Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wirtschaftsdidaktik
Unter Wirtschaftsdidaktik wird ein Arbeitsbereich der Wirtschaftspädagogik verstanden, welcher die wissenschaftliche Aufklärung der Voraussetzungen, …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Einordnung
Wirtschaftsdidaktik ist ein Arbeitsbereich der Wirtschaftspädagogik. Sie untersucht wissenschaftlich die Voraussetzungen, Prozesse und Ergebnisse institutionell organisierten Lernens und Lehrens in wirtschaftlichen Fächern und in der ökonomischen Bildung. Wirtschaftspädagogik wird dabei als Theorie der bildenden Vorbereitung des Menschen auf die Bewältigung sozio-ökonomischer Lebenssituationen verstanden.
Didaktik ist allgemein die Wissenschaft von Unterricht, Lernen und Lehren, unabhängig vom jeweiligen Inhalt. Wirtschaftsdidaktik gehört zur speziellen Didaktik und befasst sich mit Lehrbereichen der Wirtschaftswissenschaft. Im engeren Sinn geht es vor allem um den Erwerb und die Anwendung von Handlungskompetenzen, also um die Fähigkeit, wirtschaftlich relevantes Wissen in Situationen angemessen zu nutzen. Handlungskompetenzen entstehen zielgerichtet durch Lernen, aber auch nicht zielgerichtet durch Sozialisation.
Die zentralen Begriffe lassen sich unterscheiden:
- Lernen bedeutet den Erwerb oder die Erweiterung von Handlungskompetenzen.
- Lehren ist die gezielte Unterstützung beim Erwerb oder bei der Erweiterung von Wissen.
- Kommunizieren bezeichnet die zwischenmenschliche Verbindung zwischen Lernen und Lehren.
- Bildung meint normativ, also als erstrebenswert beurteilte, Handlungskompetenzen.
Im Kern sollen Menschen befähigt werden, in einer Volkswirtschaft zu wirtschaften, das menschliche Leben nachhaltig zu gestalten und für eine gerechte Verteilung beziehungsweise Allokation knapper Ressourcen zu sorgen. Untersuchungsfelder sind vor allem das berufliche Schulwesen, das allgemeinbildende Schulwesen sowie die ökonomische Erwachsenen- und Weiterbildung. Betrachtet werden dabei insbesondere Wissenschaft, Lebensgestaltung und Bildung.
Konzeptionelle Grundrichtungen
Die Wirtschaftsdidaktik wird in vier Hauptrichtungen konzeptioneller Ansätze gegliedert.
Der Lebenssituationsansatz von Bodo Steinmann geht von ökonomisch geprägten Lebenssituationen und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen aus. Zu den Lebenssituationen zählen der Einkommenserwerb, insbesondere Beruf und Arbeit, sowie die Einkommensverwendung, insbesondere Konsum und Freizeit. Als Entwicklungstendenzen werden soziale, ökologische und entwicklungspolitische Veränderungen berücksichtigt. Heranwachsende sollen die ökonomischen Handlungs- und Entscheidungskompetenzen erwerben, die sie zur Bewältigung dieser Situationen benötigen. Daraus leitet Steinmann Qualifikationen zur Förderung von Mündigkeit, Emanzipation und Verantwortung ab. Bevorzugte Methoden sind handlungsorientierte Verfahren wie Fallstudien, Rollenspiele und Planspiele, mit denen ökonomische Problemstellungen modelliert werden können.
Die kategoriale Wirtschaftsdidaktik erschließt wirtschaftliche Prozesse und Strukturen mithilfe ausgewählter Kategorien. Ein fachwissenschaftlich begründetes Kategoriensystem soll wichtige Realitätsbereiche erfassen und die damit verbundene bildungsrelevante Wirklichkeit verständlich abbilden. Als Vertreter gelten vor allem Erich Dauenhauer, Hermann May und Klaus-Peter Kruber. Die Kategorien sollen das Verständnis, die Übernahme und die Aneignung wirtschaftlichen Denkens fördern.
Institutionelle Ansätze gehen von der Wirtschaftsordnung einer Volkswirtschaft und von der neueren Institutionenökonomik aus. Der institutionelle Ordnungsrahmen koordiniert und lenkt wirtschaftliche Aktivitäten und prägt dadurch die Lebenssituationen von Produzenten, Konsumenten und Wirtschaftsbürgern. Für Hans Kaminski sind die Wirtschaftsordnung und das Modell des Wirtschaftskreislaufs zentrale Ansatzpunkte der didaktischen Bearbeitung. Gerd-Jan Krol hebt hervor, dass das Verständnis institutionenökonomischer Zusammenhänge eine bildende Auseinandersetzung mit Wirtschaften, volkswirtschaftlichen Abläufen und Wirtschaftspolitik ermöglicht.
Eine vierte Richtung bildet die interdisziplinäre sozialökonomische Bildung. Reinhold Hedtke, Gerd Famulla und andere kritisieren, dass kategoriale und institutionsökonomische Ansätze zu stark auf die Wirtschaftswissenschaft ausgerichtet seien. Sie fordern eine Erweiterung um soziologische und politikwissenschaftliche Perspektiven sowie mehr Problemorientierung, Multiperspektivität, Interdisziplinarität, Pluralismus und kritischen Diskurs.
