Die Geschichte der Russlanddeutschen I Geschichte MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=pf1VLPw3BCk Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Russen mit deutschen Vorfahren? Oder Deutsche, die seit Generationen in Russland leben? 0:05 Wenn wir von den Russlanddeutschen sprechen, wen meinen wir damit eigentlich? 0:10 Eine Antwort auf diese Frage jetzt in diesem Video. Starten wir mal mit dem 15. Jh. 0:18 Das russische Reich wächst seit dieser Zeit in atemberaubender Geschwindigkeit. 0:22 Bis zum 18. Jh. entsteht ein riesiges Territorium. Es mangelt an nichts. 0:28 Außer an Siedlern, die den Boden beackern und das Land nutzbar machen. Die Kaiserin Katharina II, die man auch Katharina die Große nennt, 0:36 veröffentlicht im Jahr 1763 einen Kolonistenbrief in mehreren europäischen Sprachen. 0:42 Darin wirbt sie um ausländische Siedler, die sich in Russland niederlassen sollen. 0:47 Damit die Menschen kommen, verspricht sie Vergünstigungen. Das Land steht kostenfrei zur Verfügung. 0:52 Einige Jahre müssen die Siedler keine Steuern zahlen, dürfen ihre Gemeinschaften selbst verwalten und organisieren, 0:58 werden nicht zum Militärdienst herangezogen, dürfen ihre Religion frei wählen und, wenn sie denn wollen, 1:04 auch jederzeit in ihre alte Heimat zurückkehren. In den deutschen Kleinstaaten damals 1:08 finden viele Leute das Angebot attraktiv. Aus Westfalen, Hessen, Preußen, Sachsen und Württemberg 1:15 wanderten Familien nach Russland aus. Die russischen Behörden lenkten die Zuwanderer gezielt in die Gebiete 1:21 rund um Saratow. Das liegt an der Wolga. 1:24 Das ist ein ziemlich großes Gebiet für die neuen Siedler. Für das Russische Reich ist es ein winziger Fleck. 1:30 Die Gegend ist so groß wie Belgien. Spätere Einwanderer aus Deutschland lassen sich dann in Wolyn, 1:35 oder auf Deutsch Wolhynien, nieder. Das liegt westlich von Kiew in der Ukraine. 1:40 Andere finden ihre neue Heimat in der Schwarzmeergegend zwischen Bessarabien, wo die Donau mündet, 1:45 oder auch in Rostow. Bis Ende der 1770er Jahre wandern ungefähr 30.000 Menschen ein 1:50 und siedeln sich in 66 evangelischen und 38 katholischen Kolonien an. In der zweiten Einwanderungswelle im frühen 19. Jh. 1:57 unter Zar Alexander I kommen noch einmal über 50.000 Menschen, 2:01 die sich weiter im Süden niederlassen. Hauptsächlich Bauern und Handwerker mit ihren Familien. 2:07 Die Russlanddeutschen gelten als zarentreu und religiös. Vor dem Ersten Weltkrieg leben über 2 Mio. Deutsche im Zarenreich. 2:14 Die meisten, jeweils etwas mehr als eine halbe Million Menschen, an der Wolga und in der Schwarzmeergegend. 2:20 Fast ebenso viele aber auch im Baltikum und in den Städten St. Petersburg und Moskau. 2:24 Mit Gründung des Deutschen Kaiserreichs werden die Deutschen von den russischen Behörden genauer beobachtet. 2:30 Man fürchtet, sie könnten sich vom nationalen Hochgefühl anstecken lassen. 2:34 Nach und nach verlieren die Russlanddeutschen ihre Privilegien, ihre Vorrechte. 2:39 Sie müssen z.B. zum Wehrdienst antreten. Tausende wandern daraufhin nach Kanada oder Argentinien aus. 2:45 1891 wird auch in den deutschen Schulen im Zarenreich Russisch als Pflichtsprache eingeführt. 