Karl der Große: Der Vater Europas? MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=rf5PF77Rx68 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Er gilt als "der Vater Europas", der "Kaiser aller Kaiser", auf den sich alle Nachfolger berufen. 0:05 Charlemagne, Carolus Magnus, Karl der Große. 0:10 Noch mehr als 1.200 Jahre nach seinem Tod, ist er als idealer Herrscher bekannt. 0:14 Aber was ist dran an dem Mythos? Darum geht's jetzt. Das Bild, das wir von Karl dem Großen haben, 0:22 hat vor allem der Gelehrte Einhard geprägt. Einhard schreibt im 9. Jahrhundert eine Biografie über seinen Herrn. 0:29 Dort präsentiert er Karl als Idealbild eines Herrschers. Groß, aber nicht zu groß, 0:34 eine stattliche Erscheinung, trotz kleinen Bauchansatzes, von guter Gesundheit, 0:38 im Alter nur mit etwas Problemen im Fuß. Jemand, der nicht trinkt, aber gerne isst. 0:44 Also maßvoll und nicht verbissen. Ein Mann, der Latein und Griechisch lernt. 0:49 Sich nur mit dem Schreiben schwertut, weil er zu spät damit anfing. Gottesfürchtig. 0:55 Zielstrebig, belesen und mit kulturellem Interesse. Das klassische Ideal seit der Antike: 1:01 nichts allzu sehr, alles im richtigen Maß. Nicht ganz perfekt, 1:05 sodass er doch das perfekte Vorbild ist. Karl handelt auch so. 1:09 Und weil er alles richtig macht, verehren ihn die anderen Menschen und die Mächtigen. 1:14 Einhard, der nicht nur einfacher Gelehrter, sondern wichtiger Berater Karls ist, 1:18 schreibt über das Weihnachtsfest des Jahres 800 folgendes: "Er kam also nach Rom." 1:23 "Damals erhielt er den Titel 'Kaiser und Augustus'." "Das war ihm zuerst so zuwider, dass er versicherte, 1:30 er hätte an jenem Tage, obgleich es ein hohes Fest war, die Kirche nicht betreten, 1:35 wenn er zuvor um die Absicht des Papstes hätte wissen können." Noch mal zum Mitschreiben: 1:40 Frankenkönig Karl ist in Rom. Er geht an Weihnachten in die Kirche, um zu beten. 1:46 Da springt plötzlich der Papst hinter einer Säule hervor und drückt dem Mann die Kaiserkrone aufs Haupt. 1:52 Der arme Karl. Er konnte sich überhaupt nicht wehren. 1:55 Aber er hat dann gezwungenermaßen den Job ganz ordentlich erledigt. Wer es glaubt. 2:02 Einhard stellt Karl so dar, wie ein guter Christ sein muss: bescheiden. 2:06 Die Etikette verlangt, dass ein Herrscher sich ziert bei der Krönung. Würd mich interessieren, wer von uns in so einer Situation 2:13 eine solche Bescheidenheit an den Tag legen würde. Wissenschaftler diskutieren, 2:18 wie genau die Erhebung zum Kaiser abläuft und wer dabei welche Ziele verfolgt. 2:23 So oder so: damals wird vollzogen, was machtpolitisch schon Realität ist. 2:27 Karl, der im Jahr 747 oder 748 das Licht der Welt erblickt, ist seit dem Jahr 771 unumstrittener Herrscher des Frankenreichs. 2:36 Dieses Reich erstreckt sich von den Pyrenäen bis zu den östlichen Alpen und von der Elbe bis zum Tiber in Rom. 2:44 Karl hat sich gegen weitere Thronanwärter und gegen verschiedene regionale Herrscher 2:48 wie den bayrischen Herzog Tassilo durchgesetzt. König zu sein, das bedeutet, 2:53 sich täglich in Konflikten durchzusetzen. Vor allem natürlich im Krieg. 2:57 Ein König muss auf dem Schlachtfeld Erfolge vorweisen können. Und das kann Karl, 3:02 der sich oft auf dem Schlachtfeld beweist. Er ist ein ausdauernder und brutaler Kriegsherr. 3:08 In den 46 Jahren seiner Herrschaft finden nur in zweien keine Feldzüge statt. 3:12 Damit ihr euch das vorstellen könnt, erzähl ich was. Jeden Mai versammelt sich das Heer aus 600 Grafschaften, 3:19 den Verwaltungseinheiten des Frankrenreichs. Da kommen insgesamt zwischen 30. und 60.000 Männer zusammen. 3:25 Karl versucht stets allein durch die schiere Größe seines Heeres im Vorteil zu sein. 3:30 Die Heere werden bestens ausgerüstet. Als Karl gegen die Awaren zieht, 3:34 das sind rund um das heutige Ungarn lebende übriggebliebene Hunnen, versammelt er das Heer in Regensburg. 