Ungelöste Fälle der Archäologie - Geheimnisvolle Kugeln | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=mS6gOaa5vYo Transkript (automatisch erstellt) 0:04 * Epische Titelmusik * Millionen Menschen beobachten jede Woche gebannt diese Kugeln, 0:30 die Ziehung "6 aus 49", die einige wenige in Sekunden zu Millionären macht. 0:36 Die Chancen, den Jackpot zu knacken, stehen allerdings bei eins zu 140 Millionen. 0:41 Kugeln sind ein physikalisches Phänomen. Ein beinahe magisches Objekt, das die Menschen in ihren Bann zieht. 0:48 In Israel und Spanien wurden vor Kurzem diese Kugeln entdeckt. Wissenschaftler bestimmen ihr Alter auf circa 1,4 Millionen Jahre. 0:57 Und jetzt kommt das Unglaubliche: Diese Kugeln entstanden nicht auf natürliche Weise, 1:02 sondern wurden per Hand geformt. Damals gab es den modernen Menschen, den Homo sapiens, noch gar nicht. 1:09 Archäologen entdecken immer wieder geheimnisvolle Kugeln bei ihren Ausgrabungen rund um die Welt. 1:16 In vielen Fällen haben sie keine Ahnung, wozu sie eigentlich dienten. 1:20 Waren es Waffen oder war es Spielzeug? Oder dienten sie unheimlichen Kulten? 1:25 Oder spielten die Menschen in der Antike etwa schon Lotto? (Sprecher) Athen und sein Wahrzeichen, die Akropolis. 1:50 Sie thront über der Agora, dem zentralen Marktplatz, auf dem sich in der Antike das öffentliche Leben abspielte. 1:57 Aber die Agora war viel mehr als nur ein Marktplatz. Hier entstand die erste Demokratie der Welt. 2:07 Dass wir so viel über das Leben im antiken Athen wissen, verdanken wir auch den Forschern der American School of Classic Studies, 2:14 die der Agora seit 1931 ihre archäologischen Geheimnisse entlocken. 2:22 Hier konnte man alles finden, was das Herz begehrte. Und so ziemlich alles kaufen. 2:28 Es gab Philosophen, Fischhändler, Schwertschlucker, Feuerschlucker. Jeder, der Geld verdienen wollte, war hier. 2:37 (Sprecher) Funde, die heute im Agora-Museum zu sehen sind, gaben früheren Archäologen jedoch Rätsel auf. 2:44 Steintafeln mit regelmäßigen Schlitzen. Und Metallplättchen mit Namen. 2:51 Sowie kleine Bronzekugeln, die in unterschiedlichen Schichten gefunden wurden. 2:58 Sie hatten keine Ahnung, was diese Dinger sollten, weil einige in mittelalterlichen und byzantinischen Schichten 3:05 gefunden worden waren. Man deponierte sie kurzerhand in der Nähe ihres Fundortes. 3:09 Erst später, als andere Wissenschaftler kamen und die Steinhaufen durchsuchten, 3:14 fanden sie immer mehr davon und erkannten, dass sie eine Funktion haben müssen. 3:20 (Sprecher) Durch das Zusammensetzen der einzelnen Fundstücke gelang den Forschern schließlich eine Rekonstruktion. 3:26 So bestätigte sich die unglaubliche Idee, dass es sich bei den Funden rund um die Bronzekugeln 3:32 um die Überreste von Losmaschinen handelte. An der Universität Hamburg 3:40 erforscht die Althistorikerin Kaja Harter Quellen zum Prozessrecht der Antike. 3:46 Dabei spielten Losmaschinen eine wichtige Rolle. Losen war bei den antiken Griechen von besonderer Bedeutung. 3:54 Das machte man in verschiedenen Bereichen. Die Maschinen hat man erfunden, 3:58 um große Mengen von Menschen auslosen zu können, große Gruppen zusammenstellen zu können. 4:03 Zum Beispiel 500 oder 2.000 Geschworenenrichter. (Sprecher) Alljährlich wurden Tausende Bürger, 4:10 das heißt, Männer aus Athen, die über 20 Jahre alt waren, per Los als Richter bestimmt. 4:16 Das schafften sie nur mit dem Kleroterion, der Losmaschine. In ihren Vorlesungen demonstriert die Professorin ihren Studenten 4:26 das mehr als 2.500 Jahre alte System. * Die Professorin spricht im Hintergrund. * 4:32 Wegen der Menge der benötigten Geschworenenrichter nimmt man an, dass zum Teil ganze Reihen ausgelost wurden. 4:43 Dabei kamen die Kugeln zum Einsatz. Los geht's. 4:51 Erste Reihe geht nach Hause. (Sprecher) Schwarze Kugeln sind Nieten. 4:55 Zweite Reihe: Richter. (Sprecher) Wo die weiße Kugel trifft, wird man Richter. 5:00 (Harter) Die nächste. (Sprecher) Und das Losen hatte einen guten Grund. 5:04 Man lost eigentlich aus Angst davor, dass Menschen miteinander klüngeln, sich verabreden. 5:10 Dass sie Urteile nicht gerecht fällen, sondern in Absprache mit anderen. 5:14 Darum losen sie nicht nur die einzelnen Richter, sondern auch die Fälle, die die Richter bekommen, 5:19 die Plätze, auf die sich die Richter setzen müssen. Alles, um diesen Betrug, um diese Korruption zu verhindern. 