2:50 Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs gelten die Deutschen als unzuverlässig. 2:55 Hunderttausende werden zwangsweise umgesiedelt, z.B. ins Altaigebiet in Westsibirien. 3:00 In Moskau kommt es zu Pogromen gegen Deutsche. Nach der Oktoberrevolution 1917 3:05 wird eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, ASSR gegründet. 3:11 Als dann 1933 Adolf Hitler an die Macht gelangt, wird die Lage für die Deutschen in der Sowjetunion schwieriger. 3:18 Weil sie als Agenten verdächtigt werden, siedelt man sie brutal um. 3:23 Aber warum kommt das so plötzlich? Die Deutschen bilden in Russland eine nationale Minderheit. 3:29 Minderheiten legen meist sehr viel Wert auf ihre Traditionen, auf ihre Kultur, ihre Feste, ihre Sprache. 3:35 In einem großen Reich, in einem Imperium, gibt es immer eine ganze Reihe von nationalen Minderheiten. 3:40 Im heutigen Deutschland gibt es vier nationale Minderheiten. Die Friesen, die Dänen, die Sorben und die Sinti & Roma. 3:46 Im Zarenreich Russland und in der Sowjetunion gibt es sehr viel mehr Minderheiten. 3:51 Diese Minderheiten sind den Herrschenden oft verdächtig. Sie lassen sich nicht so einfach kontrollieren. 3:57 Minderheiten sind immer sehr wachsam, dass sie keiner unterdrückt. Jetzt ist es so, dass Diktaturen gerne alles Schlechte 4:04 auf irgendwelche Sündenböcke abwälzen. Das kennen wir in Deutschland zur Genüge. 4:08 Hier in Deutschland suchte man sich keine nationale Minderheit raus, sondern eine religiöse, die Juden. 4:15 Die Juden sind an diesem und jenem schuld. Sie verbünden sich mit dem Feind, um der Mehrheit zu schaden. 4:20 Das kennt ihr. Genauso läuft das auch in Russland, in der Sowjetunion, ab. 4:24 Hintergrund ist natürlich die Feindschaft von Nazis und Sowjets und der Überfall auf die Sowjetunion. 4:30 Menschen werden deportiert, müssen ihre Häuser, Dörfer, Felder verlassen. 4:34 Sie bekommen einen Stempel in den Pass. Wer einen solchen Stempel im Pass hat, erleidet viele Nachteile. 4:39 Er darf z.B. in vielen Berufen gar nicht arbeiten. Um die Minderheit von ihrer Tradition abzuschneiden, 4:45 wird den Menschen verboten, deutsch zu sprechen. Die Autonome Republik wird aufgelöst. 4:50 Die Russlanddeutschen werden zu Personen minderen Rechts gemacht. Sie haben also weniger Rechte als ihre russischen Mitbürger. 4:57 Stalin will sie aber besonders hart treffen. Er will die Minderheit loswerden. 5:01 Das bedeutet, dass ihre Dörfer umbenannt werden und nun russische Namen tragen, 5:06 ihre Kunstgegenstände und Bücher vernichtet werden. Ihr Vermögen wird ihnen weggenommen, sie müssen Zwangsarbeit leisten. 5:13 Solche Maßnahmen treffen auch die deutschen Siedler im Schwarzmeergebiet und der Ukraine. 5:17 Diejenigen, die in ihren Dörfern bleiben dürfen, empfangen die deutsche Wehrmacht dann als Befreier 5:23 und teilweise rächen sie sich nun. Zum Ende des Krieges fliehen viele in den Westen. 5:28 Aber eben längst nicht alle. Stalin schickt die Deutschen in die Wälder zum Holzfällen, 5:33 zum Graben in die Stollen der Bergwerke, zum Pflücken in die Baumwollplantagen von Tadschikistan. 