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Dû bist mîn, ich bin dîn
Der Text gehört zu den bekanntesten Beispielen der deutschen Literatur des Mittelalters und gilt als ältestes mittelhochdeutsches Liebeslied. Es gilt gemeinhin …
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Gegenstand und Überlieferung
„Dû bist mîn, ich bin dîn“ ist der erste von sechs zusammenhängenden Versen am Ende eines lateinischen Liebesbriefes. Die Verse wurden gegen Ende des 12. Jahrhunderts, vermutlich um 1180, von einem anonymen Schriftsteller verfasst. Sie stehen in der Tegernseer Briefsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek, Codex latinus Monacencis 19411, fol. 114v. Der Text gilt als eines der bekanntesten Beispiele der deutschen Literatur des Mittelalters und gemeinhin als ältestes mittelhochdeutsches Liebeslied. In der Germanistik ist jedoch umstritten, ob es sich überhaupt um ein eigenständiges Gedicht handelt.
Der Brief befindet sich in einer Musterbriefsammlung und wird einer Dame beziehungsweise Nonne zugeschrieben. Die sechs Verse fassen den Inhalt des Briefes knapp zusammen. Da der Briefwechsel zwischen Nonne und Mönch von derselben Hand notiert wurde, wird seine Authentizität häufig infrage gestellt. Möglich ist daher, dass die Briefe nur die Fiktion eines Mönches sind. Ebenso könnte der Text ein Zitat aus einem Volkslied, etwa einem Winileod, sein.
Wortlaut und Kernaussage
Der mittelhochdeutsche Wortlaut lautet:
„Dû bist mîn, ih bin dîn. des solt dû gewis sîn. dû bist beslozzen in mînem herzen, verlorn ist das sluzzellîn: dû muost ouch immêr darinne sîn.“
Die neuhochdeutsche Übersetzung nach Thomas Bein lautet: „Du bist mein, ich bin dein. Dessen sollst du gewiss sein. Du bist eingeschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüssellein: Du musst auch für immer darin bleiben.“
Im Mittelpunkt steht eine wechselseitige Liebeserklärung. Beide Personen werden als einander zugehörig und gleichwertig dargestellt. Die angesprochene Person befindet sich dauerhaft im Herzen des sprechenden Ichs; weil der kleine Schlüssel verloren ist, kann sie diesen inneren Ort nicht mehr verlassen.
Form und Gattungsfrage
In der Handschrift stehen die Verse noch ohne Absätze. Reimpunkte trennen die einzelnen Einheiten. Häufig wurde der Text als eine Strophe aus drei gleich gebauten Reimpaaren aufgefasst. Für diese Deutung wird die Kadenzstruktur „v:v|kl:kl|v:v“ angegeben. Ein stolliger Bau, also eine Gliederung in zwei gleichartige Teile und einen Abgesang, wird in der Regel verneint.
Jürgen Kühnel deutet die Überlieferung anders: Für ihn handelt es sich um sechs Prosazeilen unterschiedlicher Länge, die lediglich einen fünffachen în-Reim aufweisen. Die vierte Zeile bleibt ohne Reim. Nach dieser Auffassung liegt Reimprosa vor, die nicht als eigenständiges Gedicht gelten müsse. Die Frage, ob der Text Gedicht oder Reimprosa ist, hängt deshalb eng mit der Überlieferung als Teil eines Liebesbriefes zusammen.
Bildsprache und Interpretation
Der erste Vers ist syntaktisch spiegelbildlich gebaut: „Dû bist mîn, ich bin dîn“. Diese Form spiegelt die wechselseitige Beziehung und die Gleichwertigkeit der beiden Personen. Die Formel ist in verschiedenen mittelalterlichen Texten belegt und war auch als Verlobungsformel beliebt. Häufig wird außerdem auf das Hohelied verwiesen, in dem es in 2,16 und 6,3 heißt: „Mein Freund ist mein und ich bin sein, der unter Lotosblüten weidet.“
Die Verse führen die traditionelle Metapher der Liebe als Einschluss im Herzen weiter. Das Herz kann als Behälter, etwa als Schatzkästchen, verstanden werden. Darin soll die angesprochene Person sogar die Vergänglichkeit des Körpers überdauern. Es kann aber auch als Haus erscheinen, das durch den Verlust des Schlüssels zu einem Gefängnis wird. Der scheinbar unbeabsichtigte Verlust des Schlüssels kann als rhetorischer Kniff gelesen werden: Das Ich besitzt dadurch eine Art Herrschaft über die Freiheit der anderen Person. Solche Machtspiele innerhalb einer Beziehung sind typisch für die Liebeslyrik der Zeit. Das Motiv der Frau, die den Mann mit „der minnen stricke“ fesselt, greift zudem auf antike Motive zurück und wurde auch in späteren Epochen als Topos verwendet.
Einordnung und Wirkungsgeschichte
Die Zugehörigkeit zum Minnesang wird häufig verneint. Inhaltlich unterscheidet sich der Text von der im Minnesang meist vorherrschenden Darstellung spannungsreicher und kaum erfüllender Beziehungen, weil er Geborgenheit und erfüllte gegenseitige Zugehörigkeit ausdrückt. Außerdem ist er in keiner mittelalterlichen Liedhandschrift überliefert. Meinolf Schumacher fasst das Problem zugespitzt zusammen: „Es ist paradox: Der zumindest bei Nicht-Mediävisten populärste Text des deutschen Minnesangs soll nicht zu ihm gehören!“
Gleichzeitig enthält der Text Merkmale, die später für den Minnesang typisch werden: den Dualismus von Mann und Frau, eine ausdrücklich gewünschte emotionale Beziehung, die Versicherung innerer Aufrichtigkeit und die Darstellung von Machtspielen.
Der deutsche Bibliothekar Bernhard Joseph Docen (1782–1828) teilte den Briefschluss Georg Friedrich Benecke (1762–1844) und Karl Lachmann (1793–1851) mit. Beide gaben ihn zunächst 1827 in ihrem Kommentar zum Artusroman „Iwein“ wieder. Lachmann nahm die Strophe später in „Des Minnesangs Frühling“ auf, obwohl sein Mitherausgeber Moriz Haupt die Eigenständigkeit als Gedicht bereits bezweifelte. Danach wurde der Text in der germanistischen Forschung meist als selbstständiges Gedicht und als Beispiel volkstümlicher Liebeslyrik behandelt; die Überlieferungsgeschichte trat teilweise in den Hintergrund. Auch die Authentizität einer Autorschaft der Nonne wurde gelegentlich angenommen.
Heute gehört der Text zu den bekanntesten Schriftstücken des Mittelalters. Jürgen Kühnel bezeichnet ihn als den „zweifellos populärsten mittelhochdeutschen Text“. Er wird häufig „ältestes Liebesgedicht in deutscher Sprache“ genannt und verbreitete sich in zahlreichen Varianten, unter anderem durch Abdruck auf Gebrauchsgegenständen. Der Dokumentarfilm „Du bist min. Ein deutsches Tagebuch“ von Annelie und Andrew Thorndike aus dem Jahr 1969 zitiert die Verse zu Beginn und entlehnt ihnen seinen Titel.