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„Novelle“ – Johann Wolfgang von Goethe | Geheimnisvolles Hörbuch zum Mitlesen
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Transkriptautomatisch erstellt · 330 Zeilen
- Novelle von Johann Wolfgang von Gothe. Novelle Kapitel 1. Ein dichter Herbstnebel verhüllte noch in der Frühe die weiten Räume des für Schlosshofes,
- als man schon mehr oder weniger durch den sich lichtenden Schleier die ganze Jägerei zu Pferde und zu Fuß durcheinander bewegt sah. Die eiligen
- Beschäftigungen der Nächsten ließen sich erkennen. Man verlängerte, man verkürzte die Steigbügel, man reichte sich Büchse und
- Patrontäschen. Man schob die Dachsranzen zurecht, indess die Hunde ungeduldig am Riemen den Zurückhaltenden mit fortzuschleppen
- drohten. Auch hier und da geberdete ein Pferd sich mutiger, von feuriger Natur getrieben oder von dem Sporn des Reiters angeregt, der selbst hier in der
- Halbhelle eine gewisse Eitelkeit, sich zu zeigen nicht verleugnen konnte. Alle jedoch warteten auf den Fürsten, der von seiner jungen Gemahl in Abschied nehmend
- allzu lange zauderte. Erst vor kurzer Zeit zusammengetraut, empfanden sie schon das Glück übereinstimmender Gemüter. Beide waren
- von tätig lebhaftem Charakter. Eines nahm gern an des anderen Neigungen und Bestrebungenanteil. Des Fürstenvater hatte noch den
- Zeitpunkt erlebt und genutzt, wo es deutlich wurde, dass alle Staatsglieder in gleicher Betriebsamkeit ihre Tage zu bringen. In gleichem Wirken und Schaffen
- jeder nach seiner Art erst gewinnen und dann genießen sollte. Wie sehr dieses gelungen war, ließ sich in diesen Tagen gewahr werden, als eben der Hauptmarkt
- sich versammelte, den man gar wohl eine Masse nennen konnte. Der Fürst hatte seine Gemahlin gestern durch das Gewimmel der aufgehäuften
- Waren zu Pferde geführt und sie bemerken lassen, wie gerade hier das Gebirgsland mit dem flachen Lande einen glücklichen Umtausch treffe. Er wusste sie an Ort
- und Stelle auf die Betriebsamkeit seines Länderkreises aufmerksam zu machen. Wenn sich nun der Fürst fast ausschließlich in diesen Tagen mit den Seinigen über
- diese zudringenden Gegenstände unterhielt, auch besonders mit dem Finanzminister anhaltend arbeitete, so behielt doch auch der Landjägermeister
- sein Recht, auf dessen Vorstellung es unmöglich war, der Versuchung zu widerstehen, an diesen günstigen Herbsttagen eine schon verschobene Jagd
- zu unternehmen, sich selbst und den vielen angekommenen Fremden ein eigenes und seltenes Fest zu eröffnen. Die Fürstin blieb ungern
- zurück. Man hatte sich vorgenommen, weit in das Gebirg hineinzudringen, um die friedlichen Bewohner der dortigen Wälder
- durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen. Scheiden versäumte der Gemahl nicht, einen Spazierritt vorzuschlagen, den sie
- im Geleit Friedrichs des für Oheims unternehmen sollte. Auch lasse ich", sagte er, dir unsern Honorio als Stall und Hofjunker, der für
- alles sorgen wird. Und im Gefolg dieser Worte gab er im Hinabsteigen einem wohlgebildeten jungen Mann die nötigen Aufträge, verschwand so
- dann bald mit Gästen und Gefolge. Die Fürstin, die ihrem Gemahl noch in den Schlosshof hinab mit dem Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die
- hintern Zimmer, welche nach dem Gebirgie Aussicht ließen, die um desto schöner war, als das Schloss selbst von dem Flusse herauf in einiger Höhe stand und
- so vor als hinterwärts mannigfaltige bedeutende Ansichten gewährte. Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es gestern Abend
- gelassen hatte, als man über Busch, Berg und Waldgipfel die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt, die in der
- Abendbeleuchtung merkwürdig hervortraten, indem als dann die größten Licht und Schattenmassen den deutlichsten Begriff
- von einem so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten. Auch zeigte sich heute früh durch die annähernden Gläser recht auffallend die
- herbstliche Färbung jener mannigfaltigen Baumarten, die zwischen dem Gemäuer ungehindert und ungestört durch lange Jahre
- emporstrebten. Die schöne Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer öden steinigen Fläche, über welche der Jagdug
- weggehen musste. Sie erharte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei der Klarheit und Vergrößerungsfähigkeit
- des Instruments erkannten ihre glänzenden Augen deutlich den Fürsten und den Oberstallmeister. Ja, sie enthielt sich nicht, aber mals
- mit dem Schnupftuche zu winken, als sie ein augenblickliches Stillhalten und Rückblicken mehr vermutete als gewahrwart.
- Fürst Oheim, Friedrich mit Namen, trat so dann angemeldet mit seinem Zeichner herein, der ein großes Porteföl unter dem Arm trug.
- Liebe Cousine, sagte der alte rüstige Herr, hier legen wir die Ansichten der Stammburg vor, gezeichnet, um von verschiedenen Seiten anschaulich zu
- machen. Wie der mächtige Trutz und Schutzbau von alten Zeiten her, dem Jahr und seiner Witterung sich entgegenstemmte und wie doch hie und da
- sein Gemäuer weichen, da und dort in Wüsteruinen zusammenstürzen muße. Nun haben wir getan. um diese Wildnis zugänglicher zu machen. Denn mehr bedarf
- es nicht, um jeden Wanderer, jeden Besuchenden in Erstaunen zu setzen, zu entzücken. Indem nun der Fürst die einzelnen
- Blätter deutete, sprach er weiter. Hier, wo man den Hohlweg durch die äußeren Ringmauern heraufkommend vor die eigentliche Burg gelangt, steigt uns ein
- Felsen entgegen von den festen des ganzen Gebirgs. Hierauf nun steht gemauert ein Turm, doch niemand wüsste zu sagen, wo die
- Natur aufhört, Kunst und Handwerk aber anfangen. Perner sieht man seitwärts Mauern angeschlossen und zwinger terrassenmäßig
- herab sich erstreckend, doch ich sage nicht recht, denn es ist eigentlich ein Wald, der diesen uralten Gipfel umgibt. Seit 150 Jahren hat keine
- Axt hier geklungen und überall sind die mächtigsten Stämme im Por gewachsen. Wo ihr euch an den Mauern andrängt, stellt sich der glatte Ahhorn, die rauhe
- Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen. Um diese müssen wir uns herumschlängeln und unsere Fußpfade verständig führen. Seht nur,
- wie trefflich unser Meister dies charakteristische auf dem Papier ausgedrückt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stamm und Wurzelarten
- zwischen das Mauerwerk verflochten und die mächtigen Äste durch die Lücken durchgeschlungen sind. Es ist eine Wildnis wie keine, ein
- zufällig einziges Lokal, wo die alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur sich in dem
- ernstesten Streit erblicken lassen. Ein anderes Blatt, aber vorlegend, fuhr er fort. Was sagt ihr nun zum Schlosshofe, der durch das
- Zusammenstürzen des alten Torturmes unzugänglich, seit und Jahren von niemand betreten ward? Wir suchten ihm von der Seite
- beizukommen, haben Mauern durchbrochen, Gewölbe gesprengt und so einen bequemen, aber geheimen Weg bereitet. Inwendig bedürft es keines Aufräumens.