5:38 Erst Ende des Jahres 1955 verbessern sich die diplomatischen Beziehungen 5:43 der BRD und der Sowjetunion. Aber die Russlanddeutschen dürfen nicht 5:47 in ihre alten Siedlungsgebiete zurückkehren. Sie bekommen auch keine Entschädigung für das, was man ihnen genommen hat. 5:53 Und sie dürfen ihre Traditionen nicht pflegen. Alles, was deutsch ist, ist in der Sowjetunion Langezeit nichts wert. 6:01 Nach dem schrecklichen Krieg auch ein wenig verständlich. Viele derjenigen, die zwangsumgesiedelt wurden, 6:07 wollen jetzt nur noch eines: weg. Ausreisen, in den Westen ziehen. 6:11 Denn nun haben sie kein Zuhause mehr. Aber bis zum Jahr 1986 6:16 dürfen nur knapp 100.000 Menschen die Sowjetunion in Richtung Bundesrepublik verlassen. 6:21 Die, die bleiben wollen oder müssen, hoffen darauf, dass ihnen Gerechtigkeit zuteilwird, 6:27 dass anerkannt wird, dass ihnen zu Unrecht Leid zugefügt wurde. Aber daraus wird nichts. 6:32 Sie erleben weiter Feindseligkeiten. Das führt dazu, dass die Menschen, 6:37 so gut es eben geht, ihr Deutschtum pflegen. Die Sprache und die Bräuche. 6:41 Viele sind sehr religiös. Das wird nachher noch mal wichtig. 6:45 Dieser Zusammenhalt einer kleinen Gruppe, dieses Ausgestoßensein, weil man deutsch ist, 6:50 was auch immer das bedeuten soll. Erst als Michail Gorbatschow 1985 als Generalsekretär des ZK der KPDSU 6:58 mit seinen Prinzipien Glasnost und Perestroika, also Offenheit und Umgestaltung, Reformen ankündigt, 7:04 gibt es wieder Hoffnung. Das Parlament erklärt, 7:07 dass viele Minderheiten und Völker in der Sowjetunion ungesetzlich und verbrecherisch behandelt wurden. 7:12 Jetzt hat sich die Lage vieler Russlanddeutscher aber geändert. Sie leben gar nicht mehr in der Sowjetunion. 7:18 Die ist seit Ende 1991 aufgelöst. Sie leben nicht mal mehr in Russland. 7:23 Jetzt leben sie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Kasachstan, Ukraine, Kirgisistan, 7:30 Tadschikistan und Usbekistan. Auch dort sind sie eine Minderheit. 7:34 In diesen jungen Staaten herrscht oft ein rauer Nationalismus. Es gibt Nationalitätenkonflikte, 7:39 die in Kriegen ausgetragen werden. Oft blüht der Islamismus. 7:43 Viele wollen weg, und wer die Chance bekommt, der zieht jetzt in die Heimat seiner Vorfahren zurück. 7:48 In das nun wiedervereinigte Deutschland. Einem demokratischen Rechtsstaat, 7:52 der Frieden und Gleichberechtigung verspricht. Und Deutschland ist ein reiches Land 7:56 mit einem gut funktionierenden Sozialstaat. Wenn man das mal mit der Lage in den Nachfolgestaaten 8:01 der Sowjetunion in den 1990er Jahren vergleicht. Die Zuwanderung der Russlanddeutschen erstreckt sich 8:07 vom Ende der 1980er Jahre bis in die beginnenden 2000er Jahre. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. 8:13 Aber wenn ihr euch merkt, dass etwa 3 Mio. Russlanddeutsche in dieser Zeit nach Deutschland einwandern, 8:18 dann liegt ihr nicht so verkehrt. Diese Zuwanderung stößt bei der einheimischen Bevölkerung 8:23 nicht immer auf große Gegenliebe. Wie immer. 8:26 Da fliehen Menschen vor Anfeindungen und werden im Ankunftsland gleich wieder angefeindet. 8:31 In Deutschland sagen viele Menschen: "Da darf ja jeder kommen, der mal 'nen Schäferhund hatte." 8:36 Gemeint ist, das sind ja gar keine richtigen Deutschen. 