Das Frauenbild der DDR vs. Frauen in der Bundesrepublik I Geschichte MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=v1ZSpq5kbRI Transkript (automatisch erstellt) 0:03 in welcher Gesellschaft es die Frauen eigentlich besser gehabt haben: In der Bundesrepublik Deutschland 0:08 oder in der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR. Ich versuche mich am Thema. 0:13 Hier ist der große Ost-West-Vergleich zur gesellschaftlichen Rolle der Frau. 0:21 1.Punkt: Arbeit. Lassen wir die Zahlen sprechen: 0:24 Mitte der 1980er üben mehr als 90% der Frauen in der DDR einen Beruf aus, in Westdeutschland nur etwa 50%. 0:32 Das liegt daran, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der DDR ein politisches Ziel der Regierung ist. 0:39 Nicht, weil die Emanzipation gefördert werden soll, sondern Frauen werden als Arbeitskräfte gebraucht. 0:45 In Westdeutschland heuert man im Wirtschaftswunder Arbeiter aus anderen Ländern an. 0:50 Die Möglichkeit hat die DDR nicht oder nur ganz eingeschränkt. Deshalb will sie das Arbeitskräfte- Potenzial der Frauen heben. 0:57 Punkt 2: Betreuungsangebote. Damit die Frauen auch wirklich arbeiten können, 1:01 muss der Staat eine ausreichende Kinderbetreuung anbieten. In der DDR sind viel mehr Krippen- und Kindergartenplätze vorhanden 1:09 als im Westen. Ende der 80er liegt die ostdeutsche Versorgungsquote 1:13 mit Krippen und Kindergartenplätzen bei fast 100%. In der Bundesrepublik gibt es zwar auch für 80% der Kinder 1:20 Kindergartenplätze, aber Krippen sind fast unbekannt. Kleinkinder werden zu Hause betreut, in der Regel von der Mutter. 1:27 Was die Regierung der DDR und die SED für die Frauen tun, das tun sie eigentlich nicht, weil sie Frauen fördern wollen, 1:34 sondern weil sie Arbeitskräfte brauchen und aus ideologischen Gründen. 1:38 Diese Kritik ist sicher gerechtfertigt. Andererseits ist es im alltäglichen Leben egal, 1:43 aus welchen Gründen es Kita-Plätze gibt, Hauptsache, es gibt sie. Punkt 3: Frauentag. 1:49 Die DDR feiert den Internationalen Frauentag am 8.März im ganz großen Stil. 1:54 Schließlich ist seine Einführung der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Bewegung zu verdanken. 2:00 So ist der Frauentag in der DDR auch eine hochpolitische Angelegenheit. Das Idealbild der Frau 2:06 als gleichberechtigte und voll- erwerbstätige Mutter wird beschworen. Kritiker finden, dass dadurch, 2:12 dass Partei und Staat den Frauentag so stark steuern, er als eine Art sozialistischer Muttertag gefeiert wird. 2:19 Im Westen spielt der Frauentag lange gar keine Rolle. Erst als ab den 1960ern die Frauenbewegung an Bedeutung gewinnt, 2:26 wird der Frauentag populär. Im Westen geht es um Themen 2:29 wie rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann. Frauen dürfen z.B. ohne Zustimmung ihres Gatten 2:35 lange keine Arbeit aufnehmen. Es geht um Gewalt gegen Frauen und um das Recht auf Abtreibung. 2:40 Das bringt uns zum Punkt 4: rechtliche Stellung. In der DDR 2:45 steht die Gleichberechtigung von Frauen und Männern von Beginn an in der Verfassung. 