- Hier findet sich ein flacher Felsgipfel von der Natur. geplättet. Aber doch haben mächtige Bäume hier und da zu Wurzeln Glück und Gelegenheit gefunden.
- Sie sind sachte, aber entschieden aufgewachsen. Nun erstrecken sie ihre Äste bis in die Galerien hinein, auf denen der Ritter
- sonst auf und abschritt. Ja, durch Türen durch und Fenster in die gewölbten Seele, aus denen wir sie nicht vertreiben wollen. Sie sind ebenher
- geworden und mögen es bleiben. Novelle Kapitel 2. Tiefe Blätterschichten wegräumend haben wir den merkwürdigsten Platz geebnet gefunden, dessen gleichen
- in der Welt vielleicht nicht wieder zu sehen ist. Nach allem diesem aber ist es immer noch bemerkenswert und an Ort und Stelle zu
- beschauen, dass auf den Stufen, die in den Hauptturm hinaufführen, ein Ahhorn Wurzel geschlagen und sich zu einem so tüchtigen Baume gebildet hat,
- dass man nur mit Not daran vorbeidringen kann, um die Zinne der unbegrenzten Aussichtwegen zu besteigen. Aber auch hier verwalt man bequem im
- Schatten, denn dieser Baum ist es, der sich über das Ganze wunderbar hoch in die Luft hebt. Danken wir also dem wackern Künstler, der uns so löblich in
- verschiedenen Bildern von allem überzeugt, als wenn wir gegenwärtig wären. Er hat die schönsten Stunden des Tages und der Jahrszeit dazu angewendet
- und sich wochenlang um diese Gegenstände herumbewegt. In dieser Ecke ist für ihn und den Wächter, den wir ihm zugegeben, eine
- kleine angenehme Wohnung eingerichtet. Sie sollten nicht glauben, meine Beste, welch eine schöne aus und Ansichte ins Land in Hof und Gemäuer sich dort
- bereitet hat. Nun aber, da alles so rein und charakteristisch umrissen ist, wird es hier unten mit Bequemlichkeit ausführen.
- Wir wollen mit diesen Bildern unseren Garten salzieren und niemand soll über unsere regelmäßigen Pär, Lauben und schattigen Gänge seine Augen spielen
- lassen. der nicht wünschte, dort oben in dem wirklichen Anschauen des alten und neuen, des starren, unnachgiebigen, unzerstörlichen und des frischen
- schmiegsamen, unwiderstehlichen seine Betrachtungen anzustellen. Honorio trat ein und meldete: "Die
- Pferde seien vorgeführt." Da sagte die Fürstin: "Zum Oh gewendet. Reiten wir hinauf und lassen Sie mich in der Wirklichkeit sehen, was Sie mir hier
- im Bilde zeigten. Seit ich hier bin, höre ich von diesem Unternehmen und werde jetzt erst recht verlangend, mit Augen zu sehen, was mir
- in der Erzählung unmöglich schien und in der Nachbildung unwahrscheinlich bleibt. Noch nicht, meine Liebe, versetzte der Fürst. Was sie hier sahen, ist was es
- werden kann und wird. Jetzt stockt noch manches. Die Kunst muß erst vollenden, wenn sie sich vor der Natur nicht schämen soll. Und so reiten wir
- wenigstens hinaufwärts und wä es nur bis an den Fuß. Ich habe große Lust, mich heute weit in der Welt umzusehen. Ganz nach ihrem Willen.
- Versetzte der Fürst. Laßen Sie uns aber durch die Stadt reiten", fuhr die Dame fort, über den großen Marktplatz, wo eine zahllose
- Menge von Buden die Gestalt einer kleinen Stadt eines Feldlagers angenommen hat. Es ist, als wären die Bedürfnisse und Beschäftigungen
- sämtlicher Familien des Landes umher nach außen gekehrt, in diesem Mittelpunkt versammelt, an das Tageslicht gebracht worden, denn hier
- sieht der aufmerksame Beobachter alles, was der Mensch leistet und bedarf. Man bildet sich einen Augenblick ein. Es sei kein Geld nötig. Jedes Geschäft könne
- hier durch Tausch abgetan werden und so ist auch im Grunde. Seitdem der Fürst gestern mir Anlaß zu diesem Übersichten gegeben, ist es mir gar angenehm zu
- denken, wie hier, wo Gebirg und flaches Land aneinander grenzen. Beide so deutlich aussprechen, was sie brauchen und was sie wünschen. Wie nun der
- Hochländer das Holz seiner Wälder in hundert Formen umzubilden weiß, das Eisen zu einem jeden Gebrauch zu vermannigfaltigen.
- So kommen jene drüben mit den vielfältigsten Waren ihm entgegen, an denen man den Stoff kaum unterscheiden und den Zweck oft nicht erkennen mag.
- Ich weiß, versetzte der Fürst, daß mein Neffe hierauf die größte Aufmerksamkeit wendet, denn gerade zu dieser Jahrszeit kommt es hauptsächlich darauf an, dass
- man mehr empfange als gebe. Dies zu bewirken ist am Ende die Summe des ganzen Staatshaushaltes sowie der kleinsten häuslichen Wirtschaft.
- Verzeihen Sie aber meine Beste. Ich reite niemals gern durch den Markt und messe. Bei jedem Schritt ist man gehert und aufgehalten.
