Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=isP8MWj8DaQ Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Frankreich ist Deutschlands größter Nachbar und wohl auch wichtigster Partner. 0:04 Was dort passiert, hat auch direkte Auswirkungen auf uns, nicht zur zur Zeit von Wahlen oder eines Krieges. 0:10 Dennoch kennen viele von Frankreichs Geschichte meist nur die Zeit der Revolution bis Napoleon oder der Weltkriege. 0:16 Dabei haben viele Ereignisse den Nährboden gelegt für große Diskussionen, die die Gesellschaft noch heute bewegen, 0:22 in beiden Ländern. Migration zum Beispiel, Streiks oder das Erstarken rechter Parteien. 0:27 Deshalb erklären wir euch in diesem Video die Geschichte Frankreichs seit dem Zweiten Weltkrieg. 0:35 Verschiedene Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg prägen Frankreich auch im Frieden danach. 0:40 Da ist die schnelle Niederlage 1940. Alle Welt hält damals Frankreich 0:44 für das militärisch stärkste Land in Europa. Dann erringt die Deutsche Wehrmacht einen raschen Sieg. 0:50 Die Franzosen sind daraufhin demoralisiert und zweifeln an sich selbst. 0:54 Weil die Deutschen nur einen Teil des Landes besetzen, entsteht im unbesetzten südlichen Frankreich das Vichy-Regime. 1:00 Dazu haben wir mal ein Video gemacht, findet ihr auf dem "i". Es gibt diejenigen, die sich dieser neuen Regierung voll verschreiben 1:07 und auch etliche, die mit den Deutschen kollaborieren. Neben den Kollaborateuren gibt es 1:12 die Mitglieder der Widerstandsbewegung, der Résistance. Die kämpft gegen die Deutschen und hilft bei der Befreiung Frankreichs, 1:19 die allerdings einige Zeit dauern wird. Diese Erfahrung des gemeinsamen Kampfes ist eine, 1:24 die die Widerstandskämpfer verbindet, über alle Parteigrenzen hinweg. Ein Mann erwirbt sich dabei ganz besonderes Ansehen: 1:31 Charles de Gaulle. Der General gibt nach der Niederlage nicht auf, 1:35 sondern er führt aus dem Londoner Exil heraus den Kampf gegen Adolf Hitler weiter. 1:39 Auch dank seiner Standhaftigkeit gehört Frankreich am Ende zu den Siegern des Krieges. 1:44 Er rettet Frankreichs Ehre, so empfinden das fast alle. de Gaulle steht für Freiheit und für Liebe zum Vaterland. 1:52 Auch wenn er selbst zeitlebens nicht unumstritten ist. Als Charles de Gaulle im August 1944 in das befreite Paris einmarschiert, 1:59 jubeln ihm die Menschen zu. Er bildet eine provisorische Regierung, 2:03 die den Befreiungskampf anführt und das Leben ordnet. Das ist ziemlich schwierig. 2:07 Denn ungefähr 2,5 Millionen Franzosen sind in deutscher Gefangenschaft oder müssen Zwangsarbeit leisten. 2:13 Außerdem kommt es zu sogenannten Säuberungen durch die Résistance-Mitglieder. 2:17 Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen haben, wird etwa der Kopf geschoren. 2:22 Und überall kommt es zu Lynchmorden. Um das zu stoppen, setzt die Regierung Gerichte ein. 2:28 Aber wer gilt als Kollaborateur? Der Gestapo-Spitzel? Ja, sicher. 2:33 Und die französische Frau, die mit einem Soldaten ins Bett geht, um Lebensmittel zu bekommen? Schwierig. 2:39 Am Ende gibt es 86.000 Verurteilungen. 767 vollstreckte Todesurteile. 2:45 Auch die Wirtschaft ist am Boden. Die Menschen leiden Hunger. Die Deutschen haben das Land ausgeplündert. 2:50 Millionen Gebäude liegen in Trümmern. Tausende Brücken sind zerstört. Die Aufgaben sind also klar: 2:56 Frankreich braucht eine neue politische Ordnung, die den Wiederaufbau möglich macht und politisch stabil ist. 3:02 Aber diese Hoffnung erfüllt sich erst einmal nicht mit der sogenannten Vierten Republik. 3:07 Die Vierte Republik ist die Staatsform Frankreichs von 1946 bis 1958, 3:11 wie ihr auch in dieser Übersicht seht. Die Erste Republik entsteht im Rahmen der Französischen Revolution. 