"Sand" oder "Sant"? Auslautverhärtung und das Ei-Prinzip | Tipps für einen typisch deutschen Akzent fröhlich Deutsch https://www.youtube.com/watch?v=pcQTbWhGyG4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Was will ich mit diesem Ei? Und was hat ein Ei mit der deutschen Aussprache zu tun? Das erfahrt ihr im Laufe dieses Videos nach dem Intro. 0:13 Hallo, ich begrüße euch bei fröhlich Deutsch! Wenn ihr meine Videos schon länger schaut, dann wisst ihr wahrscheinlich, dass ich immer mal wieder über die sogenannte Auslautverhärtung 0:23 spreche. Auslautverhärtung - das klingt wieder wie so ein typisch deutsches Wort, das einfach nur lang ist und sowieso niemand aussprechen kann. Zuerst erkläre ich euch, 0:35 was damit gemeint ist. Mit Auslaut ist der letzte Laut einer Silbe oder eines Wortes gemeint. Nehmen wir das Beispiel "Sandburg". Dieses Wort besteht aus den 0:49 beiden Silben "Sand-" und "-burg". Am Ende dieser Silben haben wir einmal das -d/[t] und einmal das -g/[k]: Sandburg. Wenn ihr jetzt gut zugehört habt, dann habt ihr gehört, 1:05 dass wir einen anderen Laut sprechen, als man vielleicht aufgrund der Schreibweise erwarten würde. Wir sagen nicht [ˈzandˌbʊɐ̯g], [ˈzandˌbʊɐ̯g], also mit "d" oder mit "g", sondern es 1:22 wird sozusagen verhärtet und es klingt dann wie ein "t" oder "k": [ˈzantˌbʊɐ̯k]. Also, bei der Auslautverhärtung handelt es sich um Laute, die an anderen Positionen weich und stimmhaft sind, 1:37 aber im Auslaut hart und stimmlos werden. Wir kommen gleich noch mal genauer darauf zurück. Aber wenn ihr mal andere Formen vergleicht, dann hört ihr wieder die entsprechenden weichen 1:50 Laute. Nehmen wir mal das Adjektiv von Sand, das lautet "sandig", "sandig", und ihr hört wieder deutlich ein "d". Oder der Plural von Burg ist "Burgen", "Burgen". Ihr hört also wieder ein "g", 2:11 während es in der anderen Form im Auslaut wie ein "t" oder ein "k" klingt: "Sant-Burk". Diese Wörter sind in ihrer Grundform Reime, obwohl sie am Ende mit anderen Buchstaben 2:25 geschrieben werden, aber wenn sie flektiert werden, hört man wieder die Unterschiede. trüb - Typ, trüben - Typen, Wald - alt, Wälder - älter, Berg - Werk, 2:46 Berge - Werke, fies - Spieß, fiese - Spieße, brav - Schaf, brave - Schafe. Jetzt wisst ihr schon mal, was mit Auslautverhärtung gemeint ist. Aber 3:08 in welchen Fällen kommt es eigentlich dazu? An dieser Stelle sei noch kurz angemerkt, dass ich hier nur für das Standarddeutsche in Deutschland spreche, in anderen Varietäten kann 3:19 es sein, dass es keine Auslautverhärtung gibt. Also, in welchen Fällen kann es dazu kommen? Und zwar immer dann, wenn es sozusagen zwei Partner gibt: einen weichen 3:30 Partner und einen harten Partner oder einen stimmhaften und einen stimmlosen Partner. Da wären zum einen die Plosive: [b] - [p], [d] - [t], [g] - [k], aber auch Frikative 3:50 wie: [z] - [s], [v] - [f], und auch Laute, die wir aus Fremd- und Lehnwörtern übernommen haben, gehören dazu. Da gibt es die Frikative [ʒ] - [ʃ] und die Affrikaten [d͡ʒ] - [t͡ʃ]. 4:11 In diesen Fällen, also bei den stimmhaften Lauten, kann es also zur Auslautverhärtung kommen, sodass man sie so ausspricht wie die entsprechenden Partner, also die harten 4:23 Laute. Ich zeige euch aber jetzt noch mal ein paar Beispiele zusammen mit der Lautschrift, dann könnt ihr das Ganze noch etwas besser nachvollziehen und ihr könnt dann auch einmal nachsprechen. 4:34 Liebe - lieb, Hunde - Hund, Wege - Weg, aktiver - aktiv, Gläser - Glas, Orange - orange, Homepages - Homepage. 5:26 Und aufgepasst: Die Auslautverhärtung sprechen wir auch, wie gesagt, am Silbenende und nicht nur am Wortende. 