Eine kurze Geschichte über… das Mittelalter | Terra X | MrWissen2go Terra X plus https://www.youtube.com/watch?v=y5uAf4ccrtE Transkript (automatisch erstellt) 0:26 Das Mittelalter. Es gilt als dunkel, rückständig und grausam. 0:31 War es wirklich so? Ich will Licht ins Dunkel der Geschichte bringen. 0:37 Woher haben Könige ihre Macht? Warum macht Stadtluft frei? 0:47 Wie beweglich ist ein Ritter in seiner Rüstung? Und welche Rolle spielen die Frauen im Mittelalter? 1:12 Bis heute übt die Welt des Mittelalters eine große Faszination aus. 1:16 Man stellt sie sich bunt und grell vor, voller fantastischer Abenteuer. 1:21 Vor allem die Welt der Ritter. Kann mir auch vorstellen, warum. 1:25 Als Kind hab ich in alten Burgen gespielt. Auch in Computer-Spielen kann man als Ritter unterwegs sein. 1:32 Als Krieger, der für seinen König in die Schlacht zieht. Der Ritter ist der Inbegriff des mittelalterlichen Helden. 1:40 Allzeit bereit, sein Leben für höhere Ziele zu riskieren. Aber war das Ritterleben wirklich so Testosteron-gesteuert? 1:50 Das Wort Ritter kommt von reiten. Pferdemänner werden sie deshalb überall in Europa genannt. 1:56 Caballero, Chevalier, Caballiere oder Horse-Man. Reitende Krieger mit Helm, Kettenhemd, Lanze und Schwert. 2:10 Für Jahrhunderte bestimmt der Kampf Mann gegen Mann das Kriegsgeschehen. Doch zum Ritter wird der Krieger erst durch ein besonderes Ritual. 2:22 Im Namen des Herrschers bekommt er ein Schwert überreicht. Aus dem Nackenschlag wird später der berühmte Ritterschlag. 2:36 Die Ritter sind der Kriegerstand innerhalb der Gesellschaft. Die ist im Mittelalter streng hierarchisch geordnet. 2:44 Alles beruht auf dem sogenannten"Lehenswesen". Lehen kommt von leihen. 2:51 Denn der Lehnsherr verleiht sein Land. Der Lehnsmann verspricht dafür Gefolgschaft. 2:58 Oberster Lehnsherr ist der König. An zweiter Stelle stehen die Herzöge, Grafen und Bischöfe. 3:06 Darunter folgt der niedere Adel. Edelfreie und Äbte. 3:12 Am unteren Rand der Gesellschaft stehen die Bauern. Und die Ritter? Auch sie haben einen Platz in der Lehns-Pyramide. 3:23 Als Teil des niederen Adels. * Fanfaren * 3:39 Inbegriff des Ritterlebens ist das Turnier. Hier suchen die Ritter den ultimativen Kick, 3:45 um ihren Mut und ihre Kühnheit zu beweisen. Mit angelegter Lanze und in vollem Galopp 3:52 soll der Gegner vom Pferd gestoßen werden. Die Schaukämpfe sind ein Highlight im mittelalterlichen Festkalender. 4:03 Jeder Teilnehmer wird in einem Turnierbuch verzeichnet. Sein Wappen ist die Visitenkarte des Ritters. 4:11 Es macht ihn unverwechselbar, auch bei geschlossenem Visier. Das farbenfrohe Spektakel 4:20 soll jedoch keine schweren Blessuren nach sich ziehen. Die Lanzen sind an der Spitze entschärft. 4:27 Eine Barriere verhindert, dass die Pferde aufeinanderprallen. Aus zeitgenössischen Turnier- Darstellungen können Historiker 4:36 und Waffenkundler heute jede Menge ableiten. Den Pferden wurden Eisenringe vor die Augen gebunden. 4:43 Damit sie nicht scheuen, wenn sie aufeinander zurasen. Wilde Dekorationen, Puppen oder ausgestopfte Tiere 4:50 schmückten die Helme. An der Brust befestigte Haken 4:54 sollten die Lanzen sicher ins Ziel führen. Zielte man zu hoch, löste sich die Lanze aus der Halterung 5:01 und flog in hohem Bogen davon. Ein echter Hingucker reparierte Schilde. 5:07 Traf man die richtige Stelle, zersprangen sie. Dank eines ausgetüftelten Federmechanismus 5:13 in alle Einzelteile. Auch heute haben wir noch viele Redewendungen im Sprachgebrauch, 5:20 die an Turniere erinnern. Z.B. wenn wir jemandem mit offenem Visier begegnen. 5:26 Mit offenem Visier kämpfen oder für jemanden die Lanze brechen. Aus bis zu 150 Einzelteilen bestehen solche Rüstungen. 5:33 Die die Ritter vor Lanzen, vor Schwerthieben oder vor Pfeilen schützen sollte. 5:38 Man war von Kopf bis Fuß in Metallteile gehüllt. Das machte den Ritter zum Helden in Eisen. 5:43 Oder zum Ritter Rost, wie es schon im Mittelalter hieß. Das Zeughaus in Graz beherbergt die größte historische Waffenkammer 5:54 der Welt. Alle diese Rüstungen wurden einmal maßgefertigt. 