5:27 (Sprecher) Das Kleroterion war ein großer Gleichmacher. Mit ihm bestimmte im klassischen Athen der Zufall, 5:33 wer mit wem und worüber zu entscheiden hatte. So konnten sämtliche Bürger an der demokratischen Auswahl teilhaben. 5:47 Nicht alle der rund 30.000 Athener Bürger über 20 mussten anwesend sein. 5:52 Aber immer mindestens 6.000, aus denen per Los diejenigen ausgewählt wurden, 5:57 die für Gerechtigkeit sorgen sollten. Das ist das Geheimnis der rätselhaften Kugelfunde aus Athen. 6:07 Dass jeder Bürger für fähig gehalten wurde, Staatsämter auszuüben. Diese kleinen Bronzekugeln... 6:16 Die Schwarzen waren aus patinierter Bronze und die Weißen waren mit Bleiweiß bemalt. 6:21 Diese Kugeln waren so wichtig, doch hatten sie nur die Größe von Murmeln, mit denen Kinder spielen. 6:32 (Sprecher) Im Schutz der Akropolis wurde also nicht Lotto gespielt, sondern mithilfe eines ausgeklügelten Losverfahrens 6:39 überparteilich Recht gesprochen und Politik gemacht. Absprachen und Klüngelei waren so kaum mehr möglich. 6:51 Kugeln waren also ganz wichtig für die Anfänge der Demokratie. Aber sie können auch persönliche Glücksgefühle auslösen 6:58 und das nicht nur beim Lotto. Der Jubel, wenn das Runde ins Eckige trifft. 7:05 * Jubel, Lachen * Physikalisch ist so ein Ball ein Leckerbissen. 7:10 Alleine die Verwandlung der Bewegungsenergie des Balles, seiner kinetischen Energie, 7:15 in die potentielle Energie, in gespeicherte Energie, wenn er auf eine Fläche trifft. 7:20 Über die Verformung wird aus der gespeicherten Energie fast komplett wieder die Bewegungsenergie. 7:26 Und manchmal muss das Runde auch ins Runde. Wie zum Beispiel bei den Maya in Mittelamerika. 7:35 Nur, was haben die mit dem Ball eigentlich gemacht? Haben die nur gespielt? 7:39 Oder ging es da um mehr? Vielleicht sogar um Leben und Tod? 7:46 (Sprecher) Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Die Maya-Stadt gilt als eine der berühmtesten 7:54 und geheimnisvollsten archäologischen Stätten Mesoamerikas. 8:01 Das liegt auch an einem Bauwerk, das gleich neben der Hauptpyramide liegt. 8:07 Ein Ballspielplatz. Der Archäologe Nicolaus Seefeld ist überzeugt, 8:15 dass Ballspielen für viele Kulturen Mesoamerikas sehr viel mehr war als nur ein Spiel, bei dem ein Ball durch Ringe geschossen wurde, 8:24 die am oberen Mauerwerk angebracht sind. Schon die zentrale Lage dieses Ballspielplatzes im Tempelbezirk 8:35 zeigt die enorme Bedeutung, die er für die Maya gehabt haben muss. Platz für Zuschauer ist kaum vorhanden. 8:45 Man nimmt an, nur die Herrscherelite sah von der Tribüne aus zu, wenn zwei Mannschaften versuchten, 8:51 einen mehrere Kilo schweren Kautschukball in der Luft zu halten und am Ende durch die Ringe zu schießen. 9:00 Die genauen Spielregeln sind nicht bekannt. Aber es gibt Hinweise darauf, 9:06 dass einige Teilnehmer womöglich nicht überlebten. Die Reliefs am Ballspielplatz zeigen blutige Rituale. 9:19 Ein Spieler hält den abgeschlagenen Kopf eines Gegners in den Händen. * Kampfgeräusche * 9:30 Und das ist nicht die einzige blutige Szene. Auch eine Enthauptung wird dargestellt. 9:37 Aus dem Rumpf des Geköpften spritzt das Blut in Form von Schlangen. Ein Hinweis darauf, 9:49 dass die Bilder vermutlich in Bezug zum Gründungsmythos der Maya stehen. Darin wird mit einem abgeschlagenen Kopf Ball gespielt. 10:01 Man glaubt, dass er die Sonne symbolisiert. Nicolaus Seefeld fährt in das knapp 100 Kilometer entfernte Cobá, 10:20 wo sich zwischen 600 und 900 nach Christus eine der größten Maya-Stätten auf der Halbinsel Yucatán befand. 10:28 Auch dort gibt es einen Ballspielplatz. Sofort fällt auf, 10:34 dass es Unterschiede zu dem Spielfeld in Chichén Itzá gibt. Archäologie ist keine Schönwetterwissenschaft. 10:43 Gemeinsam mit dem einheimischen Chefarchäologen besteigt Seefeld im strömenden Tropenregen 10:50 die Tribüne der einstigen Maya-Herrscher. Im Gegensatz zu den vertikalen Mauern von Chichén Itzá 10:57 wird das Spielfeld hier von schrägen begrenzt. Sowohl Form als auch Feldgröße konnten also variieren. 11:10 Aber auch hier finden sich Hinweise auf rituelle Zeremonien. Eine der Stelen zeigt einen Menschen mit gebundenen Händen. 11:20 Könnte er noch vor Beginn des Spieles geopfert worden sein? Es gibt Hinweise, 11:29 dass mit den Köpfen der enthaupteten Gegner das Ballspiel gespielt wurde. (Sprecher) Die Maya sind seit langem bekannt 11:39 für ihre blutigen Opferrituale. Das Ballspiel scheint dabei eine wichtige Rolle gespielt zu haben. 