- Und dann flammt mir das ungeheure Unglück wieder in die Einbildungskraft, dass ich mir gleichsam in die Augen eingebrannt,
- als ich eine solche Güter und Warenbreite in Feuer aufgehen sah. Ich hatte mich kaum. Lassen Sie uns die schönen Stunden nicht
- versäumen." fiel ihm die Fürstin ein, da der würdige man sie schon einige Mal mit ausführlicher Beschreibung jenes Unheils
- geängstigt hatte, wie er sich nämlich auf einer großen Reise begriffen, abends im besten Wirtshause auf dem Markte, der eben von einer Hauptmesse wimmelte,
- höchst er müde zu Bette gelegt und nachts durch Geschrei und Flammen, die sich gegen seine Wohnung wälzten, grässlich aufgeweckt worden. Die Fürstin
- eilte das Lieblingspferd zu besteigen und führte statt zum Hintertore Berg auf zum Vordertore Berg unter ihren widerwillig bereiten Begleiter. Denn wer
- wäre nicht gern an ihrer Seite geritten? Wer wäre ihr nicht gern gefolgt? Und so war auch Honorio von der sonst so ersehnten Jagdwillig zurückgeblieben, um
- ihr ausschließlich dienstbar zu sein. Wie vorauszusehen dürften sie auf dem Markte nur Schritt vor Schritt reiten. Aber die schöne liebenswürdige
- erheiterte jeden Aufenthalt durch eine geistreiche Bemerkung. "Ich wiederhole", sagte sie, "meine gestrige Lektion, da denn doch die
- Notwendigkeit unsere Geduld prüfen will. Und wirklich drängte sich die ganze Menschenmaße der Gestalt an die Reitenden heran, dass sie ihren Weg nur
- langsam fortsetzen konnten. Das Volk schaute mit Freuden die junge Dame und auf so viel lächelnden Gesichtern zeigte sich das entschiedene Behagen, zu sehen,
- dass die erste Frau im Lande auch die schönste und anmutigste sei. Untertereinander gemischt standen Bergbewohner, die zwischen Felsen,
- Fichten und Führen ihre stillen Wohnsitze hegten. Flachländer von Hügeln, Auen und Wiesen her, Gewerbsleute der kleinen Städte und was
- sich alles versammelt hatte. Nach einem ruhigen Überblick bemerkte die Fürstin ihrem Begleiter, wie alle diese, woher sie auch seien, mehr Stoff
- als nötig zu ihren Kleidern genommen, mehr Tuch und Leinwand, mehr Band zum Besatz. Ist es doch als ob die Weiber nicht brauschig und die
- Männer nicht pausig genug sich gefallen könnten. Wir wollen ihnen das ja lassen! Versetzte der Oheim. Wo auch der Mensch
- seinen Überfluss hinwendet, ihm ist wohl dabei, am wohlsten, wenn er sich damit schmückt und aufputzt." Die schöne Dame winkte Beifall. So waren
- sie nach und nach auf einen freiern Platz gelangt, der zur Vorstadt hinführte, wo am Ende vieler kleiner Buden und
- Kramstände ein größeres Brettergebäude in die Augen fiel, dass sie kaum erblickten, als ein Ohrzerreißendes Gebrülle ihnen entgegentönte.
- Die Fütterungsstunde der dort zur Schau stehenden wilden Tiere schien herangekommen. Der Löwe ließ seine Wald und
- Wüstenstimme aufs Kräftigste hören. Die Pferde schauderten und man konnte der Bemerkung nicht entgehen, wie in dem friedlichen Wesen und Wirken der
- gebildeten Welt der König der Einöde sich so furchtbar verkündige. Zur Bude näher gelangt, dürften sie die bunten kolossalen Gemälde nicht
- übersehen, die mit heftigen Farben und kräftigen Bildern jene fremden Tiere darstellten, welche der friedliche Staatsbürger zu
- schauen unüberwindliche Lust empfinden sollte. Novelle Kapitel Der grimmig ungeheure Tiger sprang auf
- einen Mohen los, im Begriff ihn zu zerreißen. Ein Löwe stand ernsthaft majestätisch, als wenn er keine Beute seiner würdig
- vor sich sehe. Andere wunderliche, bunte Geschöpfe verdienten neben diesen mächtigen weniger Aufmerksamkeit. Wir wollen, sagte die Fürstin, bei
- unserer Rückkehr absteigen und die seltenen Gäste näher betrachten. Es ist wunderbar, versetzte der Fürst, dass der Mensch durch schreckliches
- immer aufgeregt sein will. Drinnen liegt der Tiger ganz ruhig in seinem Kerker und hier muß er grimmig auf einen Mohen losfahren, damit man glaube dergleichen
- innwendig ebenfalls zu sehen. Es ist an Mord und Totschlag noch nicht genug, an Brand und Untergang. Die Bänkelsänger müssen es an jeder Ecke
- wiederholen. Die guten Menschen wollen eingeschüchtert sein, um hinter dreihen erst recht zu fühlen, wie schön und
- löblich es sei, Freiatem zu holen. Was denn aber auch bliches von solchen Schreckensbildern mochte übrig geblieben sein. Alles und jedes war sogleich
- ausgelöscht, als man zum Tore hinausgelangt in die heiterste Gegend eintrat. Der Weg führte zuerst am Flusse hinan,
- an einem zwar noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter Strom seinen Namen behalten und ferne Länder beleben
- sollte. Dann ging es weiter durch wohlversorgte Frucht und Lustgärtten hinaufwärts und man sah sich nach und nach in der aufgetanen, wohlbewohnten
- Gegend um, bis erst ein Busch. Sodan ein Wächen die Gesellschaft aufnahm und die anmutigsten Örtlichkeiten ihren Blick begrenzten und
- erquickten. Ein aufwärtsleitendes Wiesental. Erst vor kurzem zum zweiten Male gemäht, sammehnlich anzusehen, von einer
- oberwärts lebhaft auf einmal reich entspringenden Quelle gewässert, empfing sie freundlich, und so zogen sie einem höheren, freieren Standpunkt entgegen,
- den sie aus dem Walde sich bewegend nach einem lebhaften Stieg erreichten, als dann aber vor sich noch in bedeutender Entfernung über neuen
- Baumgruppen das alte Schloss, den Zielpunkt ihrer Wallfahrt als Fels und Waldgipfel hervorragend sahen. Rückwärts aber, denn niemals gelangte man hierher,
- ohne sich umzukehren, erblickten sie durch zufällige Lücken der hohen Bäume das fürstliche Schloss links von der Morgensonne beleuchtet,
- den wohlgebauten höheren Teil der Stadt, von leichten Rauchwolken gedämpft und sofort nach der rechten zu die untere Stadt, den Fluss in einigen Krümmungen
- mit seinen Wiesen und Mühlen gegenüber eine weite nahhafte Geg nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt oder viel mehr. Wie es uns bei
- dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst recht verlangend geworden nach einer weitern weniger begrenzten Aussicht, ritten sie eine
- steinige breite Fläche hinan, wo ihnen die mächtige Ruine als ein grüngrönter Gipfel entgegenstand, wenig alte Bäume tief unten um seinen Fuß.
