Merkmale einer Novelle am Beispiel „Kleider machen Leute“ (Keller) sofatutor https://www.youtube.com/watch?v=p-3Pi5XR8yo Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Eigentlich unerhört so etwas: Da kommt ein Schneidergeselle daher, wird wegen seines guten Aussehens für einen Grafen gehalten und schafft es noch nicht einmal, die Wahrheit 0:12 über sich zu sagen. Und das alles nur, weil er eben einen hübscheren Mantel trägt. 0:17 Aber warum sollte er etwas anderes behaupten als die Leute glauben? Wenn er doch beim schönen Nettchen, Tochter aus gutem Hause, als Schneider sowieso keine 0:25 Chancen hätte… Wenzel Strapinski ist genau das passiert. Er ist die Hauptfigur in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“. 0:34 Aufgrund seiner Kleidung wird er für einen Grafen gehalten. Er wird also zu einer anderen Person gemacht, als er eigentlich ist. 0:42 Um diese Verwechslung und ihre Folgen dreht sich die ganze Handlung. Mit ein wenig Konzentration kannst du die Novelle sogar in einem Zuge lesen und erfahren, 0:51 was mit Wenzel weiter passiert. Du kannst nicht nur herausfinden, wie es mit Wenzel Strapinski weitergeht, sondern auch 0:59 überprüfen, ob es sich bei dem Text wirklich um eine Novelle handelt. Dazu ist es natürlich gut, einige Anhaltspunkte zu haben. 1:08 Wir fangen beim Namen an: Novelle. Dieser Name hat seinen Ursprung in zwei Sprachen. 1:13 Novus bedeutet im Lateinischen „neu“. Im Italienischen gibt es das Wort novella und das heißt Neuigkeit. 1:21 Um eine Novelle zu sein, muss ein Text also von einer Begebenheit berichten, die noch nie da gewesen und außergewöhnlich ist. 1:29 Goethe hat sie einmal als „unerhörte Begebenheit“ bezeichnet. Jetzt denkst du dir vielleicht, gut, ok – aber das passiert in Märchen und Fabeln ja auch ständig. 1:40 Dort passieren am laufenden Band außergewöhnliche Dinge – Tiere sprechen, Menschen zaubern und verwandeln sich… Das stimmt natürlich. 1:47 In einer Novelle sind die außergewöhnlichen Dinge jedoch so, dass sie auch in der Realität, in der wirklichen Welt, geschehen könnten. 1:54 Das, was die Menschen erleben, ist besonders, könnte aber ebenso dir oder mir passieren. Stell dir vor, du würdest in einem maßgeschneiderten Anzug oder einem paillettenbesetzten Cocktailkleid 2:05 durch die Stadt laufen… Für wen könnten die Leute dich halten? Die Wahrscheinlichkeit, dass dir jemand aufgrund dessen die Tür aufhält, ist definitiv hoch. 2:15 Du kannst an „Kleider machen Leute“ auch erkennen, dass der Text nicht sehr lang ist. Das ist bei allen Novellen so und bringt weitere Besonderheiten mit sich. 2:24 Wenn du als Autor eine ganz besondere Begebenheit in so einem kurzen Text beschreiben willst, musst du dich natürlich auf das Wesentliche konzentrieren. 2:32 Deswegen gibt es in Novellen nur wenige Figuren, die sich im Laufe der Geschichte kaum verändern. Alles dreht sich um diese eine außergewöhnliche Begebenheit, eine Situation oder einen Situationskomplex, 2:45 die die Hauptfigur betrifft. Wenn sich alles nur um eine Begebenheit dreht, muss diese natürlich bedeutsam sein. 2:51 Du kannst dir sicher sein, dass immer zutiefst wichtige Fragen für das Leben der Hauptfigur berührt werden. 2:58 Für Wenzel geht es zum Beispiel darum, welche Identität er hat und was diese Identität ausmacht. 3:05 Wodurch wird ein Mensch zu dem, der er ist? Ist es die Kleidung, das Aussehen oder seine Ehrlichkeit, seine Liebe, sein Durchhaltevermögen? 3:16 Die Lebensfragen und Konflikte sind nicht in jeder Novelle gleich, aber in jeder Novelle gibt es ein klar erkennbares Bild und Symbol, an dem sich der Konflikt entfaltet. 3:26 Dieses so genannte Dingsymbol kann zum Beispiel ein Gegenstand oder ein Ort sein. Es taucht immer wieder auf und steht in engem Zusammenhang zu einem oder mehreren Wendepunkten 3:37 des Geschehens. Ahnst du schon, was das Dingsymbol in „Kleider machen Leute“ sein könnte? 3:45 Die Frage der Identität ist hier eng verknüpft mit dem äußeren Erscheinungsbild Wenzels, besonders mit seinem Mantel. 3:51 Immer wieder wird er aufgrund des Mantels für jemand Höhergestelltes gehalten. Meist wird schon im Titel auf das Dingsymbol, bzw. den Hauptkonflikt hingewiesen. 4:02 So ist mit „Kleider machen Leute“ die Problematik Wenzels schon grob umrissen. Die Kürze des Textes bringt es auch mit sich, dass in einer Novelle immer nur eine wichtige 4:12 Begebenheit beschrieben wird. Alles konzentriert sich auf diese eine Handlung. 4:17 Weil es keine Nebenhandlungen und nur wenige Hintergrundinformationen gibt, kannst du die Handlung als geschlossen bezeichnen. 4:24 In Ihrem Aufbau ähnelt eine Novelle dem Drama. Es gibt eine knappe Einleitung – Exposition – die zum Höhe- und Wendepunkt führt. 4:33 In diesem ereignet sich die Katastrophe oder einer Lösung des Konflikts. Kannst du herausfinden, an welcher Stelle die Handlung bei „Kleider machen Leute“ 4:41 ihren Höhepunkt erreicht? Am Ende fällt die Spannung und es gibt einen kurzen Ausklang oder Ausblick. 4:49 Wenn du eine Novelle liest, kann es passieren, dass dir die Zeiten und Orte manchmal unlogisch vorkommen, weil von einem zum nächsten gesprungen wird. 4:57 Das passiert, weil die wichtigsten Zusammenhänge und Wendepunkte dargestellt werden sollen. Dabei kommt es auf die Momente an, die miteinander in Verbindung stehen. 5:06 Was zwischendurch geschieht, ist nicht immer wichtig und wird deswegen weggelassen. Hast du das Video aufmerksam angesehen? 5:14 Dann kennst du jetzt alle wichtigen Merkmale einer Novelle. Fallen dir noch einige ein? 5:20 Außerdem weißt du, was dir gemäß „Kleider machen Leute“ passieren kann, wenn du overdressed zum nächsten Einkauf spazierst…