11:45 Dafür spricht allein die schiere Menge der Plätze. Über 1.500 wurden bereits entdeckt. 11:53 Auch in Cobá gibt es mehr als nur einen. Seefeld vermutet, 11:58 dass auf ihnen sogar über Krieg und Frieden entschieden wurde. Das war eine durchaus elegante Form der Konfliktlösung. 12:06 Man ging nicht in die Schlacht, sondern trug es in einem Ballspiel aus. 12:13 (Sprecher) Aber nicht alle Spiele begannen oder endeten tödlich. Nicolaus Seefeld fährt nach Calakmul. 12:21 In der Maya-Stadt hat er sich mit dem Biologen David Lentz verabredet. Einem Spezialisten für Paläoethnobotanik. 12:32 Er konnte vier verschiedene Pflanzen nachweisen, die als Teil eines zeremoniellen Opferbündels 12:38 bei der Gründung eines Ballspielplatzes an dessen Rand vergraben wurden. 12:44 Sie geben möglicherweise einen Hinweis darauf, welche Zeremonien zum Spiel gehörten. 12:52 Am interessantesten fand ich eine Pflanze namens Xtabentún. Diese Pflanze hat halluzinogene Eigenschaften 12:59 und wird von Menschen in ganz Mesoamerika bei der Wahrsagung verwendet. 13:04 Und sie nutzen sie, um mit den Göttern in Verbindung zu treten. (Sprecher) Die anderen drei Pflanzen verwendeten die Maya als Heilmittel. 13:16 Tatsächlich finden die beiden Forscher auch in der Nähe des Ballspielplatzes von Calakmul 13:21 die Pflanze, mit deren Blättern das Opferbündel einst verschnürt war. Das ist ganz bestimmt kein Zufall. 13:29 Alles, was sie taten, war eine Art Ritual, um die Götter zu besänftigen. 13:35 Wenn sie die Götter nicht besänftigten, würden sie leiden müssen. 13:39 Der Tod würde wüten, ihre Ernten verdorren. Schlimme Dinge würden geschehen. 13:46 (Sprecher) Vieles deutet darauf hin, dass das Ballspiel nicht nur ein tödlicher Kampf zwischen verfeindeten Gruppen war. 13:54 Mit jeder Partie wurde an den Gründungsmythos der Maya erinnert, der den Ball mit der lebensspendenden Sonne gleichsetzt. 14:05 So fanden erwiesenermaßen an den Tagen der Tag-Nacht-Gleiche 14:10 regelmäßig Ballspiele statt. Da passt es ja ganz hervorragend, 14:22 dass auch die geheimnisumwitterten, kreisrunden Maya-Kalender gerade entschlüsselt wurden. 14:28 Das glauben zumindest zwei amerikanische Anthropologen, die herausgefunden haben, 14:33 dass die Maya drei Kalendersysteme synchronisiert nutzten, um kosmische Ereignisse vorherzubestimmen. 14:40 Die Maya waren hervorragende Himmelsbeobachter und das, obwohl sie gar kein optisches Instrumentarium besaßen. 14:47 Auch die Tage, an denen einige der Ballspiele stattfanden, wurden über den Kalender festgelegt. 14:52 Die moderne Archäologie nutzt allerdings ganz andere Methoden wie zum Beispiel LIDAR, um dem Spiel auf die Spur zu kommen. 15:01 (Sprecher) Dabei wird mit einem Laserstrahl die Erdoberfläche zentimetergenau abgetastet 15:07 und der Bewuchs dann herausgerechnet. So wurden im Urwald Guatemalas ganze Maya-Städte neu entdeckt. 15:16 Und auch in ihnen liegen Ballspielplätze. Die Bilder sind für Laien schwer zu deuten. 15:23 Für Experten wie Seefeld sind die Ballspielplätze schnell zu erkennen. Das sind zwei parallele, langrechteckige Gebäude. 15:32 Das ist ein Typus, der sonst in der Landschaft gar nicht vorkommt. Das heißt, wenn wir so ein Cluster haben, 15:39 dann ist das höchstwahrscheinlich ein Ballspielplatz. (Sprecher) Zurück in Cobá. 15:44 Auch hier zeigt das LIDAR einen noch unentdeckten Platz. Am Boden sehen die Forscher lediglich Steinhaufen, 15:51 während das Bauwerk auf dem Monitorbild deutlich erkennbar ist. Seefeld hat eine Vermutung, 15:57 warum sie in bestimmten Regionen vermehrt vorkommen. Ballspiele wurden eingesetzt, 16:03 um politische Streitigkeiten auszutragen. Und wir finden sie eben insbesondere dort, 16:09 wo die politische Stabilität relativ gering war. Wo ethnische oder politische Gruppen aufeinandertreffen, 16:16 dort finden wir eben wie hier eine Häufung von Ballspielplätzen. Es ist eigentlich auch immer ein Gerichtsort, ein Schlichtungsort, 16:24 aber auch eine Markierung für eine politische oder ethnische Grenze. (Sprecher) Experten vermuten noch tausende unentdeckte Ballspielplätze 16:33 bis ins Hochland Mexikos. Immerhin pflegten die mesoamerikanischen Völker 16:39 mehr als 3.000 Jahre lang die Ballspieltradition. In etwas anderer Form existiert sie bis heute. 16:46 Pok-ta-Pok heißt das Spiel, mit dem das indigene Selbstbewusstsein der Bewohner Mittelamerikas hochgehalten wird. 16:55 Wie früher dürfen die Spieler den Ball dabei nicht mit Kopf, Händen oder Füßen berühren. 