6:02 Sonderausstattung inklusive. Hier haben wir es. 6:10 Können Sie mir erklären, für was das damals war? Das ist "Schamkapsel", war im 16. Jahrhundert in Mode. 6:19 Zum einen durchaus als Schutz gedacht. Zum anderen ging's wohl auch darum, 6:23 die Männlichkeit des Trägers zu unterstreichen. So ein bisschen wie Sportwagen heute, könnte man sagen. 6:29 Die sehen ja sehr schick, sehr prunkvoll aus. Hat man so was im Kampf getragen? - Eher nein. 6:34 Es sind repräsentative Harnische. Die hat man getragen zu besonderen Anlässen, 6:39 Umzügen, Feierlichkeiten, um zu zeigen, was man hat. Wie kam man da rein? Allein ging das nicht. 6:45 Es gab Knappen, die dabei unterstützt haben. Allein das Gewicht des Harnischs hätte es schwer möglich gemacht. 6:56 Ich will herausbekommen, wie es sich anfühlte, als Ritter in einer Rüstung zu stecken. 7:02 Dazu werde ich von Kopf bis Fuß in Blech verpackt. 30 Minuten stillhalten. Dann ist es endlich geschafft. 7:15 Wenn ich jetzt behaupten würde, es wäre bequem, dann würde ich lügen. Aber vielleicht ist man damit ja beweglich. 7:23 Okay, Kniebeuge klappt auch nicht so gut. Keine Ahnung, wie die es darin ausgehalten haben. 7:29 Das fühlt sich an, als würden einem 30 Kilo auf dem Kopf sitzen. Wie die Ritter das geschafft haben ist mir ein Rätsel. 7:37 Aber war ein Ritter in voller Montur wirklich so unbeweglich? Oder kann er es mit einem modernen Soldaten aufnehmen? 7:45 Die Teststrecke: ein 450 Meter langer Hindernisparcours. Ritter gegen Soldat: Wer schafft es als Erster ins Ziel? 8:03 Mittelalter gegen Moderne. Gut 30 Kilogramm trägt jeder der durchtrainierten Läufer am Körper. 8:22 Schon auf halber Strecke zeigt sich: Die auf Maß gefertigte Rüstung 8:26 ermöglicht einen nahezu vollen Bewegungsumfang. Mit seiner kugelsicheren Weste und dem schweren Gefechtsrucksack 8:34 kann der Soldat nicht schritthalten. Der Vorsprung des Helden in Eisen wächst. 8:48 Das Experiment zeigt: Der scheinbar schwerfällige Ganzkörperschutz 8:53 ist besser als sein Ruf. Sie sind das Wahrzeichen des Mittelalters: 9:04 Burgen. Allein im deutschsprachigen Raum soll es weit mehr als 30.000 gegeben haben. 9:11 Die meisten wurden im Kreuzungsbereich wichtiger Handelsrouten errichtet. 9:18 Allen gemeinsam: Sie sollen möglichst uneinnehmbar sein. Die Zugbrücke über einen Graben hält unerwünschte Besucher fern. 9:32 Meterdicke Mauern und Türme schützen den Palast, das Wohnhaus des Ritters und die Wirtschaftsgebäude. 9:40 Wahrzeichen jeder Burg ist der imposante Bergfried. Ich dachte lange, dass er auch als Gefängnis 9:48 und letzte Zuflucht vor Eindringlingen diente. Heute ist man aber sicher: Der Bergfried ist ein Machtsymbol. 9:56 Durch seine Größe und Stärke zeigt er unmissverständlich, wer in dieser Gegend das Sagen hat. 10:09 Als Ritter auf der eigenen Burg zu leben ist kein Zuckerschlecken. Viele Burgherren müssen selbst mit anpacken, 10:16 um über die Runden zu kommen. Oft stehen sie buchstäblich mit beiden Beinen im Mist. 10:22 Denn jede Burg ist vor allem ein Wirtschaftsbetrieb zur Selbstversorgung. 10:28 Und der Herr Ritter ist der Betriebsleiter. Toiletten sind in Burgen an die Außenmauer angebaut. 10:37 Eine kleine Burg hat zwei oder drei Toiletten. Bei großen landesherrlichen Burgen sind es auch schon mal 20 oder 30. 10:44 Eine Tür trennt sie von den großen Burgräumen. Doch die bleibt im Hochmittelalter oft noch offen. 10:51 So dass der Herr des Hauses weiter am Gespräch teilnehmen kann, während er sein Geschäft verrichtet. 10:58 Privatsphäre Fehlanzeige. Heute sind die mittelalterlichen Kloaken 11:04 ein wissenschaftliches Forschungsobjekt. Die Auswertung der Funde ermöglicht Rückschlüsse 11:10 auf das Leben im Mittelalter. Vor allem auf die Ernährungsgewohnheiten damals. 11:19 Getreide ist das gesamte Mittelalter hindurch das Grundnahrungsmittel. Es macht 70 % der Nahrung aus und wird vor allem zu Brot verarbeitet. 11:28 Bier hat einen niedrigeren Alkoholgehalt als heute. Und wird gerne anstelle des häufig verunreinigten Wassers getrunken. 11:38 Gemüse kommt selten auf den Tisch. Schon gar nicht Tomaten, Paprika Mais oder Kartoffeln. 11:44 Die finden erst mit der Entdeckung Amerikas ihren Weg nach Europa. 11:49 Und Fleisch ist teuer. Eine Bauernfamilie im Hochmittelalter muss mit 20 Kilo im Jahr auskommen. 