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Faust II von J.W. von Goethe
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 113 Zeilen
- Herzlich willkommen. Ja, wenn Sie vielleicht gerade in der Schule über Goes Faust brüten, dann kennen Sie das Gefühl bestimmt.
- Oh ja, man kämpft sich durch diesen ersten Teil, die Grätchentragödie, alles ist ja so intensiv persönlich wirklich
- dramatisch. Absolut. Und dann schlägt man Teil 2 auf und fragt sich: "Moment mal, wo bin ich denn hier gelandet? Kaiserhöfe,
- irgendwelche Fabelwesen, antike Mythologie. Es fühlt sich an wie ein komplett anderes Buch. Genau, dieser Bruch ist, glaube ich, eine der
- größten Hürden. Es wirkt, als hätte man es mit zwei verschiedenen Werken zu tun. Aber was, wenn es da einen Generalschlüssel gäbe?
- Einen Schlüssel, eine einzige Idee und die kommt direkt von Gothe selbst, die nicht nur beide Teile miteinander verbindet, sondern
- auch erklärt, warum Faust handelt, wir handelt und warum dabei, na ja, fast immer alles in einer Katastrophe endet. Genau, das ist unsere Mission heute. Wir
- wollen Ihnen diesen Schlüssel mal an die Hand geben. Wir werden uns da durch die Quellen arbeiten, die diese Idee beleuchten und dabei ein Wort entdecken,
- das Göte extra dafür erfunden hat. Ein eigenes Wort? Ja, ein Wort, das diese rastlose, diese zerstörerische Energie beschreibt, die
- Faust antreibt und die Gote ähm als das größte Unheil seiner Zeit bezeichnet hat. Und ich verspreche Ihnen, wenn Sie dieses eine Konzept verstanden haben,
- sehen Sie Faust mit ganz anderen Augen. Es ist wirklich wie eine Brille, die man aufsetzt und plötzlich ergibt das ganze Chaos einen Sinn.
- Okay, aber bevor wir zu diesem Schlüsselbegriff kommen, müssen wir vielleicht kurz klären, warum das Werk überhaupt so uneinheitlich wirkt. Got
- hat die Faustfigur erfunden, richtig? Nein, die gab es wirklich. Die gab's wirklich. Genau. Es gab einen historischen Johann Georg Faust im 16.
- Jahrhundert. Ein äh schillernder Typ, Alchemist, Astrologe, Magier. Um den ranken sich schon zu Lebzeiten die wildesten Gerüchte. Sicher auch die vom
- Pakt mit dem Teufel. Vor allem die vom Pakt mit dem Teufel. Und dieser Stoff hat Gohe ein Leben lang fasziniert. Und das meine ich wörtlich.
- Er hat über 60 Jahre an seinem Faust gearbeitet. Das ist der entscheidende Punkt. 60 Jahre, das ist ja eine halbe
- Ewigkeit. Das erklärt natürlich einiges. Das Werk ist quasi mit ihm zusammen alt geworden. Exakt. Man kann das so in drei große
- Phasen einteilen. Es begann so um 1775 mit dem sogenannten Urfaust. Da war Goteh jung, ein echter Stürmer und Dränger.
- Und so liest sich der Text auch. Ja, total roh, leidenschaftlich, voll auf die grschen Tragödie fokussiert. Dann über 30 Jahre später, 1808
- erscheint Faust 1. Das ist der Teil, den alle aus der Schule kennen. Viel ausgefallter, philosophischer, mit dem berühmten Pakt
- und dann noch mal fast 25 Jahre bis zu Faust 2, der ja erst nach seinem Tod rauskam, der alte, der weise, der klassische Göte sozusagen. Genau. Und
- das Wichtigste ist, er hat das nicht chronologisch von vorne nach hinten geschrieben. Würte hat das mal in einem Brief an Wilhelm von Humbold wunderbar
- beschrieben. Was hat er da gesagt? Er meinte, er hatte die Grundidee zwar früh im Kopf, hat aber über die Jahrzehnte immer nur die Szenen geschrieben, die
- ihn gerade am meisten gepackt haben. Die Lücken dazwischen hat er erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später gefüllt. Ah, okay.