3:40 Die Soldaten sind also da. Nördlich von Regensburg in der Oberpfalz gibt es Erzvorräte. 3:47 Da werden für die damalige Zeit große Schmiedeanlagen errichtet, in denen Waffen hergestellt werden, 3:52 die per Schiff nach Regensburg zu den Kriegern transportiert werden. Stellt euch das so wie im zweiten Film 3:58 der "Herr der Ringe"-Trilogie vor, wenn die Orks in den Schmieden schuften. 4:02 Und auch die Natur leidet ähnlich stark. Um die Schmieden zu betreiben, das Erz zu schmelzen und so weiter, 4:09 muss man Holzfeuer anschüren. Viel Holz. Die haben in den Schmieden in der Oberpfalz so viel Wald gerodet, 4:16 dass die Anlagen stillgelegt werden müssen, bis wieder Wald nachgewachsen ist. 4:21 Für diese Kriegszüge werden enorme logistische Aufwände betrieben. 4:25 So was muss man erst einmal organisieren. Aber es lohnt sich, denn Karl hat eine allerbestens ausgerüstete Armee. 4:32 Er setzt seine gefürchteten Panzer- reiter auch in Norditalien ein. Dort erobert er das Langobardenreich. 4:38 Karl tut das, was er für notwendig hält und lässt die langobardische Führungsschicht auslöschen. 4:44 Noch härter führt er die Feldzüge gegen die Sachsen. Die Leben in der Gegend zwischen Nordsee und Harz, 4:50 Elbe und Rhein. Und sie sind so ziemlich das Gegenstück zu den Franken. 4:55 Die Franken sind Christen. Die Sachsen sind Heiden. 4:58 Sie verehren die nordischen Götter. Die Franken sind in einem Riesenreich organisiert, 5:03 die Sachsen leben in kleinen Verbänden und tun sich nur zum Kriegsführen zusammen. 5:08 Die Franken bieten Panzerreiter auf. Die Sachsen Krieger mit Strohhüten. 5:13 Aber die Sachsen verfolgen eine Guerilla-Taktik mit der man auch viel stärkere Gegner ausbluten kann. 5:19 Karl führt von 772 bis 804, also mehr als 30 Jahre lang Krieg gegen die Sachsen. 5:26 Dabei setzen die Franken Massentötungen ein. Terror. Sie brennen Dörfer und Felder nieder. 5:32 Sie verschleppen Frauen und Kinder in andere Gebiete, siedeln sie zwangsweise um. 5:38 Nicht umsonst bekommt Karl später den Beinamen "Sachsenschlächter". Der König vergrößert das riesige Reich, das er erbt, 5:45 durch seine Kriege noch einmal stark. Aber in so einem Reich ist es nicht einfach, 5:50 die Zügel in der Hand zu halten. Karl reist von Pfalz zu Pfalz. 5:55 Pfalzen sind große landwirtschaftliche Güter mit repräsentativen Bauten, in denen König und Gefolge 6:01 für die Zeit, wo sie in der Gegend sind, versorgt werden. Ich sag es mal so ein bisschen salopp: kaiserliche Ressorts. 6:07 Am liebsten macht Karl in Aachen Station. Da gibt es Thermalquellen, die das Leben angenehm machen. 6:13 Um aber die Kontrolle über sein Herrschaftsgebiet beizubehalten, ist Karl ständig unterwegs. 6:18 Man nennt das "Reisekönigtum". Durch seine persönliche Anwesenheit erzwingt Karl Gehorsam. 6:24 Stellt euch das so vor: als erstes trifft eine Abordnung mit den Inhabern 6:29 der wichtigsten Hofämter, also den höchsten Würdenträgern, ein. Die reisen natürlich mit Gefolge. 6:34 Sie bereiten die Ankunft Karls und seines Hofstaats vor. Schreiber, Prediger, Ritter, Soldaten, Barbiere, Ärzte, 6:43 eine ganze Menge Frauen und Kinder. Das Reisekönigtum ist ein gewaltiger logistischer Kraftakt. 6:49 Trotzdem ist Karl nur in zehn Prozent seines Reiches persönlich unterwegs. 6:53 Im Rest vertreten ihn seine Boten. Diese Königsboten verlesen Vorschriften und Gesetze. 6:59 Die Bevölkerung wird von ihnen auch vereidigt. Dieser Eid stärkt das Wir-Gefühl im Reich. 7:05 Durch die Boten spricht Karl zu seinen Untertanen. Das ist wichtig, denn Karl hat den Anspruch, 7:10 das Gemeinwesen, ja, das Leben seiner Untertanen, zu ordnen. Sein Lieblingsbuch hat der Kirchenvater Augustinus geschrieben, 7:18 und es trägt den Titel "Der Gottesstaat". Kaiser Karl will das irdische Gottesreich verwirklichen. 