11:56 Heute verspeisen wir durchschnittlich das Dreifache. Auch der Adel kann im Mittelalter beim Essen richtig zulangen. 12:04 Sogenannte Schaugerichte sind beliebt. Nicht der Geschmack, sondern die Optik ist dabei wichtig. 12:10 Gefüllter Schwan oder gebratene Wachteln, die auf einem Spanferkel reiten. 12:15 Tabus gibt es keine. Warum heißt das Mittelalter eigentlich Mittelalter? 12:23 Es heißt so, weil es zwischen einer alten und einer neuen Zeit liegt: Zwischen der Antike und der Neuzeit. 12:30 Festgelegt hat man das eher willkürlich im 17. Jahrhundert. So richtig gelungen fanden das auch nicht alle. 12:38 Heute gilt als Faustregel: Das Mittelalter dauerte von 500 bis 1500 n. Chr. 12:43 1000 Jahre also, in denen viel passiert ist. Für uns moderne, aufgeklärte Menschen fast unvorstellbar. 13:05 Der christliche Glaube bestimmte im Mittelalter buchstäblich alles. Himmel und Hölle waren für die Menschen so real, 13:12 wie die Welt, die sie umgab. Und die Hölle war ein Ort, der Ängste auslöste, 13:18 wie wir sie heute kaum noch nachempfinden können. Höllenängste eben, eine Strafvollzugsanstalt im Jenseits. 13:24 Wer hier landete, war gefangen für immer. Keine Christenseele, die hier enden wollte. 13:30 Nicht in die Hölle, in den Himmel wollte man kommen. Hoffnung auf das Paradies war der Lichtblick 13:37 in einem oft sehr mühseligen Leben. Was nach dem Tod kommen würde, 13:48 darum drehte sich im Mittelalter fast alles. Aber was macht so eine Weltsicht mit den Menschen? 13:57 Deutschland vor 1000 Jahren ist eine andere Welt. Nur sieben Millionen Menschen leben auf dem Gebiet 14:03 der heutigen Bundesrepublik. Die meisten in kleinen Dörfern als Bauern. 14:10 Dazwischen schier endlose Wälder. Doch die Geschichte des Mittelalters reicht noch weiter zurück. 14:18 Bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. Das Mittelalter beginnt, als die Antike mit dem Untergang 14:26 des Römischen Reiches im Westen zu Ende geht. Jetzt schlägt die Stunde der germanischen Stämme. 14:34 Allen voran der am Rhein siedelnden Franken. Sie übernehmen nicht nur politische Macht, sondern auch große Teile 14:43 der von den Römern geschaffenen Infrastruktur. Auch der christliche Glaube wird übernommen. 14:49 Die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig gilt als entscheidender Wendepunkt. Der Legende nach hat Gott ihm zuvor geholfen, 14:57 eine wichtige Schlacht zu gewinnen. Das gemeinsame Bekenntnis zum Christentum wird zur Klammer. 15:05 Zwischen den fränkischen Eroberern und ihren römisch-katholischen Untertanen. 15:16 Rund 300 Jahre später wird Karl König der Franken. Später nennt man ihn den Großen. 15:26 Als Kriegsherr erringt Karl so viele Siege in Schlachten wie kein anderer in seiner Zeit. 15:36 Es gelingt ihm, die meisten germanischen Stämme in oft blutigen Kriegen unter seiner Herrschaft zu vereinen. 15:43 Doch er verfolgt noch größere Pläne. Karl will das Erbe der römischen Imperatoren antreten. 15:53 Ihr Glanz und ihr Ansehen sollen auf die fränkischen Herrscher übergehen. Die Krönung Karls des Großen an Weihnachten des Jahres 800 16:02 begründet das mittelalterliche Kaisertum. Und Aachen, seine Wahlheimat, lässt er prächtig ausbauen. 16:17 Im Mittelalter sind die Menschen überzeugt, dass Gott persönlich darüber entscheidet, 16:23 wer zum Herrscher bestimmt ist. In der Pfalzkapelle, die Karl der Große in Aachen bauen ließ, 16:29 ist dieser Anspruch bis heute gut zu erkennen. Hier wird das ganz besonders deutlich. 16:35 Das ist der Thron Karl des Großen. Etwas enttäuschend, ein paar mit Klammern 16:40 zusammengehaltene Steinplatten. Aber das ist typisch Mittelalter. Alles ist hochreligiös aufgeladen. 16:47 Diese Stein- und Marmorplatten stammen aus der Grabeskirche in Jerusalem. 16:52 Von dem Ort also, an dem Jesus gekreuzigt und begraben wurde. Wer auf diesem Thron sitzen durfte, 17:01 der musste einen direkten Draht zu Gott haben. Auf jeden Fall eine enge Verbindung zu ihm. Und genau das zählte. 17:14 Mehr als 30 Herrscher haben sich nach Karl auf diesen Thron gesetzt. Aber die wurden nicht "von Gott persönlich" ausgewählt. 17:22 Dazu brauchte es Menschen. Für das Mittelalter kein Widerspruch. 