Episches Theater | EINFACH ERKLÄRT StudioEinfach - Wissen, das Klick macht! https://www.youtube.com/watch?v=p8GtaizbbmQ Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Hallo und herzlich willkommen. Heute schauen wir uns eine Idee an, die das Theater wirklich auf den Kopf gestellt 0:06 hat, das epische Theater von Bertholdt Brecht. Also lasst uns direkt eintauchen. Stellt euch mal vor, ihr 0:14 geht ins Theater. Was wollt ihr eigentlich? Einfach mal wegträumen, in eine andere Welt abtauchen und den 0:20 Alltag vergessen? Oder wollt ihr vielleicht herausgefordert werden, über eure eigene Welt nachzudenken? Tja, 0:27 Berthold Brecht hatte darauf eine ziemlich klare und man kann sagen, radikale Antwort. Okay, fühlen oder 0:34 denken, das ist hier die große Frage. Um zu kapieren, was Brechter eigentlich für eine Revolution angezettelt hat, müssen 0:42 wir uns mal anschauen, wogegen er rebelliert hat. Und das war eine Bühne, die seit über zweitausend Jahren von den 0:48 Ideen eines einzigen Mannes dominiert wurde, Aristoteles. Und hier prallen wirklich zwei Welten 0:55 aufeinander. Auf der einen Seite haben wir das klassische Theater. Da geht's voll ins Gefühl. Wir sollen uns mit den 1:01 Helden identifizieren, mit ihnen leiden, mit ihnen Angst haben, bis es am Ende zu dieser berühmten Katas kommt, also einer 1:08 Art emotionalen Reinigung. Aber Brecht, der dachte sich: "Nee, Leute, das reicht mir nicht. Wir leben im 1:15 wissenschaftlichen Zeitalter. Ich will keinen Zuschauer, der nur mitfühlt. Ich will einen, der mitdenkt. Das seht man 1:22 auch sofort am Aufbau. Das klassische Drama ist wie ein guter Film. Eine geschlossene Geschichte, die sich 1:28 logisch entwickelt und uns komplett in ihren Band zieht. Brecht macht genau das Gegenteil. Er bricht das alles bewusst 1:34 auf. Seine Stücke sind oft eher wie eine Montage. Sprunghaft. Jede Szene steht für sich. Er will eben keine 1:41 Identifikation, er will Distanz. Das hier beschreibt ziemlich gut die Haltung, die Brech dem klassischen 1:47 Zuschauer vorgeworfen hat. Man sitzt da, ist emotional voll dabei, man fühlt alles mit. Aber wenn der Vorhang fällt, 1:54 geht man nach Hause und alles bleibt beim Alten. Man war ein passiver Konsument, aber kein aktiver Mensch. Und 2:01 das hier, das ist die Reaktion, die Brecht sich gewünscht hat. kein gemütliches Mitfühlen, sondern ein 2:07 aktives Staunen, ein plötzliches Innerhalten, dieser Momentmalgedanke. Man soll da sitzen und sich fragen, 2:16 warum ist das eigentlich so? Das ist doch total seltsam, das muss sich ändern. Ja, aber wie schafft man das? 2:22 Wie kriegt man die Leute vom Fühlen ins Denken? Brecht hatte dafür eine ganz besondere Waffe in seinem Arsenal, sein 2:29 zentrales Werkzeug, den Verfremdungseffekt. Das klingt jetzt vielleicht etwas 2:34 akademisch, aber die Idee dahinter ist genial. Brecht sagt, man soll etwas total alltägliches, etwas, das wir für 2:42 selbstverständlich halten, so zeigen, dass es uns plötzlich fremd und merkwürdig vorkommt. So weckt man 2:48 Staunen und Neugiere und bringt uns dazu, das scheinbar Normale zu hinterfragen. Man kann sich das wirklich 2:54 wie eine eiskalte Dusche vorstellen. Du bist total in die Geschichte