7:24 Die Menschen sollen sich an biblische Gebote halten und an den christlichen Regeln orientieren. 7:30 Ihr hört sicher oft den Begriff "das christliche Abendland". Na ja, das bedeutet eben nicht nur, 7:35 dass in Europa ein paar Kirchen rumstehen und wir auf das Christkind warten, es bedeutet vielmehr, 7:41 dass die Gesellschaft nach christlichen Prinzipien geordnet und auch geregelt ist. 7:46 Deshalb missioniert Karl auch die Leute, die noch keine Christen sind. Wie die eben erwähnten Sachsen. 7:51 Im Jahr 772 lässt er einen wichtigen germanischen Kultplatz zerlegen. 7:57 Die berühmte "Irminsul". Das war wohl eine Säule oder so was in der Art, 8:01 die an die Weltesche Yggdrasil erinnert, die in der nordischen Mythologie die Welt trägt. 8:07 Dieser Akt der Zerstörung beweist, wie brutal und rücksichtslos Karl seine Interessen durchsetzt. 8:13 Ja, Karl ist knallhart. Er hat dazu sicher auch einen charakteristischen Zug, 8:17 der keinen Widerspruch zulässt. Und wer nicht hören will ... 8:21 der muss fühlen. Sein Gestaltungswille treibt das Reich an. 8:26 Karl baut Bistümer auf, beschenkt die Kirche. Festigt das Zehntgebot, 8:30 also, dass man zehn Prozent seines Einkommens an die Kirche abgibt. Er fördert das klösterliche Leben. 8:36 Das tut er zum einen aus Überzeugung, zum anderen sind Karls Familie und die Kirche seit langem verbunden. 8:42 Man hilft sich gegenseitig. Die Klöster übernehmen für Karl unter anderem die Aufgabe, 8:47 die Bildungsoffensive im Reich umzusetzen. Dort wird eine Bildungselite herangezogen. 8:53 Karl versammelt die bedeutendsten Gelehrten der Zeit an seinem Hof. Die streiten sich, 8:58 legen aber auch die Grundlagen für ein erneuertes Bildungswesen. Sie lassen Bücher aus der Antike und Spätantike abschreiben 9:05 und erhalten sie so für die Nachwelt. Unter Karl nehmen Wissenschaft und Kunst einen Aufschwung, 9:11 den man auch "karolingische Renaissance" nennt. Die karolingische Minuskel setzt sich als einheitliche Schriftart durch. 9:19 Renaissance, was französisch ist für Wiedergeburt, wisst ihr, meint die kulturelle sprichwörtliche Wiedergeburt antiker Kultur. 9:27 So wie Karl das Leben und das Schreiben ordnen will, so ordnet er auch anderes. 9:32 Er erlässt sehr genaue detaillierte Verwaltungsvorschriften. Bis hin zu Hygieneregeln bei der Weinproduktion. 9:39 Und zur sauberen und unparteiischen Amtsführung der Amtmänner. In Wirklichkeit treten sehr viele Weinbauern nach wie vor 9:47 den Saft mit dreckigen Füßen aus den Trauben. In Wirklichkeit spielen Korruption und Bestechung 9:53 nach wie vor eine große Rolle. Aber Karl hat den Anspruch und beginnt dieses Werk. 9:58 Er richtet an den Grenzen sogenannte "Marken" ein. Heute würde man sagen Verwaltungseinheiten 10:04 oder Gebietskörperschaften, in denen Markgrafen Verantwortung für den Grenzschutz tragen. 10:10 Karl tut also vieles, was wir aus heutiger Sicht als positiv bewerten würden. 10:15 Die Brutalität, mit der er das manchmal macht, schreckt uns ab. Früher gehört das zum Bild eines Herrschers dazu. 10:22 Karl ist ja ein erfolgreicher König und so wird er für die, die nach ihm kommen zu einer Projektionsfläche. 10:29 Wer sich mit Karl ideell verbinden kann, profitiert. Setzen wir uns mal noch mit dem Mythos Karl der Große auseinander. 10:37 Schon kurz nach Karls Tod entstehen Geschichten über den ersten fränkischen Kaiser. 10:43 Anekdoten, die vielleicht noch einen wahren Kern in sich tragen und ganz frei erfundene Helden- und Rittergeschichten. 10:50 Na ja, wir haben einen anderen Anspruch an historische Werke, als es damals der Fall war. 10:55 Im Mittelalter spielt es keine Rolle, wenn sich Fakten und Erfundenes mischen, wobei: 11:00 auch heute gibt es Leute, bei denen es so ist. Die Wahrheit kann auch in Erfundenem stecken. 