8:40 Oder es wird gesagt: "Typisch! Können kein Wort Deutsch, aber wollen Sozialhilfe abgreifen." 8:45 Stimmt das denn? Na ja, an der Sache mit der Sprache ist teilweise schon etwas dran. 8:50 Viele derer, die nach Deutschland kommen und Russlanddeutsche sind, sprechen Deutsch entweder kaum 8:55 oder gar nicht und müssen es erst mal lernen. Auch die Kultur ist teilweise eine andere als die hier in Deutschland. 9:02 Zunächst mal ist eines ganz wichtig. Dass sie gekommen sind, geschieht auf Grundlage des Grundgesetzes 9:07 sowie des Bundesvertriebenengesetzes. Sie geben den russlanddeutschen Spätaussiedlern das Recht, 9:13 nach Deutschland zu kommen. Vereinfacht gesagt, die BRD hat die Tür für diejenigen offengehalten, 9:18 die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht fliehen konnten. Sie haben auch ein Recht auf Eingliederungshilfen und Sprachkurse. 9:25 Leider meinen manche Einheimische, ihnen wird was weggenommen. Natürlich gibt es Probleme, 9:29 wenn viele Menschen kommen und keine Wohnungen oder Häuser haben, keine Arbeit usw. 9:34 Der Bundestag schränkt die Gesetze dann sogar ein. Es wird eine Obergrenze eingeführt. 9:39 Zuwanderer bekommen einen Wohnsitz zugewiesen, den sie nicht verlassen dürfen. 9:43 Hinterbliebene dürfen nur unter strengen Bedingungen nachziehen. Die Russlanddeutschen haben dagegen nicht protestiert. 9:50 Die meisten arbeiten sogar in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Ihre Abschlüsse werden meist nicht anerkannt. 9:57 Dass viele nicht gut Deutsch sprechen, kommt daher, dass Deutschsprechen in der Sowjetunion schlicht verboten war. 10:03 Ein ganz anderer Aspekt: viele russlanddeutsche Familien sind sehr gläubig. 10:07 V.a. evangelische Gemeinden haben davon profitiert, dass neue Mitglieder gekommen sind. 10:11 Überhaupt haben Sportvereine in den 1990er Jahren sich wahnsinnig über die Neuankömmlinge gefreut. 10:18 Denn Sport war in der sowjetischen Schule sehr wichtig. Also es ist eine Frage der Perspektive. 10:24 Das eigentlich Problem in den 1990ern ist, dass die Politikerinnen und Politiker nicht erklärt haben, 10:30 wieso die Russlanddeutschen kommen. Vielleicht hat man geglaubt, 10:33 das wäre nicht nötig, schließlich handelt es sich um Deutsche. Aber um Deutsche, deren Familien jahrhundertelang 10:39 als Minderheit außerhalb Deutschlands gelebt haben. Ich hab mal gelesen, 10:43 sie sind zweimal durch das Wort "kein" definiert. Keine Russen. 10:48 Aber auch keine Deutschen. Die Geschichte der Russlanddeutschen ist noch nicht zu Ende. 10:53 Deshalb hab ich auch was zu aktuellen Fragen gesagt. Aber vielmehr interessiert mich da natürlich eure Meinung. 10:59 Wie funktioniert das Zusammenleben der Russlanddeutschen und schon immer hier lebenden deutschen Familien aus eurer Sicht? 11:05 Habt ihr selbst einen entsprechenden Hintergrund? Sind eure Familien aus der ehemaligen Sowjetunion geflohen? 11:11 Was haben eure Familien, was habt ihr erlebt? Schreibt's gern unten in die Kommentare. 11:16 Und ihr wisst, wenn ihr kein Video mehr verpassen wollt, abonniert den Kanal einfach. 11:20 Danke fürs Zuschauen. Bis zum nächsten Mal. Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)