Politik der Geschichte vs. Geschichtspolitik // History of politics vs. politics of history Melanie Lal https://www.youtube.com/watch?v=zbc7heMARq8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Statuen der ehemals Mächtigen, eine chilenische Militärparade nach deutschem Vorbild. Das alte Berliner Schloss, das Humboldtforum. 0:08 Die Gräber ihrer Vorfahren. Ein Haufen Steine markiert, wo sie liegen. Namenlos, ohne Grabstein. Opfer im Kampf gegen die deutschen Kolonialtruppen. 0:20 Die Rechtsnorm des Völkermords wurde allerdings erst 1948 geschaffen, sodass ein Rückbezug nicht möglich ist. Nur ein Vogelschiss! 0:27 Das ist unerträglicher Geschichtsrevisionismus in Reinform, meine Damen und Herren. 0:33 I have a dream! Woran erinnern wir uns gerne? 0:37 Woran sollten wir uns erinnern? Wann wird Geschichte zu Politik, 0:42 und andersherum? Erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad! 0:50 Wörtlich: Erinnerungsdiktatur! Rechtspopulistische Propaganda. 0:56 Ein Schlussstrich bei der Erinnerung. Nee, einen Schlussstrich wollen wir nicht ziehen! 1:18 Im Wintersemester 2019/20, nahmen Studierende der Uni-Erfurt und der Viadrina Uni in Frankfurt Oder an einer Exkursion teil. 1:27 In Erfurt leitete das Seminar der Historiker Dr. Friedrich Cain Also, es geht um Geschichtspolitik, 1:34 um die Frage wie, politische Diskurse und Geschichtsschreibung gegenseitig aufeinander Einfluss nehmen. Mein Spezialgebiet ist nun Ost-Mittel-Europa, beziehungsweise Polen 1:43 und da lag es nahe nach Gdańsk, also Danzig, zu fahren. In Frankfurt Oder kamen weitere Studierende der Viadrina Uni zu uns. 1:58 Also, wir sind auf dem Weg, im zweiten Zug, nee, im dritten Zug, von Posen nach Gdingen, also von Poznań nach Gdynia. 2:07 Und wir sind nur noch drei Stunden entfernt. Am Abend kamen wir in Gdańsk an und frönten der polnischen Kneipenkultur. 2:24 Na zdrowie! Eine zerbombte Kaserne, zerbombt von den Deutschen. 2:44 Wir befinden uns bei der Westerplatte, einer Halbinsel in der nähe von Gdańsk. Hier fielen am 1. September 1939 die ersten Schüsse des zweiten Weltkriegs. 2:55 Es ist ein kontroverser Ort. Damals ein Kurort mit Seebädern 2:59 rund 100 Jahre später, nach ende des polnisch-sowjetischen Kriegs, ein Munitionslager. Ausgebaut vom polnischen Militär, für die Öffentlichkeit unzugänglich. 3:08 Im Dezember 2015 gründete die rechtskonservative Regierung aus der Westerplatte ein Museum. Mein Eindruck von der Wersterplatte war, dass diese Ausstellung hier 3:25 sehr, bezogen auf diesen nationalen Heldenepos zur Indentitätsbildung, ist. Ich persönlich habe damit kein besonders großes Problem und fand die Ausstellung auch sehr informativ. 3:40 Mein Eindruck von der Westerplatte war ein bisschen durchwachsen. Ich glaube das ist ein super historischer Ort, eigentlich. Der glaube ich, auch echt wichtig ist, 3:48 aber irgendwie nicht so schön aufbereitet, glaube ich. Es hat ein bisschen was von Sightseeing am Strand gehab, fand ich. 3:54 Es waren ein paar schöne Dinge dabei, aber ich glaube man könnte mehr daraus machen. 4:01 Mit dem Bus fuhren wir zurück nach Gdańsk, um dort das Museum des Zweiten Weltkrieges zu besichtigen. 4:17 Das Museum hat den Anspruch den gesamten Zweiten Weltkrieg zu zeigen, eigentlich an allen Kriegsschauplätzen, 4:26 und vor allem möchte es das Schicksal der zivilen Bevölkerung abbilden. Das Museum des Zweiten Weltkriegs wurde mit der Westerplatte, 4:39 von der 2015 neu gewählten rechtskonservativen Regierung, zusammengelegt, um politische Befugnisse geltend zu machen. 4:45 So wurde der ehemalige Leiter des Museums, Paweł Machcewicz, nicht direkt entlassen, 4:50 sondern seine Arbeitgeberinstitution von der neuen Regierung aufgelöst und unter gleichen Namen neu gegründet. 4:57 Dies löste in Fachkreisen Debatten aus. Das ist eindeutig ein Museum was von der PO (Platforma Obywatelska) ins Leben gerufen wurde, 5:03 das auch von der Regierung rein aus polnischen Geldern finanziert wurde, aber es gab keine Versuche in den Inhalt der Ausstellung einzugreifen, hineinzuregieren, 5:16 oder uns vorzuschreiben was denn da jetzt zu stehen oder zu liegen habe, oder was für Texte dort jetzt geschrieben werden müssten. 5:24 Und jetzt, mit der neuen Regierung, ist es durchaus so, dass Teile der… Dinge die ich auch Vorgestellt habe, 5:30 , also… Konzentrationslager insbesondere, und Holocaust … das dort Veränderungen vorgenommen wurden, mit denen ich mich nicht einverstanden erklären würde, 5:38 wenn man mich vorher gefragt hätte. From the changes that have been introduced, I do believe the most important one, 5:53 the most damaging one, is the final movie. The original Movie tells the story of the divided worlds, 6:01 that fought in conflicts and wars, and taught a little bit about conflicts that happened in recent years in Syria and Donbass. 