17:01 Und wie bei ihren Vorfahren muss am Ende das Runde in das Runde. Auch in China wurde zur gleichen Zeit wie in Mittelamerika, 17:10 also vor rund 3.000 Jahren, mit solchen Bällen gespielt. Was genau, ist noch nicht ganz klar, 17:15 aber die Bälle zeigen eindeutig Schlagspuren. Dass man mit Bällen spielt, ist eigentlich kein Wunder, 17:22 denn was wäre der Sport ohne die Kugelform? Kann man mit einem Schuhkarton Fußball spielen? 17:29 Na, sehen Sie. Die Kugel ist die einzige Form, die es erlaubt, 17:33 dass sie in alle Richtungen gerollt wird. Und schon die kleinste Delle verursacht, 17:38 dass es im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr richtig rund läuft. Das Roll- oder Flugverhalten ändert sich sofort. 17:45 Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass manche Kugeln von einem Schlachtfeld in Schottland... 17:54 ...ein Loch aufweisen. (Sprecher) Das Plateau von Burnswark Hill. 17:59 Hier lag einst eine der größten keltischen Höhenfestungen, die den einheimischen Pikten bei Gefahr Schutz bot. 18:05 Bis heute ist umstritten, was im zweiten Jahrhundert nach Christus hier geschah. 18:09 Damals errichteten römische Soldaten befestigte Lager, deren Spuren am Fuße des Hügels noch heute zu sehen sind. 18:18 Bei einer groß angelegten Kampagne mit Metalldetektoren kamen über 1.000 Schleudergeschosse aus Metall zutage. 18:25 Mehr als sonstwo auf den britischen Inseln. Dazu weitere Kugeln aus Stein. 18:31 Sie alle lagen im direkten Umfeld der keltischen Festung. Es handelt sich zum Großteil um verschiedene Kaliber 18:40 der bekannten römischen Distanzwaffen, wie Katapulte und Schleudern. 18:47 Ungewöhnlich aber sind kleinere, kugelförmige Objekte, die Löcher mit einem Durchmesser 18:53 von dreieinhalb bis vier Millimeter aufweisen. Einige Forscher vermuten, dass die Römer am Burnswark Hill 19:03 eine Art Trainingslager unterhielten, um die Truppen an ballistischen Waffen auszubilden. 19:10 John Reid, der sich seit Jahrzehnten mit dem Burnswark Hill befasst, ist davon überzeugt, dass hier eine große Schlacht stattfand. 19:20 Diese Gegend war Grenzregion. 20 Meilen südlich von hier befindet sich der Hadrianswall. 19:28 Das war 300 Jahre lang die Grenze. Wir sind hier also im Feindesland im Norden. 19:34 Etwa so wie das freie Germanien der Römerzeit jenseits des Rheins und der Donau. 19:40 Und genau hier war die größte Festung der Pikten, die der Grenzmauer am nächsten lag. 19:47 (Sprecher) Und genau deshalb, so glaubt John Reid, wurde sie zu einem Brennpunkt der Weltgeschichte. 19:52 Als Antoninus Pius 138 nach Christus Kaiser wurde, galt er nicht gerade als großer Feldherr. 19:59 Er brauchte militärische Erfolge. Und die suchte er um 140 nach Christus in Schottland. 20:05 Und er wollte einen Sieg mit möglichst wenig Verlusten. (John Reid) Sie waren nicht nur hier. 20:13 Sie lagen über einen halben Kilometer entfernt vor der nach Süden ausgerichteten Hügelfestung. 20:20 Von dort, aus dem römischen Lager, kam der Beschuss. (Sprecher) 5.500 Mann, 20:29 eine ganze Legion, so Reid, griffen die Bergfestung unter dem Schutz der eigenen Distanzwaffen an. 20:39 Stationiert war die Legion wohl im knapp 100 Kilometer entfernten Trimontium. 20:44 Im dortigen Museum sind typische Ausrüstungsgegenstände römischer Legionäre zu sehen, 20:49 die Archäologen bei Grabungen am Ufer des Flusses Tweed fanden. Aus der Luft lassen sich die Umrisse des Kastells gut erkennen. 21:05 Um 140 nach Christus war es der größte römische Außenposten nördlich des Hadrianwalls 21:10 und damals Teil der mächtigsten Militärmaschinerie der Welt. Deshalb rätselten Archäologen, 21:16 warum es in der hochstandardisierten Ausrüstung der Römer Schleuderkugeln mit Löchern geben konnte, 21:22 die man bisher sonst nirgendwo fand. Schleuderbleie sind tödliche Geschosse, 21:29 trotz eines kleinen Loches. Geübte Schleuderer konnten selbst Ziele in über 100 Metern Entfernung 21:35 punktgenau treffen. Aus römischer Sicht ist das ideale Szenario, 21:42 wenn die Gegner panisch fliehen, bevor es zum endgültigen Zusammenstoß im Nahkampf kommt, 21:48 denn dann konnten auch die Römer verletzt werden. (Sprecher) Eigentlich waren die Römer 21:53 am Fuße des Berges in der schlechteren Position. Dank der Distanzwaffen konnten sie Feinden schon zu Beginn der Schlacht 22:00 empfindliche Verluste zufügen und deren Moral schwächen. Lange fragten sich die Forscher, 22:08 welche Rolle die Schleuderkugeln mit dem Loch dabei spielten, die im Vergleich mit anderen sehr klein sind. 22:18 Es gab die Vermutung, die Löcher könnten für Gift gedacht sein, damit die Kugel, wenn sie unter die Haut gelangte, 22:25 die Person töten würde, falls der Aufprall der Kugel das nicht erreicht hatte. 