- Sie ritten hindurch und so fanden sie sich gerade vor der steilsten, unzugänglichsten Seite. Mächtige Felsen standen von Urzeiten her, jedem Wechsel
- unangetastet, fest, wohlgegründet voran, und so türmte sich's aufwärts. Sat zwischen herabgestürzte lag in mächtigen Platten und Trümmern
- unregelmäßig übereinander und schien dem Kühnsten jeden Angriff zu verbieten. Aber das steile, Jehe scheint der Jugend zuzusagen.
- Dies zu unternehmen, zu erstürmen, zu erobern ist Jungliedern ein Genuss. Die Fürstin bezeigte Neigung zu einem Versuch. Honorio war bei der Hand. Der
- für Oheim, wenn schon bequemer, ließ sich's gefallen und wollte sich doch auch nicht unkräftig zeigen. Die Pferde sollten am Fuß unter den Bäumen halten
- und man wollte bis zu einem gewissen Punkte gelangen, wo ein vorstehender mächtiger Felsen Flächenraum darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar
- schon in den Blick des Vogels überging, aber sich doch noch mal genug hintereinander schob. Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle verlieste
- Beleuchtung. Das für Schloss mit seinen Teilen, Hauptgebäuden, Flügeln, Kuppeln und Türmen erschien gar stattlich, die obere
- Stadt in ihrer völligen Ausdehnung. Auch in die untere konnte man bequem hineinsehen, ja, durch das Fernrohr auf dem Markte
- sogar die Buden unterscheiden. Honorio war immer gewohnt, ein so förderliches Werkzeug überzuschnallen. Man schaute den Fluss hinauf und hinab,
- diesseits das bergartig terrassenweiß unterbrochene, jenseits das Aufgleitende flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbare
- Land, Ortschaften und Zählige, denn es war längst herkömmlich, über die Zahl zu streiten, wie viel man deren von hier oben gewahr werde. Über die große Weite
- lag eine heitere Stille, wie es am Mittag zu sein pflegt, wo die Alten sagten: "Pan, schlafe und alle Natur halte den Atem an, um ihn nicht
- aufzuwecken." Es ist nicht das erste Mal", sagte die Fürstin, "ßer weitschauender Stelle die Betrachtung
- machte, wie doch die klare Natur so reinlich und friedlich aussieht und den Eindruck verleiht, als wenn gar nichts widerwertiges in der Welt sein könne.
- Und wenn man denn wieder in die Menschenwohnung zurückkehrt, sie sei hoch oder niedrig, weit oder eng, so gibt's immer etwas zu kämpfen, zu
- streiten, zu schlichten und zurecht zu legen. Honorio, der indessen durch das Seerohr nach der Stadt geschaut hatte, rief:
- Seht hin, seht hin auf dem Markte fängt es an zu brennen. Sie sahen hin und bemerkten wenigen Rauch.
- Die Flamme dämpfte der Tag. Das Feuer greift weiter um sich, rief man immer durch die Gläser schauend. Auch wurde das Unheil den
- guten, unbewaffneten Augen der Fürstin bemerklich. Von Zeit zu Zeit erkannte man eine rote Flammenglut. Der Dampf stieg empor und
- Fürst Ohim sprach: "Lasst uns zurückkehren, das ist nicht gut. Ich fürchtete immer das Unglück zum zweiten Male zu erleben.
- Als sie herabgekommen, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fürstin zu dem alten Herrn: "Bereiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne den Reitknecht.
- Lassen Sie mir Honorio, wir folgen sogleich." Der Oheim fühlte das Vernünftige, ja, das Notwendige dieser Worte und Ritt, so
- eilig als der Boden erlaubte, den wüsten steinigen Hang hinunter. Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio: "Reiten euer durchlaucht, ich bitte
- langsam. In der Stadt wie auf dem Schloss sind die Feueranstalten in bester Ordnung. Man wird sich durch einen so unerwartet außerordentlichen
- Fall nicht irre machen lassen. Hier aber ist ein böser Boden, kleine Steine und kurzes Gras. Schnelles Reiten ist unsicher.
- Ohnehin, bis wir hineinkommen, wird das Feuer schon nieder sein. Die Fürstin glauben nicht daran. Sie sah den Rauch sich verbreiten. Sie
- glaubte, einen auflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehört zu haben. Und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die Schreckbilder,
- welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzählung von dem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.
- Fürchterlich wohl war jener Fall überraschend und eindringlich genug, um Zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Unglücks ängstlich
- zurückzulassen, als zur Nachtzeit auf dem großen budenreichen Marktraum ein plötzlicher Brandladen auf Laden ergriffen hatte,
- ehe die innen und an diesen leichten Hütten schlafenden aus tiefen Träumen geschüttelt wurden. Erfürst selbst als ein ermüdet angelangter, erst
- eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles fürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich überspringend.
- Ihm entgegensüngelte. Novelle Kapitel Die Häuser des Marktes vom Widerschein gerötet schienen schon zu glühen,
- drohend sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen aufzuschlagen. Unten wütete das Element unaufhaltsam. Die Bretter prasselten, die Latten
- knackten, Leinwand flog auf und ihre Düstern an den Enten flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich umher. als wenn die bösen Geister
- in ihrem Elemente um und umgestaltet sich mutwillig tanzen verzehren und da und dort aus den Gluten wieder auftauchen wollten. Dann aber mit
- kreischendem Geheul rettete jeder, was zur Hand lag. Diener und Knechte mit den Herren bemühten sich, von Flammen ergriffene
- Ballen fortzuschleppen, von dem brennenden Gestell noch einiges wegzureißen, um es in die Kiste zu packen, die sie denn doch zuletzt den
- eilenden Flammen zum Raube lassen mussten. Wie mancher wünschte nur einen Augenblick Stillstand dem heranprasselnden Feuer nach der
- Möglichkeit einer Besinnung sich umsehend, und er war mit aller seiner Habe schon ergriffen. An der einen Seite brannte, glühte schon, was an der
- anderen noch in finster Nacht stand. Hartnäckige Charaktere, willensstarke Menschen widersetzten sich grimmig dem grimmigen Feinde und retteten manches
- mit Verlust ihrer Augenbraunen und Haare. Leider nun erneuerte sich vor dem schönen Geiste der Fürstin der Wüste Wir. Nun schien der heitere morgendliche
- Gesichtskreis umnebelt, ihre Augen verdüstert. Wald und Wiese hatten einen wunderbaren bänglichen Anschein in das friedliche
- Tal einreitend, seiner labenden Kühle nicht achtend, waren sie kaum einige Schritte von der lebhaften Quelle des nahen fließenden Baches herab, als die
- Fürstin ganz unten im Gebüsche des Wiesentals etwas Seltsames erblickte, dass sie also bald für den Tiger erkannte.
