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Sucht
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 38 Zeilen
- Woher kommt, sagen wir, Heroinsucht? Das ist eine ganz schön dumme Frage, oder? Ist doch ganz klar: Heroinsucht kommt vom Heroin.
- Und das funktioniert so: Spritzt man sich 20 Tage lang Heroin, dann wird man am 21. Tag süchtig. Das liegt an den Suchtmitteln im Heroin.
- Sie sind die Ursache für die Sucht. Aber Moment: Tatsächlich könnte vieles, was wir über Sucht zu wissen glauben,
- falsch sein. * Intro * Wenn man sich zum Beispiel die Hüfte bricht,
- bekommt man in manchen Ländern im Krankenhaus wochen- oder sogar monatelang Diamorphin verabreicht. Diamorphin ist nichts anderes als Heroin.
- Es ist sogar um einiges stärker als das Heroin, das man auf der Straße bekommt, weil es nicht mit Streckmitteln verunreinigt ist.
- Genau in diesem Moment wird Menschen in Krankenhäusern Premium-Heroin verabreicht. Dann werden doch bestimmt alle abhängig, oder?
- Untersuchungen zufolge werden das aber die wenigsten. Deine Oma wurde nach ihrer Hüft-OP auch nicht zum Junkie. Wie kommt das?
- Unser aktuelles Verständnis von Abhängigkeit beruht auf einer Reihe von Experimenten, die Anfang des 20. Jh. durchgeführt wurden.
- Der Aufbau dieser Experimente ist einfach. Eine Ratte wird mit zwei Wasserflaschen in einen Käfig gesteckt.
- Eine Flasche enthält Leitungswasser, die andere ist mit Heroin oder Kokain versetzt. Viele Ratten entwickeln in diesem Experiment
- eine Sucht nach dem Drogenwasser und trinken es exzessiv, bis sie sich damit umbringt. Aber in den 1970ern fiel dem Psychologieprofessor Bruce Alexander
- etwas an dem Experiment auf: Die Ratte werden einzeln in Käfige gesteckt. Sie hat nichts außer den Drogen.
- Was würde also passieren, wenn man die Sache anders angehen würde? Er baute daraufhin einen Rattenpark, einen wahres Paradies für Ratten. Die Ratten wohnten in einem liebevoll ausgestatteten Käfig
- mit bunten Bällen und Tunneln. Sie waren dort mit Freunden zusammen, mit denen sie spielen oder Sex haben konnten.
- Außerdem bekamen sie Drogenwasser und Leitungswasser zur Auswahl. Das Ergebnis war verblüffend. Die Ratten zeigten kaum Interesse am Drogenwasser,
- keine von ihnen trank es zwanghaft oder starb an einer Überdosis. Das ist zwar nur ein Tierversuch, aber es gibt auch einige interessante Studien
- zum menschlichen Drogenkonsum in Extremsituationen. Im Vietnamkrieg zum Beispiel konsumierten 20 % der amerikanischen Truppen regelmäßig Heroin.
- Es wurde befürchtet, dass die USA nach Ende des Krieges von Hunderttausenden Junkies überrannt werden würden.
- Aber eine Studie, die nach dem Krieg durchgeführt wurde, zeigte, dass die Soldaten weder in Kliniken landeten, noch einen Entzug durchmachten.
- 95 % hörten einfach auf, als sie nach Hause kamen. Mit dem traditionellen Verständnis von Abhängigkeit allein kann man das nicht erklären.
- Mit Professor Alexanders Theorie kommen wir der Sache näher. Befindet man sich in einem gefährlichen Dschungel und muss ständig mit der Angst leben, dass man sterben könnte
- oder einen anderen Menschen töten muss, dann ist Heroin ein verlockender Zeitvertreib. Kommt man aber zurück nach Hause, zu Familie und Freunden, dann ist es,
- als würde man vom ersten, einsamen Rattenkäfig ins Rattenparadies kommen. Nicht nur die Chemikalien, sondern auch der Käfig spielen eine Rolle.
- Wir sollten Abhängigkeit neu betrachten. Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, enge Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen.
- Wenn es uns gut geht, fällt es uns leicht das zu tun. Geht es uns aber schlecht, sind wir zum Beispiel traumatisiert oder isoliert, dann kann es passieren,
- dass wir eine enge Bindung zu einem Ersatzobjekt aufbauen. Manche bilden eine enge Bindung zu ihrem Handy aus. Für manche ist es Pornografie, ein Videospiel,
- Glücksspiel oder eben Kokain. Wir bauen diese Bindungen auf, weil es in unserer Natur liegt. Ein Ausweg aus diesen ungesunden Bindungen könnte der Aufbau
- von engen, emotionalen Beziehungen zu anderen Menschen sein. In diesem Fall wird Abhängigkeit zum Symptom der Isolation in unserer Gesellschaft.
- Für viele ist sie sehr real. Seit den 1950ern wird die Zahl der engen Freunde, die jeder Amerikaner hat, konstant kleiner.
- Gleichzeitig wird die Quadrat- meterzahl ihrer Häuser immer größer. Grundfläche wird wichtiger als Freunde, und Dinge werden wichtiger als Beziehungen.
- Der Drogenkrieg, den wir jetzt seit fast 100 Jahren führen, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Anstatt Menschen dabei zu helfen,
- gesund zu werden und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, werden sie von der Gesellschaft ausgestoßen. Wir bestrafen sie mit Leistungskürzungen und Gefängnis,
- wenn wir sie erwischen. Wir stecken sie in Zellen, also in Käfige, und sorgen dafür, dass Menschen, denen es nicht gut geht,
- sich noch schlechter fühlen. Und wir verachten sie, wenn sie sich nicht bessern. Wir reden immer nur über die Besserung des Individuums
- und sehen nicht die Rolle der Gesellschaft in diesem Genesungsprozess, denn wir sind alle verantwortlich. Wir müssen viel mehr das Umfeld der betroffenen Menschen
- in Betracht ziehen und dürfen keine vorschnellen Urteile fällen. Anstatt Menschen in Schubladen zu stecken, sollten wir ihnen erst einmal zuhören.
- Der erste Schritt im Kampf gegen die Sucht sollte nicht harte Bestrafung sein, sondern Empathie. Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2018)