Kategorien und Institutionen als Lernzugänge
Ökonomische Stoffkategorien werden aus der Ökonomik gewonnen und als Leitfragen auf mögliche Unterrichtsinhalte angewendet. Beispiele sind Knappheit und Bedürfnisse, Risiko, Nutzen und Kosten, Interdependenz, Koordination sowie Macht und Kontrolle. Als Bildungskategorien helfen sie, Probleme aus ökonomischen Lebenssituationen zu analysieren und bildend zu bearbeiten.
Die Kategorisierung erfüllt mehrere Funktionen:
- Die Reduktionsfunktion legt inhaltliche Strukturen offen und komprimiert Wissen.
- Die Erklärungsfunktion erleichtert das ökonomische Verständnis.
- Die Transferfunktion unterstützt die Übertragung ökonomischen Wissens auf andere Situationen.
- Die Halterungsfunktion sorgt für eine gewisse Dauerhaftigkeit der Kategorien, ohne dass sie zeitlos sind.
- Die Sortier- und Behaltfunktion verbindet neu erlernten Stoff mit bereits bekannten Strukturen und dient damit als Lernhilfe.
Institutionen beeinflussen wirtschaftliches Verhalten durch Anreize und Sanktionen. Manche Institutionen entwickeln sich teilweise „natürlich“, etwa Sitten, Gebräuche und Verhaltensregeln. Andere werden vor allem durch Wirtschaftspolitik gestaltet, zum Beispiel durch Gesetze, finanzielle Anreize und Steuern. Dadurch sollen ökonomische Ergebnisse beeinflusst und gelenkt werden. Die institutionelle Perspektive erklärt somit, wie Regeln und Ordnungen wirtschaftliche Abläufe und die Handlungsmöglichkeiten der Beteiligten prägen.
Funktionen und Aufgaben
Wirtschaftsdidaktik ist die Bezugswissenschaft der ökonomischen Bildung. Ihre Hauptfunktion besteht darin, Vorgaben für effektives wirtschaftliches Handeln und Kommunizieren zu entwickeln. Sie klärt die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen ökonomische Kompetenzen sowie institutionalisierte Lehr- und Lernprozesse vermittelt werden können.
Zu ihren typischen Funktionen gehören:
- die Evaluation fachwirtschaftswissenschaftlichen Wissens,
- die Produktion von Wissen,
- das Management von Wissen,
- die Metaproduktion von Wissen,
- die Vermittlung zwischen wissenschaftlichem, professionellem und alltäglichem Wissen.
Für Lehrpersonen macht die Wirtschaftsdidaktik Problemfelder und bildende Inhalte erkennbar. Sie untersucht die Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern, erforscht Lehr-Lern-Prozesse im Bereich der ökonomischen Bildung und entwickelt spezielle Unterrichtsmethoden sowie geeignete Unterrichtsmaterialien für den Ökonomieunterricht. Die neuere wirtschaftsdidaktische Forschung befasst sich besonders mit den Bedingungen und Kontexten, unter denen ökonomische Bildung erworben wird.
Aktuelle Herausforderungen und politische Teilhabe
Die Weiterentwicklung der Wirtschaftsdidaktik steht vor mehreren Herausforderungen. Informations- und Kommunikationstechniken prägen die Wissensvermittlung, während noch zu wenig fachdidaktisches Wissen über individuelle und kollektive Alltagstheorien vorhanden ist. Deshalb müssen allgemein geltende Grundlagen geschaffen und gefestigt werden. Außerdem entstehen in der sich wandelnden Wissensgesellschaft neue Bezugsdisziplinen und Paradigmen, die in das bestehende Wissen integriert werden müssen.
Der wirtschaftsdidaktische Wissensbegriff soll erweitert werden, damit mehr Bezugsquellen wirtschaftswissenschaftlichen Wissens berücksichtigt und Zugänge zur ökonomischen Bildung erleichtert werden. Zugleich führen steigende und sich kontinuierlich verändernde Anforderungen zu einer möglichen Instrumentalisierung von Wissen. Wirtschaftsdidaktische Kriterien sollen helfen, mit diesen Veränderungen umzugehen. Eine weitere Aufgabe ist das wirtschaftsdidaktische Wissensmanagement: Es müssen Strategien entwickelt werden, um wirtschaftliches Wissen zugänglich zu machen.
Ökonomische Bildung und Wirtschaftsdidaktik zielen auf Entscheidungsfähigkeit, Handlungsfähigkeit und Verantwortung in privaten Lebenssituationen. In einer Demokratie ist Kompetenz in ökonomischen Fragen außerdem eine wichtige Voraussetzung für politische Teilhabe. Bürgerinnen und Bürger können dadurch Politik und Gesellschaft besser mitgestalten. Wirtschafts- und Politikdidaktik überschneiden und ergänzen sich daher und leisten gemeinsam einen Beitrag zu umfassender politischer Bildung.