22:32 (Sprecher) Ein einfaches Experiment zeigt, dass die Kugeln auch festere Stoffe blitzschnell durchschlagen. 22:39 Aber das Gift hätte dabei kaum aus dem Hohlkörper austreten und seine tödliche Wirkung entfalten können. 22:47 Es ist ein kleines Loch und es konnte für alles Mögliche sein, bis mein Bruder, der kein Archäologe, sondern Fischer ist, 22:55 die Kugeln sah und sagte: "Oh, die sehen aus wie die Löcher in meinen Angelgewichten 23:00 und wenn ich sie auswerfe, dann pfeifen sie." Da ging mir ein Licht auf: 23:06 Diese spezielle Form erzeugt Geräusche. (Sprecher) Die Löcher hatten also eine Funktion. 23:17 * Pfeifen * Ein weiteres Experiment zeigt: 23:19 Ab einer Geschwindigkeit von 50 Meter pro Sekunde... * Zischen * 23:27 ...fangen die Lochkugeln an, zu pfeifen. * Pfeifen * 23:34 Wenn man sie in Salven abfeuert, machen sie einen unglaublichen Lärm. Es handelte sich mit ziemlicher Sicherheit um eine Art Terrorwaffe. 23:44 (Sprecher) Psychologische Kriegsführung ist keine neue Erfindung. 23:49 Alles deutet darauf hin, dass die Römer sie am Burnswark Hill gezielt nutzten. 23:54 Vor Beginn des Sturmangriffs setzten die Römer ihre Fernwaffen ein. Katapulte, Bogen und Schleudern 24:00 sorgten unter den Verteidigern der Höhenfestung für erste Opfer. Dazu kam die Spezialmunition, 24:06 die den Verteidigern wortwörtlich um die Ohren pfiff. * Pfeifen * 24:18 Der Clou waren die Löcher, die durch den hereinströmenden Wind ein heulendes Sirren verursachten, 24:24 das die Gegner in Angst und Schrecken versetzte. So wie die Sirenen an den Stukas im zweiten Weltkrieg. 24:31 Diese aztekische, runde Totenkopfpfeife verfolgt das gleiche Prinzip. 24:37 * Zischen * * Pfeifen * 24:41 Sie wurde bei Menschenopferungen eingesetzt und verursachte bei den Zuschauern Gänsehaut, so wie im Horrorfilm. 24:47 Kleine Ursache, große Wirkung. Dieses Prinzip gilt auch für dieses Ding hier. 24:54 Dass dieses Tablett sich hier so leicht bewegen lässt, liegt nur daran, weil es auf einem einfachen Kugellager steht. 25:01 Das Prinzip des Kugellagers ist leicht erklärt. Durch das Rollen der Kugeln 25:07 wird die Last gleichmäßig verteilt und durch die Drehbewegung wird die Reibung minimiert. 25:14 Als Erfinder des Kugellagers steht 1794 ein Engländer in den Patent-Annalen. 25:19 Dabei hat der römische Architekt Vitruv bereits vor 2.000 Jahren das Prinzip des Kugellagers beschrieben. 25:26 Aber wurde damals die Kugellager-Idee verfolgt? Wurde sie umgesetzt? 25:30 Eine heiße Spur führt zum Nemisee bei Rom. (Sprecher) In der Antike 25:37 war der nur knapp zwei Quadratkilometer große Kratersee der Standort sagenumwobener Schiffe. 25:44 Seit mehr als 500 Jahren sind Forscher ihnen auf der Spur. Mitglieder des Vereins für Unterwasserarchäologie ASSO 25:51 machen sich für einen Tauchgang bereit. Ihr Ziel: eine Stelle, die von einem Felssturz verschüttet wurde. 26:00 Die maximale Wassertiefe im See beträgt nur 33 Meter, aber die Sicht ist schlecht. 26:07 Die Taucher hoffen, auf dem Grund des Sees noch verborgene Artefakte aus der römischen Kaiserzeit zu entdecken. 26:17 Aber alles, was sie diesmal finden, sind die gut erhaltenen Reste eines Ruderboots 26:23 aus dem vergangenen Jahrhundert. Kein Vergleich zu dem, 26:29 was vor gut 100 Jahren aus den Fluten des Sees auftauchte. Damals legten Archäologen in dem kleinen Kratersee 26:37 zwei gigantische römische Schiffe frei. Beide über 70 Meter lang. 26:42 Nur durch das Abpumpen des Sees konnten sie sie bergen. Und die offenbarten ein spektakuläres Innenleben. 26:49 Dazu gehörten auch 16 seltsame Bronzekugeln mit vertikalen Achsen. Heute lagern Teile der damaligen Funde 27:00 am Ufer des Sees in einem Museum. Die Schiffe selbst sind nur noch als Modell zu sehen. 27:12 Denn zum Leidwesen der Direktorin sind sie Jahre nach ihrer Bergung im Zweiten Weltkrieg verbrannt. 27:18 Aber auch der Nachbau macht die Einzigartigkeit der Schiffe deutlich. 