vertieft, fieberst mit der Hauptfigur mit und bam, 3:01 plötzlich geht auf der Bühne das Licht an und ein Schauspieler erklärt, was als nächstes passiert. Dieser Schockmoment 3:08 reißt dich raus und ersteckt jede emotionale Einfühlung. Und wozu? Damit dein Verstand wach bleibt. Und dafür 3:14 hatte er einen ganzen Werkzeugkasten. Da sprechen die Schauspieler plötzlich direkt zu uns im Publikum oder 3:21 mittendrin, wenn es gerade so richtig dramatisch wird, fängt jemand an zu singen. Plakate auf der Bühne verraten 3:28 schon das Ende einer Szene oder geben ironische Kommentare ab. Und ganz wichtig, die Schauspieler sind nicht 3:34 ihre Rolle. Sie zeigen sie nur. All das sind bewusste Störfaktoren und das ist der springende Punkt. Dieses 3:42 Zerstören der Theaterillusion ist kein Fehler, das ist das Programm. Brecht will uns ständig daran erinnern. Hey 3:49 Leute, das hier ist nur Theater. Denn nur wenn wir diesen kritischen Abstand waren, können wir das, was wir auf der 3:54 Bühne sehen, mit unserer eigenen Realität abgleichen. Das bringt uns natürlich zur wichtigsten Frage, warum 4:01 dieser ganze Auffand? Wieso wollte Brecht sein Publikum so gezielt auf Distanz halten? Was war denn das 4:08 eigentliche Ziel seiner großen Theaterrevolution? Bevor wir jetzt aber denken, das klingt 4:13 alles furchtbar, trocken und nach Schule, hat Brecht selbst klargestellt, sein Theater soll zwar lehren, aber es 4:20 muss verdammt noch mal auch Spaß machen. Es soll gutes, unterhaltsames und amüsantes Theater sein. Aber bei all dem 4:28 Amüement, all diese Techniken, die Verfremdung, die Distanz, die ganzen Unterbrechungen, die liefen am Ende alle 4:35 auf einziges großes politisches Ziel hinaus. Und das hier, das ist die absolute Kernbotschaft. Brecht wollte, 4:43 dass die Menschen im Theatersessel sitzen und eine Sache kapieren. Die Zustände in unserer Welt, 4:49 Ungerechtigkeit, Armut, Krieg, das alles ist kein gottgegebenes Schicksal. Das ist von Menschen gemacht und alles was 4:56 von Menschen gemacht ist, kann auch von Menschen wieder verändert werden. Das Theater sollte uns diese Macht bewusst 5:02 machen. Man kann sich das als einen drei Schritte Prozess vorstellen. Zuerst sehen wir die Probleme auf der Bühne. 5:09 Dann durch die Verfremdung werden wir gezwungen, darüber nachzudenken, also zu denken. Und der letzte und 5:16 allerwichtigste Schritt, der findet dann außerhalb des Theaters statt, das Handeln. Brecht wollte die Leute 5:22 motivieren, rauszugehen und die Welt zu verändern. Und genau deshalb gibt es bei Brecht auch so selten ein klares Happy 5:29 End. Denk mal an Stücke wie der gute Mensch von Seezuan. Am Ende gibt es keine einfache Lösung. Oft kommt sogar 5:37 ein Schauspieler vor und sagt dem Publikum direkt: "So, wir wissen auch nicht weiter, findet ihr mal einen guten 5:42 Schluss." Die Arbeit beginnt also erst, wenn der Vorhang gefallen ist. Und damit gibt Brecht den Ball die ganze 5:50 Verantwortung direkt an uns zurück. Sein Theater liefert keine fertigen Antworten. Es stellt die richtigen 5:57 Fragen. Aber die Lösungen, die müssen wir in unserer eigenen Welt finden. Eine Herausforderung, die, wie ich finde, 6:04 heute vielleicht wichtiger ist als hier zuvor.