6:09 Replacing it with this animated version of heroic Polish history, simply doesn’t fit in this well-designed final room. 6:19 The movie at the end is an animation, which touches on a lot of significant events during the Second World War 6:32 and also portrays Poland as quite a heroic nation. It praises (us) people, who lost lives during the Second World War for how brave they were. 6:48 So, I believe it is quite a nice ending for when you leave place so sad. Am nächsten Tag beschäftigten sich die Studierenden mit einem anderen Teil der 6:59 polnischen Geschichte. Früh am Morgen auf dem Vorplatz des Europäischen Solidarność Zentrums. 7:06 Der 2007 eröffnete Stahlbau steht auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft. Heute ist der bau Sinnbild für den polnischen Weg in die Freiheit bis '89. 7:19 Die Studierenden erhielten dabei Einblick in die Geschichte des großen Streiks von 1980, der zum Entstehen der Solidarność geführt hatte. 7:27 Um die Anfänge der Volksbewegung nachvollziehen zu können, gab es vor Ort zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten, 7:34 um sich mit den sozialen und politischen Klima Polens Ende der 1970er Jahre vertraut zu machen. 7:38 Solidarność heißt dabei so viel, wie „unabhängiger, selbstverwaltender Gewerkschaftsbund“, und stellt bis heute die erfolgreichste unabhängige Gewerkschaftsbewegung im ehemaligen Ost-Block dar. 7:52 Allerdings zeigt das Museum nicht primär die Geschichte der Gewerkschaftsbewegungen in Europa, sondern spezifisch die der Solidarność. 8:04 2019 verlangte das polnische Kulturministerium, dass neue regierungskonforme Austellungsstücke hinzugefüg werden. 8:10 Das Museum weigerte sich. Das Budget wurde um drei Milionen Zł gekürzt. 8:19 Zum Abschluss konnten die Gäste des Museums eigene Impulse an einer Zettelwand anbringen, und somit die Ausstellung mitgestallten. 8:29 Nach einer Diskussion der gewonnen Eindrücke in einem örtlichen Seminarraum, machten wir uns wieder auf. Wir sind gerade am Hauptbahnhof von Danzig und warten jetzt dass unser Zug kommt, 8:38 dass wir die Tickets bekommen, damit wir was essen fahren können. Das wird lecker, lecker, leckerschmecker! 8:54 Zu unserer Überraschung entpuppte sich das rustikale Restaurant als wahre Party-Location. Am nächsten Morgen täuschte die Morgensonne nur schwer über die Minusgrade hinweg 9:31 Jenseits des Flusses (Motława), der Neu- und Altstadt voneinander trennt, zeichnet sich das Stadtbild durch eine einzigartige Mischung aus Gotik-, Renaissance- und Barockgebäuden aus. 9:44 Die restaurierten Fassaden, und die großen Marktflächen erinnern an die Bedeutung der früheren Handelsmetropole im 14. und 15. Jahrhundert. 9:53 Letzteres ist alles andere als selbstverständlich, denn die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadt musste nach 1945 aufwendig rekonstruiert werden. 10:03 In den zahlreichen verwinkelten Gassen und insbesondere am Wasser sind die Spuren von Danzig als Hansestadt nicht zu übersehen. 10:27 Im Neptun-Brunnen wird Wasser zu Schnaps... naja, so die Legende. Wer Geschichte betrachten will, der/die findet ihre Spuren hier auch außerhalb des Museums. 10:42 Wir sind jetzt am Hauptbahnhof von Danzig und sind auf dem Rückweg. Es waren sehr dichte, sehr kompakte, inspirierende Tage. 10:55 Ich fand’s sehr interessant. Wunderbar. Ganz Toll. Das Museum des Zweiten Weltkrieges hat mich dann an bestimmten Punkten sehr enttäuscht, 11:04 weil es eben bestimmte Positionen, aus meiner Sicht heraus fragwürdig erklären möchte oder aufgreift. 11:12 Ziemlich straff im Zeitplan, sehr gepackt, sehr eng getaktet, aber dennoch sehr gut. Viel gelernt, und auch vor allen Dingen mal eine andere Perspektive auf ganz viele Dinge bekommen, 11:24 nämlich eine dezidiert Polnische. Die ganze Dramaturgie die dieser Exkursion von der Westerplatte, 11:31 über das Museum des Zweiten Weltkriegs bis hin zu Solidarność 11:34 hat ja seine eigene Schlüssigkeit, und insofern, würde ich sagen, rundum, also im Kleinen wie im Großen: Tief beeindruckend. 11:48 Das Feedback zur Exkursion fällt positiv aus. Das Urteil über die polnische Staatsbahn weniger. 12:03 Das Gesamturteil wurde allerdings nicht mehr getrübt. Es war wunderschön! Vielen Dank!