27:24 Diese Schiffe, die mit über 70 Metern Länge außergewöhnliche Ausmaße hatten, 27:30 waren nicht nur luxuriöse Bauten, sondern verfügten auch über Spitzentechnologie an Bord. 27:35 Es wurden hier archäologische Entdeckungen gemacht, die das Wissen über die römische Schiffstechnik revolutionierten. 27:46 (Sprecher) Inschriften belegen, dass Kaiser Caligula die fantastischen Schiffe um 40 nach Christus bauen ließ. 27:53 Sie waren mit der modernsten Technik ihrer Zeit ausgestattet. An Bord gab es eine Zentralheizung sowie luxuriöse Bäder. 28:02 Lenzpumpen sorgten für einen trockenen Rumpf. Rätsel gaben jedoch lange die seltsamen Bronzekugeln auf. 28:12 Einige waren noch auf eine Holzplatte montiert. Die meisten sind sehr gut erhalten, mit relativ wenig Gebrauchsspuren. 28:19 Daniela de Angelis und ihr Forscherteam haben eine Vermutung, wozu die eigentümliche Konstruktion einst gedient haben könnte. 28:29 Diese Kugeln wurden sowohl getrennt von dem Holzteil, an dem sie befestigt waren, 28:34 als auch in ihrer ursprünglichen Position auf einem Holzfragment gefunden. 28:39 Dies ermöglichte es uns, ihre genaue Funktion zu rekonstruieren. Die Kugeln waren auf einer runden Holzplatte gruppiert, 28:47 die als drehbare Plattform diente. (Sprecher) Ein 2.000 Jahre altes Kugellager. 28:57 Die durch die Achsen geführten Bronzekugeln sind wohl das früheste Beispiel 29:02 für ein reibungsminimiertes Axialkugellager, auch wenn sie nicht wie bei heutigen Kugellagern frei laufen. 29:09 Aber wozu diente die Konstruktion? Am Ufer des Nemisees 29:15 stand ein bedeutendes Heiligtum der Göttin Diana. Wahrscheinlich standen die Schiffe 29:21 in direktem Zusammenhang mit diesem Tempel, denn eines der Schiffe war, den Funden nach zu urteilen, 29:26 ebenfalls Diana geweiht. Gut möglich, dass eine Statue der Göttin auf der Holzplatte stand, 29:35 die durch das Kugellager um 360 Grad drehbar war. Nur wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung 29:44 versanken die Schiffe. Oder wurden versenkt. 29:48 Wohl auch deshalb haben sich die Bestandteile des antiken Kugellagers so gut erhalten. 29:56 Ist es nicht ein Wahnsinn? Da lässt sich ein Engländer Ende des 18. Jahrhunderts 30:01 eine Idee patentieren, die die alten Römer bereits vor 2.000 Jahren nutzten. 30:06 Trauen wir den alten Kulturen einfach viel zu wenig zu? Denken Sie an die sieben Weltwunder. 30:12 Eines davon war die Tempelstadt Ephesos. Und auch dort entdeckten Archäologen eine geheimnisvolle Kugel. 30:18 (Sprecher) Ephesos in der heutigen Türkei. Heimat des weltberühmten Artemis-Tempels. 30:25 25.000 Zuschauern bot das Theater Platz. Dank einer Erweiterung unter Kaiser Trajan, 30:32 Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. An der Hauptstraße wurde ihm zu Ehren eine Brunnenanlage errichtet. 30:39 Von der Trajan-Statue ist so gut wie nichts mehr vorhanden. Nur eine Kugel, die neben seinem rechten Fuß liegt. 30:49 Den römischen Geschichtsschreibern galt Trajan nicht nur als Optimus Princeps, 30:54 als bester aller Herrscher. Unter ihm erreichte das römische Reich 30:58 auch seine größte Ausdehnung. Er herrschte sozusagen über die ganze damals bekannte Welt. 31:06 Und deshalb liegt sie auch symbolisch zu seinen Füßen. Man muss in diesen Zeiten sagen: 31:16 Wir leben auf einer Kugel. Also, fast. 31:19 Die Erde ist an den Polen etwas abgeplattet. Das liegt an ihrer Rotation. 31:24 Am Äquator ist die Fliehkraft am stärksten. Da ist die Erde gewissermaßen am dicksten. 31:29 Angeblich glaubten die Menschen bis zur Neuzeit, dass sie auf einer Scheibe lebten. 31:34 Wenn man dem Rand zu nahe käme, würde man herunterfallen. Diese Legende von der Scheibenwelt hält sich hartnäckig. 31:41 Aber in Wahrheit ist sie ein Mythos der Aufklärung, um das vermeintlich so finstere Mittelalter 31:47 zu disqualifizieren. (Sprecher) Seit der Antike wusste man, 31:51 dass die Erde eine Kugelform hat. Deshalb galt die Kugel als Machtsymbol - wie bei Trajan. 31:56 Und auch bei den deutschen Kaisern der berühmte Reichsapfel, der über viele Jahrhunderte, neben Krone und Zepter, 32:03 zu den Herrschaftszeichen gehörte. Er verband den christlichen Glauben mit der Weltherrschaft. 32:09 Übrigens - der Reichsapfel geht auf die griechische Himmelskugel Sphaira zurück. 32:14 Man glaubte, die Erde sei von solchen Himmelssphären umgeben. Auf sogenannten Astralgloben 32:20 ritzte man Himmelsbeobachtungen und Tierkreiszeichen ein. Aber einen echten Beleg dafür, 32:26 dass die Erde eine Kugelform haben muss, den entdeckte ein sehr schlauer Bewohner der Insel Samos. 