- Heranspringentend, wie Sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam er entgegen und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie soeben beschäftigten,
- machte den wundersamsten Eindruck. Flied, gnädige Frau rief Honorio: "Fliet! Sie wandte das fährt um dem steilen Berg
- zu, wo sie herabgekommen waren. Der Jüngling aber, dem Untier entgegen, zog die Pistole und sch, als er sich nahe genug glaubte. Leider jedoch war
- gefehlt. Der Tiger sprang seitwärts, das Pferd stutzte, das ergrimte Tier aber verfolgte seinen Weg aufwärts,
- unmittelbar der Fürstein nach. Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile steinige Strecke hinan, kaum fürchtend, daß ein zartes Geschöpf
- solcher Anstrengung ungewohnt sie nicht aushalten werde. Es übernahm sich von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß am kleinen Gerölle des Hanges an und
- wieder an und stürzte zuletzt nach heftigem Bestreben kraftlos zu Boden. Die schöne Dame, entschlossen und gewandt, verfehlte nicht, sich stref
- richtete sich auf, aber der Tiger na schon, obgleich nicht mit heftiger Schnelle. Der ungleiche Boden, die scharfen Steine schienen seinen Antrieb
- zu hindern und nur das Honorio unmittelbar hinter ihm herflog. Neben ihm gemäßigt heraufritt, schien seine Kraft aufs Neue anzuspornen und zu
- reizen. Beide Renner erreichten zugleich den Ort, wo die Fürstin am Pferde stand. Der Ritter beugte sich herab, schoss und traf mit der zweiten Pistole das
- Ungeheuer durch den Kopf, dass es sogleich niederstürzte und ausgestreckt in seiner Länge erst recht die Macht und Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur
- noch das Körperliche übrig geblieben da lag. Honorio war vom Pferde gesprungen und kniete schon auf dem Tiere, dämpfte seine letzten Bewegungen und hielt den
- gezogenen Hirschfänger in der rechten Hand. Der Jüngling war schön. Er war herangesprengt, wie ihn die Fürstin oft
- im Lanzen und Ringelspiel gesehen hatte. Ebenso traf in der Reitbahn seine Kugel im Vorbeisprengen den Türkenkopf auf dem Pfal gerade unter dem Tourbahn in die
- Stirne. Ebenso spieße er flüchtig heranspringend mit dem blanken Säbel das Mohenhaupt vom Boden auf.
- In allen solchen Künsten war er gewandt und glücklich. Hier kam beides Zustatten. Gebt ihm den Rest, sagte die Fürstin.
- Ich fürchte, er beschädigt euch noch mit den Krallen. Verzeiht, erwiderte der Jüngling. Er ist schon tot
- genug, und ich mag das Fell nicht verderben, dass nächsten Winter auf eurem Schlitten glänzen soll. Frefelt nicht", sagte die Fürstin.
- "Alles, was von Frömigkeit im tiefen Herzen wohnt, entfaltet sich in solchem Augenblick." "Auch ich", riefonorio, "wie nie frömmer
- als jetzt eben. Deshalb aber denke ich ans Freudigste. Ich blicke dieses Fell nur an, wie es euch zur Lust begleiten kann."
- "Es würde mich immer an diesen schrecklichen Augenblick erinnern", versetzte sie. Ist es doch?", erwiderte der Jüngling mit glühender Wange. Ein
- unschuldigeres Triumphzeichen, als wenn die Waffen erschlagener Feinde vor dem Sieger her zur Schau getragen wurden.
- Ich werde mich an eure Kühnheit und Gewandtheit dabei erinnern und darf nicht hinzusetzen, dass ihr auf meinen Dank und auf die
- Gnade des Fürsten lebenslänglich rechnen könnt. Aber steht auf, schon ist kein Leben mehr im Tiere. Bedenken wir das weitere. Vor allen Dingen steht auf.
- Da ich nun einmal knie, versetzte der Jüngling, da ich mich in einer Stellung befinde, die mir auf jede andere Weise untersagt wäre, so lasst mich bitten.
- Von der Gunst und von der Gnade, die ihr mir zuwendet, in diesem Augenblick versichert zu werden. Ich habe schon so oft euren hohen Gemahl gebeten um Urlaub
- und Vergünstigung einer weiteren Reise. Wer das Glück hat, an eurer Tafel zu sitzen, wen ihr beehrt, eure Gesellschaft unterhalten zu dürfen, der
- muss die Welt gesehen haben. Reisende strömen von allen Orten her und wenn von einer Stadt, von einem wichtigen Punkte irgendeines Weltteils gesprochen wird,
- ergeht an den Eurigen jedes Mal die Frage, ob er da selbst gewesen sei. Niemanden traut man Verstand zu, als wer das alles gesehen hat. Es ist als wenn
- man sich nur für andere zu unterrichten hätte. steht auf, wiederholte die Fürstin. Ich möchte
- nicht gern gegen die Überzeugung meines Gemahls irgendetwas wünschen und bitten. Allein, wenn ich nicht irre, so ist die Ursache, warum er euch bisher
- zurückhielt, bald gehoben. Seine Absicht war, euch zum selbständigen Edelmann herangereift zu sehen, der sich und ihm auch auswärts Ehre machte, wie bisher am
- Hofe. Und ich denchte, eure Tat wäre ein so empfehlender Reisepass, als ein junger Mann nur in die Welt mitnehmen kann.
- Da anstatt einer jugendlichen Freude eine gewisse Trauer über sein Gesicht zog, hatte die Fürstin nicht Zeit zu bemerken, noch er seiner Empfindung Raum
- zu geben. Denn hastig den Berg herauf, einen Knaben an der Hand, kam eine Frau geradezu auf die Gruppe los, die wir kennen, und kaum war Honorio sich
- besinnend aufgestanden, als sie sich heulend und schreiend über den Leichnam herwarf und an dieser Handlung sowie an einer obgleich
- reinlich anständigen, doch bunten und seltsamen Kleidung sogleich erraten ließ, sie sei die Meisterin und Werterin dieses
- dahingestreckten Geschöpfes, wie denn der schwarzaugige schwarzlockige Knabe, der eine Flöte in der Hand hielt, gleich der Mutter
- weinend, weniger heftig, aber tief gerührt neben ihr kniete. Novelle Kapitel 5. den gewaltsamen Ausbrüchen der Leidenschaft dieses unglücklichen
- Weibes folgte, zwar unterbrochen, stoßweise ein Strom von Worten. Wie ein Bach sich in Absätzen von Felsen zu Felsen stürzt. Eine natürliche Sprache,
- kurz und abgebrochen, machte sich eindringlich und rührend. Vergebens würde man sie in unseren Mundarten übersetzen wollen. Den
- ungefähren Inhalt dürfen wir nicht verfehlen. Sie haben dich ermordet, armes Tier. Ermordet oh. Du warst zahm und hättest
- dich gern ruhig niedergelassen und auf uns gewartet. Denn deine Fußballen schmerzten dich und deine Krallen hatten keine Kraft mehr. Die heiße Sonne fehlte
- dir, sie zu reifen. Du warst der Schönste deines gleichen. Wer hat je einen königlichen Tiger so herrlich ausgestreckt im Schlaf gesehen, wie du
- nun hier liegst, tot, um nicht wieder aufzustehen? Wenn du morgens aufwachtest beim frühen Tagschein und den Rachen aufsperrtest,
- ausstreckend die rote Zunge, so schienst du uns zu lächeln. Und wenn schon brüllend, nahmst du doch spielend dein Futter aus den Händen einer Frau, von
- den Fingern eines Kindes. Wie lange begleiteten wir dich auf deinen Vatten? Wie lange war deine Gesellschaft uns wichtig und fruchtbar?