- Das Werk ist also nicht wie ein Haus gebaut worden, Stein auf Stein, sondern es ist eher wie ein Baum gewachsen, organisch in Schüben, nicht immer ganz
- gerade. Das ist ein tolles Bild. Das erklärt, warum es sich manchmal so sprunghaft anfühlt. Okay, aber das löst noch nicht
- das Rätsel, was diese so unterschiedlichen Teile im Kern zusammenhält. Jetzt bin ich wirklich gespannt auf dieses ominöse
- Schlüsselwort. Das Wort lautet das veloziphärische. Veloziphärisch. Okay, das habe ich jetzt äh noch nie
- gehört. Das klingt schnell und teuflisch. Gute Intuition. Ja, genau da geht es hin. Kein Wunder, dass Sie es nicht
- kennen. Es ist ein Neologismus, also eine Wortschöpfung von Götter. Er hat es in einem Brief benutzt und es ist eine geniale Zusammensetzung
- aus aus dem lateinischen Velox, was schnell oder eilig bedeutet und natürlich dem Namen Luzifer.
- Teuflische Eile. Wow, das ist ein unglaublich treffendes Bild. Es ist nicht nur Ungeduld, es hat diese zerstörerische fast dämonische Qualität.
- Was genau meinte Gote damit? Er beschrieb es als eine Haltung, die nichts mehr reifen lässt. Eine Haltung, die, ich zitiere sinngeme, im nächsten
- Augenblick den vorherigen verspeist und immer aus der Hand in den Mund lebt. Das ist stark. Er sah darin die große Gefahr seiner
- aufkommenden Zeit, der beginnenden Industrialisierung, dieser neuen Besessenheit von Geschwindigkeit und Effizienz. Für ihn
- war das das größte Unheil unserer Zeit. Und das ist die perfekte Charakterbeschreibung für Faust. Sein ganzes Wesen ist davon durchdrungen.
- Dieses rastlose Streben, diese chronische Unzufriedenheit, diese Unfähigkeit einen Moment wirklich zu genießen.
- Das ist der Kern seiner Wette mit Meephisto. Genau. Und was das Ganze so griffig macht, wir gönnen dieses veloziferische
- in ein ganz klares sich wiederholendes Muster aus drei Stufen zerlegen. Eine Art Formel für die Katastrophe, die sich durch das ganze Stück zieht. Eine
- Formel, das ist natürlich perfekt für eine Analyse. Wie lautet sie denn? Die Übereilung. Alles beginnt mit einem überstürzten, ungeduldigen, fast
- gierigen Handeln. Ein Ziel soll sofort erreicht werden ohne Rücksicht. Okay. Der Irrtum. Diese Eile führt fast
- zwangsläufig zu Verblendung und fatalen Fehleinschätzungen. Man sieht die Konsequenzen nicht, weil man einfach zu schnell vorprcht.
- Logisch. Und drittens, die Gewalt. Aus diesem Irrtum erwächst dann Zerstörung, physisch oder seelisch. Und oft trifft es völlig unschuldige
- Menschen. Also Übereilung, Irrtum, Gewalt. Dieses Muster finden wir in beiden Teilen, im kleinen wie im Großen. Faust sie auf der Straße gesehen, muss
- er sie haben. Sofort. Exakt. Das ist Stufe 1 in Reinform. Er befehlt mir Fisto. Ja, schaff sie mir bei. Nicht hilf mir sie kennenzulernen,
- sondern beschaffe sie mir noch heute Abend. Es ist die Haltung eines Konsumenten, nicht die eines Liebenden. Ganz genau. Seine G nach dieser
- schnellen Liebe setzt die ganze Lawine erst in Gang. Und daraus folgt dann direkt der Irrtum, die zweite Stufe. Er ist ja völlig
- verblendet von seiner Leidenschaft. Er schwört ihre ewige Liebe, redet in den höchsten Tönen, aber er ist so auf seine eigene Bedürfnisbefriedigung fixiert,
- dass er die Realität komplett ausblendet. Er sieht nicht oder er will es nicht sehen, was er da anrichtet. Er reißt dieses junge Mädchen aus ihrer
- klaren, bürgerlichen, frommen Welt in ein moralisches und emotionales Chaos, ohne auch nur eine Sekunde über die Konsequenzen für sie nachzudenken. Das
- ist der tragische Irrtum. Er hält seine Gear für große Liebe. Ja, und das mündweigerlich in Stufe 3, die Gewalt. Und dies in dem Fall ja absolut
- entsetzlich. Die Zerstörung ist total total. Der Schlaftrunk für die Mutter, den Faustgrätchen gibt, damit sie ungestört
- sein können, der wird zum Gift. Die Mutter stirbt. Ihr Bruder Valentin will ihre Ehre verteidigen, stellt Faust und du, wird
- im Duell getötet. Und am tragischsten, Grätchen von allen verlassen und dem Wahnsinn na erträngt ihr gemeinsames Kind. Fausts velhärisches Handeln hat
- nicht nur ein Leben, sondern eine ganze Familie, eine ganze Welt ausgelöscht. Sogar sein letzter Versuch, sie aus dem Kerker zu retten, ist wieder so ein
- überstürzter Akt. Er stürmt rein, schreit: "Rette dich!" drängt sie zur Flucht, hat aber null Verständnis für ihren seelischen Zustand.