32:34 (Sprecher) Die griechische Insel ist die Heimat bedeutender Philosophen, Mathematiker und Astronomen, 32:41 die im Umfeld des berühmten Hera-Tempels lebten. Dem wohl bekanntesten ist ein Denkmal gesetzt. 32:48 Pythagoras, der sich im sechsten Jahrhundert vor Christus nicht nur mit Dreiecken beschäftigte. 32:54 Ihm fiel auf, dass ein Schiff, das den Hafen verlässt, erst noch in voller Größe sichtbar ist. 33:04 Doch irgendwann verschwindet zunächst der Rumpf am Horizont... ...dann die Segel... 33:12 ...und als letztes die Mastspitze. Seine Erkenntnis: 33:16 Die Wasseroberfläche und damit die Erde muss gekrümmt sein. Dazu die Beobachtung, 33:22 dass bei einer Mondfinsternis immer ein runder Erdschatten zu sehen ist. Das geht bei allen Bewegungshypothesen 33:30 von Sonne, Erde und Mond nur bei einer Kugelform. Den Beweis lieferte 300 Jahre später ein Kollege, der in Ägypten wirkte. 33:40 Der griechische Mathematiker Eratosthenes. Er wusste, dass die Sonne am Mittag des Tages der Sommersonnenwende 33:49 in Assuan genau im Zenit steht, weil sie sich in einem tiefen Brunnenschacht 33:54 ohne jeglichen Schatten spiegelt. Im 1.000 Kilometer weiter nördlich gelegenen Alexandria aber 34:04 warf die Sonne einen Schatten im Winkel von circa sieben Grad. Das konnte er 34:10 mithilfe eines senkrecht in den Boden gesteckten Stocks messen. Der Unterschied im Schattenwurf konnte nur bedeuten, 34:18 dass die Erde eine Kugel ist. Anhand des Winkels und der Entfernung der beiden Städte 34:25 konnte er den Erdumfang berechnen. Knapp 40.000 Kilometer. 34:30 Sensationell genau. Er ist tatsächlich nur einige Kilometer größer. 34:36 Leider neigen wir dazu, das Wissen unserer Altvorderen zu unterschätzen. 34:40 Aber Geschichte verläuft nicht linear. Da gibt es Sprünge, Verwerfungen, 34:44 Neuerfindungen und Wiederentdeckungen. Und das macht es so schwierig, herauszufinden, 34:49 wozu ein Fundstück eigentlich tatsächlich genutzt wurde. Und da sind wir wieder bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen 34:56 über eine Million Jahre alte, bearbeitete Steinkugeln aus Spanien und Israel. 35:03 Damals streiften unsere Vor-Vor- Vor-Vorfahren durch die Wildnis. Waren die überhaupt in der Lage, 35:11 solche Kugeln herzustellen und zu formen? (Sprecher) Einige dieser Kugeln 35:18 wurden nahe der Ortschaft Orce im spanischen Andalusien entdeckt. Die Gegend gilt als Heimat der ersten Europäer. 35:28 Hier gefundene Knochen wurden unter anderem mithilfe des Paläomagnetismus, 35:33 bei dem das Alter von Gesteinsschichten bestimmt wird, auf 1,3 Millionen Jahre datiert. 35:39 Sie stammen von sogenannten Frühmenschen. Auch dieser Milchzahn eines etwa zehnjährigen Kindes, 35:48 der in dieser Schlucht gefunden wurde. Früher lag hier ein großer See. 35:56 Die archäologischen Grabungen finden im ehemaligen Uferbereich statt. Nur wenige Kilometer entfernt liegt eine weitere Ausgrabungsstätte. 36:11 Hier wurden neben Knochen auch noch andere spektakuläre Funde gemacht. Für die kanadische Prähistorikerin Deborah Barsky und ihr Team 36:21 geben sie Einblicke in eine Zeit vor über einer Million Jahren. Hier in Orce haben wir die ältesten Überreste von Hominiden 36:32 außerhalb Afrikas in ganz Europa. Wir können uns nun ein gutes Bild davon machen, 36:37 wie das Leben dieser ersten Pioniere Westeuropas ausgesehen haben könnte. Natürlich sind diese Fundstätten 36:45 für uns Steinspezialisten sehr wichtig, denn sie zeigen die zahlenmäßig repräsentativsten Steinwerkzeugsätze. 36:55 (Sprecher) Die Hominiden, die Frühmenschen, lebten gemeinsam mit Mammuts am Ufer des Sees, 37:00 wie diese über vier Meter langen Stoßzähne beweisen. Es gibt Spuren an den Knochen, die nahelegen, 37:08 dass die Tiere auch gejagt oder zumindest zerlegt wurden. In derselben Fundschicht entdeckte eine spanische Archäologin 37:15 eine der rätselhaften Steinkugeln. Ein besonderer Moment für sie. 37:23 Wenn man sie in die Hand nimmt, wird einem bewusst, dass man tatsächlich der erste Mensch ist, 37:28 der dieses Stück nach 1,2 Millionen Jahren berührt. Und dass der letzte, der es dort hingelegt hat, ein Hominide war. 37:36 Man spürt da eine ganz besondere Verbindung. Das Museum von Granada 37:41 besitzt mehrere der 1,2 bis 1,4 Millionen Jahre alten Kugeln. Für die Forscher ist die entscheidende Frage: 37:50 Wurden sie tatsächlich bewusst hergestellt oder entstanden sie zufällig bei der Nutzung des Steins als Werkzeug? 