17:26 Denn am Ende war doch alles Gottes Wille. Als König geboren zu sein 17:32 kennt man im mittelalterlichen Deutschland nicht. Der Herrscher wird von den Fürsten gewählt. 17:39 Anfangs noch von vielen. Später sind es nur noch sieben. Die berühmten sieben Kurfürsten. 17:50 Wichtigstes Symbol der Macht ist die Reichskrone. Sie ist mit Darstellungen verziert, die sich auf die Bibel beziehen. 17:58 Und ausdrücken, dass der Träger der Krone von Gott persönlich eingesetzt ist. 18:06 Eine Krönung ohne die "Reichskleinodien", zu denen neben der Krone auch ein Schwert, ein Kreuz, eine Lanze 18:14 ein Zepter und ein Apfel gehören, gilt im Mittelalter als wertlos. Da kommt der Kaiser! 18:25 Im Volk werden dem Herrscher von Gottes Gnaden auch besondere Kräfte zugesprochen. 18:31 Bereits den Saum des königlichen Mantels zu küssen soll Glück bringen. 18:38 In England und Frankreich bürgert sich sogar der Glaube ein, der König könne durch Handauflegen Krankheiten heilen. 18:46 In der Realität ist von dieser guten königlichen Magie nur wenig zu spüren. 18:54 Weil es keine Hauptstadt gibt, sind die deutschen Herrscher des Mittelalters ständig unterwegs. 19:00 Rund 30 Kilometer am Tag auf einer endlosen Reise zu Königsgütern und Klöstern. 19:07 Die liegen über das gesamte Reich verteilt. Das Mittelalter war ein Zeitalter der Männer. 19:15 Päpste, Könige, Ritter. Sie haben Kriege angezettelt, geführt, verloren, gewonnen. 19:21 Aber was war eigentlich mit den Frauen? Frau Dr. Hänel, wenn man ans Mittelalter denkt, an Frauen, 19:27 dann denkt man oft an schmachtende Minnesänger, an edle Burgfräulein. 19:32 Aber ist das die Realität? Das ist genau das Klischee, 19:36 das wir vom mittelalterlichen Leben im Kopf haben. Die Ritter haben die Prinzessinnen und Hoffräulein angeschmachtet. 19:44 Das ist ein Klischee, ein literarisches Klischee. Das war in der Realität für die meisten Frauen nicht so, 19:51 dass sie sich als höherstehend und angebetet fühlten. Wie war es wirklich? Mit welchen Härten hatten Frauen zu kämpfen? 20:01 Frauen lebten ein sehr hartes Leben. Männer besaßen Macht. Auch Macht über Frauen. 20:06 Als Tochter wurde man gerade im adligen Bereich von den Eltern, vom Vater verheiratet. 20:11 Die Idee der Liebesheirat hat nicht existiert. Obwohl dieses Gefühl vermutlich da war. 20:18 Wenn sie geheiratet hat, bestimmte der Ehemann über den Rest. Sie gab ja den größten Teil ihres Erbes auch in den Besitz des Mannes. 20:27 Wie so eine Art von Ware, die ausgetauscht wurde. Auch der Körper der Frau gehörte dem Mann. 20:33 Und die Reproduktion stand im Mittelpunkt. Von daher musste die Frau dem Mann auch dienen und Untertan sein. 20:41 Eine Alternative für Frauen gab es. Einen Ort, an dem sie nicht heiraten müssen 20:47 und vor männlicher Willkür besser geschützt sind: Das Kloster. 21:00 Zunächst steht dieser Weg nur adligen Frauen offen. Später auch Töchtern aus bürgerlichen Familien. 21:09 Das klösterliche Gelübde öffnet auch den Zugang zu Wissenschaft und Bildung. 21:15 Und damit zu Karrieren, die sonst undenkbar gewesen sind. Als Äbtissinnen können Frauen Macht erlangen, 21:21 die bisweilen der eines weltlichen Herrn nahekommt. Zehntausende deutsche Männer und Frauen 21:31 verbringen ihr Leben in Klöstern. Die gemeinsamen Gebete strukturieren ihren Tag. 21:38 Alle zwei, drei Stunden Gottesdienste. Sieben zwischen Morgengrauen und Dämmerung. 21:44 Pflicht für alle im Takt der Uhr. Das Mittelalter kennt keine Uhrzeiten. Man braucht sie nicht. 21:53 Anders im Kloster. Aus der frommen Notwendigkeit, die festgesetzten Gebetszeiten 22:00 immer pünktlich einzuhalten, werden alle Klöster mit Uhren ausgestattet. Um das Jahr 1300 kommen die ersten mechanischen Turmuhren auf. 22:11 Technische Meisterwerke. So wissen die Nonnen und Mönche und bald auch jedermann, 22:17 was die Stunde geschlagen hat. Außerhalb der Gebetszeiten arbeiten die Mönche. 22:26 Z.B. als Kopisten von Büchern. Das antike Wissen der Griechen und Römer 22:32 wird so in die neue Zeit herübergeholt. Den gelehrten geistlichen Abschreibern sei dank. 22:40 Zu den traditionellen Tätigkeiten der Nonnen gehört es, Kranke oder Schwangere aus der Umgebung zu versorgen. 