- Uns, uns ganz eigentlich kam die Speise von den Fressern und süße Labung von den Starken. So wird es nicht mehr sein. Wehe, wehe.
- Sie hatte nicht ausgeklagt, als über die mittlere Höhe des Bergs am Schlosse herab Reiter heransprengten, die also bald für das Jagdgefolge des
- Fürsten erkannt wurden, er selbst voran. Sie hatten in den hintern Gebirgen jagend die Brandwolken aufsteigen sehen und durch Täller und Schluchten wie auf
- gewaltsam hetzender Jagd den geraden Weg nach diesem traurigen Zeichen genommen. Über die steinige Blöße ein Herpringent stutzten und starrten sie nun die
- unerwartete Gruppe gewahrwerdend, die sich auf der leeren Fläche merkwürdig auszeichnete. Nach dem ersten Erkennen verstummte man
- und nach einigem erholen ward, was der Anblick nicht selbst ergab, mit wenigen Worten erläutert. So stand der Fürst vor dem seltsamen
- unerhörten Ereignis einen Kreis umher von Reitern und nacheilenden zu Fuße. Unschlüssig war man nicht, was zu tun sei. Anzuordnen, auszuführen, war der
- Fürst beschäftigt, als ein Mann sich in den Kreis drängte, groß von Gestalt, bunt und wunderlich gekleidet wie Frau und Kind. Und nun gab die Familie
- zusammen Schmerz und Überraschung zu erkennen. Der Mann aber, gefasst, stand in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem Fürsten und sagte:
- "Es ist nicht Klagenszeit. Ach, mein Herr und mächtiger Jäger, auch der Löwe ist los. Auch hier nach dem Gebirg ist er hin. Aber schont ihn, habt
- Barmherzigkeit, dass er nicht umkomme wie dies gute Tier. Der Löwe,
- sagte der Fürst, hast du seine Spur? Ja, Herr. Ein Bauer dort unten, der sich ohne Not auf einen Baum gerettet hatte, wies mich weiter hier links hinauf, aber
- ich sah den großen Trupp Menschen und Pferde vor mir. Neugierig und hilfsbedürftig eilte ich hierher. Also, beorderte der Fürst, muß die Jagd
- sich auf diese Seite ziehen. Ihr ladet eure Gewehre, geht sachte zu Werk. Es ist kein Unglück, wenn ihr ihn in die tiefen Wälder treibt.
- Aber am Ende, guter Mann, werden wir euer Geschöpf nicht schonen können. Warum wart ihr unvorsichtig genug, sie entkommen zu lassen?
- Das Feuer brach aus, versetzte jener. Wir hielten uns still und gespannt. Es verbreitete sich schnell, aber fern von uns. Wir hatten Wasser genug zu unserer
- Verteidigung, aber ein Pulverschlag flog auf und warf die Brände bis an uns heran, über uns weg. Wir übereilten uns und sind nun unglückliche Leute.
- Noch war der Fürst mit Anordnungen beschäftigt, aber einen Augenblick schien alles zu stocken, als oben vom alten Schloss herabe eilig ein Mann
- heranspringend gesehen ward, den man bald für den Angestellten Wächter erkannte, der die Werkstätte des Malers bewachte, indem er darin seine Wohnung
- nahm und die Arbeiter beaufsichtigte. Er kam außer Atemspringend, doch hatte er bald mit wenigen Worten angezeigt.
- Oben hinter der höhen Ringmauer habe sich der Löwe im Sonnenschein gelagert, am Fuße einer hundertjährigen Buche und verhalte sich ganz ruhig. Ärgerlich aber
- schloss der Mann: "Warum habe ich gestern meine Büchse in die Stadt getragen, um sie ausputzen zu lassen? Hätte ich sie bei der Hand gehabt, er
- wäre nicht wieder aufgestanden. Das Fell wäre doch mein gewesen und ich hätte mich dessen wie billig Zeitlebens gebrüstet.
- Der Fürst, dem seine militärischen Erfahrungen auch hier zustatten kamen, da er sich wohl schon in Fällen gefunden hatte, wo von mehreren Seiten
- unvermeidliches Übel herantrhe, sagte hierauf: "Welche Bürgschaft gebt ihr mir? daß, wenn wir eures Löwen schonen, er nicht im Lande unter den
- meinigen Verderben anrichtet. Hier diese Frau und dieses Kind, erwiderte der Vater hastig. Er bieten sich ihn zu zähmen, ihn ruhig zu
- erhalten, bis ich dem beschlagenen Kasten heraufschaffe, da wir ihn denn unschädlich und unbeschädigt wieder zurückbringen
- werden. Der Knabe schien seine Flöte versuchen zu wollen, ein Instrument von der Art, dass man sonst die sanfte, süße Flöte zu
- nennen pflegte. Sie war kurz geschnebelt wie die Pfeifen. Wer es verstand, wußte die anmutigsten Töne daraus hervorzulocken.
- Indess hatte der Fürst den Wertel gefragt, wie der Löwe hinaufgekommen. Dieser aber versetzte durch den Hohlweg, der auf beiden Seiten
- vermauert, von jeher der einzige Zugang war und der einzige bleiben soll. Zwei Fußpfade, die noch hinaufführten, haben wir der Gestalt entstellt, daß
- niemand als durch jenen ersten engen Anweg zu dem Zauberschlosse gelangen könne, wozu es Fürst Friedrichs Geist und Geschmack ausbilden will.