3:17 Auch dazu findet ihr ein Video auf dem "i". Die Fünfte Republik ist die, die bis heute noch existiert. 3:23 Zu dieser Fünften Republik kommen wir gleich noch. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der sogenannten Vierten Republik, 3:30 gibt es keine starke Exekutive, keine starken Präsidenten mit einer großen Machtfülle, wie wir das heute kennen. 3:36 Dabei sind die Herausforderungen enorm, auch wirtschaftlich. Wirtschaftspolitisch stellt die Vierte Republik darum die Weichen 3:43 für einen großen staatlichen Einfluss auf die Industrie. Die Energiewirtschaft, die Automobilindustrie 3:49 und das Bankenwesen werden verstaatlicht. So will man den Wiederaufbau kraftvoll umsetzen. 3:54 Das größte Problem für die französische Regierung in der Zeit stellen aber wohl die Kolonialgebiete dar, 3:59 Französisch-Nordafrika, zum Beispiel, oder Französisch-Indochina. Dort begehren die Menschen nach Kriegsende auf. 4:06 Die Unabhängigkeitsbewegungen werden mit brutaler Gewalt unterdrückt. Es gibt auch Versuche, das Kolonialreich 4:12 in einem losen Bund umzubilden, so wie das britische Kolonialreich zum Commonwealth wurde. 4:17 Aber man muss sagen, so eine Union française, eine französische Union, 4:20 scheitert letztendlich. Die französische Regierung will damals ihre Kolonialgebiete, 4:25 in denen es schon vor dem Krieg Unabhängigkeitsbewegungen und Unruhen gab, behalten. 4:30 Frankreich will wieder eine Weltmacht werden. Dazu gehören, nach damaligem Verständnis, 4:35 eben auch Kolonien und Einflusszonen. Eine besondere Rolle spielt dabei das sogenannte Indochina, 4:40 die heutigen Staaten Kambodscha, Laos und vor allem Vietnam. Ab Dezember 1946 führt Frankreich einen Krieg gegen die Việt Minh 4:48 um die Unabhängigkeit Vietnams. Auch mit Unterstützung der USA. 4:52 1954 endet der Krieg mit der Teilung des Landes. Frankreich hat verloren. 4:57 Was allerdings viele Menschen im Mutterland gar nicht so sehr kümmert. Weitere gewalttätige Konflikte und Kriege finden in Madagaskar, 5:04 in der Elfenbeinküste und in Kamerun statt. Ermutigt durch den Ausgang des Indochinakrieges 5:09 schlägt die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien los, sozusagen vor der französischen Haustür. 5:14 Der Algerienkrieg dauert von 1954 bis 1962. Er ist ein Musterbeispiel, im schlechtesten Sinne, 5:21 wie die Gewalt in solchen Kolonialkonflikten eskaliert. Es kommt zu Aufständen zuerst, bei denen Gewalt angewendet wird. 5:28 Frankreich schlägt diese Aufstände brutal nieder, weshalb sich die Aufständischen radikalisieren. 5:33 Am Ende steht der Krieg, in dem 25.000 französische Soldaten und 400.000 Algerier sterben. 5:39 Jetzt ist Algerien, rechtlich gesehen, ein Teil Frankreichs. Allerdings besitzen die muslimischen Einwohner 5:45 nur eingeschränkte politische Rechte. Auch wirtschaftlich sind sie 5:49 gegenüber den europäischen Einwohnern schlechtergestellt. Ich erspar euch die Einzelheiten des Krieges. 5:54 Er fordert aber die französische Gesellschaft heraus, sich mit wichtigen Fragen auseinanderzusetzen. 6:00 Viele Intellektuelle kritisieren damals den Krieg. Die Regierung erweckt mehr und mehr den Eindruck, 6:05 die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Regierungskoalitionen zerbrechen an der Haltung zum Algerienkrieg. 6:11 Manchmal kann über Monate hinweg kein Ministerpräsident gewählt werden. Das Militär in Algerien verweigert der Pariser Regierung 6:18 sogar den Gehorsam und fordert, dass der ehemalige General de Gaulle die Regierung übernehmen soll. 6:24 Ein Putsch bahnt sich an. Übrigens, die Probleme, die sich aus der Kolonialzeit ergeben, 6:29 dauern bis heute an. Lange gilt der grausame algerische Unabhängigkeitskrieg 6:34 als verdrängtes Thema in Frankreich. Bis heute belastet dieser Krieg die Beziehungen der beiden Staaten. 