22:51 Einige Forscher vermuten jedoch, dass mittelalterliche Nonnen auch in Bereichen wirkten, die sonst als Männerdomäne galten. 22:59 Doch bislang fehlte es an Beweisen. Am Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte 23:08 wurde jetzt eine überraschende Entdeckung gemacht. Herr Krause, was haben Sie da genau herausgefunden? 23:16 Wir wollten Paradentose im Mittelalter untersuchen. Und haben dafür Zähne untersucht und den Zahnstein, 23:23 der an alten Zähnen noch mit dranhängt. Durch Zufall haben wir im Zahnstein einer Frau aus dem Mittelalter 23:29 hunderte von kleinen Farbpigmenten gefunden, und zwar blaue Farbe. Was war das Besondere daran? 23:36 Der Zahnstein ist wie eine Art Zeitkapsel. Da bleiben Fremdstoffe drin hängen. 23:41 Aber auch die Bakterien, die einst in der Person gelebt haben. Diese blauen Farbpigmente, die wir in den Zahnsteinen fanden, 23:49 die stammen von Lapislazuli. Lapislazuli war ein sehr seltener Stoff im Mittelalter. 23:55 Der wurde zu dieser Zeit nur in Afghanistan produziert. Es ist eine Überraschung, dieses seltene Pigment 24:01 im Zahnstein einer Frau zu finden. Wie sind die Farbpigmente in den Zahn gelangt? 24:07 Das Küssen von Heiligenbildern wäre eine Möglichkeit. Wird jedoch erst im späten Mittelalter Brauch. 24:14 In der islamischen Welt wurde Lapislazuli auch als Arznei eingenommen. 24:19 Aber bei uns in Europa? Oder es ist bei der Herstellung der leuchtend-blauen Farbe passiert. 24:26 Die wurde in der Regel aber fertig importiert und nicht selber hergestellt. 24:31 Auch beim Verzieren von Büchern könnte das kostbare Blau in den Mund gelangt sein. 24:37 Aber Frauen in der Buchkunst? Darüber schweigen die Quellen bislang. 24:47 Vieles deutet daraufhin, dass diese Frau eine Art Künstlerin war. Dass sie wahrscheinlich Manuskripte illustriert hat. 24:55 Und wahrscheinlich den Pinsel verwendet hat. Dann hat man häufig den Pinsel angeleckt. 25:00 Wir wussten aus historischen Texten bisher gar nicht, dass Frauen zu dieser Zeit auch diese Dokumente illustriert haben. 25:08 So hatten Frauen einen höheren Status, als wir vermutet hatten. Das gilt auch für die Frauen in den Städten, 25:18 wo wohlhabende Handwerker- und Kaufmannsfamilien den Ton angeben. In Ulm bauen die Bürger auf eigene Rechnung eine gewaltige Kirche. 25:27 Als Glaubensbekenntnis, aber auch als Symbol der Unabhängigkeit ihrer emporstrebenden Stadt. 25:34 Frau Ginger gehört zu den gutbetuchten Familien, die den Bau finanzieren. 25:39 Zum Dank wird sie auf dem großen Altarbild verewigt. Als Mutter Gottes mit Jesus und Josef. 25:46 Mitten im Ulmer Münster. Mit den wachsenden Städten erhält das Hochmittelalter 25:56 sein unverkennbares Gesicht. Mit Häusern in verwinkelten Gässchen, wie sie heute noch 26:02 in mittelalterlichen Stadtkernen zu sehen sind. Das wichtigste Zentrum ist der Marktplatz, 26:08 auf dem das ganze Jahr über Waren gekauft und verkauft werden können. Die Stadtmauer wird zum Symbol, das zwei Welten trennt. 26:17 Draußen herrscht meist Unfreiheit und Fronarbeit. Drinnen locken Bürgerrechte und Selbstbestimmung. 26:25 Aber seit wann gibt es überhaupt so viele Städte? Anfang des 12. Jahrhunderts existieren im ganzen Reich 26:34 nur rund 50 Städte. Man nennt sie auch Mutterstädte. 26:38 An Rhein und Donau sind es vor allem Gründungen aus römischer Zeit. Dazu kommen eher kleine Marktsiedlungen. 26:45 Und eine Handvoll Bischofssitze. Doch als hätte jemand den Schalter umgelegt, 26:51 sprießen plötzlich überall Städte aus dem Boden. Annähernd 3000 sind es im 14. Jahrhundert. 26:57 Eine urbane Revolution. Die Stadt wird das Erfolgsmodell schlechthin. 27:05 Deshalb platzen viele Städte auch bald aus allen Nähten. Ein Stadtrat, der sich aus Vertretern der reichen Familien zusammensetzt, 27:14 gibt die Regeln vor für das Zusammenleben auf engstem Raum. Händler und Handwerker können hier ihre Ware 27:21 vor einem großen Publikum anbieten und verkaufen. Und Stadtluft macht frei. 27:29 Bauern aus umliegenden Dörfern bietet die Stadt die einzigartige Chance, auf ein neues selbstbestimmtes Leben. 27:38 Doch es gilt auch, zahlreiche Vorschriften zu beachten. So etwas wie Gewerbefreiheit gab es im Mittelalter gar nicht. 