- Er will das Problem schnell lösen, aber er scheitert, weil er die Tiefe der von ihm verursachten Zerstörung gar nicht begreift. Der Kreislauf schließt sich da
- perfekt. Okay, wenn wir das also verbinden, sehen wir in Faust 1 die private, die persönliche Katastrophe, die aus dieser
- teuflischen Eile entsteht. Richtig. Und in Faust 2 bleibt die Formel Überreilung, Ehrtum, Gewalt exakt dieselbe. Nur die Bühne wird unendlich
- viel größer. Das private Drama wird zur gesellschaftlichen Tragödie. Geben Sie uns mal ein Beispiel. Ich denke da an
- diese verrückte Szene am Kaiserhof, wo das Reich Pleite ist und Mhfisto plötzlich Papiergeld erfindet. Ein perfektes Beispiel für das
- Velociiphärische auf wirtschaftlicher Ebene. Das Problem, die Staatskasse ist leer. Die schnelle teuflische Lösung von Meephisto, wir drucken einfach Geld.
- Klingt modern. Absolut. Wir behaupten einfach, es sei durch unermessliche Schätze gedeckt, die noch irgendwo unentdeckt im Boden
- liegen. Eine schnelle Lösung für ein tiefgreifendes Problem. Der Irrtum zu glauben, man könne Wohlstand aus dem
- Nichts erschaffen. Und die Gewalt, in dem Fall die ökonomische Gewalt, folgt auf dem Fuße. Zuerst gibt es einen kurzen Rausch, alle
- sind reich, aber dann kommt unweigerlich die Inflation, das Chaos, die Entwertung aller Werte. eine kurzsichtige überalte Politik, die am Ende die Gesellschaft
- zerrüttet währen Finanzkrisen. Man kann das so lesen. Ja, ein anderes Bild, das mir immer im Kopf geblieben ist, ist Euphorion, der Sohn
- von Faust und Helena. Der wächst ja auch in so einer unheimlichen Geschwindigkeit. Ja, Euphorion ist ein starkes,
- tragisches Symbol. Er ist das Produkt der Vereinigung von Faust, dem modernen romantischen Geist und Helen dem Ideal der klassischen Antike. Eine riesige
- künstlerische Idee. Aber aber anstatt dieser Idee Zeit zum Reifen zu geben, wird sie überstürzt. Kaum
- geboren ist Euphorion schon ein tanzender singender Jüngling. Sein ungeduldiges Streben immer höher und höher zu fliegen wie ICARus endet in
- seinem tödlichen Absturz. Die Botschaft ist also selbst die größten und schönsten Ideen wie die Kunst oder die Poesie werden zerstört, wenn man sie
- veloziferisch, wenn man sie überstürzt und erzwingen will. Sie brauchen Zeit, um zu wachsen. Ganz genau. Und dieses Muster gipfelt in
- Fausts letztem gigantischen Projekt, der Landgewinnung. Er will dem mehr Land abtrotzen, einen utopischen Lebensraum für Millionen freier Menschen schaffen,
- eine grandiose Vision, aber auch hier wieder mit der gleichen teuflischen Eile. Er wird zum rücksichtslosen Unternehmer, zum CEO,
- der keine Hindernisse duldet. Sein Befehl ist ja eindeutig. Arbeiter schaffe Mengen auf Menge, ermuntere durch Genuss und Stränge, bezahle,
- locke, Presse bei. Es muss sofort gehen um jeden Preis. Und dieser Preis ist hoch. Da steht ihm dieses alte idyllische
- Ehepaar im Weg. Viele Mon und Bausis. Genau. Die auf ihrer kleinen Anhöhe in ihrer Hütte leben und nicht weichen wollen. Sie sind das Symbol für das
- Alte, das gewachsene, das Langsame. In Fausts ungeduldigem Tatendrang werden sie zum Störfaktor. Sein Befehl, sie umzusiedeln wird dann
- von Meephisto als Auftrag zur Gewalt interpretiert. Die Hütte wird abgefackelt, das Paar und ihr Gast sterben.
- Das ist so bitter. Seine große Vision einer besseren Welt für alle wird auf dem Fundament von Raub und Mord errichtet. Es ist exakt dasselbe Muster
- wie bei Grätschen, nur auf einem globalen Maßstab. Übereilung, Irrtum, Gewalt. Die Formel bleibt dieselbe. Das Veloziperische
- zerstört erst das private Glück und dann die gesellschaftliche Utopie. Das bringt mich zu der Frage, die sich wirklich jeder Schüler und jede Schülerin stellt.
