität und freihändig
  554. bearbeiteten Volksausgaben zu tun. Neuere Originaleditionen seiner Schriften helfen, verschüttete Traditionslinien wieder sichtbar zu
  555. machen. Seit den 1980er Jahren wird Humbold gelegentlich als erster Ökologe gerühmt. Zugleich warnen Historiker vor unkritischer Heroisierung.
  556. Matthias Glaubrecht moniert: Humbold habe wichtige Vorläufer in der Pflanzen und Tiergeographie zu wenig gewürdigt. Sein kosmischer Ansatz sei überholt,
  557. weshalb er auch keinen echten Zugang zu Darwins Evolutionstheorie fand. Benedikt Wallendar zeigt, dass die Humboldre Rezeption oft weniger von
  558. Erkenntnissuche als von Deutungsdrang und Instrumentalisierung geprägt war. Im 19. Jahrhundert in Deutschland stark antifranzösisch,
  559. im Kaiserreich national vereinnahmt, in der Weimarer Zeit als kosmopolitischer Humanist hochgehalten und im Nationalsozialismus als Kämpfer mythisch
  560. überhöht. Zwei Weltkriege dämpften international den Enthusiasmus für Humbold. In den Vereinigten Staaten wurden sogar Straßennamen entfernt.
  561. Während der deutschen Teilung nutzten beide Staaten seine Gestalt jeweils für eigene Deutungen. Anlässlich seines 250. Geburtstags im Jahr 2019 fanden
  562. zahlreiche Veranstaltungen in Berlin statt und das im Jahr 2021 eröffnete Humbold Forum knüpft programmatisch an seine Idee an Natur und Kultur gemeinsam
  563. zu betrachten. Insgesamt wurde Humbold weltweit in außergewöhnlicher Weise geehrt durch Mitgliedschaften, Ehrendoktorate, hohe Orden, Denkmäler,
  564. Briefmarken und Münzen und durch eine beispiellose Zahl von Namensträgern in Biologie, Geographie und Institutionen. Nach niemandem sonst sind mehr Orte und
  565. Objekte benannt. Damit endet unsere heutige Folge. Humbold bleibt der Forscher der Natur und Kultur als Einheit Verstand und damit Spuren bis in
  566. unsere heutige Zeit hinterlassen hat. Wenn euch diese Folge gefallen hat, lasst gerne ein Like da, teilt sie mit anderen Geschichtsinteressierten und
  567. abonniert unseren Kanal. Vielen Dank fürs Zuhören und auf Wiederhören.

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