27:46 Wer Handwerker war, musste einer Zunft angehören. Die Zünfte kontrollierten die Qualität der Waren, 27:52 legten Löhne und Preise fest. Und sorgten dafür, dass nicht ein Handwerker dem anderen 27:57 ins Handwerk pfuscht. Ungefähr die Hälfte der Einwohner einer Stadt 28:01 waren damals Handwerker. Die Zünfte waren ganz schön mächtig. 28:07 Alles wurde im Kollektiv angeschafft. Gebacken wurde in stadteigenen Öfen, 28:12 in denen die Bäcker sich abwechseln mussten. Am Freiburger Münster kann man gut erkennen, 28:20 wie groß damals ein Brot und ein Brötchen sein durften. Man hält das hierhin, dann hat man exakt die Größe. 28:26 Die damals gültigen Maße sind heute noch hier zu erkennen. Wer Zweifel hatte, konnte direkt den Test machen. 28:37 Oder hier eine Elle, die Länge eines Unterarms. Da kann man genau nachmessen, wie lang die damals in Freiburg war. 28:45 Das waren exakt 54 Zentimeter. Konnte jeder prüfen. Mittelalterlicher Verbraucherschutz sozusagen. 28:52 Auch wer sich wie zu kleiden hat ist im Mittelalter vorgeschrieben. Oberste Regel: Anständig soll jeder aussehen. 28:59 Also dem eigenen Stand angemessen. Vorgeschrieben wird vor allem, was nicht getragen werden darf. 29:06 Spitze Schnabelschuhe. Die sind dem Adel vorbehalten. Bei Frauen ist alles offenherzige und figurbetonte verpönt. 29:18 Juden werden in fast ganz Europa verpflichtet, einen gelben spitzen Hut zu tragen. 29:24 Eine unverhohlene Stigmatisierung, Der Bauer trägt indes tagein tagaus dasselbe Gewand: 29:32 Kittel, Hose und Schuhe, die immer wieder geflickt werden. Das Leben in der mittelterlichen Stadt 29:41 bringt viele Herausforderungen mit sich. Auch neue Gefahren, wie den zum Himmel stinkenden Dreck 29:48 in den Straßen. Nicht nur alltägliche Belästigung für Fußgänger. 29:53 Mangelnde Hygiene ist Krankheitsursache Nummer eins im Mittelalter. 30:01 Fäkalien, Abwasser und Müll sind Brutstätten für Erreger aller Art. Woran Menschen damals gelitten haben, 30:11 will man im dänischen Odense herausfinden. Hier lagern rund 17.000 Skelette aus dem Mittelalter. 30:18 Wissenschaftler untersuchen die Knochen und Schädel auf Spuren von Krankheiten und medizinischen Eingriffen. 30:25 Wundheiler, Bader, Quacksalber zählen zu den Handwerkern. Denn sie absolvieren kein Medizinstudium. 30:33 Ihre Kenntnisse haben sie sich in der Praxis angeeignet. Vor allem auf den Schlachtfeldern. 30:41 Heute noch lässt sich erkennen, mit welchen Techniken sie ihre Patienten damals behandelten. 30:47 Die Praktiker trauen sich sogar an Schädel-OP's. Mit - aus heutiger Sicht - erstaunlichen Erfolgen. 30:55 Lose Knochensplitter werden mit einer Pinzette aus dem offenen Schädel entfernt. 31:01 Und das Loch mit einem entzündungshemmenden Silberstück verschlossen. 31:06 Ein komplizierter medizinischer Eingriff, den viele Patienten nachweislich gut überstanden. 31:17 Auch Architekten und Bauhandwerker trauen sich im Mittelalter immer mehr zu. 31:23 Europas Städte werden zu Großbaustellen. Überall wachsen jetzt Kathedralen in den Himmel. 31:32 Oft dauert es Jahrhunderte, bis endlich der Schlussstein gesetzt werden kann. 31:40 Die ersten entstehen in Frankreich. Und mit ihnen der sogenannte "neue Stil", der europaweit kopiert wird: 31:48 Die Gotik. Statt dicker Mauern und schmaler Fenster 31:54 filigraner Säulen- und Fassaden-Schmuck. Wie Wolkenkratzer erheben sie sich über die engen und dunklen Gassen. 32:01 Mit hohen Kirchtürmen, die den Himmel berühren wollen. Ob in Ulm, Köln oder Freiburg: 32:09 Die neuen Gotteshäuser zeigen eindrücklich, zu welchen Leistungen die Bürger einer Stadt fähig sind. 32:17 Die Städte konkurrierten miteinander. Jeder wollte eine noch prunkvollere Kirche haben als der Nachbar. 32:23 Und vor allem eine noch höhere. 116 Meter ist der Hauptturm des Freiburger Münsters hoch. 32:31 Noch bis in die Mitte des 19. Jh. sind die Türme der Kathedralen die höchsten Gebäude Europas. 32:39 Freiburg hatte im 13. und 14. Jh. gerade einmal 10.000 Einwohner. Man kann ganz gut ermessen, 32:46 welche Bedeutung die Religion für die Menschen gespielt haben muss. Dass sie sich so eine Kirche hingestellt haben. 