- Nach einigem Nachdenken, wobei sich der Fürst nach dem Kinde umsah, das immer sanft gleichsam zu prudieren fortgefahren hatte, wendete er sich zu
- Honorio und sagte: "Du hast heute viel geleistet. Vollende das Tagwerk. Besetze schmalen Weg. Haltet eure Büchsen bereit, aber schießt nicht eher
- als bisß ihr das Geschöpf nicht sonst zurückscheuchen könnt. Allenfalls macht ein Feuer an, vor dem er sich fürchtet, wenn er herunter will. Mann und Frau
- möge für das Übrige stehen. Eilig schickte Honorio sich an, die Befehle zu vollführen. Novelle Kapitel 6. Das Kind verfolgte
- seine Melodie, die keine war, eine Tonfolge ohne Gesetz und vielleicht eben deswegen so herzergreifend. Die Umstehenden schienen wie bezaubert
- von der Bewegung einer liederartigen Weise, als der Vater mit anständigem Enthusiasmus zu reden anfing und fortfuhr.
- Gott hat dem Fürsten Weisheit gegeben und zugleich die Erkenntnis, dass alle Gotteswerke weise sind, jedes nach seiner Artikel.
- Seht den Felsen, wie er fest steht und sich nicht rührt. Der Witterung trotzt und dem Sonnenschein. Uralte Bäume zieren sein Haupt und so
- gekrönt schaut er weit umher, stürzt aber ein Teil herunter, so will es nicht bleiben, was es war. Es fällt zertrümmert in viele Stücke und bedeckt
- die Seite des Hanges, aber auch da wollen sie nicht verharren. Mutwillig springen sie tief hinab. Der Bach nimmt sie auf. Zum Fluß trägt er sie. Nicht
- wiederstehend, nicht wieder spenstig, eckig. Nein, glatt und abgerundet gewinnen sie schneller ihren Weg und gelangen von
- Fluss zu Fluss endlich zum Ozean, wo die Riesen in Scharen daherziehen und in der Tiefe die Zwerge wimmeln. Doch wer preist den Ruhm des Herrn, den die
- Sterne loben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Warum seht ihr aber im Fernen umher? Betrachtet hier die Biene. Noch spät im Herbst sammelt sie sich und baut sich
- ein Haus, Winkel und wagerecht als Meister und Geselle. Schaut die Ameise da. Sie kennt ihren Weg und verliert ihn nicht. Sie baut sich eine Wohnung aus
- Grashalmen, Erdbröslein und Kiefernadeln. Sie baut es in die Höhe und wölbet es zu. Aber sie hat umsonst gearbeitet, denn
- das Pferd stampft und schart alles auseinander. Sehr hin. Es zertritt ihre Balken und zerstreut ihre Planken. Ungeduldig
- schnaubt es und kann nicht rasten. Denn der Herr hat das Rost zum Gesellen des Windes gemacht und zum Gefährten des Sturmes, dass es den Mann dahin trage,
- wohin er will und die Frau, wohin sie begehrt. Aber im Palmenwald trat er auf, der Löwe. Ernsten Schrittes durchzog er die Wüste. Dort herrscht er über alles
- Gitier und nichts widersteht ihm. Doch der Mensch weiß ihn zu zähmen, und das grausamste der Geschöpfe hat ehrfurcht vor dem Ebenbilde Gottes, wornach auch
- die Engel gemacht sind, die dem Herrn dienen und seinen Dienern. Denn in der Löwengrube scheute sich Daniel nicht. Er blieb fest und getrost. und das wilde
- Brüllen unterbrach nicht seinen frommen Gesang. Diese mit dem Ausdruck eines natürlichen Enthusiasmus gehaltene Rede begleitete
- das Kind hie und da mit anmutigen Tönen. Als aber der Vater geändigt hatte, fing es mit reiner Kehle, heller Stimme und geschickten Läufen zu intonniieren an,
- worauf der Vater die Flöte ergriff, im Einklang sich hören ließ, das Kind aber sang. Aus den Gruben hier im Graben höre ich
- des Propheten Sang. Engel schweben ihn zu laben wäre da dem guten Beng. Löf und Löwin hin und wieder schmiegen sich um ihn heran. Ja, die sanften frommen
- Lieder haben es ihnen angetan. Der Vater fuhr fort, die Strophe mit der Flöte zu begleiten. Die Mutter trat hie und da als zweite
- Stimme mit ein. Eindringlich, aber ganz besonders war, daß das Kind die Zeilen der Strophe nun mehr zu anderer Ordnung durcheinander
- schob und dadurch, wo nicht einen neuen Sinn hervorbrachte, doch das Gefühl in und durch sich selbst aufregend erhöht. Engel schweben auf und
- nieder, uns in Tönen zu erlaben, welch ein himmlischer Gesang. In den Gruben, in dem Graben wäre da dem Kindebang. Diese sanften frommen Lieder lassen
- Unglück nicht heran. Engel schweben hin und wieder und so ist es schon getan. Hierauf mit Kraft und Erhebung begannen alle drei. Denn der Juge herrscht auf
- Erden. Über Meere herrscht sein Blick. Löwen sollen Lämmer werden und die Welle schwankt zurück. Blankes Schwert erstarrt im Hebe. Glaub und Hoffnung
- sind erfüllt. Wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt. Alles war still, hörte, horchte und nur
- erst, als die Töne verhalten, konnte man den Eindruck bemerken und allenfalls beobachten. Alles war wie beschwigt, jeder in seiner
- Art gerührt. Fürst als wenn er erst jetzt das Unheil übersehe, das ihn vor kurzem bedroht hatte, blickte nieder auf seine
- Gemahlin, die an ihn gelehnt, sich nicht versagte, das gestickte Tüchlein hervorzuziehen und die Augen damit zu bedecken. Es tat ihr wohl, die
- jugendliche Brust von dem Druck erleichtert zu fühlen, mit dem die vorhergehenden Minuten sie belastet hatten. Eine vollkommene Stille
- beherrschte die Menge. Man schien die Gefahren vergessen zu haben, unten den Brand und von oben das Erstehen eines bedenklich ruhenden Löwen. Durch einen
- Wink, die Pferde näher herbeizuführen, brachte der Fürst zuerst wieder in die Gruppebewegung. Dann wendete er sich zu dem Weibe und
- sagte: "Ihr glaubt also, daß ihr den entsprungenen Löwen, wo ihr ihn antrefft, durch euren Gesang, durch den Gesang dieses Kindes, mit Hilfe dieser
- Flötentöne beschwichtigen und ihn soan unschädlich sowie unbeschädigt in seinem Verschluss wieder zurückbringen könntet."