38:01 Tarragona in Katalonien. An einem Forschungsinstitut der Universität 38:05 wollen Wissenschaftler dem Geheimnis der Kugeln auf die Spur kommen. Mithilfe eines anderen Steines versucht ein Teammitglied, 38:21 einen Sandstein in annähernde Kugelform zu bringen. Dabei fallen typische sogenannte Abschläge an. 38:30 Am Ende entsteht ein Objekt, das den eine Million Jahre alten Kugeln sehr ähnlich sieht. 38:39 Als Nächstes vergleichen die Forscher die Oberflächen der im Experiment hergestellten Kugel 38:44 mit denen der Originalfunde und finden eindeutige Übereinstimmungen. 38:49 Ein Indiz dafür, dass die Kugeln absichtlich gemacht wurden. Darauf weisen auch die Abschläge hin, 38:56 die ebenfalls in den Grabungen gefunden wurden. Das heißt, die Kugeln sind vor Ort hergestellt 39:02 oder zumindest bearbeitet worden. Dann untersucht der Archäologe Antoine Muller 39:09 die Kugeln mit einem Laserscan. Wir können nun eine ganze Reihe von Messwerten erfassen, 39:15 die sich auf die Geometrie dieser Artefakte beziehen. In der Regel handelt es sich dabei um Dinge, 39:21 die wir mit bloßem Auge sehen können, zum Beispiel ob ein Objekt eher kubisch oder sphärisch ist. 39:26 Dies objektiv zu messen, ist etwas schwieriger. Da hilft der Computer enorm. 39:31 Wenn wir solche Artefakte scannen und andere Archäologen tun das auch, können wir die Daten zusammenführen, 39:37 um diese sehr rätselhaften Gegenstände besser zu verstehen. 39:41 (Sprecher) Tatsächlich ähneln die Funde aus Andalusien einem großen Fundkomplex in Israel, 39:47 der aus einem vergleichbaren Zeithorizont stammt, nämlich vor 1,4 Millionen Jahren. 39:52 Und es gibt noch weitere Fundorte. Es scheint, als hätten die Hominiden überall, wo sie siedelten, 40:03 neben einfachen Steinäxten auch immer wieder Kugeln hergestellt. Beides wurde in Grabungen meist gemeinsam gefunden. 40:13 Aber zu welchem Zweck dienten die im Vergleich zu den Äxten aufwendig bearbeiteten Steine? 40:20 Könnten es Werkzeuge für spezielle Arbeiten gewesen sein? Etwa zum Zerschlagen von Knochen, um an das begehrte Mark zu kommen? 40:34 Tatsächlich wiesen die Knochen des Mammuts, das zusammen mit den Kugeln gefunden wurde, 40:39 Spuren von Steinwerkzeugen auf. Oder wurde mit ihnen das Fleisch von Tierhäuten geschabt? 40:47 Das Team um Deborah Barsky experimentiert mit dem Zerkleinern und Mörsern verschiedener Pflanzen. 40:55 Doch für keine der Aktionen ist die Kugelform von Vorteil. Im Labor untersucht das Team die Spuren, 41:03 die die unterschiedlichen Anwendungen auf den Versuchssteinen hinterlassen haben. 41:09 Könnten sie Ähnliches auf den Originalsteinen finden, ließen sich Rückschlüsse auf deren einstige Nutzung ziehen. 41:18 Doch bisher fanden sie keine Übereinstimmung. Die Originalkugeln wirken seltsam unbenutzt. 41:25 Für Deborah Barsky ist auch das ein Indiz. Sie verändern unsere Sichtweise auf die Menschheitsevolution insofern, 41:34 dass sich Kultur möglicherweise früher entwickelt hat als bisher angenommen. 41:40 (Sprecher) Könnten die Kugeln eine Art Kunst- oder Kultobjekt sein? Bislang bleibt es ein ungelöster Fall. 41:47 Wie noch so Manches zwischen Himmel und Erde. Das hier ist das Replikat eines Fundstücks, 41:53 die sogenannte Buga-Sphere aus Kolumbien. Sie soll angeblich vom Himmel gefallen sein. 41:58 Eine Mediensensation. Die Kugel der Außerirdischen. 42:02 Allerdings erwies sich das Geschenk der Götter, zur Enttäuschung vieler Verschwörungstheoretiker, 42:07 als Fälschung. Kugeln sind aus unserem Alltag kaum wegzudenken. 42:14 Die meisten von uns nutzen sie fast täglich. Beim Kugelschreiber. 42:18 Ein Schreibwerkzeug, das mehrfach erfunden und zum Massenprodukt wurde. 42:22 Die Kugel in der Spitze... ...garantiert einen regelmäßigen Tintenfluss. 42:30 Vielleicht kam der Erfinder des Kugelschreibers auf die Idee, als er Kinder beim Murmelspielen beobachtete. 42:36 Wenn Murmeln durch Pfützen laufen, hinterlassen sie eine saubere Wasserspur. 42:50 Seit den 50er-Jahren wurden Abermilliarden von solchen Kugelschreibern hergestellt. 42:56 Und die Archäologen der Zukunft, die dann unsere versunkene Kultur ausgraben, 43:00 die würden sie weltweit zentnerweise überall finden. Und sie würden sich vielleicht die Frage stellen, 43:06 was für eine Rolle die Kugeln an der Spitze dieser Stifte eigentlich gespielt haben könnten. 43:11 Untertitel im Auftrag des ZDF, 2026