- Der Mann hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Grätchen, ihre Familie, Filemon und Bauses und am Ende nach alldem kommt er in den Himmel. Das fühlt
- sich doch total ungerecht an. Wie kann das sein? Das ist die entscheidende Frage und der Frust ist absolut verständlich. Nach
- unserer modernen Logik von Schuld und Sühne ist das kaum nachvollziehbar, aber Gote geht es nicht um eine simple Abrechnung von guten und schlechten
- Taten, sondern die Antwort ist komplexer und besteht sozusagen aus zwei Teilen. Der erste
- Teil steht im berühmten Zitat der Engel, die Faust Seele retten. Wer immer Streben sich bemüht, den können wir erlösen. Sein Streben an sich wird also
- positiv bewertet, obwohl die Ergebnisse katastrophal sind. Das ist doch ein Widerspruch. Es scheint so. Aber für Gote ist der entscheidende
- Gegensatz nicht gut gegen Böse, sondern Aktivität gegen Passivität. Faust Streben, so fehlgeleitet und wie luifisch es auch war, war niemals
- selbstzufrieden. Er hat sich nie auf einem Faulbett ausgeruht, wie es in der Wette nennt. Genau. Er war ein ewig ringender, ein
- unermüdlich suchender und diese grundsätzliche rastlose Anstrengung wird ihm positiv angerechnet. Das knüpft ja direkt an den Prolog in Himmel an, wo
- der Herr sagt, ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohlbewusst.
- Exakt. Okay. Sein unermüdliches Bemühen ist also die eine Hälfte der Miete für die Erlösung, aber das allein kann es ja
- nicht sein nach all dem Leid. Was ist die zweite Hälfte? die zweite Hälfte ist, und das ist entscheidend, die göttliche Gnade. Gothe selbst hat das im
- Gespräch mit Eckermann so erklärt. Er sagte: "Faustsrettung beruhe auf seinem immer höherer und reinerer Tätigkeit bis ans Ende, also seinem Streben und auf
- der von oben ihm z Hilfe kommenden ewigen Liebe." Die Gnade spielt also die entscheidende Rolle. Er hat es sich nicht allein
- verdient, überhaupt nicht. Ohne die Gnade wäre er verloren. Und diese Gnade wird am Ende durch das Ewig weibliche limbolisiert.
- Verkörpert durch Grätchen. Genau. Verkörpert durch Grätchen, die im Himmel für ihn um Vergebung bittet und ihn zu sich hinanzieht. Es ist das
- Prinzip der vergebenden, erlösenden Liebe, das sein zerstörerisches velferisches Streben am Ende überwindet und heilt.
- Sein Bemühen macht ihn erlösungsfähig, aber die Gnade, die Liebe ist es, die ihn tatsächlich erlöst. Fassen wir das also noch einmal zusammen. Der
- Schlüssel, um die scheinbar so unterschiedlichen Teile von Goes Faust zu verstehen, ist dieses Konzept des Veluzärischen.
- Diese teuflische Eile, eine teuflische Eile, die in einem fatalen Dreischritt aus Übereilung, Irrtum und Gewalt mündet. Genau. Dieses
- Muster erklärt die persönliche Katastrophe um Grätchen in Teil 1, genauso wie die gesellschaftlichen Katastrophen um Geld, Kunst und Utopien.
- In Teil 2. Es geht Gohe nicht nur darum, dass Faust strebt, sondern vor allem darum, wie er strebt. Überstürzt, ungeduldig und damit letztlich
- zerstörerisch. Goethe war damit seiner Zeit ja weit voraus. Er hat die Gefahren einer sich beschleunigenden Welt erkannt, lange
- bevor sie für alle sichtbar wurden. Absolut visionär. Er hat quasi die Schattenseiten dessen gesehen, was wir heute vielleicht ähm Disruptive
- Innovation oder diese Move Fast and Breakings Kultur nennen. Sein implizites Gegenkonzept war immer die Langsamkeit, das Reifen lassen, das organische
- Wachstum. Das genaue Gegenteil des Velocifärischen. Exakt.
- Und das führt uns zu einem letzten Gedanken für Sie. Goeth hat die Übereilung als eine der großen Gefahren seiner Zeit erkannt. Wenn Sie sich nun
- unsere heutige Welt ansehen, eine Welt der sofortigen Nachrichtenupdates, des Social Media Feeds, der ständigen Erreichbarkeit und des Drucks zur
- Selbstoptimierung, wo erkennen Sie heute diese velozhärische Haltung? Eine sehr gute Frage. Und wo, wenn Sie genau hinsehen, entdecken sie vielleicht auch
- ihre unausweichlichen Folgen Irrtum und Gewalt im kleinen wie im Großen.