- Sie bejahrten es, versichernd und beteuernd. Der Kastellan wurde ihnen als Wegweiser zugegeben. Nun entfernte der Fürst mit wenigen sich
- eiligst. Die Fürstin folgte langsamer mit dem übrigen Gefolge. Mutter aber und Sohn stiegen von dem Wertel, der sich eines Gewehrs bemächtigt hatte,
- begleitet, steiler gegen den Berg hinan. Vor dem Eintritt in den Hohlweg, der den Zugang zu dem Schloss eröffnete, fanden sie die Jäger beschäftigt, dürres reisig
- zu häufen, damit sie auf jeden Fall ein großes Feuer anzünden könnten. "Es ist nicht Not", sagte die Frau. "Es wird ohne das alles in Güte geschehen."
- Weiterhin auf einem Mauerstücke sitzend erblickten sie Honorio, seine Doppelbüchse in den Schoß gelegt, auf einem Posten als wie zu jedem Ereignis
- gefasst. Aber die Herkommenden schien er kaum zu bemerken. Er saß wie in tiefen Gedanken versunken. Er sah umher wie zerstreut.
- Die Frau sprach ihn an mit Bitte, das Feuer nicht anzünden zu lassen. Er schien jedoch ihrer Rede wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Sie redete
- lebhaft fort und rief: "Schöner junger Mann, du hast meinen Tiger erschlagen. Ich fluche dir nicht. Schone meinen Löwen, guter junger Mann. Ich segne
- dich." Honorio schaute gerad vor sich hin, dorthin, wo die Sonne auf ihrer Bahn sich zu senken begann. Novelle Kapitel
- 7. Du schaust nach Abend, rief die Frau. Du tust wohl daran, dort gibt's viel zu tun. Eile nur, säume nicht, du wirst überwinden.
- Aber zuerst überwinde dich selbst. Hierauf schien er zu lächeln. Die Frau stieg weiter, konnte sich aber nicht enthalten, nach dem
- Zurückbleibenden nochmals umzublicken. Eine rötliche Sonne überschien sein Gesicht. Sie glaubte nie, einen schören Jüngling gesehen zu haben. "Wenn euer
- Kind", sagte nun mehr der Wertel, flötend und singend, wie ihr überzeugt seid, den Löwen anlocken und beruhigen kann, so
- werden wir uns desselben sehr leicht bemeistern. Da sich das gewaltige Tier ganz nah an die durchbrochenen Gewölbe hingelagert
- hat, durch die wir, da das Haupttor verschüttet ist, einen Eingang in den Schlosshof gewonnen haben. Lockt ihn das Kind hinein, so kann ich die Öffnung mit
- leichter Mühe schließen und der Knabe, wenn es ihm gut deuch, durch eine der kleinen Wendeltreppen, die er in der Ecke sieht, dem Tiere entschlüpfen.
- Wir wollen uns verbergen, aber ich werde mich so stellen, dass meine Kugel jeden Augenblick dem Kinde zur Hilfe kommen kann.
- Die Umstände sind alle nicht nötig. Gott und Kunst, Frömkeit und Glück müssen das Beste tun. Es sei, versetzte der Wertel, aber ich
- kenne meine Pflichten. Erst führe ich euch durch einen beschwerlichen Stieg auf das Gemäuer hinauf, gerade dem Eingang gegenüber,
- den ich erwähnt habe. Das Kind mag hinabsteigen, gleichsam in die Arena des Schauspiels und das besänftigte Tier dort hereinlocken.
- Das geschah. Wertel und Mutter sahen versteckt von oben herab. wie das Kind die Wendeltreppen hinunter in dem klaren
- Hofraum sich zeigte und in der düstern Öffnung gegenüber verschwand, aber sogleich seinen Flötenton hören ließ, der sich nach und nach verlor und
- verstummte. Die Pause war ahnungsvoll genug. Den alten mit Gefahr bekannten Jäger beengte der seltene menschliche Fall. Er sagte
- sich, daß er lieber persönlich dem gefährlichen Tiere entgegenginge. Die Mutter jedoch mit heiterem Gesicht, übergebogen horchend ließ nicht die
- mindeste Unruhe bemerken. Endlich hörte man die Flöte wieder. Das Kind trat aus der Höhle hervor mit glänzend befriedigten Augen. Der Löwe
- hinter ihm drein, aber langsam und wie es schien mit einiger Beschwerde. Er zeigte hier und da Lust, sich niederzulegen.
- Doch der Knabe führte ihn im Halbkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume, bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne, die
- sie durch eine Ruinenlücke hereinsandte, wie verklärt niedersetzte und sein beschwichtigendes Lied abermals begann, dessen Wiederholung wir uns auch nicht
- entziehen können. Aus den Gruben hier im Graben höre ich des Prophetenang. Engel schweben ihn zu laben wäre da dem guten Beng. Löf und Löwin hin und wieder
- schmiegen sich um ihn heran. Ja, die sanften, frommen Lieder haben es ihnen angetan. Indessen hatte sich der Löwe ganz knapp
- an das Kind hingelegt und ihm die schwere rechte Vordertatze auf dem Schoß gehoben, die der Knabe fortsingend anmutig streichelte,
- aber gar bald bemerkte, dass ein scharfer Dornzweig zwischen die Ballen eingestochen war. Sorgfältig zog er die verletzende Spitze
- hervor, nahm lächelnd sein buntseidenes Halztuch vom Nacken und verband die gräuliche Tatze des Untiers, sodass die Mutter sich vor Freuden mit
- ausgestreckten Armen zurückbog und vielleicht angewohnterweise Beifall gerufen und geklatscht hätte, wäre sie nicht durch einen derben Faustgriff des
- Wertels erinnert worden, dass die Gefahr nicht vorüber sei. Glorreich sang das Kind weiter, nachdem es mit wenigen Tönen vorgespielt hatte.
- Denn der Juge herrscht auf Erden, über Meere herrscht sein Blick. Löwen sollen Lämmer werden und die Welle schwankt zurück. Blankes Schwert erstarrt im
- Hiebe. Glaub und Hoffnung sind erfüllt. Wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt. Ist es möglich zu denken, dass man in
- den Zügen eines so grimmigen Geschöpfes, des Tyrannen der Wälder, des Despoten des Tierreiches, einen Ausdruck von Freundlichkeit, von dankbarer
- Zufriedenheit habe spüren können. So geschah es hier. Und wirklich sah das Kind in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger,
- siegreicher Überwinder. Jener zwar nicht wie der Überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem
- eigenen friedlichen Willen an Heimgegebene. Das Kind flötete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen verschränkend
- und neue hinzufügend. Und so geht mit guten Kindern Selger Engel gern zur Rat, böses Wollen zu verhindern, zu befördern schöne Tat. So
- beschwören festzubannen, lieben Sohn ans zarte Knie ihn des Waldes Hochtürannen, frommer Sinn und Melodie.