5:34 abwarten, Geldbörse, täglich, ausgehen, Massivholz. So, und nachdem ihr jetzt verstanden habt, was die Auslautverhärtung ist, kommt unser Ei ins 5:54 Spiel. Stellt euch die deutsche Aussprache wie ein Ei vor. Was meine ich damit? Also, ein Ei ist am Anfang weich und wenn wir es lange kochen, wird es irgendwann hart. Und dieses Ei-Prinzip könnt ihr 6:11 auf das Deutsche übertragen: Am Ende ist der Laut hart, so wie das Ei am Ende auch hart ist. Also, ein stimmhafter Konsonant kann stimmlos werden. Was ist aber, wenn das Ei einmal 6:26 hartgekocht ist? Dann bekommen wir es nicht mehr weich. Also, es gab Wissenschaftler, die das unter bestimmten Bedingungen geschafft haben, aber das ist für uns jetzt irrelevant, 6:38 normalerweise bekommen wir das Ei nicht wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. Also merkt euch: Ein Ei, das einmal hart ist, bleibt hart. Ein Konsonant, der einmal hart ist, 6:52 bleibt hart und kann nicht wieder weich werden. Damit komme ich zu einem anderen wichtigen Prinzip im Deutschen, und das nennt man progressive Assimilation. Noch so ein schreckliches Wort, 7:06 noch viel schlimmer als Auslautverhärtung. Assimilation ist eine Angleichung, eine Anpassung, das heißt, in diesem Fall passen sich Laute aneinander an, und progressiv heißt nach vorne 7:20 gerichtet, in unserem Fall von links nach rechts. Das heißt, ein Laut beeinflusst den anderen Laut. Und im Deutschen ist es so, dass der erste Laut den nächsten Laut beeinflusst und 7:34 nicht umgekehrt. Wir schauen uns das wieder an den Beispielen an, die wir schon genannt haben. Sandburg. Wir wissen schon, dass das "d" in "Sand" als stimmloses "t" ausgesprochen wird. 7:47 Nun schauen wir uns mal den nächsten Laut an: "Burg" beginnt mit "b", "b" ist ein stimmhafter Konsonant, [b]. Und jetzt passiert Folgendes: Das "d", das wie unser gekochtes Ei hart geworden ist, 8:05 beeinflusst das "b". Das "b" wird dadurch auch stimmlos. Es klingt nicht ganz so hart wie ein "p", es ist auch nicht so stark aspiriert, aber das ist jetzt nicht so 8:15 wichtig. Wichtig bleibt unser Ei-Prinzip: Der Auslaut in "Sand" bleibt [zant] und wird nicht zu [zand], [zand], wenn wir es mit "Burg" kombinieren. Falsch ist also: [ˈzandˌbʊɐ̯k], 8:34 richtig: [ˈzantˌb̥ʊɐ̯k]. Oder falsch wäre: [ˈabˌvaɐ̯tn̩], richtig: [ˈapˌv̥aɐ̯tn̩]. Oder zum Beispiel auch: [ˈaʊzˌɡeːən] wäre falsch, [ˈaʊzˌɡeːən]. Und richtig ist: [ˈaʊsˌɡ̥eːən]. 9:00 Das passiert übrigens auch über Wortgrenzen hinweg, wir sagen also nicht: [vazglaʊbzduː], sondern: [vasg̥laʊpsd̥uː]. Noch mal, nicht: [vazglaʊbzduː], sondern: [vasg̥laʊpsd̥uː]. 9:18 In einigen Sprachen, zum Beispiel in slawischen Sprachen wie Russisch oder Polnisch, ist es anders herum, das nennt man dann regressive Assimilation. Also, dort geht die Anpassung 9:30 zurück, von rechts nach links, wenn man so will. Über das Thema Assimilation werde ich wahrscheinlich mal ein eigenes Video machen, weil das auch etwas komplex ist, 9:40 aber für unseren Fall reicht es, sich zu merken: Was hart ist, bleibt hart und am Ende ist es immer hart. Denkt also an das Ei-Prinzip: Ein hartgekochtes Ei bleibt hart. 9:53 Und nur noch mal zur Erinnerung: Das gilt nicht unbedingt für Dialekte oder Varietäten, nur für das Standarddeutsche aus Deutschland, ich sag's nur noch mal. Aber jetzt wollen wir 10:04 das Ganze natürlich einmal üben. Ich zeige euch jetzt ein paar Sätze, und achtet mal genau darauf, in welchen Fällen es zur Auslautverhärtung kommt, und sprecht mir anschließend nach. 10:17 Georg hat Jakob ohne Grund einen Korb gegeben. Sag mir endlich, was du willst! Bald bin ich mit meiner Geduld am Ende! 11:02 Der Nachmittag bleibt zunächst freundlich, am Abend wird es ab siebzehn Uhr regnerisch. Sei nicht so naiv! Sie ist eine boshafte Lügnerin, glaub ihr absolut kein Wort! 12:00 Astrid ist strebsa und erfolgreich. Sie wird den Job im Management definitiv bekommen. Am letzten Beispiel konntet ihr ganz gut merken, dass wir die Auslautverhärtung 12:35 auch auf Fremdwörter übertragen. Wir sagen also nicht [d͡ʒɒb], sondern [d͡ʒɔp]. "Ich habe einen neuen Job gefunden." Und wenn ihr dieses Prinzip wirklich beherrscht, 12:47 dann könnt ihr euren Akzent schon sehr, sehr gut reduzieren. Achtet mal darauf, wie oft es im Deutschen zur Auslautverhärtung kommt. Und wenn ihr dann auch noch die 12:57 progressive Assimilation beherrscht, dann seid ihr wahre Experten. Aber schreibt mir doch gerne mal eure Beispiele in die Kommentare, falls euch noch welche 13:06 für die Auslautverhärtung einfallen. Ich schicke euch fröhliche Grüße und bis bald!