11:05 Deshalb dürfen wir die Schreiber von Karl-Legenden nicht verurteilen, aber wir dürfen ihnen eben auch nicht alles glauben. 11:12 Solche Geschichten, solche echten Mythen werden in einem Epos dargestellt. 11:17 In einer umfassenden Erzählung wie es die Geschichte vom Trojanischen Krieg ist. 11:22 Auch Karl bekommt sein Epos. Noch zu Lebzeiten. In diesem Epos wird Karl als Heerführer beschrieben 11:28 mit goldenem Helm und glanzvoller Rüstung auf einem riesigen Pferd. 11:33 Da merkt man, wo Tolkien die Idee für seine Königsgestalten herhat. Und in dem Epos 11:38 steht auch schon die Bezeichnung Karls als "Vater Europas". Wir Europäer, Bürgerinnen und Bürger in den vielen Staaten 11:46 unseres Kontinents haben eine klare Vorstellung davon, was Europa ist. 11:50 Zu dieser Ideengeschichte Europas findet ihr ein Video auf dem I. Klickt drauf, da geht es am Rande auch um Karl. 11:56 Damals, als Karl lebt, gibt es eine solche Vorstellung, eine Idee Europas natürlich noch nicht. 12:02 Wenn also ein Bauer den Kaiser vorbeireiten sieht, denkt der nicht: "Ah, der Vater Europas reitet vorbei." 12:09 Damals war das höchstens eine Floskel für die wenigen Gebildeten und Gelehrten. 12:14 Karl selbst denkt nicht an Europa, sondern er will an das Römische Reich anknüpfen. 12:19 Aber der bedeutendste Preis mit dem heutzutage Menschen geehrt werden, 12:23 die sich für Europa einsetzen, ist ... der Karlspreis. 12:28 Kaiser Friedrich I. Barbarossa versucht 300 Jahre später Karl den Großen heiligsprechen zu lassen. 12:35 Er versucht ja, die Gleichwertigkeit von Kaiser und Papst durchzusetzen, 12:39 und ein heiliger Kaiser passt gut zu einem Heiligen Römischen Reich. Viele Kirchenmänner stören sich aber daran, 12:46 denn Karl war durchaus ein, ja, kann man sagen, Liebemann. Vielweiberei. 12:51 Mit diesem Schlagwort arbeiten Karls Gegner. Oder man muss genauer sein, 12:55 die Gegner von denen, die sich auf Karl beziehen, um daraus politischen Erfolg zu schlagen. 13:00 Es gibt eine Geschichte, dass Karl einer Freundin so verfallen gewesen sein soll, 13:05 dass er sich nach ihrem Tod sogar mit ihrem Leichnam ins Bett gelegt haben soll. 13:10 Nicht aus romantischer Absicht, sondern aus anderen Gründen. Ihr seht, später machen die einen Karl zu einem Heiligen, 13:16 die anderen zu einem Leichenschänder. Die Deutschen bezeichnen Karl als "Stammvater ihres Reiches" 13:22 und die Franzosen genauso. Aber Karl ist weder Deutscher noch Franzose, sondern er ist Franke. 13:28 Bei den Nazis gibt es welche, die Karl hochheben und welche, die ihn nicht mögen, 13:32 da er die germanischen Sachsen geschlachtet hat. Im Zweifel aber bedient man sich seiner Person. 13:38 Eine Division der Waffen-SS in der viele französische Freiwillige kämpfen, 13:42 trägt den Namen "Charlemagne". Das spielt auf die Kriegszüge an, 13:47 die Karl gegen die Slawen etwa in Böhmen geführt hat. Und die Wehrmacht kämpft gegen die Slawen im Osten. 13:53 Ist das eine ein guter Krieg und das andere ein böser? Ihr seht, es ist schwierig, mit einem Mythos umzugehen. 13:59 Am besten ist, man macht keinen Mythos aus einem Menschen, sondern man versucht ihm kritisch und objektiv zu begegnen, 14:06 ihn zu beurteilen. Das könnt ihr auch gerne machen. Wie seht ihr den großen Karl? 14:11 Vorbild? Interessanter Mensch? Weiberheld? Keine Ahnung, frommer Kirchenfreund? 14:16 Schreibt es unten in die Kommentare, bin sehr gespannt, was ihr denkt. Neben mir findet ihr das Video zur Ideengeschichte Europas. 14:24 wie vorher angekündigt. Direkt darunter etwas von den Kollegen von Funk, 14:28 schaut da mal rein. Danke euch fürs Zuschauen. Bis nächstes Mal.