Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Regine (Gottfried Keller)

Regine ist eine Erzählung von Gottfried Keller. Sie erschien im Rahmen des Novellenzyklus Das Sinngedicht 1881. Inhaltsverzeichnis. 1 Inhalt; 2 Hintergründe …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundthema
  2. 2. Rahmenhandlung und Erzählwettstreit
  3. 3. Regines Aufstieg und Tod
  4. 4. Literarischer Hintergrund
  5. 5. Kritik am Pygmalion-Modell
  6. 6. Verfilmungen

Werk und Grundthema

„Regine“ ist eine Erzählung von Gottfried Keller. Sie erschien 1881 als Teil des aus insgesamt 13 Kapiteln bestehenden Novellenzyklus „Das Sinngedicht“.

Das zentrale Thema ist der Pygmalion-Galatea-Komplex: Ein Mann versucht, eine Frau nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Die Erzählung prüft dieses Rollenmodell kritisch und zeigt, wie Bildung, gesellschaftliche Erwartungen, Standesunterschiede, Misstrauen und mangelnde Kommunikation eine Beziehung zerstören können.

Rahmenhandlung und Erzählwettstreit

Zu Beginn der Rahmenhandlung ist der Naturwissenschaftler Reinhart von seiner Arbeit im Labor erschöpft. Er beschließt, ins Land hinauszureiten und ein Epigramm Friedrich von Logaus aus dem Jahr 1654 in der Wirklichkeit zu erproben: „Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? / Küß eine weiße Galatee: sie wird errötend lachen.“

Reinhart und Lucie beginnen daraufhin einen Erzählwettstreit über die Partnerwahl und über die Rollen von Männern und Frauen. Innerhalb dieses Wettstreits erzählt Reinhart im achten Kapitel die Geschichte Regines. Mit ihr wird das zunächst angelegte Pygmalion-Galatea-Thema aufgelöst.

Regines Aufstieg und Tod

Erwin Altenauer ist ein wohlhabender, kunstinteressierter Amerikaner deutscher Herkunft und arbeitet als Gesandtschaftsattaché. Er verliebt sich in das Dienstmädchen Regine und unterstützt erfolgreich ihre nachträgliche Bildung.

Als Erwin plötzlich nach Amerika zurückgerufen wird, nimmt er Regine jedoch nicht sofort mit. Er möchte sie seinen anspruchsvollen Eltern erst vorstellen, wenn sie sich in jeder Hinsicht ihrem neuen gesellschaftlichen Rang entsprechend verhalten kann. Deshalb muss Regine ein Bildungsprogramm durchlaufen, das die Standesgrenzen überwinden soll. Erwin übergibt ihre weitere Ausbildung drei Frauen aus der Kunst- und Kulturszene, die von Keller eher negativ dargestellt werden.

Nach Erwins Rückkehr scheitert das Experiment an Misstrauen und Entfremdung. Keller führt die Tragödie allerdings nicht unmittelbar auf Regines Bildung zurück, sondern betont schicksalhafte Umstände: Regine schämt sich für eine Mordtat ihres Bruders, während Erwin sie der Untreue verdächtigt. Beide sind unfähig, offen über ihre Belastungen und Verdächtigungen zu sprechen. In ihrer Ratlosigkeit nimmt sich Regine, die gesellschaftlich aufgestiegen ist, das Leben.

Literarischer Hintergrund

In der literaturwissenschaftlichen Forschung gilt Regine als dichterisches Denkmal für Elise Egloff. Keller hatte Elise und ihren Ehemann, den Anatomen Jacob Henle, 1846 in Zürich kennengelernt. Zwei Jahre später besuchte er in Heidelberg Henles anthropologische Vorlesung, die er später in „Der grüne Heinrich“ beschrieb.

Bereits 1851 begann Keller in Berlin mit Entwürfen zu einem Galatea-Novellenzyklus. Dieser richtete sich gegen Berthold Auerbachs ebenfalls von Elise Egloff angeregte Erzählung „Die Frau Professorin“. Keller wandte sich besonders gegen die dort dargestellte Unvereinbarkeit von Kultur und Natur beziehungsweise von Stadt und Dorf.

Keller hielt seine Geschichte etwa 30 Jahre zurück. Als möglicher Grund gilt, dass er Auerbach 1856 persönlich kennenlernte, sich mit ihm anfreundete und von ihm literarisch unterstützt wurde. Erst 1880 begann Keller auf Drängen seines Verlegers mit der Ausarbeitung des späteren Novellenzyklus „Das Sinngedicht“. Dem Kunstprofessor Reinhard aus Auerbachs Werk stellte er den Naturforscher Reinhart gegenüber; zugleich setzte er der Figur Lorle seine eigenen Frauengestalten Lucie und Regine entgegen.

Kritik am Pygmalion-Modell

Erwins Versuch, Regine nach seinem Ideal einer „edlen Weiblichkeit“ zu erziehen, erinnert an den antiken Mythos von Pygmalion und Galatea. Der Bildhauer Pygmalion erschafft eine Frauenstatue, die auf seinen Wunsch von der Liebesgöttin zum Leben erweckt wird. Galatea steht damit für eine Frau, die nach männlichen Vorstellungen geschaffen wird und „von Mannes Gnaden“ existiert.

Nach der von Gunhild Kübler wiedergegebenen Deutung zerreißt Regines Tod diesen Mythos. Das Erzählduell zwischen Reinhart und Lucie verabschiedet das Modell als nicht mehr zeitgemäß: Die darin festgelegten Rollen können weder Männer noch Frauen angemessen erfüllen. An seine Stelle treten im „Sinngedicht“ aufklärerische und egalitäre Vorstellungen von Erotik und ehelicher Liebe, die auf Gleichberechtigung statt auf der Formung eines Menschen durch den anderen beruhen.

Verfilmungen

Erich Waschneck verfilmte die Novelle 1935 unter dem Titel „Regine“ mit Luise Ullrich. 1955/1956 entstand unter der Regie von Harald Braun eine freie Verfilmung mit Johanna Matz und Erik Schumann in den Hauptrollen; sie wird als „Regine“ (1956) geführt.

Weiterlesen