6:40 Kommen wir zurück zu Charles de Gaulle. Charles de Gaulle, der zwischendurch abgetaucht schien, 6:45 kann jetzt als Nothelfer zurückkehren. 1958 ernennt ihn das Parlament zum Ministerpräsidenten, 6:51 mit Notstandsvollmachten. Er bekommt auch den Auftrag, eine neue Verfassung auszuarbeiten. 6:56 Das Ergebnis ist die Fünfte Republik, die bis heute existiert. Der Präsident verfügt jetzt über bedeutend mehr Macht. 7:02 Der erste Präsident wird 1959, könnt ihr euch denken, Charles de Gaulle. Seine zehnjährige Regierungszeit wird unterschiedlich beurteilt. 7:10 Was bleibt, ist, dass unter ihm Frankreich zur Atommacht aufsteigt und die entscheidenden Schritte zur Aussöhnung mit Deutschland geht. 7:17 Auf dem "i" findet ihr ein Video zur Außenpolitik von Konrad Adenauer. Da erfahrt ihr mehr dazu. 7:22 In den 1960er-Jahren beginnt die Hochphase eine Wirtschaftsbooms in Frankreich, was vor allem an der wachsenden Bevölkerung liegt. 7:29 Frankreich ist ein Land mit einer, im europaweiten Vergleich, jungen Bevölkerung. 7:34 Kein Wunder, dass im Mai 1968 studentische Unruhen in Frankreich ausbrechen 7:38 und von da auch die deutschen Studenten anstecken. de Gaulle tritt übrigens 1969 zurück. 7:44 Im folgen Georges Pompidou und Valéry Giscard d'Estaing, die damit zurechtkommen müssen, 7:49 dass Frankreich seit Beginn der 1970er-Jahre mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. 7:54 Die Arbeitslosigkeit steigt rasant an. Giscard tut sich zur Krisenbekämpfung mit dem damaligen 8:00 deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt zusammen. Beide starten Initiativen, 8:04 vor allem für die Weiterentwicklung der europäischen Gemeinschaft. Über die Geschichte der europäischen Einigung 8:10 haben wir schon mal ein Video gemacht. Auch das findet ihr oben auf dem "i". 8:15 1981 kommt der Sozialist François Mitterrand an die Macht. Mitterrand setzt darauf, dass staatliches Handeln 8:21 die Wirtschaftskrise überwinden kann. Europapolitisch kooperiert er eng mit Bundeskanzler Helmut Kohl. 8:27 Berühmt ist dieses Bild der beiden Staatsmänner, die sich an den Soldatengräbern von der Schlacht bei Verdun 8:33 die Hände reichen. Helmut Kohl schreibt in seinen Memoiren, 8:36 Mitterrand habe seine Hand ergriffen. Die Botschaft des Bildes: 8:40 Wir waren Feinde 1870. Wir waren Feinde 1914. Wir waren Feinde 1940. Und wir sind heute Freunde. 8:48 Eine richtig starke Geste, die beweist, dass man aus der Geschichte auch lernen kann. 8:52 Trotzdem muss Helmut Kohl Mitterrand später erst überzeugen, 1990 der deutschen Einheit zuzustimmen. 8:59 Der Franzose hat das Dritte Reich erlebt und erlitten. Er stimmt erst zu, als Kohl die deutsche Einheit 9:04 in die europäischen Einigungsprozesse einbindet. Viele Deutsche reiben sich heute die Augen, 9:09 wenn es in Frankreich zu nicht selten gewalttätigen Auseinandersetzungen auf den Straßen kommt. 9:15 Demonstrationen, die, so sehen das viele Deutsche, aus dem Ruder laufen. 9:19 In Deutschland ist die Verfassung so gestrickt, dass politische Macht 9:23 immer von mehreren anderen Institutionen kontrolliert wird. Im Frankreich der Fünften Republik ist der Präsident sehr mächtig. 9:30 Ihn kontrolliert sozusagen das Volk selbst. Wenn etwas nicht passt, dann geht man auf die Straße. 9:36 Notfalls auch sehr rabiat. So auch während der Amtszeit von Mitterrand. 9:40 Damals entstehen große Industrieregionen, die sozialen Spannungen nehmen zu, insbesondere in diesen Regionen. 9:46 Viele Proteste und Konflikte in Frankreich hängen mit der Sozialpolitik und sozialen Problemen zusammen. 9:52 Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg werden Hochhaussiedlungen hochgezogen, 9:56 in denen die Industriearbeiter Wohnraum finden sollen. Aber diese Siedlungen, die Banlieue, sind keine attraktiven Wohngebiete. 