2:50 Die rechtliche Gleichstellung geschieht v.a. über den Beruf. Warum? Die DDR ist ein sozialistisches Land. 2:56 Vereinfacht gesagt ist nach der marxistischen Lehre nur der Mensch, der arbeitet, ein Mensch, der sich selbst verwirklichen kann. 3:03 Dieser zentrale ideologische Stellenwert der Arbeit wirkt sich natürlich aus. 3:07 Über die Berufstätigkeit der Frau verändert sich automatisch die Stellung zum Mann. 3:12 Letztlich will die SED alle BürgerInnen zu neuen sozialistischen Menschen erziehen. 3:17 In der klassenlosen Gesellschaft, die entstehen soll, lösen sich die Unterschiede der Geschlechterrollen eh auf. 3:23 Auch im Grundgesetz der Verfassung der Bundesrepublik heißt es im Artikel 3, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. 3:30 Der Satz... ...steht allerdings erst seit dem Jahr 1994, 3:40 also nach der Wiedervereinigung im Grundgesetz. Punkt 5: Ehe und Scheidung. 3:45 Einen klaren Unterschied gibt es beim Thema Scheidung. In der DDR ist es unbürokratisch möglich, eine Ehe zu trennen. 3:51 Das hängt letztlich wiederum mit der Berufstätigkeit der Frauen zusammen. Denn berufstätige Frauen verdienen Geld 3:58 und sind somit nicht wirtschaftlich vom Mann abhängig. Im Westen ist dagegen das Alleinverdienermodell die Regel. 4:04 Der Mann arbeitet, die Frau erledigt den Haushalt. Wenn sich eine Frau von ihrem Mann trennen will, 4:10 hat sie zunächst mal das Problem, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann. 4:15 Denn sie hat kein eigenes Gehalt, da sie in keinem bezahlten Arbeitsverhältnis steht. 4:20 Sie arbeitet zu Hause. Aber dafür gibt es logischerweise kein Geld. Es dauert sehr lange, 4:25 bis die Gesetze der Bundesrepublik so geändert werden, dass eine Scheidung für Frauen leichter möglich ist. 4:31 6.Punkt: Kinder. Vielleicht ist es besser, wenn ich sage: Geburtenrate. 4:35 Die DDR braucht Kinder. Deshalb führt sie 4:39 für ihre berufstätigen Frauen Vergünstigungen ein: die 40-Stunden-Woche, das Babyjahr, einen Haushaltstag pro Woche. 4:47 Letztlich bedeutet das, dass die klassische Rolle der Frau als Mutter wieder etwas stärker wird. 4:52 Ende der 1980er schimpfen viele Frauen der DDR, sie müssten gebärfreudige Arbeitsbienen sein. 4:59 Auch in der Bundesrepublik sterben seit den 1970ern mehr Menschen als geboren werden. 5:04 Aber im Gegensatz zur DDR schafft der Staat weniger Anreize, damit die Leute mehr Kinder kriegen. 5:10 Punkt 7: Feminismus. Die Frauenbewegung 5:13 in der Bundesrepublik hat in der DDR einen schlechten Stand. Auf den 1.Blick erscheint das komisch. 5:19 Die westdeutschen Frauen kämpfen für Gleichberechtigung, dafür, dass sie auch als Arbeiterinnen anerkannt werden usw. 5:26 Frauen im Osten aber haben das ja schon. Sie fühlen sich als gleichberechtigte Partner. 5:31 Verständnis für die Emanzipationsbewegung jenseits der Mauer gibt es kaum. 5:35 Die Feministinnen in der Bundesrepublik werden als Männerhasserinnen beschimpft, 5:40 als frustrierte Hausfrauen, die ein bisschen hysterisch sind. Andersherum werfen die Feministinnen im Westen den Ostfrauen vor, 5:47 dass sie nicht wirklich ernst machen mit der Gleichberechtigung. Denn die entscheidet sich eben nicht nur daran, ob Frauen arbeiten. 5:53 Zudem erkämpfen sich die Westfrauen ihre Gleichberechtigung in jahrelangen Auseinandersetzungen. 5:59 Die Ostfrauen dagegen, so der Vorwurf aus dem Westen, bekämen all das vom Staat auf dem Silbertablett serviert. 6:05 Deshalb seien sie unkritischer gegenüber dem Staat, brav und angepasst. 