32:54 Aber das Seelenheil war den Leuten wohl jede Anstrengung wert. Auch Seuchen und Krankheiten gelten im Mittelalter als Gottes Werk. 33:05 Besonderen Schrecken verbreitet die Lepra. Im Volksmund Aussatz. 33:11 Eine Erkrankung, die den Patienten stark entstellt. Wer sich mit Lepra infiziert, gilt im Mittelalter bereits als tot. 33:20 Obwohl er oft noch Jahre, manchmal Jahrzehnte weiterlebt. Paläogenetiker der Universität Zürich 33:28 sind dem Erbgut des Lepra-Erregers auf der Spur. Aus dem Zahn eines mittelalterlichen Lepra-Kranken 33:38 werden Gewebeproben entnommen. Damit kann der Bauplan des historischen Lepra-Genoms 33:49 rekonstruiert werden. Um dadurch mehr über die chronische Infektionskrankheit herauszufinden. 33:59 Lepra ist eine sehr alte Krankheit, kennt man schon aus der Bibel. Wieso hat sie sich gerade im Mittelalter so schnell ausgebreitet? 34:06 Unsere genetischen Analysen zeigten, dass der letzte gemeinsame Vorfahre aller heutigen Lepra-Erreger vor ungefähr 4000 Jahren bestand. 34:14 Alle diese Erreger, die es heute gibt in Afrika, Asien, Amerika. Sogar bei manchen Tieren, gehen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück. 34:22 Und die verursachen alle Lepra. War eine genetische Mutation des Lepra-Erregers daran schuld, 34:32 dass sich die Krankheit im Mittelalter so stark ausbreitete? Die Untersuchungen im Labor führen zu dem Schluss, 34:40 dass das wohl mit anderen Faktoren zusammenhängt. Wahrscheinlich mit der zunehmenden Urbanisierung. 34:46 Die Menschen haben in Städten sehr eng zusammengelebt. Da konnte sich der Erreger innerhalb der Menschen ausbreiten. 34:53 Es war keine biologische Veränderung des Erregers. Sondern eher die Lebensbedingungen der Menschen, die sich veränderten. 35:00 Die dazu führten, dass sich der Lepra-Erreger stark ausbreitete. Mitte des 14. Jh. werden die Menschen 35:10 von einer noch schlimmeren Krankheit heimgesucht. Die Pest bricht aus und entwickelt sich schnell 35:16 zu einer der verheerendsten Epidemien der Weltgeschichte. Erst seit 130 Jahren wissen wir, dass die Infektionskrankheit 35:24 durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird. Binnen weniger Tage sterben Menschen wie die Fliegen. 35:35 Städte, Dörfer, ganze Landstriche werden entvölkert. Jeder Dritte wird Opfer der Pest. 35:45 Über 20 Millionen Tote in Europa. Viele Menschen damals sind der Überzeugung, 35:53 dass die Seuche eine Strafe Gottes ist. Mit Prozessionen versuchen die Überlebenden, 35:59 den Himmel milde zu stimmen. Und sie finden gleichzeitig einen Schuldigen am großen Sterben. 36:07 Die Juden, die Außenseiter der mittelalterlichen Gesellschaft. Sie hätten die Brunnen vergiftet und so die Pest verbreitet. 36:17 Ein tödliches Gerücht, das im 14. Jh. schlimme Pogrome zur Folge hat. Die schlimmsten vor dem Holocaust. 36:28 Angst ist ein beherrschendes Gefühl für die Menschen des Mittelalters. Trost bietet nur die Kirche als Hüterin himmlischer Gnadenschätze. 36:38 Und sie allein weiß den rechten Weg. Warnt vor Sünde und ewiger Verdammnis. 36:46 Drastische Altarbilder in den Kirchen zeigen, was Sünder nach dem Tod sicher erwartet. 36:53 Die Qualen der Hölle. Kann ich vor dem Weltenrichter bestehen? 37:00 Komme ich in den Himmel, oder straft mich Gott für meine Sünden? Und schickt mich zu den Verdammten ins ewige Feuer der Hölle? 37:09 Für die Menschen im Mittelalter quälende Fragen. Und weil man die so fürchtete, 37:14 hatten die Menschen von der Hölle eine konkrete Vorstellung. Die Hölle stellte man sich unter anderem als Trichter vor, 37:22 der auf den Erdmittelpunkt zuläuft. Und an dessen Ende Luzifer persönlich wartet. 37:27 Der Höllenfürst wäre 2000 Ellen groß. Das sind ungefähr eineinhalb Kilometer. 37:35 Groß ist auch der Katalog der Sünden: Stolz, Neid, Zorn. Trägheit, Habgier, Völlerei, Unkeuschheit. 37:47 Wer eine der sieben Todsünden auf sein Gewissen lädt, kommt auf jeden Fall in die Hölle. 