10:04 Wer kann, der zieht weg. Die Banlieue verkommen zunehmend, und sozial schwache Familien, 10:09 oft Einwanderer aus den Kolonien, vor allem aus Afrika, ziehen dort ein. 10:13 Zwangsläufig entstehen soziale Brennpunkte und auch Gewalt und Frust entladen sich, bis heute. 10:18 Zum Beispiel in den Pariser Vororten. Politische Parteien am rechten Rand 10:22 machen damals schon gegen die Einwanderer mobil. Vor allem eine Partei: der Front National, 10:28 die Nationale Front. Schon 1972 wurde sie unter anderem von Jean-Marie Le Pen gegründet. 10:33 Eine rechte Partei. Nicht wenige bezeichnen sie damals auch als rechtsextrem. 10:37 Diese Partei hetzt gegen Einwanderer, den Islam, setzt auf Nationalismus. Die sozialen Probleme in den 1980er-Jahren verschaffen ihr Zulauf. 10:46 Noch erfolgreicher wird die Partei als später die Tochter, Marine Le Pen, die Partei übernimmt und versucht, 10:52 sich weniger radikal, mehr rechtspopulistisch darzustellen. Inzwischen heißt die Partei Rassemblement National, 10:58 Nationale Versammlung. Sie versucht immer wieder, die Herausforderungen Frankreichs 11:03 verstärkt als ihre Themen zu nutzen. Macht etwa Stimmung gegen die europäische Zusammenarbeit, 11:08 heute wie damals. Die Präsidenten Nicolas Sarkozy, ab 2007, 11:11 und François Hollande, ab 2012, müssen versuchen, mit den Grundbedingungen der französischen Politik zu arbeiten. 11:17 Wie jedes europäische Land ist Frankreich einfach zu klein, zu unbedeutend, um international Politik machen zu können. 11:24 Um international etwas zu erreichen, müssen die Präsidenten immer mit den deutschen Kanzlern, 11:29 in dem Fall mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, zusammenarbeiten. 11:34 Manchmal, muss man sagen, auch zähneknirschend. Die größten innenpolitischen Herausforderungen Frankreichs 11:41 der vergangenen Jahre sind lange die Unruhen in den Banlieue und die islamistischen Terroranschläge in Paris 2015. 11:47 Seit 2018 demonstrieren auch immer wieder globalisierungskritische Mitglieder der Gelbwestenbewegung, 11:53 ursprünglich wegen hoher Spritpreise. Bis heute sind einige Themen aus der Geschichte geblieben: 11:58 die sozialen Spannungen oder auch die Integration. Manches ist dazugekommen, wie der Umgang mit der Pandemie 12:04 und all ihren Auswirkungen. Außenpolitisch steht momentan wohl, wie für andere Nationen, 12:09 der russisch-ukrainische Krieg im Fokus. Das wird ein bedeutendes Thema für die Präsidentschaftswahl 2022. 12:15 Geblieben aber ist die Suche nach der Rolle in Europa. Es gibt politische Kommentatoren, die meinen, 12:21 Frankreich sei eine verunsicherte Nation. Ihr habt ja gehört, 12:25 wie die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs damals die Franzosen verunsichert haben. 12:29 Die Politik fand einen Weg aus dieser Verunsicherung heraus. Heute ist die französische Gesellschaft wieder herausgefordert. 12:36 Ich würde sagen, genauso wie die deutsche Gesellschaft, die niederländische, italienische, spanische. 12:42 Im Gegensatz zu früher sind die Herausforderungen heute aber nicht mehr allein national zu lösen, 12:47 sondern verstärkt gemeinsam, international, europaweit. Etwas was vielen im Hinblick auf den Krieg in Europa 12:53 wieder bewusst geworden ist. Was denkt ihr: Wohin entwickelt sich Frankreich? 12:57 Ist das ein Land, zu dem ihr eine besondere Beziehung habt? Schreibt das gerne unten in die Kommentare. 13:03 Merci beaucoup schon mal dafür. Neben mir findet ihr ein Video von uns 13:07 zur Entstehung der Ersten Französischen Republik. Und darunter eine Doku aus der ZDF-Mediathek: 13:12 Ein Tag in Paris 1775. Auch da gerne mal reinschauen. 13:16 Vielen Dank fürs Zuschauen. Und bis zum nächsten Mal.