6:09 Sie hinterfragen das System nicht, wie es die Westfrauen tun würden. Bei diesem Punkt seht ihr: 6:15 Unterschiedliche Lebenssituationen sorgen dafür, dass man unterschiedliches Bewusstsein von sich selbst, 6:21 seiner sozialen Stellung, seinen Ansprüchen entwickelt. In der Art und Weise, wie Frauen mit der Emanzipation umgehen, 6:27 wird wie bei kaum einem anderen Thema deutlich, wie unterschiedlich sich DDR und BRD entwickelten. 6:32 Punkt 8: Hausarbeit. Wenn man die Aufteilung der Hausarbeit zwischen Frauen und Männern ansieht, 6:38 gibt es praktisch keinen Ost-West-Unterschied. Männer helfen in den 70er und 80er Jahren im Haushalt mit: 6:44 Auto waschen, tapezieren, Garten umgraben. Also alle Tätigkeiten, 6:49 bei denen man sich als starker und handwerklich versierter Mann beweisen kann, wo man mit männlichen Statussymbolen hantieren kann. 6:56 Autos, Hammer, Kettensägen... Ist jetzt eher ironisch gemeint, aber nicht zu sehr, 7:02 denn es ist eben auch wahr. Schaut euch nur mal die aktuellen Werbungen von Baumärkten an, 7:07 da sieht man die Klischees immer noch. Und in Ost und West bleiben den Frauen 7:12 Hausarbeiten wie Putzen, Waschen und Aufräumen. Der einzige Unterschied, den die Frauen in beiden Staaten haben, 7:18 ist der, dass die Frauen im Osten praktisch alle voll berufstätig sind. Punkt 9: Bezahlung. 7:24 Wenn Frauen arbeiten, dann verdienen sie bei gleicher Arbeit in der DDR und in der Bundesrepublik weniger als ihre männlichen Kollegen. 7:32 Die Ungerechtigkeit ist heute immer noch ein Problem. 10.Punkt: Macht. 7:37 In der DDR und der BRD geben in der Politik Männer den Ton an. Im Osten schaffen es nur wenige Frauen 7:44 ins Politbüro an die Parteispitze. Eigentlich werden sie nur als sogenannte Kandidatinnen nominiert. 7:50 Vollmitglied in der obersten Spitze zu werden, das schafft keine Frau. Natürlich gibt es die mächtige Margot Honecker, die Ministerin ist. 7:58 Von insgesamt 130 Ministern, die in der DDR bis 1989 amtieren, sind nur 4 Frauen. 8:04 In der Bundesrepublik gibt es bis 1989 immerhin 11 Ministerinnen. Allerdings ist die Bundesrepublik auch größer als die DDR. 8:12 Im Endeffekt nimmt es sich also nicht so viel. Erst nach der Wiedervereinigung 8:17 spielen Frauen in der Politik eine wichtigere Rolle. Die 1.Bundeskanzlerin wird trotzdem erst 15 Jahre 8:23 nach der Wiedervereinigung gewählt. Das war der große 10-Punkte-Vergleich 8:27 zum Thema Frauenrolle in Ost und West. Man könnte noch viel mehr darüber sagen, 8:32 z.B., dass die Pille im Osten kostenlos war, dass Abtreibungen sehr lange erlaubt waren in der DDR, 8:38 anders als in der Bundesrepublik usw. Aber, ich glaube, das reicht erst mal. 8:42 Mich würde interessieren: Wie seht ihr das heute? Waren Frauen in der DDR besser dran als in der Bundesrepublik? 8:49 Oder muss man über all das stellen, dass die Frauen trotzdem in einer Diktatur lebten, nicht frei waren? 8:56 Eure Meinung dazu gerne in die Kommentare. Lasst uns diskutieren. Diskutieren können wir auf unserem neuen Instagram-Account. 9:05 Jeden Tag gibt es dort spannende Geschichts-Facts. Empfehle ich euch absolut. Wenn ihr dort unterwegs seid 9:12 und jeden Tag mit Geschichte versorgt werden wollt, folgt unserem Account. Eingeblendet auch in der Infobox. 9:17 Danke fürs Zuschauen, bis nächstes Mal. Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)