37:52 Die Hölle ist eine Sackgasse ohne Ausweg. Bis sich im 11. und 12. Jh. die Vorstellung herausbildete, 37:59 dass zwischen Himmel und dem Reich des Teufels noch ein Ort liege: Das Fegefeuer, eine Art Besserungsanstalt, 38:07 in der man für seine Sünden büßen und in den Himmel kommen konnte. Die Idee vom Fegefeuer entwickelt sich 38:14 mit dem Aufkommen der modernen Geldwirtschaft. Wie der Kaufmann seine Bilanz, so begreift man jetzt auch 38:21 sein Sündenregister als eine offene Rechnung, die es zu begleichen gilt. 38:27 Die drohenden Tage im Fegefeuer können mit guten Taten zu Lebzeiten abgegolten werden. 38:33 Rittern, die das Kreuzfahrergelübde ablegen, gewährt die Kirche ein Guthaben auf dem himmlischen Konto. 38:40 Für diese Männer ist sogar das Gebot, du sollst nicht töten, außer Kraft gesetzt. 38:46 Wer einen Heiden umbringt, handelt im Auftrag Jesu. Wer dabei zu Tode kommt, gelangt direkt ins Paradies. 38:55 Auch die Gebeine der Heiligen versprechen wirksamen Schutz vor Hölle und Fegefeuer. 39:01 In der Kölner Kirche St. Ursula kann heute noch eine unglaublich große Sammlung besichtigt werden. 39:08 Die heiligen Knöchelchen werden in kostbaren Reliquien-Büsten und in Schädel-Reliquiaren aufbewahrt. 39:14 Klappt man so eine Büste auf, kommt der echte Schädel zum Vorschein. Die eigentliche Reliquie. 39:24 Das späte Mittelalter erlebte einen Reliquien-Boom. Die wertvollsten, weil hilfreichsten Überbleibsel waren Objekte, 39:32 die angeblich direkt von Jesus stammten. Wie die Dornenkrone von seiner Kreuzigung. 39:38 Oder der Atem Jesu eingekapselt in einem Fläschchen. Teile seiner Nabelschnur wurden verehrt. 39:44 Und sogar die Vorhaut Christi. Die hatte man ja bei seiner Beschneidung entfernt. 39:49 Mit der Nachfrage nach Reliquien stieg auch das Angebot. Von vielen Heiligen gibt es gleich mehrere Köpfe. 39:56 Der Heilige Stephan scheint in seinen besten Zeiten einmal 13 Arme gehabt zu haben. 40:02 Die Menschen im Mittelalter glaubten fest an die heilende Kraft der Reliquien. 40:08 Der feste Glaube an eine göttliche Wahrheit beflügelt im Mittelalter auch die Wissenschaft. 40:14 Es sind Männer der Kirche, die die christliche Theologie mit der antiken Philosophie zusammenbringen und versöhnen. 40:22 Logik und Wahrheit werden dabei zu entscheidenden Kategorien. Vor allem kümmert sich die Kirche um den gelehrten Nachwuchs. 40:33 Aus Kloster- und Domschulen gehen die ersten Universitäten hervor. Überhaupt ist das Mittelalter auch eine Zeit epochaler Erfindungen 40:46 und Weiterentwicklungen. Kräne gibt es schon seit der Antike. 40:54 Neu aber ist der feststehende Hafenkran. Mit der Weiterentwicklung der Notensysteme 41:00 revolutioniert das Mittelalter die Musik. Mit der Erfindung der Ölmalerei 41:07 wird auch die bildende Kunst in neue Sphären katapultiert. Noch ein Meilenstein: die Brille. 41:15 Geschliffene Linsen, die man sich auf die Nase setzen kann. Und ohne den "trockenen Kompass" wäre Europa 41:22 wohl kaum ein Kontinent der Entdecker geworden. Selbst der moderne Fußball kann als Erfindung des Mittelalters gelten. 41:34 Auf jeden Fall verdanken wir einem englischen Mönch den ersten Spielbericht. 41:39 Er und seine Brüder gehen regelmäßig auf Tore-Jagd. Ganz nach Gewohnheit unseres Landes, wie er schreibt. 41:49 Das Mittelalter ist also alles andere als ein dunkles, düsteres Zeitalter. Viel hat sich in 1000 Jahren entwickelt. 41:57 Städte, die wie Pilze aus dem Boden sprießen. Kathedralen, die gen Himmel wachsen. 42:04 Es gibt große Fortschritte in Handwerk und Wissenschaft. Und das ist erst der Anfang. 42:10 Am Ende des Mittelalters gelang einem Mann eine der wichtigsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit. 42:17 Der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Der Mainzer Johannes Gutenberg und seine Kollegen 42:23 lösten damit eine Medien-Revolution aus, die sich nur mit der Ausbreitung des Internets vergleichen lässt. 42:29 Bis zum Jahr 1500 kamen europaweit an die 10 Mio. Bücher und Traktate auf den Markt. Auch der Horizont der Menschen erweiterte sich. 42:37 1492 landet Kolumbus in der Neuen Welt. Und Luthers Reformation rüttelte an der Vormachtstellung 42:43 der katholischen Kirche. Die Säulen der mittelalterlichen Welt gerieten ins Wanken. 42:49 Die Menschen lenkten ihren Blick mehr auf das irdische Leben und stellten Überliefertes infrage. 42:55 Es war ein erster Schritt auf dem Weg in die Moderne. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020